Part 3
Dieses Wissen ist seine privateste Erfahrung, sein jüngstes Gericht und der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Das bedeutet vor allem der isolierte und unmenschliche Ton der gedachten Worte.
Das ganze Elaborat will nichts anderes bedeuten als eine Korrektur am eigenen Leben, eine Erleichterung, eine Enthüllung zu eigenem Nutzen und zugleich eine boshafte, raffinierte ... Strafe am Körper der Justiz, die ihn mit zehn Jahren zum ersten Male brandmarkte, ihm einen Verweis erteilte, der ihn vorbestraft machte.
Von diesen Vorstrafen spricht er ebensowenig wie von seinen Verbrechen, deretwegen er jetzt angeklagt ist. Sie existieren für ihn nicht, nicht in seinem Leben, es sind Verhängnisse, die eine dunkle Macht, von der Gesellschaft entfesselt, gegen ihn mobilmachte.
Vor allem haben sie jeden Sinn in seinem neuen Leben verloren, das anknüpfen möchte an seine Jugend, die er mit der Rede heraufbeschwört. Die aber den großen Riß nicht verbergen kann und will, der seine Seele zerspaltete, als seine Mutter, die tiefe Bindung an alles Gute und Schöne, starb. Mit ihr ertrank alles, was bis dahin noch einen Schimmer von Wärme und Liebe bot in einem ekelhaften, unsauberen und verlogenen Milieu. Dem er zwar überlegen und doch verfallen war, das nicht sein Milieu und doch Gewalt über ihn gewann, dem er nicht entrinnen konnte. Ein gräßlicher Zwiespalt öffnete sich zu Auswegen in Verbrechen, in Diebstähle, Vagabundage und schloß sich immer zugleich mit Kerkermauern.
Die boten zwar Schutz vor den Gefahren, vor der eigenen Schwäche. Man konnte lesen, lernen, Französisch, Englisch, Mathematik, Geschichte, Literatur betreiben. Aber zugleich mit der enorm aufschießenden Erkenntnis, mit der Überfülle des Wissens und dem Glauben an seine Macht quoll auch die Bitternis über das verfehlte Leben empor. Die Sehnsucht nach der Freiheit, nach der Geltung entsprechend den Qualitäten, die man sich selbst in der eifrigen Arbeit an den Büchern bewiesen hatte.
Aber das Wilde, die Empfindsamkeit des Überreizten, des allzu Ausgehungerten nach Leben und Freiheit überwältigt ihn sogleich, sobald die überhitzten Häuser der Großstadt, der Tumult der Millionen ihn umfängt.
Er bricht aus den guten Vorsätzen der Zelle aus. Der Trieb nach Macht, dem der Geschwächte nichts Gleichwertiges an Beharrung entgegenzusetzen hat, reißt ihn hastig und hastiger mit sich fort.
Immer wieder sind es schwere Einbrüche, die ihn aufs neue in den Kerker bringen. Bei all diesen Taten ist das Seltsame, daß er nie Anstrengungen macht, zu entkommen, zu leugnen, sich zu entlasten. Mit einer geradezu Entsetzen erregenden Grausamkeit gegen sich selbst, mit fatalistischer Gelassenheit sagt er trocken und offen die Wahrheit.
Er stiehlt aber er sagt die Wahrheit! Man kann jedes seiner Worte auf die Goldwage legen. Keinerlei Beschönigungsversuche oder Verdrehungen des Sachverhaltes finden sich in seinen Aussagen ... Mann gegen Mann steht er gelassen für seine Taten ein. Dabei ist er sich über die Schonungslosigkeit seiner Gegner vollkommen im klaren. Er gibt sich keinerlei Täuschung hin und findet reichlichen Hohn über die freieste Gerichtsbarkeit der Welt. Wie kaum ein Zweiter hat er sie am eigenen Leibe gespürt, seit der frühesten Kindheit schwingt sie die Geißel über seinem Haupte.
Als unverbesserlicher Einbrecher, dem es zur zweiten Natur geworden scheint, fremdes Eigentum zu rauben, wird im Jahre 1911 zum ersten Male Zuchthaus gegen ihn verordnet. Er war damals vierundzwanzig Jahre alt. Saß die drei Jahre ab. Ohne Klage, ohne einen Verweis. Wird entlassen und begeht sofort einen neuen Einbruch. Wird erwischt und wiederum zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt.
Sitzt auch diese Strafe ab und wird im Jahre 1917 entlassen.
Hier tritt eigentlich der jüngere Bruder, Erich Strauß, zum ersten Male deutlicher in Erscheinung.
Denn jetzt erhält der Kampf des Älteren einen doppelten Sinn. Wie ein Wilder setzt er alles ein, um seinen Bruder, der in der Entwicklung zurückgeblieben, an epileptischen Anfällen leidet, schwerhörig ist, vor dem gleichen Schicksal, dem er selbst verfallen scheint, zu bewahren.
Auch Erich hat sein gerüttelt Maß Strafen hinter sich. Aber es sind wohl zumeist geringere Delikte, wenn auch Diebstähle, die ihn ins Gefängnis brachten. Zusammen wohl zwei bis drei Jahre.
Erich erscheint neben seinem Bruder als der Unbedeutendere, der Ungeistige, und der Gewalt des Fanatikers durchaus hörig.
Aber zugleich ist er auch der Unglücklichere, durchaus bedauernswert, von Natur und durch Verhängnis an die Spuren eines in allem ihm überlegenen Menschen, des Einzigen, den es auf der Welt für ihn gibt, gekettet. Emil war für den Jüngeren Vater, Mutter, Bruder und Gott zugleich. Wußte er sich in Not, saßen ihm die Häscher auf den Fersen, erfand der Ältere den Ausweg. Rettete ihn aus dem Polizeipräsidium, aus dem Zuchthaus. Schwur, ihn zu befreien, und hielt Wort.
Dadurch gewinnt der Kampf, den Emil Strauß im Jahre 1917 begann, ein neues Gesicht.
Er ließ alle Bedenken fallen. Lebte in einer Welt, die keine war. In einem Schema, einem Irrgarten, in dem man Verbrechen rächt, die gestraft werden sollten. Strafen treiben ihn nur noch weiter.
Wie ein Hohn klingt es, wenn man bedenkt, daß er zur Erlangung guter Einbrecherwerkzeuge in das Kriminalmuseum selbst einbricht und sich mit allem versieht, was er zu seinem Erwerb braucht. Aus der Motivierung dieses Einbruches, die er der Polizei gibt, erhellt ohne weiteres, daß er sich seiner Überlegenheit voll bewußt ist und er unterstreicht doppelt die Ironie, die er den Behörden gegenüber immer an den Tag legte. Er sagte nämlich: „Wenn Ihr schon ein so hübsches Museum einrichtet und Reklame dafür macht, müßt ihr auch gestatten, daß wir es auch mal besuchen und uns anschaun.“
Dieser Diebstahl hat ihm die Sympathie der Behörden verscherzt. Diese fühlten sich irgendwie in ihrer Ehre gekränkt und hetzten jetzt mit allen Mitteln hinter ihm her. Es gelang ihnen zunächst, des Schwächeren, des Bruders, habhaft zu werden.
Erich befindet sich im Polizeipräsidium. Steht in Bewachung eines Polizisten auf einem der Korridore. Verhör auf Verhör, alle Fallen vermochten ihn nicht zu fangen. Er wird den Namen, den Aufenthalt seines Bruders nicht nennen und wenn sie ihn in Stücke reißen. Mit dem Instinkt des Blutes, das in ihnen lebendig, hüten sie den Namen ihrer Freunde, als sei es ihr eigener.
Erich wartet.
Da nähern sich Schritte über den hallenden Korridor. Ein hoher Mann in der Uniform eines Justizwachtmeisters tritt an den Häftling und dessen Begleiter heran, weist sich aus, übernimmt den Gefangenen, um ihn zum Untersuchungsgefängnis zu transportieren.
Die beiden verlassen das Präsidium, verlassen die Straße, die Stadt, sie sind wie vom Erdboden verschwunden. Es war niemand anders als Emil, der diesen Geniestreich ausheckte und durchführte.
Einem Hauptmann von Köpenick gelang es, die willenlosen, militärisch subordinierten Seelen einfacher Soldaten im Vertrauen auf die Allmacht der Uniform zu düpieren und ganz Europa in heiterstes Gelächter zu versetzen. Er lief weiter keine Gefahr, als daß er wegen Diebstahls eingelocht wurde. Hatte sonst ein reines Gewissen und Humor.
In diesem Falle aber mußte alles klappen oder alles war verloren. Denn gerade ihn suchten sie. Hinter diesen Türen lauerten seine schlimmsten Feinde. Irgendeine dieser Türen brauchte sich zu öffnen. Irgendein Blick dieser scharfen Augen seine Miene bloß zu streifen ... und beide waren verloren. Da gab es keine Wehr und kein Entrinnen.
Aber das Unmögliche gelang. Alle Berechnungen stimmten. Die Korridore lagen leer und unbewacht, die Menschen, die ihm begegneten, hielten ihn für einen Kollegen und grüßten womöglich. Aus ureigenstem Studium kannte er Schritt und Haltung eines Justizbeamten. Mit ewig geneigtem Kopf, der von Namen und Daten und Zahlen und Terminen raucht, schreitet der so Beamtete hastig und doch schlendernd seines Wegs.
Natürlich hatte er seine Helfer. Denn fragen durfte er nicht. Er mußte wissen, daß um zwölf Uhr mittags da und da der Beamte mit dem Gefangenen Erich Strauß auf den Abtransport warten würde.
Blieb nur das Problem der eigenen Haltung.
Die Uniform stimmte. Die Papiere ebenfalls.
Und seine Nerven hatte er in der Gewalt. Das Bewußtsein seiner Überlegenheit und seiner Mission ließ Zweifeln oder Angstgefühlen, nicht einmal klaren Gedanken über die Möglichkeit des Mißlingens Raum.
Es mußte sein, und so kannte er weder Furcht noch Zaudern. Übernahm ordnungsgemäß seinen geliebten Bruder und entführte ihn.
Allerdings nicht lange.
Denn jetzt setzten die Behörden alles in Bewegung. Es gab einen Kampf um die Ehre, Mann gegen Mann. Wer der Stärkere war.
Natürlich konnten sie diesem Ansturm nicht lange widerstehn. Das Gericht machte ihnen kurzerhand den Prozeß und schickte sie auf zehn Jahre oder mehr nach dem Zuchthaus.
Hier ist nun der Ort, wo eigentlich das Leben des Emil Strauß und seines Bruders, die beide nur ein einziges bilden, mit doppelten und dreifachen Gliedern und Kräften sozusagen, seinem Höhepunkt entgegenreift.
Das Duell zwischen der Intelligenz des Verbrechers und der Intelligenz der Polizei hatte bereits rein persönliche Züge angenommen.
Die Beamten kannten ihre Brüder und die Brüder kannten die einzelnen Jäger und ihre besonderen Fähigkeiten genau. Man gehörte zu einer Familie und setzte sich im Guten oder Bösen auseinander.
Emil Strauß gab den Kampf keineswegs auf. Aber er brauchte Zeit. Er mußte die Wärter in Sicherheit wiegen. Dank seiner Lammsgeduld, seiner guten Manieren hatte er es bald erreicht, daß man ihm weniger scharf auf die Finger sah. Seine ewig gleichbleibende Freundlichkeit hatte etwas Entnervendes, Einschläferndes.
Zwei Jahre hielt er es in Naugard aus.
Dann zersägte er die Gitterstäbe, kletterte über die Mauern. Wenige Stunden später war er wieder in Berlin.
Hier möchte ich eine kurze Charakteristik über Emil Strauß, die wohl auf diese Zeit seines Lebens Bezug hat und die sein Verteidiger, Herr Dr. Carl Loewenthal-Landegg, im „Tagebuch“ veröffentlichte, einflechten. Sie eröffnet eine merkwürdige Perspektive über den Denkprozeß unseres Helden. Offenbar gibt es für ihn oder gab es zumindest so etwas wie das legale Verbrechen oder Notwehr des einzelnen im Kampfe gegen den Staat. Eine Art von Urfehde mag ihm da vorgeschwebt haben. Irgendwo in dem Gefüge der Gesetze mußte es doch eine Masche geben, durch die ein gewandter „Jurist“ entschlüpfen konnte. Mit der höchsten Aggressivität gegen alles, was Gericht und Polizei hieß, scheint er eine subtile Kenntnis der einzelnen Paragraphen und so etwas wie Respekt vor dem Gewerbe des Anklägers zu besitzen. Beide leben von derselben Materie. Es fragt sich nur, wer am ersten dabei zu Grunde geht.
„Vor Jahren sah ich ihn zum ersten Male in meiner Sprechstunde ... Ein eleganter, hoch aufgeschossener Kavalier; tadelloser Gehpelz und modernster Zylinder, den geschmackvollen Spazierstock in der wildlederbekleideten Hand. Er bat mich in ruhigem, vornehmem Tone, seinen Namen verschweigen zu dürfen: nur eines Freundes wegen komme er, der sich infolge eines Konfliktes mit dem Gesetze verbergen müsse.
Ob ich ihm über gewisse Auslieferungsverträge Auskunft geben könne. Ich mußte die Antwort als „Rechts“-Anwalt ablehnen. Aber dann sprachen wir weiter über allerhand Fragen aus dem Strafrecht, und ich bewunderte seine Kenntnisse. Einer vom Fach, dachte ich mir ... vielleicht ein gescheiterter Referendar oder ausgeglittener Assessor. Dem widersprach ein Etwas, über das ich mir im Augenblick nicht klar wurde ...
Das Gespräch und sein Abschied sehr korrekt; nur alles sonderbar zögernd ...
Bald darauf hörte ich von einem der Schwerklienten, daß es Emil Strauß war: ... wieder einmal nach dem Ausbruch und eifrig gesucht ...“
VI.
Dieses Kapitel möchte man überschreiben: Auf dem Gipfel der Macht. Der Beschreibung der Eleganz und guten Manieren dieses Philosophen unter den Einbrechern möchte ich zunächst die etwas tragischere seines Schattenbildes angliedern. Gleichfalls von Herrn Dr. Loewenthal-Landegg entworfen:
„Dann, nicht lange darauf war’s, in einer kleinen Kneipe in NO ...
An einem im Halbdunkel stehenden Tische saß Emil Strauß in einem größeren Kreise gleichaltriger Leute. Wieder fiel mir sein tadelloses Äußere auf und die Ruhe seines Wesens; ein auffallender Kontrast zu der unsteten, wüsten Umgebung. Nichts störte die gediegene Note der Erscheinung ... keine unmögliche Krawatte und kein greller, schreiender Velourhut, wie ihn sonst die Männer vom Brecheisen und Dietrich tragen, wenn sie in Zivil gehen.
Er schien mich sofort zu erkennen. Nur ein kurzes, unmerkliches Nicken sagte mir, daß er auf meine Verschwiegenheit rechnete. Stumm saß er, ohne an den Gesprächen und Zoten der Gefährten teilzunehmen. Allein die beweglichen Augen sprachen und durchforschten jeden der Anwesenden und Kommenden. Sein Glas mit schalem Bier stand unberührt die halbe Nacht. Er nippte nicht einmal daran. Die um ihn behandelten ihn mit eigenartiger Scheu, wie einen Ehrengast, den man achtet.
Später sammelten sie für einen, der „alle“ geworden war, und dessen hungernde Familie. Jeder von den Männern und ihren Bräuten gab etwas. Er aber leerte ohne Besinnen die ganze Brieftasche auf den Haufen, und ehe sie noch etwas dazu sagen konnten und wollten, verschwand er schnell hinaus in die Nacht.“
Hier ist das eigentliche Milieu dieser letzten Verwandlung des vielseitigen und unruhigen Geistes.
Von Freund zu Freund lief er jetzt und sammelte Material. Geht zum Anwalt, um ihn zu konsultieren. Beschreitet gewissermaßen den Rechtsweg wie ein Herr, der zu verlangen hat. Ein Verbannter.
Es gibt keine andere Möglichkeit als die Gewalt.
Ringsum nur Gefahren. Die Häscher sind ihm unablässig auf den Spuren. Aber er kennt weder Müdigkeit noch Furcht.
Sicherlich kommt noch eines hinzu. Vielleicht unbewußt. Jedenfalls mußte er der damaligen Volksstimmung unterliegen. Das Fluidum der Revolution hat gewiß auch seinen Nacken gesteift. In ihm loderte der Protest am stärksten. Die Tausende kämpften einen allgemeinen Kampf für irgendein Ideal, für eine Zukunft, für große Schlagworte, wie Freiheit, Achtstundentag, bessere Löhne, Beteiligung am Umsatz.
Die Massen waren aufgescheucht und wirbelten in dem Körper des Staates, der im Fieber zuckte. Allenthalben wurde gekämpft. Aufruhr brüllte durch die endlosen und starren Straßen, gegen das Parlament. Seltsame Gerüchte schwirrten um. Die Unsicherheit des Daseins, das Abenteuer hatte unzählige Menschen der angeborenen Schüchternheit entrissen und sie in den allgemeinen Wirbel geschleudert.
Strauß aber hatte seinen persönlichen Krieg, seine individuelle Revolution durchzukämpfen. Solange der einzige Mensch auf Erden, dem er sich verbunden fühlte, dem er Treue zu halten verpflichtet war, weil er auch ihm Treue hielt, ja von seinem Leben abhängig war, solange der Bruder im Kerker schmachtete, gab es für ihn keine Ruhe. Langsam reifte in ihm der tollkühne Plan zu seiner Befreiung.
Mit zwei Freunden macht er sich am siebenundzwanzigsten November, abends auf den Weg. Mit dem letzten Zug fahren sie hinaus nach Naugard. Gutgekleidete Reisende. Unauffällig. Wenig Gepäck. Es enthält Wäsche und Kleider. Eine Strickleiter. Werkzeuge aus dem besten Stahl.
Der eine der Begleiter wußte genau die Zelle, hatte den Plan erläutert.
In der Nacht halten die Drei vor dem riesigen, in drohende Finsternis gehüllten Zuchthaus.
Das Feld weit und breit mit hohem Schnee bedeckt. Er dämpft jeden Laut, leuchtet genügend, um die Fenster erkennen zu können. Aber es gilt, auch schnell zu handeln, denn jeden Moment kann irgendein Zufall zu Überraschungen schon hier draußen führen.
Eine kurze Beratung, die Fenster werden gezählt. Und schon sausen Schneeballen hinauf, um den Schlafenden zu wecken, zu alarmieren.
Aber es rührt sich nichts. Offenbar ahnt er gar nichts. Es wurde nie aufgeklärt, ob Erich von der Befreiung unterrichtet war. Auch die Namen der Begleiter wurden nie entdeckt. Deshalb liegen die Einzelheiten dieser Heldentat vollkommen im Dunkel.
Jedenfalls entschließt sich Emil, mit Gewalt in das Haus einzudringen.
Die Strickleiter saust durch die Luft und hakt fest an den Zacken des Gitters. Er steht im wohlbekannten Hof vor dem mächtigen eisernen Tor. Es wird aufgesprengt. Mit einer fabelhaften Präzision und Ruhe muß eine Tür nach der andern seiner Wut und Entschlossenheit weichen. Schließlich steht er vor der Zelle des Bruders. Auch diese Tür wird aufgestemmt.
Jetzt gilt es, zu zweit den gleichen Weg zurückzulegen.
Kein Wärter begegnet ihnen – keine Alarmglocke heult durch das Haus.
Auch dieses Wunder gelingt. Erich wird eingekleidet. Dann marschieren die vier Männer fünf Stunden durch die Nacht zu einem kleinen Bahnhof und gelangen unbehelligt nach Berlin zurück.
Die Morgenblätter sind bereits voll von dieser verwegenen Tat. Die Polizei verdoppelt ihre Anstrengungen. Die Stadt hat die beiden aufgenommen. Verschluckt.
Wenige Tage der Ruhe aber genügen, um den Eifer der beiden zu verdoppeln.
Sie inszenieren den kühnsten ihrer Einbrüche, den verwegensten, den Berlin vielleicht je erlebte. In der Nacht vom zweiten zum dritten Dezember 1919 rauben sie das Seidenhaus der Firma Dressel in der Niederwallstraße zu Berlin aus.
Am Samstag, dem zweiten Dezember, lassen sich die beiden in dem zum gleichen Häuserblock, aber auf der abgekehrten Seite liegenden Gymnasium einsperren. In der Nacht klettern sie über die Dächer der Nachbarhäuser auf das Dach des Warenhauses. Mit einer Strickleiter gelangen sie in die Höhe des Warenlagers. Drücken ein Fenster ein.
Fast vor den Augen der Wächter.
Gelangen in das Innere des Hauses und räumen die dort aufgespeicherten Schätze zusammen. Verschnüren sie zu Ballen.
Auf der Straße warten die Hehler mit Wagen, um die Ware abzutransportieren.
Nicht weniger als sechsmal mußten sie diesen lebensgefährlichen Weg zurücklegen. Klettern, springen, gleiten.
Am Sonntag steigen sie ab und gehen zu Kempinski, das alte Berliner Weinrestaurant, speisen. Kehren ruhig zu ihrer Arbeit zurück und vollenden sie am Montag früh. Zwei Nächte und einen Tag hielten sie sich an der Arbeit. Der Wert des Raubes betrug mehrere hunderttausend Mark. Er selbst löste für die „Sore“ (Beute) nur siebzehntausend Mark, ein herzlich geringer Betrag, zumal da es Papiermark waren. Der eigentliche Wert dürfte etwa den gleichen Betrag in Dollars ausgemacht haben.
Natürlich wußte die Polizei sofort, wessen Werk dieser Einbruch war. Das Einsteigen in Warenhäuser war die Spezialität der Brüder. Große Firmen wie Michels und Wertheim waren ihrer Geschicklichkeit zum Opfer gefallen. Auch hier hatte er, an den Fassaden emporkletternd, Stoffe im Werte von hunderttausenden geraubt und verschärft. Die Ware wurde nie wieder gefunden. Auch von den Geldern nichts. Einen anderen verwegenen Zug unternahm er gegen einen großen Juwelier in der Passage Friedrichstraße, dessen Laden er ausräumte, ohne daß auch nur eine Spur entdeckt wurde, weder von ihm, noch von den geraubten Kostbarkeiten. Immer fiel ihm reiche Beute in die Hände, für tausende von Dollars. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen. Es gab für sie keine Hindernisse, Abwehrmaßnahmen. Sie kletterten an den Fassaden über Dächer und Mauern, wie andere über Straßen gehn.
Dies war der letzte und größte Einbruch der beiden Einbrecherkönige, deren Namen in aller Munde waren und eine Popularität erlangten, wie kaum ein gleich mutiger und verwegener Abenteurer vordem.
VII.
Hier beginnt nun ein Abschnitt im Leben dieses sonderbaren Menschen, der für ihn vielleicht die glücklichste Zeit bedeutete. Ihn zugleich aber auch zum ersten Male vor den Ausgang aller Abenteuer früher oder später stellte und um ein Haar in den Abgrund gerissen hätte.
Die Schwierigkeit der Erhellung der einzelnen Phasen seiner Entwicklung liegt vor allem in der vollkommenen Abseitigkeit des Lebens, das Strauß führte. Entweder er war eingesperrt hinter Kerkermauern. Dann schlief sein dunkles Ich. Das Tier, die Haßinstinkte wandelten sich in der Einsamkeit in den starken Trieb nach Bildung. Er studiert Sprachen, Stenographie, Elektrotechnik. Schreibt Gedichte von einer seltsamen Vollendung. Natürlich abhängig von den Dichtern, die er jeweils liest. Sein künstlerisches Empfinden ist allerdings nicht originär. Aber er besitzt angeborenes Formgefühl. Mit artistischer Gewandtheit weiß er sich einzufühlen in Stimmungen und Rhythmen, die ihm geläufig bleiben. Das Wort versagt ihm nie den Dienst. Wenn er will.
Die Tage der Freiheit sind mit wildem Tatendrang ausgefüllt. Es leidet ihn nicht in der Enge der Wohnung. Arbeit kann er als Zuchthäusler und berüchtigter Einbrecher ja doch nicht finden. Niemand würde ihn aufnehmen. Niemand an seine Besserung glauben.
Für Menschliches bleibt da kein Raum. Er führt das Leben eines Einsiedlers. Eines Fanatikers, der nur an seine Pläne denkt. In einer eingebildeten Welt umherrast und ausbricht in die reale und dort Unheil gegen sich und die Mitmenschen anrichtet. Zweifellos unterliegt er ganz starken, unwiderstehlichen Trieben, die sein ganzes Denken absorbieren und jede Erwägung über Gut und Böse lähmen. Insofern fällt er unter die Menschen, vor denen sich die Gesellschaft schützen muß. Auf welche Weise, ist allerdings nachdem einmal der Weg der Strafen beschritten wurde, schwer zu sagen. Das Schicksal wollte, daß Strauß im gleichen Moment, wo seine Tage Menschlichkeit und seine Züge den Ausdruck allgemeiner Verfassung gewinnen, zu Fall kam.
Im Verlauf des großen gegen ihn und seinen Bruder geführten Prozesses sagt er an einer Stelle:
„Wir sind auch in dieser Beziehung Außenseiter und Schwerverbrecher einer Art, wie sie nur selten herumlaufen.
Wir haben nie viele Freunde gehabt, niemals in Kaschemmen verkehrt.“
Hier haben wir einen klaren Einblick in die Verfassung dieses Menschen. Er ist sich seines Wertes wohl bewußt. Schätzt diese Abseitigkeit und frißt zugleich die Wollust der Ausgestoßenen in sich hinein, die als Rache wiederkehrt und sich gegen die Gesellschaft wendet. Sein Stolz verbietet ihm, in die dumpfen Niederungen zu tauchen, in denen die Zunftgenossen zu leben gezwungen sind. Wo sie ihrer menschlichen oder unmenschlichen Leidenschaft nachgehen können und die Tage der Freiheit so verbringen, wie es ihnen paßt. Sie sonnen sich an ihren Erfolgen, berauschen sich an neuen Möglichkeiten und haben jedes Bewußtsein für die Unrichtigkeit ihrer Existenz im Zusammenhang mit der anderen Hälfte der Menschheit verloren.
All diese Heimlichkeiten offizieller und betrachtender Feier fehlen im Leben dieses Einzelfalles. Er gleicht einem Beamten, einer Maschine, die nicht stillstehen kann, ohne wertlos zu werden.
In dieses rauhe Dasein, das von tausend freiwilligen und geliebten und noch mehr unfreiwilligen und gefürchteten Gefahren umlauert ist, tritt als Unterbrechung die rührende Idylle einer großen Liebe.
Aus den Erläuterungen über den Ursprung seiner Laufbahn wissen wir, welcherart sein erstes erotisches Erlebnis war. In der Zeit der stärksten Bindung an seine Mutter und zugleich Hoffnungslosigkeit, je wieder menschliche, selbstverständliche Zärtlichkeit zu finden, überfällt ihn die kalte und brutale Zärtlichkeit einer abgefeimten Dirne, der er wehrlos, aber voll unauslöschlichen Ekels unterliegen muß. Dieses Erlebnis hat er niemals verwinden können, und welche Bedeutung es für ihn haben muß, geht aus der Tatsache hervor, daß der sonst wortkarge und verschlossene Mensch in vollster Öffentlichkeit vor ganz Deutschland gewissermaßen die Worte findet, seine Qual und seinen Ekel hinauszuschleudern.
Zugleich aber bildet diese Wunde, der ständige Reiz, der von ihr ausging, einen Teil seines ewig wachen und kalten Selbstbewußtseins.