Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen
Part 12
Eines Tages, als Margaretchen im Nebenzimmer nähte, kam diese auf eine arme Familie zu sprechen, die den Vater plötzlich verloren hatte und nun in der größten Not war. Fannys weiches Herz war gerührt; sie hätte gern ihre reich ausgestattete Sparbüchse bis zum letzten Heller den Armen gegeben. Martha machte ihr begreiflich, daß es nicht richtig und schön sei, unüberlegt zu verfahren; sie versprach, sich morgen früh selbst nach den dringendsten Bedürfnissen der Leute zu erkundigen. „Und dann“, sagte sie, „müssen wir rechnen, ordentlich rechnen; denn wir müssen etwas behalten für die Geburtstage von Mutter und Schwestern, für die Missionskasse, für das Rettungshaus u. s. w.“ Und Fanny rechnete; sie rechnete hier, wo sie einen Zweck vor Augen hatte, mit Vergnügen, und Martha schöpfte Hoffnung, sie auch in dieser ihr bisher sehr widerwärtigen Kunst nach und nach weiter zu bringen. Da ihre kranken Fingerchen nicht imstande waren, Strümpfe für die verwaisten Kinder zu stricken, lernte sie wenigstens das leichtere Häkeln, um die Knaben mit Shawls zu versorgen.
So verging der Winter unter vielerlei Anstrengungen, aber nicht fruchtlos und nicht freudenlos. Die angefangene Kur hatte die kleine Patientin so gekräftigt, daß sie nicht mehr gehoben und getragen werden mußte, sondern sich einige Schritte weit selbständig fortbewegen konnte. Die Tage wurden, sonnig, die Wege trocken; Fanny ward vom Diener jeden Tag ausgefahren, und Martha ging dann neben ihr, um sie aufmerksam zu machen auf Blumen, Bäume, Menschen, schöne Gegenstände in den Schaufenstern, und all’ die tausend Fragen zu beantworten, welche das Kind, angeregt durch so viel neue Eindrücke, an sie stellte. Sie that dies sehr gern, aber sie fühlte doch, daß ihr auf diese Weise die einzige Zeit zum Ausruhen, zur stillen Sammlung und zum Nachdenken über ihren nicht leichten Beruf genommen wurde. Der März befreite sie von diesen Wegen, aber nicht zu ihrer Freude. Fanny bekam den Husten, und dieser wollte keiner Arzenei oder sonstigen Verordnung des Arztes weichen; sie war wiederum aufs Zimmer angewiesen und war jetzt, an mehr Abwechselung gewöhnt, ein eigensinniger Patient. Am ersten April ging das Hausmädchen ab, um sich zu verheiraten, und Fanny war so unglücklich bei dem Gedanken, sich einer anderen Hand anzuvertrauen, daß Martha versprach, sie fortan allein zu pflegen. Das Glück des Kindes war ein großer Lohn; aber die Nerven, selbst Marthas kräftige Nerven ließen sich solche Überanstrengung nicht gutwillig gefallen; sie war zum erstenmal im Leben matt und reizbar, mußte gegen trübe Gedanken kämpfen und sehnte sich herzlich nach der versprochenen Übersiedelung nach dem Süden. Sie gehörte nicht zu denen, die viel über ihr leibliches Befinden zu grübeln pflegen und sich selbst große Wichtigkeit beilegen; aber sie empfand es mehr, als sie es sich eingestand, wie schwer es war, daß keiner mehr mit zarter, liebevoller Fürsorge sie beobachtete und ihr zu helfen suchte, wenn sich in ihren Gesichtszügen Abspannung, Müdigkeit, Kränklichkeit abmalte. Es wird den Eheleuten am Altar gesagt, daß ihr Stand „nicht ohne Kreuz“ ist; ach, ebenso gewiß und fast gewisser kann man vom Stand einer jungen Lehrerin sagen, daß er „Dornen in die Menge und manches Kreuz trägt“. Ist der innere Beruf und die volle Fähigkeit dafür vorhanden, dann werden solche Leidensstunden und Schwierigkeiten überwunden; hat nur Verlangen nach Freiheit und Selbständigkeit auf diese Bahn gedrängt, so entstehen daraus schwere Kämpfe, denen oftmals Leib und Seele unterliegen.
Gegen Ostern kam der Hausarzt, um die Sommerkur mit Frau v. Märzfeld zu besprechen; seine Entscheidung lautete: „O, Sie brauchen gar nicht so sehr weit fortzugehen; gehen Sie Mitte Mai mit dem Kinde zur Molkenkur nach Heyden an den Bodensee, und ist dann etwa nach sechs Wochen der Husten ganz fort, so bringen Sie Fanny nach Ragatz oder noch lieber nach Pfäffers in der Taminaschlucht; da wird sie wahrscheinlich bald erstarken und beweglich werden.“
Martha schwärmte für schöne Natur; sie wäre gern noch tiefer hineingekommen in die Wunderwelt der Schweiz; dennoch sah sie der Reise mit Spannung und großen Erwartungen entgegen. Sobald der Mai erschienen war, brach man auf. Frau v. Märzfeld hatte ein ganzes Coupé genommen, um es Fanny bequem zu machen. Am ersten Tage fuhr man bis Frankfurt am Main bei rieselndem Regen; die Leidende klagte viel über Schmerzen; Martha bemühte sich, ihre Gedanken davon abzuziehen, indem sie ihr von den Orten, an welchen sie vorüberfuhren, mancherlei erzählte. Aber so leise dies geschah, störte es doch Lucie in ihrer Reiselektüre, und sie äußerte dies sehr vernehmlich durch verwunderte Blicke und ungeduldige Bewegungen; Judith versuchte anfangs Martha beizustehen, aber das eintönige Grau rings umher, das Anschlagen der Tropfen an die Fenster ermüdete sie, und sie schlief bald fest in der einen Ecke, während in der anderen die Mutter ihre Stirn unaufhörlich mit wohlriechendem Wasser wusch. In Frankfurt hatte man versäumt, sich Wohnung zu bestellen, Westendhall war besetzt; man mußte noch am späten Abend von einem Gasthaus zum anderen fahren, bis man endlich gegen Mitternacht ein wenig befriedigendes Unterkommen fand.
Am anderen Morgen ward es heller. Judith und Lucie baten die Mutter, sich einige Stunden in Heidelberg aufzuhalten und dann in Ulm Nachtquartier zu nehmen; aber Frau v. Märzfeld wollte lieber Friedrichshafen erreichen. Alle jungen Köpfe bemühten sich, möglichst viel aus dem Fenster zu sehen, als der Zug in Heidelberg hielt. Scharen von Studenten mit ihren großen Hunden konnte man bewundern, wenn man wollte; aber von der schönen Lage und Umgebung des berühmten Ortes war vom Coupé aus wenig zu bemerken. Der Tag wurde schwül, die Glieder schmerzten von der langen Fahrt; die ganze Gesellschaft hatte nur noch wenig Kraft, die Umgebungen zu betrachten: Fanny weinte, Lucie stieß ungeduldige Ausrufe aus, Judith seufzte und Frau v. Märzfeld lag abgespannt in ihrer Ecke. Wie eine Himmelsbotschaft klang endlich spät am Abend die Stimme des Schaffners: „Friedrichshafen, aussteigen!“ Sie waren bald in dem geräumigen, sauberen Gasthofe untergebracht, und Fanny streckte sich recht mit Wohlbehagen in ihrem Bette aus, als Martha ihr sagte: „Morgen fahren wir nur noch mit dem Dampfschiff über den See, da sehen wir den Säntis und die Appenzeller Berge alle vor uns, dann geht es eine kleine Stunde mit der Zahnradbahn den Berg hinauf nach Heyden.“ Martha wachte noch lange und seufzte: „Ach; wenn nur morgen, nur morgen schönes Wetter ist!“
Sie lauschte; lauschte: es klang wie ein leises Rauschen; war das der See? Mit dem ersten Tageslichte erhob sie sich und zog leise die Gardine vom Fenster. Grauer Nebel wogte draußen, die Fenster gingen nach einem Rasenplatze, vom See war nichts zu sehen. „Es muß noch sehr früh sein“, dachte sie, legte sich wieder nieder und schlief ermüdet ein. Als das Hausmädchen, wie es versprochen, um 6 Uhr anklopfte, war das Wetter noch ebenso. Martha war sehr betrübt darüber: sie hätte so gern den Säntis gesehen. Fanny freute sich auf das Dampfschiff; sie war ruhiger.
Als man nach einer Stunde aufs Schiff kam, hatte der Regen, der sich die ganze Nacht über ergossen, nachgelassen, und der See wurde nach und nach nebelfrei; seine Wellen kräuselten sich im frischen Morgenwinde. An der östlichen Ecke des weiten Wasserbeckens tauchte Bregenz auf, aber die Vorarlberge, an deren Fuße es liegt, waren noch verhüllt, und vom Schweizer Ufer konnte man nur dämmernde Umrisse erkennen. Erst als man sich Rorschach näherte, zerriß die Wolkenhülle, aber nun war man den Bergen zu nahe, um mehr als die Vorhügel zu überblicken. Das weite, jetzt blaue Wasserbecken übte dennoch einen großen Reiz aus, und besonders Fanny war glücklich, mitten auf dem Verdeck in ihrem Rollstuhl ruhend, so sanft hinüberzugleiten ans andere Ufer. Der Weg nach Heyden hinauf war lieblich und kurz. Wie blau erschien der See bei dem Dorfe Wynachten! In Heyden war ihnen durch den dortigen Arzt Wohnung bestellt, eine der älteren Pensionen nahm unsere Reisenden auf. Martha teilte ihr Zimmer mit Fanny; es hatte die lieblichste Aussicht von der Welt. Dicht unter dem Fenster begannen die grünen Matten, die in der schönsten Frühlingsüppigkeit standen, hin und wieder von bewaldeten Hügeln, Gesträuch und Obstbäumen unterbrochen, aus deren Mitte die hellen Wände niedlicher Häuser hervorglänzten; tief unten und doch so nahe erscheinend, als könne man ihn mit wenigen Schritten erreichen, lag wie ein aufgeschlagenes, schimmerndes, blaues Auge der See, an seinem gegenüberliegenden Ufer Lindau und Friedrichshafen, so deutlich, daß man jedes Fenster unterscheiden konnte; rechts die Vorarlberge und Bregenz, links schweifte der Blick übers Württemberger Land. Die beiden Mädchen konnten sich nicht satt sehen; sie öffneten das Fenster und sogen die unbeschreiblich milde Luft mit Wohlbehagen ein. Sie sollten heute noch auf ihrem Zimmer speisen; zum Vesperbrot wollte dann Fanny versuchen, die wenigen Schritte bis zum Speisesaal zu gehen.
Ein freundliches, älteres Mädchen in einfacher Kleidung brachte gute Suppe, Rindfleisch mit einem Gemüse von getrockneten Äpfeln und gerösteter Semmel, und Braten, den sie im ersten Augenblicke seiner hohen Fettkruste wegen für Schweinebraten hielten, der sich aber dann als der Rücken eines gut gemästeten Kalbes auswies. Es schmeckte den beiden Gereisten trefflich, und selbst die Zusammenstellung von Rindfleisch und Äpfeln, die ihnen neu war, fanden sie ganz schmackhaft, als sie davon gekostet.
Während Frau v. Märzfeld schlief, erschienen Judith und Lucie.
„Nun, das muß man sagen“, rief die erstere entrüstet, „in eine feine Pension hat uns der Doktor K. gebracht! Nicht ’mal ein Kellner! Der Wirt wartet selbst auf; ein Mädchen mit einer dicken, rotgestreiften Schürze bringt die Speisen herein, -- und dieser Küchenzettel! Nein, -- und Lucie, sieh hier dieses Möbel!“
Lucie mußte auch lachen, als sie sich im Zimmer umsah; es war weißgestrichen mit einer grauen Kante und kleinen, grünen Blumen. In der Ecke desselben stand ein mächtig großer, zweithüriger Schrank, himmelblau angestrichen, an der Seite mit den schönsten Blumen- und Fruchtstücken in den leuchtendsten Farben verziert, vorn die Schöpfungsgeschichte und der Sündenfall deutlich abgebildet. Ein Sofa hatte das Zimmer nicht, aber zwei Betten mit guten Matratzen und einen alten, bequemen Lehnstuhl, mit buntem Kattun überzogen, in dem Fanny behaglich saß.
„Ich weiß nicht, Judith, mir gefällt alles sehr; es ist einmal anders wie sonst, und es schmeckt mir viel besser, als jemals zuhause!“ Martha hatte Ähnliches gedacht; die Aufwärterin mit ihrem guten, teilnehmenden Gesichte erschien ihr viel gemütlicher als ein befrackter Kellner, und ein Blick aus dem Fenster ließ die Dekorationen im Inneren des Zimmers nur wenig vermissen.
Am Nachmittag ging Fanny mit in den Speisesaal; sie waren heute noch allein darin, weil die anderen Gäste ausgeflogen waren. Frau v. Märzfeld betrachtete mit sehr unzufriedenen Blicken die Tischdecke aus braungeblümtem Kattun, aber was darauf stand: Kaffee, Milch, Weißbrot, Butter und Honig, das war unübertrefflich. Noch bevor es ans Auspacken ging, erschien der Arzt.
„Mein bester Doktor“, sagte Frau v. Märzfeld, nachdem man sich ins gemeinsame Wohnzimmer zurückgezogen hatte, „in was für eine Pension haben Sie uns gebracht! Sollte es in dem großen Heyden keine elegantere und anständigere geben?“
„Gewiß haben wir elegantere, gnädige Frau; für anständig halte ich aber diese sehr, und ich weiß keine, die ihre Patienten gewissenhafter und besser versorgt; überdem ist hier gerade die Luft und die Aussicht besonders schön; ich dachte, es würde unserer jungen Patientin hier wohl sein. Wie steht es damit, Fräulein?“ fragte er, zu Fanny gewendet.
„O, mir gefällt’s ganz gut!“ sagte diese; „ich möchte gar nicht fort von hier!“
„Glauben Sie, daß ich meine Tochter mit ihrer Erzieherin bei diesen Leuten allein zurücklassen kann?“
„Gewiß, es sind ganz zuverlässige Wirte, und das Dienstmädchen, die Anna aus Oberösterreich, die ist ein wahrer Schatz; je kränker einer ist, desto lieber hat sie ihn.“
„Dann werde ich mich nur wenige Tage hier aufhalten; ich bin in der That ganz andere Umgebungen gewohnt!“
Es blieb dabei! Am zweiten Morgen nahm die Mama mit den beiden ältesten Töchtern Abschied, um eine größere Reise anzutreten nach den schönsten Punkten der Schweiz. Fanny winkte ihnen mit ihrem Taschentuche Grüße zu, die sie freundlich erwiderten; Martha sah ihnen nach mit sonderbaren Gedanken und Gefühlen: sie war noch in den Jahren, wo man sich gern Illusionen macht! Nach der Schweiz, nach der Schweiz hatte ihr Sinn gestanden, so lange sie lebte; und nun war sie hier, festgebunden an diesen zwar lieblichen, aber wenig großartigen Fleck. Da Fanny jetzt kein Mädchen hatte, wagte sie auch nicht auf Stunden dieselbe zu verlassen. Sie war gefesselt an den Rollstuhl ihrer Schülerin, den ein dazu gemieteter Diener jeden Morgen zum Trinkplatz, jeden Nachmittag zu dem kleinen Gehölze hinausschob, in welchem man zur Bequemlichkeit der Sommergäste Wege und Bänke angelegt hatte. Es war dies fast der einzige Ort, wo man im Schatten wandeln konnte! Es ist schwerer als man denkt, mit voller Gesundheit und rüstiger Kraft mitten hinein gesetzt zu sein in eine so schöne Natur, zu wissen: dürftest du jetzt eine Stunde oder zwei steigen, so hättest du alle Herrlichkeit der Alpenwelt vor Augen, nach der du dich lebenslang gesehnt; und dann all dies Verlangen zügeln zu müssen, ja, es verbergen vor den Augen eines geliebten Kranken!
Martha strebte hiernach mit dem besten Willen; aber ungerufen tauchten wieder und wieder Gedanken in ihr auf, deren sie sich schämte.
„Warum muß ich nur hier sitzen bei der kleinen Kranken? würde ich nicht mehr Genuß haben an den Bergen, Gletschern und Seen als Frau v. Märzfeld und Lucie, die schließlich doch nur nach den Außendingen fragen?“
Es sitzt in jedem natürlichen Menschen, wenn auch noch so verborgen, ein kleiner Sozialdemokrat. Man mag nur auf sich achten! Man ist darum noch nicht zufrieden und genügsam, wenn man prächtige Kleider, feine Speisen, eine bequeme Lebensweise gern entbehrt; dies ist für manche Naturen gar nicht schwer; aber fast für jeden giebt es einen Punkt, nach welchem seine Wünsche besonders lebhaft gehen, nach dem seine innerste Neigung gerichtet ist; gewöhnlich faßt der liebe Gott in der Lebensschule seine Kinder bei diesem Punkte an, und nur wenn es gelingt, sich zu unterwerfen und den innern Rebellen zu besiegen, giebt es vollen Frieden in der Brust. Martha hatte an Fanny ein gutes Vorbild. Seitdem ihre Sehnsucht nach genügender Teilnahme, Unterhaltung und Beschäftigung gestillt war, konnte man nicht zufriedener sein als sie. Heyden brachte ihr überdies eine Menge neuer Eindrücke, die sie fortwährend anregten und erheiterten.
Am Morgen zwischen sechs und sieben Uhr kam der „Schottenfranzerl“ -- Schotten nennt man dort die Molken -- mit seiner heißen Butte von der Ebenalp herunter, doppelte wollene Decken zwischen der Butte und dem Rücken, damit er sich nicht verbrenne. Zwischen zwei und drei Uhr morgens ging er vom Säntis weg, um sechs Uhr erschien er in Heyden -- welch eine beschwerliche Tour! nur die stärksten Männer konnten dazu verwendet werden. Der Franz sah gar schön aus, wenn er mit seiner Last so leicht auftrat, als ginge es zum Tanze; den spitzigen Hut mit der Auerhahnfeder auf dem Kopfe, unter der roten Weste den breiten Ledergurt, auf dem das liebe Hornvieh sich im blanksten Messing getrieben präsentierte, ein Abzeichen seines Standes. Die Molke war beim Ausschenken noch zu heiß, um sie sogleich zu trinken, und Fanny, die so viel Sinn für Humor hatte, belustigte sich im stillen über die verschiedenen Auffassungen und Anstrengungen der Gäste bei ihrem Genusse. Einige schluckten verdrießlich und widerwillig, andere, als besorgten sie die wichtigste Arbeit ihres Lebens; noch andere scherzten und lachten dabei; und je besser Luft und Kur ihr bekamen, je größer die Strecken wurden, welche sie jetzt an Marthas Arme zurücklegen konnte, desto mehr Lust bekam sie, sich dem heiteren Teile der Gesellschaft zuzugesellen. Das Frühstücksnäpfchen mit der braunen Mehlsuppe darin hatten beide Mädchen zuerst sehr bedenklich angesehen, doch redete die Anna aus Oberösterreich zu: „Esse Sie nur, ’s ischt gut, ’s ischt sehr gut!“ Sie aßen und es bekam ihnen wohl.
Bei ihren kleinen Reisen durch den Ort zogen die Gardinenweberinnen, die man durch die niedrigen Fenster arbeiten sehen konnte, meist noch junge Mädchen, ihre Aufmerksamkeit auf sich; auch die alten, ungemein sauber gekleideten Weiblein, die Gardinen stickten, und die geschickten Stickerinnen, welche die superfeinen Taschentücher und Kragen lieferten, die „beim Sturzenegger“ auslagen. Manche Regenstunde wurde dort in dem anziehenden Geschäfte zugebracht, manches Geldstück wanderte aus Fannys Sparbüchse, indem sie sich hier mit Geburtstagsgeschenken für Mutter und Schwestern versorgte.
Eine neue Freude war ihr der Sonntag; sie hatte in M. nicht mit zur Kirche gehen können; hier in Heyden kam der Wirt am Sonntagmorgen, brachte jedem seiner Gäste ein Gesangbuch und teilte mit, um neun Uhr werde man zur Kirche gehen. Nun wurde ihm von manchem Gaste das Gesangbuch dankend zurückgegeben; das nahm er freundlich und ruhig hin; er hatte nun seine Schuldigkeit gethan.
Martha und Fanny, letztere in ihrem Rollstuhle, schlossen sich gern dem Zug der Kirchgänger an, den der Wirt anführte. Obgleich die ziemlich neue Kirche nur Stahlglocken hatte, erschien es doch beiden Mädchen, als hätten sie nie so etwas Schönes gehört als dies Geläute, wie es in der frischen Morgenluft über den blauen See hinüber klang; so recht volle Sonntagsfreude zog in ihre Herzen ein, und sie lernten bald sich zurechtfinden in dem vollen vierstimmigen Gemeindegesang. Auch der Pastor verstand es wohl, die Herzen auf das Eine hinzuweisen, was notthut, und so meinte Fanny, der Sonntag könne wohl in der ganzen Welt nicht so schön sein, wie hier oben in Heyden.
Des Abends, wenn die anderen Hausgenossen teils noch promenierten, teils nach dem Kurhause gegangen waren, um in größerer Gesellschaft zu sein, saßen unsere beiden Mädchen mit dem Wirt, der Wirtin und der Anna aus Oberösterreich vor der Thür oder im Zimmer; der Wirt hatte dann eine blaue Schürze um und rüstete mit seiner Frau zusammen das Gemüse oder Obst für den anderen Tag, wobei Martha gern half; eine Köchin gab’s in der Pension nicht. Dann erzählte der Wirt aus seinem bewegten Leben. Er stammte aus Vorarlberg, war schon als Knabe hinausgezogen ins Land mit Quirlen und Löffeln, hatte Menschen, Gegenden und Verhältnisse kennen gelernt, und seitdem er die Margaret in St. Gallen zuerst gesehen, da war er sehr sparsam geworden und hatte es zuletzt so weit gebracht, sich in Heyden ein Häuschen zu kaufen, in das er diese Margaret geführt; aus dem Häuschen war ein Haus geworden und eine bekannte und angesehene Pension. Beide Mädchen hörten ihm gern zu; Martha machte die Bemerkung, daß man mit offenen Augen und gesundem Sinne auch ohne Bücher recht viel lernen kann.
Die Pension hatte sich indessen mehr und mehr mit Fremden gefüllt; mittags erschienen außerdem noch Gäste aus dem Ort, und da sie aus aller Herren Ländern zusammenkamen, wurde die Unterhaltung abwechselnd französisch, englisch und deutsch geführt.
Marthas Nachbar war ein Amerikaner, der sich englisch mit ihr unterhielt. Fanny hatte zwar einige englische Stunden gehabt, es aber nicht so weit gebracht, den Fremden zu verstehen, und da er sehr interessant zu erzählen pflegte, so übersetzte es Martha gewöhnlich ihrem Zögling.
Eines Mittags bemerkte es der Fremde: „O, ich kann es der kleinen Dame gleich deutsch erzählen.“
„Sie sprechen nicht wie ein Ausländer“, sagte Martha.
„O, ich stamme aus Deutschland, bin freilich schon in der Jugend nach den Vereinigten Staaten gegangen, und hätte gewiß meine Muttersprache verlernt, wenn ich mich nicht mit meinen Nachbarn Eichhorn und Kraus in St. Joseph grundsätzlich nur deutsch unterhielte.“
Kraus! St. Joseph! Ach, das mußte Siegfrieds Onkel sein!
„Stammt Ihr Nachbar Kraus aus Sachsen?“
„Ja wohl, aus der Nähe von Leipzig.“
Marthas Herz klopfte, sie konnte kaum sprechen.
„Ich kenne einige Glieder seiner Familie; geht es ihm wohl?“
„Sehr wohl“, sagte der Nachbar. „Er hat vor etwa fünf Jahren in seinem Alter noch geheiratet und hat jetzt zwei prächtige Buben.“
Es wurde Martha schwer, weiter zu fragen; aber die Qual der Ungewißheit war zu groß.
„Ich hörte, er habe sich seinen Neffen nachkommen lassen!“
„Dies muß ein Irrtum sein; ich habe ihn vor meiner Abreise noch besucht; er hatte niemand bei sich als seine Frau und Kinder, hat auch nie von einem Neffen gesprochen. Doch -- warten Sie! Ja, vor langer Zeit, ehe er heiratete, sagte er mir, er habe einen Neffen gebeten, zu ihm zu kommen, aber der Schlingel wollte nicht.“
Arme Martha! Für das, was man nun noch sprach, war sie taub und gab dem Nachbar einige recht verkehrte Antworten. Was war das? War Siegfried unterwegs verunglückt? Hatte er von der Verheiratung des Onkels gehört und sich wo anders hingewendet? Bis jetzt hatte sie wenigstens für ihre Gedanken einen Zielpunkt gehabt, die Gegend, in welcher sein Onkel sich niedergelassen; nun war auch dies vorüber. Ach, so oft hatte sie versucht, sich innerlich gefaßt zu machen auf ein Leben ohne ihn; jetzt merkte sie, wie die Hoffnung im Hintergrunde ihres Herzens immer noch gewohnt und ihre Zauberfäden gesponnen hatte. Sie sehnte sich ganz unaussprechlich nach einem Wesen, dem sie sich mitteilen, bei dem sie sich ausweinen könnte. Sie ergriff die Feder, um Suschen alles zu erzählen; da kam der Briefträger und brachte ihr einen Brief der Freundin. Sie zeigte den Tag ihrer Hochzeit an und bat, daß Martha ihrer fürbittend gedenken möge, da sie doch leider, leider nicht dabei sein könne. Auf diesen Brief konnte sie keine klagende Antwort schicken; er war so glücklich, so strahlend glücklich bei allem Ernst.
Fanny ruhte auf ihrem Lager, wie gewöhnlich nach Tische, Martha schlich sich ins grüne Hausgärtchen; nicht weit vom Bienenstand war eine Laube, da konnte sie sich ausweinen.
Ach, ihre Thränen flossen unaufhaltsam! All’ die zurückgedrängte Sehnsucht der letzten Jahre wollte zu ihrem Rechte kommen. Sie schluchzte wie ein Kind und erschrak sehr, als der Eingang der Laube durch einen Schatten verdunkelt wurde. Es war nur die Anna.
„Haben das Fräulein Kummer?“
„Ja, Anna, den hab’ ich!“
„Ist Euch was Liebes tot, oder sollt Ihr Euer Schatzerl nit haben? Sagt’s den lieben Heiligen, die hab’n schon oft geholfen. Jetzt hab’ i halt kai Zeit zum Bete; aber wenn i na Haus komm’, will ich’s wohl der heiligen Anna sagen; die ist sehr gut und hilft schon!“
Martha hätte sagen können, daß sie lieber Gott anrufen solle; aber Anna hatte eine so kindliche Zuversicht auf die heilige Schutzpatronin, daß sie es nicht übers Herz brachte, sie darin irre zu machen; sie dachte: wenn sie so warm und gläubig zur heiligen Anna spricht, sieht es vielleicht der himmlische Vater an, als sei es ihm gesagt, und so sagte sie: „Ich danke Ihnen, Anna, thun Sie das!“