Part 9
Nur eine Tätigkeit, die mir Aufklärung verhieß, konnte meine überreizten Nerven entspannen. Ich setzte mich noch in der Nacht an den Schreibtisch, um jenem mir allerdings nur entfernt bekannten Arzt zu schreiben, der vor einer Reihe von Jahren, noch vor dem Kriege, in einem zufälligen Gespräch, an das ich mich noch gut erinnerte, das Recht der Jugend gegen die Selbstsucht des Alters in Schutz genommen und dabei, wie ich mir damals einbildete, auf das Verhalten des greisen Generals seiner bedauernswerten Tochter gegenüber angespielt hatte. Ich durfte annehmen, daß er mit der Familie befreundet gewesen, und fragte an, ob er mir von der Baronin und meinem Jugendfreunde, dem Publizisten Karl Schuda, in dessen Gesellschaft ich sie später einigemal getroffen hätte, Nachricht geben könne.
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Ich hatte mich an die richtige Adresse gewendet, denn jener Arzt und Menschenfreund, der, wie ich erst jetzt erfuhr, den alten General behandelt und seinen Tod festgestellt hatte, nahm selbst warmen Anteil an dem Schicksal der Baronin. Er wußte mir aber nichts zu berichten, als daß sie bald nach dem Selbstmord ihres Vaters zugleich mit dem »gefährlichen Rattenfänger«, wie er Schuda nannte, aus der Stadt verschwunden und seither nicht mehr dahin zurückgekehrt sei. Er fürchte, daß eine Zeitungsnachricht aus Budapest, die ihn jüngst erschreckt habe, und auf die er mich aufmerksam mache -- das mir wohlbekannte Telegramm war im Ausschnitt angeschlossen -- sich auf das verschollene Paar beziehe.
So wenig aufklärend diese Zeilen auch waren, so kann ich doch nicht anders sagen, als daß ich aufatmete, während ich sie las. Wenn irgend wer, so mußte jener Arzt es wissen, auf welche Weise der General aus dem Leben geschieden war. Und daß er von einem Selbstmord wie von einer unbezweifelbaren Tatsache sprach, nahm mir eine schwere Last vom Herzen. Denn das von der Baronin geprägte Wort: »Wir müssen schuldig werden«, vielleicht im Zusammenhang mit Karl Schudas rohem Ausspruch »Was sinkt, soll man stoßen«, hatte Befürchtungen in mir erweckt, vor denen mir schauderte. Jetzt hielt ich die Gewißheit in Händen, daß wenigstens das Entehrende und Unsühnbare, das mich unüberbrückbar von meinen Freunden geschieden hätte, nicht im Bereich des Möglichen lag. Es gibt eine Schuld, die der Mensch verzeihen kann und darf, die zu verzeihen sogar ein Gebot der Nächstenliebe ist. Aber es gibt auch einen Punkt, wo Nachsicht und milde Beurteilung ein Ende haben müssen. Nun konnte ich wieder hoffen, daß dieser Punkt nie und nirgends überschritten worden sei.
Der erwähnte Arzt ließ die Gelegenheit nicht ungenützt, dem knappen Tatsächlichen, das er mir übermitteln konnte, auch noch einige weitere Ausführungen beizufügen, zu welchen das Interesse ihn reizen mochte, das er als Seelenforscher an der Sache nahm.
Der Baronin, schrieb er, traue er in ihrer Anhängerschaft an den politisch stark exponierten Freund ohne weiteres das Äußerste zu. Der Tod des Generals, eines von Haus aus unleidlich rücksichtslosen, mit sich und der Welt zerfallenen altösterreichischen Kommißoffiziers und Leuteschinders, sei viel zu spät erfolgt, um seiner Tochter noch rechtzeitig jene äußere und innere Freiheit zu schenken, die ihr ohne verzweifelte Entschlüsse einen Weg zu der jeder Menschenseele unentbehrlichen Freudigkeit eröffnet hätte. Zur Hörigkeit erzogen, durch militärisch-bourgeoise Vorurteile in jeder natürlichen Entwicklung gehemmt, hätte sie, im Begriffe, von der Jugend Abschied zu nehmen, unbedingt auch seelisch dem Einfluß eines jeden unterliegen müssen, der sie zum Weib machte, gleichgültig, ob es ein Jesuit oder ein Bolschewik war. Darum wundere er sich auch nicht darüber, wenn sie in Karl Schuda vielleicht etwas wie einen Erlöser und in seinen zersetzenden Hirngespinsten ein Allheilmittel der Menschheit erblickt hätte. Mannigfache Erfahrungen ähnlicher Art ließen ihm den Fall, so verhängnisvoll er für die Baronin verlaufen könne, als durchaus begreiflich erscheinen und böten die Erklärung für den damals von ihm vertretenen Standpunkt, den wohl nunmehr auch ich besser zu würdigen wissen werde: daß selbst liebevolle Absicht der Eltern ein engherzig gewaltsames Niederhalten jenes besonderen Eigenlebens nicht entschuldigen könne, auf das jede neue Generation wieder ihren besonderen Anspruch habe. Jedenfalls sei er in diesem Punkte gerade in seinen Kreisen so oft auf völlige Verständnislosigkeit gestoßen, daß er die großen Opfer, die unsere Zeit fordere, nicht für vergeblich dargebracht halten würde, wenn es ihr gelänge, die vielfach verknöcherten Anschauungen der bürgerlichen Gesellschaft wenigstens einigermaßen zu revolutionieren.
An die scharfe und grausame ärztliche Diagnose, der ich nicht in jedem Punkte beizupflichten vermochte, schlossen sich noch ein paar Bemerkungen über die Vorgänge in Ungarn, die er als gebürtiger Siebenbürger Sachse mit besonderer Anteilnahme verfolgte. Die gesunde Reaktion, die die Ordnung halbwegs wiederhergestellt und die friedliche Regelung der Beziehungen zu den westlichen Gewalthabern in die Wege geleitet hatte, war durch die Notwendigkeit, allerorts immer wieder aufzüngelnde Flammen zu dämpfen, unausgesetzt in Atem gehalten. Es wurde gemunkelt, daß die neue Regierung sich dabei oft nicht minder harter Maßnahmen bediene als die alte; manche behaupteten schlankweg, an die Stelle des roten sei nun der weiße Terror getreten. Von diesseits der Grenzen war die Stichhaltigkeit der umgehenden Gerüchte um so schwerer zu überprüfen, als auch die ungarische Öffentlichkeit selbst vielfach im Dunkeln tappte. Ein dichter Schleier blieb besonders über jene Vorgänge gebreitet, die mit der Ausrottung letzter Überreste der verflossenen Räteregierung und mit der Verfolgung ihrer da und dort noch verborgenen Parteigänger zusammenhingen. Unter diesen Umständen, meinte der Briefschreiber, sei es bis auf weiteres wohl ausgeschlossen, etwas darüber in Erfahrung zu bringen, ob Karl Schuda und seine Freundin mit den in jenem Zeitungstelegramm erwähnten Personen identisch seien.
Mir war es durch das gleichzeitige Verschwinden des abgängigen Paares aus jener Stadt fast zur Gewißheit geworden, daß der wegen revolutionärer Umtriebe verhaftete »Nagyhegy, rekte Souda« und seine »Konkubine« für mich nicht zu den gänzlich Gleichgültigen und Unbekannten zählten. Da aber selbst mein Gewährsmann, dem nähere Beziehungen zu Ungarn zur Verfügung standen als mir, an jeder Möglichkeit zweifelte, das Schicksal der beiden zu erforschen, so erlahmte allmählich auch bei mir die Neigung, mich länger mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen. Und als wieder einige Zeit verstrichen war und hundert andere, für mich wichtigere Dinge die verblassenden Gestalten ins Dunkel des Vergessens zurückgedrängt hatten, wurden sie mir allmählich zu Abgeschiedenen, an die zu denken man kaum noch Zeit findet, und denen jemals wieder zu begegnen man endgültig verzichtet hat.
Aber die Welt ist nicht ganz so groß, wie sie uns manchmal scheinen will. Und wie wir von Menschen, die in derselben Stadt mit uns wohnen, und die unser Dasein, wären wir mit ihnen in Berührung gekommen, vielleicht unsäglich bereichert hätten, oft unser ganzes Leben lang wie durch einen Ozean getrennt bleiben, so kommt es anderseits auch vor, daß weit auseinanderführende Wege unversehens wieder in einem Punkt zusammenlaufen, sich kreuzen, sich schneiden, und daß gerade in dem Augenblick, wo wir diesen Kreuzungspunkt passieren, ein Mensch dort sitzt und von der Wanderschaft ausruht, der uns irgendwie einmal lieb gewesen ist, und den wir längst für hoffnungslos verschollen gehalten hatten.
Solch eine außerhalb jeder Berechnung liegende Begegnung brachte auch mir um Weihnacht 1920, also reichlich anderthalb Jahre nach jenen Frühlingstagen, in denen ich durch Karl Schuda die persönliche Bekanntschaft der schönen Generalstochter gemacht hatte, unvorhergesehene Aufklärung darüber, was aus ihm und seiner Freundin geworden sei. Erwünscht und doch nicht wünschenswert, reifte mir aus diesem unselig abgeschlossenen Doppelleben die bittere Frucht der Erkenntnis entgegen, daß wir in eine Zeit hineingeboren zu sein das Unglück haben, deren überreizte Phantasie in der Erfindung beklagenswerter Schicksale sich nicht genugtun zu können glaubt.
Eine Gesellschaft edler Frauen, an deren Spitze eine der opferwilligsten Wohltäterinnen Wiens stand, hatte schon vor mehreren Jahren aus privaten Mitteln eine Anstalt ins Leben gerufen, in der durch Höhenluft und -sonne der Todeskeim bekämpft werden sollte, den die Not des Krieges und mehr noch des Friedens in die Brust so vieler Darbenden gesenkt hatte. Die Heilstätte lag in den steirischen Bergen, hoch oben in der Nachbarschaft der Felsen, und war ausschließlich dem weiblichen Geschlecht, den Hilflosesten der Hilflosen, gewidmet, gewährte aber bisher, da man versuchsweise vorgehen und sich erst allmählich erweitern wollte, bloß einer Anzahl von gegen zwanzig Leidenden Aufnahme, ein Tropfen auf den brennend heißen Stein des allgemeinen Elends. Jetzt sollte das Unternehmen auf breitere Grundlage gestellt und die Anteilnahme der Öffentlichkeit dafür geweckt werden. Vor allem galt es, eine mit Lichtbildern ausgestattete Werbeschrift in die Hände jener Wohlhabenden und dabei opferbereiten Mitbürger gelangen zu lassen, deren es noch immer gab, und als gerade um jene Weihnachtszeit die Vorsteherin mit dem Ersuchen an mich herantrat, meine Feder in den Dienst der guten Sache zu stellen, zögerte ich keinen Augenblick mit meiner Zusage und machte mich trotz der strengen Kälte in Gesellschaft des Lichtbildners auf den Weg nach dem verschneiten steirischen Marktflecken, der den Ausgangspunkt für die Bergwanderung bildete.
In Begleitung des jungen und rüstigen Bezirksarztes, der uns am Bahnhof erwartet hatte, traten wir bald nach unserer Ankunft durch glitzernden und knirschenden Schnee den Aufstieg zur Höhe an. Es war ein prachtvoller Wintertag, himmelblau und weiß, jedes Zweiglein des Waldes von Kristallen des Rauhfrostes flimmernd, jedes stürzende Wässerlein ein Wunderbau vereister Tropfsteingebilde. Und als wir nach zwei Stunden scharfen Steigens die mit weißen, flaumigen Kissen bedeckte Bergstufe erreichten, auf der die Heilstätte siedelte, machte sich die rätselhafte Erscheinung der Sonnenstrahlung so wohltuend fühlbar, daß wir die Röcke ablegen und auf dem Arme tragen mußten, um uns später beim Eintritt ins Haus nicht der Gefahr einer Erkältung auszusetzen.
Der Bezirksarzt, der tagtäglich zu jeder Jahreszeit diesen Weg zurücklegte, war selbstverständlich für die unbeschreibliche Schönheit des Hochgebirgswinters nicht ganz so empfänglich mehr wie wir, billigte aber die Absicht des Lichtbildners, das Hauptgewicht auf Naturaufnahmen zu legen. Den Menschenfreunden, die man zur Zeichnung von Anteilen zu bestimmen hoffte, sollte doch eine rechte Augenlust geboten werden, um die Berg- und Sonnenfreude in ihnen zu wecken. Vom Hause selbst, indessen ich es besichtigte und mich über seine Verhältnisse eingehend unterrichtete, wurden deshalb nur die günstigsten Anblicke auf die Platte gebannt und insbesondere der Liegehalle nicht vergessen, wo eine Reihe schwerkranker Frauen, bis ans Kinn in Decken gehüllt, sich sonnte, die heilkräftige Alpenluft atmend.
Während hierauf mein Arbeitsgenosse mit Kamera und Stativ sich aufmachte, die dankbarsten und bezeichnendsten Punkte der näheren Umgebung auszukundschaften und im Bilde festzuhalten, verweilte ich noch im Gespräch mit dem Arzte an der Sonnenseite des Hauses im Freien, mein Taschenbuch mit den für mich wissenswertesten Auskünften füllend, die der wohlbewanderte Fachmann mir bereitwillig gewährte, als eine Pflegerin mit der Bitte an mich herantrat, vor Verlassen der Anstalt die Stelle 9 aufzusuchen: die Kranke, die dort liege, wünsche mich zu sprechen. Nicht ohne Befremden, aber gespannt, wer hier etwas von mir wollen und worum es sich dabei handeln könne, beschloß ich, der Bitte unverzüglich zu willfahren, entschuldigte mich bei dem Arzt und folgte der Pflegerin, die mich den sich sonnenden Patientinnen entlang zu dem mit Nummer 9 bezeichneten Liegeplatz geleitete.
Eine bleiche Frau mit großen, vergeistigten Augen erwartete mich sehnsüchtigen Blicks. Sie versuchte, als ich mich näherte, sich aufzurichten, was ihr nicht gelingen wollte, da sie wie ein Kind im Steckkissen eingepackt lag. Als aber die Pflegerin sie zurechtweisend ermahnte, ihre Stellung nicht zu verändern, gab sie sich schließlich darein, sich notgedrungen darauf beschränkend, mir mit dem Kopfe zuzunicken. Höflich grüßend, ohne sie zu kennen, trat ich an ihre Liegerstatt heran und fragte, womit ich ihr dienen könne.
Ihre Stimme war tonlos und dünn wie ein Faden, ich beugte mich zu ihr nieder, da mir ihre mehr gehauchten als gesprochenen Worte unverständlich geblieben waren. Sie wiederholte, ob ich mich ihrer denn nicht mehr erinnere, und nannte ihren Namen ...
Ich fuhr zurück, suchte mich aber rasch zu fassen. Die vor mir lag, war eine Schwerkranke auf der letzten Stufe der Auszehrung. Trotzdem zeigte der Schnitt des Gesichts, von der Seite gesehen, noch immer Spuren von Schönheit, die klare, nur etwas allzu strenge Linie einer antiken Gemme.
Es mochte sich doch etwas wie Bestürzung in meinen Mienen gespiegelt haben. Tieftraurig stammelte sie: »Ich habe mich verändert -- nicht wahr?« Und während Tränen in ihre Augen traten, die neben den hageren, eingefallenen Wangen und Schläfen fast übergroß erschienen, sagte sie bewegt: »Das waren glückliche Tage damals ... Richtige Frühlingstage ... Als wir noch mit Karl Schuda ... Sie erinnern sich doch?«
Die Tränen flossen über und kollerten in die ausgehöhlten Wangen nieder. Hilflos lag sie da wie eine Mumie. Ich blickte um mich, knapp hinter mir stand das nächste Bett. Keine Möglichkeit, an ihrem Lager Platz zu nehmen. Das Reden strengte sie an, so tief ich mich auch zu ihr herabneigte. Ich kniete nieder, auf die steinernen Fliesen, knapp an ihrer Seite, wie vor dem Unglück selbst demütig auf die Knie gezwungen. Wie vor dem Fluch und Jammer, wie vor dem bitteren Leidenskelch der ganzen Menschheit lag ich vor ihr auf den Knien. Zerknirscht, in Ehrfurcht, wie vor einem Bilde der schmerzhaften Mutter. So kniete ich überströmend von Mitleid zur Seite dieser weinenden Frau auf den steinernen Fliesen des Bodens, mich nahe über ihr Antlitz beugend.
Und ich drückte mein Taschentuch gegen ihre Augen und trocknete ihre Tränen. Mein Kopf lag fast an ihrer Brust. »Nun können Sie ganz leise sprechen. Ich höre Sie.«
»Ja -- was ich Ihnen sagen wollte ... Es waren Ideale, für die er kämpfte ... Für Menschheitsziele hat er sich geopfert ... Es ist eine Lüge, daß er ein Verbrecher war! ... Seine Gegner haben sie ausgesprengt, die Rückschrittsmänner! ... Diese Bluthunde! ... Nur um ihre Schandtat zu rechtfertigen!« Ihr Auge flammte in wildem Haß. »Himmelschreiend ist es,« fuhr sie leidenschaftlich fort, »was alles sie ihm nachsagen! Aber Sie glauben es doch nicht?« schloß sie. »Sie bewahren ihm doch ein treues Angedenken?«
In banger Erwartung hob sie den Kopf vom Kissen und forschte gespannt in meinen Zügen. Ich nickte stumm, während ich ihr fest ins Auge blickte. Es war wie ein feierliches Gelöbnis, das ich ablegte, ich fand nicht die Kraft, es ihr zu versagen, obgleich ich nichts Näheres darüber wußte, ~was~ man unserem Freunde eigentlich zur Last lege, und noch weniger, wessen er sich in Wahrheit schuldig gemacht hatte. Indessen erreichte ich wenigstens mein Ziel. Der gepeinigten Frau fiel offenbar ein Stein vom Herzen, sie ließ den Kopf zurücksinken und atmete tief auf, ihr Gesichtsausdruck entspannte sich. Abermals trocknete ich mit meinem Tuche ihre Tränen, die nun in sichtlicher Erleichterung reichlicher flossen.
Ein roter Fleck beiderseits hatte sich über ihren Backenknochen festgesetzt. Der kurze Atem flog, das Fieber schüttelte sie.
»Das war es ...« nur stoßweise brachte sie die Worte über die Lippen, »was ich Ihnen ... sagen wollte. Das war es ... was ich von Ihnen ... hören wollte ... Nun weiß ich doch ... daß wenigstens Sie ... an ihn glauben ... Er schätzte Sie sehr.«
Hundert Fragen lagen mir auf der Zunge. Ich konnte, ich durfte nicht fragen. Der Anblick der Beklagenswerten zerriß mir das Herz. Ich empfand es als Pflicht der Nächstenliebe, ihre Gedanken in andere Bahnen zu lenken. Ich pries die Großartigkeit dieser Berglandschaft, die Schönheit des Alpenwinters, die Heilkraft der Luft, den Segen der Sonne. Ich sprach die Hoffnung aus, daß sie genesen würde.
Sie aber bewegte nur abweisend das Haupt. Es schien mir, daß sie mit dem Leben abgeschlossen habe, ja, daß sie es ehrlich bedauerte, überhaupt noch am Leben zu sein. Denn ich zweifelte keinen Augenblick, daß es ihr ernst damit war, als sie nun in einem Stoßseufzer, der zwar nicht geradezu, für mich aber verständlich genug, die drängendste meiner unausgesprochenen Fragen beantwortete, ihr innerstes Sehnen zusammenfaßte: »Hätte man doch auch mich gerichtet!«
Welch schaurigen Abgrund rissen doch diese wenigen, knappen Worte vor mir auf! Welch schreckliche Einblicke gewährten sie! Was alles ließen sie mich ahnen, welch ein wildes, grausiges Erleben! Wieviel Entsetzen, Haß und Todesbangen, wieviel Beängstigung, Gram und Verzweiflung -- vergossenes Blut, vergossene Tränen! Nun blieb mir kein Zweifel mehr darüber, auf welche Weise Karl Schuda geendet hatte. Tief erschüttert verharrte ich in Schweigen. Die lange Kette der verschneiten, in der Sonne glänzenden Hochgipfel draußen in der Ferne verschwamm mir vor den Augen. Der Arzt ging an der Halle vorüber. Er mochte sich wundern, mich an der Seite einer Kranken auf dem Fußboden knien zu sehen. Es war mir, als hätte er mir einen mahnenden Blick zugeworfen, jede Erregung der Schwerleidenden zu vermeiden. Auf alle Fälle sah ich die Notwendigkeit ein, mich zusammenzunehmen.
»Es war gewiß sein heißester Wunsch,« sagte ich, mich aufrichtend, »Sie dem Leben erhalten zu wissen.«
»Oh, es kommt doch auf dasselbe hinaus ... An seiner Seite wär's mir leichter geworden ... Und auch rascher gegangen ... Der Keim, da in der Brust ... In der Untersuchungshaft ... in den feuchten, finsteren Löchern ... zusammengepfercht mit Gesindel ... da holte ich ihn mir ... Man hat uns auseinandergerissen!« klagte sie. »Mich sprachen sie frei ... Als ob mir das Leben noch etwas gelten könnte! ... Es sollte mir nicht vergönnt sein, gemeinsam mit ihm ...«
Ein heißes, tränenloses Aufschluchzen, und plötzlich weiteten sich ihre Pupillen, als ob sie etwas Entsetzliches schaute. Mit einer gewaltsamen Bewegung entwand sie sich den umhüllenden Decken, rang die Arme frei und richtete sich auf, mit dem Ellenbogen gegen die Kissen gestützt. »Das ist die Sühne, verstehen Sie,« stieß sie hervor, den visionären Blick in weite Fernen gerichtet. »Mein Vater hat auch einsam sterben müssen ... Ich wußte es doch ... ich ahnte es wenigstens, daß es schlimm um ihn stünde ... daß er sich kränkte, weil seine Tochter ... Ach! ... Geschäftige Zungen hatten es ihm hinterbracht ... Und er kränkte sich darüber ... Man hätte ihn nicht allein lassen dürfen ... das wußte ich ... Und ließ ihn dennoch allein!«
Mochte sie doch bekennen, wenn es sie nur erleichterte! Wie oft hatte ich gehört, daß Sterbende ganz ruhig und sogar heiter wurden, sobald sie gebeichtet und die Lossprechung empfangen hatten. Ach, loszusprechen war freilich meines Amtes nicht, aber diese Schuld wenigstens, so schwer sie war, konnte ich doch verstehen, und was ein Mensch am anderen versteht und begreift, das ist vielleicht auch vor einem höheren Richterstuhl verziehen. In meinen Augen reinigte ihr Bild sich schon durch das bloße Bekenntnis. Ihr sittliches Fühlen konnte seine Zartheit nicht eingebüßt haben, sonst hätte sie ihr Verfehlen nicht so bitter empfunden. Aber wie immer -- ich sah ein, daß es vor allem darauf ankam, ihrem leidenden Zustand Rechnung zu tragen. Entschlossen erhob ich mich, nahm sie in meine Arme, wie eine Pflegerin es tut, und suchte sie mit sanfter Gewalt in die Kissen zurückzuzwingen. Vergeblich! Denn sie widersetzte sich, überhörte meine Mahnung, sich nicht unnötig zu quälen, meine Drohung, daß ich es nicht verantworten könne, länger bei ihr zu verweilen, wenn sie nicht davon ablasse, gegen sich selbst zu wüten. Heftig faßte sie meinen Arm und rüttelte daran. »Sie glauben doch an eine Sühne, die der Schuld folgen muß?« flüsterte sie, Wahnsinn in den Augen. »Karl Schuda glaubte nicht daran ... Aber hierin irrte er ... Es ist so, ich weiß es ... Und es ist gut, daß es so ist, das ist ja unser Trost ... sonst müßten wir ja verzweifeln ... Und sehen sie nun ... das ist der Grund, warum ich einsam sterben muß ... so wie mein Vater einsam gestorben ist!«
»Baronin, ich bitte Sie, wenn Sie so fortfahren ... Nein! Nun will ich gehen ... Leben Sie wohl!«
»Nein, nein, bitte! ... Ich gehorche ... Was verlangen Sie von mir? Gott! Ja! Nun will ich ganz ruhig liegen!«
Erschöpft ließ sie sich in die Kissen zurücksinken und lag nun wirklich still, mit geschlossenen Augen. Ihre Brust arbeitete schwer. Aber ein liebliches Lächeln, unerwartet erblüht, spielte jetzt um ihre Lippen. Und immer ruhiger wurde ihr Atem und immer lieblicher dieses Lächeln, das das ganze Antlitz verklärte. Nach einer Weile sagte sie völlig klar und beruhigt, noch immer mit geschlossenen Augen: »Sehen Sie, das ist das Rätsel ... für das ich sowenig kann wie irgend wer: daß ich trotz allem ... doch nichts daran ändern möchte ... Ich liebte ihn ... Ich wurde schuldig ... Und ich büße ... Es war das Leben!«
Das sanfte, verklärte Lächeln blieb um ihre Mundwinkel schweben. Sie glich jetzt, wie sie regungslos dalag, einer Toten, die in Erwartung der ewigen Seligkeit entschlummert ist. Nur die Brust, die sich nunmehr ganz stetig auf und nieder bewegte, zeigte an, daß noch Leben in ihr sei. Ich hoffte, der Schlaf würde sie überwältigen. Und nachdem ich sie noch eine Zeitlang still für mich betrachtet und unter mannigfaltigen Gedanken im Geiste von ihr Abschied genommen hatte, erhob ich mich behutsam, legte die zurückgeschlagenen Decken vorsichtig wieder zurecht und war eben im Begriff, mich leise zu entfernen, als nach wenigen Schritten ein Anruf mich zurückhielt.
»Nehmen Sie, bitte,« sagte sie, neuerdings auf ihrem Lager emporgerichtet, und streckte die Hand gegen mich aus. Ich fühlte einen kleinen, harten, kalten Gegenstand, den sie rasch von ihrer Armkette genestelt hatte, in meine Hand gleiten ... »Ein Andenken ... an mich ... an ihn ... das einzige, was mir von ihm geblieben ist ... Ich hätte mich nie davon trennen können, wüßte ich nicht ... Bitte, tun Sie mir den Gefallen!«
In demselben Augenblick sank sie zurück, ihre Brust hob und senkte sich nicht mehr. Kein Geräusch des Atmens. Ich griff nach der Hand, sie war noch warm, erwiderte aber nicht meinen Druck. Bestürzt winkte ich die Schwester herbei, die sich mit kühler Kennerschaft langsam über sie beugte. Als sie sich wieder aufrichtete, sagte sie mit dem unbewegten Gesicht der Pflegerinnen: »Es ist vorüber. Sieht sie nicht wie eine Schlafende aus?«
In der Tat schwebte noch dasselbe liebliche, friedsame, verklärte Lächeln um ihre Lippen wie vorhin, da ich mir eingebildet hatte, sie schlafe. -- -- --
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Während ich diese Zeilen zu Papiere bringe, sieht mir ein stummer Gast aufmerksam dabei zu. Er wendet keinen Blick von mir, verfolgt jede meiner Bewegungen, beobachtet mich unausgesetzt mit seinen kalten, undurchdringlichen grünschillernden Augen.
Es ist eine kleine Sphinx aus schwarzem Basalt, die auf dem Aufsatz meines Schreibtisches steht.