Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen

Part 15

Chapter 153,788 wordsPublic domain

Judiths erster Gedanke war, ganz und gar nach Ragatz zu entfliehen. Aber nein! daraus würde er sich am Ende nichts machen, oder er merkte es kaum, oder er könnte sich wunder was drauf einbilden, sie vertrieben zu haben! Nein, sie wollten ganz kalt und ganz fremd zu ihm sein, damit er es merkte, was er für ein schrecklicher Mensch war. Heute Abend wollten sie nicht mehr hinuntergehen, aber morgen früh, beim Frühstück, da sollte er es erleben!

Martha war nur darüber verwundert, daß Judith plötzlich in Thränen schwamm; dies war bei ihr ganz ungewöhnlich.

„Aber, Fräulein Judith“, tröstete sie, „so was entsetzlich Schlimmes ist es doch am Ende nicht; jeder sah ja, daß Sie nicht dafür konnten!“

„Ja aber, daß Er! gerade Er!“

„Das ist nun eigentlich so verwunderlich nicht“, sagte Martha ruhig; „so eine kleine Unbesonnenheit ist ihm schon zuzutrauen; kränken wollte er Sie sicher nicht.“

Aber Judith war nicht zu trösten; sogar das Gotteswort und das liebliche Abendlied: „Der Tag ist nun vergangen“, das ihr in der letzten Zeit stets lieb und wert gewesen war, wollte heute nicht fassen.

Am anderen Morgen ging sie mit sehr hocherhobenem Haupte zum Kaffeetische.

„Mein Georg“ war schon da; er grüßte ein wenig verlegen, aber ehrfurchtsvoll und freundlich, und erhielt zum Dank eine stolze, steife Verbeugung. Er sprach heiter vom aufgehellten Himmel -- und erhielt keine Antwort! Er schlug einen Morgenspaziergang vor -- Judith und Martha versicherten, sie hätten Briefe zu schreiben. Er trat nach dem Kaffee näher, als wollte er um Verzeihung bitten -- sowie es Judith bemerkte, ging sie hinaus und Martha folgte ihr.

„Das ist ja heute unausstehlich!“ sagte der alte General; „siehst du, Georg, das kommt von deinen Dummheiten! Ach, Agnes, sieh, ob du es wieder ins gleiche bringen kannst.“

Die Präsidentin als freundliche Tante ging wirklich und klopfte am Märzfeldschen Wohnzimmer an, während Fanny und Friedericke, fröhlich plaudernd, am Kaffeetische blieben.

Martha und Judith saßen sich sehr ernsthaft gegenüber; jede hatte einen großen Briefbogen vor sich und die eingetauchte Feder in der Hand, aber keine war aufgelegt zum Schreiben; der blaue Himmel sah so lockend herein; das Bedauern, durchaus Zorn halten zu müssen, wurde immer größer und die Frau v. B. wurde mit großer Zärtlichkeit und Ehrfurcht von ihnen empfangen, indem sie neben ihrer sonst schon geliebten Person die Hoffnung einer Veränderung dieses unerquicklichen Zustandes mit sich brachte.

„Lieben Kinder!“ sagte sie, „ich komme nicht, um meinen unartigen Neffen zu verteidigen, sondern um Sie zu bitten, liebe Judith: nehmen Sie es hier in der Freiheit der Bergwildnis nicht so sehr schwer und verderben Sie uns allen nicht die paar freundlichen Tage des Zusammenseins! Ein todeswürdiges Verbrechen war’s doch am Ende nicht, und ich glaube, er ist schon recht gestraft; ich habe seine guten Augen heute noch gar nicht lachen sehen; gönnen Sie ihm wenigstens, daß er Ihnen selbst ein Wort der Abbitte sagt. Kommen Sie nun mit herunter und begleiten Sie uns auf dem Spaziergange. Sehen Sie, wie freundlich die Sonne lacht; da dürfen wir nicht Grillen fangen!“

Ja, die Sonne lockte sehr; sie vergoldete die Ränder der Felsen gegenüber, und Frau v. B.s Stimme galt viel in der kleinen Gesellschaft. Da nun Judith vom Fenster aus den Verbrecher das Thal hinab wandern sah, glaubte sie, er wünschte ebenso wenig ihre Gesellschaft, als sie die seine, und setzte schweigend ihren Hut auf. Sie gingen langsam im eifrigen Gespräch der Gesellschaft nach, bis Martha bemerkte, daß Fanny und Friedericke sich dicht am Rande der Tamina vergnügten, und voll Sorge zu ihnen eilte. Nun schloß sich Judith der Präsidentin an, sah aber mit Schrecken, daß Georg und der Bayer an der nächsten Felsenecke ihrer warteten, und blieb zurück, scheinbar, um einen kleinen Strauß zu binden aus den feinen Halmen, Moosen und Kräutern, welche in den Felsenspalten wuchsen.

Wie es dann gekommen, daß auf einmal Frau v. B. mit dem Bayer zehn Schritte vorausging und sie allein und verlassen dem gefürchteten Georg gegenüberstand, das ist ihr niemals klar geworden.

Er sah sie weniger verlegen als ernst und traurig an: „Fräulein Judith, wollen Sie mir denn nicht erlauben, Sie für gestern Abend um Verzeihung zu bitten? Es thut mir so sehr leid, daß ich mich so vergessen und Sie so gekränkt habe, aber --“

„Herr v. E., hier giebt es kein Aber! Ein Edelmann muß sich so viel in der Gewalt haben, daß er sich bewußt bleibt, mit wem er es zu thun hat; ich hätte Ihnen nicht zugetraut, daß Sie das vergessen könnten!“

„Ach, Fräulein, das habe ich keine Minute vergessen; das war’s ja eben!“

„Wie? Sie wußten, mit wem Sie tanzten, und wagten es, mich so zu beleidigen?“ rief Judith, indem sie die Farbe wechselte.

„Immer mehr Mißverständnisse!“ rief er; „jetzt, Fräulein, muß ich es Ihnen ordentlich erklären. Bitte, bleiben Sie und hören Sie mich geduldig an!“

Sie hatte eben Miene gemacht, zu entfliehen. Ein Umblick überzeugte sie, daß dies nicht wohl möglich war; vor ihr gingen die Freunde, in einiger Entfernung hinter ihr der fremdere Teil der Gesellschaft. Sie trug also mit Anstand, was sich nicht ändern ließ, und ging mit gesenktem Kopfe neben ihm, mit der Spitze ihres Sonnenschirmes Figuren in den feuchten Sand zeichnend.

„Sehen Sie, Fräulein Judith,“ begann er, und auf der sonst so frischen Stimme lag es wie ein Schleier, „seitdem ich hier bin, habe ich das wärmste Interesse für Sie gehabt; ich betrübte mich, wenn Sie so steif dasaßen, und freute mich, wenn Sie lachten, und dachte schon am ersten Abend: ‚Was müßte das eine Freude sein, Sie so vergnügt zu machen, wie andere junge Mädchen sind. Sie glauben es nicht, wie ich glücklich war, als Sie nach und nach freier, frischer und unbefangener wurden; es reizte mich, immer mehr dazu zu helfen. Als ich Sie gestern Abend zu dem Tanz überredet hatte, glaubte ich über jede Schwierigkeit hinweg zu sein; ich dachte mir, ich wollte Sie durchs Leben führen und lauter Sonnenschein um Sie verbreiten, und ich sah Sie schon vor meinen Augen, Sie, die ich liebe wie niemand sonst, so schön, so fröhlich, so glücklich und beglückend, wie es Gott ursprünglich in Ihre Natur gelegt hat; o Judith, ich dachte, wir wären schon so weit! Da faßte mich ein innerer Sturm vor Freude; ich mußte jauchzen; ich mußte Sie in die Luft schwingen. O Judith, liebe Judith, können Sie mir jetzt verzeihen?“

Sie ging neben ihm, der große Mousselinhut beschattete ihr Gesicht, doch sah Georg, daß sie sich mit dem Tuche einen Tropfen von den Wimpern wischte; aber er wußte nicht, was ihm derselbe bedeutete, nicht, daß es die Worte waren: „Sie, die ich liebe wie niemand sonst“, welche ihr das Herz so bewegten.

„Judith, sagen Sie mir nur ein Wort, nur, daß Sie nicht mehr böse sind, nur, daß ich ein klein wenig hoffen darf! Sehen Sie“, fuhr er auf einmal, mehr in seinem alten, heiteren Tone fort, „ich hab’ so nötig jemanden, der mich zieht, denn ich bin ein Wildfang, Sie aber sind so verständig! Reizt Sie die Aufgabe nicht, liebe Judith, mich zu bessern?“

Sie schwieg noch immer; er fuhr fort: „Ich weiß, ich müßte diese Dinge ernster sagen, aber Gott allein weiß, wie ernst sie mir sind; er weiß auch, daß ich mich auf seinen Beistand verlasse, wenn ich Ihnen verspreche: Ich will Ihnen ein treuer Gefährte sein! Jetzt, Judith, wenn Sie nicht sprechen wollen, geben Sie mir Ihren kleinen Blumenstrauß!“

Zagend reichte sie ihm denselben; sie schlug die Augen auf dabei; es waren Thränen darin, aber ein Strahl von Glück verklärte sie.

Sie sahen jetzt die anderen sich entgegenkommen. Georg umarmte seine Tante: „Sie ist wieder gut; ach, Tante!“

„Na, Junge, erdrück’ mich nicht; ich bin zu alt, um durch die Luft geschwungen zu werden!“

Es ging nun alles seinen natürlichen Gang. Während Judith und Martha eine sehr bewegte Unterhaltung hatten, schüttete Georg seinem Vater sein Herz aus und erstaunte sehr, daß dieser über seine Mitteilungen so wenig überrascht war; dann eilte er nach Ragatz zu Frau v. Märzfeld, und als diese am Nachmittag mit ihrem Brautpaar herüberkam, wurden die neuen Verlobten der erstaunten Badegesellschaft vorgestellt, zugleich aber auch bestimmt, daß Judith, Martha und Fanny anderen Morgens mit nach Ragatz übersiedeln sollten, was der Mutter mit Recht nun angemessen zu sein schien.

„Ich dacht’ halt schon gestern“, sagte der Bayer, „’s ist schad’, daß sie nit seine Braut ist; wir meinen, es bringt Glück, wenn einer die Seinige recht hoch schwingt.“

Der Abschied von Pfäffers wurde allen schwer, aber doch sehr erleichtert durch die Aussicht, daß der General mit seinem Sohne, die Präsidentin mit ihrer Friedericke in den nächsten Tagen ihnen nachfolgen wollten.

Martha freute sich von ganzem Herzen über Judiths wie über Luciens Glück, wenn auch Stunden kamen, wo sie sehr die Sehnsuchtsgedanken nach Siegfried bekämpfen mußte. Glücklicherweise blieb ihr nicht viel Zeit dazu; denn da jetzt Fannys Leitung und Beaufsichtigung wieder allein in ihrer Hand lag und Frau v. Märzfeld für die vielen Überlegungen und Besorgungen, welche diese Doppelverlobung mit sich brachte, nur an ihr eine Stütze fand, waren ihre Kraft und Zeit reichlich in Anspruch genommen. Ihre Stellung in der Familie war eine ganz andere geworden; die Liebe ihrer Töchter zu der jungen Erzieherin, die freieren und billigen Ansichten der Schwiegersöhne über die Stellung derselben, das Beispiel des Generals und der Präsidentin wirkten mildernd auf Frau v. Märzfelds Benehmen, und obwohl Martha mit richtigem Takte die äußere respektvolle Form festhielt, war doch ihre Stellung zur ganzen Familie mehr die einer lieben, nahen Verwandten, als einer Untergebenen. In den wenigen Wochen, welche für den Aufenthalt in der Schweiz noch bestimmt waren, wurden nun noch fleißig hübsche Ausflüge gemacht, teils zu Wagen, teils per Bahn; da jetzt Fanny nicht mehr zu schwach dazu war, nahmen alle daran Teil, und so bekam Martha nach und nach ein schönes Stückchen Schweiz zu sehen; ja, auf der Heimreise rastete man auch in Heidelberg einige Tage, welches von Kind auf das Ziel ihrer Sehnsucht gewesen war.

* * * * *

Nach der Heimkehr oder vielmehr schon auf der Heimreise gab es ernstliche Beratungen darüber, was mit Fanny, die jetzt fast als genesen anzusehen war, weiter werden sollte. Graf T. und der General, die sie am unbefangensten beobachtet hatten, rieten sehr dazu, sie bald in eine Erziehungsanstalt zu bringen mit anderen Kindern zusammen; sie müsse das Glück gemeinsamer Arbeit und gemeinsamer Erholung kennen lernen und dürfe nicht mehr, wie bisher, der Mittelpunkt des Hauses sein.

Die Frau Präsidentin schlug vor, sie in dieselbe Pension in der Nähe von Dresden zu bringen, in welcher Friedericke schon einige Jahre war. Dies schien allen vernünftig und gut zu sein und man beschloß, Martha solle sie den Winter über durch gründlicheren Unterricht auf den Eintritt in dieselbe vorbereiten.

Frau v. Märzfeld bot dieser an, dann als Gesellschafterin bei ihr zu bleiben, aber Martha schlug das freundlich dankend ab. Sie hatte schon jetzt immer gefürchtet, sich ihrem speziellen Berufe durch die freiere Behandlung Fannys zu entfremden; verließ sie diese, so war es ihr klar, daß sie sich umsehen mußte nach einer Schulstelle.

Während sie mit Fanny fleißig arbeitete und an den kleineren Geselligkeiten des Hauses jetzt gern Anteil nahm, wurden allerlei Briefe und Zeitungsannoncen ausgesandt, und schon vor dem neuen Jahre wurde ihr die Stelle, auf der wir sie im Anfange unserer Erzählung fanden, zugesagt.

Sie konnte nur mit warmer Dankbarkeit aus dem Hause der Frau v. Märzfeld scheiden. Wie schwer war es zuerst, wie leicht wurde es dann! Wie schien erst alles so kalt, und nun fühlte sie sich so warm von Freundschaft und Liebe umgeben!

Ihre Thränen flossen, auch die Thränen der anderen, als sie Abschied nahm; aber sie traute fest darauf in ihrem Herzen, daß Gott sie auch in der neuen Lebenslage an seiner Hand führen werde, und sagte leise und getrost, als sie einsam dahinfuhr und die lieben Gesichter, die sie zum Bahnhof begleitet, ihren Augen entschwanden: „In Gottes Namen!“

11.

Auf eigenen Füßen.

Ja, was hätte das arme, junge Mädchen wohl anfangen sollen, wenn sie nicht ihre Zuversicht auf ihren Vater im Himmel gesetzt hätte? Sie machte sich jetzt keine Illusionen mehr, sie wußte, daß die neue Lage große Schwierigkeiten mit sich brachte. Zum erstenmale trat sie nicht in eine fremde Häuslichkeit als Mitglied ein, zum erstenmale sollte sie des unmittelbaren Schutzes entbehren!

Das Leben im Märzfeldschen Hause war in den Außendingen dem sehr ähnlich gewesen, das sie im elterlichen Hause geführt hatte; da war nie ein Mangel an Speise und Trank; da war sie so gestellt, daß sie sich ohne Sorgen anständige Kleidung und nebenbei manch gutes Buch anschaffen konnte; die ganze Umgebung war fein und nett; ja, sie war jetzt wieder verwöhnt, recht sehr verwöhnt! Würde sie es lernen, mit ihrem kleinen Gehalte anständig auszukommen?

Ihr erster Weg war zum Direktor der Schule; er empfing sie ernst und würdevoll, aber teilnehmend. Als sie ihn um seinen Rat wegen ihrer künftigen Wohnung bat, hatte er sie an Fräulein Klug gewiesen, und obgleich dieselbe ihr zuerst mehr schroff als herzlich entgegengekommen war, hatte doch das Bedürfnis nach irgendeinem Anschlusse gesiegt: sie war mit der alten Kollegin in eine Etage gezogen, und wir haben schon gesehen, wie sehr dies zum Besten der beiden Beteiligten war.

Auch in der Schule gab es anfangs große Schwierigkeiten. Sie hatte sich gewöhnt, auf die Eigentümlichkeit ihrer Schülerin die größte Rücksicht zu nehmen, und hätte dies gern fortgesetzt; wenn aber so viele verschieden angelegte Kinder ein Klassenziel erreichen sollten, war dies nur in beschränktem Maße möglich; der Direktor mußte sich einmischen und sie auf geordnetere Bahnen weisen, und der Martha erschien es, wenn sie ihm folgen mußte, als gäbe sie ihr Allerbestes auf! Sie machte auch gern im Unterrichte Exkursionen, zog das Interessante und Anregende dem unbedingt Nötigen vor und kam dann ins Gedränge mit ihrem Lehrstoff. Da gab es manche Reibung, manches innere und äußere Unglück, bis ein unausgesprochenes Übereinkommen zustande kam, indem Martha einsah, daß in einem so großen, gut organisierten Ganzen der einzelne sich unterordnen muß, wenn es auch mit manchem Opfer geschieht, und der Direktor dagegen, als er Marthas beglückenden, erziehenden Einfluß auf ihre jungen Schülerinnen sah, ihr so viel Freiheit gewährte, als es sich mit seiner Schulordnung irgendwie vertrug.

All’ diese Erfahrungen ihres jungen und doch so wechselvollen Lebens gingen an ihrem Geistesauge vorüber, als sie am Weihnachtsabend dem Verglimmen der Lichte am Tannenbaume zusah. Wie viel hatte sie erlebt, seitdem sie mit Siegfried im Hause der Eltern das Weihnachtslied der Urgroßmutter gesungen! Oft, oft hatte sie dies Lied seitdem gelesen, gesungen hatte sie es nie mehr; es war ihr immer gewesen, als ginge das nicht ohne ihn. Ja, sie hatte hindurch gemußt durch Armut, durch Leid, durch Niedrigkeit; sie hatte an des Todes Pforten gestanden, als ihre Lieben hindurchgegangen waren; aber überall hatte Gottes Hand sie gehalten und zärtlich wie eine Mutter sie durch die schwersten Stunden geführt. Aus jeder schweren Lebenslage war ihr ein Gewinn geblieben, viel Liebe und Freundschaft, das hatte sie in diesen Tagen erfahren.

Dort lagen unterm Spiegel die Briefe ihrer Lieben; dort im Wandschranke waren die Schätze aufgespeichert, die Judith ihr aus ihrer Wirtschaft geschickt; dort in dem kleinen Kasten lagen Fannys und Luciens feine Arbeiten; dort sah sie auch auf Suschens letzten glücklichen Brief nach der Geburt ihres ersten Kindchens; und so reich und schön dies alles war, der innere Gewinn war doch noch größer. Die Sehnsucht kam wohl nach ihrem Siegfried, die Sorge: „Werde ich durchkommen? Wie wird es mir gehen, wenn ich alt und gebrechlich werde wie Fräulein Klug?“ Aber nein! sie wollte nicht zittern und zagen, sie wollte sich und Siegfried fest in die Vaterhand legen, die den eingebornen Sohn aus Liebe uns geschenkt. Ja, heute, heute konnte sie, heute wollte sie das Lied der Urgroßmutter wieder singen; sie öffnete das Instrument und sang mit voller, klarer Stimme:

Sei mir gegrüßt, geweihte Nacht, Die uns das höchste Gut gebracht: Dich, Gottessohn, dich, Königskind, Das man im Stall und Kripplein find’t.

Schluß.

Einige Stunden früher schleppte sich der Kurierzug nach B. durch die verschneite Landschaft. Er machte seinem Namen heute wenig Ehre; zu gewaltig fielen die Schneemassen, zu heftig jagte sie der Wind in die Hohlwege, welche der Zug passieren mußte. So lange man durchs offene Land fuhr, konnten Kolonnen von Arbeitern die Schienen leidlich vom Schnee befreien, und wenn es auch viel langsamer ging als sonst und die Stationszeiten nirgends eingehalten werden konnten -- es ging doch vorwärts!

In einem Coupé zweiter Klasse saß ein Herr mit noch jungem aber ernstem und gebräuntem Angesichte, das fast traurig in den Schneesturm hinausblickte, der seine kleinen, feinen Krystallsternchen so gegen das Fenster warf, daß man nur in einzelnen, seltenen Pausen einen Ausblick auf die Umgebung bekam; er zeigte auch nichts weiter, als ein großes weiß-graues Tuch, welches Häuser, Bäume, Felder und jede Ungleichheit des Terrains verhüllte und verdeckte. Die Wagen waren geheizt, aber man merkte nichts davon; der eisige Sturm drang durch alle Ritzen, und zwei Jünglinge, dem Pelzumhüllten gegenüber, schlugen mit den Armen übereinander, um sich zu erwärmen.

„Ob wir heute noch nachhause kommen, Alfred?“

„Wollen’s hoffen“, entgegnete der Gefragte; „es wäre ungemütlich, den Abend im Schnee zu verbringen statt unter dem Weihnachtsbaum.“

Der Ältere sah nach seiner Uhr: „Es ist schon fast zwei Stunden über die Zeit, auf dem Bahnhofe kann wohl niemand mehr sein.“

Da ertönte ein schriller Pfiff -- Stationslichter -- der Schaffner öffnet die Thür: „N., Aussteigen!“

Mit einem Satz, die bunten Studentenmützen fröhlich lüftend, waren die beiden Jünglinge draußen; man sah zwei vermummte Mädchengestalten und einen etwa zehnjährigen Knaben.

„Fritz, Elisabeth, Julchen, ihr alle hier? Na, kommt nur schnell nachhause! Da ist auch Heinrich mit dem Schlitten!“ Die Thür flog zu, der Zug dampfte weiter.

Der Reisende in der Ecke seufzte schwer: „Nachhause! Die Glücklichen gehen nachhause! O, wo ist mein Zuhause auf der ganzen weiten Welt?“

Heute vor fünf Jahren da hatte er zum letztenmal ein Zuhause gehabt; nicht bei Vater und Mutter, die lagen schon lange unterm Rasen, aber bei ihr; sie hatten zusammen unter dem brennenden Baum gestanden, sie hatten geträumt von einer süßen, gemeinsamen Heimat -- und schon am anderen Morgen war alles zusammengebrochen! Als sich seine heißen Wünsche nicht gleich erfüllt hatten, da war er fortgestürmt in die Ferne ohne Abschied, Zorn und Stolz im Herzen und hochfliegende Hoffnungen und Erwartungen auf Glück und Reichtum. Übers Weltmeer war er gezogen, dort in Missouri wußte er eine Thür, daran durfte er nur klopfen, damit Fortuna ihr Füllhorn über ihn ausgoß; dort lebte der einsame Oheim, der sich nach seiner Hilfe und Gesellschaft sehnte und den er beerben sollte.

Nach mancherlei Fährlichkeiten zu Wasser und zu Lande stand er vor dem stattlichen Hause; der Oheim war ausgegangen; ein frisches, junges Weib, mit einem lustigen, kleinen Buben auf dem Arm, empfing ihn. Sie war nicht herzlos, nicht unfreundlich, auch der Oheim, als er heimkehrte, war es nicht; aber daß sich seine Aussichten hier völlig verändert hatten, das brauchte ihm ja niemand zu sagen.

Der Onkel hatte ihm unter die Arme greifen, ihm die Wege ebnen wollen zum Vorwärtskommen; er hatte alles in seinem Hochmut abgelehnt und sich auf seine eigene Kraft verlassen. Er wurde bald inne, daß er etwas Schweres unternommen hatte; er suchte eine Stelle als Landwirt -- man bot ihm Knechtsarbeit; er wollte als Kaufmann auf einem Comptoir arbeiten -- und fand keine Stelle.

Da kam die Not. Sein kleines väterliches Vermögen war ihm im Vaterlande sichergestellt, daran konnte und wollte er nicht rühren; an seinen väterlichen Freund zu schreiben, konnte er sich nicht entschließen; da ging es tief hinunter mit seinen hohen Gedanken.

Monatelang hatte er als Arbeitsmann sein Brot verdient, dann war er Sprachlehrer gewesen; er hatte sein Leben kärglich gefristet; aber erworben, irgendetwas erworben, das er ihr bieten konnte, das hatte er nicht.

Darum schrieb er ihr nicht; was sollte er ihr schreiben? In einer elenden Nacht, da sein ganzes Geschick sehr dunkel vor ihm lag, und ihres auch, da wurde es ihm klar: „Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbst eig’ner Pein läßt Gott ihm gar nichts nehmen, es muß erbeten sein!“

Und er lernte wieder beten; das verirrte Kind klopfte an des rechten Vaters Thür und der Vater that ihm auf und tröstete ihn.

Er war mit einem Deutschen zusammengekommen, der hatte ein herrliches Grundstück für ein industrielles Unternehmen und ein großes Kapital zum Anfang; aber ihm fehlte, was Siegfried besaß: Intelligenz, Kenntnisse, Thatkraft. Er bot eine namhafte Summe, wenn dieser ihm sein Geschäft in Gang bringen wolle, und fortdauernden Anteil am Gewinn.

Das Unternehmen gelang; sowie dies sich zeigte, hatte Siegfried an sie geschrieben, an seine Martha; er erhielt keine Antwort.

„Sie wollen ihr den Brief nicht zeigen“, dachte er, und als nach einem Vierteljahre keine Antwort kam, schrieb er noch einmal, diesmal an den Vater; wieder lange, lange keine Antwort. Endlich kam der Brief zurück: „Adressat seit Jahren tot, Angehörige verzogen.“

O Gott, wie wurde nun sein Herz so schwer! Sobald sich’s thun ließ, ging er nach Newyork, um dort womöglich Landsleute zu treffen; es gelang ihm; sie brachten die Schreckenskunde vom Konkurs und dem gleich darauf erfolgten Tode des Kommerzienrats; aber niemand, niemand wußte, wo die Seinigen geblieben waren.

Welche Qual! Er schrieb an den Onkel Konsul und erfuhr auch dessen Tod. Wie lang, wie endlos lang wurde ihm das Jahr, das er durchaus noch in Amerika verleben mußte, wenn das Unternehmen in sicheren Gang kommen sollte!

Nun war er in der Heimat, bei ungünstiger Jahreszeit in Sturm und Wetter herübergefahren, und schon wochenlang irrte er umher und suchte sie, ohne eine Spur von ihr entdeckt zu haben. Auf der Post wußte man nichts mehr von ihrer Adresse; die Angehörigen des Onkel Konsul waren nach dem Süden gezogen; entferntere Bekannte erinnerten sich, in irgendeiner Zeitung die Todesnachricht der Frau Feldwart gelesen zu haben; sie wußten nicht mehr, wann und woher, und die Zeitung fand sich nicht. Das war ihm gewiß: er mußte in der Heimat bleiben, mußte seine Nachforschungen fortsetzen; es mußte ja möglich sein, sie zu finden; wenn es gar nicht anders ging, durchs Einrücken in die Blätter.

Ach, wenn er doch damals in seinem Hochmut nicht fortgegangen wäre! Wie viel hätte er der Verlassenen sein können! Es konnte aber länger dauern, bis er sie fand, und er wollte sich einen Wirkungskreis schaffen, um nicht müßig zu sein, und hatte sich hier und da ein Besitztum angesehen, das seinen Mitteln und Ansprüchen entsprach.

So verlassen, so betrübt, so voll Sehnsucht hatte er sich noch nie gefühlt wie heute; zum erstenmale kam ihm der Gedanke, sie könne gestorben sein oder -- was war schlimmer? verheiratet. Er dachte daran: „Es ist ja Weihnachten!“ Es fiel ihm der Engelgruß ein: „Siehe, ich verkündige euch große Freude!“ Ach, in seinem Herzen da war nur Leid; er bat den lieben Gott um einen Brosamen von der Freudenfülle, die sich heute über die ganze Welt ergoß, und sein Herz wurde stiller und ergebener, wenn es auch eben noch nicht fröhlich wurde.