Der Graf von Saint-Germain: Das Leben eines Alchimisten

Part 17

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Die Torheit ist also begangen, und die arme Frau Nettine, die ich von Herzen bedauere, schwebt in großer Gefahr, die ganze Zeche zu bezahlen. Wie ist es möglich, daß sie diesem Elenden auf seine schönen Augen hin 81720 Gulden vorschießen konnte? Wie konnten Sie Ihrerseits zusehen, daß er 12280 Gulden bloß für Reisen und Verpflegung vertan hat[373]? Wie konnte man sich abgesehen von alledem auf eine Ausgabe von 99935 Gulden[374] einlassen, ohne daß bisher für einen Pfennig Betriebsmittel oder Rohstoffe für Ihre Fabriken angeschafft sind, ja ohne von dem Betrüger die Geheimnisse erfahren zu haben, die scheinbar noch am meisten versprechen? Sie sind seiner sicher, sagen Sie. Jawohl, so sicher, daß ich mich nicht wundern würde, wenn er mit allem, um was er Sie geprellt hat, eines schönen Morgens das Weite suchte und Sie mit all Ihren Reichtümern und Ihren vier- bis fünfhundertprozentigen Gewinnen sitzen ließe!

Doch nach allem, was ich Ihnen darüber schon geschrieben habe, ist jede weitere Aussprache zwecklos. Ihre Berechnungen kommen mir vor wie die eines Handwerkers, der sich sagt: „Ein Gehilfe bringt mir täglich ¼ Gulden ein; ich will also 400 annehmen; das macht 100 Gulden pro Tag“. Aber wird man ihm auch soviel Arbeit liefern, daß er vierhundert Gehilfen beschäftigen kann? Werden Sie soviel Absatz für Ihre ganz gewöhnlichen gefärbten Stoffe finden, daß Sie dabei oft Ihre 4-500 Prozent verdienen, daß Sie auch nur die bisherigen Unkosten decken? Hat man den Bedarf an gefärbten Stoffen im Inland berechnet? Denn an das Ausland ist nicht zu denken, weder an England noch an Frankreich, Holland, Italien, Deutschland usw.

Aber sei dem, wie ihm wolle, ich werde Ihrer Majestät über alles genauen Bericht erstatten und dabei zu folgenden Schlußfolgerungen kommen:

1. Die Fabriken eignen sich nicht zu Staatsbetrieben, weder der Sache nach noch im Hinblick auf das Einzelne und die Verwaltungskosten.

2. Sollte trotz allem, was ich dagegen angeführt habe, die Herstellung oder Ausbeutung von Surmonts Geheimverfahren einen Ertrag abwerfen, so hat Frau Nettine den allerersten Anspruch darauf.

3. Somit kann man ihr nicht den Schutz und die Erleichterungen abschlagen, die sie bei der Regierung beantragen wird, zumal es Regierungsgrundsatz ist, den Manufakturen jede Förderung zu gewähren, die mit der Verfassung des Landes vereinbar ist.

Ich hoffe, daß Ihre Majestät diese Schlußfolgerungen gutheißen wird, kann mich aber nicht dafür verbürgen. Inzwischen geben bereits meine früheren Briefe E. E. die erforderlichen Richtlinien.

Kaunitz an Maria Theresia

Wien, 21. Juli 1763.

Eure Kaiserliche Majestät werden sich erinnern, daß ich am 22. April d. J.[375] einen Bericht des Grafen Cobenzl über die Riesengewinne vorgelegt habe, die er sich von den Geheimverfahren in der Färberei und mehreren anderen Handelsartikeln verspricht, die eine eigenartige Persönlichkeit, früher als Graf Saint-Germain bekannt, zu besitzen vorgibt.

Kaunitz wiederholt den Inhalt des Berichts von Cobenzl vom 8. und seiner Antwort vom 19. April[376].

E. M. haben meine Auffassung der Sache und meine Weisungen an den Grafen Cobenzl gebilligt. Die großen Projekte dieses Ministers sind Ihnen selbst als eine Torheit erschienen, die geheim gehalten werden müsse, und von der E. M. ihn geheilt zu sehen wünschten.

Was mir Graf Cobenzl seither über seinen Wundermann wie über dessen Projekte berichtete, hat meine anfängliche Auffassung nur zu sehr bestätigt. Je verdächtiger also die Sache wurde, desto mehr war ich darauf bedacht, die Interessen E. M. sicherzustellen, und das ist mir, glaube ich, auch gelungen. Trotzdem konnte ich nicht verhindern, daß Frau Nettine bereits fast 200000 Gulden Vorschüsse für die Fabriken in Tournai gezahlt hat[377], die von Graf Cobenzl auf Drängen Surmonts angelegt worden sind.

Ehe ich jedoch auf diese Anlagen und ihre Bestimmung näher eingehe, muß ich E. M. über die schwankenden Angaben des Grafen Cobenzl, über die Persönlichkeit und die Reichtümer ihres Begründers berichten.

Zuerst sprach der Minister von diesen Reichtümern in einem Tone, der jeden Zweifel ausschließen mußte. Trotzdem zweifelte ich und ersuchte den Grafen Cobenzl um Angabe, welche Gewißheit er über diese angeblichen Reichtümer hätte und welcher Art sie wären, ob sie in Geld, Wertpapieren, Landbesitz oder Handelseffekten beständen. Auch teilte ich ihm Anekdoten mit, aus denen hervorging, daß dieser Mann in Frankreich gleichfalls mit seinen Reichtümern geprahlt hatte und in seiner Dreistigkeit so weit gegangen war, vom Grafen Saint-Florentin ein Landgut im Werte von 1800000 Livres in aller Form zu kaufen, daß aber an den Zahltagen die versprochenen Rückstände und Wechselbriefe nicht eintrafen und daß der Käufer Frankreich verlassen mußte[378].

Auf das alles antwortete mir der Minister am 28. April[379], Surmont hätte das Gut Ubbergen in Holland gekauft, es zu zwei Dritteln bezahlt und den Namen dieses Gutes angenommen. Außerdem besäße er Wertsachen, die er bei Frau Nettine hinterlegen werde, und der Mann, der sie in Seeland verpfändet hätte, schätze ihren Wert auf über eine Million. Wie Graf Cobenzl zugab, spräche Surmont viel von seinen Reichtümern. Doch wiederholte er, er müsse sehr reich sein; denn überall, wo er sich aufgehalten, hätte er fabelhafte Geschenke gemacht und viel ausgegeben, _ohne irgendwo Schulden zu hinterlassen_[380].

Von dem Gutskaufe vom Grafen Saint-Florentin wußte der Minister nichts. Im übrigen suchte er meine anderen Einwände über Surmonts Charakter und Leben mit dem Hinweis zu entkräften, daß dieser Mann nichts von uns verlangte, und daß er ihm seine Geheimmittel aus Freundschaft überlassen wollte; somit müßten uns seine persönlichen Eigenschaften einerlei sein, wenn man nur in den Besitz seiner Geheimmittel käme.

Diese Aufklärungen vermochten die Eindrücke nicht zu verwischen, die ich aus den sonstigen Nachrichten von diesem Manne gewonnen hatte. Welche Vorstellung könnte man sich auch von den Reichtümern eines Unbekannten machen, dessen Wertsachen verpfändet sind und dessen Grundbesitz nicht bezahlt ist? Ich machte den Grafen Cobenzl am 10. Mai[381] auf diese Widersprüche aufmerksam und verhehlte ihm angesichts der Abenteuer Surmonts in Frankreich meine Befürchtung nicht, er möchte in einer Grenzstadt wie Tournai, wo Graf Cobenzl die Fabrik anlegen wollte, nicht allzu sicher sein.

Der Minister antwortete mir auf alle diese Bedenken nur mit der Versicherung, Frau Nettine hätte bei einer Reise nach Paris nichts Nachteiliges über Surmont erfahren und sich durch ihre Schwiegersöhne vergewissert, daß wir bei keiner einzigen Unternehmung Widerstand zu befürchten hätten[382].

Das fortdauernde Vertrauen, das Frau Nettine auf diesen Mann nach Befragung ihrer Schwiegersöhne in Paris setzte, begann meine Zweifel zu zerstreuen. Ich verhehlte dies dem Grafen Cobenzl in meinem Briefe vom 31. Mai nicht. Als aber ein paar Tage darauf die Proben von Surmonts Kunst eintrafen, sah ich deutlich, daß er es verstanden hatte, über die Tatsächlichkeit seiner Geheimmittel ebenso zu täuschen wie über seine persönlichen Verhältnisse. Auch rühmte sich Graf Cobenzl in seinem Briefe vom 9. Juni nicht mehr, diese Geheimmittel aus Freundschaft zu erhalten. Er meldete schon damals, sie würden teuer sein, und am 25. Juni änderte er seine Sprache über Surmonts Reichtümer und Charakter völlig. Ich lege diesen Bericht nebst allen Anlagen[383] bei. Wie er gestand, hatte er sich durch einen Nimweger Kaufmann und Geschäftsfreund Surmonts nach dessen Reichtümern und besonders nach den Wertsachen erkundigt und erfahren, daß diese mindestens eine Million wert seien. Da er trotzdem ohne Geld war und seine Wertsachen nach Tournai kommen lassen wollte, hatte Frau Nettine ihm 81720 Gulden vorgeschossen. Weiterhin aber hätte man gesehen, daß der Nimweger Kaufmann im Einverständnis mit ihm war, daß nur sehr geringe Wertsachen nach Brüssel gekommen waren, und daß die in Holland zurückgebliebenen nur aus Gemälden bestanden, die zwar Surmont sehr hoch schätzte, die aber sehr wenig wert zu sein schienen. Zudem hatte sich herausgestellt, daß er verschuldet war, von seinen holländischen Gläubigern gedrängt wurde und in seinen Privatverhältnissen keine Ordnung und Sparsamkeit walten ließ. Trotzdem erschien er dem Grafen Cobenzl noch immer als Besitzer wunderbarer Geheimnisse. Zugleich klagte dieser über seine Launen und sein wunderliches Wesen.

Das alles steht in schroffem Gegensatz zu den ersten Berichten des Ministers über seine Redlichkeit, seine schlichten Sitten und seine Reichtümer. Ich begreife nicht, wie man sich so lange hat täuschen lassen können, während ich bei den ersten Nachrichten aus Brüssel alles aufgeboten habe, um den Grafen Cobenzl vor der Redegabe und der eigentümlichen Begabung dieses Schwindlers zu warnen, das Vertrauen auch der Ungläubigsten zu gewinnen. Ich wies ihn namentlich auf Surmonts Abenteuer in Frankreich hin und sagte ihm wörtlich, dieser hätte es dort verstanden, alle, die an seiner Freigebigkeit und an den von ihm verheißenen Wundern teil zu haben hofften, in einer Art von Ehrfurcht zu halten, so daß sie sogar auf das Recht des Zweifels verzichteten. Trotz meiner Warnung ist es ihm nur zu gut gelungen, den Grafen Cobenzl und die Familie Nettine ebenso zu beeinflussen, wie es bei einem Teil des französischen Ministeriums eine Zeitlang der Fall war.

Nach den Vorschüssen und den großen Ausgaben zu urteilen, die lediglich für seine Person erfolgt sind und die sich bereits auf 94000 Gulden belaufen[384], muß die Begeisterung in Brüssel sogar noch weiter gegangen sein als in Paris. Offenbar hat Graf Cobenzl, als er hinter Surmonts Fehler kam, sich für befähigt gehalten, seine Talente nutzbar zu machen, ohne seine Betrügereien fürchten zu müssen; denn auf meine Verdachtsgründe entgegnete er immer wieder: Was liegt uns an seinen Fehlern, wenn wir nur seine Geheimmittel besitzen?

Diese Denkweise hätte berechtigt erscheinen können, hätte man die Tatsächlichkeit seiner angeblichen Geheimmittel und die Riesengewinne aus ihnen vorher genau festgestellt. Aber zu einer Zeit, wo es noch fraglich ist, ob man den von einem Abenteurer versprochenen Wundern Glauben schenken soll, gebietet die Vorsicht, seine Sitten, seinen Charakter, seine Privatverhältnisse, seine früheren Abenteuer usw. stark in Betracht zu ziehen. Das alles aber spricht durchaus gegen den angeblichen Grafen Surmont und wäre allein genug, um seine Projekte abzulehnen.

Kaunitz prüft die Vorschläge von Cobenzl für Übernahme der Manufakturen in Staatsbetrieb und kommt zu ihrer Verwerfung, da sie den verheißenen Gewinn nicht einbringen würden. Die eingesandten Proben seien minderwertig und trotz des niedrigen Preises keine großen Umsätze zu erwarten. Zu Cobenzls Bericht vom 25. Juni übergehend, bemängelt Kaunitz die Unsicherheit der Unterlagen, bei den Farben überdies das Fehlen von Blau und Grün.

Wenn die neuen Manufakturen in Tournai schon aus sachlichen Gründen nicht für uns in Frage kommen, so erst recht nicht wegen der großen, bereits entstandenen Kosten und der kostspieligen Verwaltung, die sie nach Angabe des Grafen Cobenzl erfordern. Wie schon oben betont, hat Frau Nettine Surmont bereits 94000 Gulden vorgeschossen oder für ihn ausgelegt, ohne daß es bisher gelungen wäre, die Geheimverfahren aus ihm herauszulocken, die scheinbar noch am meisten versprechen. Die Ausgaben für die Fabrikanlagen belaufen sich bereits auf 99935 Gulden, 5 Sols, 4 Pfennig, ohne daß bisher für einen Pfennig Betriebsmittel oder Rohstoffe angeschafft wären oder daß man das Geringste für Beschaffung von Arbeitern ausgegeben hätte. Zudem spricht aus allen diesen Ausgaben eine Verschwendung, die keine günstigen Schlüsse auf die künftigen laufenden Ausgaben erlaubt.

Allein für Surmonts Unterhalt und seine Reisen sind 12280 Gulden verausgabt. Ein Wohnhaus für ihn in Tournai ist für 13500 Gulden gekauft worden, und die verschiedenen nicht näher belegten Auslagen des Kaufmanns Rasse, der einer der Direktoren werden soll, belaufen sich auf 5300 Gulden[385]. Der vom Grafen Cobenzl entworfene Verwaltungsplan zeigt keine größere Sparsamkeit. Die Gehälter für die beiden Direktoren und die übrigen Angestellten betragen 8000 Gulden jährlich[386]. Außerdem schlägt der Minister vor, den Sohn der Frau Nettine, dem Surmont allein seine Geheimverfahren anvertraut hat, zum Generaldirektor des ganzen neuen Unternehmens zu ernennen und ihn lediglich Sr. Kgl. Hoheit und der Oberaufsicht des Ministers zu unterstellen. Ferner meint er, daß der Staatsrat Walckiers zum Königlichen Kommissar bei diesem Unternehmen bestellt, dessen Leitung mit der der Lotterie verbunden werden und daß E. M. dem jungen Nettine aus dem Gewinn ein festes Gehalt oder einen Gewinnanteil gewähren könnte.

Zugleich übersendet mir Graf Cobenzl den vorläufig mit Surmont abgeschlossenen Vertrag[387], wonach dieser für Lebenszeit an den in Frage stehenden Unternehmungen zur Hälfte beteiligt wird, die ihm vorgeschossenen Summen von seinem Gewinnanteil abgezogen werden und Surmont sich seinerseits verpflichtet, die Herstellungsart von Blau und Grün, die Verfeinerung der Öle, das Krempeln des Leders für die Hutfabrik oder zu jedem anderen ihm bekannten Gebrauch, sowie jedes andere Geheimmittel oder Verfahren anzugeben, durch das die Manufakturen zur größten Vollendung gebracht werden können.

Surmont hat es also nicht nur verstanden, eine Summe von fast 100000 Gulden herauszuschlagen, deren Rückzahlung auf einem zum mindesten sehr zweifelhaften, wo nicht gänzlich hinfälligen Gewinn beruht, sondern er hat sich auch die Möglichkeit weiterer Gewinne aus seinen angeblichen Geheimverfahren gesichert; denn er hat sich die anscheinend wichtigsten vorbehalten und wird sie sich zweifellos teuer bezahlen lassen. Außerdem verspricht er, etwas zu lehren, was er nach eigenem Geständnis selbst noch nicht versteht, nämlich die Herstellung des Blaus. Es kann sich dabei nur um die Herstellung ohne Cochenille handeln; denn von etwas anderem war nie die Rede. Nun schreibt mir Graf Cobenzl am 27. Mai ausdrücklich, Surmont kenne diese Herstellungsart nicht und hoffe nur, ein Verfahren zu finden, das diese teure Zutat unnötig macht. Nicht anders dürfte es mit dem Grün stehen, das er herstellen zu können behauptet, aber von dem der Minister noch nie eine Probe zu sehen bekommen hat[388]. Von diesen zwei Farben ist denn auch, wie oben gesagt, in der Aufstellung der Preise der neuen Farben nirgends die Rede.

Das alles tritt zu den Gründen, die von einem Unternehmen auf Staatskosten abraten. Trotzdem hält Graf Cobenzl dies für das Zweckmäßigste. Er will, falls E. M. darauf eingehen, der Frau Nettine ihre Vorschüsse für die genannten Unternehmungen in Höhe von 193935 Gulden, 5 Sols, 4 Pfennig mit 4 Prozent verzinsen und sie aus den Überschüssen allmählich zurückzahlen.

Dabei versichert er mir immer wieder, falls E. M. den Betrieb der Surmont’schen Fabriken nicht auf Staatskosten übernehmen wollten, würde Frau Nettine ihn gern auf eigene Rechnung übernehmen. Außerdem erklärt er mir, in der ganzen Sache mit Zustimmung Sr. Kgl. Hoheit gehandelt zu haben, und bittet mich, ihm die Allerhöchste Entscheidung E. M. darüber kundzugeben.

Aus allem Gesagten geht hervor:

1. Graf Cobenzl, Frau Nettine, ihre Familie sowie alle, die an dem lächerlichen Mysterium der angeblichen Geheimmittel dieses Abenteurers beteiligt sind, haben sich derart hereinlegen lassen, daß sie Vorschüsse und Auslagen in Höhe von fast 100000 Gulden nur für seine Person und auf Rechnung seiner ungeheuren Reichtümer gemacht haben, die sich, wie sie heute zugeben, auf Nichtigkeiten beschränken und sich vielmehr in Schulden verwandelt haben, die sicherlich aus ähnlichen Schwindeleien wie die in Brüssel verübten herrühren.

2. Nachdem sie sich so gröblich über den Charakter dieses Gauners getäuscht haben, trotzdem sie seine Geschichte und seine Abenteuer kannten, geben sie uns das Recht, ihrem Urteil über die Geheimmittel zu mißtrauen, die er ihnen so teuer aufgeschwindelt hat. Dies berechtigte Mißtrauen wird bestärkt durch die Abweisungen, die Surmont in Frankreich, in Holland, in England und überall erfahren hat, wo er seine kümmerlichen Geheimmittel wie bei uns angepriesen haben wird. Ich hätte mir also alle Vergleichungen, Berechnungen, Proben und Prüfungen ersparen können.

Aus ihnen hat sich ergeben:

3. Die gefärbten Seiden- und Wollstoffe bieten dem Publikum durchaus nichts Neues und können daher die Vorteile der Neuheit und des Monopols nicht beanspruchen. Sie bieten selbst in den bekannten Farben nichts Hervorragendes und sind bei weitem nicht in allen Farbgattungen vorhanden. Schon die Wiener gefärbten Stoffe übertreffen in dieser Farbenskala die seinen; um wieviel weniger könnten sie sich also gegenüber den englischen, französischen und holländischen behaupten!

4. Somit beruhen alle ihre Erwartungen nur auf dem Absatz in den Niederlanden. Aber sie haben dessen Umfang nicht berechnen können oder wollen, obgleich dies der einzige feste Anhaltspunkt wäre, um die Höhe der Einnahmen zu berechnen und ihr die Kosten gegenüberzustellen. Denn ohne einen solchen vorherigen Anschlag kann, ja muß es geschehen, daß sie bei dem überstürzt und höchst unbesonnen begonnenen Großbetrieb in einem Monat mehr Stoffe färben, als die einheimischen Fabriken in einem Jahre verbrauchen können.

5. Günstigsten Falls, d. h. wenn man den ganzen inneren Markt versorgen könnte, wäre das Unternehmen moralisch unrecht und politisch verkehrt. Unrecht, denn man brächte alle Privatfärbereien mit Güte oder mit Gewalt an den Bettelstab. Mit Güte, wenn man sie durch den billigen Preis überflügelte; mit Gewalt, wenn man zur Billigkeit noch das Monopol fügte. Politisch wäre das Unternehmen verkehrt; denn selbst bei der Annahme, man könnte alle Privatindustrieen verstaatlichen -- was der täglichen Erfahrung völlig widerspricht --, wären diese Industrieen in Privathänden für den Staat weit wertvoller als beim Staatsbetriebe. Denn im ersten Falle begünstigen sie den Bevölkerungszuwachs, spornen den Wetteifer an, vermehren die Umlaufskanäle, setzen den einheimischen Handel in Nahrung, vervielfältigen seine Werte und unterstützen die Landwirtschaft und die Landesverteidigung. Beim Staatsbetriebe dagegen fallen durch die Zusammenfassung alle diese günstigen Faktoren fort; der Unterhalt von tausend Familien wird von hundert Angestellten und Arbeitern verzehrt, und hundert Menschen verarmen, um einen einzigen zu bereichern. Ein derartiges Unternehmen würde den Untertanen E. M. also keineswegs nützlich sein, wie man dreist behauptet hat, sondern sie zugrunde richten. Sie würden sich mit Recht laut beklagen, und wir zögen uns die bittersten Beschwerden und Klagen der Stände auf den Hals. Sind dies aber im günstigsten Falle die notwendigen Folgen eines solchen Unternehmens, dann kann man unmöglich mit dem Grafen Cobenzl in der Billigkeit allein das Mittel sehen, um den ganzen Verbrauch der Niederlande an gefärbten Stoffen an sich zu reißen. Damit sinken alle seine Erwartungen in Nichts zusammen, und es bleibt ihm nichts als die Reue, so große Opfer gebracht zu haben. Und tatsächlich hat Cobenzl unrecht; denn er hat nicht bewiesen, daß es möglich ist, die Privatindustrie mit allen ihren Hilfsquellen auszuschalten und ihr für alle Zeit die Kenntnis des Geheimverfahrens zu entziehen, das nach Aussage der Frau Nettine ziemlich leicht zu erraten ist. Ebensowenig hat er schließlich bewiesen, daß es möglich ist, die Privatindustrie durch Schönheit und Güte der Farben und durch Billigkeit des Preises zu übertreffen, wenn sie erst einmal nach seinem Geheimverfahren arbeitet.

Aus meiner Darlegung ergibt sich ferner:

6. Daß die Gewinne aus der Gerberei heute von den einheimischen Gerbern gemacht werden, und daß Graf Cobenzl diese Gewinne durch Surmonts Geheimverfahren nur zu vergrößern hofft. Dabei verdient die Gerberei unter den angeblichen Geheimverfahren noch am meisten Beachtung, und gerade darüber wissen sie noch am wenigsten; denn alle ihre positiven Angaben beschränken sich auf das Gewicht der heute von unseren Gerbern verarbeiteten und verkauften Felle. Ebensogut könnte man sagen: Es gibt in den Niederlanden 10000 Schuhmacher; jeder verdient täglich soundsoviel. Man braucht also nur alle Stiefel und Schuhe, die diese Schuhmacher anfertigen, auf Rechnung des Staates herzustellen und hat allein den ganzen Gewinn davon. Wenn man so weiter fortfährt, alle Gewerbe an sich reißt und sie selbst ausübt, und angenommen, es gelingt, so muß man E. M. neue Untertanen verschaffen, die soviel Geld haben, um alle diese Waren zu kaufen; denn die Ihren wären zugrunde gerichtet und verarmt. Daß bei der Gerberei Geld zu verdienen ist, wußten wir ohnehin. Daß aber der Staat diesen Gewerbszweig auch noch an sich reißen müsse, das sollte man nicht vorschlagen, ohne vorher deutlich nachzuweisen, was für wirkliche und neue Vorteile für die Bevölkerung daraus entspringen.

Für die Hutfabrik gilt genau das gleiche.

7. Surmont hat ihnen ebensowenig das Geheimverfahren angegeben, durch das gewöhnliche Öle geruchlos gemacht und derart verfeinert werden, daß sie einen Ersatz für das feine Provenceröl bilden. Dieser Artikel wäre der einzige, der den Staatsfinanzen ohne Schaden für die einheimische Industrie und den einheimischen Handel die größten Einkünfte verschaffen könnte; denn es gibt noch nirgends eine derartige Fabrik, die Rohstoffe hätten wir in den Niederlanden, und somit würden neue Werte geschaffen. Aber die Ankündigung dieses Geheimverfahrens ähnelt der uns gegebenen über die Verwandlung von Eisen in ein goldartiges Metall. Beides ist gleich unwahrscheinlich; denn schon das Geheimverfahren zur Verfeinerung von Ölen in der angegebenen Weise wäre Surmont in Holland und England zu jedem von ihm geforderten Preise abgekauft worden.

8. Die uns vorgeschlagene Verwaltung ist ebensowenig sparsam, wie das Benehmen gegen Surmont von Anfang an bis auf diesen Tag klug war. Sie würde sieben bis acht Werkstätten zu verwalten haben, deren jede die ganze Tatkraft und Wachsamkeit, den ganzen Fleiß und die ganze Sparsamkeit mehrerer sehr erfahrener Geschäftsleute in Anspruch nähme. Das Verwaltungsbüro allein würde 8000 Gulden jährlich kosten. Fast ebensoviel würden die Zinsen für die bereits so leichtfertig ausgegebenen Summen erfordern. Dabei ist noch kein Pfennig inbegriffen für die Löhne eines Schwarmes von Arbeitern und für die Beschaffung von Rohstoffen.

Aus all diesen Schlußfolgerungen ergibt sich als offenkundig und unbedingt notwendig, daß diese gewagten Unternehmungen weder der Sache nach noch in ihrer Verwaltung und in ihrem Betrieb den Staatsfinanzen entsprechen. Da jedoch Frau Nettine aus eigener Tasche den unsinnigen Vorschuß von fast 200000 Gulden gemacht hat und sie diese Fabriken auch übernehmen will, so ist es recht und billig, daß E. M. sie ihr überlassen und gleichzeitig Ihre Regierung beauftragen, ihr alle Erleichterungen und Vergünstigungen zu gewähren, die sich mit der Wohlfahrt der Staatsfinanzen und der Landesverfassung vereinbaren lassen.

Eigenhändiges Marginal Maria Theresias

_Placet._ Ich billige alle Vorschläge des Kanzlers.

Cobenzl an Kaunitz

Brüssel, 22. Juli 1763.

Seit dem Erlaß E. E. vom 5. ist von der Sache in Tournai nicht mehr die Rede. Ich war Zeuge davon, daß Herr Bürgermeister Hasselaar[389] über unseren Mann sehr günstig gesprochen hat, aber von der Anlage einer Manufaktur war zwischen ihnen nie die Rede.

Maria Theresia an Prinz Karl von Lothringen

Wien, 24. Juli 1763.