Part 10
Sehr interessant sind die moralisierenden Betrachtungen der V. Es ist schon aufgefallen, welche eigenartige Kraft sie treibt, Gerechtigkeit zu spielen. Im ethischen Sinn wird sich die V. trotz gelegentlicher Reue allen anderen, und besonders den Berufsrichtern und Polizeibeamten gegenüber im Punkte des Rechtsempfindens überlegen gefühlt haben. Das moralisierende, frömmlerische wird man bei der Gottfried noch viel deutlicher fühlen, das Courthsmalerische ist bei der anderen, einer ganz geschlossenen Persönlichkeit, noch viel exemplarischer zum Ausdruck gekommen. Daß aber die V. zu Gericht sitzt und zwar nicht über sich, sondern auch über andere, das ist eine Eigenheit, die sich nicht so bald wiederholt. Sie erzählt: „In der ersten Nacht, wenn der Gefangene das erste Mal wieder mit sich allein ist, tritt gewöhnlich die erste Ernüchterung nach der Tat ein. Er legt sich Rechenschaft ab über sein Tun und fühlt und ahnt wohl die näheren und entfernteren Folgen zum erstenmal. Später sorgen schon die meisten Herren von der Polizei und vom Gericht dafür, daß diese Reue, wie jede andere bessere Regung im Häftling unterdrückt werde. Sie bringen in der Regel dem Geständigen so wenig Verständnis entgegen, nehmen überall die schwärzesten, unedelsten Motive an, sehen die böseste Absicht und halten jeden für schlechter, als er in Wirklichkeit ist, so daß sich auch der _Schuldigste ungerecht_ behandelt fühlen muß. Das weckt Erbitterung und Trotz, durch die die Herren sich selber schon manches Geständnis verscherzt (!) haben – und durch sie auch in den meisten Häftlingen die Reue ertöten. Wahre Reue ist für den Verirrten das erste und wichtigste Heilsmittel, denn nicht die Strafe läutert ihn, die Strafe verdirbt ihn nur ...
Mir ist es in der Folge mehreremal geschehen, daß Frauen, die den Richtern gegenüber die ihnen zur Last gelegte Tat leugneten, mir ihr Vergehen unter den Zeichen lebhaftester Reue eingestanden haben und mir, da ich sie zu trösten, aufzurichten und zu gutem Vorsatz zu bewegen suchte, unter Tränen das Versprechen gaben, sich in Zukunft nie mehr gegen die Gesetze verfehlen zu wollen.“
Offenbar von sich selbst spricht sie in folgender Stelle: „Da hat einer vielleicht wirklich einmal einem anderen eine leichte Körperverletzung zugefügt, er bereut sein Tun und es drängt ihm (!) förmlich, sich dem Kommissar oder dem Richter anzuvertrauen. Aber Richter und Kommissar wollen von der leichten Körperverletzung nichts wissen – ein interessanter Fall winkt – die Affäre wird als versuchter Mord hingestellt, obwohl der „ermordete“ lebt und heil und gesund ist. Der Täter erschrickt – Mord? Das war nicht seine Absicht und war auch nicht geschehen. Wenn er sich nun nicht als „Mörder“ verurteilt wissen will, bleibt ihm nur das eine Mittel, die Handlung als solche überhaupt in Abrede zu stellen, also auch die leichte Körperbeschädigung zu leugnen. Er wird verbittert und verzweifelt an der Gerechtigkeit überhaupt.“
Zweifel an der irdischen Gerechtigkeit spricht sie wiederholt aus: „Die innere Ungewißheit: der Verhaftete wisse nie, wie die Sache ausgeht, weil er nie weiß, wie sie von den Herren, von denen sein Schicksal abhängt, aufgefaßt werden wird. Vielleicht ist diese innere Ungewißheit bei der zweiten Verhaftung noch größer, weil man da schon Erfahrung hat und weiß, von welchen Zufällen man abhängig ist und wie wenig man auf Menschlichkeit rechnen darf.“ (Dabei war sie doch nach kurzer Strafhaft begnadigt worden. Wer konnte auf Menschlichkeit rechnen, wenn nicht sie?) An anderer Stelle spricht sie von ihrem empörten Gerechtigkeitsgefühl, aber es ist eher Größenwahn und Verfolgungswahn, die sich überhaupt gern kombinieren. Denn wenn man eine sittliche oder geistige Größe nicht anerkennt, wie es ihrem Wahne entspricht, wird sie sich verfolgt wähnen und ihr Gerechtigkeitsgefühl wird sich empören. Aber dieser Größenwahn erstreckt sich auch auf die Mitgefangenen: Sie gibt ihnen „prächtige Anlagen“, die nur durch die Haft zerstört würden. Die Haft, die Strafe ist an allem schuld, davon wird sie niemand abbringen. Daß Haft nicht bessernd wirke, wird wohl richtig sein, aber ebensowenig wird sie den seelischen Kern eines Menschen anfressen können, eher versteinern. Und vor allem ist Strafe und Haft nur die Notwehr der menschlichen Gesellschaft, und man müßte ohne Voreingenommenheit gegen die V. sagen, die Haft für sie kann zwar nicht mild und rücksichtsvoll genug sein, aber ebensowenig darf sie zu kurz währen. Nicht als Strafe, sondern als Schutz und Prophylaxe. Sie selbst sagt: „Der Mensch wird in der Zelle verbittert, gereizt, kleinlich, boshaft, er vertiert allmählich. Und wenn er dann nach monatelanger Haft in den Gerichtssaal kommt, zeigen juristische Richter, Staatsanwalt und Psychiater mit dem Finger nach ihm und rufen entrüstet: Seht doch diesen schlechten, boshaften, gemeinen Menschen. Daß aber der Mensch erst in der Haft so geworden ist, daß er die Schlechtigkeit von Mithäftlingen, die Kleinlichkeit von Richtern und Psychiatern, die gemeinen Schimpfwörter von Aufsehern gelernt hat – das verschweigen sie alle, diese Hüter des Gesetzes und der versumpften Moral ...
Es gibt sowohl unter den kleinen Gelegenheitsdiebinnen als auch unter den ganz großen Berufsverbrecherinnen wahrhaft gütige Menschen, Leute, auf deren Wort man bauen kann, die Treue und Freundschaft vielleicht besser halten als mancher Spießbürger. (Spitze gegen Stülpnagel?) ... So fand ich in den Weiberzellen des Landesgerichtes gerade unter den ‚schwersten Nummern‘ Frauen von genialen Fähigkeiten (!), von sittlichem Werte, Frauen, um die ich hätte weinen mögen (offenbar sie selbst), daß ihnen kein besseres Los beschieden war, als der Kerker, Frauen, die von einem vernünftigen Psychiater – der anscheinend noch nicht geboren wurde – sicherlich gerettet worden wären.“
Die Gesche Gottfried schreibt: „O wie leicht irrt man in der Beurteilung des menschlichen Herzens! Wie empfindlich der Schmerz ist, von anderen verkannt zu sein und sich bei bestem Willen hämisch beurteilt zu sehen, davon hat wohl keiner mehr Ursache als ich ... So unedel, wie sie mich schildern, bin ich nicht, bloß unglücklich. Wer hat mehr Tränen der Verzweiflung geweint als ich – und lebe dennoch ... Können Sie mir eine unedle Handlung beweisen? Eine unglückliche Ehe war mein Los, aber Vertrauen zum lieben Gott ließ mich alles ertragen.“ Es handelt sich bei diesen Briefstellen der dreißigfachen Giftmörderin um Briefe an einen Mann, dem die Gottfried stets „als Frau von hohem Ehrgefühl und edelm Stolz“ erschienen war, und der, als die Giftmorde ans Tageslicht gekommen waren, mit der Veröffentlichung ihres Verhaltens in der Schuldsache gedroht hatte. Der Größenwahn der Giftmörderin geht aus den Briefen deutlich hervor.
Und doch, V. hat nicht nur ein sehr feines Gefühl für die Unhumanität anderer, sie hat auch selbst Regungen von Menschlichkeit. Sie erzählt von einer tschechischen Gefangenen, (auch hier mögen homosexuelle Motive mitspielen aber das ändert nichts an dem ethischen Wert der Handlungen), die wegen politischer Gründe gefangen war. „Bozena war damals am Verhungern. Die ärarische Kost war unzureichend. Zu kaufen bekam man im Gefängnis nur Wein und schwarzen Kaffee. (Es war gegen Ende des Krieges und in Österreich herrschte Hungersnot.) Manchmal erhielt B. Pakete von ihren Angehörigen aus Böhmen. Diese ließ man eine Zeitlang liegen, bis sie in der Kanzlei verdarben. So hatte B. nie satt zu essen und meine erste Sorge war, sie ‚aufzufüttern‘. Freilich ging dies nur ein ganz klein wenig, denn ich mußte von meinen Paketen auch an Sascha etwas abgeben, die ebenfalls wenig von daheim erhielt. Und ich bekam von meiner guten Mutter nur Pakete für mich, also nur für eine Person. Die Zeiten ließen sich schlecht an, man bekam selbst für Geld nichts zu kaufen und ich hatte nicht das Herz, meine Mutter um größere Sendungen zu bitten. Was für _eine_ Person bestimmt war, mußte für zwei reichen. B. sah zwar nach einiger Zeit ein ganz klein wenig besser aus, aber ich fürchtete doch, sie würde die Haft nicht mehr lange ertragen. Da schwor ich ihr zu helfen. B. war älter als ich, aber ich war energischer“ (eben der _Mann_ in der homosexuellen Bindung). „Verhandlung um jeden Preis: war die Parole ... Ich ließ kleinliche Erwägungen beiseite, schüttelte die Angst ab und handelte. Der Streich gelang. Bozenas Freund intervenierte bei einem Abgeordneten. Ich triumphierte, B. bekam durch mich ihre Verhandlung.“
„Im übrigen betone ich nochmals,“ sagt sie aber am Ende eines Kapitels, „daß weder Sensationslust, noch Rachegier, noch sonst ein unlauteres Motiv mich bestimmt, diese Dinge aufzuzeigen, sondern einzig und allein der aufrichtige Wunsch, den Ärmsten der Armen zu helfen.“
Zusammenfassung.
Es gelingt zwar durch die genaueste Berücksichtigung aller Dokumente sich annähernd ein Bild von der Seele der V. zu machen; allerdings nur bis zu dem Grade, daß man auch dann nicht positiv ihre Zukunft vor sich hat, was immer noch der einzig sichere Beweis dafür bleibt, daß man einen Menschen durchschaut und innerlich erkannt hat, aber man kann so viel zusammenfassend über die V. sagen. Ob Giftmischerei ein Verbrechen ist oder ein Trieb, das bleibt vorläufig offen, sicher ist nur, daß die V. eine Giftmischerin war und daß sie alle typischen Züge der _großen_ Giftmörderinnen trägt. Sie hat wohl kein einziges Todesopfer. Aber das beweist für die teuflische Absicht kaum etwas. Sie verwahrt sich oft genug dagegen, sie wiederholt immer, sie hätte nur eine leichte körperliche Beschädigung, nie aber einen Mord gewollt. Aber was sonst soll der große Phosphorgiftklumpen in der Pillenschachtel der Frau Piffl bedeuten? Sie verwahrt sich auch sehr bezeichnenderweise nicht in der Form, daß sie sagt, ich bin unschuldig, man kann mir eine solche Tat vernünftigerweise nicht zutrauen. Sondern sie geht von der Überzeugung aus: Alles ist möglich, warum nicht auch Gift von meiner Hand. Alles ist denkbar, auch daß ich gewollt habe, was geschah, nur will ich wissen, welches Motiv mich dabei hätte leiten sollen. Welchen „vernünftigen Grund“ sie gehabt habe, wird sie nicht müde, den Richtern und Geschworenen als Problem vorzuwerfen, welche Logik hätte sie denn dazu veranlassen sollen, sich einer großen Gefahr auszusetzen, ohne auch eine große Kompensation erwarten zu können. Fürstin wäre ich doch nicht geworden, sagt sie und gibt mit diesen schaurig kalten Worten einen Teil ihrer innersten Geheimnisse preis, nämlich ihr Grundprinzip, so _in Gift zu denken_, so im Giftkomplex befangen zu sein, wie ein Spieler in seinen Schachkombinationen, ein Kaufmann in seinen Bilanzen und Abschlüssen, ein Feldherr in seinen Plänen und strategischen Entwürfen. Das „Menschenmaterial“ sagt ja an sich dem Feldherrn auch nichts besonderes, er benützt es, um sich selbst und sein Genie zu Ende zu leben, persönlich tritt er nun weder in Güte noch in Haß entgegen, deshalb nennt er es ja Material und hütet sich, ihm nahe zu kommen, denn er könnte es, da er nur in dem Komplex denkt, der für den Einzelnen keinen Platz hat, nie gerecht behandeln, nie würdigen. Daher ihre Fühllosigkeit und Kälte, die an sich nicht Ausdruck der Bosheit sein müßte. Für die Würde, ja auch nur für die Existenzberechtigung des anderen hat dieser Mensch so wenig ein Gefühl wie die V. Wohl aber behält sie ihr Gefühl für die eigene Würde und das um so mehr, als sie sich und ihre Giftmanie in gewissem Sinne heroisch durchführt. Man kann das bei ihr sehr genau verfolgen. Man hört es nie von ihr und sieht es nie in den Akten, daß sie schwankt, daß sie in ihrer Tat, in ihrer paradoxen Zielstrebigkeit unsicher würde. Alles schwankt, alles bleibt unklar und verworren, nur nicht das Gift und dessen Wirkung. Und daß sie der Giftkomplex schändet, wird dieser Mensch nie verstehen. Denn wie wäre sonst ihre Rückfälligkeit zu deuten? Semper in idem, ist ihr heroischer Spruch. Sie kommt völlig ausgestoßen aus der Gesellschaft, verelendet und abgehärmt aus dem ersten Gefängnis. Aber kaum hat sie Brot, Beruf, Gesellschaft und Wirkungskreis, da vergiftet sie wieder von neuem.
Sie trägt einen weißen Anstandsunterrock und empfindet es als besonders qualvoll, daß sie sich unter den Augen des schnüffelnden Sicherheitswachmannes im Gefängnis auskleiden soll. Das mag ein Zeichen ihrer „Menschenwürde“ sein, und doch fehlt ihr völlig jedes echte Schamgefühl und bewiese sie dieses Fehlen nicht durch den Gebrauch der scheußlichsten, unqualifizierbarsten Schimpfworte, so dann doch dadurch, daß sie stets von ihrer Ehre und von ihrem Schamgefühl spricht und es eben dadurch prostituiert. „Es geht doch nicht um _Ihre_ Schamhaftigkeit,“ herrscht sie den Vorsitzenden des zweiten Prozesses an und erzielt dann, was sie will.
Ihre Tücke, ihre Teufelei zeigen sich am deutlichsten im Verkehr mit Halbfremden. Sie scheint da einem Ressentiment nachzugeben, dessen innerste Wurzel so leicht nicht zu finden ist. Die Verleumdung des Stiefsohnes der Eheleute Piffl, von dem sie wußte, daß er die furchtbarste Kindheit hinter sich hatte und ganz auf die Ungnade oder Gnade der Stiefeltern angewiesen war, ist da das sicherste Zeugnis. Das kann man nicht durch „Triebe“ entschuldigen, es ist böser Wille und böses Herz. Eine Notwendigkeit zu dieser Verleumdung lag durchaus nicht vor, sie mußte ihr zum Verhängnis werden. Man hatte wegen der unaufgeklärten Giftfunde auch die Köchin beschuldigt. Man hatte bei dieser nichts gefunden. Die Sache war im Abklingen, man hätte sich, besonders in den furchtbaren Zeiten zu Ende des Weltkrieges, dabei beruhigt, hätte die V. nicht von selbst darauf hingewiesen, um die Sache ja nicht in Vergessenheit kommen zu lassen. Wir finden bei einer ungleich größeren Giftmörderin, der Gesche Gottfried, von der hier schon öfter die Rede war, unter den vielen Taten, eine, die ihr selbst am nächsten ging, nämlich die Vergiftung ihrer treuen Freundin und Dienerin Beta. Und nicht der Tod der armen Frau liegt ihr besonders am Herzen und macht ihr Gewissensbisse, sondern der Umstand, sie habe zwei Menschen getrennt, die einander sehr nahe standen und die für sie, die Giftmörderin, alles hergegeben haben würden. Ich lasse den kurzen Bericht darüber folgen.
„Ihre treue (Dienerin) Beta Cornelius hatte während der Abwesenheit ihres Mannes 50 Taler von diesem erhalten, die für die Kosten ihrer bevorstehenden Entbindung bestimmt waren. Die Gottfried brauchte das Geld. Die Wöchnerin mußte die letzte Mäusebutter (Arsenikbutter), welche die G. noch vorrätig hatte, verzehren, aber Betas gesunde Natur widerstand lange. Nun gebar sie einen Knaben. Nun mußte die Todkranke ihre dreijährige Tochter vor sich sterben sehen, da das Kind von einer vergifteten Kirschensuppe zu essen bekommen hatte. Neue Mäusebutter, welche die G. sich schnell zu verschaffen gewußt, vollendete schließlich die Zerstörung des kräftigen Körpers ihrer Beta. Kein Todesfall schien sie später in gleicher Weise zu bedrücken als dieser und der ihres Sohnes Heinrich. „Ach, ich bekenne,“ schrieb sie, „zwei Menschen getrennt zu haben, die sehr glücklich waren und die beide ihr Leben für mich würden hergegeben haben.“ Man braucht diese Handlungen nur neben die versuchte Trennung des Stiefsohnes Piffl von seinen Zieheltern, ferner die versuchte Aufhetzung des Kardinals Piffls gegen seine Schwägerin und gegen seinen Bruder zu setzen. Und später ganz ähnlich: der Versuch, die Ehefrau Stülpnagel und besonders die zwei Söhne von dem Vater zu trennen, der an ihnen so sehr hing, daß die Giftmischerin sich doch hätte sagen müssen, wenn sie stürben, würde das nur ein Hindernis mehr sein für die Verehelichung mit dem Vater. Aber so sinnlos ist alles aufgebaut, daß sich die V. einfach mit den Worten hilft: die Knaben sind jung und stark, sie werden es leichter überstehen. So groß ist der Zynismus, daß sie über den Zucker den Witz macht: Würfelzucker fräßen die Buben, allerdings ersparte sie ihnen auch nicht, den Staubzucker zu schlucken, dem das Bleiweiß beigemischt war.
Über die Wahl des Giftes war die V. offenbar durch die Lektüre verschiedener Schriften informiert. Es scheint auch, daß ihr das träge, lymphatisch wirkende Gift Bleiweiß sympathisch war, daß es ihrer eigenen, nur scheinbar lebensvollen Natur angemessen schien. Hierzu kommt noch eins: Gerade träge, innerlich sumpfartige verrottete Naturen sehnen sich oft nach starken Impressionen, nach Nervenkitzel und Abenteuer. Daß dies bei der V. mitgewirkt hat, ist möglich. Entscheidend aber nicht.
Verfolgt man die Prozeßakten der Gesche Gottfried, so findet man mehr als einen Punkt, der, allen Abstand zwischen diesen beiden Frauen vorausgesetzt, wie er durch das Milieu, die Abstammung und das Alter bedingt war, diesen Frauen gemeinsam ist, es bildet sich sogar ein typischer Komplex heraus und die Analogie verschiedener Äußerungen geht fast bis zur wörtlichen Wiederholung. Bevor wir darauf näher eingehen, sei zuerst der sogenannten Hysterie gedacht, die man mit der V. in Zusammenhang gebracht hat. Wirkliche Symptome der großen Hysterie fehlen freilich bei ihr und Zeichen der kleinen Hysterie wird man bei keiner Frau ihrer Kreise ganz vermissen. Die Theorien Freuds, die vor allem auf die Hysterie sich beziehen, versagen also, von einer „Verdrängung“ kann keine Rede sein, und daß die Wiener Schule, die im ganzen doch als Nachfolge Freuds anzusehen ist, diesen Fall nicht psychoanalytisch aufzulösen vermocht hat, beweist wohl, daß er einer solchen Beurteilung die größten Schwierigkeiten entgegensetzt. Charakteristisch für die Hysteriedeutung Freuds bleibt immer das System, das sich der Kranke oder das sich im Kranken aufbaut, die strenge, fast ästhetisch schöne Methode, mit der dieser stille Wahnsinn sich die Welt umgestaltet. Von solch einer durchgeführten Methode findet man bei der V. so wenig sicheres wie bei der Gottfried.
Ganz ergebnislos ist die Untersuchung allerdings auch nach dieser Richtung nicht. Ich erinnere vor allem an die zynische Äußerung der V., daß das Bleiweiß die sexuelle Erregung, wenn auch nur auf kurze Zeit, steigere, es wäre also denkbar, daß die V. im Unterbewußtsein mit dem Gift als Aphrodysiakum operiert hat. Aber zwingend ist dies durchaus nicht. Es scheint überhaupt keine übermäßig starke erotische Triebsphäre bei ihr vorhanden gewesen sein und sie bedurfte daher nicht des Giftes als Kompensation für entgangene Liebesfreuden. Es macht eher den Eindruck, daß die V. lesbisch veranlagt war, eine Erscheinung, die bei Lehrerinnen nicht ganz selten ist. Aber hier trennen sich die beiden Sphären oder Lebensbezirke: Gift und bürgerliches Leben vollständig, und kein erotisches Erlebnis oder Sehnsuchtsgefühl vermag eine Brücke zwischen beiden herzustellen. Anders bei der Gottfried, die wohl auch einen starken bürgerlichen Komplex hatte, dabei auch einen starken Hunger nach Männerfleisch und eine Geldgier, die sich paradox mit verschwenderischer Wohltätigkeit paarte. Hier ist etwas, das an die Doppelseele der V. oder an ihr parzelliertes Bewußtsein erinnert. Die verschiedenen Interessen sind so von einander getrennt, widersprechen sich derart, daß manchmal ein geradezu erschütternd gespenstisches Lachen Zeichen dieser gräßlichen Entzweiung in einem gibt. Die Gottfried unternahm als ersten Giftmord die Tötung ihrer Mutter, obwohl diese mit abgöttischer Liebe, nicht anders als die Mutter der V., an der Tochter hing. Sie rührte der Alten Arsenik in ein Glas Limonade, das Lieblingsgetränk der Alten. Die Verbrecherin bekannte später: „Denken Sie, während ich das Gift hereinmachte, gibt mir der liebe Gott ein herzliches, lautes Lachen, daß ich erst selbst erschrak. Aber gleich besann ich mich: dies hätte der liebe Gott gefügt, zum Beweise, daß Mutter nun bald so im Himmel lachen werde.“
Die Veranlagung der Gottfried scheint aber im Grunde ähnlich wie die der V., eine lymphatische, temperamentlose gewesen zu sein. Man gab an, von früh auf hätte etwas ätherisches über ihrem Wesen gelegen. Von der V. sagt ihr Verteidiger, wie man annehmen muß, guten Glaubens, sie sei eine feingestimmte Seele. Gemeinsam ist beiden eine gewisse abergläubische Neigung, die sich daraus erklärt, wie schon ein zeitgenössischer Beurteiler feststellt, daß sie, die Gottfried, in selbsttrügerischer Weise vom Schicksal einen Wink erhalten wollte, um durch irgend etwas _von außenher_ zum Werk veranlaßt zu werden. Sie wendete sich ebenso wie die V. an Kartenlegerinnen, oft an vier nacheinander und erhielt Auskünfte wie: die ganze Familie würde aussterben, sie allein würde übrig bleiben und dann ein sehr gutes Leben führen.
Ganz ähnlich wie bei der V. die große Rolle die Wahrsagerinnen bei ihren Taten spielten. Gemeinsam ist beiden Frauen auch der Hang zu ernster Lektüre: bei der Gottfried sind es religiöse Erbauungsbücher, Dräsekes Predigten und das Liederbuch, die ihr nicht bloß zum oberflächlichen Durchblättern dienen, sondern in Fleisch und Blut übergegangen sind, wie ihr Briefstil beweist, bei der V. sind es Schopenhauer, Goethes Faust, Nietzsche und Lieglers Buch über Karl Kraus.
Sind in einer Seele so divergente Triebe und Wesenheiten aneinander gekettet, so läßt es sich verstehen, daß solch eine Frau seelisch sich nicht leicht ergibt, daß sie nur zu gern einen Teil ihres Wesens gegen den anderen ausspielen möchte, und daß sie das Gute oder wertvoll scheinende, das humane und Menschenfreundliche unter allen Umständen gegen das teuflische in Erscheinung zu bringen trachtet. Sie sucht sich ihre Güte, ihre Nichtteufelei selbst zu beweisen, spielt mit allem, weil sie die Konsequenz ihrer innersten Natur zu ertragen nicht stark genug ist. Wer wäre so stark? Mutter-, Vatermord, Bruder-, Kindermord – Diebstahl, Unterschlagung, Abtreibung, wer sieht sich selbst ohne Schaudern? Das geht bei der Gottfried so weit, daß sie Menschen unter den fürchterlichsten Martern den Tod schickt, um _wohltätige_ Werke verrichten zu können. Offen bekennen kann solch ein Mensch nicht und es ist vielleicht ungerecht, ihm das allzu lange Zögern bei der Beichte als erschwerend auszulegen, wie es das Gericht beim zweiten Prozeß V. getan hat. Auch die G. hat nur langsam bekannt, sie gestand nicht mit einem Male, es war ein fortgesetztes, zweijähriges Bekennen und auch durch dieses Bekennen zog sich fortgesetztes, neues Ableugnen, „sie machte immer wieder Versuche, mit sich schön zu tun und das Mitleid und Interesse zu erwecken.“ In keinem der Fälle dieser Art, wie denn auch in dem Fall Brinvilliers hat man die Motive ganz aufklären können. Bei der V. ist als erschwerender Umstand für eine reine Deutung eine maskenhafte, äußerlich ästhetisch orientierte[3] Banalität und ein starres fast stupides Verharren auf dem dürftigsten Geständnis, das sie wie ein Almosen dem Richter zubilligt. Auch die Brinvilliers hat alles geleugnet, überhaupt nur stereotyp erstarrte Antworten gegeben. Wichtig ist aber sicher zweierlei: der Mangel am Gedächtnis als positives Kennzeichen des Giftkomplexes und das Fehlen wahrer starker Affekte als negatives Kennzeichen; vor und nach der Tat können starke Affekte einsetzen, aber die Tat muß kalten Herzens angefaßt worden sein, daran ändern die wiederholten Motivierungen der V. von ihrer grenzenlosen Verzweiflung nichts.
[3] Als sie zum zweiten Male vor dem Untersuchungsrichter steht, bewundert sie dessen schöne Hände, möchte sie modellieren, nur ein verkrümmtes Fingerglied an seiner Hand stört sie bei ihrem Anschmachten.
Über den Mangel an Gedächtnis hat die Mutter der V. gelegentlich der italienischen Reise sehr bezeichnende Angaben gemacht. Handelt es sich hier um epileptoide Erscheinungen, um Absenzen oder um ein Phänomen, das Proust „Intermittences du cœur“ nennt?