Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen
Part 11
Martha betrachtete sich die Sache: „Ich werde deinen Rollstuhl dicht an den Tisch heranbringen, das ist gemütlicher für uns beide. Du sagst mir jetzt, wie du die Butterbrötchen am liebsten hast, so richte ich sie dir ein. Meinst du nicht, daß so ein weiches Ei und etwas roher Schinken dir wohlthun würde? Siehst du, ich bin hungrig von der Reise, mir wird es auch schmecken. Aber erst wollen wir beten.“
„Beten?“ fragte das Kind verwundert.
„Ei, wir müssen uns doch beim lieben Gott bedanken für alle die guten Gaben, und müssen ihn bitten, daß er uns ferner nicht verläßt!“
Fanny nickte ernsthaft.
Martha sprach einfach: „Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich!“ Dann begann das Souper.
Die Kleine hatte keinen frischen Appetit; Martha mußte ihr zureden, ein wenig zu nehmen; aber das half zuweilen.
Man hörte jetzt Räder rollen und verschiedene Kutschen vor dem Hause anfahren; es wurde unruhig unter ihnen.
„Mama hat heute Gesellschaft; ich schlafe auch nicht eher, bis Lucie mir Eis und Konfekt heraufgebracht hat; das thut sie jedesmal!“
Martha zweifelte, ob es weise sei, dem kränklichen Kinde, das kein Verlangen nach einfacher, nützlicher Nahrung hatte, Dinge zu bringen, die ihr den Magen noch mehr verderben mußten; aber für heute mußte sie sich ja noch aller Eingriffe enthalten. Sie bat nur: „Lege dich immer einstweilen nieder, Fanny. Du ruhst besser, und ich bleibe hier neben deinem Bette!“
Das Hausmädchen kam jetzt und Martha ließ sich das Nachtzeug des Kindes bringen.
„Ich will sie heute einmal selbst auskleiden!“ sagte sie. Ihre leichte, geschickte Hand bewährte sich auch hier; Fanny jammerte wenig und erklärte sich zufrieden mit ihrem Beistande.
„Bleiben Sie auch die Nacht über hier?“
„Ich weiß noch nicht Bescheid im Hause; aber ich glaube, mein hübsches Zimmerchen muß ganz in der Nähe sein!“
„Vielleicht ist es nebenan, Fräulein Feldwart? O bitte, öffnen Sie einmal die Thür und sehen Sie zu, ob es so ist!“
Es war so! zu Fannys großem Jubel!
„O nicht wahr, Sie lassen die Thür ein klein, klein wenig offen? Katharine schläft zwar hier in der kleinen Kammer und giebt mir, was ich gebrauche; aber es wäre zu schön, Sie so nahe zu haben!“
Martha versprach dies gerne. Nichts hätte sie am heutigen Abend so sehr trösten können, als die Überzeugung, daß sie der kleinen Kranken lieb und nötig sei, und sie bat Gott innig, er möge ihr Kraft geben, dem Kinde in der rechten Weise beizustehen.
Jetzt rauschte es auf der Treppe, und in einem schweren, dunkelblauen Seidenkleide, äußerst passend und geschmackvoll angethan, erschien Frau v. Märzfeld, um ihrer Kleinsten „gute Nacht“ zu sagen. Sie war wirklich eine auffallend stattliche Erscheinung, besonders fand Martha dies, als sie sich mit zärtlichem Mitleid über das kranke Kind beugte. Sie sah freundlich auf Martha, die von ihrem Stuhl aufgesprungen war, um der Mutter Platz zu machen.
„Nun, haben Sie sich schon ein wenig zusammen befreundet?“
„Ich denke, gnädige Frau, und ich hoffe, wir werden es mit jedem Tage mehr thun.“
„Das würde mir ganz außerordentlich lieb sein; dies kleine Wesen kann Licht und Hitze und Geräusch nur wenig ertragen, und doch ist es meine Pflicht, um ihrer Schwestern willen in der Gesellschaft zu leben. Es wäre mir eine große Beruhigung, sie nicht verlassen zu wissen. Aber plaudern sie nicht zu lange mit ihr, nach zehn Uhr muß sie schlafen.“
„O Mama, heut’ ein wenig nach zehn; Lucie bringt mir erst noch Eis!“
„Meinetwegen!“ sagte die Mutter freundlich, indem sie die Kleine zum Abschied küßte. „Fräulein Feldwart, Sie stehen mir dafür, daß es nicht zu lange wird!“
Martha versprach es.
„Bitte, erzählen Sie mir etwas“, bat Fanny, als sie allein waren.
„Hat dir jemand schon aus der biblischen Geschichte erzählt?“
„Jetzt lange nicht, früher wohl; ich glaube, Katharine wußte nichts davon.“
„Weißt du, wer Jakob war?“
„Ein wenig; ich glaube, er vertrug sich nicht mit seinem Bruder Esau.“
Martha erzählte von Jakob; seinen Ausgang aus dem Vaterhause; seine Angst vor seinem Bruder, den er um sein Erstgeburtsrecht gebracht; wie er sich am Abend niederlegte auf einen Stein mit seinem Kopf, und ihm dann im Traume die Himmelsleiter erschien, an der die Engel hinauf- und herabstiegen.
„O, das muß schön gewesen sein!“ sagte Fanny. „Giebt’s jetzt auch noch Engel?“
„Freilich! Christus sagt von den Kindern: ‚Ihre Engel sehen allezeit das Angesicht meines himmlischen Vaters.‘“
„Hab’ ich auch einen?“
„Gewiß, Fanny, hast du deinen Engel, der an deinem Bette wacht, wenn du schläfst, und dich behütet, wenn du in deinem Rollstuhl liegst.“
„Kann er mich auch gesund machen?“
„Er wohl nicht; aber der Vater im Himmel, der den Engel sendet, und wenn es dir gut ist, thut er es gewiß; wir dürfen ihn alle Tage darum bitten.“
„Ach, das wollen wir thun!“
Das Gespräch wurde jetzt unterbrochen; von unten herauf drang nicht mehr das Gemurmel sprechender Stimmen, sondern silberklare Töne eines sehr schönen Flügels; es ertönte eine Sonate von Beethoven, dies konnte man deutlich unterscheiden, obgleich von den feineren Tönen natürlich viel verschwand.
„Sie hören gern Musik?“ fragte Fanny.
„Sehr gern!“
„Ich sah es Ihnen an; Sie verstehen auch, was die Töne miteinander sprechen.“
„Verstehst du das auch, Fanny?“
„Natürlich; es ist eine andere Sprache als die, in der wir uns unterhalten; aber man fühlt ganz deutlich im Herzen, wie es gemeint ist.“
Jetzt wurde präludiert; eine sehr frische, jugendliche Stimme sang reizende Lieder von Franz und Schumann; beide Zuhörerinnen lauschten.
„O, das ist schön!“ rief Martha.
„Geben Sie acht, wenn Judith singt, ist es noch schöner; das war Lucie!“
Ja! Jetzt ertönte es unten: „Leise, leise, fromme Weise, Schwing dich auf zum Sternenkreise etc.“ Welche edlen, vollen, weichen Töne, welche vollendete Auffassung! Sie hätte kaum der stolz erscheinenden Judith solchen Gesang zugetraut; das kam aus dem Innersten -- daran war nicht zu zweifeln! Es war eine solche Wärme im Vortrag, daß Martha mit Entzücken zuhörte. Es war ihr sonderbar zumute; sie war zu lange und zu gern in der großen Geselligkeit zuhause gewesen, um nicht das Gefühl zu haben, daß sie dort unten ganz an ihrem Platze sein würde und ihre frische Singstimme wohl auch zur allgemeinen Freude erschallen lassen könne.
„Wären Sie gern unten?“ fragte Fanny.
Martha fuhr aus ihrem Traume empor, dem sie einige Minuten nachgehangen hatte: „Ich bin auch gern hier bei dir, Fanny!“
„Ja, und Sie sind auch noch viel besser dran als ich; Sie haben doch Beine und könnten hinuntergehen, und würde Ihnen auch nicht gleich schlecht von all dem Lärm.“
Man hörte jetzt unten vermehrte Bewegung.
„Jetzt geht es zu Tische“, sagte die Kleine; „nun dauert es nicht mehr sehr lange, bis Lucie kommt mit dem Eis.“
Nach einer kleinen Stunde erschien diese auch wirklich mit einem ganzen Präsentierteller voll der süßen Herrlichkeiten.
„Ihr müßt jetzt beide schmausen; das sind ganz unschädliche Sachen, und ich bleibe so lange hier und sehe euch zu.“
Martha sah mit großer Sorge die großen, süßen Vorräte: „Wird es auch Fanny nicht schaden, wenn Sie dies alles heute Abend verzehrt?“
„O, was soll ihr das schaden?“ rief Lucie; „sie ist ja doch nur von Erkältung krank!“
„Aber wir könnten ein wenig aufheben auf morgen“, begann Martha aufs neue.
Lucie lachte: „Sie wissen nicht, was dies für ein kleiner Naschvogel ist!“
Martha wurde überstimmt; erst, als alles aufgezehrt und Lucie zu ihrer Gesellschaft zurückgekehrt war, machte Fanny Anstalt, einzuschlafen.
Martha sprach über sie mit gefalteten Händen den Vers:
Breit aus die Flügel beide, O Jesu, meine Freude, und nimm dein Küchlein ein. Will Satan mich verschlingen, So laß die Englein singen: Dies Kind soll unverletzet sein!
Fanny sah sie anfangs verwundert an, dann legte es sich wie Frieden über ihre unruhigen Züge.
„Ja“, sagte sie beim Schluß, „jetzt will ich schlafen; ich sehe sie hinauf- und heruntersteigen, und sie singen schon.“
Martha ging nun in ihr Stübchen und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Es war ihr noch nicht klar, wie es hier weiter gehen würde; sie sah manches Schwierigkeit, manche Demütigung für ihre stolze Natur auf ihrem Wege liegen; aber sie empfand es als ein großes Glück, daß Fanny sichtlich ihr vertraute; und des Kindes Herz mehr und mehr zu gewinnen, ihr hartes Los zu erleichtern, ihr eine Freundin zu werden, das war eine Aufgabe, die wohl geeignet war, sie mit ihrer Lage auszusöhnen, und als sie endlich ermüdet ihr Lager suchte, war ihre Zuversicht so stark, daß Gottes Schutz und Obhut über ihrem Haupte sei, daß sie mit dem Kinde hätte sagen mögen: „Ich höre es, die Engel singen schon!“
Am anderen Morgen brachte denn nun freilich das neue Tagewerk Schwierigkeiten genug. Zuerst wurde sie von ihrer Morgenandacht aufgeschreckt durch Fannys Jammergeschrei, die sich vom Mädchen ankleiden lassen sollte. Sie schien große Schmerzen dabei zu haben, und Martha eilte hinüber, um zu sehen, ob sie ihr nicht eine Erleichterung gewähren könne. Sie versuchte dem Mädchen Anleitung zu geben, die schmerzenden Glieder nach Möglichkeit zu schonen; diese gab sich auch die erdenklichste Mühe, aber vergebens; Fanny schrie weiter. Sobald Martha Hand anlegte, beruhigte sie sich sofort, und obwohl es unschwer zu durchschauen war, daß neben den Schmerzen ein nicht geringes Maß von Eigensinn der Grund des Jammers sei, blieb doch für Martha keine Wahl: sie schickte das Mädchen fort und suchte allein fertig zu werden. „Heute muß ich den Eigensinn ignorieren“, dachte sie; „bleibt es so, dann muß er natürlich bekämpft werden; aber wie?“
Sie war jetzt erst 21 Jahre alt. So wechselvoll und zum Teil so schwer ihr Leben bis dahin gewesen war, so hatte sie doch bis gestern stets unter der liebevollsten Obhut gestanden; jetzt sollte sie auf eigenen Füßen stehen unter recht schwierigen Verhältnissen. Hätte Frau v. Märzfeld sie an sich herangezogen, hätte sie ihr mit Rat und That beigestanden, so wäre ihre Aufgabe leichter zu lösen gewesen; wie die Sachen jetzt lagen, konnte sie sich nur auf Gottes Hilfe verlassen.
Gleich nach dem Frühstück kam Judith in sehr sauberem, elegantem Morgenanzuge, um zu fragen, wie ihr Schwesterlein geschlafen habe, und brachte einen sehr fein gebundenen Blumenstrauß mit. Fanny klagte, sie habe viel geträumt, Martha mußte bestätigen, daß sie recht unruhig gelegen und oft im Traume geseufzt habe.
„Das haben Sie durch die Thür hören können, Fräulein Feldwart?“
„O nein“, antwortete Martha, „ich ließ dieselbe ein wenig zwischen uns offen.“
„Hast du das gewünscht, Fanny?“
Fanny nickte.
Judith dachte ein wenig nach: „Das geht durchaus nicht; wenn Fräulein Feldwart den ganzen Tag über bei dir sein soll, muß sie in der Nacht völlige Ruhe haben; hörst du, Fanny?“
Martha bat: „Ich bin jung und gesund und würde doch nach Fanny hinhören, wenn auch die Thür zwischen uns geschlossen wäre! Vielleicht schläft auch mein armer, kleiner Zögling ruhiger, wenn sie diesen Abend nicht so viel Zuckerwerk und Eis bekömmt.“
„Also doch wieder!“ sagte Judith nachdenklich und ging nach einer kleinen Weile.
Fanny war verdrießlich: „Sie sind gerade so streng wie Judith, die will mir auch immer kein Zuckerwerk geben!“
„Ja, Fanny, weil wir beide wünschen, du mögest bald gesund werden; da möchten wir dir nichts geben, was dir schaden kann.“
Zunächst kam es nun für Martha darauf an, zu ergründen, wie weit Fanny auf den verschiedenen Gebieten des Wissens gekommen war; sie machte natürlich sehr unbefriedigende Entdeckungen. Lesen konnte sie, schreiben wegen ihrer schmerzenden Glieder nur sehr mangelhaft. Das Rechnen schien ihr ganz fremd und obendrein sehr zuwider zu sein; auch vor der Geographie mit ihren vielen Namen und Zahlen empfand sie große Scheu, und sowohl aus der weltlichen als biblischen Geschichte hatte sie nur einzelne Episoden behalten, welche das Gefühl und die Phantasie in besonderer Weise in Anspruch nahmen. Diese faßte sie, wie neulich die Geschichte von der Jakobsleiter, mit großer Lebendigkeit und Innigkeit auf; aber alles, was sich nur an den Verstand wendete und eigentliche Arbeit und Anstrengung erforderte, wies sie beharrlich zurück. Wäre ihr Leiden von der Art gewesen, daß man ein frühes Ende hätte befürchten müssen, so würde Martha gedacht haben: „Fliege du, fliege du bis in den Himmel hinein!“ denn Martha flog selbst gern. Aber abgesehen davon, daß ihr eigenes Herz nur schwer den Gedanken hätte fassen können, die junge Blüte unrettbar dahinwelken zu sehen, sprach auch der Arzt die sichere Hoffnung aus, sie werde das Leiden in einigen Jahren überwinden. „Dann“, sagte Martha, „darf sie nicht nur fliegen, dann muß sie auch gehen lernen“, und sie versuchte auf jede mögliche Weise, sie nach und nach an eine geregelte Thätigkeit zu gewöhnen. Methodisch, wie sie es gelernt und wie es in vollen Schulklassen meist so trefflich fördert, durfte sie hier nicht vorgehen. Hatte sie Fanny mit unsagbarer Mühe dahin gebracht, aufmerksam zuzuhören und vier bis sechs Fragen zu beantworten, so erklärte dieselbe dann aufs bestimmteste: „Ich kann nicht mehr, mein Kopf thut mir weh“, und war weder mit Güte noch mit Ernst auch nur einen Schritt weiterzubringen.
Martha mußte förmlich auf neue Wege studieren. Sie fing an, Fanny im Gespräch für einen Gegenstand zu interessieren und suchte auf diese Weise die Begierde in ihr zu wecken, mehr von demselben zu erfahren. Sie benutzte ihre Ausgänge, um in den Buchhandlungen nach Reise- oder Lebensbeschreibungen zu suchen, welche für das kindliche Alter geeignet waren, aber auch hier ermüdete die schwache und verwöhnte Schülerin schnell. Martha fand bald, daß es besser ging, wenn sie sich über ein Land, ein Volk, eine Episode aus der Geschichte so viel als möglich Kenntnisse aneignete oder vergegenwärtigte und dieselben ihrer Schülerin dann frei und in möglichst angenehmer Form vortrug. Es war nicht zu leugnen, daß die junge Lehrerin auf diese Weise eine höhere Stufe erstieg; es kostete aber viel Zeit und Kraft, und inbezug auf Fannys eigene Anstrengungen war wenig gewonnen. Oft dachte Martha: „Wenn man doch nur die Grenze genau sehen könnte, wo das ‚Ich kann nicht!‘ in das ‚Ich will nicht!‘ übergeht!“ Der treue Hausarzt selbst war in dieser Beziehung unsicher; es ist schon bei erwachsenen Nervenkranken nicht leicht, die Grenze zu finden, wo man ihnen nachgeben und wo man ihnen widerstehen oder sie zu kräftigen und zu stärken suchen muß. Martha kam darin zu keiner rechten Klarheit; daß sie selbst jung, gesund und lebhaft war, riß die Kleine mitunter zu Anstrengungen fort, die ihr wohl bekamen, aber eine gründlichere Hilfe kam zuletzt auf eine andere Weise.
Fanny hatte für religiöse Eindrücke, wie schon gesagt, ein empfängliches Gemüt; aber als ihre Lehrerin in der Religionsstunde den gewöhnlichen Weg einschlagen wollte, zuerst die zehn Gebote mit allen Erklärungen durchzunehmen, stieß sie wieder auf entschiedenen Widerstand: „Das kann ich nicht! das ist zu schwer!“ Die nahe Adventszeit richtete von selbst den Blick auf das Kommen des Heilandes; Martha nahm in den Frühstunden alle Verheißungen auf Christi Erscheinung, seine Geburt, sein Leben, seine Wunder, sein Leiden, Sterben und Auferstehen durch; und hier war nichts, was Fanny nicht mit ganzem Herzen erfaßt hätte; von hier aus war es leicht, Licht auf alle bis dahin dunklen Gebiete fallen zu lassen; eine neue Welt ging für Fanny auf, eine Welt der Liebe und des Friedens, die ihr bisher verborgen geblieben war, die ihr liebliches Licht hineinsandte in ihr Leiden und in ihr Herz und alle Bitterkeit daraus vertrieb. Mit ihrer Liebe zu dem Quell aller Liebe wuchs auch ihre Liebe für Martha, die ihr das neue Leben erschlossen hatte, und an die Stelle des bisherigen Widerstrebens trat das Verlangen, in allen Stücken zu thun, was diese wünschte, und obgleich leibliche Schwäche und große Verwöhnung ihr dies schwer machten, war es doch deutlich zu sehen, daß sie allmählich etwas vorwärts kam. Martha freute sich innig, daß ihre Thätigkeit sichtlich mit Erfolg gekrönt wurde; aber dieselbe forderte ein Aufbieten all ihrer Kräfte, und sie sehnte sich oft nach einer Ausspannung und Erquickung für ihr eigenes Herz.
Die beiden älteren Töchter des Hauses fingen je mehr und mehr an, ihr Interesse zu erregen. Lucie war stets anmutig und freundlich, wenn sie ins Krankenzimmer kam; ja sie hatte anfangs ganz herzliche Anwandlungen! aber wenn ihr Martha mit sanfter Bitte entgegentrat, so oft sie das Schwesterchen mit Leckereien überschütten wollte, wurde sie verstimmt und verstimmte Fanny mit. Erst als einmal der Hausarzt sich ganz streng gegen solche Diät ausgesprochen hatte, unterblieben die Versuche dazu, und Martha wußte, daß sein Verbot durch Judith veranlaßt war, die ihre Sorge teilte. Judith behielt ihr ernstes, zurückhaltendes Wesen, sowohl dem Schwesterchen als Martha gegenüber, lange Zeit unverändert bei; aber wenn Martha es wagte, ihr Vorschläge zu machen, wie Fannys Lage in Wahrheit zu erleichtern sei, war dies nie vergebens; Judith dachte darüber nach und suchte zustande zu bringen, was Martha wünschte.
Der Gärtner hatte bis jetzt jede Woche andere blühende Gewächse gebracht und die abgeblühten mit zurückgenommen, und Martha hatte mit Betrübnis gesehen, daß Fanny von ihrem reizenden Blumenfenster nur sehr wenig Freude hatte. Judith war eine große Blumenliebhaberin und betrübte sich über Fannys Gleichgültigleit ebenfalls. Als sie dies eines Morgens aussprach, sagte Martha: „Ich glaube, Fräulein Judith, Fanny würde viel größere Freude haben, wenn sie die Pflanzen pflegen und gedeihen sehen könnte und wenn sie selbst etwas zur Blüte brächte!“ Gleich am anderen Morgen erschien Judith in Gesellschaft eines Gärtnerburschen und brachte die verschiedensten jungen Pflänzchen mit; sie hatte sich beim Gärtner sehr sorgsam erkundigt, wie jedes zu behandeln sei, und weihte das Schwesterchen in das Geheimnis ein, indem sie ihr anschaulich schilderte, wie die Blüte und die weitere Entwickelung sein werde. Nun gab es jeden Morgen eine halbe Stunde der Thätigkeit und gespannten Aufmerksamkeit; die Pflänzchen wuchsen natürlich dem ungeduldigen Kinde lange nicht schnell genug; aber jedes neu hervorsprießende Blatt, jede Knospe und aufbrechende Blüte erregte Jubel.
Martha sah Lucie fast nur in Gegenwart ihrer Mutter, und wenn sie heruntergeholt wurde, den Gesang der Schwestern zu begleiten; Frau v. Märzfeld wußte sie dann aber unter irgendeinem Vorwande sofort wieder zu entfernen. Auf Fannys Bitte hatte Martha dieser das Mozartsche „Veilchen“ und einige von den reizenden Taubertschen Kinderliedern vorgesungen, als Frau v. Märzfeld in das Zimmer trat.
„Ich wußte nicht, daß Sie singen!“ sagte sie.
„Ich sprach nicht davon, weil ich nur ein einziges Jahr Stunden hatte und abbrechen mußte, bevor der Unterricht irgendwie beendet war.“
„Ich höre wenigstens, daß Sie sicher sind, und Sie sollen uns heute Abend aus einer großen Verlegenheit helfen. Judith ist leider heiser geworden; wir hatten für sie auf ein Duett und die erste Stimme eines Quartetts gerechnet; ich bitte, daß Sie ihre Stelle vertreten.“
„Das thue ich gern“, sagte Martha; „nur möchte ich beides noch einmal durchsingen, und dann“ -- setzte sie fast verlegen hinzu -- „habe ich kaum ein Kleid, in solcher Gesellschaft zu erscheinen.“
„Das wird niemand von Ihnen verlangen, indem Sie ja nicht als Glied der Gesellschaft kommen, sondern als die Lehrerin meines Kindes, die uns eine Gefälligkeit erweist.“
Martha fühlte wieder den Sturz kalten Wassers, aber sie beherrschte sich. Sie hatte mit Lucie das Lied zu singen: „O, säh’ ich auf der Heide dort im Sturme dich etc.“ Beide durften es bei Fanny probieren und diese war entzückt davon: „Ich möchte sehen, wie sich alle über euch freuen.“
Erst als sie gerufen wurde, und zwar sehr sauber, aber sehr einfach gekleidet, trat Martha in die Gesellschaft ein. Frau v. Märzfeld stellte sie vor: „Die Gouvernante meiner Fanny!“ Ihr wurde niemand vorgestellt. Ein junger Mann saß am Flügel, bereit, sie zu begleiten. Die ersten Töne, welche Martha sang, zitterten ein wenig; aber dann riß die Musik sie mit sich fort, und ihre weiche, biegsame Stimme entfaltete all’ ihre Fülle und Macht. Beifall erklang von allen Seiten, und als auch das Quartett zur höchsten Zufriedenheit beendet war, trat ein vornehm aussehender junger Herr zu Martha und fragte: „Wo hatten Sie Singstunde, mein Fräulein?“
„In B., aber nur kurze Zeit.“
„Man merkt das nicht; Sie singen allerdings mit mehr Freiheit, als eine junge Dame, die sich noch mitten im Lernen befindet, aber durchaus nicht, als wären Sie mit der Schule nicht fertig geworden.“
Der Herr schien einiges von der Musik zu verstehen; sie kamen auf ihre Lieblingskomponisten, und da er ernst und gehaltvoll sprach, antwortete ihm Martha gern und freute sich der lebhaften Unterhaltung.
Frau v. Märzfeld rauschte heran: „Graf T., vielleicht helfen Sie mir etwas, die Plätze zu arrangieren. Fräulein Feldwart, Ihre Schülerin wird nach Ihnen verlangen.“
Martha verneigte sich und ging; es wurde ihr aber heute Abend schwer, sich mit Fanny zu unterhalten; immer wieder trat der wenig angenehme Auftritt vor ihr inneres Auge; sie schämte sich so sehr, daß sie nach dem Gesange auch nur eine Minute unten geblieben war. Sie ertappte sich einigemal dabei, daß eine Thräne auf ihre Arbeit fiel, und doch mußte sie sich eingestehen, daß ihr eigentlich nichts Schlimmes widerfahren sei -- sie war ja die Gouvernante; Frau v. Märzfeld hatte das Recht, zu wünschen, daß sie bei ihrem Kinde bleibe. Sie hatte sich auch vollkommen davon überzeugt, daß dieser nichts ferner lag, als sie kränken zu wollen, denn sie war zu anderen Zeiten aufrichtig dankbar für Marthas Bemühungen um das Wohl ihres Kindes. Sie hielt es offenbar für ihre heilige gesellschaftliche Pflicht, die Lehrerin auf der Stufe zu erhalten, die sie für angemessen hielt; aber fast nichts war dieser so schwer geworden, als dies ruhige, geflissentliche Hinausgetrieben-werden aus der Stellung, welche sie bisher im Leben eingenommen hatte. Sie mußte hart kämpfen, dies zu überwinden; es wurde ihr nicht erleichtert durch Luciens Entrüstung darüber und sie dachte lebhaft an Pastor Wohlgemuths Worte: „Sie werden klein und niedrig sein müssen, und das wird gerade für Ihre Natur sehr schwer sein!“ „Darum schickt es mir der liebe Gott“, dachte sie; „ich will es aus seiner Hand nehmen und desto mehr für Fanny sein, die es mir sichtlich dankt.“
Frau v. Märzfeld liebte ihr kleines Mädchen wirklich und sorgte für dasselbe, so viel es möglich war, ohne in dem gestört zu werden, was sie als ihre Lebensaufgabe ansah, nämlich ihrer geselligen Stellung zu genügen und für ihre erwachsenen Töchter gute Partieen zustande zu bringen. Keine Ausgabe war ihr zu groß, wenn Martha Vorschläge machte, Fannys Lage zu verbessern und ihr Dasein auszuschmücken. Sie erkannte auch Marthas Thätigkeit und ihre Erfolge völlig an und sprach dies sogar zuweilen recht freundlich aus; nur die Kluft zu überbrücken, die nach ihrer Meinung zwischen ihrer Familie und Martha bestand, das fiel ihr niemals ein.