Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen
Part 13
Als aber Anna fort war, kam es doch wie eine stille Freude über sie, daß sie ja keine heilige Fürsprecherin brauchte, daß sie konnte und durfte gerade zu ihrem Vater gehen und ihr Herz vor ihm ausschütten; sie that es, und das hilft jedesmal. Wenn auch ihr Herz nicht leicht danach wurde, es wurde doch stille und ergeben, und sie konnte mit dem warmen, aufrichtigen Vorsatze zu ihrer Pflegebefohlenen zurückkehren, die Wolken und das Weh für sich zu behalten und so viel Sonnenschein als möglich auf Fannys Lebensweg auszugießen. Wenn sich der Sturm im Innern gelegt hat, tritt auch die Besinnung und verständige Überlegung wieder in ihr Recht und entkleidet das Erlebte von allen Übertreibungen der Phantasie. Was hatte sie denn so Schlimmes vernommen? Nur, daß Siegfried nicht bei seinem Onkel war; konnte er nicht an irgendeinem anderen Orte sich eine Existenz gegründet haben? War es denn unmöglich, daß er dennoch zu ihr zurückkehrte?
Um vieles beruhigt holte Martha ihre Schülerin ab zum Kaffee in dem kleinen Saal. Sie fanden neue Ankömmlinge: eine sehr durchsichtig und zart aussehende Mutter und ein rosiges Töchterchen von etwa dreizehn Jahren; Frau Präsidentin v. B. und ihre Tochter Friedericke.
Die beiden Kinder betrachteten sich schüchtern, aber mit sehr vergnügten Gesichtern. Frau v. B. sah mit mütterlicher Teilnahme auf das zarte, hilfsbedürftige Mädchen, und nachdem es Martha ihrem Zöglinge so bequem als möglich gemacht, veranlaßte sie die gegenseitige Vorstellung.
„Siehst du, Friedericke, da ist ja ein junges Mädchen, wie du es dir gewünscht hast.“
Friedericke nickte.
„Ich kann freilich noch nicht mit herumspringen“, sagte Fanny, „aber ich lerne es bald; ich kann jetzt schon vom Freihof bis zur Kegelbahn laufen.“ Dabei sah sie sehr stolz und glücklich aus.
Frau v. B. erkundigte sich sehr teilnehmend nach dem Leiden der Kleinen und erfuhr, daß sie von hier nach Ragatz oder Pfäffers gebracht werden sollte.
„Ach, wenn es doch Pfäffers wäre“, rief Friedericke; „dort badet Mama einige Wochen, und dort ist es so -- ach so -- ich weiß gar nicht, wie ich sagen soll -- so geheimnisvoll und schauerlich und doch so schön! Man wohnt eigentlich bei den Erdgeisterchen selber. Ach, Fanny, bitte immer zu, daß ihr nach Pfäffers kommt; es wird so sehr hübsch sein, dort Gesellschaft zu haben.“
Friederickens lebhafte Schilderungen waren ganz dazu gemacht, Fannys Verlangen nach dieser Wunderwelt zu steigern, und sie hoffte ihre Mutter zu überreden, auf ihre Wünsche einzugehen.
Es war sehr ergötzlich, zu sehen, wie die beiden Kinder sich mit jedem Tage näher kamen. Friedericke kannte bald keine größere Lust, als ihrer schwachen Gefährtin all’ die kleinen Dienste zu leisten, deren sie bedurfte, sie an ihrem Arm auf ihr Zimmer zu führen oder aus demselben abzuholen. Fanny ließ sich das sehr gern gefallen, aber der Wunsch erwachte in ihr, es vergelten zu können, und als die Präsidentin eines Tages sehnend nach ihrer Handarbeit ausschaute, welche auf einem fernen Tische lag, stand sie leise und unbemerkt auf und fühlte mit innerlichem Frohlocken, daß es nicht mehr zu schwer für sie war, dieselbe zu holen und der Eigentümerin zu bringen. Diese sah sie überrascht und sehr erfreut an, aber das Kind erglühte förmlich in Wonne; es war das erste Mal, daß sie jemandem einen Dienst hatte leisten können.
Die Unterrichtsstunden mußten natürlich hier in freierer Gestalt gegeben werden wie zuhause, aber Martha hatte sie nie ganz fallen lassen. Jetzt fragte Frau v. B., ob Friedericke nicht daran teilnehmen dürfe; sie war natürlich viel weiter, aber immerhin ließen sich Gegenstände auffinden, die beide Kinder gleichmäßig interessierten, und Martha fand, daß die Gemeinschaft ein herrlicher Sporn für Fanny war.
Frau v. Märzfeld und ihre Töchter hatten häufig Nachricht gegeben; sie hatten den Züricher See besucht, den Vierwaldstädter See mit seinen herrlichen Umgebungen, auf dem Rigi mehrere Tage zugebracht, und waren jetzt seit einigen Wochen in Montreux am Genfer See.
„Aber nun“, schrieb Lucie, „kommen wir auf dem nächsten Wege. Wir sehnen uns nach dem Kinde und etwas mehr Ruhe, und werden im Laufe der nächsten Woche eintreffen, um mit Euch nach Ragatz oder Pfäffers überzusiedeln.“
Fanny jubelte, und auch Martha, obgleich sie sich sagen mußte, daß ihr Leben ferner nicht in so angenehmer Ruhe verlaufen werde, wie es jetzt der Fall war, freute sich doch mit aufrichtigem Herzen darauf, der Mutter und den Schwestern die Fortschritte zu zeigen, welche des Kindes Genesung inzwischen gemacht hatte.
Ein wunderbar schöner Tag stieg nach mehreren recht unfreundlichen über Heyden auf; die sämtlichen beweglichen Pensionsgäste beschlossen eine Tour auf den Kaien zu machen, unter Führung ihres Wirtes; da oben sollte eine herrliche Aussicht auf das Gebirge sein. Marthas Herz schlug in großem Verlangen. Eine Stunde vor Tische ließ Frau v. B. sie rufen.
„Mein liebes Fräulein Martha“, sagte sie, „ich habe eine große Bitte. Mein Kind ist nun schon wochenlang hier und hat noch keinen Blick aufs Gebirge gehabt. Ich möchte ihr so gern den Spaziergang heute gönnen, aber sie nicht allein mit den fremden Gästen gehen lassen. Ihr kleiner Zögling brennt ebenfalls vor Verlangen, Ihnen den Genuß der Bergfahrt zu verschaffen; und so haben wir uns zusammen ausgedacht, wir wollten diesen Nachmittag tauschen: Sie nehmen meine Wilde unter Ihren Schutz bei der Bergbesteigung, und Fanny kommt als meine Tochter zu mir, bis Sie wieder da sind.“
Dies war verlockend. Es stiegen wohl Bedenken in Martha auf: „Wenn ich nur hätte Frau v. Märzfeld fragen können!“ Aber das ging ja nicht. Fanny und Friedericke baten und drängten; sie selbst war überzeugt, daß Frau v. B.s Aufsicht die ihrige überreich ersetzte. Ach, und sie war so glücklich in Erwartung der Gebirgsaussicht -- sie gab nach und ging mit. Der Wirt führte so an der Berglehne hinauf, daß man unterwegs keine andere Fernsicht hatte als den Rückblick auf Heyden; der Pfad war meistens sehr steil und oft schattenlos; die Sonne brannte, aber die Aussicht winkte und die Gesellschaft überstand die Strapazen mit fröhlichem Mute. Jetzt noch durch dies Buschwerk, jetzt diesen Rand hinauf! und Martha stand oben und legte die Hände zusammen und ihre Augen füllten sich mit Thränen, denn sie umfaßten in ihrem engen Rahmen ein Bild, wie es die Phantasie nicht schöner hätte malen können.
Da lagen sie ihr gegenüber, die Schneefelder des Säntis; da ragten die riesigen Nachbarn desselben, der Kamor, Hohekasten, Altemann, Tödi in die blaue Luft; weiter östlich die Vorarlberger und Lichtensteiner Gebirge; in der Ferne die weiße Kette des Rhätikon mit der Sasaplana. Auf der anderen Seite dehnte sich am weiten, blauen See der Thurgau aus mit Trogen, Vöggeliseck, Speicher; darüber weit in der Ferne der Pilatus und der Rigi.
„O, hätt’ ich Flügel, hätt’ ich Flügel!“
Friedericke neben ihr sprang hoch in die Luft und stieß einen Juchzer aus, als habe sie denselben vom Senn erlernt; Martha konnte nicht sprechen. O, dieses eine Bild, war’s nicht genug, um lebenslang manche einsame Stunde mit seinem Lichte zu erhellen? Sie sah und sah; sie hätte nichts davon verlieren mögen, auch nicht das Kleinste.
„Komme Sie doch hier hinter den Stein und nehme Sie a Schöppeli Markgräfler!“ rief der Wirt wieder und wieder.
Der Rat war gut, aber es dauerte lange, ehe unsere jungen Gefährtinnen den Entschluß faßten, sich von der herrlichen Aussicht loszureißen und Ruhe und Erquickung zu suchen. Dann war es behaglich, nach der Anstrengung im Schatten zu sitzen, sich an den mitgebrachten Erfrischungen zu laben und mit den Reisegenossen heitere Gespräche zu führen. Die Gesellschaft wurde sehr vergnügt und niemand merkte, daß sich der Himmel umzogen hatte, bis die Stimme aus den Wolken vernehmlich zu reden anfing. Da sprang denn freilich alles auf die Füße; noch einmal ward die Rundschau genossen, aber nur sehr flüchtig. Das Wetter zog vom Rheinthal herauf, und der Wirt meinte, es könne „a rechts“ Wetter werden; von da könnt’ es oft nicht über den See: „Wir müssen auf die Sennhütten zu halten!“
Dies geschah ohne Besinnen; sie lagen nicht allzu weit unterhalb der Berghöhe, und mit den ersten schweren Tropfen wurde man eingelassen in den zwar nicht mit Bequemlichkeiten ausgestatteten, aber immerhin trockenen und geschützten Raum. Es war sehr gut, ein Dach über sich zu haben; der Regen fiel in Strömen nieder und prasselte auf das Schindeldach und gegen die kleinen Fenster; der Sturm brüllte, als wollte er das Häuschen mit sich entführen; ein leuchtender, greller Blitz jagte den anderen und der Donner rollte majestätisch durch den Aufruhr hin, seine Stimme pausierte höchstens minutenlang, wie um Atem zu schöpfen. Die Gesellschaft lauschte still der großartigen Musik; selbst Friedericke, die so gern lachte, schmiegte sich ernsthaft an Martha an. Diese, äußerlich gefaßt und ruhig, wurde innerlich sehr gequält durch die Sorge um Fannys Angst und infolge davon um ihre Gesundheit. Sie sah mit Sehnsucht nach dem kleinen Streifchen Himmel, welches zu sehen war, ob es noch nicht heller werden wollte, -- vergebens! Wenn der Sturm eine Minute geschwiegen, brüllte er in der nächsten mit vermehrter Gewalt; wenn die Stimme des Donners ferner zu klingen schien, grollte sie gleich danach aus einer anderen Ecke um so näher. Stunde auf Stunde verrann: zur Finsternis des Himmels gesellte sich bald das Dunkel des hereinbrechenden Abends und endlich die Finsternis der Nacht.
Da endlich wurde es stiller; der Donner rollte ferner und ferner, blasser und blasser leuchteten die Blitze, einzeln nur noch fielen die Tropfen aufs Dach, dann hörte man keinen mehr.
Man öffnete die Thür der Hütte; durch die zerrissenen Wolken blickten einzelne Sterne, die Luft war unbeschreiblich schön und frisch, aber der ganze Berg nur ein einziger großer Wasserfall. Der Wirt und die Sennerin erklärten es für völlig unmöglich, hinabzugehen, bevor man Tageslicht habe. Letztere holte frische Milch herbei, erbot sich auch, Schmarren zu backen, wenn man es wollte. Es wurde dankend angenommen und fröhlich verzehrt, nur Martha lag es wie ein Alb auf der Brust und sie stieß mehrmals hervor: „Ach, wie sie sich zuhause ängstigen werden!“
„Ich glaube nicht so sehr“, sagte Friedericke. „Mama weiß, daß wir in Gottes Schutz sind und bei verständigen Menschen; Anna wird ihr gewiß von den Sennhütten erzählen, und sie werden es sich denken, daß wir hier sind. Geben Sie acht, sie tröstet auch Fanny und läßt sie nicht von sich.“
Das klang alles ganz wahrscheinlich, aber es war ihr Gewissen, das ihr die Zuversicht raubte; das ganze Erlebnis kam ihr vor wie eine Strafe ihrer Untreue und sie konnte sich die Folgen desselben nicht schwarz genug ausmalen. Die Vorbereitungen zur Nachtruhe waren etwas schwierig; die Gesellschaft bestand aus etwa zehn Personen. Die Herren mußten sich mit ihren Plaids in der Nähe des Herdes einrichten, die Frauen wurden oben im Heu untergebracht; dort war es sehr warm, und eine dicke, nicht mehr junge Dame, der noch dazu die Sennerin ihr eigenes Lager abgetreten hatte, stöhnte unaufhörlich, während zwei junge Französinnen durchaus nicht aus dem Lachen kommen konnten. Friedericke war bald eingeschlafen; Martha saß, sorgte, bat den lieben Gott um Vergebung und rief ihn um Hilfe für ihren Zögling an, und erst, als der Morgenschein durch die Ritzen des Daches drang, fielen ihr mitten in dem Gedanken: „Jetzt können wir bald hinunter!“ die müden Augen zu, und sie erwachte erst, als sie das muntere Gespräch ihrer Reisegefährten vernahm, die an der offenen Thür der Hütte den Heimweg berieten. Es war ein frischer, schöner Morgen. Zerrissene Wolkenschichten flogen, vom Winde getrieben, am Himmel dahin; in den Thälern zog hier und da noch ein Nebelschleier hin und her; die Berghäupter, so viel man deren hier sehen konnte, waren frei, und das Stücklein See, das sich zeigte, strahlte im frischesten Blau. Aus allen Klüften rieselte und rauschte es, auf allen Halmen perlte und glänzte es; die Kühe, die eben gemolken wurden, brüllten der Freiheit entgegen: es war ein lachendes Morgenbild; nur der Pfad, welcher hinabführte, sah noch sehr schlüpfrig und wenig einladend aus.
Martha und Friedericke trugen tüchtige Bergschuhe, aber einige der älteren Herrschaften seufzten schwer und blickten mit Grauen die abschüssige Bahn hinunter. Nachdem man sich mit frischer Milch erquickt hatte, ging es hinab unter manchem „Ach“ und „Weh“, unter manchem Fallen und Wiederaufstehen; nur unsere jungen Freundinnen blieben fest auf den Füßen und konnten zuweilen noch verzagten Seelen die Hand reichen, um ihnen über bedenkliche Stellen fortzuhelfen. Der Senn war soeben mit seinem Mundschenkenamte fertig, da bogen die Wanderer in die Straßen von Heyden ein.
Die Wirtin kam ihnen in der Thür entgegen; sie schien das Ausbleiben des Mannes und der Gäste mit großem Gleichmut ertragen zu haben; es mochte wohl schon öfter vorgekommen sein.
Martha flog an ihr vorüber die Treppe hinauf und öffnete leise ihr Zimmer.
Mit lautem, glücklichem Aufschrei streckte ihr Fanny die Arme entgegen, während die Präsidentin vom Lehnstuhl am Bett sich erhob und unbeschreiblich überwacht und elend aussah.
„Siehst du, mein liebes Kind“, sagte sie, „Gott hat die Unserigen behütet.“
Friedericke, welche ihre Mutter auf ihrem Zimmer nicht gefunden hatte, war auch hereingekommen und hing jetzt an ihrem Halse.
„Sie haben gewiß eine recht schlimme Nacht gehabt“, rief Martha beim Anblick der Frau v. B. „O, wie viel Vorwürfe habe ich mir gemacht, daß wir gegangen sind.“
„Ja, meine kleine Pflegebefohlene war gar nicht zur Ruhe zu bringen“, erwiderte diese, „da mußte ich mich schon entschließen, an ihrem Bette zu bleiben; aber daß wir uns Vorwürfe machen, finde ich überflüssig; die Sache war ja ganz verständig überlegt; wir konnten nicht wissen, daß das Gewitter kam. Komm, kleiner Wildfang ziehe deine feuchten Sachen aus, dann versuchen wir beide noch ein wenig nachzuschlafen. Thun Sie das auch, Fräulein Feldwart!“
Martha hätte diesen Rat nur zu gern befolgt, aber Fanny war noch zu aufgeregt: „Sie müssen mir erst alles, alles erzählen!“
Martha that es und versuchte dabei ein Mittel, das ihr in der Pflege des reizbaren Kindes schon manchmal geholfen hatte: indem sie Fannys Hand in der ihrigen festhielt, erzählte sie mit ganz eintöniger Stimme immer breiter, immer langsamer und leiser; das wirkte wie Schlafmusik, stimmte die überreizten Nerven des Kindes herab, und nach einer halben Stunde schlief es so fest, daß nun auch Martha die ersehnte Ruhe fand.
Einige Stunden ruhigen Schlafes hatten sie völlig erfrischt; sie erhob sich leise, um das Kind nicht zu stören, sah aber mit großer Sorge, daß Fannys Gesicht geröteter war als sonst und die Brust sich hob in ungewöhnlich raschen Atemzügen. Es fand sich in der That, als sie erwachte, daß sie nicht fieberfrei war; der herbeigerufene Arzt riet, sie heute im Bette zu lassen und vollständige Ruhe um sie her zu erhalten. Mit Bangen empfing Martha gegen Mittag das Telegramm, welches die Ankunft der Frau v. Märzfeld für diesen Nachmittag meldete. Fanny wollte durchaus aufstehen zu ihrem Empfange, fühlte aber freilich gleich, daß es eine Unmöglichkeit sei. Martha war sehr betrübt darüber. Wie sollte sie der Mutter gegenübertreten, wenn Fanny kränker wurde, wie sich jemals wieder beruhigen? Ihr Herz schlug heftig, als die Erwarteten eintraten. Es erschien ihr als die einzige Sühne, der Mutter sofort den Hergang zu erzählen. Sie that es, aber sie that es nicht völlig; sie verschwieg, wie sie von der Präsidentin und Fanny dazu überredet worden war.
Frau v. Märzfeld sah sie sehr befremdet von oben herab an: „Das hätte ich Ihnen nicht zugetraut, Fräulein Feldwart! Sie sehen, was von Ihrem Leichtsinn kommt; möglicherweise steht Fannys ganze Genesung auf dem Spiel.“
Martha weinte: „Ja, gnädige Frau, es soll mir eine sehr bittere Lehre sein; ich werde niemals, niemals mehr von Fanny fortgehen!“
„Das will ich sehr hoffen; ich könnte Sie auch sonst niemals mehr mit dem Kinde allein lassen.“
Wahrscheinlich wäre aus diesem Auftritte bei Frau v. Märzfeld dauernde Erkältung erwachsen, wenn sich nicht gegen Abend die Präsidentin ihr hätte vorstellen lassen, um ihr den richtigen Verlauf der Sache zu erklären. Sie nahm alle Schuld bereitwillig auf ihre Schultern und unterließ es nicht, sich offen darüber auszusprechen, daß es wohl eigentlich Schuldigkeit sei, einem so aufopfernden Wesen wie Martha mitunter ein Aufatmen und eine Erholung zu gönnen. Die Präsidentin verkehrte in den höchsten Kreisen; sie war eine sehr angesehene, auch äußerlich vornehm erscheinende Persönlichkeit; deshalb verfehlten ihre Worte nicht, den beabsichtigten Eindruck zu machen, um so mehr, als Fanny am anderen Morgen nach einer ruhigen Nacht so ziemlich wieder die Alte war.
Mit Erstaunen sahen ihre Mutter und Schwestern ihre Beweglichkeit, mit noch größerem ihre Heiterkeit, ihren Humor, die Lebhaftigkeit, mit der sie sich für jedes Gesprächsthema interessierte, und dies mußte wohl ein freundliches Licht auf Marthas Pflege und Erziehung werfen.
„Und nun“, sagte Frau von Märzfeld, „will ich euch auch eine große Neuigkeit mitteilen: Wir haben eine Braut hier im Zimmer; ratet: wer?“
Fannys Augen hatten schon mit Staunen den Goldreif an Luciens Hand gesehen; sie rief: „Lucie, Lucie! aber mit wem?“
Sie war mit Graf T. verlobt; er war mit ihnen am Genfer See zusammengetroffen, hatte dort nach einigen Tagen um Lucie angehalten, und diese freudig und überrascht aus warmem Herzen „Ja“ gesagt.
Martha war auch überrascht; sie hatte Graf T. oft in der Familie gesehen. Er hatte ihr stets einen ernsten und Vertrauen erweckenden Eindruck gemacht, er teilte aber seine Aufmerksamkeiten stets gleichmäßig zwischen beiden Schwestern, und man glaubte in M. allgemein, er werde sich mit Judith verloben, welche die ältere und bedeutendere von beiden war. Martha begriff es, daß er sich dies warme und anmutige Wesen gewählt hatte, das jetzt eine strahlend glückliche Braut zu sein schien.
Judith sah sehr ernst aus und war fast unnahbarer als sonst. Die Mama erzählte, der Bräutigam sei jetzt nach Ragatz gereist, um eine Wohnung dort zu besorgen.
„Aber Mama!“ rief Fanny sehr unglücklich, „ich will ja nach Pfäffers!“
Friedericke stand dabei: „Ach ja, bitte, nach Pfäffers, da gehen wir auch hin, und da wohnen wir ganz und gar bei den Erdgeisterchen, die machen dann Fanny wieder gesund!“
Frau v. Märzfeld lachte: „Fragen wir den Arzt!“
Der meinte, Ragatz thäte vielleicht dieselbe Wirkung; aber es gäbe viele Kranke, welche die Bäder so nahe an der Quelle für heilkräftiger hielten. Die Einrichtungen wären in Pfäffers sehr gut, und er riete der Frau v. Märzfeld, ihre kleine Patientin dort anfangen zu lassen; sollte es sich zeigen, daß Luft und Sonne ihr zu sehr fehlten, könne sie ja jeden Tag nach Ragatz übersiedeln.
Als für Martha und Fanny Wohnung in Pfäffers bestellt werden sollte, erklärte zu aller, am meisten zu Marthas Erstaunen Judith, sie möchte mit nach Pfäffers gehen, sie habe sich dies lange gewünscht, und fügte sehr entschieden hinzu: „Wir können uns dann ablösen in Fannys Pflege und jede von uns kann mitunter spazieren gehen.“
Wäre ein Stückchen Himmel eingefallen, so hätte Martha nicht verwunderter aussehen können. Von Judiths Gerechtigkeitssinne hatte sie schon mehrmals Gelegenheit gehabt, sich zu überzeugen, auch von ihrer Fürsorge für Fanny; aber Freundlichkeit und Rücksicht für sie -- dies war Martha ganz neu. Sie kam wohl der Wahrheit ziemlich nahe, wenn sie vermutete, daß es für Judith vielleicht jetzt nicht leicht sei, in der unmittelbaren Nähe des Brautpaares zu leben. Aber die Sache hatte noch einen anderen Grund. Judith liebte Graf T. nicht; ihr Herz war nicht getroffen durch seine Verlobung, ihr Stolz um so härter; sie fühlte sich zurückgesetzt und gedemütigt und fing an, ein wenig mit anderen zu fühlen, denen dasselbe begegnete. Marthas Einwirkung auf Fanny und besonders ihre Heiterkeit und Geduld in der Pflege derselben erfüllte sie mit Achtung; Frau v. B.s offene Herzensergießung hatte ihr vollends die Augen geöffnet; sie kam entschieden zu der Einsicht, daß sie Martha nicht behandelt hatte wie es billig und freundlich war, und ihre Ehre schien es zu fordern, dies so viel als möglich wieder gut zu machen.
Martha und Fanny wären lieber mit der Präsidentin und ihrer Tochter allein gewesen; aber Fanny erkannte die freundliche Absicht, und Martha wußte, daß Gott uns die Menschen zuweist, mit denen wir leben sollen, und daß wir es vor ihm zu verantworten haben, wenn wir sie mit Kälte und Gleichgültigleit von uns stoßen; so kamen sie beide Judiths Wünschen freundlich entgegen.
Die Reise durch das schöne Rheinthal machte allen, besonders den beiden, die noch nicht gereist waren, die größte Freude. Da sieht man die Bergriesen auf beiden Seiten ragen: Säntis, Kamor, Hohekasten, Altemann grüßen herunter; an der anderen Seite des Thales erheben sich, steil ansteigend, die österreichischen Berge, während die grünen Matten des Thals das Auge erfreuen und im Hintergrunde die Kalande die Aussicht abschließt.
Fanny blieb in einem Jauchzen, bis der Zug in Ragatz hielt und der neue Schwager sie liebevoll aus dem Wagen hob, um sie als sein Schwesterchen zu begrüßen. Als man sich ein wenig erquickt hatte, sollten die Gäste für Pfäffers erst an Ort und Stelle gebracht werden. Es wurden zwei Wagen genommen; in dem einen saß die Mama mit dem Brautpaar, im anderen Judith, Martha und Fanny.
Welch wunderbarer Weg, stellenweise fast schauerlich! Die Straße ist dem Felsen abgewonnen; sie führt dicht am Ufer der Tamina hin. Dies brausende, weißschäumende Gebirgswasser strömt daher über schwarzbraunes Felsgestein; an einigen Stellen so tief unter der schmalen Fahrstraße, daß es den darauf Fahrenden wohl ein wenig schwindelig werden kann. Zu beiden Seiten steigen hohe, fast senkrechte Felswände empor, so coulissenartig in- und voreinander geschoben, daß man stets glaubt, in einen engen Kessel eingeschlossen zu sein. Staubbäche, in Millionen kleine, feine, leuchtende Tröpfchen geteilt, ergießen sich von ihrer Höhe in die Tamina, mit so graziösem, kühnem Schwunge, daß sie über der Fahrstraße einen glänzenden Bogen bilden, unter welchem dieselbe völlig trocken bleibt. Oben an den Felsen glühte und zitterte noch das Sonnenlicht und tauchte die wallenden Wasserschleier in Regenbogenfarben, während über der Tamina die bläulichen Schatten des späteren Nachmittags lagen, denn nur von zehn bis vier Uhr vermag in den längsten Tagen die Sonne die Thalsohle zu erreichen.
Fanny schmiegte sich an Martha mit glühenden Wangen; es war ihr ein wenig bange zwischen dem schäumenden Abgrund und dem starren Fels.
„O, wie groß und schön!“ sagte Martha.
„Ja, groß ist dies wirtlich“, erwiderte Judith, „schauerlich groß! Ich graule mich ein wenig hier; Sie auch, Martha?“
„Nein!“ rief diese ernst und zuversichtlich. „Ich weiß, der diese Erde gründete und diese Felsschlucht auseinanderriß, der diesem Wasser rief und es herniederbrausen läßt, der ist mein Vater, hält mich in seiner liebevollen, starken Hand und hat die Haare auf meinem Haupte alle gezählet. Das ist so tröstlich zu denken, man wird so still dabei und möchte doch Psalmen singen tief aus dem Herzen heraus.“
Judith sah sie ernst und wehmütig an: „Mir ist anders, ich habe das Gefühl: dieselbe Gewalt, die vor Jahrtausenden diese Spalten entstehen ließ, kann jederzeit wieder daran rütteln; mir ist, als könnten Himmel und Erde in Stücke gehen, und ich fühle gleichsam schon ihr Beben.“
„Das werden sie ja auch einmal“, sagte Martha freundlich, „aber dann kommt der neue Himmel und die neue Erde, wo alles nur Friede und Freude ist.“