Der Bankier reitet über das Schlachtfeld

Part 5

Chapter 53,278 wordsPublic domain

„Begeben wir uns, sehr verehrte Herrschaften, unseren Prinzipien treu, nicht unter die Legendenerzähler, Schauermärchendichter, berufsmäßige pathologische Schwindler und prophezeiungslüsterne Kolporteure, sondern bleiben wir weiter in unseren Erörterungen auf dem Boden der nüchternen Tatsachen, so werden wir feststellen können – vielleicht ist der eine oder der andere unter Ihnen, der mir das bestätigen wird! – so werden wir feststellen können, daß mittels der heutigen Kriegstechnik, in engster Verbindung natürlich mit der modernen Wissenschaft, bereits innerhalb einer Woche ein ganzer Erdteil radikal vergiftet werden kann ...“

Die beiden anderen Flugzeuge warfen jetzt aus beträchtlicher Höhe auf ein durch einen blendend weißen Kreis abgezeichnetes Ziel Versuchsbomben ab.

Die Explosion der Bomben erfolgte als ein feines stählernes Klirren, kleine weiße Staubwölkchen bliesen unten auf der Erde auf und ziehen mollig-verschleimt im Wind dahin ...

Die Passagiere fühlten sich in der prächtig ausgestatteten Luxuskabine des Flugzeuges wohl geborgen. Neben praktischer Waschgelegenheit war sogar ein elektrischer Zigarettenanzünder vorhanden, und in einem kunstgewerblich mit diskreten Farbenreizen ornamentierten Porzellanbehälter dufteten frische Rosen.

* * * * *

Es ging gegen Abend.

Ein dünnes Stimmchen, wie eine schwirrende Metallfaser, zirpte unten von der Erde herauf: es war die Glocke einer Dorfkirche, die Ave läutete.

Die Sonne brannte heißglühend im Westen herunter, der Himmel schimmerte wie Perlmutter, und fern rannen die von Geschoßböen glatt rasierten kahlen Berghöhen.

Wie ein unermeßlich ausgedehntes Gangrän schien unten die Erde.

Baumstümpfe, zerfetzte Telegraphenmasten, ganze Bündel in sich zerknäulter Drahtgewirre: wie aus dem durch und durch schlammig vereiterten Erdleib herausgerissene Sehnen, Gedärme und Nervenstränge. Die verstreut umherliegenden Felsblöcke in den Steinbrüchen gewannen das Aussehen von riesigen Schädeltrümmern, Gehirnschalen eines Giganten; aufgerissene Steinwege lagen, zickzack sich durch die Dämmerung schlängelnd, wie Gehirnwindungen bloß; und dazwischen Tümpel, Pfützen und verschimmelte Wasserlachen: ein Kunterbunt von nässenden Geschwüren. Hie und da knoteten sich die Narben von selbst zu einem unförmigen Wulst zusammen, aber die Nähte rissen wieder, und der erdige Kadaver bot sich den Beobachtern aus der Luft dar, wie ein unsagbar geschundener Leichnam auf einen Seziertisch gelegt, voll von Schnitten, Wucherung an Wucherung, über und über bedeckt von schwarz ausgeschlagenen Bluthöhlen und unheimlich zackig gerandeten Brandflächen ...

Und dieser Kadaver atmete noch.

Einen dumpfen, stickichten Dunst hauchte er aus, die Geruchsnerven beizend, und so intensiv, daß er Hustenanfälle, Niesen, Augenbrennen und Brechreiz verursachte.

Alle Gestänke der Welt stanken sich hier zusammen ...

Ein einsamer Vogel fing immer bei Einbruch der Nacht zu singen an, es war ein schluchzender, flötender Gesang, wie ihn die Vögel singen im Moor oder auf der Heide.

Hie und da blinkte auch jetzt unten ein Lichtpunkt auf.

Fern summte ein Schnellzug durch die Landschaft, wie eine wagrecht dahin flitzende goldspurige Nadel ...

Die Herren steckten sich in Anbetracht des „bestialischen Geruchs“, wie sie es nannten, eine besonders dicke Zigarre in den Mund, die Damen fächelten nervös und hielten mit Lavendel getränkte Taschentücher sich unter die Näschen.

Der Führer lächelte versteckt vor sich hin, ein wenig spöttisch und schadenfroh.

Er empfand das irgendwie als eine geheime Rache.

Er schwieg.

Der deutsche Professor redete tröstend auf seine Gattin ein, die ohnmächtig zu werden drohte, und sich fest in den Arm ihres Gemahls klammerte.

Der Bankier wunderte sich:

„Nein, so ein Geruch, trotz der Ventilatorenwirkung des Propellers ...“

Die Situation fing an bedenklich zu werden.

Der Führer erhob sich.

„Wir sind gleich aus dieser Zone heraus. Bitte, meine Herrschaften, nehmen Sie sich noch einen Augenblick zusammen, Sie werden mir doch nicht am Ende unserer Luftreise gar noch seekrank werden!“

„Nichts ohne Anstrengung, Schatz!“ tröstete der Professor flüsternd immer noch weiter: „Jed Ding hat seine Strapazen. Das ist eben allemal die Kehrseite der Medaille ... Na, ich möchte trotzdem die Tour nicht missen ... Hochinteressant! Hochinteressant! ... _Per aspera ad astra!_ ... Und Aufregungen solcher Art haben immer eine Nachwirkung wie Schlummerpunsch. Wir werden großartig schlafen ...“

„Merkwürdig, das kommt immer zur gleichen Zeit, wie am Meer die Flut, abends, wenn die Sonne untergeht ...“

Die Zone war glücklich passiert.

Ein frischer Luftzug wehte.

„Ist aber auch höchste Zeit! ... Das möchte ich nicht noch einmal erleben ...“, stöhnte jemand im Namen aller befreit auf.

Federnd schoß das Flugzeug einige Meter auf der Landungsfläche dahin ...

Ein leichter Ruck und – stand. –

* * * * *

Ein einbeiniger und einarmiger Kriegskrüppel wartete dort, mit dem Kreuz der Ehrenlegion geschmückt, in einer völlig verblichenen Soldatenuniform, unartikulierte tierische Laute hervorstoßend, den Stahlhelm vorne auf die Brust gebunden.

Die Gesellschaft hätte ihn wahrscheinlich instinktsicher nicht bemerkt, hätte ihm der Führer nicht laut zugerufen:

„Hallo, scher dich fort, Emil! Halt die Schnauze! ... Sonst setzt es wieder mal wie neulich eine tüchtige Tracht Prügel ab ... Pack dich! ... Oder soll man es dir denn immer wieder von neuem einbläuen, daß du die hohen Herrschaften mit deinem Anblick nicht belästigen sollst ... Hast du wirklich denn den Verstand ganz auf Nimmerwiedersehen verloren? ... Und willst um jeden Preis immer wieder eine Extrawurst gebraten haben ... Hopla! Pack dich! ...“

Und der Gesellschaft zugewendet entschuldigte er:

„Ein armer Irrsinniger. Haust in einem Unterstand. Man nennt ihn wegen seiner Einbeinigkeit und Einarmigkeit den „Rumpf“. Macht die ganze Gegend unsicher mit seiner Bettelei ...“

Der „Rumpf“ zischelte etwas und humpelte von dannen, sich hie und da auf seinem einen Prothesenbein umdrehend.

„Halt’ die Schnauze!“ drohte der Führer noch einmal mit der Faust und machte eine Bewegung zum Erdboden hin, als ob er einen Stein aufheben wollte. „Pack dich! ... Ein ehemaliger Soldat und Betteln, das Ehrenkreuz noch dazu, schämt er sich denn nicht!?“

Der „Rumpf“ humpelte schneller. Man hörte deutlich die eiserne Spitze des Krückstocks schrill auf den Steinplatten aufschlagen.

Die Gesellschaft schüttelte sich vor Lachen.

„Für Kriegskrüppel ist doch wahrlich in allen Ländern hinreichend genug gesorgt!“ polterte ehrlich entrüstet der Bankier heraus: „Aber aus allem wird heutzutage ein Geschäft gemacht ... Dieses arbeitsscheue Gesindel fällt der ganzen Nation zur Last ... Schlachtfeldhyänen ... Der lebt sicher von Leichenschändung ...“

„Schlachtfeldhyänen ...“ stimmten einige aus der Gesellschaft bei, nicht ohne daß es ihnen dabei kalt über den Rücken herunterlief.

Die prall gemästete Ratte war noch in aller Erinnerung.

„Der könnte sich als Vogelscheuche verdingen!“

Ein herzerfrischendes Gelächter umplätscherte diesen Witz des Bankiers.

Nochmals schrie der Führer:

„He, Rumpf! ... Hast du gehört: als Vogelscheuche ...“

Der „Rumpf“ hielt in seinem Humpeln inne.

Stieß sich mit dem Krückstock vom Boden ab und schwenkte mit einer Bewegung, wobei er ein wenig in sein eines Prothesen-Knie einknickte, sich um sich herum.

„Tollwütig scheint der zu sein, so ein aussätzig kläffender Sakraments-Köter!“

„Wahrscheinlich auch von der „Roten-Christus-Vision“ angesteckt. Sieht grade so aus: der Lümmel –

„Der freche Bengel –

„Der giftgrüne Erz-Flegel ...

„Halunke! Gauner! Schurke! Schuft!

„Soll seine schmutzige Leichenwäsche, wenn er sie trocknen will, wo anders hin ausbreiten ...“

Wieder holte der Führer zum Steinwurf aus.

Unschlüssig wackelte der „Rumpf“ mit dem Kopf.

Hopste wieder auf seinem einen Prothesenbein auf und humpelte schnell von dannen, so schnell, daß es schien, als ob er über den Boden hinwegkollerte.

„Fix! Fix ist der! ... Donnerwetter! ...“

Damit war die „Rumpf-Episode“ beendet. –

* * * * *

„Arbeiten heißt es jetzt, arbeiten und nochmals arbeiten!“ Begann wieder nach einer kurzen Gesprächspause der Bankier: „Das ist, glaube ich, auch die Lehre, die wir unbedingt aus diesen Exkursionsstunden, die wir teils auf der Erde und teils in den Lüften erlebt haben, jetzt ziehen müssen ... Es soll nicht einmal heißen, wir hätten aus der Geschichte nichts gelernt ... Die Vergangenheit, wie sie hier vor uns auftauchte, gibt uns zu denken ... Aus den Lehren der Vergangenheit heißt es die Tat der Zukunft schöpfen ... Die Verantwortung für das Schicksal kommender Geschlechter, die uns allein schon durch die Tatsache unserer bloßen Existenz – ob wir nun wollen oder nicht – aufgebürdet ist, zwingt uns dazu. Ganz gleichgültig, ob wir jetzt Deutsche, Franzosen, Engländer oder Amerikaner sind ...“

„Ausgezeichnet! Blendend!!“

„Sehr richtig! ... Arbeiten ...“

Wiederholten einige.

Ein Journalist notierte:

„Goldene Worte ... Arbeiten: das ist des Rätsels Lösung.“

„Mit diesem Wort, mit diesem Schwurwort auf den Lippen, Amalie –“, schloß sich der deutsche Professor gern der allgemeinen Meinung an ... „können wir getrost der Zukunft in die Augen blicken.“

Und etwas leiser, daß es nur seine Gattin zu hören vermochte, lispelte er:

„Und wenn wir Deutschen es ein klein wenig schlau anfangen, du verstehst mich schon, was ich meine; dann kann auch Deutschland, unser geliebtes Vaterland, nicht untergehen. Es wird sich emporentwickeln am Zwiespalt der übrigen Welt. Dann werden auch wir noch den Tag, Amalie, erleben, Amalie, schau: den Tag der Auferstehung Deutschlands in Kraft, Schönheit und Herrlichkeit! Deutschland über alles ... Das walte Gott! Amen ...“

Frösche quakten, Grillen zirpten.

Der rote Vollmond kroch, von grünlichen Nebelgespinsten umschleiert, über dem Schlachtfeld herauf. –

* * * * *

Der Direktor des Hotels „Zum Weltkrieg“, von den beiden Oberkellnern assistiert, empfing, sich ununterbrochen verbeugend, die hohen Gäste.

„Darf ich mir die Frage erlauben, haben die Herrschaften einen hinreichenden Eindruck vom Weltkrieg gewonnen!?“

„Großartig ... unbeschreiblich ...“

„Kaum glaubhaft ... imponierend ...“

„Welch ein Panorama!“

„Phänomenal!“ –

„Ich habe mich einfach ganz köstlich dabei amüsiert!“

„Sensationell!“

„Und die Natur, die Aussicht dabei: prächtig ...“

Schallte es ihm vielstimmig entgegen.

Der Bankier allerdings, von einigen Teilnehmern der Gesellschaft unterstützt, bemängelte energisch die Art der Führung.

„Die Führung allerdings, Herr Direktor, läßt einiges zu wünschen übrig. Der Mann ist seiner hohen Aufgabe absolut nicht gewachsen, scheint mir im übrigen auch angetrunken gewesen zu sein, sonst könnte ich mir seine marktschreierischen Anzüglichkeiten in betreff eines kommenden Krieges nicht erklären. Ueber sowas spricht man nicht im Zusammenhang mit einem Schlachtfeldbesuch ... Solche Führer sind in der Tat nur recht wenig geeignet, das wissenschaftliche und ästhetische Vergnügen, das an sich normalerweise solch eine Schlachtfeldexkursion allen wirklich ernsthaft daran Interessierten bieten könnte, den Teilnehmern auch gebührend zu vermitteln. Auch das belehrende und sachlich aufklärende Moment ist in seinen Erläuterungen reichlich zu kurz gekommen. Die historische Seite wurde bei weitem zu wenig berücksichtigt. Viel zu viel überflüssige Details. Was habe ich schon davon, zu erfahren, daß jene zusammengeschossenen Tanks zu ihren Lebzeiten einmal „Susanne“, „Bubi“, „Eiserne Jungfrau Ottilie“ oder „Totila“ geheißen haben. Namen tun nichts zur Sache, sind Schall und Rauch ... Der Mann, den Sie uns beigegeben haben, seiner Natur nach offenbar ein Stimmungsmensch, scheint sich vorwiegend in der Kunst des Gruselnmachens zu üben. Aber das ist doch schließlich nicht der Zweck der Uebung und die Besucher des Schlachtfeldes müssen sich dafür bedanken, als Experimente für solch einen ungeschlachten Querkopf herzuhalten. Er pariert nicht. Das heißt: er richtet sich nicht nach den Wünschen der ihm Anvertrauten, sondern maßt sich eine Führung an, und zwar eine Führung besonderer Art ... Sehen Sie dem Mann in Zukunft besser auf die Finger. Scheint im übrigen, was seine Vergangenheit anbetrifft, früher einmal als Ausrufer vor einer Jahrmarktsbude angestellt gewesen zu sein. An dem hätte ein Barnum seine Freude gehabt. Mit allen Wassern ist der gewaschen. Ein ganz Geriebener. Trau ihm zu, es unter Umständen fertigzubringen, einem den Genuß eines Schlachtfeldes gründlich zu verleiden ... Ein ganz gemeiner imaginärer Kerl ...“

„Ja, gewiß doch! Bitte!“

Der Direktor, verlegen lächelnd und sich weiter verbeugend, versprach sofortige schleunigste Abstellung dieses Mißstandes, stammelte etwas von einer Prüfung im Takt, der man die als Führer in Frage kommenden Anwärter unterziehen müsse und schloß:

„Gewiß! Gewiß! ... Aber eben nur ganz wenige erweisen sich leider als zu solch einer heiklen Aufgabe qualifiziert!“

„Heikel!? ... Den Ausdruck versteh ich nicht!“ gab der Bankier unwirsch zurück, drehte sich energisch auf dem Absatz um, und schritt mit einem militärisch-stramm markierten festen Schritt zu dem soeben beginnenden Souper in den festlich erleuchteten Speisesaal.

* * * * *

Ein hundertkerziger kristallischer Lüster flimmerte, die Spiegelscheiben an den mit italienischen Landschaftsbildern ausgemalten Wänden vibrierten ein beruhigendes Licht-Echo, abgesprengte sprühende Lichtreflexe sprangen hin und her, verfingen sich in den fein geschliffenen Weingläsern und herrlich aufgebauten Obstschalen und Anrichteschüsseln, der Wein funkelte, und mild und gedämpft leuchtete ein Lichtmeer wieder von unten herauf aus dem tiefen Grund der spiegelblank polierten Parkettböden.

Die Menschenstimmen verflochten sich ineinander, schwebten sanft vertönend dahin im Saal, dessen ausgezeichnete Akustik von den dort konzertierenden Künstlern allgemein gelobt wurde, nur hie und da wurde das Geplauder durch ein feines helles Lachen unterbrochen, das wie eine Tropfenkette von Tisch zu Tisch entlang perlte.

Der Bankier schwieg hartnäckig.

Er hatte aus Gesundheitsrücksichten sich frühzeitig daran gewöhnt, auf seinen Erholungsreisen zu fletschern, das heißt: er kaute jede Speise dreißigmal ...

Ein Sektpfropfen knallte.

Das berühmte internationale Jazzband-Elite-Orchester begann mit seinem extra ausgewählten exquisiten Programm ...

* * * * *

Wüst und leer lag draußen das Land.

Emil, der Irrsinnige, der im Volksmund auch der „Unbekannte Soldat“ hieß oder auch kurz nur der „Rumpf“, kniete sich auf den Rand eines Granattrichters herauf.

Emils Gesicht war hölzern, wie ein Hackbrett, die Nase darin glich einem knolligen Gewächs, und ein Stirnfetzen hing darüber, wie ein lose angeflickter Knochenscherben.

Das mit vereinzelten bräunlichen Zahnstumpfen besetzte und ausgefranzte Zahnfleisch aus den schief verzogenen Kiefern herausbleckend, die durch und durch mit Klammern verheftet und schnurartig vernäht waren, lauschte er, lauschte ...

Der Jazzband hackte, tackte, quieckte und quietschte.

Wimmerte, stöhnte, schrie.

Rührte um, klapperte und schepperte ...

Und durch die hell erleuchteten Riesenscheiben des Hotels „Zum Weltkrieg“ hindurch sah man Menschen, prunkvoll angetan in Frack und Seide, in merkwürdig rhythmischen Zuckungen und eckigen Bewegungen, Körperpaare an Körperpaaren, wie zu einem einzigen vierbeinigen Körperstrunk verwachsen, im Tanz sich dahinschleifen.

„... Schlaraffenland! Schlaraffenland! ... Gebratene Tauben fliegen denen dort in den offenen Mund. Ah, wie schön lebendig das duftet, und köstliche Speisen rollen ganz von selbst auf fahrbaren Tischchen heran. Die ganze Welt wird denen zu einem „Tischlein, deck ich“ ... Die kosten sicher nur mal zur Abwechslung, wenn sie mit allzuviel Süßem und Fetten sich den Magen verdorben haben, das Bittere eines Mandelkerns ...“

Emil glotzte stier in das Lichtparadies.

Der Speichel zog sich ihm im Mund zu einem Schleimklümpchen voll säuerlichen Geschmacks zusammen.

„Kameraden!“

„Kamerad!“ schien es Emil als Antwort aus der Tiefe der Schlammkatakomben widerzuhallen.

„Kameraden! Hört ihr mich?“

„Kamerad! Wir hören dich!“

„Parole?!“

Wieder schien es Emil, als ob ihm ein millionenstimmiger Sprechchor antworte, dumpf, wie ein langgezogenes Gewitter in der Tiefe der Erde dahinrollend:

„Brü–der der Gro–ßen Gru–be!“

„Brüder der Großen Grube, hört!“

„Wir hören dich!“

„Da feiern sie ihr Siegesdiner und nicht einmal eine lumpige Brotrinde ist dabei für Emil, das Frontschwein, mit abgefallen. Seht her, nicht ein einziger Brosamen, wieder einmal ist mir der Stahlhelm leergeblieben. Ist es auch noch eine Art, mir ewig mit der gleichen Melodie aufzuspielen: „Pack dich! Pack dich!“? Und Kamerad Emil hat sich doch wacker, akkurat so wie jeder andere, geschlagen, ob in Phosgen, Yperite, ob im Bajonettkampf oder beim Handgranatenüberfall ... Weiß Gott doch! ... Sonst trüge er ja wohl nicht jetzt das Ehrenkreuz auf der Brust! ... He! ... Und steht Emil nicht Wachtposten Tag und Nacht ohne Sold, ohne Ablösung? ... Ihr Kindlein in der Grube! Ihr schmucken Waisenknäblein im pechschwarzen Ehrenkleid! Ist Emil nicht eine gute Mutter euch!? ... Aber da gibt es zweierlei Arten von Gewürm und Geziefer, Kameraden, solches unter und solches über der Erde, Kameraden! Ein Geschlecht zweibeinigen Gewürms ward der Welt zum Verhängnis, aus dem Kriegsschoß geboren, Kameraden, zweibeiniges, menschenähnliches, gar menschliche Worte sprechendes Gewürm ... Uns aber hat es dabei die Sprache verschlagen ... Legt nur einmal das Ohr auf den Boden! Horcht nur einmal hinunter durch die Erdporen, hinein in die innersten Erdgänge! Was knabbert, schmatzt und raspelt da!? Ja, das Erdinnere, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist auch so ein mitternächtlicher Festsaal. Da schlüpfen die Ratten, übervoll ihren Wanst mit Leichenfett angefressen, und die Wurzeln freuen sich, ist ihnen doch Leichendung und Kottunke Götterspeise ... Aber habt ihr sie auch gesehen, die Totenkäfer mit ihren Freßwerkzeugen und die Myriadenarmeen der Aasfliegen, die Madenhorden: das ist auch eine Melodie, wenn die schmausen. Fein säuberlich zerlegen die so einen Knochenleib und tragen ihn nach einem einheitlich organisierten Plan mit den Jahren wie einen Berg ab ... Schön weich wird das Fleisch und die Knochenwände knusprig, was ...?! „Kickericki!“ möchte man da sich wohl schon wünschen, und daß der Hahn kräht, damit der Verrat endlich an den Tag kommt! ... Kameraden! Brüder der Großen Grube! Hungert ihr?!“

„Wir hungern ... Hunger und Durst, besonderer Art, Emil! ... Man bindet sich dabei keine Serviette um, sondern die Schlächterschürze, Emil! „Rache“ schreit der Erdrachen, blutige Rache! Wer noch zwei gesunde Proletenbeine und -arme sein eigen nennt, nimmt Platz! ... Möge aus unseren Gebeinen die Rache erstehn! ... Prost Mahlzeit!“

– – –

„Tirili ... Ti–i–rili ... tiri ...“

Der einsame Vogel sang.

„Arm Vöglein! Du mein herzliebstes Vöglein, was singst du denn immer noch?!“

Und das irrsinnig gewordene Frontschwein Emil glotzte weiter stier in das Lichtparadies hinein. –

* * * * *

Wieder stampfte, knatterte, spritzte und schliß der Jazzband.

Ein langhin geblähtes Grunzen ...

Gluckste, wisperte, wieherte, gähnte ...

Und die ganze Gesellschaft rief plötzlich laut:

„Holla!“

Und gleich darauf:

„Hurra!“ und „hoch!“ und „holla!“

Wie eine Schnellfeuersalve krachte das Händeklatschen.

Ein berühmter Pariser Komiker war aufgetreten.

Eine feine Zoten-Lese wurde wie eine mit allerlei delikaten Ueberraschungen gefüllte Bonbonnière höchst anmutig serviert.

Wieder schnalzte der Komiker mit der Zunge und brachte, noch immer laut beifallumtost, am Ende noch als Zugabe das weltberühmte Couplet zum Vortrag:

„Das ist doch wenigstens noch etwas ganz anderes, Als Californien mit seinem ewigen Einerlei ...“

Leise summte der Bankier mit.

„Text und Melodie, beide wie aus einem Guß ... Trefflich ...“

Der deutsche Professor stieß mit einem Landsmann an:

„Auf Ihr Spezielles!“

Begeistert und kindlich gerührt drückte der Bankier noch während des Vortrages seiner Frau die Hand:

„Kätzchen, siehst du, das ist mein Mann! So einen muß ich mir doch noch einmal anschaffen. Das ist das richtige Gegengift gegen die Alltagssorgen und gegen die Schwermut, Claire. Das heilt. Das ist die richtige Kur bei Weltschmerz ... Gemütsmassage ...“

Mrs. Branting streichelte lieblos automatisch die kleine dicke, vom Weingenuß leicht angerötete Hand ihres Gatten.

„Es soll der Dichter mit dem König gehn, Sie beide wandeln auf der Menschheit Höhn ...“

„Schön gesagt, Claire ...“ erwiderte der Bankier mit einem dankbaren Blick. „Und vor allem echt und wahr empfunden. Tief wahr ... Der Mann des Ideals verbündet mit dem Mann der Tat ... Das ist’s, was der Menschheit am dringendsten nottut. Unter solcher Führerschaft ... Der Sieg über die Erdenschwere, der durch Wissenschaft und Technik schon so schön angebahnte Triumph über die Vergängnis wäre damit endgültig gesichert.“

„Ja, Arm in Arm die Beiden!“ fiel der deutsche Professor dazwischen: „... die könnten getrost das Jahrhundert in die Schranken fordern ...“

* * * * *

Es war schon spät in der Nacht.

„Tiri ... T–i–i–iri ... Tirili ...“

Der einsame Vogel sang immer noch ...

Die Autokolonne, die die Gesellschaft noch nach Paris zurückbringen sollte, fuhr vor.

„Ob das nicht ein bißchen zu viel wird, noch so eine gespenstische Nachtfahrt?“ fragten sich einige und überlegten sich, ob man nicht lieber im Hotel „Zum Weltkrieg“ übernachten solle ...

* * * * *

Als stimmungsvoller Abschluß der Tournee fand noch ein bengalisches Brillantfeuerwerk statt, verbunden mit einem groß angelegten Scheinwerfernaturschauspiel, nach dem Thema „Tausend und eine Nacht.“

Damen und Herren, Arm in Arm, unter den Klängen eines flotten Marsches des Jazzband-Elite-Orchesters, traten in einer glänzend ausgeführten Polonaise, jeder Herr sein Glas in der Rechten, auf die Terrasse.

Weit schossen schon durch die Schlachtwüste kegelförmige flache Lichtblitze.

Auf den spontan aus der Mitte der Gesellschaft einige Male dringend geäußerten Wunsch entschloß sich der Bankier nun doch noch nach einigem anfänglichen Zögern zu einer kurzen Ansprache:

„Meine sehr verehrten Damen und Herren! Beim Anblick dieser Trümmer, grausige Ueberreste blutigen Geschehens, meldet sich auch in unserem Herzinneren wieder von neuem der uralte Menschheitswunsch nach Völkerverständigung, Erdenglück, Völkerfrieden. „Friede auf Erden!“ das ist das Gelübde, was sicher uns allen der Besuch dieses Schlachtfeldes abringt. Aber nur Arbeit, Arbeit und wiederum Arbeit, Arbeit und damit allgemeine Wohlfahrt, können für uns die Bürgschaft, die einzigen Garantien eines wahrhaft dauernden Friedens sein ... Mögen sich das die Völker mit goldenen Lettern in ihr Gedächtnis schreiben ... Meine sehr verehrten Herrschaften! Ich erhebe nun das Glas und bitte Sie, mit einzustimmen in den Ruf: Es lebe der Friede! Es lebe die Völkerverständigung, die Völkerversöhnung, jener gute Geist des gegenseitigen Verstehens und der gegenseitigen Achtung, wie er jetzt so siegreich durch die Lande zieht ... Der Krieg ist tot. Es lebe ... Der Völkerbund, er lebe – – –“

„Hoch! Hoch! Hoch!“

Die Gläser klirrten ...

Der deutsche Professor schwitzte.

Seine junge Gattin wischte ihm mit seinem Taschentuch die Schweißtropfen von der Stirn.

„Paneuropa, meine ich“, debattierte er mit seinem Landsmann: „Paneuropa, meine ich, das wäre das richtige. Natürlich unter Deutschlands wirtschaftlicher und kultureller Führung. So unter einer Art geistiger Vorherrschaft ...“