Der Bankier reitet über das Schlachtfeld

Part 3

Chapter 33,287 wordsPublic domain

Böse Zungen behaupteten, das aus den Deutschen herausgepreßte Reparationsgeld werde zu ganz anderen Dingen, zu Spekulationen usw. verwendet, und wiesen, nicht ohne einiges Beweismaterial für sich zu haben, auf das enorme Anschwellen der Automobilziffern in den Städten, besonders in Paris, hin, auf die unverhältnismäßig hohe Zahl neu errichteter Luxuspaläste, auf die Geldkonzentration, auf das Emporschießen neuer Vermögen und auf die rapide Zunahme industrieller Neugründungen Luxus und Verelendung standen, selbst nach bürgerlichen Maßstäben gemessen, kaum in einem auch nur einigermaßen mehr erträglichen Verhältnis zueinander. Trotz Güteranhäufung, trotz Reichtum und Verschwendung zog eine immer mehr zu einer Explosionskatastrophe sich verdichtende allgemeine Krise heran ... Zwar Villen und Landhäuser in einem neuen praktischen Stil gebaut sah man zu beiden Seiten der Chaussee; neu aufgebaute Bauernhöfe oder gar wiederaufgebaute zerstörte Ortschaften gab es beinahe überhaupt nicht ...

Der Erklärer im Vorderteil des Wagens erhob sich, deutete mit dem Finger in die Landschaft und begann:

„Diese Höhenzüge, die die Herrschaften jetzt in der Ferne sehen ... heiß umstritten ... zehnmal während des Krieges in unserer Hand, ebenso oft im Besitz des Feindes ... Noch nicht wegen der zahlreichen Minengänge betretbar ... Insgesamt 60000 Mann mögen bei der Erstürmung und bei der Verteidigung dieser höchst wichtigen Stellungen gefallen sein ...“

„Welch ein Kontrast!“ seufzte einer der Fremden ... „Das zarte reine unschuldige Himmelsblau und diese Landschaft ... Das ist ja alles noch totes Land. Nichts gesät, nichts geerntet ... O welch eine Katastrophe! Katastrophal das ...“

Das Auto schwankte, Dreckspritzer um sich schleudernd, auf der holperigen Landstraße, die erst seit kurzem wieder hergestellt war.

An einem Wald glitt man vorüber, an einem Fetzen von Wald, an einem Waldgespenst. Alle Bäume von Granaten zerrissen. Holzspäne lagen weit und breit. Wie in einer gewaltigen Hobelwerkstatt. An einem Weg quer durchs Feld bemerkte man schon Ansätze von Schützengräben. Der Erklärer bedeutete mit erhobener Stimme gewichtig, diese seien von den Franzosen in den Tagen der Schlacht an der Marne ausgehoben worden.

„Das wäre also vor Paris unsere letzte Stellung gewesen ...“

Die Gesellschaft wandte die Blicke rückwärts, wo die Konturen der Hauptstadt in einer dunstigen Nebelferne verschwammen.

Die Autokolonne raste weiter die Chaussee entlang.

Die einst prächtigen Alleepappeln waren alle in halber Höhe geknickt. Die zerschlissenen Reststämme zeigten die sonderbarsten Figuren.

Eine dreistimmige Fanfare schmetterte die Autokolonne in die Landschaft.

Hie und da in einer der zerstörten Ortschaften trat ein menschenähnliches Wesen aus einer der Ruinen hervor, über und über mit Lumpen bekleidet, blinzelte, beschattete das Auge mit der Hand und sah, wie zu einer Säule erstarrt, noch lange der dahinknatternden Autokolonne nach ...

Auch einige kleine Kinder spielten hie und da in Dreckpfützen herum, grimassierten und streckten die Zungen ...

Nun begann der Erklärer Kriegsgeschichten, Kriegsmoritaten und Kriegsheldentaten zu erzählen. Diese Erzählungen waren durchwegs alle mit Rücksicht auf etwaige deutsche Massengräberbesucher auf einen versöhnlichen und für die deutsche Armee außerordentlich anerkennenden Ton gestimmt.

„Man muß schon sagen, der Feind hat sich tapfer gehalten. Hier zum Beispiel, wenn wir ihm Gerechtigkeit angedeihen lassen wollen, hat er sich geradezu bravourös geschlagen ... Hier sehen Sie: der Tod fürs Vaterland! ...“

Und soweit das Auge reichte: Kreuz an Kreuz, schwarze schlichte Kreuzpfähle mit einer weißlichen, nun schon verblichenen Inschrift, lauter deutsche Namen.

„Rund eine Infanterie-Division! ... Alle mit Gas ...“

Aber schon wieder erschien ein neues Kreuz-Feld, dahinter noch eins und nebendran wieder eins, und dann Felder, Felder nur noch mit einem einzigen großen Holzkreuz darauf oder mit einem umgekehrten Spaten.

„Massengräber. In keinem unter tausend Mann ...“

„Hier soll noch im Laufe des Jahres, vielleicht im Herbst, ein großes Kriegerdenkmal errichtet werden, in Pyramidenform. Oder ähnlich dem Grabmal des „Unbekannten Soldaten“ unterm _Arc de Triomphe_ ... Mit einer ewigen Flamme ... Es wird eine gewaltige Sache werden ...“

Langsam rückte am Horizont der fünfzigstöckige Turmbau des Hotels „Zum Weltkrieg!“ empor.

Ein allgemeines „Ah!“ entrang sich der staunenden Gesellschaft.

„Ein tollkühnes Projekt in der Tat! Noch dazu in solch einer Gegend!“ ...

„Wird sich das rentieren ...?“

„Doch, doch! Die Schlachtfeldbesuche sollen noch bedeutend ausgebaut werden ...“

„Da läßt sich noch allerlei dabei herausholen!“

„Dieses Hotel kann sozusagen das Zentrum einer neuen gewaltigen Stadt über den Schlachtäckern werden.“

„Entwässerungsanlagen usw. wären dazu allerdings nötig, aber wenn die Aufräumungsarbeiten munter und rüstig vorwärtsschreiten, wer weiß, in ein paar Jahren vielleicht ...“

Der Bann des Schweigens, der bis dahin die Gesellschaftsreisenden umfangen hielt, war gebrochen.

Die Autokolonne hielt.

Der Eingang zum Hotel war mit Palmen geschmückt.

„Ganz südlich!“ scherzte jemand.

Die Reisegesellschaft stieg aus.

Die Reisegesellschaft war in bester Stimmung.

Es waren Reisende darunter aus allen Ländern.

„Da kann man es wahrhaftig mit dem Gruseln zu tun bekommen!“ sagte eben ein deutscher Hochzeitsreisender zu seiner jungen Gattin, die sich ihrem Gatten, einem Professor, wie sich jetzt bei der allgemeinen Begrüßung herausstellte, furchtsam in die Arme hing.

„Nur nicht so schreckhaft, Amalie ... Nach Tisch will ich dir vielleicht den Schützengraben zeigen, wo auch ich gelegen habe. Die Gegend ist mir ziemlich genau bekannt ... Vielleicht find ich auch das Grab noch, wo mein Hauptmann liegt ... Blumen scheint man ja hier im Hotel zu bekommen, vielleicht auch ein neues Kreuz ... War ein Prachtkerl, mein Hauptmann. Ein Zufall wär das, gewiß ... Aber man kann nicht wissen ... sehr interessant das ... So über den Schlachtfeldern ...“

Er zog seine Generalstabskarte aus dem Zelluloidetui, das er an einem Band praktisch um den Hals trug, hervor, studierte dazu den Bädecker und durchforschte nach allen Richtungen hin die Landschaft mit dem Feldstecher.

„Aber ein Andenken möchte ich auch mitnehmen ...“ bat eine Gattin ... „Eine Reliquie, weißt du, die Glück bringt. Es gibt hier sicher so was ... Und auch für die Kinder! ...“

„Sei unbesorgt, natürlich ... Percy ist alt genug, er soll einen Stahlhelm erhalten ... Er wird ihn ja nicht, so wie ich ihn kenne, zum Spielzeug entweihen ...“

Lustig plaudernd schritt die Gesellschaft dem Hotel zu.

Eine Holzbude war nicht unweit davon aufgeschlagen, die zwar Wochentags geschlossen war. Dort wurde für minderbemittelte Besucher, die Sonntags oft aus Paris in Scharen herausströmten, billiger Schlachtfeldkitsch feilgeboten. –

* * * * *

Eine große Tafel war am Eingang zum Hotel angebracht.

Der Erklärer wies die Reisegesellschaft ausdrücklich darauf hin.

Die Tafel lautete:

„Es ist verboten, Gegenstände auf den Schlachtfeldern aufzuheben und mitzunehmen. Eigenmächtiges Betreten der Schlachtfelder ist mit Lebensgefahr verbunden. Eine ständige Ausstellung von Kriegsgegenständen aller Art aller am Weltkrieg beteiligten Armeen befindet sich im großen Saal des Hotels, im ersten Stock. Dieselbe soll mit der Zeit zu einem Völkerschlacht-Museum ausgebaut werden. – Andenken in reicher Auswahl. (Darunter Uniformknöpfe, Waffengegenstände, Achselstücke, Kunstgegenstände aus Granatsplittern und Knochenteilen von Pferdeskeletten.) Führer, mit dem einschlägigen Material genau vertraut, stehen zu jeder Tageszeit im Hotel zur Verfügung. Photographische Aufnahmen nur mit besonderer Erlaubnis. Postkarten, interessante Situationen aus dem Weltkrieg festhaltend, ebenfalls in reicher Auswahl. – Zu weiteren Aufschlüssen gern bereit, empfiehlt sich dem verehrlichen Publikum

Die Schlachtfelder-Verwertungs-Gesellschaft m. b. H. Die Hotel-Direktion.“

Man nahm Platz zum Diner.

„Siehst du also, es ist hier für alles gesorgt!“

Zeigte sich der Bankier seiner Gattin gegenüber außerordentlich befriedigt über die wohlgelungene Organisation der ganzen Schlachtfeld-Besuchs-Unternehmung.

„Hier hat man nicht das Gefühl des Genepptwerdens. Kein unfeines Animieren. Man kann der Gesellschaft gratulieren. Durchaus solide Aufmachung. Und was die Ausstellung mit Verkaufsgelegenheit von Schlachtfeldandenken betrifft, gut so, sehr gut so, da braucht man sich nicht eventuell der Unterschlagung von Heeresgut schuldig zu machen ...“

Einige der Schlachtfeldbesucher schrieben noch während des Essens Postkarten.

Andere richteten Fragen an die Kellner:

„Wie stehts eigentlich mit der Flora?“

„Faul! Oberfaul!“ war die Antwort –

„Nur Unkraut. Hie und da ganz krankhaft fette Kartoffeln ... Hier wächst nichts. Wir beziehen alles aus Paris ...“

* * * * *

Das Diner war beendet.

Der Führer erhob sich zu einem kleinen feierlichen Einleitungsakt.

„Meine sehr verehrten Herrschaften! Wir wollen heute ein Totengedenkfest auf besondere Art begehen. Wir geloben uns dabei: Wir wollen das Andenken der Toten ewig hoch in Ehren halten!“

Die Lippen der Schlachtfeldbesucher kräuselten sich zu einem stillen Schwur.

* * * * *

Wieder eine Tafel:

„Privat-Weg! Unbefugten ist der Zutritt streng untersagt!

Die Schlachtfelder-Verwertungs-Gesellschaft m. b. H.“

„Ich bitte die Herrschaften, auf den Weg zu achten! Nicht von den Pfählen abzugehen ... Das Gelände ist hier durchwegs verschlammt, und Sie geraten dabei leicht in die Gefahr, sich zu beschmutzen.“

Der Führer ging den Pfahlweg voran.

Zwei und zwei hintereinander folgte die Gesellschaft.

Es mochten gegen fünfzig Personen sein.

„So einen Pfahlweg haben wir immer für Seine Majestät anlegen müssen, wenn sie einmal die Front besuchte“ – tat der deutsche Professor geheimnisvoll, als ob er damit etwas ganz besonderes verriete.

Der Pfahldamm führte zunächst einen Schützengraben entlang, bog dann in einer Brücke darüber hinweg und senkte sich abwärts, direkt mitten in das Schützengrabensystem hinein.

Man sah auf den ersten Blick:

Alles war hier für die Fremden zugerichtet.

Es war eigentlich ein Schlachtfeld-Museum.

Auf blutgedüngtem historischem Boden. Das konnte man allenfalls gelten lassen.

Aus einem Unterstand blinkte, wenn man das elektrische Licht andrehte, ein Skelett hervor, den Stahlhelm noch auf und in der dürren Knochenfaust Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett.

„Ganz wie bei Dante!“ flüsterte der neuvermählte Professor wieder seiner Frau zu:

„_Lasciate ogni speranza, voi chi entrate!_ – Laßt, die ihr eingeht, alle Hoffnung schwinden!“

Tiefe Furchen schnitten sich hin. Waren es Ackerfurchen oder Furchen, von dem Todespflug der Granattrümmer gerissen!?

Mit unkenntlich entstelltem Kriegsgerät war rings hier der Boden bestreut, rohe, verrostete Eisenstränge, spiralig in die Länge gedehnt, oder, um und umgewickelt, zu einer komischen Verrenkung verstümmelt.

„Ich muß schon sagen, weit ergreifender, um so wievielmal menschlich näher liegt uns das als ein Besuch zum Beispiel im Gletschergarten von Luzern oder in den Bergwerken von Salzburg. Oder selbst als die Passionsschauspiele von Oberammergau. Die bayerischen Königsschlösser und Bayreuth mit einbegriffen ... Das hier ist zwar auch eine Kreuzigung, aber man hat entschieden mehr davon.“

Auch der Milliardär staunte.

„Da werden einem die Schrecken des Krieges erst so recht eigentlich gegenwärtig. Ein lebendiger Anschauungsunterricht das ... Wir, die wir nicht die Gelegenheit gehabt haben, den Weltkrieg aus direkter Nähe ...

„Wir, die wir nicht Brust an Brust mit dem Schicksal rangen in großer Zeit, nicht männlich Aug in Aug mit dem Grauen uns messen konnten –

„Wir, Unglückliche in einem gewissen Sinn, die wir nicht Schritt für Schritt in zähem Kampf für den Sieg unseres Vaterlandes ringen durften –

„Wir, die wir zur Hölle der Etappe verurteilt –

„Wir, die wir nur in der grauen, eintönigen Stube, sei es in das Büro, sei es in das Lazarett verbannt, nur ach, von fern von dem Fittich des Kriegsgottes gestreift wurden – –“

Das Bedauern, den Krieg nicht miterlebt zu haben, war allgemein.

Viele nickten mit den Köpfen, einen Ausdruck von Wehmut um die Lippen, sich selbst bemitleidend.

Alle beneideten aber den deutschen Professor, der bei jeder Gelegenheit als deutscher Kriegsteilnehmer sich auswies.

„Einen historischen Moment von ungeheurer tragischer Größe haben Sie da alle miteinander, meine Herrschaften, verpaßt ... Man müßte Ihnen eigentlich sein herzlichstes Beileid aussprechen, Sie aufrichtig bedauern“, triumphierte der Professor.

Doch allmählich verstummten die Klagen.

„Wir müssen uns eben trösten –

„Was vorbei ist, ist vorbei –

„Doch was nicht ist, kann noch werden –

„Dann werden wir uns ein solches Erlebnis bestimmt nicht wieder entgehen lassen –

„Ich wenigstens nicht, darauf können Sie Gift nehmen!

„Hier haben wir doch nur noch die spärlichen Restbrocken sozusagen, die von der Schlachtbank der Geschichte ...“

Alle beteuerten sich gegenseitig, schworen es sich hoch und heilig: im Fall eines nächsten Krieges in vorderster Front ...

„Meine Herrschaften! Aber bitte!“ wandte sich der Führer inmitten des allgemeinen Tumults einigen Damen und Herren zu, die Photographenapparate dicht vor sich hindrückten.

„Photographieren ohne vorherige Genehmigung ist strengstens untersagt. Im Hotel sind künstlerisch äußerst gelungene Ansichten von allen Stellungen und von jedem Kriegsschauplatz in reicher Auswahl vorhanden ... Ich habe Sie zu Anfang der Exkursion ausdrücklich auf die Vorschriften hingewiesen, die im Interesse aller Teilnehmer natürlich auch eingehalten werden müssen ...“

Ein zusammengestürzter Unterstand wurde jetzt einer eingehenden Besichtigung unterzogen.

Ganze Stapel von Konservenbüchsen, ausgerolltes zerknülltes Blech, Patronentaschen, Granaten, mit gelben, grünen und blauen, aber auch bunten Kreuzen bezeichnet, Geschütze, Maschinengewehr-Reserveteile lagen wirr durcheinander und anscheinend wirklich noch völlig unberührt herum, und große, rostbraune Flecken klebten tief in den Gebälken.

Der Führer erklärte:

„Getrocknetes Blut.“

„Ah ... choking ... Blut! Blu–u–u–t!“ echote es aus der Gesellschaft zurück.

Auch einige Zettel waren an die Balken geheftet, sie aber sowohl wie die ins Holz geschnitzten Inschriften waren nicht mehr zu entziffern. Nur aus einer der Wandzeichnungen war noch zu erkennen, daß sie einmal einen pornographischen Akt darstellte.

„Hier!“ begann der Führer weiter: „– ist jene berühmte Stelle, sowohl im deutschen, wie auch im englischen, französischen und amerikanischen Tagesbefehl öfter genannt, jene Stelle, die oft zwölfmal im Tag ihren Besitzer wechselte ...“

Nichts weiter als einige graue Erdhaufen waren zu sehen.

„Hier sehen Sie einige kurze gebogene Messer, es ist die Nationalwaffe der heroischen Sikhs, Meister im Gurgelabschneiden. Das riecht noch wie frisch importiert aus Dschungeln und Urwald ... Und Nachts huschten geduckt diese Gestalten, das Messer zwischen den Zähnen, über die Schlachtfelder und machten bei den Gefallenen des Feindes die „Stichprobe“ ... Hier sehen Sie weiter ein Instrument: es ist eine Mundharmonika, ein harmloses Musikinstrument, wie es mit Vorliebe die bayerischen Truppen benutzten ... Wie Sie sehen: hart aneinander wohnen hier im Raum die Gegensätze ... Hier sind wir nun an dem ausgedehnten Minenstollen, „Das Nadelöhr“ genannt, angelangt, bitte, bücken Sie sich einmal und was sehen Sie! Sieht vielleicht einer der Herrschaften durch das „Nadelöhr“ ins Himmelreich!? Keineswegs. Nein! Ganz und gar im Gegenteil! Eingequetscht in das Maulwurfsloch, das sie sich selbst gegraben haben, zwei brave Pioniere, umgekommen bei einem Gasüberfall, den die Deutschen unvermutet angesetzt haben, während sie hier unter der Erde, vom Geist der Pflichterfüllung beseelt, arbeiteten ... „Sei getreu bis in den Tod und ich werde dir die Krone des Lebens reichen ...“ So eben ist das Leben oder besser gesagt: der Krieg ...“

Die Schlachtfeldbesucher gaben ein dankbares Publikum ab für die humoristischen Zutaten des Führers. „Ohne Humor, nein, da müßte so ein Schlachtfeldbesuch zu einer unerträglichen Qual werden,“ meinten einige mit Recht.

„Das sind ja gar keine Leichen, das sind ja Wachspuppen, oder wollen Sie uns vielleicht weismachen, die hätten sich von selbst mumifiziert!?“

„Aber, meine Herrschaften! Pst!“ legte pfiffig blinzelnd der Führer den Finger vor den Mund: „Auch hier gibt es allerlei Geheimnisse ... Also, fahren wir fort nach diesem heiteren Intermezzo in unserer Wanderung über die Schlachtfelder ...“

„Na, schadet nichts, zwischendurch einmal so ein Scherz. Auch ich habe das natürlich gleich bemerkt. Gasleichen in konserviertem Zustand: absurd, ein Unding, hebt sich von selbst auf ... Das war eben so ein bißchen Castans Panoptikum ...“ schmollte jovial der Bankier. Räusperte sich, einen gutmütigen Baß lachend.

„Auch hier haben sich, meine Herrschaften, wie Sie sehen, brave Soldaten ihr Grab selbst gegraben, überdies soll auch, wie es heißt, ein General, der den Frontabschnitt zufällig in diesem Augenblick inspizierte, mit dabei sein. Ein Volltreffer von einem sogenannten „Schweren Brocken“ hat der hier postierten Kompagnie rasch schmerzlos ein Ende bereitet.“

Es ging innerhalb des Schützengrabens an dieser Stelle mehrere Meter tief hinab. Man hatte den Eindruck einer Senkgrube.

Einige von den Schlachtfeldbesuchern lüfteten die Hüte.

„Nicht immer aber ist es dabei so schmerzlos abgegangen, wir verlassen diese Stellung und sehen vor uns ein umfangreiches Stacheldrahtverhau. Der leichte Verwesungsgeruch, der sich auch jetzt noch deutlich bemerkbar macht – –“

Einige Schlachtfeldbesucher schnupperten ...

„... es riecht wie eine Mischung aus Jauche und verbranntem Fleisch, in der Soldatensprache, drastisch, wie sie nun einmal ist, „Offensivparfüm“ genannt, dieser leichte Verwesungsgeruch also läßt die Bedeutung dieser schwärzlichen Knollen, die dort auf die Pfähle gespießt sind oder hier zwischen den Drähten zappeln, leicht erraten. Es sind Menschen, Soldatenleichen, also kurzum wiederum Menschen, ob Deutsche, Engländer, Amerikaner oder Franzosen: das läßt sich nicht mehr mit absoluter Bestimmtheit sagen. Leiche bleibt Leiche, und eine profane Weisheit ist es, im Tod sind sich alle gleich, die verschiedenartige Kokarde, die sie noch an den Mützen tragen, macht es nicht ... Der Blutkreislauf wird geschlossen, die Blutkörperchen machen ihre letzte Runde und – stopp! ... Also, diese Drähte waren elektrisch geladen, Hochspannung, und –“

Einige Besucher wandten die Gesichter ab.

„Aber meine Herrschaften, stellen Sie sich doch nicht gemütsverweichlichter oder zartbesaiteter, meinetwegen, als Sie in Wirklichkeit sind! Sie müssen lernen, den Tatsachen, nackt und brutal, wie sie nun einmal sind, ins Gesicht zu sehen. Hier können Sie beinahe umsonst das Grauen lernen. Lassen Sie die Ihnen gebotene günstige Gelegenheit nicht zum zweiten Mal unbenutzt an sich vorübergehen! Wer weiß, wie lange noch? Auch die Schlachtfelder werden eines Tages in Bausch und Bogen verramscht; jedes Ding auf Erden nimmt diesen Lauf, das ist das Schicksal aller irdischen Güter, der Mensch mit inbegriffen ... Wie Sie aber zugeben werden: der Weltkrieg war ein genialer Regisseur, die von ihm inszenierten Landschaftsbilder besitzen heute, vier Jahre später, noch die Macht, höchst suggestiv und unmittelbar auf das Publikum zu wirken und es in eine Art magischen Bann zu schlagen ... So kann der Schlachtfelderbesuch zum Sport werden, zur Leidenschaft. Wir haben auch Dauerbesucher.“

„Es ist nicht halb so schlimm, hier aktiv gekämpft zu haben, als auf diese Weise den Weltkrieg nachzuerleben“, bestätigte der deutsche Professor.

„Folterqualen. Ein reines Martyrium ...“

Und mit einer erheblichen Gemütserleichterung stellte gewissermaßen im Auftrag aller der Bankier fest:

„Jeder einzelne von uns kann nach vollbrachter Wanderung mit vollem Recht von sich bekennen, er habe heute den leider von ihm versäumten Weltkrieg in seiner tiefsten Tiefenwirkung und in seinem breitesten Ausmaß nachgeholt. Man kann Buddhas Worte umdrehen und sagen: „Zu erleben ist alles schön, mitanzusehen aber alles schrecklich.“ Ja, wir können uns geradezu beglückwünschen, bald den ersten Teil einer im wahrsten Sinne des Wortes lebensgefährlichen und heroischen Expedition hinter uns zu haben ...“

„Und nun, meine Herrschaften, um diesen Ort, auf dem hier das Kruzifix errichtet ist, hat sich eine heimliche Legende gewoben. Nach dem Glauben der armen Bauern dieser Umgegend soll Christus des Nachts, gefolgt von dem ganzen Stab der Apostel, der Seliggesprochenen und der Heiligen, wie früher einst über das Meer, so heute über das Schlachtfeld wandeln. Christus tastet dabei mit einer Art geistiger Wünschelrute den Erdboden ab, um den Standort der Totenregimenter festzustellen ... Hier, an dieser Stelle nun, sagen die armen Bauern, sei „Mund und Ohr“ der Erde. Hier spreche Christus auf seiner Erdenwanderung mit den Toten. An dieser Stelle befinde sich auch eine mystische „Naht“, an dieser Stelle finde dereinst die Auferstehung aller Gläubigen statt ...“

Der Bankier trat interessiert vor.

„Was spricht Christus mit den Toten?“

„Er tröstet sie und bezeugt ihnen immer wieder von neuem, daß sie nicht umsonst gestorben sind.“

„Zweifeln sie denn daran, daß sie für eine große und heilige Sache gefallen sind?“

„Na und ob! Aber sehr! ... Manche von ihnen fluchen gewaltig, nach dem Glauben der Bauern wenigstens, trommeln Mitternachts laut an die Erdkruste mit ihren Knochenfäusten und knurren oft im Chor: „Für nichts und nichts und wieder nichts!“ Sie schießen auch oft mit den Geschützen unter der Erde, sie fechten mit dem Bajonett. Sie üben sich für den „Großen Tag“.

„Für was für einen „Großen Tag“?

„An dem Christus der Welt die Rechnung präsentiert und an dem die ungeheuere Schuld fällig geworden ist, und von den Schuldnern sofort in bar beglichen werden muß. Die unter der Erde sind die Gläubiger ... Sie halten Versammlungen ab, sie beraten sich, auch wenn sie dem Wahne kurzsichtiger Menschen nach längst gestorben sind ... Und der „Große Tag“ kommt. Da geht es hart auf hart. Da geht es: Aug um Aug, Zahn um Zahn ... Es wird mit Blut bezahlt ...“

„Welches ist die Schuld, die bezahlt werden soll?“

„Allen denen, die zum Krieg gehetzt haben und allen denen, die dadurch, daß sie feig und untätig während des Krieges geblieben sind, sich zu Mitverantwortlichen am Kriegswahnsinn gemacht haben, legt Christus eine Frage vor. Die Frage lautet: „Hast auch du, du kriegsbegeisterter Vaterlandsfreund, deinen Schlachten-Sommer miterlebt, wo die Leichen vor Hitze flüssig werden und anfangen, zu brodeln ... Im Kraut knisterts, und wenn du hinschaust ... Ja, hast du das?“ Wer diese Frage nicht mit „Ja, Herr!“ beantworten kann, ist hauptschuldig ... Dann gibt es aber auch noch eine Schuld zweiten Grades, eine Mitschuld und eine Nebenschuld ...“

„Und Christus beruhigt die unter der Erde und überzeugt sie vom Gegenteil?“

„Er beruhigt sie eigentlich nicht, noch überzeugt er sie auch vom Gegenteil. Keineswegs. Im Gegenteil. Er sagt gerade das Gegenteil vom Gegenteil.“

„Was sagt Christus den Toten nach dem Glauben der armen Bauern?“