Der Fall Vukobrankovics

Part 9

Chapter 93,455 wordsPublic domain

Über die Verhaftung und die Erwartung derselben bei der Gottfried: „Um zwei Uhr erschien die Gerichtsbehörde in ihrem Zimmer. Die G. lag noch im Bett, sie war äußerlich ziemlich gefaßt, innerlich offenbar voll Angst. Auf die Anrede des Gerichtes, es gingen hier im Hause so eigene Dinge vor, die eine genaue Untersuchung erforderten, beging sie gleich die Unbesonnenheit, zu antworten, _es habe sie auch schon längst verlangt, eine Untersuchung über sich ergehen zu lassen_.“ So hat die V. die schon auf Betreiben der gutherzigen, humanen Frau Piffl eingestellte Untersuchung wieder durch ihre „Komödie“ aktiviert. Über die Gefühle vor der Gefangennahme erzählt sie in dem Buche verschiedenes, teils als selbst erlebt, teils als von anderen erlebt: „Eine Hebamme, der eine Patientin an den Folgen eines Eingriffs gestorben war, erzählte mir (der V.), wie sie von Stunde zu Stunde gewartet habe, bis die Polizei sie holen komme. Bei jedem Glockenzeichen sei sie tödlich erschrocken. Schließlich habe sie es daheim nimmer ausgehalten und sei planlos und ziellos durch die Straßen gelaufen, bis sie schließlich zu einer Kirche kam. Dort habe sie zum heiligen Judas Thaddeus gebetet, und sei dann ruhiger wieder heimgekehrt und daheim verhaftet worden.“ (An anderer Stelle erzählt sie, man habe sie, die V., einige Tage durch Detektive beobachten lassen. Aber ihrer Aufmerksamkeit zum Trotz habe sie fünfmal an einem Nachmittag das Haus verlassen. Ist das nicht: Planlos Hin- und Herirren?)

Als Gegenstück, aber offenbar erfunden und gar nicht charakteristisch, folgendes: „Eine andere Frau erzählte mir wieder, wie viel sie vor ihrer Verhaftung gebetet habe. In allen möglichen Kirchen sei sie gewesen, Messen habe sie lesen lassen, nun sei sie aber böse und wolle überhaupt nimmer beten. Es helfe ja doch nichts.“

Die V. behauptet zwar, vorher von dem hl. Thaddeus von ihrer Schulzeit her bloß gewußt zu haben, daß er ein Verwandter des Heilandes gewesen sei und daß ein sehr altes Bild, ihn darstellend, in der Jesuitenkirche „zu den neun Chören der Engel“ am Hof in Wien verehrt werde. Als sie nun in der Gemeinschaftszelle ein Bildchen dieses Heiligen sieht, erkundigt sie sich bei einer Leidensgefährtin sofort, was es für eine Bewandtnis mit dem Bildchen habe. „Was, Sie kennen den hl. Judas Thaddeus nicht?“ habe die Leidensgefährtin geantwortet, „und nun erzählt man mir von dem wundertätigen Bilde am Hofe, dessen Kopie eben dieses Bildchen vorstelle. Viele Votivtafeln in der genannten Kirche sollen Zeugnis davon ablegen, wie der Heilige jenen geholfen habe, die vertrauensvoll zu ihm flehten. Und – berichtet meine Erzählerin weiter – sie selbst sei oft in jener Kirche vor dem Gnadenbilde gekniet und habe dort auch diese und jene Leidensgefährtin aus unserer oder der Nachbarzelle gesehen.“

Aber es ist gar nicht die „Leidensgefährtin“, die den Heiligen und das alte Bild genau kennt und sich vor der erwarteten Verhaftung dorthin flüchtet, sondern sie selbst ist es. Und wenn sie sagt, sie hätte es bloß in der Schulzeit gekannt, so ist es eine Lüge und doch auch die Wahrheit. Das ist nicht die Schule, in die sie als Schülerin ging, sondern die, in der sie Unterricht erteilt hat, denn während dieser Schulzeit hat sie die Giftmordversuche im Hause Piffl unternommen. Wie sie weiter über die Sache spricht, beweist sehr deutlich, daß es ihre eigene Sache ist, um die es sich dreht.

„Allerdings ist es keine gute Reklame für den Heiligen, wenn die, die bei ihm Zuflucht suchen, nachher doch eingesperrt werden. _Vielleicht hilft er später bei der Verhandlung._ (!) Andererseits wäre es doch auch wieder ein schönes Zeichen seiner Unbestechlichkeit, wenn er der „Gerechtigkeit“ nicht in den Arm fiele.

Ja, Not lehrt beten, sagt ein altes Sprichwort, für dessen Richtigkeit ich unter meinen Mithäftlingen eine Reihe von Zeugen fand. Manch eine, die früher nie an Gott gedacht hatte, rannte zähneklappernd in die Kirche, als die Polizei hinter ihr her war und betet jetzt, in stiller Zelle, ein Vaterunser nach dem anderen. Theoretisch erklären kann ich mir das, der Mensch sucht eben in seiner höchsten Not einen Trost, eine Stütze, eine Hoffnung; und je hoffnungsloser der Fall ist, desto brünstiger hofft er, weil natürliche Mittel ihn nicht mehr retten können, auf ein übernatürliches, auf das Wunder. Er fleht und betet um das Unmögliche zu Gott und zu seinen Heiligen und vermag durch seine Inbrunst eine ganze Schar von Zellengenossen mitzureißen.“

Nachdem sie _so_ sehr ergreifend ihren eigenen Seelenzustand geschildert hat, nimmt sie schlau im folgenden alles wieder zurück.

„Theoretisch kann ich das, was ich eben gesagt, begreifen, persönlich nachfühlen aber nicht.“ Aber es ist unverkennbar ihr eigenes Gedankensystem, das überall sich geltend macht. Das _merkantilische_, manchesterartige ihrer Weltanschauung, das schon in ihrem Verhalten zu der _Firma_ Stülpnagel in Erscheinung getreten ist, macht sich sehr charakteristisch geltend bei den Worten: es sei keine _Reklame_ für den Heiligen, nicht geholfen zu haben. Und was nun folgt, ist nur eine Fortsetzung des eigenen, schlecht verhüllten Bekenntnisses.

„Ist eine Religiosität,“ fragt sie offenbar sich selbst, „die sich nur im Unglück und auf Hilfe _spekulierend_ zeigt, nicht höchst unmoralisch? Und sollte man nicht meinen, daß gerade der vom Unglück verfolgte oder auch nur der mit Unglücklichen fühlende Mensch denken müsse, wenn so viel Jammer, so viel Ungerechtigkeit auf der Welt sei, könne es doch keinen höchst gerechten und weisen, allwissenden und allmächtigen Gott geben?“

Die V. übt nun strenge, an manchen Stellen auch verständige Kritik an den Polizeibehörden und den Gerichten, denen sie unnötige Härte vorwirft. Sonderbar klingen diese philanthropisch angehauchten Erörterungen aus dem Munde gerade dieses Menschen.

Sehr charakteristisch für die Verwirrung der Rechtsbegriffe ist folgende Darlegung, sie zeigt, wie schlecht, wie unlogisch die V. denkt. Ihre Schlüsse sind scharf, aber zwingend nur durch ihre Schärfe, nicht durch ihre Wahrheit.

„In den Wachzimmern der Sicherheitsorgane (solche amtliche Ausdrücke liebt die V. im allgemeinen sehr, so sprach sie in der Verhandlung auch von dem „Lehrkörper“ der Schule) sind stets die Fälle plakatiert, die der Aufklärung harren, mit der Angabe des Preises (!) natürlich. Ist es ein Wunder, wenn man nicht gerade sich für die am schlechtesten honorierten Fälle am meisten interessiert? _In den anderen Ämtern_ (im Original gesperrt gedruckt) _wird es streng bestraft, wenn eine Partei dem Beamten ein Geschenk macht, um ihre Angelegenheit schneller erledigt zu wissen._“

Hierbei sind folgende Irrtümer der V. unterlaufen. Erstens wenden sich diese Plakate mit den Geldprämien nicht so sehr an die Beamten, als vielmehr an das Publikum, um es zu reizen, sonst vielleicht unbeachtete Wahrnehmungen, die zur Entdeckung eines Verbrechers dienen können, dem Gerichte mitzuteilen.

Zweitens ist es ein fundamentaler Unterschied, ob man das rechtlich positive Bestreben, den Schuldigen zu eruieren mit einer Prämie belohnt, oder ob eine „Partei“ einen Beamten zu bestechen sucht, damit er das Recht beuge.

Einen Rechtsbegriff im tieferen Sinne hat die V. überhaupt nicht. Sie glaubt auch nicht daran, daß andere ihn haben könnten. Deshalb wurden die Aussprüche in der Verhandlung als so bezeichnend angeführt, daß man sie aus _sadistischen_ Gründen im Gefängnis schlecht behandele. Auch das Fakultätsgutachten weist darauf hin, daß sie gerade in Rechtssachen eine blinde Stelle in ihrer Seele hätte, „es eben nicht begreife.“ Auch die Memoiren enthalten eine in diesem Sinn bezeichnende Stelle.

„Plötzlich – es dämmerte schon – wurde auch meine Zellentür wieder geöffnet – ich war bis jetzt noch immer ruhelos auf- und abgerannt – und Dr. Bruno (der Polizeikommissar) holte mich in höchsteigener Person nach oben in seine Kanzlei. Gleich auf dem Wege beschwerte ich mich bei ihm wegen der mir zuteil gewordenen schlechten Behandlung und wegen des Schmutzes in der Zelle. Er _heuchelte_ Bedauern und sagte, gegen die Hausordnung könne er nichts machen. Aber ein zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen und gab der _Freude_ Ausdruck, daß die moderne Folter so gut funktioniere. In seinem Büro angekommen, meinte er zu mir: ‚Es ist ja in Ihre Hand gegeben, diesem Zustand, den Sie als so qualvoll empfinden, ein Ende zu machen. Legen Sie ein reumütiges Geständnis ab und ich werde trachten, Sie zu enthaften.‘

Wie viele sind auf solche Versprechungen schon hereingefallen und haben unter dem Druck der vorhin geschilderten Qualen und in der Hoffnung, diesen Qualen dadurch ein Ende zu machen, ein _fingiertes_ Geständnis abgelegt.“ Nun erzählt sie ausführlich von einer _unschuldig_ verhafteten Geschäftsfrau. Dann setzt sie fort: „Aus meiner Art, wie ich auf die verschiedenen Schikanen und Quälereien reagiert hatte, schloß Dr. Bruno, daß man bei mir mit der Einschüchterungsmethode nicht viel erreichen könne und suchte nun, mir durch freundliches Entgegenkommen Vertrauen einzuflößen. Da er mein blasses Aussehen bemerkte, schrieb er mir einen Zettel, daß ich auch tagsüber das Bett benützen dürfe. Damit widerlegte er allerdings durch die Tat seine früher aufgestellte Behauptung, daß er auf Dinge, die das Gefängniswesen betreffen, keinen Einfluß habe. (Aber vor allem widerlegt er durch dieses humane Wesen die Behauptung der verleumderischen V., daß er das Bedauern ihr gegenüber nur geheuchelt habe. Das geht auch aus dem folgenden hervor.) Er bot mir eine Zigarette und Feuer, zündete dann selbst eine Zigarette an und redete mir zuerst eine Weile freundlich zu.“

Sich selbst stellt die V. immer als Menschenfreundin hin. Sie allein hat „ein Herz“ für die armen Kreaturen, während „es Polizeibeamte gibt, denen wehrlosen Frauen gegenüber der Mut wächst und denen es eine Art _Vergnügen_ bereiten muß, diese armen Geschöpfe zu erschrecken. Kurz vor meiner jetzigen Haft,“ erzählt die V., „ging ich einmal spät abends von einem Konzert nach Hause. Mein Weg führte mich durch die Kärntnerstraße. (Diese Straße entspricht der Friedrichstraße in Berlin.) Vor mir trippelte eng an den Häusern entlang ein kleines Frauenzimmer. Ich beachtete sie nicht weiter und sah erst später, daß sie ungefähr 25 Jahre alt und entweder geheim oder behördlich sanktioniert der Prostitution ergeben gewesen sein dürfte. (Curialstil.) Plötzlich fuhr aus einem Winkel ein Wachmann so auf sie los, daß ich unwillkürlich erschrak. Er packte sie an der Schulter und schnauzte sie an: Bist schon wieder da, du Kanaille, jetzt kommst aber gleich mit. Sie weinte, sie bettelte, alles vergeblich. Er nahm sie unsanft beim Arm und wollte sie fortführen. Da verstellte ich ihm den Weg, _verwies_ ihm ein barsches Benehmen in höflichen Worten und ersuchte, das Mädchen frei zu lassen, da ich selbst hinter ihr hergegangen sei und mich dafür verbürgen könne, daß sie nichts Unrechtes getan habe. Da kam ich aber schön an! Nun entlud sich das Unwetter über meinem Haupte und mit knapper Not entging ich der Verhaftung wegen „Einmengung in eine Amtshandlung“. Der Wachmann aber zog mit seiner Beute ab. Es ist für die V. überhaupt sehr charakteristisch, daß sie immer den Wahn oder den Trieb hat, Justiz zu spielen. Mit Recht hat der Staatsanwalt gerügt, daß sie bei der zweiten Verhandlung unaufhörlich in den Gang der Verhandlung aktiv eingreift, oft mit scheinbarer Berechtigung, oft aber auch ganz willkürlich und fast immer mit Erfolg. Auch im ersten Prozeß hat sie bestimmte Zeugenaussagen gefordert, die Psychiater strikt abgelehnt. Dann wird es auch verständlich, daß sie, statt für ihre Begnadigung dankbar zu sein, einfach sagt: ich habe das Urteil nicht angenommen.

Die sentimentale Einstellung, die Giftmörderinnen oft zu eigen ist, ersieht man aus der folgenden Stelle, die vielleicht auch etwas homosexuellen Einschlag hat. Freilich ist das erotische Gebiet gerade bei den Verbrecherinnen schwer zu erforschen. Erotische Interessen sind, bei einer solchen Frau ganz besonders, allgemeine Lebensinteressen und die genaue Scheidung von den anderen Lebensbezirken und anderen Gefühlsregungen ist schwer durchzuführen. Auch hier. Die Stelle lautet: „Während meiner Verhaftung mußte ich plötzlich an meine _Lieblingsschülerin_ aus dem Vorjahr denken. Ich sah ihre großen, schönen Kinderaugen auf mich gerichtet und fragte mich voll schmerzlicher Neugier: ‚Was wohl die kleine Käthe dazu sagen wird, wenn sie es erfährt.‘“

Dabei ist allerdings sicher, daß „die kleine Käthe“ nicht allein das schöne, unschuldige Mädchen mit den „Kinderaugen“ bedeutet, sondern die ganze Welt der Schule, der Bürgerlichkeit oder besser der Kleinbürgerlichkeit. Dieses kleinbürgerliche Element, Ordnungsliebe und sentimentales Hängen an Gegenständen ist allerdings sehr stark bei der V. Ganz anders bei der Gesche Gottfried. Diese sagte aus: „Meine Bestürzung, meinen Schreck und Gefühl (als ich verhaftet wurde) kann ich unmöglich beschreiben ... Stelle dein Schicksal Gott anheim, sagte ich im Stillen zu mir selbst. Du bist für diese Welt verloren und wirst dein Haus nicht wieder betreten.“

Als die V. erfährt, daß man genaue Hausdurchsuchung (ohne etwas zu finden) in ihrem Zimmer gehalten habe, ist sie tief erschüttert. Ja, es scheint, daß alles andere nicht so tief gegangen ist. Sie schreibt darüber: „Es läßt sich nicht beschreiben, mit welchen Gefühlen ich hörte, daß in meinem Heiligtum, in meinem Schreibtisch, in meinem Bücherkasten, wozu ich keinem Menschen, nicht einmal meiner Mutter (?) Zutritt gewährt hatte, nun fremde Fäuste gewühlt und das Unterste zu oberst gekehrt hatten. Ich glaube an das, was Strindberg in einem seiner Werke „Die lebende Materie“ oder „Die belebte Materie“ nennt. Die Dinge, unter denen ich aufgewachsen bin, sie sind für mich gute Kameraden, jedes dieser Stücke hat sein eigenes Leben, seine besondere Geschichte, und oft glaube ich, daß auch sie mich kennen und lieben. (!) Die Sehnsucht nach diesen Gegenständen, nach unserem Haus, nach meinem Zimmer, nach dem Bücherkasten, dem Klavier und der Gitarre packt mich jetzt oft unbeschreiblich heiß und heftig und steigert die Qualen der Haft zur Unerträglichkeit ... Es war ein Schmerz, als ob man mir einen guten Freund gemordet hätte.“ Sie hat aber keinen „guten Freund“, wenigstens kennt sie keinen Menschen, nach dem sie die Sehnsucht „unbeschreiblich heiß und heftig packe“. Sind das die Gefühle der alten Jungfer, der Urschel, oder ist es der Ausdruck dafür, daß ein zum Spielen verdammter Mensch nirgends mehr festen Boden unter den Füßen hat und sich in seinen Zweifeln der Identität an die leblosen Dinge klammert, von denen er sich geliebt glaubt, weil er selbst sie liebt, während die belebten Dinge, das heißt, die Menschen nur zu sehr unter ihm zu leiden haben und er auch unter ihnen. Sie wird nicht müde, über diesen Eingriff in ihr wertvollstes Gut zu jammern. Kaum ein Wort über die Mutter, deren einzige Tochter und einzige Freude sie ist, sondern wieder nur folgendes: „Namentlich für Bücher hatten die Menschen, die meinen Bücherkasten durchwühlten, kein Herz. Da waren Einbanddeckel losgerissen und gebrochen, Seiten beschmutzt, Blätter eingerissen und eingebogen.“ Sie sagt später selbst, es handle sich dabei um rein sentimentale Regungen, tut aber diese abschwächende Äußerung nur deshalb, damit man in der Sorge um ihr Eigentum nicht die Angst vor der Bestätigung des Giftverdachtes wittern möge.

Für ihr erotisches Gefühl zu Frauen spricht folgende Stelle. Sie erzählt: „Eine Zellengenossin, ein hübsches, blutjunges Mädel aus sehr gutem Hause war während der Kriegszeit verschiedener politischer Delikte beschuldigt worden. Wegen ihrer _knabenhaften_ Körperformen, ihres kecken _Bubengesichtes_ und ihres oft jungenhaft übermütigen Benehmens wurde sie von Angehörigen Sascha genannt und auch wir (in der Zelle) pflegten sie mit diesem _Bubennamen_ zu rufen. Sascha gehörte wirklich einer geheimen Vereinigung von Anarchisten an usw.“

Es kommt ihr nicht darauf an, für die Republik in Österreich ein gutes Wort einzulegen, an einer anderen Stelle setzt sie sich, an sich nicht unvernünftig, gegen den ominösen Abtreibungsparagraphen ein, der bloß die sozial schlecht gestellten Schichten treffe und die gut bürgerlichen Kreise schone.

Wie sehr der V. das Geschäftliche ins Fleisch und Blut gedrungen war, erhellt auch aus folgender Stelle. Man darf dabei nicht annehmen, daß im Geschäfte Stülpnagels für sie besondere materielle Vorteile bestanden. Sie mag da Eigennutz ebensowenig bewiesen haben, als er auch sonst bei ihr in Erscheinung tritt. Wohl bedeutet die leitende Stellung die gesicherte Gegenwart und sorgenlose Zukunft, beides hatte die V. schätzen gelernt, aber ihr eigenes Schicksal hätte ihr doch näher liegen müssen als das Schicksal des Geschäftes. Und doch gelten ihre ersten Gedanken, Bedenken und Sorgen bei der Verhaftung nicht ihr selbst, sondern der Firma. – Man geht vielleicht nicht fehl, wenn man ihr wenigstens in diesem Punkte glaubt. „Da ich die Kassenschlüssel und andere Schlüssel des Büros bei mir trug und aus Erfahrung wußte, daß man, wenn man bei einer österreichischen Behörde zu tun hat, nicht unter ein paar Stunden wegkommt, ersuchte ich den (verhaftenden) Detektiv, mich entweder vorerst ins Büro zu begleiten oder mir sonstwie Gelegenheit zu verschaffen, die Schlüssel einem zuverlässigen Menschen zu übergeben, da ich für die Kasse verantwortlich sei und man im Büro Geld und Geschäftsbücher dringend brauche. Erst nach mehr als 24 Stunden wurde dieser dringenden und sicher gerechtfertigten Bitte entsprochen. Auf der Polizei angekommen, wieder dasselbe Warten. Ich saß wie auf Kohlen. Im Büro _lag viel Arbeit für mich_ und ich allein trug die ganze Verantwortung, da der Chef (an Bleivergiftung) krank lag. Ein Teil des Personals war auf Urlaub, ein anderer neu eingetreten und noch nicht so versiert, außerdem hatte ich mir für den Vormittag mehrere Parteien zu Besprechungen bestellt, wollte Geld kassieren, sollte Rechnungen bezahlen ... Viertelstunde auf Viertelstunde verrann, der Kommissär kam nicht. Ich saß mit der Uhr in der Hand und wartete.“

Sehr charakteristisch ist eine Stelle im dritten Kapitel des Buches. Der Aufsichtsbeamte kann den undeutlich geschriebenen Namen der V. nicht lesen. „Nachdem er eine Weile studiert und sich hinterm Ohr gekratzt hatte, fragte er in fast beleidigtem Tone: ‚Wia haßen Se?‘ Ich gab ruhig Auskunft, innerlich allerdings mit einiger Unsicherheit. Denn ich hatte in den letzten Tagen und Stunden solche Aufregungen und Gemütserschütterungen mitgemacht und war namentlich nach meinen Personaldaten so oft und eindringlich gefragt worden, daß ich wirklich schon zu zweifeln begann, ob ich wirklich ich sei, ob ich immer noch so und so heiße und ob ich je so geheißen habe. (!)

Ich habe in der Folge Stunden erlebt, in denen ich mir die Nägel ins Fleisch grub, um mich zu versichern, daß alles Wirklichkeit sei, daß ich noch lebte, wachte und nicht einen bösen Traum träumte.“

Manches wieder ist albern romanhaft, es stammt eben aus einer Zeit der Courths-Mahler, des Kinos. „Die Ruhe, die einen umfängt,“ erzählt die V., „hat nichts wohltuendes, sie ist furchtbar bedrückend und aufregend. Sie kann zur Verzweiflung, zur Raserei bringen. ‚_Lebendig begraben_‘ mußte ich in einem fort denken und noch heute verfolgt mich dieser Gedanke. Und doch ist dieser Zustand noch bedeutend ärger, als lebendig begraben sein (!), denn der lebendig Begrabene stirbt in kurzer Frist – dann ist er erlöst –. Die Qualen der Haft aber dauern lange ... In kurzen Zeiträumen kam der Posten an meiner Tür vorbei, dann guckte er herein. Mir kam blitzartig der Gedanke: ich werde warten, bis er weitergeht, dann werde ich schnell meinem Leben ein Ende machen, den Kopf gegen die Mauer rennen oder die Pulsadern durchbeißen (!). Dann dachte ich aber weiter: wenn sie mich tot finden, werden sie sagen, ich sei doch schuldig gewesen, ich habe mich selbst gerichtet ... ich erkannte _daher_, daß es nötig war, unter allen Umständen _durchzuhalten_ und diesen Kampf zu Ende zu kämpfen.“ Das ist allerdings nur Phrase. Echter ist folgende Klage und wenn sie auf Wahrheit beruht, macht sie der Stadt Wien und ihrer Polizei keine Ehre: „Es war kein Trinkgefäß, auch kein Becher in der Zelle, ich hätte also aus dem Kruge trinken müssen. Da auch keine _Waschgelegenheit_ in der Zelle vorhanden war, benützte ich das Wasser im Kruge, um mir ab und zu ein wenig Wasser über der Klosettmuschel auf das Taschentuch zu gießen und mich so zu waschen. Angeblich soll im Polizeigefangenhaus auch ein Bad sein, doch hat man mich _nie_ hin geführt und auch meine Leidensgenossinnen haben es nie gesehen.“

Das Bett besteht aus einer eisernen Bettstelle, darauf liegt ein zerrissener Strohsack aus graubrauner Sackleinwand, ein eben solcher Polster und eine dunkelbraune, pferdedotzenähnliche Decke. „Mich ekelte,“ sagt die V., „als ich dieses Bett näher besah. Strohsack und Polster zeigten reichlich Spuren zerdrückter Insekten, daneben auch Blutflecke und Flecken undefinierbarer Herkunft ...“ Natürlich sind auch Wanzen in reichlicher Menge vorhanden. „Fiel solch ein Tierchen von der Decke auf mein Bett,“ erzählt sie weiter, „daß ich es mühelos mit der Hand erreichen konnte oder kam es gar meinem Gesicht zu nahe, was ich, wenn ich es nicht sah, sofort an dem unleidlichen Geruch erkannte, dann gab ich ihm mit dem Finger einen Stüber, so daß es in sanftem Bogen zur Erde fiel. Ich habe einmal gehört, daß es mancher alte Türke ebenso machen soll. Was ich nicht mühelos erreichen konnte, ließ ich ungestört. Zwar spürte ich bald ein heftiges Krabbeln, Jucken und Brennen am ganzen Körper, doch war ich zu stumpf, um etwas dagegen zu tun.

... Ich mußte weiter denken, wie ungerecht und hart die Menschen doch eigentlich sind. Was tut uns die Wanze? Sie beißt uns und der Schaden ist so gering, daß er, juristisch gesprochen, nicht einmal einer leichten Körperbeschädigung gleich kommt. (Als leichte Körperbeschädigungen sah die V. ihre eigenen Taten an.) Was tun wir Menschen dafür der Wanze? Wir verurteilen sie zum Tode und vollstrecken dieses Urteil nicht immer auf die humanste Art ... Ich war so apathisch, daß ich für die aktiven Gefühle, die mich bei Tage beseelten, Zorn, Scham, Trotz, Enttäuschung, Erbitterung, keine Kraft mehr fand, sondern still dalag, in Schmerz aufgelöst. Manchmal schwieg für Augenblicke dieser Schmerz – dann betrachtete ich das ganze Erlebnis, meine Umgebung, mein Schicksal, mich selbst mit gespanntem, fast neugierigem Interesse – als ob ich ein unbeteiligter Zuschauer wäre. Ich fragte: „Wache ich oder träume ich? Bin ichs oder bin ichs nicht? Lebe ich oder bin ich tot?“