Der Berg der Läuterung

Part 7

Chapter 73,428 wordsPublic domain

Aber auch an seiner Begleiterin war, das konnte ich rasch bemerken, die Zwischenzeit nicht ganz so spurlos vorübergegangen, wie es beim ersten Anblick scheinen mochte; jedoch im entgegengesetzten Sinne, darüber gab es keinen Zweifel, sobald man sie nur schärfer ins Auge faßte. Denn sie hatte keineswegs gealtert, wie sich hätte voraussetzen lassen, im Gegenteil, etwas wie ein neu erwachter Geist, einem Lichtstrahl vergleichbar aus dem Auge hervorbrechend, faßte die einstige Schönheit, von der ich früher nur Überreste hatte feststellen können, zu einer unerwarteten Spätblüte zusammen und ließ ihre Züge lieblicher, rosiger, bräutlicher erscheinen, als ich es je für möglich gehalten hätte. Und nicht bloß jugendlicher als damals kam sie mir jetzt vor, auch selbstbewußter, zuversichtlicher, freier: nichts mehr von jener Trostlosigkeit, als deren Verkörperung sie mir sonst gegolten. Weit eher schien mir der Eindruck, den ich von ihr empfing, auf feste Ziele zu deuten, auf Entschlossenheit und beherrschten Gemütszustand. Und war dieser Eindruck auch flüchtig, und kehrte der Blick, den ich im Vorbeigehen auffing, rasch sich besinnend und in Demut sogleich wieder hinter gesenkte Lider zurück und in das Joch einer freiwillig erduldeten Dienstbarkeit -- es war doch einer jener großen, suchenden, von kühnen Antrieben durchzitterten Blicke gewesen, den nur eine Seele aussendet, die um die Freiheit weiß, ein Blick, der blitzartig die überraschende Wandlung enthüllte, die sich vollzogen haben mußte, wenn ich mich nicht gänzlich täuschte.

Indessen war ich nicht abgeneigt, da meine Beobachtung sich naturgemäß auf den Bruchteil einer Minute beschränkte, eine solche Täuschung zunächst für das wahrscheinlichere zu halten, es hätte mir ja andernfalls auch jede Erklärung gefehlt. Dem Zufall blieb es vorbehalten, mich darüber zu belehren, daß unsere gefühlsmäßig aufleuchtenden Erkenntnisse durch das Fehlen einer ausreichenden Begründung nicht gegenstandslos werden können. Seinem Eingreifen hatte ich es zu danken, daß mir in der Folge ein Einblick zuteil wurde, wie die großen Zeitgedanken sich im Schicksal des einzelnen widerspiegeln, er war es, der mir einen Faden an die Hand gab, an dem ich mich weitertasten konnte. Eine Gelegenheit, die ich um so lebhafter ergriff, je mehr das junge alte Mädchen anfing, mir zum Problem zu werden.

Eine öffentliche Anzeige, die ich an Mauerecken und Litfaßsäulen angeschlagen fand, machte mich auf eine Versammlung aufmerksam, in der eine entschlossene Wählergruppe offenbar Anhänger für ihre grundstürzenden Forderungen zu werben gedachte. Anscheinend handelte es sich dabei nicht so eigentlich um die Verbreitung politischer Schlagworte, wie deren jede Partei auf ihre Fahne geschrieben hat, sondern mehr um eine Vorarbeit hierzu, indem durch eine grundsätzliche Kritik der hergebrachten Sitten- und Pflichtenlehre die Gesinnungen beeinflußt, die Gemüter umgepflügt werden sollten, um für die Aufnahme der gefährlichen Saat bereitet zu sein. Von vornherein begierig, einen deutlicheren Begriff von den geheimen Unterströmungen und seltsamen Gärungen, die den Umsturz begleiteten, aus eigner Anschauung zu gewinnen, sah ich mich zum Besuch jener Versammlung noch ganz besonders durch frühe geistige Beziehungen zu einem alten Schulfreund aufgefordert, dessen Namen die erwähnten Maueranschläge in großen roten Buchstaben als Vortragenden nannten. Obgleich seit vielen Jahren außer jedem Zusammenhang mit ihm, erinnerte ich mich doch gerne der vielfachen Anregungen, die ich einst von ihm empfangen, des glühenden und leidenschaftlichen Gedankenaustausches, durch den wir uns gegenseitig gefördert hatten, in jenen längst verflossenen Tagen, wo wir als halbreife Jünglinge die Welt umzubauen uns stark genug dünkten und nach langen gefühlsreichen Wegen durch Wald und Flur oft mehr voneinander gelernt zu haben meinten als von dem besten unserer Lehrer.

Zum Unterschied von allen übrigen Kollegen hatte Karl Schuda nach der Reifeprüfung keine Hochschule bezogen. Er war in die Welt hinausgewandert; es hieß, daß er sich auf einem Kohlenschiff der unteren Donau sein Brot verdiene. Später sollte er in Bukarest ein Handelsgeschäft eröffnet, noch später in Bulgarien Grundbesitz erworben haben. Blieb er dem Kontinent gleich treu, so schien er doch auf dem Balkan sein Amerika zu suchen. Gefunden hatte er's wohl kaum, oder höchstens insofern, als es auch in Ländern der unbegrenzten Möglichkeiten Schiffbrüchige gibt. Indessen wäre es Übelwollen gewesen, ihm nachzusagen, er habe seinen Beruf verfehlt, als er unversehens wieder in der Heimat, und zwar als Zeitungsschreiber auftauchte; denn er schrieb ein gutes Deutsch und führte eine vortreffliche Klinge. Als Aufwühler und Umsturzmann stellte er sich in den Dienst der Plötzlichkeit, verschmähte es aber, den Ton aus der Gosse zu holen, und blieb ungewöhnlich. Bei allem, was ich im Lauf der Jahre zwar selten, aber doch gelegentlich von ihm gelesen, hatte ich den Eindruck einer starken, ehrlichen, überzeugten Persönlichkeit gewonnen, der ich Achtung nicht versagen konnte, auch wo es mir widerstritt, die Gesinnung zu teilen. Und was mich an den Veröffentlichungen, die mir von ihm zu Gesicht gekommen, vorwiegend fesselte und wie aus alten Tagen unserer Freundschaft erwärmend ansprach, das war der heilige Eifer, mit dem er die Gefolgschaft, die er der hochroten Fahne leistete, an den tiefsten Forderungen der Ethik zu überprüfen nicht müde wurde. Die innere Erregtheit einer schwärmerischen Menschenliebe diente seiner Parteileidenschaft zur Rechtfertigung, und wenn er irrte, so war nicht Neid und wirtschaftliche Gehässigkeit die Quelle dieses Irrtums, sondern ein lebendiges Mitempfinden jeder sozialen Hilfsbedürftigkeit.

Diese bejahende Note seines Wesens, die ihn von sonstigen Wüstenpredigern ähnlichen Schlages vorteilhaft unterschied, kam auch in dem angekündigten Vortrag, zu dem ich mich einzufinden nicht versäumt hatte, zu entscheidendem Durchbruch. Freudigkeit galt ihm als oberstes Ziel, und der Weg dahin konnte nur über die Freiheit führen. Darum verwarf er jeden Zwang, jede Bevormundung, sogar jede Obrigkeit, mit Ausnahme der vom Volk selbst eingesetzten, wobei es dahingestellt bleiben mochte, wer das Volk eigentlich sei. Darum verwarf er überhaupt alles »Sollen«, das sich nach einem Worte Kants aus dem »Sein« nicht »herausklauben« lasse, und anerkannte keine Macht des Gewissens neben dem freien Willen. Und darum wendete er sich wie gegen die »Herrenmoral«, so auch gleicherweise mit aller Schärfe gegen die Verweichlichung der Lebensinstinkte, wie sie durch das »Narkotikum der Evangelien« -- dies war der Ausdruck, den er gebrauchte -- hervorgerufen werde. Denn würdig der Erlösung von äußerem Zwang sei nur der, der sich selbst erlöst hätte von den inneren Fesseln, als welche er die vererbten Vorurteile bezeichnete, durch die wir uns Gewalt antäten, zu wollen, was wir im Grunde nicht wollen, und zu tun, was wir lieber unterlassen würden. Dies beuge, verkümmere, knicke die wahre Natur und das innerste Wesen der Menschen und sei die eigentliche Sünde wider den Geist, für die es keine Lossprechung gebe. Wie der Flachs von Grannen und Werg, so müsse das zur Freiheit erwachende Gemüt gereinigt werden von allen schwächlichen Gewohnheiten einer stillen Ergebung, einer demütigenden Anpassung und Selbstüberwindung, einer schmählichen Zwiespältigkeit zwischen wahrem Willen und aufgezwungener Pflicht. Starke, ganze, uneingeengte Seelen brauche die Menschheit, wahrhafte, aufrichtige, jeder Selbstentäußerung fremde Seelen, deren oberstes Sittengesetz darin bestehe, sich selbst zu erfüllen. So fordere es das lebendige Leben und der Aufstieg zu einer reineren und schöneren Zukunft.

Er sprach frei, fließend und innerlich bewegt, sein Wort wußte zu zünden. Unzähligemal sah er sich durch brausenden Beifall unterbrochen, der Saal war dicht besetzt, und auch das gewähltere Publikum, das die vorderen Sitzreihen einnahm, kargte nicht mit den Äußerungen einer Anerkennung, die freilich mehr der rednerischen Leistung als dem Inhalt gelten mochte.

Um dem andringenden Schwarm derer, die zuhören wollten, im Saale Raum zu schaffen, hatte man auch in den tiefen Nischen der Fenster, die mit Holzläden verschlossen waren, Bänke aufgestellt, und als mein Auge mitten im Vortrag zufällig eine dieser Bänke streifte, die die Sitzreihen flankierten, blieb es starr wie an einer Erscheinung dort hängen. Zu meiner größten Überraschung hatte ich die schöne Generalstochter, meine unbekannte Bekannte aus den städtischen Anlagen, erblickt, wie sie mit glühenden Wangen den Ausführungen des Redners lauschte. Weit vorgebeugt, gleichsam mit angehaltenem Atem saß sie da, kein Auge von der Vortragsbühne wendend, als fürchte sie, es könnte ihr eins dieser offenbarenden Worte, eine dieser ebenso ungezwungenen wie ausdrucksvollen Gebärden entgehen, die sie begleiteten. Kein Prophet konnte sich einen gläubigeren Anhänger, kein Apostel einen teilnehmenderen und verständnisvolleren Jünger wünschen. Ich sah, wie sie diese oder jene Äußerung, die sie besonders überzeugte, mit begeistertem Kopfnicken begleitete, wie ihr Antlitz dabei aufleuchtete, ihre Pulse stockten oder rascher flogen, und ich konnte beobachten, wie sie keine Gelegenheit versäumte, durch leidenschaftliches Händeklatschen in den allgemeinen Beifall mit einzustimmen, der der verführerischen Sophistik meines ehemaligen Schulfreundes gezollt wurde.

Ich wüßte selbst nicht zu sagen, warum auch ich bei diesem Anblick auf einmal einer entschiedenen Neigung in mir gewahr wurde, manchem, was Karl Schuda vorbrachte, doch eine gewisse Berechtigung zuzugestehen. Vielleicht war die tiefere Ursache davon in einem halb unbewußt sich regenden Gefühl mitleidiger Teilnahme zu suchen, der Teilnahme für dieses bedauernswerte weibliche Wesen, dessen ungeheure innere Erregung verständlich wurde, wenn ihm plötzlich zum Bewußtsein kam, was alles es unwiederbringlich dem dürren Begriff einer herkömmlichen Pflichterfüllung aufgeopfert hatte. So stark die Bindungen der Religion, der Kindesliebe, der weiblichen Hilfsbereitschaft immer sein mochten -- wäre es verwunderlich gewesen, wenn diesem Mädchen die entschwindende Jugend als zwecklos und unsinnig vergeudet erschienen und zu spät, ach viel zu spät die Erkenntnis aufgedämmert wäre, daß auch sie ein unverlierbares Recht darauf gehabt hätte, ihr eigenes Leben zu leben? Hätte nicht jeder es begreiflich finden müssen, wenn sie noch jetzt in aufwallendem Unmut die drückenden Fesseln abgeworfen und sich rücksichtslos zum neuen Evangelium der freien Persönlichkeit bekannt hätte, die an kein Gesetz als an das der eigenen Bestimmung gebunden ist? So wie es eine Linie gibt, über die hinaus auch der muskelkräftigste Nacken der ihm aufgebürdeten Last nicht mehr gewachsen ist, so gibt es auch für die moralische Leistungsfähigkeit eine Grenze, wo das Menschenmögliche endet -- tausendfach und eindringlicher als je hat es sich im Weltkrieg erwiesen. Alle Schranken und Mauern, mit denen die Notwendigkeiten menschlicher Gemeinschaft den Einzelwillen im Wege der Vererbung und Erziehung einengen, stürzen dann zusammen, um dem nackten Bedürfnis die Bahn freizugeben. So erinnere ich mich, in einer mittelalterlichen Chronik gelesen zu haben, wie die Bürger einer üppigen und fröhlichen Stadt, bekehrt durch einen flammenzüngigen Bußprediger, so lange in der Ausübung aller christlichen Tugenden, als da sind: Armut, Keuschheit, Demut und Selbstentäußerung, Enthaltsamkeit, Freigebigkeit, Nächstenliebe und Eifer im guten miteinander gewetteifert -- so lange in all solch frommem Abbruchtun und Verzichten sich gegenseitig gesteigert und überboten hätten, bis diese ganze Stadt schließlich vor die Hunde gekommen und eines Tages durch das plötzliche Hervorbrechen des künstlich zurückgestauten Kraftüberschusses in jähem Rückschlag zu einem wahren Sodom und Gomorra geworden sei, das sich in bis dahin unerhörten Ausschweifungen und Orgien austobte. Die Natur läßt sich eben auf die Dauer keine Gewalt antun, und die entsagende Heiligkeit, so lange sie auf Erden wandelt, läuft immer wieder aufs neue Gefahr, von den dammbrechenden Wogen der Weltlust verschlungen zu werden.

Daß auch meine sonderbare Heilige aus den städtischen Parkanlagen der Weltlichkeit nicht unzugänglich geblieben war, darüber blieb mir bald kein Zweifel mehr. Denn als ich nach Schluß des Vortrags mich in das ans Podium stoßende Künstlerzimmerchen begab, um Karl Schuda zu begrüßen und ihm nach so langer Zeit die Hand zu drücken, fand ich zu meiner nicht geringen Überraschung dort meine schöne Unbekannte vor, wie sie ihm für das, was er ihr gegeben, ihren Dank auf eine recht eigene Weise aussprach, nämlich wortlos, indem sie die Arme um seinen Nacken geschlungen hatte und ihn küßte. Es war mir peinlich, sie durch mein Eindringen aus dieser zärtlichen Stellung aufgeschreckt, bestürzt und verlegen zur Seite treten zu sehen, Karl Schuda indessen überbrückte gelassen und unbefangen den fatalen Augenblick, indem er nach einigen schlichten Worten freudiger Genugtuung über meine Teilnahme an seinem Vortrag uns miteinander bekannt machte. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, daß die Beziehungen der beiden nicht erst von heute stammten, denn während er mich als Jugendgenossen und alten Schulkameraden einführte, stellte er sie als seine werte Freundin und treue Mitarbeiterin vor, der er mehr zu danken habe, als sich in der Geschwindigkeit sagen lasse. Daß er dabei nach ihrer Hand faßte und sie mit Wärme schüttelte, trug dazu bei, sie rasch ihre Haltung wiederfinden zu lassen. Verständig beteiligte sie sich an einem leichten Gespräch, das bald in Gang kam, aber nur Äußerlichkeiten berührte und sich an der Oberfläche der Dinge hielt. Zum erstenmal hörte ich ihre Stimme, die eine angenehme Altfärbung hatte; alles, was sie äußerte, nahm mich mehr und mehr für sie ein, steigerte mein Interesse nicht nur für ihre Person, sondern auch für die Art ihrer Beziehungen zu meinem Freunde. Die Freiheit, mit der sie sprach, das Du, das sie einander gaben, mehr noch die unausgesprochenen Einverständnisse, die zwischen den Worten hervorschimmerten, ließen mich erkennen, daß sie auf vertrautem Fuße miteinander standen. Ja, es setzte sich, ohne daß ich eigentlich zu sagen wüßte warum -- denn das Unwägbare, das nur mit übersinnlichen Fühlern ertastet wird, läßt sich nicht in Begriffe fassen -- allmählich die Überzeugung in mir fest, daß sie seine Geliebte sei.

Dieser Eindruck verstärkte sich noch beim nächsten Wiedersehen mit meinem Freunde, das tags darauf stattfand. Einige tiefgehende Meinungsverschiedenheiten, gleich trennenden Abgründen ganz zufällig und unwillkürlich zwischen dem flüchtigen Geplauder im Künstlerzimmer aufklaffend, hatten in uns allen den Wunsch rege gemacht, uns eingehender miteinander auszusprechen. Es war für den nächsten Abend ein gemeinsamer Weg ins Freie verabredet worden, und ich fand mich nach des Tages Arbeit in Karl Schudas Wohnung, die er studentisch seine »Bude« nannte, pünktlich ein, um ihn abzuholen. Sein Arbeitszimmer trug in der Tat das Gepräge einer studentischen Behausung und ließ nicht nur jeden Geschmack, sondern auch jede Spur von Ordnung vermissen, so daß ich mich im stillen fragte, wie es möglich sei, sich unter diesen Bergen aufgestapelter Bücher, in diesem Wust umherliegender Schriften und Papiere zurechtzufinden. Den einzigen Schmuck bildeten ein paar frühe Rosen, die in einem Trinkglas auf dem Schreibtisch standen. Wer konnte sie ihm gebracht haben, diese duftenden Zeugen einer liebevollen Aufmerksamkeit, die ihn mit ihren Gedanken umschwebte? Denn daß er sich selbst aus eigenem Antrieb sollte Rosen eingeschafft haben, um sie auf seinen Schreibtisch zu stellen, das sah ihm gerade nicht ähnlich.

Es ergab sich von selbst, daß wir unsere Anknüpfungen in der Vergangenheit suchten, und wir unterhielten uns eben von gemeinsam verlebten Jugendtagen, als er die Uhr zog und einen Blick darauf warf. Mit einem Anflug von Ungeduld sagte er: »Die Baronin pflegt sonst nicht auf sich warten zu lassen,« und steckte die Uhr wieder zu sich.

Mir aber hatte es einen gewaltigen Ruck gegeben. Ich beachtete kaum, daß er entgegen der Zeitströmung und der eigenen Parteidoktrin die erfolgte Aberkennung des Adeltitels bei seiner Freundin absichtlich übersah, und wunderte mich auch nicht darüber in diesem Augenblick; etwas ganz anderes war es, was meine Aufmerksamkeit gefesselt hielt und meine Gedanken beschäftigte, ein Ding, dessen Anblick mir, so nichtssagend es an sich war, doch etwas wie ein leises Grauen einflößte und beinahe physischen Schmerz verursachte. Denn es sind oft die unscheinbarsten Gegenstände, die uns verborgene Zusammenhänge enthüllen, und nichts kann uns empfindlicher enttäuschen und tiefer erschüttern, als wenn wir da, wo wir rechtfertigen möchten, uns gezwungen sehen, anzuklagen.

Es kommt manchmal vor, daß uns an Menschen, die wir flüchtig sehen, irgend eine nebensächliche Einzelheit der äußeren Erscheinung besonders auffällt, wie uns denn an einer Frau vielleicht die Brosche, die sie trägt, die Farbe der Hutschleife oder -feder Eindruck macht oder bei einem Manne die Perle der Busennadel, der elfenbeinerne Griff seines Spazierstocks im Gedächtnis haften bleibt. So kannte ich an dem alten General von meinem zufälligen Begegnen her die goldene Panzeruhrkette, die quer über seine Weste lief, und die Berlocke, die mittels eines Springringes daran befestigt war. Es war ein Petschaft aus schwarzem, goldmontiertem Basalt, die Gestalt einer niedlichen ägyptischen Sphinx, aus deren smaragdenen Augen, so winzig sie sein mochten, bei mancher Bewegung ein unheimlich grünlicher Schimmer hervorsprühte. Deutlich erinnerte ich mich, diese seltsame Berlocke wiederholt bei dem gebrechlichen alten Herrn gesehen zu haben; sein böser Blick, den ich in Gedanken gifthauchend genannt hatte, mochte in meinem Unterbewußtsein mit den ab und zu aufblitzenden grünen Augensternen der kleinen Sphinx irgendwie zusammengeflossen sein. Kurz, das aparte, fein gearbeitete Juwel war nicht zu verwechseln, und ich erkannte es sofort wieder, als ich es nun für einen Augenblick an Karl Schudas Uhrkette baumeln sah, einer sogenannten Sportkette, die er samt der Uhr aus der Tasche gezogen und ein paar Sekunden lang in der Hand gehalten hatte.

Ein Gefühl wie bei der unbeabsichtigten Berührung einer Kröte bemächtigte sich meiner, als mir mit Blitzesschnelle klar wurde, daß es nur Umstände der bedenklichsten Art sein konnten, die diesen Gegenstand von höchstpersönlichem Wert in Karl Schudas Hände gespielt hatten. Welche Möglichkeiten! Eine Tochter, die es nicht erwarten konnte, den hinfälligen Vater zu beerben! Die seine Hilflosigkeit dazu mißbrauchte, ein durch Gewohnheit Liebgewordenes ihm irgendwie abzudringen, um es hinter seinem Rücken insgeheim dem Geliebten zu verehren. Und schlimmer noch vielleicht, weit schlimmer! Auf was für Abwege konnte dieses Mädchen sich verirrt haben, weil ihre knappen Mittel für ein auf einwandfreie Weise erworbenes Andenken nicht reichten! Oh, welcher Handlungsweise war ein Weib, das mit letzter Verzweiflung liebte, nicht etwa fähig! Ein schwaches Weib, zerrüttet durch die Überspannung ihrer moralischen Kräfte, betört von der Schalmei einer neuen persönlichen Freiheit, die alles Überkommene entwurzelte, alle Hemmungen zum alten Eisen warf und ein halbverlorenes Leben zurückzuschenken verhieß -- was war einer solchen Frau, die jeden inneren Halt und jeden Maßstab für das Erlaubte verloren haben mochte, nicht alles zuzutrauen! Ich wehrte mich gegen die andringenden Gedanken, ich strengte mich an sie abzuweisen, ich entsetzte mich davor, sie zu Ende zu denken.

Um meine Bestürzung zu verbergen und nur überhaupt etwas zu sagen, verfiel ich darauf, mich nach dem Befinden des alten Generals zu erkundigen. Worauf Karl Schuda erwiderte, er sei nun auf dem besten Wege, auch noch schwachsinnig zu werden. »Ein boshafter Teufel,« sagte er voll Bitterkeit, »und obendrein schwachsinnig -- so was füttern wir!« Und als ich mit unverhüllter Mißbilligung bemerkte, erschlagen könne man ihn doch wohl nicht, wie die Indianer ihre Greise, da antwortete er mir mit der kühlen und zynischen Frage: »Warum nicht?«

»Und wo bleibt die Menschenliebe, auf die doch auch du deine Forderungen gründest?«

»Man schadet den Menschen, wenn man die Kadaver liebt.«

Daraufhin ließ ich den Gegenstand auf sich beruhen und erkundigte mich nur, ob der General nicht mehr ausgehe, es falle mir auf, ihm in letzter Zeit nicht mehr begegnet zu sein.

»Matratzengruft!« sagte Karl Schuda kurz und trocken.

»Bedauernswert!«

»Wenigstens haben die quälenden Promenaden ein Ende.«

In diesem Augenblick trat die Baronin ein, lebhaft und aufgeräumt. »Entschuldige die Verspätung, er wollte mich durchaus nicht weggehen lassen.«

Sie trug ein gefaltetes Papier in der Hand, und Karl Schuda fragte: »Was bringst du mir?«

»Wir haben doch nach einem Zitat gesucht, das uns beiden irgendwie vorschwebte,« sagte sie Platz nehmend. »Ich habe es gefunden. Das heißt, ich weiß nicht bestimmt, ob es das gesuchte ist, aber es drückt ungefähr den Sinn aus, den wir vor Augen hatten. Ich denke, du wirst es brauchen können. Es ist von Lowell; Amerikaner zitiert man immer gern.«

Und indem sie das Blatt entfaltete, las sie:

+We quench our longing, that we may be still, Content with merely living, But would we learn our hearts full scope, Our lives must climb from hope to hope And realize our longing.+

»Das +would+ macht mir Schwierigkeiten,« sagte Karl Schuda nachdenklich; »heißt es ›würden wir‹, oder hat es die ursprüngliche Bedeutung von ›wollen‹? Überhaupt scheint mir in den Versen der Sinn doch nicht restlos enthalten, nach dem wir suchten: daß es nämlich das Wort ›Verzicht‹ in unserm Wörterbuch nicht geben dürfe, soll unsre wahre Natur sich frei entfalten.«

»Doch, doch!« beharrte sie eifrig. »Ich denke, daß letzten Endes dasselbe gemeint ist, was auch wir meinten. Vielleicht ist es nur allzu schwebend ausgedrückt und absichtlich im leichten Schleier der Verssprache verhüllt. Eine Übersetzung könnte den Sinn deutlicher herausarbeiten.«

»Hast du eine Übersetzung versucht?«

»Versucht allerdings,« sagte sie leicht errötend; »ob es mir gelungen ist, weiß ich nicht.« Und indem sie sich gleichsam entschuldigend an mich wendete, fuhr sie fort: »Ich habe mit Zeilen und Wörtern nicht so sparsam gewirtschaftet wie das Original. Vielleicht bin ich wirklich in den Fehler verfallen, mehr das, was wir hören wollten, herauszulesen, als was der Dichter eigentlich zu sagen die Absicht hatte. Entscheiden Sie selbst.«

Damit reichte sie unserem Freunde das Blatt hin, und er las:

Die Sehnsucht zwingen nieder wir und schweigen, Zufrieden, wenn wir nur das Leben haben, Entsagungsvoll beruhigt im Gemüte. Doch wollen wir des Herzens reichste Gaben Und ganze Kraft entfaltet sehn zur Blüte, Von Hoffnung gilt's zu Hoffnung aufzusteigen, Bis sich erfüllt der Sehnsucht letzte Ziele zeigen.

»So kann ich es brauchen, besten Dank!« sagte Karl Schuda. »Entsagung und Verzicht sind Unsinn. Nur wenn zur Wirklichkeit wird, was wir ersehnten, haben wir das Leben nicht verspielt. -- Nun wollen wir aber auch danach handeln,« setzte er leichten Tones hinzu; »mir wenigstens fällt es nicht ein, auf den verabredeten Spaziergang zu verzichten.«