Part 4
Über das erotische Leben dieses Mannes, über seine allzu menschlichen Abenteuer weiß man gar nichts. Er hängt mit verbissener und grandioser Liebe an seinem Bruder und seiner Schwester. Widmet ihnen seine Dienste über den Tod hinweg in einer seltsamen und düsteren Treue, die auf jeden Menschen einen ergreifenden und echten Eindruck macht.
So lebte er bislang.
Dann trat eine Frau in sein Leben und alles wurde anders.
Emil lernte sie eines Abends in einem Caféhaus am Alexanderplatz kennen. Nannte sich Vogel und war als Verliebter eigentlich genau so, wie er als Typus in der Geschichte der Kriminalfälle unserer Zeit weiterleben wird. Voll unermüdlicher Höflichkeit. Still und doch lebendig. Aufopfernd. Las der Freundin jeden Wunsch von den Augen ab. Für Geld hatte er keinerlei Sondergefühle. Gab es mit vollen Händen aus. Kaufte ihr Kleider und Wäsche. Er war Schlosser und verdiente. Führte auch seinen Bruder ein. Zog schließlich ganz zu ihr. Lüftete aber nie das Geheimnis, das sich hinter dem rätselhaften Vogel verbarg.
Als der Vater der Freundin starb, kaufte er ihr Trauerkleider und ging ihr zuliebe auch in Trauer.
Nicht nur die Richter legten ihm diese Rolle übel aus. Fanden seine Zärtlichkeit und die Schonung, die eigentlich aus allen seinen Handlungen sprach, unaufrichtig, seine Freigebigkeit verschwenderisch. In Wirklichkeit aber hatte ihn zum ersten Male der Hunger nach Leben gepackt. Die Erkenntnis vor der endlichen Fruchtlosigkeit seines Kampfes mochte ihm ganz entfernt und leise dämmern. So klammerte er sich mit allen Fasern seines liebebedürftigen und bisher verschmähten Herzens an dieses Erlebnis und war entschlossen, es bis zum Ende auszukosten.
Dieses Ende sollte bald hereinbrechen.
Im Dezember des Jahres 1919 herrschte geradezu eine Epidemie der Einbrüche und Überfälle. Die Polizei war Tag und Nacht auf den Beinen. Alle Kommandos waren ständig unterwegs. So suchte am neunten Dezember ein Kommando unter Führung des Kriminalwachtmeisters Erdmann nach den Urhebern eines Raubüberfalles auf einen Geldtransport der Post in der Nähe des Schlesischen Bahnhofes.
Nun waren bei der Polizei Nachrichten eingegangen über die auffallenden Ausgaben einer Witwe B. in der Guineastraße, bei der zwei Brüder Vogel wohnten.
Die Gegend war nicht geheuer und der Schluß der Polizei, daß diese Gelder aus unlauterer Quelle stammen müßten, vielleicht aus jenem Raub, lag nahe.
So machten sich also die Beamten auf den Weg zur Guineastraße – fünf an der Zahl.
Frau B. feierte ihren Geburtstag und es ging hoch her. Etwa ein Dutzend Personen war um den Tisch des Hauses versammelt. Es gab Wein, Schnaps, Kuchen und reichlich zu essen und zu trinken.
Die Beamten betraten die Wohnung und erklärten, daß sie eine Hausdurchsuchung abhalten müßten.
Man war einverstanden. Die Personalien der Anwesenden wurden festgestellt, und die Beamten fanden an dem Namen Vogel nichts Verdächtiges. Sie waren ahnungslos und fremd in die Wohnung des Löwen geraten.
Diese Ahnungslosigkeit der Beamten sollte das Verhängnis beider Teile werden.
Es war ein schwerer Fehler der leitenden Stellen der Polizei, daß sie ohne genügende Beobachtung Mannschaften, die den Charakter der Brüder Strauß nicht kannten, gegen diese vorsandten. Sie hätten eruieren müssen, wer diese Brüder Vogel sind. Und dann ausgewählte Beamte, wie das bei der eigentlichen Verhaftung dann auch geschah, auf Streife schicken sollen.
Das ganze Renkontre mit dem tragischen Ausgang ist auf diese Unachtsamkeit zurückzuführen. Es wäre unter den richtigen Voraussetzungen nie zu diesen blutigen Exzessen gekommen. Der Ruf des Beamten mußte den verwirrten Strauß, der doch sofort bemerkte, daß er einen durch seine Unkenntnis gefährlichen Gegner vor sich hatte, als die Drohung mit Schießen erscheinen, so daß psychologisch das Moment der Notwehr gegeben war.
So wurde er das Opfer polizeilicher Unvorsichtigkeit, geriet gewissermaßen in eine unfreiwillig gestellte Falle, der er nicht entrinnen konnte.
Wie man wirklich seiner habhaft werden konnte, ohne viel Aufhebens und vor allem ohne jeden Widerstand, bewies später der Kriminaloberwachtmeister Dettmann.
Die drei Kriminalbeamten begannen mit ihrer Arbeit. Fanden eigentlich nichts. Bis einer auf dem Ofen einen großen Packen Geldscheine liegen sah.
Emil entfernte sich, um eine Leiter zu holen. Erich hatte sich beim Eintritt der Beamten unbemerkt zurückgezogen.
Aber der Beamte behalf sich mit einem Stuhl, holte das Geld und setzte sich an den Tisch, um zu zählen. Zwischendurch fragte er Frau B. nach dem Ursprung einer so großen Summe, die sie als die Erbschaft von ihrem Vater erklärte. Diese Auskunft genügte nicht und er fragte, weshalb denn das Geld oben auf dem Ofen liege. Im allgemeinen pflege man doch einen solch hohen Betrag in der Bank oder an einem sichereren Ort zu verwahren.
Hier mischte sich Emil, der bis jetzt ganz ruhig, äußerlich zumindest, geblieben war, in die Unterhaltung und motivierte dieses Versteck, das nach seinem Dafürhalten durchaus sicher sei. Die Beamten durchsuchten nun weiter die Wohnung, und Emil zog sich einen Augenblick in eine kleine Kammer zurück. Seine Abwesenheit wurde aber von Erdmann bemerkt, der ihn fragte, was er da mache.
Da erscholl das Knacken eines Revolvers, der Beamte sprang auf und schrie: „Hände hoch!“
Niemals hatten die Brüder Strauß bis jetzt irgendeinen Angriff auf das Leben eines Menschen unternommen. Sie waren dafür bekannt, daß sie nie Waffen trugen. Woher kam diese plötzliche Wendung?
In der Verhandlung erzählte Emil etwa folgendes:
„Eines Tages erschien Erich mit zwei Revolvern und übergab sie mir für den Fall, daß wir bei einer unserer Klettertouren abstürzen sollten. Dann wollten wir uns erschießen, um nicht lange in Qualen sterben zu müssen oder als Krüppel herumzulaufen. Nie aber, und das machte ich ihm zur heiligsten Pflicht, darf auf einen Polizisten geschossen werden. Sei es wer immer!“
Diese beiden Revolver lagen ungeladen in der kleinen und finsteren Kammer versteckt.
In irgendeiner Assoziation, die wohl nur aus seiner alkoholisierten Stimmung, aus seinem Erlebnis mit der Frau zu erklären ist, vielleicht auch aus Verzweiflung und trüber Ahnung nahm Emil die eine Waffe und versuchte zu laden.
Dabei schnappte wohl der Hahn und der Ruf des Beamten schreckte ihn auf. Riß ihn in die entsetzliche Wirklichkeit zurück.
Er trat in die Stube und auf das Kommando: „Hände hoch!“ begann er zu schießen. Streckte den Wachtmeister Erdmann nieder. Die beiden andern Polizisten schossen ihrerseits zurück, und plötzlich tauchte auch Erich auf, der sich an dem Gefecht beteiligte und wie wild um sich knallte.
Entsetzt flüchteten die Gäste in wildem Tumult.
Die Polizisten waren sämtlich mehr oder minder schwer verletzt. Die vor der Türe postierten beiden Probanden halfen ihren verwundeten Kameraden.
Emil schnappte einen Teil des Geldes vom Tisch. Er hatte einen leichten Streifschuß erhalten. Die Treppe hinauf ging es und über die nächtlichen Dächer auf gewohnten Pfaden ins Freie.
Aber er hatte auf dem Tisch seine Brieftasche vergessen. Als man sie öffnete, war die Lösung des Rätsels gegeben.
Die Brüder Strauß waren abermals entwischt.
Wenige Tage nach dem Kampfe erlag der wackere Wachtmeister Erdmann seinen schweren Verletzungen. Seinem Kollegen Krumpholz, der einen Kopfschuß erhalten hatte, mußte ein Auge entfernt werden.
Die beiden Brüder erkannten, daß jetzt ihr Leben auf dem Spiele stand. Die ganze furchtbare Gewalt ihres Schicksals stand klar vor ihren Augen. Bislang wußten sie, daß sie auf Gnade zu hoffen hatten, und daß die Polizei bis zu einem gewissen Grade gute Miene zum bösen Spiel machte. Sie in den Grenzen des Erlaubten schonend und menschlich behandelte. All diese Sympathien, auch in der Öffentlichkeit, hatten sie sich verscherzt. Der Ton der Presse, bis jetzt voll heimlicher oder offener romantischer Bewunderung, schlug in grelle Entrüstung zu Schreien nach Sühne und Vergeltung um. Und das mit Recht.
Selbst gesetzt den Fall, die Schüsse waren ein Akt der Notwehr, der Verzweiflung und Verwirrung ... ein kühler und beherrschter Intellekt wie der des älteren Bruders hätte die Gefahr spüren, wittern müssen, der er entgegenstürzte in dem gleichen Augenblick, da er die Waffe berührte.
Die beiden irrten durch Berlin, um einen Unterschlupf zu finden. Wohl selbst ihrer Sache überdrüssig und gewiß, daß sie nicht lange mehr verschnaufen würden.
Den Ermittlungen der Polizei war es gelungen, ihren Aufenthaltsort ausfindig zu machen. Am siebenten Januar 1920 erschien Kriminaloberwachtmeister Dettmann bei der Inhaberin eines Logis im Norden und verlangte Einlaß in eine Hinterkammer, in der zwei Männer unangemeldet wohnen sollten. Ein kurzes Palaver.
„Aufmachen, Emil, hier ist Dettmann ... wir haben Handgranaten.“
„Wenn ihr vernünftig seid, wir sind es auch.“
Dann wurde die Tür geöffnet. Die beiden Brüder standen, nur mit dem Hemd bekleidet, mit hochgehobenen Armen in der Kammer. Sie ließen sich ohne Widerstand festnehmen und abführen.
Mit dieser ihrer Festnahme hat die „Laufbahn“ der beiden vorläufig ihr Ende erreicht.
Ein Jahr blieben sie in Untersuchungshaft.
Die Anklage lautete auf Mord, Gefangenenbefreiung, Einbruch.
Jetzt begann der Kampf ums Leben.
VIII.
Der Tag der Verhandlung war ein großes Ereignis.
Hunderte von Polizisten in Uniform und Zivil hielten alle Zugänge zum Moabiter Gerichtsgebäude besetzt, das von einer großen Menschenmenge, Interessenten, Anhängern und Freunden der beiden umlagert war.
Der Transport der Angeklagten ging unter allen nur erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen vonstatten. Die an Händen und Füßen gefesselten Brüder wurden von einer Schar Bewaffneter eskortiert und in den Saal geleitet. Dort nahm man ihnen zwar die Handschellen ab. Die Füße dagegen blieben mit langen Ketten geschlossen, die bei jeder Bewegung ein schauerliches Gerassel ertönen ließen.
Polizisten nahmen neben den Angeklagten Platz und hielten die Revolver schußbereit. Man war auf alle Eventualitäten und Zwischenfälle vorbereitet.
Trotz der schärfsten Kontrolle aber war es einer ganzen Anzahl der Zunftgenossen der Einbrecherkönige gelungen, sich auf die Tribünen zu schleichen, wo sie friedlich zwischen hohen juristischen Leuchten und Herren der Gesellschaft saßen. Aber gerade vor diesen Anhängern hatte man Angst. Waren doch allenthalben Gerüchte verbreitet, daß die Gesinnungsgenossen in ihrer Verehrung für ihr angestammtes Herrscherpaar sogar zu einem Befreiungsversuch entschlossen seien.
Der Vorsitzende befahl also, zunächst die Tribünen zu räumen, was nach einigen Schwierigkeiten auch gelang.
Bleich und mager, aber unerschüttert saß Emil Strauß in der häßlichen Gefangenentracht auf der Bank und ließ den Blick durch den Zuschauerraum gehen, wo er einige Bekannte mit einem leisen Kopfnicken begrüßt.
Dann beginnt die Verhandlung mit den üblichen Formalitäten, nach deren Verlesung, Anklage, Vorstrafen der Auftakt, die große Überraschung einsetzt. Der Angeklagte Emil Strauß erhebt sich und will eine Rede halten.
Der Staatsanwalt unterbricht ihn.
Der Redner aber wehrt ab mit der Begründung, daß hier ein Menschenleben auf dem Spiele stehe und ein paar Minuten deshalb keine Rolle spielen dürften.
Dann gibt es kein Halt mehr für ihn. Er ignoriert die Einwände und Aufforderungen des Vorsitzenden, zur Sache zu reden. Die Sache, das ist eben seine Anschauung von den Ursachen und Irrwegen seines jetzigen Zustandes, dessen Wurzeln er ausgräbt und bloßlegt. Eben in jener Rede, die eingangs bereits wörtlich abgedruckt ist.
Der Eindruck, den sie machte, war überraschend und hatte wohl die gut berechnete Wirkung, allen bösen Anschauungen, die die Geschworenen durch Presse und Legende in sich aufgenommen hatten, durch einen echten und menschlich ergreifenden Urtext zu verdrängen. Natürlich war die Art seines Vortrags dem Inhalt entsprechend. Klar und kompliziert zugleich, tief durchdacht und schließlich doch gebunden an die böse Realität seiner Existenz, die nun hier vor der letzten Instanz sich an ein menschlicheres Ohr wandte, als er es bisher in der Welt gefunden.
Dieser ungewohnte und doch wahre, nüchterne und durch keine Phantasie auszudenkende Bericht erregte in ganz Deutschland größtes Aufsehen. Nur nicht an der Stelle, wo es der Fall hätte sein müssen.
Der Staatsanwalt begründete die Anklage formal und psychologisch auf Mord.
„Von Notwehr kann keine Rede sein. Weder wußten die Polizisten, mit wem sie es zu tun hatten, noch lag ein Grund zu einem Angriff von ihrer Seite vor. Sie rechneten auch gar nicht damit, da alles in Ordnung und Ruhe vor sich ging und niemand der Betroffenen, am allerwenigsten Emil Strauß, auch nur eine Spur von Erregung zeigte.
Als der eine der Beamten den Angeklagten in der Nebenkammer, die er noch gar nicht bemerkt hatte, rumoren hörte, fragte er instinktiv, und das Kommando „Hände hoch!“ war keineswegs ein Signal für einen Angriff seinerseits, sondern lediglich ein Warnungsruf, eine Aufforderung in der eigenen erkannten und zur Gewißheit gewordenen Gefahr.
Gleich darauf betrat Emil Strauß das Wohnzimmer, den erhobenen, schußbereiten Revolver in der Faust, und zielte mit absoluter Ruhe und Kaltblütigkeit wie auf dem Übungsplatz gegen die Polizisten, die gleich vor der Mündung saßen oder standen.
Zwischen dem Verlassen des Zimmers und seinem Wiederauftreten mit der geladenen Waffe liegt die Überlegung und der Entschluß, zu morden. Sich mit Gewalt aus der brenzligen Situation zu retten.
Die beiden Brüder gehören ihrem ganzen Wesen nach zu den gefährlichsten Einbrechern, die Berlin je heimsuchten, und es liegt in ihrer Natur, auch wenn sie heute mit bombastischer Rede und psychologischen Erklärungen ihre Taten als zwangsläufig und unabwendbar hinstellen möchten, daß sie vor nichts, auch nicht vor der Vernichtung blühender Menschenleben zurückschrecken.
Durch die Aussagen der Beamten ist ferner erwiesen, daß keiner der beiden auch nur angetrunken gewesen wäre, geschweige denn, wie Emil angibt, vollkommen benebelt. Dagegen spricht ihre sofort folgende Klettertour über die vereisten Dächer.
Die Tat ist bei voller Besinnung und in klarer Erkenntnis der Folgen begangen.“
So etwa lautete das lange und kunstgerecht aufgebaute Plaidoyer des Staatsanwaltes, der Todesstrafe beantragte.
Dann folgte die Rede des Verteidigers, der das Gegenteil feststellte und vor allem die Tatsache unterstrich, daß gerade diese beiden gefährlichen Verbrecher nie auch nur eine Spur gewalttätiger Gesinnung gezeigt hätten. Daß Emil mit Tränen in den Augen sagte, er werde nach seiner Entlassung bis an sein Lebensende für Frau Erdmann arbeiten, und sie möge ihm doch verzeihen.
Gerade die menschlichen und so komplizierten Seiten der früh verstoßenen und unglücklichen Menschen legte er dar und appellierte an das Gewissen der Geschworenen.
Und er behielt recht. Die Geschworenen zogen sich zu dreistündiger Beratung zurück und fällten den Wahrspruch: Totschlag.
Das Urteil lautete in der Zusammenfassung mit anderen Strafen zu der gesetzlich zulässigen Höchststrafe von fünfzehn Jahren Zuchthaus.
Die Strafe wurde von den Brüdern angenommen.
IX.
Hier wäre nun der Kreis und die Summe der Taten dieses Verbrechers, der Mensch werden wollte und nicht durfte, die rein oder vermischt kriminalistisches Interesse beanspruchen können, geschlossen. Die Gerechtigkeit hat ihren Lauf genommen, wurde befriedigt und der Sünder hat seine Buße angetreten.
Der Physis nach, soweit das vorbestimmte Los den Menschen Strauß zum Einbrecher, zum Opponenten gegen die öffentliche Moral und schließlich zum Mörder werden ließ, wäre hier sein Leben, soweit es die Öffentlichkeit erregte, fesselte und entsetzte, beendet.
Doch wie aus dem Gesagten erhellt, lief parallel zu diesem gewalttätigen, häßlichen und niedrigen Kampf, so sehr er auch vorbedingt war von einem ehrlich gefühlten und gedeuteten Haß, der Kampf des klugen und weichen, lebendig bewegten und spekulativen Menschen Strauß. Der feierte seine Auferstehung im düsteren Gestank der Zelle, fern aller anderen Anregung als der der toten Buchstaben. Anteil am Kampf um Bildung, Wissen, Glauben der Menschen in Freiheit blieb ihm versagt. So nährte er sich von den Brosamen des reichbestellten Tisches und ward zwar blaß und schattenhaft, aber er spürte sich wachsen.
Und das Licht des unvergitterten Tages bekam ihm auch nicht. Im Gegenteil. Er mußte in Ohnmacht gegen den Dämon verstummen.
Unterlag immer wieder dem nie endenwollenden Haß, der finsteren Rachsucht, die die Hände zu Dietrich und Stemmeisen und schließlich zum Revolver greifen ließ.
Dennoch lebte der weiße Bruder in diesem Wesen weiter.
Zwiespältig geboren, gleich stark begabt, war es eine Frage der Zeit oder der Niederlage, welcher Teil seines Wesens den Sieg davontragen würde.
Der Abgrund, der aus seiner Schreckenstat aufklaffte, der Rand des Grabes, dem er wie durch ein Wunder entging, das Wehen der anderen Welt trieben ihn zur Besinnung. Es scheint wirklich, als habe ein Teufel ihn besessen, im übertragenen Sinne. Und der Donner der letzten Stunde und das Sterben eines Unschuldigen mußten ihn befreien.
Das Jahr der Untersuchungshaft bedeutete für ihn mehr als das Warten auf den letzten Spruch. Mehr als die Bilanz eines verpfuschten Lebens. Wollte er Ja sagen, so gab es für ihn keine bessere Lösung, als sich entweder, wie so oft zuvor, den Armen der Justiz zu entwinden oder Schluß zu machen. Mit diesem Leben und allem Zukünftigen.
Und hier gab es für ihn wie für jeden Menschen schließlich zwei Möglichkeiten, unter denen er wirklich in Freiheit zu wählen hatte.
Einmal den Weg, den wohl die meisten Verzweifelten gehen, die am Ende sind mit ihrer Kraft, denen das Leben ausging unter den saugenden Umklammerungen des Unglücks ... den Selbstmord. Dieser Weg stand ihm offen, durchaus und wahr als ein begreifliches Los nach dem Zusammenbruch aller menschlichen und erotischen Möglichkeiten auf ein ganzes Menschenalter hinaus. Sicher hat dieser extreme Ausgang in der Nacht der Kerkermauern oft vor seinem geistigen Auge gestanden. Die große Gleichgültigkeit und Ermattung, die ganz heimliche und letzte verzweifelte Erkenntnis, die ja doch wohl der wahre Sinn dieses Lebens, daß alles keinen anderen Sinn haben kann als den des dummen und sinnlosen Alterns und Sterbens. Und je schneller man diesen Weg beendet, desto besser.
Trotzdem vermied er diesen gewalttätigen Schluß.
Die Bindung an den Bruder mag da mitgesprochen haben wie die andere, so verhängnisvolle an die Geliebte. Aber sicher nur sekundär.
Der wahre und zugleich tiefere Grund ist wohl seine ursprüngliche und robuste Bejahung des Daseins, die primitive und durch keinen Aderlaß der Vorfahren gebrochene Lust an der Arbeit, die naive Freude am Weiterkommen, der Glaube an die Bedeutung des einzelnen für die Gesamtheit oder für ein so imaginäres Ziel wie den Fortschritt oder die Wissenschaft oder ... die Gesellschaft. Der eingeborene soziale Instinkt und die Hochachtung vor dem eigenen mühsam erworbenen Wissen, sein Selbstbewußtsein hielten ihn ab.
Aber er löste das Problem dennoch, wenn auch auf eine ganz unwahrscheinliche und abseitige Art. Er tötete den gewesenen Menschen in sich ab. Das mönchische Prinzip von der Abtötung des Fleisches, das ihm doch durch das Gefangenenleben schon ausgiebigst vertraut war, trieb er auf die Spitze in geradezu ekstatischer Raserei. Zugleich als einzigen Ausweg, um überhaupt die erdrückende Last der Zukunft ertragen zu können.
Er wußte zuviel, um als haßerfüllter Sträfling in der Masse der Namenlosen untergehn zu können.
Er hoffte zuviel, um Hand an sich legen zu können.
So wählte er den esoterischen Weg der Flucht in die sinnvolle unsinnliche Konzentration und Versenkung in Gott.
Er wählte das letztere.
Von der frühesten Kindheit bis zur letzten Verhaftung bildete dieses Dasein eines Verstoßenen eine Kette unaussprechlicher Leiden, die niemand begreifen konnte. Finsteres Verhängnis hielt den Gleitenden gefaßt und stieß ihn immer tiefer abwärts.
Das war kein leichtsinniger oder zynischer Bruder, der da über dem Abgrund schwebte und Läden plünderte. Der zwölf Jahre Kerker absolvierte, um immer wieder zu frischen Strafen bereit zu sein.
Sondern ein düsterer, schwerblütiger und verzweifelter, ein ewig fragender und belasteter Intellektueller, der aus Passivität gegen sein Geschick zum Verbrecher wurde.
Seine Aggressivität war die Betäubung der Stimme in der Brust, die das große Warum dieses Daseins niederbrüllen sollte. Das Erwachen war immer grauenhaft.
Man kann sich einen reinen Typus des Empörers vorstellen, der auf eigene Faust und ungehemmt seinen Kampf austrägt und von keinen metaphysischen Sorgen behelligt von Tat zu Tat schreitet und seinem Ende, das früher oder später doch kommen muß, gelassen entgegenschaut.
Dieser Typus des Eroberers, des Kolonialmenschen ist dieser Emil Strauß nicht. Die Verkrümmung seiner energischen Linie liegt ganz früh. Vielleicht kam er mit ihr auf die Welt. Es ist sicher, daß er in anderer, gesünderer Umgebung ein bedeutender, um nicht zu sagen ein großer Mensch geworden wäre.
So aber, außerhalb aller menschlichen Beziehung, ein Verbannter in der Heimat, entfernte sich auch sein Rückweg, die Umkehr ganz und gar von der Norm.
Der Angleich an die Welt kann ihm nicht gelingen. Er gleitet an ihr vorüber und landet in einem metaphysischen, religiösen System, der Christian Science.
Wert oder Unwert dieser Lehre, die aus Amerika, wo sie Anhänger nach Millionen zählt, soll hier nicht untersucht werden.
Die Voraussetzung allen metaphysischen Erlebens ist natürlich der Glaube, sei es an Gott oder den Teufel oder an sich selbst und die im Menschen wurzelnden, unbekannten Kräfte. Sei es auch nur die Hoffnung, einem Glauben verbunden zu sein und einer gleichgerichteten Schar, daß man menschliche Nähe wieder spüre, eine Hand, die in die gräßliche und einsame Finsternis dieses Lebens langt, mit etwas Wärme behaftet.
Jedenfalls steht das eine als ein sonderbares Mysterium, wäre man versucht zu sagen, fest, daß das Leben dieses bisher in heftigster Feindschaft zur Welt exaltierenden Menschen sich in das krasse Gegenteil verkehrte: Weltflucht und Verneinung des Leidens, der Strafe, der Sinne, aller Verführung und Gewalt, aller Erregung und allen Widerstandes gegen den Willen Gottes, der sich ebenso mannigfach äußert, wie es Emotionen der Umwelt geben kann.
Sicherlich lag dieser Ausweg als der vielleicht einzig mögliche durchaus in seiner Linie. Sein Wesen erscheint in keiner Weise verändert. Aber dadurch, daß er die Kerkermauern leugnet, sich dahin gebracht hat, sie nicht zu sehn, bekam er überhaupt erst Luft zum Weiterleben. Von dem Schrecken des Lebendigbegrabenseins hat der „Laie“ keinerlei Vorstellung. Er ist für einen Menschen mit empfindsamen Nerven durchaus tödlich. Die Vorstellung, fünfzehn Jahre lang keinen Baum und keinen Himmel, keinen Menschen und kein Tier sehen zu dürfen, nachdem man bereits zwölf solch höllischer Jahre kraft der Jugend und des Nichtbegreifens überstand, muß einen Charakter auch von eisernster Willensstärke zermalmen.
Aber das System des Glaubens an die innere Freiheit hat so feste Wurzel in dem Herzen dieses Mannes im Kerker geschlagen, daß er frohen Muts in die Zukunft schauen kann. Es gibt für ihn eine Zukunft.
Er hat Pläne. Hat eine Erfindung gemacht. Er studiert Latein und Mathematik. Er liest und arbeitet.
Daneben verbreitet er die Lehre, an die er glaubt, unter seinen Kameraden.
Hat Erfolge in jeder Hinsicht ... seine Wärter stellen ihm das beste Zeugnis aus, seine Mitgefangenen verehren ihn.
In der Schneiderabteilung, in der er beschäftigt ist, deren Leitung er inne hat, wird die Arbeit, im Gegensatz zu früheren Methoden, pünktlich und sauber geliefert, das Verhältnis der Gefangenen untereinander und zu ihren Wärtern hat eine neue friedliche Basis gewonnen für beide Teile, sicherlich für den Staat und den Arbeitgeber eine erfreuliche Tatsache.