Der Bankier reitet über das Schlachtfeld

Part 4

Chapter 43,226 wordsPublic domain

„Er spricht von einem Galgen, der an der Stelle des Kreuzstammes aufgerichtet werden wird, und erzählt ihnen von einem Menschengeschlecht, das glaubt, unter diesem Zeichen zu siegen. Zu gleicher Zeit aber mit der Errichtung des Galgens kommt schon ein anderer Galgen über diesen Galgen, der zweite Galgen setzt sich an die Stelle des ersten, entthront ihn, Galgen überwindet den Galgen. Ja, der Galgen wird vom Galgen selbst überwunden. Und der zweite Galgen ist gesetzt, um daran alle Wucherer, Schieber und Ausbeuter des Volks aufzuhängen ... Und Christus verspricht denen dort unten, ihrem Rachegelüste vollauf Genüge zu tun. Alle die werde er unbarmherzig vor sein Gericht ziehen, die sich auf Grund jener Herzblutopfer bereichert haben, deren das Volk unsägliche auf dem Altar des Vaterlandes dargebracht hat und – darbringt ... Diese Stelle hier, auf der wir stehen, soll auch die Stelle sein, wo der erste Galgen in Erscheinung tritt und von dem zweiten bald darauf überwunden wird ...“

„Ein modern frisierter, revolutionärer Christus! Hihihi ...“, kicherte jemand.

Alle sprachen aufgeregt durcheinander.

Man stellte sich mit erhobenen Fäusten vor den Führer hin.

„Korruption! Korruption!“

„Ketzer! Verräter!“

Wutverzerrte Gesichter. Zornrollende Augen quollen.

Man hätte den Legenden-Erzähler lynchen können.

Nur der Bankier blieb ruhig.

„Das soll Christus sagen? Ausgerechnet: Christus?! Ein wenig sonderbare Christen das, das müssen Sie doch selbst zugeben, die sich ihren Christus so vorstellen. Ein roter Christus also, ein roter Bauernchristus ... So wird eben auch das Allerheiligste von dem ungebildeten und in den tieferen Wahrheitsgehalt der religiösen Offenbarungen uneinsichtigen Pöbel in den Kot gezerrt. Ein Bolschewisten-Christus, haha! Zum Hausgebrauch der Schmutzfinke, Schlendriane, Gewohnheitsverbrecher und Hungerleider! Ein Christus mit dem Messer zwischen den Zähnen und die Knarre auf dem Buckel! Staatsgefährlich ist das, gotteslästerlich ...“

„Nicht doch!“ entgegnete ruhig der Führer.

„Die armen Bauern sprechen das auch nie laut und öffentlich aus. Aber wovon den armen Bauern das Herz voll ist, davon träumen sie ... Es ist eben ein Christus, zurechtgemacht für die Zeit, wie ihn sich die armen Bauern, naiv wie sie nun einmal sind, vorstellen ...“

* * * * *

Die Schlachtfeldbesucher schwiegen betroffen einen Augenblick. –

* * * * *

„Und nun, meine Herrschaften, entschuldigen Sie die Erzählung der Legende bitte, nichts für ungut, und setzen wir unsere Tournee fort!“

Noch immer schweigend folgten die Schlachtfeldbesucher dem Führer.

„Wenn Sie zu Hause ihre Kriegserlebnisse erzählen, dürfen Sie auch nicht vergessen ...“

Auf einer sauber gezimmerten Stufenleiter klommen sie nacheinander in eine Kiesgrube hinab.

Auf der einen Seite war eine dicke Sandsteinmauer.

„Spaß beiseite! ... Hier, meine Herrschaften, fanden regelmäßig Exekutionen statt von Verrätern, Deserteuren und anderen Vaterlandsschädlingen, bei allen Nationen gleichermaßen tiefster Verachtung preisgegeben ... Ich werde Ihnen, wenn wir wieder oben sind, das Wrack einer Mühle zeigen, von der aus ein französischer Bauer, mit Geld bestochen, das feindliche Artilleriefeuer mittels einfacher Laternensignale geleitet hat ... Die Kiesgrube mag durch ihre Lage besonders günstig für derartige Hinrichtungen gewesen sein, die sofort nach der Urteilsfällung durch die Kriegsgerichte, gegen die es keinen Einspruch mehr gab, innerhalb vierundzwanzig Stunden vollstreckt werden mußten. So verlangt es bei allen Staaten ausdrücklich das Gesetz ... Die verschiedenen Sandhaufen, die Sie hier sehen, ohne Kreuzschmuck wohlgemerkt, das ist die Ruhestätte dieser Hingerichteten. Ihre Namen kennt keiner. Auch die Angehörigen nicht. Wäre es doch eine Schande für die Familie. Die Zahlen der hier Füsilierten kann ich nicht genau angeben, doch spricht man von Hunderten, die hier in dieser Grube ihre schändlichen Verbrechen sühnten ...“

„Zucht muß sein, ohne das geht es nun einmal in einem straff disziplinierten Heer nicht ab.“

Stützte der deutsche Professor seine Gattin beim Wiederaufwärtssteigen.

„In Deutschland würde es heute sicherlich anders aussehen, wenn alle Novemberverbrecher kurzerhand in solch einer ...“

„Und die Bauern, die da, wie ihnen ihr Christus prophezeit hat, den zweiten Galgen errichten wollen, sollen sich nur vorsehen, daß sie nicht vom Regen in die Traufe kommen, daß heißt, statt an den Galgen, hier in der Kiesgrube – –“

Der Bankier sprach diesen Ratschlag in einem geradezu väterlich gerührten Ton gedämpft vor sich hin. –

* * * * *

„Hui!“ und „Pfui!“ schrieen da plötzlich einige Damen, rissen die Röcke hoch, die Männer schlugen wild durcheinander mit den Spazierstöcken auf den Pfahldamm ein.

„Eine Ratte –

„Pfui! Hui!

„Was für ein abscheuliches, häßliches –

„Unappetitliches Tier –

„Solch ein Biest!

„Solch ein Freßsack ...“

Und die Rattentreibjagd begann.

Der Deutsche trillerte leis:

„Lützows wilde verwegene Jagd ...“

Es war eine ausnehmend große, prall gemästete Ratte.

„Rattenbisse sind tödlich unter Umständen! ... Bleiben Sie zurück, meine Herrschaften! ... Ein Rattenbiß überträgt Bazillen unter Umständen, die Pest ...“

Und der Führer setzte allein hinter ihr her.

Die Ratte stürmte wieder die Kiesgrube hinab, und aus halber Höhe knallte der Führer ihr einige wohlgezielte Pistolenschüsse nach.

Die Ratte kratzte einigemale energisch mit den Pfoten im Sand, dann drehte sie sich, verzuckend, auf die Bauchseite.

Pfiff noch einmal.

Pißte noch.

Teile der Gesellschaft stiegen nochmals die Stufenleiter zur Kiesgrube hinab, um die tote Ratte zu betrachten.

Stocherten mit den Spazierstöcken an ihr herum, wendeten sie nach allen Seiten hin und stiegen wieder herauf ...

„Ein ekliger Geselle! –

„Wie bissig das Gebiß! –

„Heißhunger, Leichenraub, Menschenhaß, die ganze Menschheitsverachtung blitzt ihr aus den Augen ...

„Oft hatten die Truppen in den Schützengräben, besonders nach lang andauernden Regenfällen oder Ueberschwemmungen, richtige Rattenschlachten auszufechten ... Da half aber keine Kugel, sondern nur das blanke Messer ...

„Es ist etwas Schreckliches um die Ratten –

„Gott, gibt es Tiere auf dieser Welt ...!“

Und weiter wanderte die Gesellschaft.

„Hier ein geplatztes Geschütz!“ demonstrierte der Führer. „Die ganze Mannschaft ist bei der Explosion durch einen sogenannten Rohrkrepierer mit in die Luft gegangen ... Ehre ihrem Angedenken! ... Und hier wieder Fallgruben, spanische Reiter, der Boden besät mit Blindgängern in Hülle und Fülle ... Bitte, und hier, treten Sie ruhig unbesorgt näher, es kann Ihnen garantiert nichts passieren: Was sehen Sie!?“

„Ah, davon hat man so oft in den Zeitungen gelesen, wie das aber in der Wirklichkeit oft so ganz anders sich ausnimmt!“

„Richtig geraten! Erstens: ein Flammenwerferapparat und zweitens: ein schwerer Minenwerfer mit der dazu gehörigen Munition: Flügelminen. Hier an dem Zaun sehen Sie außerdem einige der gebräuchlichsten Modelle von Gasmasken ... Wenn Sie wünschen, können die Herrschaften einmal eine aufprobieren. Vielleicht steht sie Ihnen. Vielleicht wird das noch einmal die große Mode ...“

Der deutsche Professor zog sich auch wirklich schon eine der Gashauben über und während alle um ihn herum „huhu!“ heulten, drehte er sich um sich selbst, kokett wie ein Mannequin, das eine neue Toilette zeigt.

„Welch eine Fratze! –

„Hui! Pfui!“

„Sie wollen mit uns wohl „schwarzer Mann“ spielen!?

„Wie die tote Ratte –“

Und „na, Sie Probiermamsell!“ foppte ihn einer und man wandte sich wieder den Flammen- und Minenwerfern zu.

„Erstens: Flammenwerfer, meine Herrschaften! ... Bequem von einem Mann zu transportieren. Hier wird mit verflüssigtem Feuer auf mindestens dreißig Meter Entfernung der Mensch rettungslos in Brand gespritzt. Wer starke Nerven hat, dem bin ich in der Lage hier das Folgende zu zeigen –“

Und der Führer reichte einige Photographien herum, die einen Flammmenwerferangriff naturgetreu darstellten. Die von den Flammenwerfern bespritzten Menschen brannten lichterloh, in eine weißliche staubähnliche Lichtlohe gehüllt.

„Auch „Wander-Krematorium“ genannt ... Realistisch, was ...“

Die Betrachtung der Photographien tat einem in der Herzgrube weh.

„Durchlöchert alles! Aehnlich wie ein hundertfach verstärktes Sauerstoffgebläse ... Stichflammen! Meine Herrschaften! Stichflammen!“

„Und nun, meine Herrschaften, zu den schweren Minenwerfern! ... Und hier habe ich eine Ueberraschung, ich zeige Ihnen solch ein Ungeheuer in Betrieb! An dieser Kommandotafel hier sehen Sie: diese Minen wurden alle von einem Punkt aus, oft gegen tausend Stück gleichzeitig, zur Entzündung gebracht – und auf einen Schlag abgeschossen. Ladung: Giftgase mit Brandeinlagen. Effekt also: tipptopp! ... Damit sich nun die Herrschaften einigermaßen eine Vorstellung machen können von der elementaren, geradezu naturhaften Wucht, mit der so eine schwere Flügelmine die Lüfte durchpeitscht und in dem feindlichen Graben zum Einschlag kommt, bringe ich hier, wenn Sie gütigst gestatten, so eine Mine zum Abschuß ... Damit wäre dann der Rundgang beendet und ich ersuche die sehr verehrten Herrschaften, sich wieder auf dem gleichen vorgeschriebenen Weg in das Hotel zurückzubegeben ...“

„Damit Sie aber zu gleicher Zeit auch einen möglichst wahrheitsgetreuen Eindruck vom wirklichen Schlachtenlärm erhalten, möchte ich Sie bitten, sich das Geräusch dieser einen Flügelmine in Ihrer Phantasie zu verhundert-, nein zu vertausendfachen ... Schauen Sie genau zu! Und richten Sie, wenn ich auf den Knopf hier drücke, sofort Ihr Augenmerk auf den gegenüberliegenden 300 Meter entfernten Graben! Vorsicht! Zurücktreten! Wenn mir der eine oder der andere Herr dabei vielleicht behilflich sein möchte ...“

* * * * *

Der Bankier und der Deutsche beteiligten sich beim Laden der schweren Flügelmine.

Mittels eines eisernen mechanischen Hebelkrans wurde die Mine emporgekurbelt, von vorn in die Rohröffnung des Minenwerfers eingeschwenkt, der Minenwerfer wurde mit einigen einfachen Griffen ausgerichtet, wobei die Flügelmine bis zu einem Viertel mit ihrer oval abgeflachten Spitze noch aus der Rohröffnung herausragte.

Der Bankier, der Deutsche traten zurück.

Der Bankier blies einige Stäubchen vom Rockärmel und streifte sich gegenseitig die Glaceehandschuhe von einigen darauf haftenden Schmutzkörnchen ab.

„Achtung!“

Und schon schoß nach einem gewaltigen Luftrauschen, das wie das Dahinflattern apokalyptischer Flügelreiter klang, und nach einer Erschütterung, als ob sich der Boden einem unten den Füßen hinwegziehe – schon schoß in dem gegenüberliegenden Graben eine über hundert Meter hohe Erdfontäne hoch, mit Felsbrocken und Balkensplittern untermischt. Das zerrte, zupfte an den Nervensträngen. Drückte auf die Magennerven. Erst das hagelwetterartige Niederprasseln der hochgeschleuderten Erdmassen brachte Erleichterung.

Ein pressender Luftdruck hatte sich sogleich nach Abschuß spürbar gemacht.

Der eine oder der andere taumelte sogar.

Viele hielten sich Nasen und Ohren zu. Einige hatten sich sogar sorgsam Wattebäuschchen in die Gehörgänge gestopft. Alle aber hielten den Mund weit aufgesperrt.

„Glänzend! nein, sowas –

„Fabelhaft ... Grauenhaft schön ... Wie ein Geysir!

„Das ist wirklich ein Kulturfortschritt, daß auch unsereins so etwas zu sehen bekommen kann ...

„Das erhebt die Brust! Läutert! Das läßt den Menschen über sich selbst hinauswachsen. Das macht heroisch und kühn! Da versteht man erst, was es mit dem geflügelten Wort „vom Krieg als von einem Stahlbad“ für eine tiefere Bewandtnis hat!

„Geradezu eine Verjüngungskur!

„Das kann man mit Fug und Recht behaupten. Ohne Uebertreibung! ...

„Wirklich, ein Naturschauspiel ... Bravo! Dacapo! ...

„Und dem wohnen Menschen, kaum glaublich, lebendige Menschen bei, ganz der wissenschaftlichen und ästhetischen Betrachtung hingegeben ...“

Der Explosionsrauch verzog sich.

Der Führer sammelte indeß, stolz auf das gelungene Experiment, Trinkgelder ein.

Jeder gab noch ganz unter dem Eindruck dieses Ereignisses mit vollen Händen.

Die Legende vom roten Bauernchristus war vergessen.

„Und nun, meine Herrschaften, zurück zum Flugplatz! Sie haben jetzt sozusagen den Krieg von unten erlebt, den Krieg als einfacher Soldat, als Frontschwein, den Krieg im Granattrichter, Minenstollen und Schützengraben. Sie haben auch gegen Ungeziefer und Ratten gekämpft. Man müßte für Schlachtfeldbesucher wie Sie, meine Herrschaften, einen Orden stiften ... Es ist Ihnen jetzt Gelegenheit gegeben, den Krieg auch von der Vogelperspektive aus zu betrachten, den Krieg als Flieger und zugleich den Krieg von der strategischen Gesichtswarte eines hohen Kommandeurs aus. ... Aber auch zugleich, nicht zu verachten, den Krieg der Zukunft! ... Sie werden selbst eine Bombe abwerfen können, Sie werden in drei bis vier Meter Höhe über die Stacheldrahtverhaue, aus Ihren Maschinengewehren Tod und Verderben speiend, dahinstreichen, es ist Ihnen ferner Gelegenheit gegeben, einige zerschossene Tanks zu studieren, das Herzinnere der Tanks wird deutlich noch sichtbar sein, Aufräumungsarbeiten, die störend oder verschönernd wirken könnten, sind prinzipiell an keiner dieser Stellen bisher noch vorgenommen.“

Ohne Ausnahme entschloß sich die ganze Reisegesellschaft nach den vorhergegangenen gewaltig erschütternden und belehrenden Eindrücken auch noch mit dem Flugzeug das Schlachtfeld abzustreifen. –

* * * * *

Der Bankier blieb beim Rückweg, ohne daß er es selbst bemerkte, hinter der Gesellschaft zurück.

Er stand auf einem kleinen erdigen Vorsprung, wo es um eine Grabenecke ging, abwechselnd die Arme in die Seite stemmend oder vor sich verschränkt. Verträumt in die Landschaft hinausschauend ...

Er stand wie ein Standbild.

Ihm gegenüber das Kruzifix, der „rote Christus“, wie er ihn getauft hatte.

Es war, als ob der Bankier durch den gekreuzigten Holzleib hindurchsehe ...

Er dachte jetzt an die Worte seines jungen Freundes Antonio:

„Auch der Sinnenrausch, der Blutrausch ist für den geistigen Menschen ein geistiger Rausch.“

Und auch daran wieder:

„Dieser Krieg muß von uns wie ein Mysterium mit einem Gürtel von Geheimnissen umgeben werden ...

„Hüten wir aber unser Geheimnis! Lassen wir es den großen Tanz des Schweigens auf unseren Zungen tanzen!“

Nur ab und zu blickte er ein wenig an sich herunter, tat, als ob er etwas, das aus der Tiefe zu ihm aufkriechen wolle, von sich abstreife, wischte dann verlegen an seinen Hosen herum und – wurde wieder zum Standbild.

„Pst! Er ist in Gedanken versunken! Stört ihn nicht!“ wehrte jemand, als man ihn rufen wollte.

„Fixieren wir ihn scharf! Er ist schon nicht mehr Fleisch und Blut. Er wirkt abstrakt. Er nimmt geistige Gestalt an. Sicher hat er eine Erscheinung, ein Fernsehen. Er wird zu einer Art spirituellen Elements ... Entsinnlicht, entleiblicht: er wird zur Idee ...“

Dozierte dazwischen vor einigen Damen ein Theosoph.

„Das ist die Stellung, die ich brauche!“ frohlockte der Filmoperateur.

„Wart, nun hab ich ihn. Solch ein Karnickel! ...“ Und setzte auch schon seinen Apparat in Bewegung.

„Finden Sie nicht: ganz Napoleon!“

„Vollkommen getroffen. Der Vergleich paßt wunderbar. Napoleon auf dem Feldherrnhügel in der Schlacht bei Waterloo ...“

„Nicht gerade Waterloo ... In der Schlacht bei Jena. Das paßt besser ...“

„Nein, Napoleon, finde ich gar nicht. Aber bis auf ein Haar: Friedrich der Große. Fridericus Rex in der Schlacht bei Leuthen, wie er auf jenem berühmten Gemälde in der Berliner Nationalgalerie verewigt ist ... Einem Beobachter der Gesamtszene erschienen wir sicher als Ziethen, Seydlitz, kurzum: als sein Generalstab.“

„Welch ein edler Ausdruck in seiner Haltung! Ganz antik. Wie verklärt! Ganz Cäsar ...“

„Und ist er doch auch ein Napoleon, ein Friedrich der Große, ein Cäsar meinetwegen ... Ein Napoleon, ein Cäsar, ein Friedrich der Große der Wirtschaft, wenn dieser Vergleich gestattet ist ...“

Der Bankier stand immer noch, den einen Fuß vor den anderen gesetzt, in einer lässigen majestätischen Haltung da.

Wie aus Traum gegossen ...

Der Filmoperateur kurbelte.

„Fertig. Schluß ... Nun können wir rufen ...“

Da riefen sie alle zugleich:

„Ha–a–allo!“

Der Bankier fuhr aus seinem Wachtraum erschreckt hoch, grüßte höflich, wie sich verabschiedend, noch immer in Gedanken versunken, mit seinem Zylinder flüchtig in die Richtung zum „Roten Christus“ hin, dann kam er gemessenen Schrittes, wie in einem Begräbniszug oder wie in einer Prozession hinter dem Allerheiligsten, den Pfahlweg entlang.

Das Schlachtfeld hing schwer wie Blei in seinem Schritt.

Mehrere moderne Flugzeuge wurden soeben aus den Schuppen auf dem Landungsplatz neben dem Hotel herausgezogen.

Sie wurden bei den Rundflügen über das Schlachtfeld von erfolgreichen Fliegeroffizieren gelenkt.

Der Führer meldete dem Bankier:

„Die Flugzeuge wären startbereit.“

Pünktlich vier Uhr nachmittags erfolgte der Start.

Der Pilot, die Brust über und über voll von Ehrenzeichen, salutierte.

Die Filmoperateure kurbelten.

Photographen knipsten.

Der Bankier und seine Gattin an der Spitze der Gesellschaft schritten durch ein lose gebildetes Spalier von Neugierigen hindurch, Angestellten, einigen Landleuten und Bauarbeitern.

Die Monteure nahmen die Mützen vom Kopf.

Der Direktor des Hotels „Zum Weltkrieg“ stand auf der Terrasse, den rechten Arm zum Gruß steil emporgereckt.

Die Motore brüllten ...

„Achtung!“

„Los!!“

Drei Flugzeuge erhoben sich zu gleicher Zeit, schraubten sich beinahe senkrecht in die Luft. –

„Meine Herrschaften!“ begann, kaum daß sich der Apparat von der Erde gehoben hatte, der Führer: „Der Pilot, der die Ehre hat, Sie durch das Luftreich zu geleiten, ist jener Glücklichen und Auserwählten einer, die den Rekord von über 100 Abschüssen innehaben ... Eugène Daudet ist sein Name ...“

„Wahrhaftig, wie eine Mondlandschaft! Krater an Krater ...“ ließ sich eine Stimme vernehmen, und einige Köpfe beugten sich zur Erde hinab, wo vereinzelt mit dem Taschentuch heraufgewinkt wurde.

„Es zieht!“ rief eine andere Stimme, „uch!“, und einige, die es beim Einsteigen unterlassen hatten, bewehrten ihre Augen mit Schutzbrillen.

Das Flugzeug kreiste einige meisterhaft ausgeführte Bogen im blendend blauen Licht, dann schwang es sich in einer langgezogenen Kurve, etwas seitlich sich neigend, erdab und schoß dicht über Stacheldrahtgewirren und Schützengrabenlabyrinthen dahin, der Stelle zu, wo die zusammengeschossenen Panzerwagen lagen.

Wie in der Mitte auseinandergeklappte dunkelgrau gestrichene Konservenschachteln staken die Kampfmaschinen mitten im Schlachtfeld, die Raupenschlepper tief in den Erdschlamm eingegraben, der Mechanismus des Wageninnern war deutlich erkennbar: eine völlig in sich verbogene Schnellfeuerkanone, dazwischen verkohlte Knochenreste, einige brikettartig gepreßt, und Uniformfetzen, die vielfach geborstene Stahlkuppe des Panzerturms tief bis auf den Wagenboden durch die Wucht der Explosion heruntergedrückt.

„Zehn Mann Inhalt!“ erklärte trocken der Führer.

„Durch einen schneidigen Stoßtrupp mittels einer Handgranatenballung von unten her auseinandergeplatzt. Die anderen, wie Sie sehen, im direkten Abschuß durch sogenanntes Infanteriegeschütz erledigt ...“

„Stimmt! Stimmt!“ freute sich der deutsche Professor diesmal beistimmen zu können, und er war stolz darauf, seiner Gattin einige nähere Einzelheiten über so einen abgeschlagenen Tankangriff erzählen zu dürfen, an welchem er, wie er laut betonte, selbst einmal in hervorragender Weise beteiligt war.

„Stimmt! Benzinbehälterexplosion. Durch direkten Abschuß erledigt, aus dem nahen Gehölz dort, höchstens 600 Meter Entfernung. Mit Panzermunition ... Wer hätte das je gedacht, daß es einem vergönnt sein würde, als Unbeteiligter noch einmal seine eigenen Heldentaten an sich vorüberziehen zu sehen ... Wie ein höchst lebendiger Film, das ... Schade, schade drum, daß Kriegsszenen nicht auch im Film vorgeführt werden. Reiches Material stünde doch in den Archiven unseres Generalstabes zur Verfügung. Aber natürlich: durch den Schandvertrag von Versailles ... Solche Filme mit Kriegsszenen könnten außerdem, was die pädagogische Seite der Sache anbetrifft, wesentlich zur militärischen Ertüchtigung unseres Volkes beitragen, denn nach unseren psychologischen Erfahrungen üben sie – was wieder einmal für die natürliche Empfindung und für die Gesundheit unseres Volkskernes zeugt – üben sie auf den weitaus größten Teil der Bevölkerung keine abschreckende Wirkung aus, sondern im Gegenteil ... Verkauft und verloren aber ein Volk, betrogen um seine heiligst verwahrten Güter, zur Sklaverei verdammt jenes Volk, in dessen Unbewußtem und aus dessen Triebkräften heraus sich nicht immer wieder allgewaltig die Stimme erhebt, urgewaltig, elementar die Stimme des Blutes spricht: Es lebe der Krieg!“

„Militärische Sachverständige, meine Herrschaften, behaupten –“, fuhr unterdessen der Führer fort, „daß der kommende Krieg, soweit er sich überhaupt noch auf der Erde abspielt, durch Geschwader solcher Kampfwagen zum Austrag gebracht werden wird, die dann eine sogenannte gepanzerte Feuerlinie bilden, und deren Gefechtsleitung ähnlich wie die einer Hochseeflotte in einer Seeschlacht erfolgt. Auch wird man dementsprechend der Größe, Schnelligkeit, Geschützzahl, Geschützreichweite usw. nach: Tank-Kreuzer, Tank-Dreadnoughts und Tank-Torpedoboote unterscheiden müssen. Völlig abgedichtet nach außen hin gegen Gas, mit langlebigen Sauerstoffapparaten versehen, werden diese Kampfwagengeschwader in der Tat die einzigen wirksamen Kollektivschutzräume gegen die hochkonzentrierten Gasangriffe darstellen, und damit auch die einzigen beweglichen Mittel, lebende Wesen durch Gassperren und Gassümpfe hindurchzubefördern, mit deren Dauer je nach den Witterungsverhältnissen unter Umständen sogar bis auf über acht Monate zu rechnen sein wird.“

Wieder stieg das Flugzeug auf der Luftfläche steil an.

Einige beobachteten den durch eine Glasscheibe von der Gesellschaftskabine abgetrennten Piloten, ließen sich Höhen- und Seitensteuer erklären, begriffen alles überraschend schnell und lächelten befriedigt.

„Und nun, meine Herrschaften, was weiter den kommenden Krieg betrifft, den einige militärische und nationalökonomische Autoritäten spätestens auf das Jahr 1928 angesetzt haben, so können wir heute schon behaupten, daß er sich wohl in der Weise abspielen wird, daß gewaltige Kampfflugzeugstaffeln in etwa 12 Kilometer Höhe, als unsichtbare, unhörbare Gewitterwolke heranziehend, versuchen werden, die Produktionszentren des Gegners so gründlich wie nur irgend möglich einzugasen, und zwar werden dabei chemische Kampfstoffe zur Anwendung kommen, deren Wirkung, wenn wir heute davon sprechen, dem Uneingeweihten märchenhaft und unglaublich klingt ...“

Die Passagiere bemühten sich krampfhaft, bei diesen Auslassungen des Führers nicht zuzuhören.

Nur der Bankier wußte unter den Schlachtfeldbesuchern eigentlich genauer Bescheid, um was es sich dabei handelte.

Hatte er doch als Mitglied des Ehrenpräsidiums einer chemischen Gesellschaft schon des öfteren Gelegenheit gehabt, einer Vorstellung des amerikanischen „Chemical Warfare Service“, des amerikanischen Gasdienstes, auf dem Versuchsfeld des Kriegsarsenals Edgewood beizuwohnen. Mechanische Armeen wurden dort ausgeprobt. Bald jeden Tag ein neues Gas. Und ein neuer Soldaten-Typ entstand, in eine der Taucherkleidung ähnliche Uniform gekleidet, die ganze Haut mit einer asbestartig wirkenden Salbe präpariert.