Der Graf von Saint-Germain: Das Leben eines Alchimisten
Part 11
Ich ging selbst zu Saint-Germain und riet ihm in seinem eigenen Interesse, sobald als möglich fortzugehen[223]. Ich erzählte, ich wäre von dritter Seite unterrichtet[224], daß d’Affry Befehl habe, seine Festnahme zu bewirken, worauf er unter Bedeckung an die Grenze gebracht und an Frankreich ausgeliefert werden solle, damit er dort für den Rest seines Lebens eingekerkert würde. Er war außerordentlich überrascht, nicht sowohl über Choiseuls Befehle, als darüber, daß d’Affry daran dächte, sie in einem Lande, wo Recht und Gesetz noch Geltung hätten, zur Ausführung zu bringen. Er stellte eine Menge Fragen, eine immer gemessener als die andere, und mit der größten Ruhe der Welt. Ich wollte mich auf keinerlei Erörterung einlassen, da es mir zu schwierig schien, alle seine Fragen zu beantworten und alle Punkte, die er zur Sprache brachte, aufzuklären. Ich sagte ihm, dazu wäre keine Zeit; er solle vielmehr an sofortige Abreise denken, wenn ihm seine Sicherheit lieb wäre. Bis zum anderen Morgen hätte er für seine Vorbereitungen Zeit, da d’Affry die Schritte, die er etwa vorhätte, nicht vor 10 Uhr am nächsten Morgen unternehmen könnte. Vor diesem Zeitpunkte müsse also Saint-Germain seine Pläne gefaßt und ins Werk gesetzt haben. Darauf wurde Art und Weise und Ziel der Reise besprochen. Für das erstere stellte ich mich zur Verfügung; für das letztere riet ich zu England. Wir einigten uns darüber, und ich erbot mich, ihm von Herrn Yorke den Paß zu besorgen, dessen er zur Einschiffung auf dem Paketboot bedurfte. Da ein Schiff am nächsten Tage fahren sollte, drängte ich ihn, sich so schnell als möglich nach Hellevoetsluis zu begeben. Sei das geschehen, kämen alle Schritte d’Affrys zu spät ...
Abends zwischen 7 und 8 Uhr brachte ich Saint-Germain den Paß. Er richtete einen Haufen Fragen an mich, auf die ich aber nicht einging; vielmehr bat ich ihn, lieber an Wichtigeres zu denken als Fragen zu stellen, die in der gegenwärtigen Bedrängnis abgeschmackt und nutzlos seien. Er entschloß sich zur Abreise. Da keiner von seinen Bedienten Sprache, Straßen und Bräuche des Landes kannte, bat er mich, ihm einen der meinigen zu leihen, was ich mit Vergnügen tat. Ja, ich tat noch mehr, ich bestellte einen Mietswagen mit vier Pferden, der ihn angeblich nach Leiden bringen sollte, für den nächsten Morgen um 4½ Uhr vor mein Haus und beauftragte einen Diener, den Grafen Saint-Germain auf den richtigen Weg zu bringen und bei ihm zu bleiben, bis dieser ihn zu mir zurückschicken würde.
V
Aus Yorkes Korrespondenz[225]
Yorke an Lord Holdernesse[226]
Haag, 14. März 1760.
Da Seine Majestät[227] geruht hat, Frankreich seine Meinung über die europäischen Verhältnisse im großen und ganzen mitzuteilen und durch mich seinen Wunsch nach Wiederherstellung der öffentlichen Ruhe auszudrücken[228], nehme ich an, daß der Versailler Hof diesen Weg als den gangbarsten ansieht, um sich mit England in Verbindung zu setzen. Das ist wenigstens der nächstliegende Grund für Frankreichs Versuche, mich durch einen Dritten auszuforschen.
Euer Lordschaft kennen die Geschichte des seltsamen Mannes, der unter dem Namen eines Grafen von Saint-Germain bekannt ist. Er hat sich eine Zeitlang in England aufgehalten[229], ohne irgendwie hervorzutreten; die zwei bis drei letzten Jahre hat er in Frankreich verbracht, wo er auf vertrautestem Fuße mit dem König von Frankreich, Frau von Pompadour, dem Marschall von Belle-Isle usw. stand. Das hat ihm das Geschenk des königlichen Schlosses Chambord eingetragen und ihn instand gesetzt, in jenem Land eine gewisse Rolle zu spielen. In meinen Privatbriefen glaube ich schon einmal von diesem Phänomen gesprochen zu haben.
Der Mann ist vor ein paar Tagen hier angekommen. Er tauchte für einige Tage in Amsterdam auf, wo er sehr umschmeichelt wurde und wo man viel von ihm redete. Anläßlich der Hochzeit der Prinzessin Karoline[230] kam er nach dem Haag, wo er der gleichen neugierigen Aufmerksamkeit begegnete. Seine Zungenfertigkeit warb ihm Zuhörer; der Freimut, mit dem er über alles mögliche sprach, erregte allerlei Vermutungen, nicht zuletzt die, daß er als Friedensunterhändler gekommen sei. Herr d’Affry behandelt ihn mit Achtung und Aufmerksamkeit, ist aber sehr eifersüchtig auf ihn. Ich für mein Teil kümmerte mich nicht um ihn und habe mir nicht einmal die Mühe gegeben, meine Bekanntschaft mit ihm zu erneuern. Trotzdem sprach er bei mir vor, ich erwiderte seinen Besuch, und gestern wünschte er mich zu sprechen, erschien aber nicht zur bestimmten Stunde. Heute früh wiederholte er seine Bitte, und ich empfing ihn.
Er sprach zunächst von der schlechten Lage Frankreichs, von seinem Friedensbedürfnis und seinem Wunsch, Frieden zu schließen, sowie von seinem eigenen Ehrgeiz, zu einem für die gesamte Menschheit so erwünschten Ziele beizutragen. Schließlich betonte er seine Vorliebe für England und Preußen, die ihn nach seiner Behauptung in Frankreich jetzt beliebt mache. Da ich ihn zur Genüge kenne und mich auf eine Unterhaltung mit ihm, ohne näher unterrichtet zu sein, nicht einlassen wollte, war ich zuerst sehr ablehnend und sagte ihm, dergleichen Dinge seien zu heikel, um sie mit unberufenen Leuten zu erörtern; ich wünschte daher seine Absichten kennen zu lernen.
Dies Verfahren verfehlte seinen Zweck nicht; denn sofort zeigte er mir als Beglaubigungsschreiben zwei Briefe des Marschalls von Belle-Isle vom 14. und 26. Februar. In dem ersteren sandte ihm der Marschall einen Blankopaß des Königs von Frankreich mit der Erlaubnis, ihn auszufüllen. In dem zweiten wartete er mit Ungeduld auf Nachrichten von ihm, und in beiden ergeht er sich in Lobeserhebungen über seinen Eifer, sein Geschick und die Hoffnungen, die er auf den Zweck seiner Sendung setze. An der Echtheit beider Briefe zweifle ich nicht. Nachdem ich sie gelesen und ihm ein paar übliche Komplimente gemacht hatte, bat ich ihn, sich zu erklären, was er folgendermaßen tat.
Der König, der Dauphin, Frau von Pompadour, der ganze Hof und das gesamte Volk, mit Ausnahme Choiseuls und Berryers[231], wünschen Frieden mit England. Sie könnten nicht anders, da die innere Lage es fordere. Die wahre Gesinnung Englands ist ihnen unbekannt, und sie wünschen mit Anstand aus der Sache herauszukommen. Herr d’Affry ist nicht eingeweiht, und der Herzog von Choiseul ist so österreichisch gesinnt, daß er nicht alles ausplaudern wird; aber das hat nichts zu bedeuten, denn er wird hinausgesetzt werden. Frau von Pompadour ist nicht für den Wiener Hof, aber sie ist unentschlossen, weil sie nicht weiß, auf wen sie sich verlassen kann. Sie wird aber entschlossen werden, sobald sie des Friedens gewiß ist. Der Marschall von Belle-Isle hat mit Wissen des Königs von Frankreich den Grafen Saint-Germain als Fühler vorgeschoben. Auf Spanien rechnet man nicht und macht sich in dieser Hinsicht keine Hoffnungen[232], obgleich der Herzog von Choiseul sich bemüht, diesen Glauben zu erwecken. Das und vieles andere brachte der politische Abenteurer vor.
Ich schwankte sehr, ob ich ihm gegenüber auf die Sache eingehen sollte; da ich aber von der Richtigkeit seiner Sendung überzeugt war, glaube ich keine Mißbilligung zu finden, wenn ich in allgemeinen Wendungen antwortete. Ich sagte ihm also, der König wünsche ernstlich den Frieden, und daran sei kein Zweifel möglich, da er ja inmitten seiner Erfolge, die seitdem noch beträchtlich zugenommen hätten, die Hand zum Frieden geboten habe. Mit unseren Verbündeten[233] sei die Sache leicht, aber ohne sie unmöglich, und Frankreich kenne unsere Lage zu gut, um sie erst von mir erfahren zu müssen. Auf Einzelheiten könne man jedoch erst eingehen, wenn wir vom ernstlichen Friedenswunsch der Gegner überzeugt seien; zudem sei ich nicht eingeweiht. Ich ging dann auf Frankreichs Abhängigkeit von den beiden Kaiserinnen[234] und auf die unangenehmen Aussichten ein, die sich für Frankreich böten, selbst wenn der König von Preußen Unglück hätte. Aber ich hütete mich wohl, über die allgemeinsten, wenn auch durchaus positiven Versicherungen hinauszugehen, daß Seine Majestät die Wiederherstellung des Friedens wünsche.
Als das Gespräch lebhafter wurde, fragte ich ihn, welcher Verlust für Frankreich am empfindlichsten gewesen sei? Ob es Kanada[235] wäre?
„Nein,“ sagte er, „denn wir wissen, daß es uns 36 Millionen gekostet hat, ohne uns etwas einzubringen.“
„Guadalupe?“
„Deswegen wird der Frieden nicht scheitern, denn wir haben auch ohne diese Insel Zucker genug.“
„Ostindien?“
„Das ist der empfindliche Punkt, denn es hängt mit unserer Finanzlage zusammen.“
Ich fragte ihn, was man von Dünkirchen dächte.
„Man wird es ohne Schwierigkeit schleifen; darauf können Sie sich verlassen.“
Nun fragte er mich, was wir von Minorka dächten.
Ich entgegnete ihm, wir hätten es vergessen, wenigstens spräche niemand mehr davon.
„Das“, sagte er, „habe ich ihnen hundert und tausendmal gesagt. Auch die Kostenfrage brächte uns sehr in Verlegenheit.“
Das sind die Hauptpunkte einer dreistündigen Unterredung, über die ich ihm zu berichten versprach.
Er bat mich um Geheimhaltung und sagte, er ginge nach Amsterdam und Rotterdam, bis er erführe, daß ich eine Antwort erhalten hätte. Ich habe ihn nicht ermutigt, darauf zu warten, aber auch nicht das Gegenteil getan.
Ich hoffe, Seine Majestät wird mein Benehmen nicht mißbilligen. Es ist in solchen Verhältnissen nicht leicht, das Rechte zu treffen, aber ich kann diese Verhandlungen ebenso leicht abbrechen, wie ich sie angeknüpft habe. Der König scheint ja dem Frieden eine Tür öffnen zu wollen, und Frankreich scheint ihn sehr nötig zu haben. Die Gelegenheit scheint günstig, aber bevor ich weiter gehe, erwarte ich Weisung. Ein allgemeiner Friedenskongreß scheint nicht nach Frankreichs Geschmack, und man scheint weiter gehen zu wollen, als man gesagt hat, aber es wäre Frankreich sehr angenehm, wenn man ihm irgendein Angebot machte; denn Seine Allerchristlichste Majestät und die Marquise sind etwas schwer von Entschluß.
Lord Holdernesse an Yorke
Whitehall, 21. März 1760.
Ich kann Ihnen zu meiner Freude mitteilen, daß Seine Majestät Ihr Verhalten bei der Unterredung mit dem Grafen Saint-Germain, die Sie durch Geheimbericht vom 14. melden, durchaus billigt. Insbesondere ist es dem König lieb, daß Sie so vorsichtig waren, nicht auf Einzelheiten einzugehen, bevor er die beiden Briefe des Marschalls von Belle-Isle vorzeigte, die, wie Sie richtig bemerken, eine Art Vollmacht waren. Da Sie ihm gegenüber nur in allgemeinen Wendungen und gemäß Ihren früheren Instruktionen gesprochen haben, würde es auch nichts schaden, wenn Ihre Worte öffentlich bekannt würden. Seine Majestät hält es für wahrscheinlich, daß der Graf Saint-Germain -- vielleicht sogar mit Vorwissen des Königs von Frankreich -- von einigen Mitgliedern des Staatsrats tatsächlich beauftragt war, so zu reden, und es ist einerlei, durch welche Mittelsperson man zum erwünschten Ziele kommt. Weiter aber dürfen die Unterhandlungen zwischen einem beglaubigten Gesandten Seiner Majestät und einer Persönlichkeit wie Saint-Germain, so wie dieser bisher auftritt, nicht gehen. Alles, was Sie sagen, ist offiziell, wogegen Saint-Germain kurzerhand verleugnet werden kann, wenn es dem französischen Hofe paßt. Deshalb ist sein Auftrag auch nicht nur dem französischen Gesandten im Haag unbekannt, sondern auch dem Minister des Auswärtigen in Versailles, der, wenn ihn auch das gleiche Los treffen kann, wie seinen Vorgänger, Kardinal von Bernis[236], doch der offizielle Minister ist.
Seine Majestät wünscht also, daß Sie dem Grafen Saint-Germain sagen sollen: in Beantwortung des Berichtes, den Sie mir über Ihre Unterredung mit ihm schrieben, hätten Sie Befehl erhalten, ihm zu sagen, Sie könnten mit ihm über so wichtige Dinge nur reden, wenn er einen authentischen Beweis dafür beibrächte, daß er tatsächlich mit Wissen und Wollen Seiner Allerchristlichsten Majestät handle. Zugleich aber können Sie hinzufügen, da der König stets geneigt sei, die Reinheit seiner Gesinnung und seinen ehrlichen Wunsch nach Vermeidung jedes weiteren Vergießens von Christenblut zu beweisen, sei er bereit, sich über die Friedensbedingungen auszulassen, wenn der französische Hof einen gehörig beglaubigten Unterhändler schickte. Dabei werde jedoch vorausgesetzt, daß, wenn beide Kronen sich über die Friedensbedingungen einigten, der französische Hof ausdrücklich und zuverlässig seine Zustimmung erklärte, daß die Verbündeten Seiner Majestät, insbesondere der König von Preußen, in das Abkommen einbegriffen werden. Ich brauche nicht hinzuzufügen, daß England sich auf keine Friedensunterhandlungen einläßt, in die Seine Majestät nicht als Kurfürst [von Hannover] eingeschlossen wird.
Yorke an Lord Holdernesse
Haag, 28. März 1760.
Gestern morgen besuchte mich der Graf Saint-Germain, da ich ihn hatte wissen lassen, daß ich ihn sprechen möchte. Ich erklärte ihm offen, weitere Verhandlungen mit ihm seien unmöglich, wenn er nicht eine Vollmacht, die von dem König von Frankreich oder in dessen Namen ausgestellt sei, vorweisen könne. Ich sagte ihm, ich sei beglaubigt und er nicht, und daher könne alles, was er sage, sogleich desavouiert werden, wogegen alles, was von mir käme, das Gepräge der mir vom König verliehenen Eigenschaft trage. Ich betonte das als Einleitung zu den Eröffnungen, die ich auf Weisung Eurer Lordschaft vom 21. ds. Mts. machen sollte. Ich setzte hinzu, obwohl es klar sei, daß die Meinungen am französischen Hofe auseinandergingen, würden wir nicht mit verschiedenen Personen unterhandeln, die teils Vollmacht hätten und teils nicht. Da, wie er wisse, der König seinen Feinden einen Kongreß offen angeboten habe und dank der unvergleichlichen Hochherzigkeit Seiner Majestät Unterhandlungen mit Herrn d’Affry hätten angeknüpft werden können, sei jede weitere Erörterung über die Nutzlosigkeit und Unzweckmäßigkeit weiterer Schritte von unserer Seite zwecklos, wenn wir keine Gegenliebe fänden.
Nachdem ich dies vorausgeschickt hatte, sagte ich zu ihm: Ganz abgesehen von der Person, deren Briefe er mir früher gezeigt hätte, und in der Überzeugung, daß er ein so heilsames Werk ehrlich zu fördern wünsche, hätte der König mir erlaubt, ihm mitzuteilen, daß Seine Majestät auch künftig einer Aussöhnung mit dem französischen Hofe geneigt sei. Das könne jeden Wohlmeinenden von der Lauterkeit der Gesinnung Sr. Majestät überzeugen. Demgemäß teilte ich ihm die Weisung Eurer Lordschaft mit und erlaubte ihm auf seine Bitte, Abschrift von dem letzten Teile zu nehmen, von den Worten: „Seine Majestät wünscht also“, bis zum Schluß.
So weit bin ich gemäß dem mir erteilten Auftrag gegangen. Da jedoch seit meinem letzten Bericht über den Grafen von Saint-Germain ein Zwischenfall eingetreten ist, über den d’Affry (der noch nichts über meine Unterredung mit ihm weiß) ganz offen gesprochen hat, wünschte ich die Geschichte aus seinem eigenen Munde zu hören, und er erzählte mir folgendes:
Am Sonntag (23. März) erhielt d’Affry einen Kurier vom Herzog von Choiseul mit der Weisung, zu erklären, Saint-Germain hätte keinerlei Auftrag vom Versailler Hofe, und er (d’Affry) solle ihn wissen lassen, daß er nicht in seinem Hause verkehren dürfe, ja er solle ihm dies sogar verbieten[237]. Das teilte d’Affry dem Saint-Germain am Mittwoch (26. März) bei seinem Besuche mit, und zwar im Namen des Königs von Frankreich. Als dieser aber den Befehl zu sehen verlangte, da er sich nicht denken konnte, daß er vom König selbst käme, räumte d’Affry ein, daß der Befehl nicht vom König selbst, sondern vom Herzog von Choiseul als Staatssekretär des Auswärtigen käme. Dies begleitete er mit Versicherungen seiner Hochachtung und drückte zugleich den Wunsch aus, ihn am nächsten Tage nochmals zu sprechen. Saint-Germain jedoch lehnte dies ab, da er nicht gewillt sei, den Gesandten nochmals zu einem Verstoß gegen seine Befehle zu veranlassen, die er bereits durch seinen Empfang übertreten hätte. D’Affry ließ einfließen, daß dieser Befehl die Folge eines Briefes sei, den Saint-Germain an die Marquise von Pompadour geschrieben hätte[238], und durch den er, wie er sich ausdrückte, in Versailles in Teufels Küche geraten sei, obwohl er leugnete, von dem Inhalt des Briefes das geringste zu wissen. Saint-Germain berief sich auf die ihm bei seinem ersten Besuche gegebenen Beweise dafür, daß er nicht ohne Vollmacht sei, und erklärte, daß die möglichen Folgen seiner Briefe ihm keine Kopfschmerzen verursachten, was den Gesandten einigermaßen mißtrauisch machte. Schließlich verabschiedete er sich kurzerhand. Nichtsdestoweniger ließ d’Affry sich gestern wieder nach ihm erkundigen. Dabei ließ er ihm sein Bedauern ausdrücken, ihn nicht gesehen zu haben, und seine Besorgnis, er möchte unpäßlich sein. Ob er seitdem bei ihm war, weiß ich nicht.
Diese neue Episode in dem Roman Saint-Germains verwundert mich nicht sehr. Ebensowenig sollte es mich wundern, wenn über kurz oder lang ein mächtiger französischer Minister seinem Treiben ein Ende macht, obwohl er behauptet, sich vor nichts zu fürchten.
Ich war jedoch begierig zu erfahren, was er nun vorhat und wie er sein Unternehmen fortsetzen will. Mir scheint, fürs nächste wird er nicht recht wissen, was er tun soll. Ob aus Furcht vor dem Groll des Herzogs von Choiseul, oder, wie er behauptet, wegen der Tatlosigkeit des Königs von Frankreich und der Unschlüssigkeit der Marquise, vermag ich nicht zu sagen. Aber ich fand ihn im Zweifel darüber, ob er nicht versuchen solle, den Herzog von Choiseul selbst für das System zu gewinnen, das seine eigenen Auftraggeber seiner Ansicht nach vertreten. Es war nicht meines Amtes, ihn dazu zu ermutigen, und so sagte ich nur, die Sache schiene mir, aus der Entfernung gesehen, heikel zu sein und könnte seine Beschützer in Ungelegenheit bringen.
Dann suchte ich von ihm zu erfahren, in welcher Weise er von meinen Eröffnungen Gebrauch machen werde, und ob er selbst nach Versailles zu gehen gedächte. Dies lehnte er fürs erste ab, da er, wie er sagte, sonst gleich wieder zurückgeschickt würde und nur neuen Argwohn erregen müßte. Doch wollte er einen seiner Diener mit drei Briefen absenden, einem an die Frau von Pompadour, einem an den Marschall von Belle-Isle und dem dritten an einen Prinzen von Geblüt, den Grafen von Clermont[239], den er anfangs als seinen Busenfreund und als einen Mann hingestellt hatte, der des Königs Vertrauen unabhängig von seinen Ministern besäße und sehr für einen sofortigen Friedensschluß mit England einträte.
Um jeden Verdacht zu zerstreuen, zeigte er mir tatsächlich einen Brief dieses Prinzen an ihn vom 14. d. M., der in den freundschaftlichsten und herzlichsten Ausdrücken gehalten war, seine Abwesenheit beklagte und seine baldige Rückkehr herbeiwünschte. Er hegte keinen Zweifel, daß er von den beiden Letztgenannten Antworten erhalten würde. Von Frau von Pompadour, sagte er, erwarte er dies nicht, denn es wäre bei ihr Grundsatz, über Staatsangelegenheiten nichts zu _schreiben_, obwohl es unbedingt nötig sei, sie zu unterrichten, damit sie in den Stand gesetzt werde, ihrerseits zu wirken.
Das alles klingt sehr wahrscheinlich, aber der Erfolg muß sich erst noch zeigen. Inzwischen ist es klar, daß die französischen Minister gegeneinander arbeiten und somit verschiedene Systeme verfolgen. Welches den Sieg davontragen wird, hängt nicht von uns ab, aber es kann für den königlichen Dienst nicht nachteilig sein, daß die Gesinnung Seiner Majestät am französischen Hofe bekannt wird, einerlei durch welche Mittelsperson dies geschieht.
Daß d’Affry dem Grafen Saint-Germain noch Komplimente macht, nachdem er ihm den Befehl des Herzogs von Choiseul mitgeteilt hatte, ist ebenso ungewöhnlich wie das übrige, zumal er dessen Beziehungen zum Marschall von Belle-Isle sehr wohl kennt und den vom König ihm ausgestellten Paß gesehen hat.
Dies ganze Mysterium wird nach und nach aufgeklärt werden, und ich werde nicht verfehlen, Euer Lordschaft von allem zu unterrichten, was ich darüber erfahren kann. Ich ließ Saint-Germain wissen, daß er oder irgendeine andere gehörig beglaubigte Person England genehm sei. Was wir gegenwärtig einzuwenden hätten und was die ganze Sache zum Stillstand brächte, sei der Mangel einer richtigen, ausreichenden Vollmacht.
VI
Aus Hellens Korrespondenz mit Friedrich dem Großen[240]
Hellen an König Friedrich
Haag, 15. März 1760.
Hier ist soeben eine Person eingetroffen, die vielleicht weitgehende Aufträge hat. Es ist eine Art Abenteurer, ein Mann, dessen Vaterland unbekannt ist. Er durchstreift seit mehreren Jahren die Welt, tritt überall groß auf, spricht alle neueren Sprachen und nennt sich Graf Saint-Germain. Ich hatte bereits die Ehre, E. M. einen Immediatbericht darüber zu senden, wie weit dieser Mann es verstanden hat, sich beim Versailler Hofe beliebt zu machen[241]. Wie man mir versichert, hat ihm der König von Frankreich soeben das Schloß Chambord geschenkt. Er ist seit etwa 3 Wochen in Holland, mit einer Empfehlung an Herrn Hope[242], den reichsten Kaufmann in Amsterdam, bei dem er sogar vierzehn Tage gewohnt hat. Hier hat er Empfehlungen an die reichsten portugiesischen Juden. Wie behauptet wird, hat er den Auftrag, über 30 Millionen (Anleihe) für Frankreich zu verhandeln, aber ich neige zu der Ansicht, daß er andere Aufträge hat, und zwar ohne Wissen des Grafen d’Affry, der ihn zwar höflich behandelt, aber im Grunde sehr eifersüchtig auf ihn ist.
Gestern bat er um eine Unterredung mit dem General Yorke, die 2 Stunden gewährt hat. Das sagte mir dieser am Abend ins Ohr, mit dem Zusatz, er schiene beauftragt, ihn auszuforschen, und er würde mir bei anderer Gelegenheit mehr darüber sagen. Ich hoffe, mit der nächsten Post darüber berichten zu können[243].
Heute muß ich mich auf die Meldung beschränken, daß der Mann viel schwatzt, sich als Gegner Österreichs ausgiebt und Frankreich wegen seines Bündnisses mit Wien laut tadelt. Dagegen ist er ein großer Anhänger Eurer Majestät. Ich selbst hörte ihn neulich ganz laut in Gesellschaft und fast in nächster Nähe des Barons Reischach[244] sagen, Frankreich hätte sich sehr unklug benommen.
König Friedrich an Hellen
Freiberg, 22. März 1760.
Ich kann mir kaum vorstellen, daß der König von Frankreich einen Menschen, den man eigentlich nur als Abenteurer ansehen kann, mit einem so wichtigen Auftrag wie Friedensverhandlungen betraut. Sie werden daher gut tun, sich nicht auf den Anschein noch auf unbestimmte Gerüchte zu verlassen, sondern dem Mann scharf auf die Finger zu sehen. Es scheint mir wohl möglich, daß er den Auftrag hat, wegen einer Anleihe zu verhandeln, aber dreißig Millionen kommen mir doch etwas stark vor.
Freiberg, 23. März 1760.
Ihr Bericht vom 18. d. M.[245] ist mir richtig zugegangen. Sehr befriedigt hat mich Ihre genaue Wiedergabe der Unterredung zwischen Yorke und dem Grafen von Saint-Germain. Es giebt wohl nichts Seltsameres, aber sie ist sehr fesselnd.
(Hellen soll Yorke im Namen des Königs für die Mitteilung danken und ihm Verschwiegenheit zusichern.)
Indes habe ich meinem Gesandten in England einiges über diese Unterredung vertraulich mitgeteilt und ihn angewiesen, beim englischen Ministerium nach Kräften darauf zu dringen, daß es jetzt sobald wie möglich seine Weisungen dem General Yorke giebt, damit er genau weiß, welche Friedensbedingungen England für sich und seine Verbündeten Frankreich gegenüber stellt, und was es von seinen Eroberungen behalten oder den Franzosen zurückgeben will. Ist man erst soweit, dann lassen sich schnell bestimmte, klare und unzweideutige Präliminarartikel vereinbaren, die zur Herstellung des Friedens und als Grundlage für den allgemeinen Kongreß dienen können.
Hellen an König Friedrich
Haag, 29. März 1760.
(Hellen berichtet über die weitere Unterredung Yorkes mit Saint-Germain am 27. März, vgl. S. 177 ff.)