Der Graf von Saint-Germain: Das Leben eines Alchimisten
Part 18
Mein Hof- und Staatskanzler hat mir über seinen ganzen Schriftwechsel mit dem Grafen Cobenzl betreffs der angeblichen Geheimmittel für Fabriken und Manufakturen berichtet, die ein gewisser Surmont besitzen will, sowie über die Manufaktur, die Graf Cobenzl infolgedessen mit Genehmigung Eurer Hoheit in Tournai bereits eingerichtet hat[390]. Ich teile Ihnen hierdurch mit, daß wir das Ganze aufs unparteiischste und gewissenhafteste haben prüfen lassen, und daß sich daraus ergeben hat, daß diese Manufaktur weder in der Sache noch ihrer Verwaltung nach meinem königlichen Dienst entspricht und bei einem Staatsbetrieb -- falls er überhaupt Erfolg hat -- eine große Zahl meiner getreuen Untertanen zugrunde richten würde. Ich trete also dem bei, was mein Hof- und Staatskanzler dem Grafen Cobenzl hierüber schon mitgeteilt hat[391], und lehne den Gedanken völlig ab, das fragliche Unternehmen auf Rechnung des Staates betreiben zu lassen. Auch soll der Staat für die bereits erfolgten Ausgaben in keiner Weise herangezogen werden.
Da jedoch die Witwe Nettine, die für das neue Unternehmen schon beträchtliche Vorschüsse gezahlt hat, es auf eigene Rechnung übernehmen will, so ermächtige ich Eure Hoheit, ihr zu diesem Zweck die nötige Genehmigung zu geben und ihr alle Erleichterungen und Vergünstigungen zu gewähren, die sich mit der Wohlfahrt meiner Finanzen und der Verfassung meiner belgischen Provinzen vereinbaren lassen.
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 2. August 1763.
Ich erwarte heute die Nachricht von der Abreise des Herrn von Surmont und hoffe, daß Frau Nettine ihre großen Vorschüsse wieder herauswirtschaften wird. Sicherlich steckt in seinem Geheimverfahren etwas Gutes; zum mindesten ist dies bei der Hutfabrikation und Gerberei anerkannt, und alle unsere Seiden- und Tuchhändler finden die gefärbten Stoffe wunderbar. Se. Kgl. Hoheit wird die diesbezüglichen Befehle Ihrer Majestät[392] mit größter Genauigkeit ausführen.
Kaunitz an Cobenzl
Wien, 14. August 1763.
Ich verstehe nicht recht, was die Wendung in Ihrem Berichte vom 2. bedeutet: „_Ich erwarte heute die Nachricht von der Abreise des Herrn von Surmont._“ Geht er freiwillig oder jagt man ihn endlich fort? Im ersteren Falle dürfte er wohl nicht nur das Geld der von mir aufrichtig bedauerten Frau Nettine mitnehmen, sondern auch die freie Verfügung über seine schönen Geheimmittel behalten. Im zweiten Fall wird man ihm hoffentlich noch das Geheimnis der Verfeinerung von Ölen entlockt haben. Offen gestanden, Herr Graf, könnte ich mir noch heute kein Bild machen, hätte ich nicht schon in meiner ersten Antwort[393] die Begeisterung unterstrichen, mit der dieser Schwindler Sie alle erfüllt hat, ganz ähnlich, wie es ihm auch in Frankreich geglückt ist. Aber zu etwas sind schlimme Erfahrungen doch gut, und ich hoffe, in Zukunft wird man bei Ihnen auf der Hut sein, und die Abenteurer werden kein gewonnenes Spiel haben.
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 23. August 1763.
Herr von Surmont ist nicht ausgewiesen worden. Aber in Erwartung der Entscheidung, ob Ihre Majestät die Manufaktur selbst übernehmen oder an Frau Nettine weitergeben will, hatte diese ihren Sohn in Tournai gelassen, um alle Geheimverfahren des Herrn von Surmont kennen zu lernen. Da man nun von ihm alles erfahren hatte, was er wußte, und seine Anwesenheit nicht mehr nötig war, habe ich ihm nach Eintreffen der Allerhöchsten Befehle geschrieben, Ihre Majestät wolle von seinen Geheimverfahren nichts wissen. Zugleich hat Nettine ihm eröffnet, daß seine Mutter sie als Deckung für ihre Vorschüsse behielte, daß sie ihm aber weitere Vorschüsse nicht machen wolle. Darauf hat er sich sofort zur Abreise entschlossen, wobei er erklärte, das Ganze im Laufe weniger Monate zurückzuzahlen. Andernfalls könne man seine Geheimverfahren benutzen, und falls man irgendeiner Aufklärung bedürfe, sei er bereit, sie zu geben, wo immer er sich auch befinde. Er ist nach Lüttich abgereist und wird sich wohl nach Karlsruhe zum Markgrafen von Baden-Durlach[394] wenden. Frau Nettine hofft noch, wenigstens einen Teil ihrer Vorschüsse zurückzubekommen.
Man muß den Mann gesehen haben, um unsere Leichtgläubigkeit zu entschuldigen. Auch die vor uns auf ihn Hereingefallenen können uns teilweise entschuldigen, aber sicherlich haben wir die Erfahrung gemacht, daß der Mensch durch etwas betrogen werden kann, was er sieht und mit Händen greift.
Kaunitz an Cobenzl
Wien, 3. September 1763.
Der Fall Surmont ist für mich erledigt. Ich wünschte, daß das, was er in Brüssel getan hat und tun ließ, sich so leicht wieder gutmachen ließe, daß ich es vergessen kann.
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 2. Oktober 1763.
Ich erhalte von nirgendswoher Nachricht, was aus Herrn von Saint-Germain geworden ist. Die in Tournai begründete Manufaktur beginnt sich zu entwickeln; ich glaube bestimmt, Frau Nettine wird dabei auf ihre Rechnung oder wenigstens auf ihre Kosten kommen.
II
Aus den „Erinnerungen“ des Grafen Philipp Cobenzl[395]
Gegen Mitte Juni schickte mein Oheim mich nach Tournai, um für ein paar Tage das Benehmen eines berüchtigten Abenteurers zu überwachen[396], auf den mein Oheim, Frau von Nettine und viele andere gründlich hereingefallen waren. Dieser Mann war in Brüssel unter dem Namen eines Grafen Surmont aufgetreten, nachdem er sich anderswo Graf Saint-Germain genannt hatte. Er führte sich bei meinem Oheim in sehr geheimnisvoller Weise durch ein paar Empfehlungsbriefe, ich weiß nicht von wem, ein. Tagsüber ging er nie aus, und zur Zwiesprache mit meinem Oheim stellte er sich nur in vorgerückter Nachtstunde ein. Er erbot sich, mittels seiner angeblichen Geheimverfahren dem Hof große Dienste zu leisten. U. a. handelte es sich um ein Metall, das zwar kein Gold war, aber Farbe, Gewicht und Hämmerbarkeit des Goldes und somit alle Vorzüge desselben besaß. Er hatte, wie er sagte, hervorragende Kenntnisse in der Färberei und konnte Leder, Wolle und Seide sehr billig die glänzendsten Farben geben. Er wollte die feinsten Hüte zu billigerem Preise herstellen, als sonst die Anfertigung der gröbsten Hüte kostete. Fleckige Diamanten wußte er von ihren auffälligsten Flecken zu befreien. Er stellte Arzeneien gegen alle Krankheiten her und besaß Mittel zur unberechenbaren Verlängerung des Lebens. Alle Wissenschaften, von denen man sprach, beherrschte er im höchsten Maße. War von Musik die Rede, so sprach er als Meister davon, setzte sich ans Klavier und trug eigene Kompositionen vor. Sprach man von Malerei, so behauptete er, im Besitz einer hervorragenden Gemäldesammlung zu sein, sagte aber nicht, wo sie war. Welches seine Heimat sei, sagte er nicht, aber er sprach sehr gut Französisch, Italienisch, Englisch, Portugiesisch und Spanisch. Wie alt er war, sagte er nicht; anscheinend zählte er 50 Jahre, aber er sagte, das Menschenleben ließe sich unglaublich verlängern, und er sprach von Ereignissen, die um Jahrhunderte zurücklagen, und deren Augenzeuge er gewesen war.
Er redete wenig und so, daß man mehr erriet als begriff. Durch diese Art von Marktschreierei hatte der gewandte Mann das Vertrauen meines Oheims zu gewinnen verstanden, der mehr als einen Vorteil für den Staat aus einem Teil seiner Geheimmittel zu ziehen hoffte, indem er in Tournai eine Färberei, eine Papierfabrik und eine Werkstätte zur Herstellung des kostbaren Metalls einrichtete. Bestochen hatten meinen Oheim sehr schöne Proben aller dieser Dinge, die der Abenteurer ihm vorlegte, mit der Behauptung, er wolle ihm alle seine Geheimnisse nur aus reiner Freundschaft abtreten; denn er besäße alles, was er wünschte, und hätte nichts nötig. Um meinen Oheim davon zu überzeugen, sagte Graf Surmont eines Tages, als von Malerei die Rede war und mein Oheim äußerte, nur sehr wenige Privatleute könnten sich rühmen, einen echten Raffael zu besitzen, das träfe zwar zu, aber in seiner Sammlung fehlte es nicht daran, und zum Beweis dafür kam vierzehn Tage bis drei Wochen später ein Gemälde an, das Herr von Surmont meinem Oheim als aus seiner Sammlung stammend schenkte, und ein paar Künstler der Stadt, Kenner oder nicht, denen mein Oheim dies Bild zeigte, erklärten es für ein Original Raffaels. Surmont wollte es jedoch nicht zurücknehmen und bat ihn, es als Zeichen seiner Freundschaft zu behalten.
Ein andermal zeigte er meinem Oheim einen großen Solitär mit einem Flecken und sagte, er werde ihn in wenigen Tagen tadellos machen. Tatsächlich brachte er ihm nach ein paar Tagen einen Solitär vom gleichen Schnitt, der tadellos und ohne Flecken war, mit der Versicherung, es sei der gleiche Stein. Als mein Oheim ihn genau geprüft und bewundert hatte, wollte er ihm den Stein zurückgeben, aber jener nahm ihn nicht an und beteuerte, er hätte Diamanten genug, mit denen er nichts anzufangen wisse, und mein Oheim möchte diesen als Erinnerung an ihn behalten. Mein Oheim, der keine Geschenke annehmen wollte, wehrte sich lange dagegen und gab erst nach, als Surmont ihm drohte, Brüssel sofort mit all seinen Geheimmitteln zu verlassen, wenn mein Oheim durch das Ausschlagen dieser Kleinigkeit bewiese, daß er seinen Worten nicht traute.
Es wurde also beschlossen, alle obengenannten Unternehmungen in Tournai zu begründen, und zwar auf Verlangen des Urhebers sogleich in großem Stil. Zunächst mußten Häuser gekauft und teils neu gebaut, sowie alle möglichen Materialien nach einer Liste Surmonts beschafft werden, der die Ausführung mit Hilfe einer Summe unternahm, die man ihm zu diesem Zweck vorschießen mußte. Frau von Nettine übernahm ein paar Aktien, mein Oheim desgleichen; der Rest wurde auf Staatskosten übernommen. Surmont war hierauf nach Tournai gereist, um Hand ans Werk zu legen; ein paar Monate später wurde ich hingesandt, um zu sehen, wie die Dinge standen. Ich blieb vierzehn Tage dort und ließ meinen Mann tags und nachts nicht aus den Augen. Aus meinem nach meiner Rückkehr erstatteten Bericht ergab sich, daß gar nichts geschehen war, und daß alle diesem Manne vorgeschossenen Summen verschwunden waren. Kurz darauf verschwand er selbst, und man mußte sogar noch zahlreiche Schulden bezahlen, die er unter Mißbrauch der ihm leider erteilten Vollmachten gemacht hatte. Später erfuhr man, daß dieser Mann unter verschiedenen Namen schon ähnliche Streiche in anderen Ländern gespielt hatte. Ich weiß nicht, wohin er sich nach Verlassen der Niederlande begab. Mehrere Jahre später hörte ich, er sei in Hamburg, wo er auch starb[397], ohne daß jemand erfahren hätte, woher er stammte noch wovon er lebte.
III
Aus Casanovas „Memoiren“[398]
Am nächsten Tage kam ich (aus Dünkirchen) in Tournai an. Als ich ein paar Stallknechte auf schönen Pferden reiten sah, fragte ich sie aus Neugier, wem sie gehörten.
„Dem Grafen Saint-Germain, dem Adepten, der seit einem Monat hier ist und niemals ausgeht.“
Diese Antwort bewog mich, ihn zu besuchen. Kaum im Gasthof angelangt, schrieb ich an ihn und fragte ihn, wann ich ihn aufsuchen dürfte. Nachstehend seine Antwort, die ich mir aufgehoben habe:
„Infolge meiner Beschäftigung kann ich niemand empfangen. Doch Sie machen eine Ausnahme. Kommen Sie, wann es Ihnen paßt; man wird Sie in mein Zimmer führen. Sie brauchen weder meinen noch Ihren Namen zu nennen. Ich biete Ihnen nicht die Hälfte meines Mittagessens an, denn meine Nahrung eignet sich für niemand, am wenigsten für Sie, wenn Sie noch Ihren alten Appetit haben.“
Ich ging um neun Uhr hin und fand ihn mit einem zwei Zoll langen Stoppelbart. Er hatte eine Anzahl Retorten voller Flüssigkeiten im Zimmer. Einige machten einen chemischen Prozeß durch; sie lagen auf Sand bei natürlicher Wärme. Wie er mir sagte, arbeitete er zu seiner Kurzweil an der Herstellung von Farben und richtete eine Hutfabrik ein, um dem Grafen Cobenzl, dem Minister Maria Theresias in Brüssel, gefällig zu sein. Der Graf hätte ihm nur 105000 Gulden gegeben, die aber nicht hinreichten, doch er würde das Weitere hinzulegen[399]. Dann sprachen wir von Frau von Urfé.
„Sie hat sich durch eine zu starke Dosis von Universalmedizin vergiftet“[400], sagte er. „Ihr Testament beweist, daß sie sich für schwanger hielt. Sie hätte es sein können, wenn sie mich um Rat gefragt hätte. Das Unternehmen ist sehr schwierig, aber ganz sicher, obgleich die Wissenschaft das Geschlecht des Kindes noch nicht zu bestimmen vermag.“
Als er hörte, an welcher Krankheit ich litt[401], beschwor er mich, drei Tage in Tournai zu bleiben. In dieser Zeit wollte er alle meine Drüsenschwellungen beseitigen und mir dann fünfzehn Pillen verschreiben, die ich in fünfzehn Tagen einnehmen sollte und die mich ganz wiederherstellen würden. Er zeigte mir seine „Lebenskraft“, die er „Atoëter“ nannte, eine weiße Flüssigkeit in einem festverschlossenen Fläschchen. Diese Flüssigkeit, sagte er, sei der Universalgeist der Natur; der Beweis dafür sei, daß der Geist sofort das Fläschchen verließe, wenn man das Wachs ganz leicht mit einer Nadel durchbohrte. Ich bat ihn, mir das Experiment zu zeigen. Er gab mir das Fläschchen und eine Nadel. Ich stach leicht in das Wachs, und in der Tat wurde das Fläschchen ganz leer.
„Herrlich!“ sagte ich. „Aber was ist der Zweck davon?“
„Das kann ich Ihnen nicht verraten: es ist mein Geheimnis.“
Wie gewöhnlich hatte er den Ehrgeiz, mich in Verwunderung zu setzen, und so fragte er mich, ob ich kleines Geld bei mir hätte. Ich zog ein paar Münzen hervor und legte sie auf den Tisch. Ohne mir zu sagen, was er vorhätte, stand er auf, legte eine glühende Kohle auf eine Metallplatte, bat mich um ein Zwölfsousstück, das unter den Münzen lag, legte ein schwarzes Körnchen darauf und das Geldstück auf die Kohle und blies sie mit einem gläsernen Blasrohr an. Binnen zwei Minuten war es glühend.
„Warten Sie, bis es abgekühlt ist“, sagte der Alchimist. Es war in einer Minute geschehen. „Nehmen Sie es mit,“ fügte er hinzu, „denn es gehört Ihnen.“
Ich nahm es: es war Gold. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß er die Münze vertauscht und mir eine andere gegeben hatte, die er zweifellos vorher blank geputzt hatte. Ich wollte ihm keine Vorwürfe machen. Damit er aber nicht glaubte, er hätte mich zum besten gehabt, sagte ich: „Das ist wunderbar, Graf. Das nächste Mal aber müssen Sie, um ganz sicher zu sein, daß Sie auch den schärfsten Beobachter verblüffen, ihm vorher sagen, welche Verwandlung Sie vorhaben. Dann kann er sich die Münze ansehen, bevor Sie diese auf die glühende Kohle legen.“
„Wer an meiner Wissenschaft zweifeln kann, ist unwert, mit mir zu sprechen“, entgegnete der Schwindler.
Dies anmaßliche Benehmen kennzeichnete ihn; es war mir indes nichts Neues. Das war das letztemal, daß ich den berühmten und gelehrten Betrüger sah; vor sechs bis sieben Jahren ist er in Schleswig gestorben[402]. Sein Geldstück war lauteres Gold. Zwei Monate darauf, in Berlin, überließ ich es Mylord Keith[403], der sich neugierig darauf zeigte.
SAINT-GERMAIN IN ANSBACH
(1774-1776)
„Aufschlüsse über den Wundermann, Marquis Saint-Germain, und sein Aufenthalt in Ansbach, von einem Augenzeugen“[404]
Dieser sonderbare Mann, der zu seiner Zeit manches unverdiente Aufsehen erregte, lebte verschiedene Jahre in dem Fürstentume Ansbach, ohne daß man nur von weitem ahnen konnte, er sei der rätselhafte Abenteurer, von dem man so manche wunderbare Sagen verbreitete.
Es war im Jahre 1774, als dem nun verstorbenen Herrn Markgrafen von Brandenburg Karl Alexander[405] angezeigt wurde, daß sich zu Schwabach ein Fremder aufhalte, der sich für einen russischen Offizier ausgebe, sehr eingezogen lebe, zugleich aber manche Handlungen der Wohltätigkeit ausübe. Der damals noch zwischen Rußland und der Pforte obwaltende Krieg[406] und die Anwesenheit der russischen Flotte in dem Archipelago erregten die Vermutung, daß das russische Gouvernement vielleicht einen vertrauten Menschen nach Franken geschickt habe, um ohne Aufsehen die über Italien gehende Korrespondenz zu besorgen. Und der ebenso gütige als menschenfreundliche Fürst gab den Befehl, diesem Fremden insolange den ruhigen Aufenthalt zu gestatten, als er der Polizei keine Veranlassung geben würde, ihn näher zu beobachten.
Einige Zeit nachher meldete der reformierte Geistliche zu Schwabach, Herr Dejan, daß der Fremde, der seit seiner Anwesenheit daselbst bloß mit ihm und dem damaligen Stadtvogt Greiner Umgang gepflogen habe, sehr wünsche, dem Herrn Markgrafen, wenn es ohne Aufsehen geschehen könne, vor seiner Abreise aus der Gegend aufzuwarten und ihm für den so liberal gewährten Schutz zu danken. Dieser Wunsch wurde ihm gewährt, und der Markgraf sah ihn zum erstenmal im Winter abends bei der berühmten Schauspielerin Clairon[407], die zu eben dieser Zeit sich zu Ansbach befand.
Der Fremde schien damals ein Mann zwischen 60 und 70 Jahren zu sein, von mittlerer Größe, mehr hager als stark, der seine grauen Haare unter einer Perücke verbarg und vollkommen einem gewöhnlichen alten Italiener gleich sah. Sein Anzug war so einfach als möglich; sein Ansehen verkündigte nichts Außerordentliches.
Nachdem er dem Markgrafen in französischer Sprache (der Akzent verriet einen Italiener) für die Erlaubnis gedankt hatte, sich in seinen Landen ungestört aufhalten zu dürfen, sagte er ihm viel Schönes über seine Regierung, sprach über große Reisen, die er gemacht hatte, und endigte damit, zu versichern, daß er zu Bezeugung seiner Dankbarkeit dem Markgrafen Geheimnisse anvertrauen wolle, welche geeignet seien, das Glück und den Wohlstand seines Landes zu befördern. Natürlich mußten Äußerungen dieser Art Aufmerksamkeit erregen, die bald aufs höchste gespannt wurde, als er eine Menge sehr schöne Steine vorzeigte, die man für Diamanten ansehen konnte, und die, wenn sie echt waren, von ungeheurem Wert sein mußten.
Der Markgraf lud ihn nun ein, auf das Frühjahr nach Triesdorf, dem Sommeraufenthalt des Fürsten, zu kommen, und Graf _Tzarogy_[408] -- denn unter diesem Namen hatte er sich vorstellen lassen -- nahm diese Einladung unter der Bedingung an, wenn man ihm gestatten wolle, dort nach seiner eigenen Weise, ganz unbemerkt und in der Stille leben zu dürfen.
Zu Triesdorf wurde er in die unteren Zimmer des Schlosses logiert, dessen oberen Teil Mademoiselle Clairon bewohnte. Der Markgraf und dessen Gemahlin wohnten im Falkenhause. Er hatte keinen Bedienten, speisete nur auf seinem Zimmer, das er selten verließ, und dies so einfach als möglich. Seine Bedürfnisse waren mehr als eingeschränkt. Er vermied allen Umgang, und nur die Abendstunden brachte er in der Gesellschaft der Mademoiselle Clairon, des Markgrafen und derjenigen Personen, die dieser Herr gern um sich haben mochte, zu. Man konnte ihn nicht bewegen, an der fürstlichen Tafel zu speisen, und nur einige Male sah er die Frau Markgräfin, die auch begierig war, den sonderbaren Menschen kennen zu lernen.
In Gesprächen war er äußerst unterhaltend, verriet viele Welt- und Menschenkenntnis und ließ hier und da einige mysteriöse Reden fallen, von denen er ebenso geschickt abzuspringen und den _Discours_ auf andere Gegenstände zu lenken wußte, wenn man etwas Näheres zu wissen verlangte. Vorzüglich sprach er gerne von den Jahren seiner Kindheit und von seiner Mutter, die er nie ohne scheinbare Rührung und bisweilen mit Tränen in den Augen nannte. Ihm zu glauben, hatte er fürstliche Erziehung genossen.
Er war absprechend, aber nie unhöflich. Daß er, wie der sonst so wahrheitsliebende Baron Gleichen sagte, „zu Triesdorf nach Belieben gehauset, daß er den Markgrafen wie einen Schulknaben behandelt[409]“, ist weder wahr noch wahrscheinlich. So leutselig der Markgraf in dem gesellschaftlichen Umgange war, so gut wußte dieser Fürst die Achtung zu behaupten, die man seiner Geburt, seinem Range und seinen guten moralischen Eigenschaften schuldig war. Er würde es nicht gelitten haben, daß man ihm beföhle; viel weniger würde er dies einem Unbekannten übersehen haben.
Womit sich dieser Sonderling den ganzen Tag über beschäftiget, war schwer zu bestimmen. Er hatte keine Bücher bei sich als eine verschmutzte Ausgabe von dem „_Pastor fido_“[410]. Man wurde selten bei ihm vorgelassen, und dann fand man ihn meistenteils den Kopf in ein schwarzes Tuch gehüllt. Seine vorzüglichste Beschäftigung mag wohl in Bereitung allerlei Farben bestanden haben; denn die Fenster seines in den Garten hinausgehenden Zimmers waren so mit Farben allerlei Art überschmiert, daß man nicht durchsehen konnte. Bald nach seiner Ankunft zu Triesdorf fing er an, dem Markgrafen Anweisung zu verschiedenen Zubereitungen zu geben, die den Grund zu einträglichen Fabriken legen sollten. Unter diesen zeichneten sich vorzüglich allerlei Arten von Saffian, Korduan und Juchten aus, die aus dem schlechtesten Schafleder hervorgebracht werden sollten, die Zubereitung des schönsten türkischen Garns usw.
Der Markgraf ließ die Rezepte durch den Verfasser dieser Beiträge aufnehmen, und nun ging man an die Versuche selbst, die nach seinem Verlangen mit dem größten Geheimnis angestellt werden sollten. In einem besonders dazu bereiteten Laboratorio wurde die Arbeit angefangen, und die Versuche wurden bei verschlossenen Türen angestellt.
Lebhaft erinnert sich noch nach so manchen Jahren der Verfasser der lustigen Auftritte dieser Versuche, und wie oft und herzlich er mit dem Markgrafen darüber gelacht, den Fürsten und seinen Vertrauten in einer Werkstatt zum Gerber und Färber umgeformt zu sehen. Man wollte alles versuchen und das Gute behalten. Allein die Hoffnung sank bald unter näherer Prüfung. Schon hatte man mit leichter Mühe und geringen Kosten den schönsten Korduan hervorgebracht, und in der Freude seines Herzens ließ sich der Verfasser Schuhe daraus verfertigen, die sehr gut ausfielen, aber in den ersten 24 Stunden in Stücken zersprangen. So unhaltbar war das türkische Garn, und so war es mit mehreren Artikeln. Tzarogy schob, wenn man ihn zu Rate zog, die Schuld auf fehlerhafte Manipulation, die doch sicher in den Ingredienzien lag, deren man sich bediente. Er versprach von Zeit zu Zeit, selbst die Hand anzulegen, um die wahren Vorteile zu zeigen, und so vergingen einige Wochen, während welcher der Unbekannte abwechselnd sich zu Triesdorf und Schwabach aufhielt. War er zu Schwabach, so schrieb er oft an den Markgrafen und an den Verfasser, schickte immer neue Proben von zubereitetem Leder, von gefärbter Seide und Tüchern ein, wovon der Verfasser noch eine ganze Schachtel voll besitzt. Die Proben waren meistenteils mit Tzarogys eigener Hand überschrieben, z. B. auf Lederproben:
„Völlig unbekannte Lederarten; man zerschneide sie und wird die Haltbarkeit merken.“
„Sehr billige Lederarten, die ganz allein ohne den geringsten Kunstgriff aus Abfällen hergestellt werden, die zur Bereitung von Häuten nicht mehr verwendbar sind.“
Auf gefärbte Tuchmuster: „Bei allen diesen Farbproben läßt sich immer größere Schönheit, Feinheit und Haltbarkeit erzielen, ich glaube bis ins Grenzenlose. Um sich davon zu überzeugen, braucht man nur das Schwarz dieser Musterkarte mit den am letzten Dienstag eingesandten zu vergleichen. Dann wird man den Unterschied sehen; man kann noch viel weiter gehen.“
Auf einem anderen Muster: „Dies kostbare Schwarz ist ohne Vitriol, ohne Galläpfel und ohne Sieden erzielt. Es verschießt nie und wird aus feinem Russisch Blau hergestellt. Dies unvergleichliche Gelb wird in lauterem, kristallklarem, kristallreinem Wasser eingefärbt.“ Und dergleichen mehr.
So erhielt er die Aufmerksamkeit und die Hoffnung, daß doch vielleicht unter so vielen vorgelegten Proben sich einige nützliche, bisher unbekannte Gegenstände finden dürften.