Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen

Part 14

Chapter 143,670 wordsPublic domain

Sie sprachen nun nicht mehr, aber Fanny hatte sich fest in Marthas Arm geschmiegt; sie schaute und schaute, auf ihren Wangen blühte zartes Rot auf und ihre Augen leuchteten. Auch Judiths Augen wurden immer größer und ernster und zuweilen senkten sich die Lider darüber, um aufsteigende Thränen zu verhüllen. Es war allen befremdlich, wenn einmal der vorausfahrende Wagen in einen solchen Winkel zu dem ihrigen kam, daß man heiteres Gespräch und fröhliches Lachen daraus vernahm; und doch ging dies natürlich zu: das bräutliche Glück überstrahlte selbst diese großartige Scenerie. Es kommt ja bei der Wirkung äußerer Eindrücke alles darauf an, wie es in dem kleinen Herzensspiegel aussieht, in dem sie sich abbilden.

Als man vor den Gebäuden von Bad Pfäffers ausstieg, die, eingeklemmt zwischen die Felswände und jetzt vom letzten Sonnenstrahl in ihrer oberen Hälfte eben noch erreicht, auf den ersten Anblick einen mehr düsteren als angenehmen Eindruck machten, sahen sich die Insassen beider Wagen fragend an; das Ganze glich sehr einem natürlichen Gefängnis. Aber sie wurden freundlich hereingeführt, zunächst in die für die neuen Badegäste bestimmten Zimmer. In der Mitte lag eine größere gemeinsame Wohnstube, rechts ein Schlafzimmer für Judith, links eins für Martha und Fanny. Die Zimmer waren bequem und sauber eingerichtet und die künftigen Bewohnerinnen erklärten sich damit zufrieden.

Die Badeeinrichtungen fand man ganz besonders blank und nett, und als man in eines der Versammlungszimmer trat, um den Kaffee da zu genießen, erhob sich am oberen Ende des Tisches ein vornehm aussehender Herr mit weißen Haaren und stellte sich als General E. aus Württemberg vor, zugleich als Bruder der lieben Präsidentin, die jährlich mit ihm hier zusammentreffe und die er morgen gegen Mittag mit ihrer Tochter Friedericke erwartete. Da war die Bekanntschaft schnell gemacht, und als Frau v. Märzfeld mit ihrem Brautpaar abfuhr, saßen die drei Zurückbleibenden zutraulich neben ihrem neuen Beschützer, erzählend und hörend, als wären sie schon längst miteinander bekannt. Selbst Judith gab der süddeutschen Treuherzigkeit gegenüber ihr steifes Wesen auf. Der Gang in die Schlucht, in welcher die Heilquellen entspringen, wurde bis morgen verschoben, da man ihn nicht ohne Fanny, die von der Reise angegriffen war, ja, womöglich auch nicht ohne Friedericke thun wollte, welche sich schon in Heyden darauf gefreut hatte, ihrer Freundin diese Wunder zu zeigen.

Als die Dunkelheit völlig hereinbrach, erschienen sehr verschiedenartige Gestalten im Gesellschaftszimmer; nur die wenigsten schienen den höheren Ständen anzugehören; der vermögende Teil der bäuerlichen Bevölkerung aus der Schweiz und Oberösterreich war reichlich vertreten, und Judith sah sich mit nicht eben sehr wohlgefälligen Blicken um unter dieser Umgebung. Ihr Staunen stieg, als sie den ungenierten, vertrauten, heiteren Ton gewahrte, in welchem sich der General mit den Leuten unterhielt und auf all’ ihre Interessen einging.

„Hier“, dachte sie, „wird es schwer sein, seine Stellung zu wahren“, und als ein behäbiger, freundlicher Österreicher sie fragte: „Wird es den schönen jungen Damen nicht zu einödig hier sein?“ erhielt er eine so kurze, ablehnende Antwort, daß Martha froh war, als Fannys Müdigkeit sie sämtlich nötigte, sich auf ihr Zimmer zurückzuziehen.

Als Fanny ruhte, saßen Judith und Martha noch eine halbe Stunde im Wohnzimmer beisammen.

„Ist das nicht schrecklich hier?“ rief Judith; „nimmt sich so ein Mensch heraus, mich anzureden, ohne daß ich es ihm erlaubt habe! Und dieser General! Gehört zu den ersten Kreisen in Württemberg und spricht mit diesen Menschen, als wären sie seinesgleichen!“

„Ich glaube, Fräulein Judith, das Badeleben bringt auf ganz natürliche Weise den freieren Ton mit; alle sind hier um ihrer Leiden und Gebrechen willen, alle suchen Hilfe aus derselben Vaterhand und an derselben Quelle, alle sind eingeschränkt auf kleinen, engen Raum. Aber wenn Sie eingehend beobachten wollen, werden Sie finden, daß sich niemand gegen den Herrn General etwas Zudringliches oder Ungeschicktes erlaubt; er ist bei all’ seiner Leutseligkeit eine so wahrhaft vornehme Erscheinung, daß dies keiner ihm gegenüber vergessen oder verkennen kann!“

Judith seufzte; sie hatte doch auch gedacht, eine vornehme Erscheinung zu sein und war sehr unbefriedigt von dem ersten Abend.

Martha fand ihren Pflegling noch mit großen, offenen Augen.

„Hören Sie nur, wie die Tamina rauscht!“ flüsterte Fanny. „Ach, bitte, lesen Sie noch einen Psalm oder ein Lied zur ‚Gute Nacht!‘“

Martha griff nach der Bibel und las den 121. Psalm: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt; meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat“ -- bis zum Schluß: „Der Herr behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele; der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.“ Dann betete sie den Vers:

Wenn der Wellen Macht In der trüben Nacht Will des Herzens Schifflein decken, Wollst du deine Hand ausstrecken; Habe auf mich acht, Hüter in der Nacht!

Martha ging noch einmal ins Wohnzimmer zurück, ihre Arbeit zu holen, und fand da Judith noch, die mitten im Zimmer stand und sich gedankenvoll auf den großen Eichentisch stützte. Jetzt blickte sie auf und sagte fast weich: „Wenn Sie mit Fanny lesen, schließen Sie die Thür nicht, oder lassen Sie mich dabei sein!“

„O, wie sehr gern!“ rief Martha aus vollem Herzen; sie wollte Judith die Hand geben, diese war aber schon in ihrem Schlafzimmer verschwunden.

Ja, Judith fühlte, daß ihrem Dasein die rechte Erquickung mangelte; sie hatte auch in der letzten Zeit durch die Beobachtung ihres kranken Schwesterchens eine Ahnung bekommen, wo dieselbe zu finden sei, und sie war keine oberflächliche Natur; was sie einmal erfaßte, pflegte sie mit Ernst zu ergreifen.

Am anderen Morgen nahm Fanny das erste Bad, und sowohl Martha als Judith freuten sich über die schönen, weißen Fließen, in welche die Bäder gefaßt waren, über die ganze wohlthuende und elegante Einrichtung in dieser scheinbaren Weltabgeschiedenheit, und da Fanny die angenehme Einwirkung des Wassers dankbar empfand, beschlossen ihre beiden Hüterinnen, sich diese Erquickung und Auffrischung der Nerven, so viel es thunlich sei, ebenfalls zu verschaffen.

Gegen Mittag erschienen die Präsidentin und Friedericke, herzlich empfangen von dem lieben, alten Bruder und Onkel, jubelnd von Fanny. Gleich nach Tische kamen, wie sie es versprochen, Frau v. Märzfeld und ihr Brautpaar, und man beschloß, noch vor dem Kaffee den Weg in die Schlucht zu unternehmen, der so glatt, sicher und nahe ist, daß selbst Fanny, abwechselnd auf Friedericke und Martha gestützt, ohne Bedenken daran teilnehmen konnte. Diese Schlucht, in welcher die heißen Quellen entspringen, gewährt in der That einen ebenso großartigen als schauerlichen Anblick. Die Felsen treten hier so nahe zusammen, daß unten nur die schäumende, brausende Tamina zwischen ihnen Platz hat, und über ihr ein auf sicheren Stützen ruhender Weg, oder vielmehr eine lange Brücke, welche bis zu den heißen Quellen hinführt, die sich schon von ferne durch ihren weißen Dampf ankündigen, der in dem wunderbaren Unterweltslichte die sonderbarsten Gestalten anzunehmen scheint. Die Felsen schließen sich nämlich an ihrem oberen Ende so nahe zusammen, daß nur ein kleiner Spalt offen bleibt, um das Himmelslicht einzulassen, ja an einer Stelle führt sogar der Weg nach Dorf Pfäffers über diesen Spalt hin. Wenn man die Einschnitte, Ecken und Kanten an beiden Seiten aufmerksam miteinander vergleicht, ist leicht wahrzunehmen, daß sie genau ineinander passen, und es macht ganz den Eindruck, als habe ein gewaltiger Finger diese Wände ein wenig auseinander gerückt, um dem brausenden Bergwasser Platz zu schaffen. Friedericke und Fanny hielten sich fest umfaßt, als der Führer sie darauf aufmerksam machte.

„Muß das gekracht haben“, sagte Friedericke, „da hätte ich nicht dabei sein mögen!“

Als man bei der heißen Quelle ankam, zeigte sich die Thür zu einem Stollen, der in den Felsen getrieben ist, um mehr Wasser zu gewinnen. Da es aber darin natürlich heiß und dunkel war, verzichtete man darauf, ihn zu besuchen. Im Felsen an beiden Seiten bemerkte man Vertiefungen, wie zu einer Balkenlage.

„Hier“, sagte der Führer, „hat früher ein kleines Haus schwebend über der Quelle gestanden, bevor noch ein Weg in die Schlucht hereinführte; die Kranken sind von oben, versehen mit Lebensmitteln, an Stricken heruntergelassen worden, und erst wieder heraufgezogen, wenn die Kur beendet war.“

„Die sind dann ganz bei den Erdgeisterchen gewesen“, sagte Friedericke.

„Und ich fürchte, sie hatten nicht so schönen Honig und keine Traubenrosinen zum Dessert, wie wir heute Mittag“, setzte Fanny hinzu.

Beides, Honig und Rosinen, ist nicht nur kurgemäß in Pfäffers, sondern wird von den Ärzten aufs wärmste empfohlen und ist deshalb stets in Fülle und ungewöhnlicher Güte vorhanden, was Fannys vollen Beifall hatte. Sie war jetzt, wo Friedericke bei ihr war, ganz befriedigt; sie spielten, lasen und lernten zusammen, so viel oder vielmehr so wenig es Martha bei der Kur ratsam fand; Fanny machte an Friederickens Arm die kleinen Spaziergänge, welche sie ausführen konnte und welche der Arzt zu ihrer Stärkung dringend wünschte. Sie bauten sich eine ganze Märchenwelt in ihrer Phantasie auf, jeder Felsvorsprung, jede Vertiefung hatte für sie ihre Bedeutung.

„Dort oben, wo niemand hinkommen kann, bei den vorgeschobenen Spitzen und Kanten, da ist das Zwergenschloß, da sehen sie heraus und sonnen sich. Dort, wo das tiefe Loch in den Felsen hineingeht, wohnt die Erdgeistermutter; die ist verdrießlich, man hört sie brummen, wenn der Wind weht. Im weißen Dampf über der Quelle tanzen die Tamina-Elfen; sie sind so fein, daß man nur ihre Schleier wehen sieht.“

Oder sie dachten sich ganze Geschichten aus von solchen Kranken, die an Stricken heruntergelassen waren, wie sie sich fürchteten und graulten, und wie die lieben Zwerge aus dem Felsen kamen, sie zu trösten.

Martha sorgte, ob solche Phantasieen nicht Fannys Nerven aufregen würden; aber sie schlief sanft und fest; sie brauchte zum Essen nicht mehr genötigt zu werden und ihre Spaziergänge konnte sie mit jedem Tage weiter ausdehnen. Der Annahme entgegen, daß eine Rose nur in der Sonne ihre schöne Farbe erhalten kann, kam auf die bleichen Kinderwangen mehr und mehr ein rosiger Schimmer, in die matten Augen ein Strahl von Jugendfreude und Mutwillen, der Martha entzückte. Sie selbst fühlte sich ebenfalls gekräftigt und vollkommen in Frieden. Seit den trüben Erfahrungen in Heyden hatte sie alle ungestümen Wünsche nach großartigen Ausflügen aufgegeben und war für die kleinen Spaziergänge, die ihr durch Judiths Freundlichkeit möglich wurden, dankbar.

Das Verhältnis mit Judith erregte in hohem Grade ihr Interesse; sie kamen sich sehr langsam ein wenig näher, und nach dem, was sich da offenbarte, schien es gewiß, daß in dieser Seele noch viele verborgene Schätze schlummerten, die nur der richtigen Wünschelrute bedurften, um ans Tageslicht zu kommen.

Eine nach der Eigentümlichkeit der Gäste größere oder kleinere Prüfung brachte ein Regentag; gottlob! gab es in diesem Sommer nicht viele. Wenn die Wolken wie dunkelgraue Gardinen zwischen den Felsen niederhingen, die Lampen in Korridor und Gesellschaftszimmer den ganzen Tag nicht ausgehen durften, die Badegäste entweder auf ihr Zimmer angewiesen oder in den Gesellschaftssaal gebannt waren, da gab es große Versuchungen zum Grillenfangen. Solch ein Tag kam in der zweiten Woche.

Judith war eben mit ihrer Garderobe beschäftigt gewesen, jetzt folgte sie Martha und Fanny, die ihre Stunden beendet hatten, nach dem Versammlungszimmer. Dort saß beim Lampenlicht der General und spielte mit der Präsidentin eine Partie Schach; dort hatten sich Frauen aus allen Ständen und Ländern mit ihren weiblichen Handarbeiten um einen langen Tisch gruppiert; dort saß ein Kreis bäuerlicher Besitzer und unterhielt sich über Verkehrsverhältnisse, Fruchtpreise und Politik. Die jungen Damen nahmen am Frauentische Platz, da Fanny und Friedericke ein kleines, besonderes Tischchen für sich in Anspruch nahmen, um mit ihren Modepuppen die wunderlichsten Geschichten aufzuführen. Martha kam bald mit ihren Nachbarn in eine lebhafte Unterhaltung.

Das Thema nach der ersten Bekanntschaft in Badeorten ist stets das gleiche: die Gebrechen und Krankheiten, für welche jeder hier Hilfe und Heilung sucht, und dieses Thema wird zwar von verschiedenen Persönlichkeiten in ebenso verschiedenen Variationen vorgetragen, aber es berührt doch die gleichen Grundaccorde in den Herzen und führt zu Mitleid, Mitfreude und leichter Verständigung.

Martha fand neben den verschiedensten Leiden und einzelner Bitterkeit und Verzagtheit auch viel Demut, Geduld und Gottvertrauen, und hörte gern und hoffnungsvoll erzählen von manchen Erfolgen, die mit Gottes Hilfe durch den Gebrauch dieser Quellen erreicht worden waren.

Als das Schachspiel beendet war, kam auch Frau v. B. in den Frauenkreis, und Martha staunte, wie sie es verstand, mit den einfachsten Frauen zu reden, ihr Vertrauen zu gewinnen, sie zu trösten und zu beraten. Der General war zu den Männern gegangen; hier entspann sich eine höchst lebhafte Unterhaltung über Wiesen- und Forstkultur, Ackerbestellung u. dergl.; je nachdem die Redenden aus verschiedenen Gegenden und Verhältnissen kamen, waren auch die Ansichten verschieden, und die Gefahr lag oft nahe, daß aus der Unterhaltung ein Streit werden könne. Dann hörte man stets des Generals ruhige, sichere Stimme, welche erklärte, vermittelte, und der sie alle sich unterzuordnen schienen.

Judith langweilte sich aufs äußerste. Das Licht fiel schlecht auf ihre feine Arbeit; sie hatte dieselbe sinken lassen, lehnte sich nachlässig zurück, gähnte mehrmals, ohne es zu merken, und Verdruß und Müdigkeit spiegelten sich dergestalt auf ihrem sonst so schönen Gesichte, daß ein alter Oberbayer, der sie eine ganze Weile unbemerkt beobachtet hatte, zu ihr trat: „Sind Sie bös, Fräule, daß unser Herrgott schütten läßt? Hilft Ihnen doch nichts; er laßt’s deshalb nit; ’s macht ihm nichts, wenn ein jung Mädel die Stirn kraus zieht!“

Judith sah ihn groß an und sehr von oben herab; sie antwortete nicht, verließ aber gleich danach die Halle, und als ihr Martha und Fanny später folgten, fanden sie sie in der schlimmsten Laune oben noch im Finsteren.

Fanny war jetzt immer sehr müde und schlief bald ein; als Martha leise in das Wohnzimmer trat, ging Judith dort mit großen Schritten auf und ab. Martha setzte sich mit ihrer Arbeit ruhig an den Tisch zur Lampe und wartete das Weitere ab.

Endlich blieb Judith vor ihr stehen: „Jetzt sagen Sie mir, Martha, wie es zugeht, daß sich die Leute solche Dinge gegen mich herausnehmen?“

„Aber, liebes Fräulein, wie kann ich das wissen?“

„Warum passiert dem General und der Präsidentin nie etwas Ähnliches? Sie sagten neulich, er habe so etwas Vornehmes; ich finde das gar nicht; er spricht mit allen Bauern wie mit seinesgleichen. Wenn Sie es wissen, wo seine Vornehmheit steckt, so sagen Sie es mir!“

Martha dachte ein wenig nach: „Darf ich mich ganz offen aussprechen, Fräulein Judith?“

„Ja, ich bitte sehr; und sagen +Sie+ nur nicht immer ‚Fräulein‘; von Ihnen ist mir das sehr langweilig, wissen Sie!“

„Es ist eine schwierige Frage; lassen Sie mich ein wenig nachdenken. Einesteils ist es wohl wirklich das Übergewicht der Erfahrung, des Wissens, der Bildung, was die Leute empfinden, ohne es sich klar zu machen; aber ich glaube, der Grund der allgemeinen Achtung ist vor allem der, daß die beiden alten Herrschaften sich selbst vollständig in der Gewalt haben; daß sie sehr weit vorgeschritten sind in der Selbstbeherrschung und Selbstlosigkeit; ich denke mir, dies muß stets vorausgehen, ehe man anderen imponieren oder sie beherrschen will. Sie geben sich keine Blöße den Leuten gegenüber und, liebe Fräulein Judith, sie geben sich niemals das Ansehen, Respekt erzwingen zu wollen; das reizt in solchen Lagen, wie die unserige hier in dem kleinen Bade ist, gar so leicht zum Widerspruche!“

„Ach Gott“, seufzte Judith, „wenn nur nicht das Leben mit diesen Menschen gar so langweilig wäre, und nicht nur mit ihnen, auch mit meinen Bekannten in M.; ich beneide jeden Menschen, der sich amüsieren kann, aber ich begreife es nicht!“

„Ich wollte“, sagte Martha warm, „Sie begriffen es; gerade Sie, liebe Judith, würden so glücklich sein und andere so glücklich machen können, wenn Sie einmal anfingen, sich mit warmem Herzen für Ihre Mitmenschen, ihre Leiden und Freuden, ihre Ideen und Gedanken zu interessieren. Sie lesen so gern Schilderungen fremder Völker und Länder, und doch sind diese oft wunderbar gefärbt durch die eigentümliche Brille des Verfassers. Ich lese noch viel lieber in einem so lebendigen Buche, wie wir es jetzt vor uns haben; daraus kann man viel, sehr viel lernen! Versuchen Sie es nur; ich hoffe, die Befriedigung findet sich!“

Judith stand eine Weile in tiefem Nachdenken, dann sagte sie freundlich: „Gute Nacht, lieber Herr Professor! ich werde über die Vorlesung nachdenken“, und verschwand in ihrem Zimmer.

* * * * *

Am anderen Morgen ward ein ähnliches Thema durchgesprochen zwischen dem General und der Präsidentin.

„Ich verkehre gern mit allerlei Volk“, sagte der erstere, „man lernt eine Menge Dinge kennen, mit denen man sonst nicht in Berührung kommt. Ich verstehe es aber noch lange nicht so gut wie mein Georg, den Leuten nahe zu kommen; wenn der Junge kommt, sollst du dein Wunder sehen!“

„Wenn mein Georg kommt!“ Dieses Wort hatten die Mädchen aus seinem Munde nachgerade so oft gehört, daß sie sich mit leichtem Lächeln ansahen, wenn es wiederkam. Es war dadurch allmählich „mein Georg“ eine Person geworden, der man mit einiger Spannung entgegen sah.

Eines Abends, da es besonders schön und warm war, wanderten sie im Taminathal, die Kinder voran, Judith und Martha, wie es in der letzten Zeit öfter der Fall war, Arm in Arm.

Da bog ein junger Wanderer um die Felsenecke; eine große, kräftige und doch bewegliche Gestalt, den leichten Sommerrock aufgeknöpft, das Halstuch gelockert, den Strohhut in den Nacken geschoben, daß eine Fülle lichtbrauner Locken frei wurde und ein heiteres, lebensvolles Gesicht mit blitzenden, braunen Augen, gesunder, etwas gebräunter Farbe, fröhlich lachendem Munde und einem Grübchen in jeder Wange, einrahmte; ein noch nicht eben sehr voller Bart umgab das gerundete Kinn.

Judith sah ihn staunend an und ärgerte sich über sich selbst, daß ihr unwillkürlich ein Wort in den Sinn kam, das sie aus dem Munde ihrer Bekannten immer sehr albern gefunden hatte: „Ein junger Gott!“

Der „junge Gott“ ließ ihr Zeit, ihn zu betrachten, denn er war mehrere Schritte vor ihnen bei Fanny und Friedericke stehen geblieben, hatte letztere ohne Umstände emporgehoben und geküßt, was mit dem Jubelruf: „Vetter Georg! lieber Vetter Georg!“ erwidert wurde.

Dann beugte er sich zu Fanny: „Und hier ist ein kleines Fräulein, das geht ein wenig lahm. Sind Sie ein bißchen zu weit gegangen, Waldnymphchen!“

„Ich glaube“, sagte Fanny mit weinerlicher Stimme.

„Darf ich Sie tragen?“

Fanny sah ihn zweifelnd an; aber er hob sie leicht auf seinen Arm, als sei sie eine Feder, und ging stolz mit ihr den beiden Damen entgegen.

„Jetzt bin ich Ihr Ritter und Sie sind meine Dame!“

„Ein Ritter! ein Ritter!“ jauchzte Friedericke. „Erdgeister haben wir, Zwerge, Elfen; nun haben wir auch einen Ritter -- und einen Ritter Georg; es ist nur schade, daß kein Drache da ist!“

Friedericke stellte ihn den beiden jungen Damen vor; er hatte für jede ein heiteres, freundliches Wort, und da sie schon um der Kinder willen mit umwenden mußten, zogen sie wie im Triumphe mit dem Erwarteten im Bade Pfäffers ein.

Natürlich wurde er von Vater und Tante sehr herzlich begrüßt, aber er war noch keine Stunde da, so war es, als sei ein frischer Wind in die ganze Gesellschaft gefahren; er plauderte mit den Alten, lachte mit den Kindern, verabredete gleich für den anderen Morgen einen Spaziergang nach der Kalandaschau und Dorf Pfäffers, für übermorgen eine Tour nach Ragatz und Chur; die erste sollte nach Judiths Bestimmung Martha mitmachen, der zweiten wollte sie selbst sich anschließen, und man hoffte, daß auch Frau v. Märzfeld mit dem Brautpaar von Ragatz aus daran teilnehmen werde.

Es wurde nun alles Leben und Bewegung. „Mein Georg“ war Besitzer und Verwalter des Familiengutes, das in Süddeutschland lag; seine Gespräche mit den Landleuten waren viel eingehender als die seines Vaters; den Frauen machte er sich angenehm durch freundliche Besorgungen, kleine Erfindungen, die zur Annehmlichkeit des Lebens beitrugen; mit Martha und Judith unterhielt er sich gern über Bücher, Bilder, über das Leben in der Residenz u. s. w.

Die letztere erschien ihm wohl zuweilen etwas unergründlich, aber es reizte ihn sichtlich, ihr Wesen zu erforschen und dies schöne, stolze Gesicht aus seiner Ruhe und Feierlichkeit herauszusetzen. Dies gelang um so öfter, da Judith wirklich anfing, sich ihres Hochmuts zu schämen und mit Teilnahme auf die Gesellschaft zu blicken, die sie umgab. Wie sehr sie dadurch an Lieblichkeit und Anmut gewann, das merkte sie selbst nicht, andere desto mehr.

Als der nächste Regentag die Gesellschaft ans Haus fesselte, kam „mein Georg“ mit einem jungen Oberbayer, der seine Mutter besuchte, aufs „Schuhplatteln“ zu sprechen; es fand sich, daß beide diesen oberbayerischen Nationaltanz kannten und konnten, und als der Abend herankam, wurden Judith und Martha bestürmt, denselben mit ihnen auszuführen. Ein älterer Badegast erbot sich, auf dem Flügel zu begleiten. Die Mädchen wollten nicht; sie hatten es ja noch nie gesehen.

„Ach, Sie haben gar nichts dabei zu thun, als sich so graziös wie möglich immer im Kreise herumzudrehen, während wir schuhplatteln; dazwischen drehen wir Sie schon um, wie es sich gehört.“

„Ja, aber bescheiden!“ bestimmte Judith.

Es wurde versprochen und machte anfangs allen großes Vergnügen. Die beiden Tänzer waren gewandt, geübt und kräftig; es wurde ihnen gar nicht schwer, beim Sprung nach oben die Fußsohlen mit der flachen Hand zu schlagen und all’ die wunderlichen Bewegungen auszuführen, die der Tanz erfordert. Einen gehörigen Lärm giebt es dabei; einige nervenschwache Damen entflohen, alle anderen Gäste aber bildeten einen Kreis und sahen vergnügt und mit Spannung den Kautschukmännern zu. Der Bayer tanzte mit Martha, „mein Georg“ mit Judith. Sie hielten sich anfangs in ganz bescheidenen Grenzen und drehten ihre Damen sanft im Kreise herum, aber als der Georg ins Feuer kam, hatte er da vergessen, wen er vor sich hatte? daß Judith kein oberbayerisch Landmädel war? Mit raschem Griffe faßte er seine Dame fest um die Mitte, schwang sie mit einem lauten Juchzer hoch in die Luft und war vor Verwunderung und Entsetzen starr, als sie, wieder auf dem Erdboden angekommen, sich nicht weiter drehte, sondern mit heftigen, stolzen Schritten den Saal verließ und die Thür hinter sich schloß.

Da stand er nun, wühlte in seinen Haaren und sah ganz verdonnert und unglücklich aus. Die Präsidentin war böse, der General klopfte ihm auf die Schulter: „Ist dir schon recht, das kommt vom Ungestüm!“ und Martha lief eilends der Judith nach. Sie zürnten zweistimmig, in bester Harmonie.

„Nein, das ist nicht zu dulden! Das ist über alle Beschreibung unschicklich! So viel muß doch ein Edelmann sich in der Gewalt haben, daß er nicht vergißt, mit wem er zu thun hat! Dafür muß Strafe sein, das ist sicher!“