Part 8
Er erhob sich, und wir begaben uns ins Freie. Eine Zeitlang ergingen wir uns in den ausgedehnten Parkanlagen, und da der Aufbruch später als beabsichtigt erfolgt, das Zunehmen der Tage auch noch nicht ausgiebig genug zu merken war, so fing es bereits leise zu dämmern an, als wir den Fuß des bewaldeten Hügels erreichten, der in jener angenehmen Stadt mitten zwischen Häuserzeilen und Gassen aus dem Boden wächst und auf seinem Gipfel die Überreste eines alten Kastells trägt. Eben begann der Weg anzusteigen, da blieb die Baronin stehen und zögerte. »Nun muß ich unbedingt nach Hause. Es ist spät geworden, er wird ohnedies schon ungehalten sein.«
Karl Schuda brauste auf: Die reine Sklaverei, in der sie lebe! Ein menschenunwürdiges Dasein führe sie! »Wenigstens eine Stunde an die Luft zu gehen, brauchst du dir doch nicht verbieten zu lassen!« rief er heftig.
»Er war die letzten Tage ganz besonders elend,« sagte sie wie zu ihrer Entschuldigung. Trotzdem setzte sie, als er sich zum Weitergehen wendete, wie ein gehorsames Hündchen den Weg an seiner Seite fort.
»Nazarenische Dekadenz!« grollte Karl Schuda vor sich hin. »Die ganze Welt nichts als ein einziges großes Barmherzigenspital! Zum Geier auch -- was sinkt, soll man stoßen!«
Schweigend stiegen wir bergan. Das verletzend rohe Wort klang mir im Ohre nach; ich wartete, ob denn die Baronin nichts dagegen einwenden würde.
Sie war auch die erste, die wieder das Wort nahm, schien sich aber inzwischen mit ihrem Gewissen abgefunden zu haben. Mit einer Art kindischem Trotz sagte sie: »Soll er zusehen, wie er mit sich selbst fertig wird, wenn er es durchaus nicht anders haben will. Warum läßt er auch keine Pflegerin zu? Allein kann ich, kann ich es nicht mehr leisten!«
Unter dichten Laubkronen verfolgten wir unseren Weg weiter, immer bergaufwärts. Im Schatten der Bäume dunkelte stellenweise schon die Nacht, die balsamische Düfte aushauchte, daß man in fernen Märchengärten zu weilen glaubte, wären die Geräusche der Stadt nicht gewesen, die hier und da zu uns empordrangen, und die Lichter, die vereinzelt in den Gassen aufleuchteten und manchmal zwischen schwankendem Gezweig in der Tiefe sichtbar wurden ...
Mir klang noch immer jenes vorhin gefallene grausame Nietzsche-Wort nach: Was sinkt, soll man stoßen. Ich wendete mich an Karl Schuda und sagte: »Du vertratst doch neulich die Meinung, daß es kein Sollen geben dürfe. Das kann nur die Bedeutung haben, daß es der Natur Gewalt antun heißt, wenn wir irgend etwas gegen unsre inneren Bedürfnisse unternehmen. Aber das Mitfühlen mit den Schwachen, das Erbarmen mit dem Elend, gehört es -- wenigstens für hochstehende Menschen -- nicht auch zu den unabweisbaren inneren Bedürfnissen? Und heißt es wirklich unsre wahre Natur verkümmern, wenn es uns gelingt, sie bis zu jener vornehmen Größe zu steigern, die die Voraussetzung der Selbstlosigkeit, der Selbstentäußerung ist? Der Christus der Evangelien erscheint dir als Verkörperung der Lebensschwäche, was immerhin stimmen mag, wenn man bloß den äußerlichen Verlauf seines Schicksals ins Auge faßt; so wie etwa die Friedensschlüsse, die uns entrechten, äußerlich genommen als Auswirkung einer glänzenden Kraftfülle gelten können. Aber sind nicht eben jene Evangelien, die das Unterliegen verherrlichen, Kraftquelle von Jahrtausenden geworden? Und verbirgt hinter der rohen Gewalt und den Ausschreitungen eines ungebändigten Siegerwillens nicht von jeher die menschliche Kleinheit und Schwäche ihr haßverzerrtes Antlitz? Wahre Größe ohne Güte und Barmherzigkeit gibt es nicht: Lionardo da Vinci, der die gefangenen Vögelchen aufkauft, um sie fliegen zu lassen -- ist der etwa ein empfindsamer Schwächling?«
»Die Singvögel konnten ihm nichts zuleide tun,« entgegnete Karl Schuda trocken. »Hätte er Wölfe freigelassen, so wäre er ein Narr gewesen.«
Die knappe, witzige Replik entwaffnete mich beinahe, sie ernüchterte auf alle Fälle meinen Eifer.
Die Baronin kam mir zu Hilfe. »Es steckt Ernst in diesem scheinbaren Scherze,« sagte sie. »Die Drosseln, Finken und Lerchen, das sind unsre Wünsche und Sehnsüchte, die zum Himmel steigen. Lassen wir sie fliegen! Geben wir ihnen die Freiheit! Wo wir aber Gefahr laufen, zerrissen, aufgefressen zu werden, da bleibt uns nichts übrig, als hart und erbarmungslos zu sein. Denn beides liegt in unserm Wesen, die Güte und die Härte, und beides kann zur Pflicht werden.«
»So gibt es doch noch eine Pflicht?«
»Sogar Pflichten,« warf Karl Schuda dazwischen; »aber nicht im alten Sinne des kategorischen Sollens. Wir erfüllen sie, nicht indem wir uns bezwingen, sondern indem wir uns selbst erleben.«
»Und wenn dieses Erleben mit den Ansprüchen unsrer Mitmenschen in Widerstreit gerät?«
»Dann gilt es stark sein,« fiel die Baronin mit Lebhaftigkeit ein, »und sich darüber klar werden, daß wir alles verlieren können und dennoch nichts verloren haben, solange wir uns selbst besitzen.«
Wir waren auf der Plattform des Hügels angelangt, wo zwischen altem Bastionsgemäuer eine bescheidene Gartenanlage sich hinbreitet. Der unendlich weite Himmel über und um uns flimmerte von unzähligen Sternen, und in der schwarzen Tiefe, aus der die Stadt wie in unruhigem Schlummer ab und zu ein gepreßtes Stöhnen vernehmen ließ, schienen Schwärme von Glühwürmchen sich niedergelassen zu haben, oder den Abgrund, der die Höhe umringte, hatten Wasserfluten verschlungen, in denen sich die Sterne spiegelten. Schweigend machten wir die Runde, immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrend und immer wieder eine neue Runde antretend, in unerschöpfter Lust, das wundersame Doppelspiel des himmlischen und irdischen Lichtgefunkels in uns aufzunehmen.
Es ist eine bekannte Erfahrung, daß nichts so lebhaft dazu anregt, an das Geheimnisvolle zu rühren oder die Tiefen des eigenen Innern zu durchforschen, als der Anblick des gestirnten Himmels. Auch die Baronin unterlag jetzt diesem Zauber, sie schien wie zu sich selbst oder doch unbeirrt durch die Anwesenheit eines fast Unbekannten zu sprechen, als sie nun in merkbarer Beklommenheit sagte: »Das Leben bleibt ein großes Rätsel, und die Wege, die wir wandeln, führen aufs Geratewohl durch weite, unbekannte dunkle Wälder. Welch ein Wunder, wenn wir das Ziel nicht gänzlich verfehlen! Ich habe eine strenge Erziehung genossen, ich wußte von nichts als von Pflicht. War ich glücklich? Innerlich beruhigt vielleicht -- die Ruhe des Friedhofs: Die Sehnsucht zwingen nieder wir und schweigen, zufrieden, wenn wir nur das Leben haben ...«
»Jawohl! Diese Zufriedenheit, dieses Sichabfinden, dieses Entsagen! Eine der Hauptquellen der sozialen Rückständigkeit! Man frage nur einmal in Amerika an!«
»Die Methodisten?« gab ich zu bedenken.
»Sektierer, deren bloßes Vorhandensein schon beweist, daß die andern nichts davon wissen wollen.«
»Wieviel Tränen habe ich darüber vergossen!« fuhr die Baronin mit einem Seufzer fort. »Denn solcherart war meine Zufriedenheit. Aber war das überhaupt ein Leben, was ich lebte? Und war ich es selbst, die es lebte? Wie die Maden gewisser Schlupfwespen in einem fremden Körper sich breitmachen, so schalteten in meinem Inneren überkommene Normen, eingeimpfte Regeln, Vorschriften von verschiedenster Herkunft in unumschränkter Selbstherrlichkeit. Ich wurde nicht gefragt, ich war tot, und hatte ich ja einmal etwas mitzureden, so war es höchstens, um mir Zwang und Gewalt anzutun und mich noch toter zu machen als tot. Da kamst du,« sagte sie, des Freundes Hand mit Wärme ergreifend, »da brach der Tag der Befreiung an.«
Sie blieb stehen, ich sah in der Dunkelheit, wie sein Scheitel sich über ihre Hand beugte. Dann schnellte er empor, und gutmütig auflachend zog er sie mit sich fort. »Zum Erlöser hab' ich doch kaum das Zeug ... Nur freilich -- ein bißchen Schüren und Umwälzen tut immer gut. Das Volk erwacht, und ich habe meinen Teil daran. Aber wenn mich die Teufel in der Hölle einmal fragen sollten, ob ich auch etwas Gutes gestiftet hätte auf Erden, so könnte es sein, daß ich alles andre vergesse und als meine froheste Tat es rühme, dich, Teuerste, erweckt zu haben.«
»Ja, das tatest du! Durch dich allein bin ich zu Freiheit und Freudigkeit erwacht, durch dich zum wahren Leben erweckt worden. Und gerade hier setzt nun das Rätsel ein ...«
»Welches Rätsel?«
»Das große Lebensrätsel, das Unerklärbare, der bleibende Widerspruch. Der Sünde wider den Geist, wie du es nennst, bin ich nun ledig. Ich erkenne kein Gesetz an außer dem in mir selbst. Das macht mich froh und stark und mutig, ich fühle die Wahrhaftigkeit mit mir im Bunde. Und dennoch weiß ich, daß ich schuldig geworden bin. Und weiß auch, daß jede Schuld ihre Sühne fordert, wie mit kosmischer Notwendigkeit.«
Karl Schuda wurde ungeduldig. Schuld! Sühne! Eischalen, die dem eben erst ans Licht gedrungenen Küchlein noch anhafteten! Er suchte es ihr auszureden. Nachtgedanken! Nichts als Nachtgedanken, zur Selbstqual ersonnen! Aber in diesem Punkte versagte sein Einfluß, sie ließ sich nicht wankend machen. Sie blieb bei ihrer Überzeugung. Sie könne es nun einmal nicht anders empfinden. Auch hier sei sie außerstande, ihre eingeborene Natur zu verleugnen. »Oder möchtest du lieber,« fragte sie, »daß ich dir blindlings nachbete, auch gegen meine unbestreitbare innere Erfahrung? Das willst du gewiß nicht!«
Nein, das wollte er freilich nicht. Die Freiheit der eigenen Meinung über alles!
»Und du brauchst auch gar nicht zu befürchten,« sagte sie noch, »daß ich mich zwecklos quäle. Du irrst, wenn du annimmst, daß diese Gedanken etwas Quälendes für mich hätten. Im Gegenteil! Tröstlich und beruhigend sind sie mir, ich spüre Gesetz und Ordnung darin und das Gegenteil von Willkür. Und so deutlich ich voraussehe, was kommen wird und muß, so empfinde ich es doch zugleich wie eine Bestimmung: du sollst schuldig werden! Und bin doch froh und stark und mutig dabei und möchte nicht mehr zurück. Warum? Vielleicht weil ich spüre: dies ist das Leben, dies dein Schicksal und dein Beruf auf Erden? Ich weiß es nicht. Aber sind das nicht Rätsel? Sind das nicht Widersprüche?« Und während sie für einen Augenblick stehenblieb und das Antlitz zum Sternenhimmel erhob, entrang es sich ihr wie ein Seufzer: »Ist Leben und Schuldigwerden vielleicht ein und dasselbe?«
Sie schwieg. Stumm und nachdenklich setzten wir, die kühle Nachtluft atmend, unseren Rundgang auf der Höhe fort, besinnlich geworden durch die von ihr aufgeworfenen Fragen, jedes im stillen für sich in seine Gedanken versunken. Bis plötzlich Karl Schuda haltmachte. Er steckte ein Zündholz an, um nach der Uhr zu sehen. Einen Augenblick baumelte die kleine schwarze Sphinx an der Uhrkette in der Luft, beleuchtet von der aufzischenden Flamme. Im grellen Schein sprühten ihre smaragdenen Augen und sandten grünliche Strahlen aus. Dann war das Zündholz erloschen ...
Abermals kroch mir beim Anblick des funkelnden Juwels ein häßliches Gefühl über den Rücken, indem meine Gedanken verstohlen in die Krankenstube des hilflosen alten Mannes huschten, der irgendwo da unten im dunkeln Abgrund in seiner Matratzengruft stöhnte. Und aus der Finsternis, die uns umgab, wuchs plötzlich die kleine basaltschwarze grünäugige Sphinx zu Riesengröße auf und stand wie ein dräuendes Tier starr und regungslos am nächtlichen Horizont. Gibst du mir Rätsel zu raten, grausames Ungeheuer? Ist Leben und Schuldigwerden vielleicht wirklich dasselbe? Eine untrennbare Einheit wie die Prägung auf der Vorder- und Rückseite der nämlichen Münze? ... Nur ein paar Augenblicke -- und die schaurige Erscheinung war verschwunden. Ich mußte lächeln. Ein breiter, massiger Bergrücken reckte da drüben in der Ferne seine finsteren Umrisse zum Sternenhimmel ...
Karl Schuda hatte zugesagt, noch an diesem selben Abend in einer Wählerversammlung für einen erkrankten Redner einzuspringen. Als wir wieder in die Stadt hinabgelangt waren, trennte er sich von uns an einer Straßenkreuzung, während ich die Baronin, die nun Eile zu haben schien und ihre Schritte beschleunigte, bis an das Haus begleitete, in dem sie wohnte.
Es lag an einem langgestreckten, stillen und gänzlich verkehrsarmen Platze, wie es deren nur in verträumten Provinzstädten gibt. Schon hatte ich nach kurzer Verabschiedung das entgegengesetzte Ende dieses Platzes erreicht, als ich mich, durch irgendein Geräusch veranlaßt, noch einmal umwendete. Es fiel mir auf, daß an der Stirnseite des Hauses, die vorhin in völligem Dunkel gelegen hatte, jetzt eine Reihe von fünf oder sechs Fenstern hell erleuchtet war. Man sah Schatten an ihnen vorüberhuschen, wie wenn Leute in den Zimmern hin und her liefen. Aus einem der Fenster, das offenstand, glaubte ich auch Stimmengewirr zu vernehmen, als redeten mehrere Menschen zugleich erregt durcheinander. Bald darauf hörte ich, daß das Haustor aufgeschlossen und dumpf krachend wieder zugeschlagen wurde. Irgend eine dunkle Gestalt trabte eilfertig in schweren Stiefeln über das Pflaster davon und bog in eine Seitengasse ein, wo das Geräusch der Schritte nach und nach verhallte. Ich stand noch immer still, wie festgebannt, ich wartete, ohne zu wissen worauf. Nun wurden auch die übrigen Fenster weit aufgetan, eins nach dem anderen. Und dann wurde Zimmer für Zimmer das Licht abgedreht, während die Fenster offen stehenblieben. Man konnte jetzt nur noch in einem einzigen Zimmer einen schwachen Lichtschein wahrnehmen. Sonst alles dunkel, nachtschwarz gähnten die leeren Fensterhöhlen. Und alles wieder still, regungslos, totenstill ... Bangigkeit im Herzen, trat ich endlich den Heimweg an.
Den anderen Tag las ich in den Ortsblättern, daß der General gestorben war.
Er hatte eine zu große Dosis Veronal zu sich genommen -- aus Versehen natürlich, so stand es in den Zeitungen. Ein Selbstmord sei gänzlich ausgeschlossen, der alte Herr hätte zwar wie alle Angehörigen des Mittelstandes unter den Zeitverhältnissen zu leiden gehabt, immerhin aber in ausreichenden Umständen gelebt, an allen öffentlichen Ereignissen in ungebrochener Geistesfrische noch regen Anteil genommen und auch sein schweres körperliches Übel stets mit um so mehr Geduld und Langmut ertragen, als ihm seine Tochter seit vielen Jahren mit rührender Hingebung als liebevolle und aufopfernde Pflegerin zur Seite gestanden sei. Den Angaben, die die Blätter über seine Laufbahn enthielten, konnte ich entnehmen, daß er über achtzig Jahre alt geworden war und seit Königgrätz, wo er als junger Offizier sich ausgezeichnet hatte, seinen Heldentaten kein neues Lorbeerblatt hinzugefügt zu haben schien. Übrigens waren alle Nachrufe selbstverständlich in dem ortsüblich ehrenvollen, ja ruhmredigen Ton gehalten -- nur ein kleineres, durch seine unflätigen Angriffe bekanntes umstürzlerisches Organ äußerte seine Befriedigung darüber, daß wieder einer jener überzähligen Schädlinge vom Schauplatz verschwunden sei, die das alte Österreich ins Unglück gestürzt hätten und dem neuen wie zehrende Parasiten im Pelz säßen. Und ich konnte in dem Augenblick, wo ich dies las, mich eines gewissen reumütigen Unbehagens nicht erwehren, weil auch ich, als ich zum erstenmal nach dem mörderischen Kriege des hinfälligen alten Mannes wieder ansichtig geworden, ihm in meinen unwillkürlichen Gedanken gleichsam einen Vorwurf daraus gemacht hatte, daß er noch immer unter den Lebenden weilte.
Der Tod mildert unser Urteil über die Menschen, verschiebt unsere Stellungnahme ihnen gegenüber ganz ohne unser Zutun; jedermann weiß es, es ist eine Binsenwahrheit. Aber obgleich wir es wissen, müssen wir es doch in jedem Falle wieder neu erfahren, und manchmal sind die Wandlungen, die sich in uns vollziehen, einschneidender, als wir je vorausgesehen hätten.
Karl Schuda, als wir auf dem halb ländlichen Friedhof Seite an Seite uns dem Zug der Leidtragenden anschlossen, sagte: »Sie hatten schon auch ihre Qualitäten, diese altösterreichischen Militärs ...«
Ich blickte ihn halb verwundert an und nickte zustimmend. Sonst wechselten wir kein Wort miteinander. Die Bestattung fand der Zeit entsprechend selbstverständlich ohne jedes militärische Gepränge von der Friedhofshalle aus statt. Die Feierlichkeit war so einfach wie möglich und beschränkte sich auf das Unerläßliche. Die Baronin, auf diesem letzten gemeinsamen Wege nicht wie sonst ihrem Vater voraus, schritt als erste hinter seinem Sarge her. Der dichte Schleier verbarg uns ihr Antlitz, als wir, Karl Schuda und ich, unter vielen anderen Freunden und Bekannten ihr die Hand drückten, während die Schollen in die Grube polterten. Ich scheute mich fast, diese Hand zu berühren. Ein fürchterlicher Verdacht, dessen ich mich selbst beinahe schämte, schnürte mir das Herz zusammen. Wie einem eine Melodie manchmal nicht aus dem Kopf will, so verfolgte mich unablässig das kulturniedrigste aller Worte, das die deutsche Sprache jemals geprägt: »Was sinkt, soll man stoßen.« Wie gern hätte ich der Baronin ins Auge geblickt, um davon befreit zu werden! Denn im Grunde war ich doch überzeugt, daß ein einziger Blick in dies Auge mir Beruhigung hätte verschaffen können. Aber sie blieb unsichtbar hinter dem schwarzen Krepp; auch wurde ich durch die übrigen Leidtragenden alsbald wieder von ihr abgedrängt.
Am Friedhofstor verabschiedete ich mich auch von Karl Schuda. Meine Abreise war für den darauffolgenden Tag festgesetzt.
»Auch ich verreise demnächst,« sagte er gepreßt.
»Wohin?«
»Bei unsereinem steht das nicht so fest,« antwortete er ausweichend. »Wo es eben gerade etwas zu tun gibt ... Leb' wohl!«
Wir reichten einander die Hand, Auge in Auge gesenkt. Ein letzter Strahl der alten Jugendfreundschaft leuchtete darin auf und berührte uns gegenseitig mit wohltuender Wärme.
Er hat inzwischen sein Schicksal vollendet, ich sollte ihn nie wiedersehen ...
Schon früher, aus beiläufigen Bemerkungen, die er, trotz seiner offenbar absichtlichen Zurückhaltung in diesem Punkte, nicht immer hatte unterdrücken können, war es mir zur Gewißheit geworden, daß Karl Schuda große Hoffnungen auf Ungarn setzte. Dort hatte bereits Ende März eine Verschmelzung der sozialdemokratischen Partei mit der kommunistischen sich vollzogen und Bela Kun als Volkskommissar des Auswärtigen in einem Funkspruch »An Alle!« den Arbeitern der Welt kundgetan, daß nun der Wind aus einem andern Loch blasen würde. Auf die Arbeiter der Welt schien das zwar keinen besonderen Eindruck zu machen, wenigstens rührten sie sich nicht. Auch daß Lenin den neuen Bruderstaat mit begeistertem Bombast begrüßt hatte, brachte der gequälten Menschheit noch lange keine Erlösung. Und es gehörte schon ein recht gläubiges Gemüt dazu, um anzunehmen, daß durch die Erklärung des Standrechts die wahre Freiheit begründet oder durch die Abschaffung von Rang und Titeln den Übergriffen der Feinde Ungarns Einhalt getan werden könne, dem Vormarsch der »Bourgeoiseroberer«, wie jene Proklamation die Ententegünstlinge nannte, von denen jeder einen Fetzen ungarischen Territoriums an sich gerissen hatte. Auf die Zukunftshoffnungen einer entflammten Bekennernatur, wie mein Freund es war, mochte aber schon die in so naher Nachbarschaft erfolgte Schaffung der Proletarierdiktatur allein, die angeblich vollzogene Vereinigung der gesamten Arbeiter, Soldaten und Bauern unter der Fahne der sozialistischen Weltrevolution einen bestrickenden Zauber und eine gewaltige Anziehungskraft ausüben. Aus diesem Grunde vermutete ich in Budapest, dem Sitz der jüngsten Räterepublik, Karl Schudas geheim gehaltenes Reiseziel, und zwar mit stillem Bedauern und aufrichtiger Sorge. Denn schon damals sah es nicht danach aus, als ob Schillers Wort »Freiheit ist nur in dem Reich der Träume« durch Tibor Szamuely und ähnliche Gestalten bolschewistischen Gepräges widerlegt werden würde.
Den Verlauf, den das gefährliche ungarische Experiment in der Folge genommen hat, ist bekannt. Bekannt, daß es trotz den zweifellos hochfliegenden Plänen und edeln Absichten Einzelner in blutige Gewaltherrschaft ausartete, das Land infolge kühnen volkswirtschaftlichen Dilettierens ungezählte Milliarden kostete und mit einem kläglichen Zusammenbruch endete. Vier Monate bolschewistischer Herrlichkeit hatten genügt, dem unglücklichen Staatswesen unendlich mehr Schaden zuzufügen als alle vorausgegangenen schweren Jahre des Krieges zusammengenommen. Die rumänische Armee stand, während die »Bourgeoiseroberer« wie immer von edler Grundsätzlichkeit troffen, plündernd und raubend vor den Toren von Budapest, und die Volkskommissare mit ihren Genossen, nachdem sie noch einmal, kindlich genug, das Proletariat der Welt um Hilfe angerufen hatten, beeilten sich, über die österreichischen Grenzen zu entkommen, soweit sie nicht unter irgend einem Titel dingfest gemacht worden waren.
Ob Karl Schuda dies alles aus unmittelbarer Nähe miterlebt oder vielleicht sogar als tätiger Teilnehmer sich daran beteiligt habe, blieb mir unbekannt. Ich wußte ja nicht einmal sicher, wohin er sich damals gewendet hatte, hörte nichts mehr von ihm und war auch durch meine eigenen Angelegenheiten zu sehr in Anspruch genommen, als daß meine Gedanken zu ihm oder in jene stille Stadt der blühenden Gärten, wo der Zufall uns zusammengeführt hatte, noch öfters zurückgekehrt wären.
So war ein Jahr vergangen, seit wir nach dem Begräbnis des alten Generals am Friedhofstor voneinander Abschied genommen, als ich, in einem Wiener Kaffeehaus rasch eine Zeitung durchfliegend, auf eine telegraphische Nachricht aus Budapest stieß, wonach ein gewisser Nagyhegy, rekte Souda, wegen Teilnahme an den Greueln der einstigen Räteregierung verhaftet worden sei. Mit ihm sollte auch seine »Konkubine«, die Tochter eines ehemaligen österreichischen Generals, wegen Vorschubleistung zu den ihm zur Last gelegten strafwürdigen Handlungen in Untersuchung gezogen worden sein.
Ich hatte mir für denselben Abend eine Karte in die Oper verschafft, die bei der entsetzlich anwachsenden Teuerung ein kleines Vermögen kostete. Ich wollte sie nicht verfallen lassen und begab mich, nachdem ich jene Notiz mehrmals hintereinander gelesen und, da sie von einem Korrespondenzbureau herrührte, in allen Zeitungen gleichlautend gefunden hatte, unmittelbar aus dem Kaffeehaus ins Theater, obgleich mir jede Lust vergangen war, die »Tote Stadt« zu hören. Aber schon nach dem ersten Aufzug verließ ich das Parkett. Es bohrte und nagte eine Unruhe in mir, die mich zu keinem reinen Genuß kommen ließ. Immer aufs neue wiederholte ich mir, was ich mir schon hundertmal wiederholt hatte: daß eine zufällige Ähnlichkeit der Umstände mich irreführen konnte und meine Besorgnis vielleicht gänzlich überflüssig sei; daß es viele österreichische Generale gegeben hätte und darum auch viele Generalstöchter geben müsse, und daß der slawische Name Souda vielleicht ganz anders ausgesprochen würde als der Karl Schudas. Aber dennoch verfiel ich immer wieder in Traurigkeit, wenn ich mir vorstellte, daß mein alter Schulfreund, für den ich noch immer Gefühle übrig hatte, wie sie eben nur aus Jugendbeziehungen nachhallten, samt seiner schönen Freundin ins Unglück geraten sein sollte. Eine Traurigkeit, die sich bei dem Gedanken noch steigerte, daß er, verführt durch die Glut seines gottverlassenen Erlöserwillens, vielleicht wirklich schwere Schuld im politischen Sinne auf sich geladen und sogar seine arme Gefährtin darein verstrickt haben könnte.