Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen

Part 10

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Leicht wurde es der Martha nicht, zu schweigen wie ein Stummer, und obgleich sie mit keinem Worte sich verriet, wurde es doch Rösners an ihrem erregten, oft gedankenvollen, dann wieder freudigen Wesen klar, daß etwas Außergewöhnliches in der Luft sei, und besonders die jungen Mädchen kamen in ihren Vermutungen der Wirklichkeit ziemlich nahe. Die Erwarteten erschienen zeitig am Sonntagmorgen, Suschen im blendendsten Weiß. Vor dem Gottesdienste, den alle gemeinsam besuchten, blieb alles im gewöhnlichen Geleis. Pastor Frank predigte über den Spruch: „Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.“ Man merkte ihm an, daß der Dank sehr warm aus seinem Herzen kam, und als die Eltern nach der Kirche ihn und Suschen als Brautpaar vorstellten, wußten es alle, wofür er zu danken hatte, und der Jubel wollte gar kein Ende nehmen.

Jetzt konnte der Bräutigam nicht lange verweilen, da er den Nachmittagsgottesdienst noch vor sich hatte; aber beim Abendbrot da ging es an ein Feiern und Gesundheittrinken! Besonders Suschens Geschwister wurden es gar nicht müde, „Hoch!“ zu rufen, und der Bräutigam sah durchaus nicht aus, als hätte er schmerzliche Erfahrungen begraben müssen, um zur Freude dieser Stunde zu kommen; die liebliche Braut aber strahlte.

Als man nach Tische im duftenden Garten wanderte, sagte Suschen zu Martha: „Ich lasse es mir nicht ausreden -- das Spinnrad der Urgroßmutter hat mir Segen gebracht!“

„Das ist möglich!“ bestätigte Frank vergnügt. „Gefallen hattest du mir sonst schon; aber daß du meine liebe Frau Pastorin werden möchtest, wünschte ich zum erstenmale, als ich dich hatte spinnen sehen.“

„Siehst du, Mama“, rief Suschen, „das Spinnen ist doch gut!“

„Das sollst du mir auch tüchtig weiter treiben, mein Suschen!“ versicherte der Bräutigam.

Diese sah ihn etwas zweifelhaft an: „Ob das möglich ist, wenn ich nun richtig was zu thun bekomme?“

„Ja, ist denn das Spinnen nicht etwas Ordentliches? Warum spinnst du denn?“

„Ei, aus Vergnügen und zum Andenken an die Urgroßmutter.“

Die Mutter und Frau Rösner machten dem Pastor die Sache klar.

„Also auch nur eine Phantasie!“ sagte er nachdenklich. „Nun gottlob! unsere Verlobung ist doch keine, und in Ehren halten können wir das alte Spinnrad immer, wenn du auch nicht viel darauf fertig bringst!“

Als Werners abgereist waren, faßte Frau Rösner auf den Rat ihres Hausarztes den schnellen Entschluß, mit ihrer jüngsten, etwas bleichsüchtigen Tochter Agnes noch einige Wochen nach einem kleinen Stahlbade zu gehen, und nahm Martha dahin mit.

Lieblich gelegen zwischen waldigen Bergen sprudelten die stärkenden Quellen, köstlicher Tannenduft durchwehte den frischen Grund; das Wetter war herrlich, und die beiden Mädchen erblühten wie die Rosen und waren sehr vergnügt. Das männliche Geschlecht war in dem kleinen Bade nur spärlich vertreten; meistens sah man nur Mütter und Töchter hier wandern, und die schlank aufgeschossenen, jugendlichen Gestalten mit blassen Lippen waren weitaus in der Überzahl. Unser Kleeblatt hatte kein Verlangen nach weiterem Anschluß; es fühlte sich im Genusse der Natur und gegenseitiger Gesellschaft befriedigt. Die beiden Mädchen hatten die größte Freude daran, auf den kleinen Felspartieen umherzuklettern, Spireen und lilienartige Blüten zu sammeln, die dort in reicher Fülle wuchsen, um ihr Stübchen mit den zierlichen Waldkindern zu schmücken. Dann brachte ein leichter, zuweilen etwas gewagter Sprung sie wieder auf den Weg, und Frau Rösner sah ihren anmutigen, geschickten Bewegungen mit Wohlgefallen zu, bis eines Abends, da es etwas geregnet hatte, Martha an einer glatten Steinkante abglitt und sich den Fuß so verstauchte, daß der Arzt ihr für die erste Nacht Arnika-Umschläge und für einige Tage völlige Ruhe verordnete. So kam es, daß sie am nächsten Nachmittage, als fast alle Gäste des Hauses ausgeflogen waren, einsam mit ihrer Arbeit unter der Veranda saß, während ihr kranker Fuß wohl umwickelt auf einem weichen Schemel ruhte.

Nicht weit von ihr hatten sich zwei kleine Mädchen auf der Schwelle der Veranda niedergelassen, eifrig lesend über ein Buch gebeugt, und noch etwas entfernter lag ein leichenblasses Kind von etwa zehn Jahren in einem Fahrstuhl, neben einem Tischchen, auf dem Bilder, Bücher, Spielzeug aufgehäuft waren.

Die Kleine schien sich nicht darum zu kümmern; mit einem unendlich verdrießlichen Ausdrucke auf dem elenden Gesichte blickte sie nach einer älteren Person, die wie eine Bonne oder Wärterin aussah und sich nicht weit von ihr in ein abgegriffenes Bibliothekbuch vertieft hatte.

„Sie sollen jetzt herkommen, Katharine, und mit mir spielen!“

„Ach, ich habe es heute satt; ich habe zwei Stunden mit Ihnen gespielt, und Sie wollen doch alle Viertelstunden etwas anderes.“

Das kleine Ding sah sie wütend an: „Ich sage es Mama, wenn Sie mich nicht unterhalten!“

„Das können Sie immerhin thun; ich habe ihr schon gesagt, daß ich nur bis Michaelis bleibe, weil ich das Gequäle nicht aushalten kann.“

Auf der Schwelle ging es auch eben nicht sehr friedlich zu: „Elli, du reißest mir ja das Buch fort!“

„Ja, es gehört mir, Sophiechen, und ich will’s haben; ich kann sonst nichts sehen!“

Bevor es sich Martha versah, entspann sich ein Streit, der an Heftigkeit zunahm und den begehrten Gegenstand aufs äußerste bedrohte.

„Lest euch doch vor!“ riet Martha.

„Das sollen wir nicht, weil wir öfter Halsschmerzen haben!“

„Wenn ich euch aber nun vorlese?“

Der Vorschlag fand Beifall.

Martha öffnete das Buch von Johanna Spyri: ‚Was aus Gritlis Kindern geworden ist.‘ Sie begann, fühlte sich angezogen und las mit wachsendem Vergnügen.

„Ach, Fräulein, Fräulein!“ rief die kleine Elende, „kommen Sie doch hierher!“

„Das kann ich nicht, meines Fußes wegen; aber vielleicht ist deine Wärterin so freundlich, deinen Fahrstuhl zu uns zu bringen.“

Es geschah. Die Kinder lauschten gespannt; nur zuweilen entspann sich eine ergötzliche Unterhaltung über die Abenteuer der Doktorskinder, und nicht nur die Zuhörer bedauerten es, sondern auch Martha, als die Erscheinung einer sehr vornehm aussehenden Dame die Unterhaltung unterbrach.

„Wie kommst du hierher, Fanny?“

„Ach, Mama, es wurde hier so schön vorgelesen!“

Die Dame sah Martha sehr scharf beobachtend an: „Darf ich vielleicht fragen, mit wem ich die Ehre habe?“

Martha nannte ihren Namen und sagte, daß sie als Gast von Frau Amtsrätin Rösner und zu ihrer Erholung hier sei.

Zwei Fräulein, wie Martha schon bei Tisch bemerkt, die Töchter der Dame, traten jetzt herzu; die eine in sehr gerader, vornehmer Haltung, die andere anmutig grüßend und dann liebevoll über ihr krankes Schwesterchen gebeugt, mit demselben plaudernd und kosend.

Frau v. Märzfeld, der Name war Martha aus der Badeliste bekannt, ließ sich das Buch reichen; da sie sich zu überzeugen schien, daß es keinen gefahrdrohenden Inhalt hatte, gab sie es huldvoll zurück und verschwand mit einem Wink an die Töchter, sie zu begleiten.

Am anderen Nachmittage waren Elli und Sophiechen mit ihren Eltern ausgefahren und Martha mit Fanny und ihrer Wärterin allein. Erstere konnte sich schon ein wenig mehr bewegen und nahm absichtlich ihren Platz ganz dicht beim Fahrstuhl der Kleinen.

„Wie schlecht“, sagte Fanny, „das Buch mitzunehmen!“

„Aber Fanny, das ist doch nicht schlecht, das Buch gehört den Kindern!“

„Sie können aber im Walde ohne Buch vergnügt sein, und ich langweile mich hier.“

„Hast du denn schon all’ diese Bücher und Bilder besehen?“

„Ach, die mag ich nicht!“

„Vielleicht interessieren sie dich mehr, wenn du sie mir zeigst.“

Es lag ein ganzes Heft mit Bildern aus B. obenauf. Martha kannte jedes Gebäude, wußte von jedem einzelnen etwas zu erzählen, was ihrer kleinen Zuhörerin Freude machte, bis diese ihr Leid vergaß und der unliebenswürdige Zug in ihrem Gesichtchen dem Ausdruck von Spannung, Interesse und Fröhlichkeit wich.

Frau v. Märzfeld trat mit Frau Amtsrätin Rösner zugleich später in die Veranda; es erfolgte die gegenseitige Vorstellung und dann begann ein Gespräch, aus dem Frau v. Märzfeld Marthas Lebenslage und ihre Pläne erfuhr.

Am anderen Morgen nach dem Bade bat sie Martha um eine Unterredung und schlug ihr vor, im Herbst als Lehrerin bei Fanny einzutreten: „Der Arzt sagt mir heute, daß ich das Kind nach dem Süden bringen muß; ich denke mit ihr im Winter nach der Schweiz zu gehen und möchte eine Deutsche mitnehmen, die sie unterrichtet und sich ihrer Pflege widmet; und da Fanny Vertrauen zu Ihnen zu haben scheint, wäre es mir lieb, wenn Sie die Stelle annähmen. Sie müßten dann natürlich die leibliche Pflege des Kindes ganz mit übernehmen, denn zwei Personen kann ich nicht für sie halten!“

Wie umfangreich die Pflichten sein würden, die sie hierdurch übernahm, konnte Martha natürlich jetzt noch nicht übersehen, aber es erschien ihr natürlich als eine Erleichterung, die unangenehme Wärterin los zu werden. Der Gedanke, die Schweiz zu besuchen, vielleicht den Genfer See mit seinen großartigen Umgebungen zu sehen, hatte für ihre jugendliche Phantasie viel Verlockendes; Fanny selbst schien große Freude an der Aussicht zu haben, und so versprach Martha, gleich nach der Heimkehr mit Werners zu reden und mit ihnen zu überlegen, ob es geraten sei, den Vorschlag anzunehmen.

Suschen war betrübt: „Ich hoffte, du solltest bei uns bleiben bis zu meiner Hochzeit!“ Aber ihre Eltern, so gern sie Martha noch behalten hätten, fanden es doch verständig, auf die Sache einzugehen, die so ungesucht sich bot, natürlich unter der Bedingung, daß erst das Examen gut vollendet sei.

Dies geschah; es wurde trefflich bestanden. Vierzehn Tage hatte Martha danach noch in dem gastlichen Wernerschen Hause verlebt; morgen sollte sie nach M. reisen, um die neue Stelle anzutreten. Sie saß noch einmal mit allen Wernerschen Geschwistern nach Tische in der Hinterstube in wehmütigen Abschiedsgesprächen.

„Den Ajax lasse ich Ihnen, Wilhelm! Sie haben ihn immer gern gehabt; du, Suschen, bekommst meine Vögel.“ Für die anderen hatte sie Blumenstöcke, Bücher, Bildchen. Die Nußbaumkommode kam in die Dachkammer zu den anderen Möbeln, um dort geborgen zu werden, bis ihre Besitzerin sie wieder gebrauchen konnte.

Gegen Abend wanderte Martha an Suschens Arme hinaus zum Grabe der Mutter und weinte dort heiß und lange; beim Abschied von Berlin hatte sie die Mutter noch zur Seite gehabt; beim Abschied von dieser hatten Werners sie in ihre Arme genommen; zum erstenmale zog sie jetzt allein hinaus in eine unbekannte Fremde; das war sehr schwer, und es währte lange, bis durch die dunklen Wolken ihrer Trübsal das Verheißungswort wie ein klarer Stern schimmerte: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Die Kinder hielten indessen zuhause große Beratung: „Wir müssen doch heute Abend eine Abschiedsfeier halten. Es ist schade, daß Suse ganz bei Martha ist, die wüßte schon was!“

„Wenn wir was sängen?“ sagte Luischen.

„Ja, aber was?“

Arthur stimmte an: „Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein.“

„Das geht nicht“, sagte Wilhelm, „wir werden schwerlich welchen bekommen heute Abend.“

„So leb’ denn wohl, du altes Haus!“ riet Anna.

„Na, dies noch“, rief Hans, „da könnte sie ja denken, sie wäre mit dem alten Hause gemeint.“

„Morgen muß ich fort von hier und muß Abschied nehmen.“

„Nein, das ist zu traurig. Hört“, sagte Wilhelm wichtig, „wir machen ein Lied! Ich fange jetzt an und jeder liefert eine Strophe:

Will sich Martha ewig von uns wenden --

„Nein, Wilhelm, das geht nicht! Das ist viel zu traurig; da weinen wir.“ Arthur begann:

Weil unsre Martha scheiden will,

„Will? Still?“

So stehet uns der Atem still.

„Na, dir scheint der Verstand still zu stehen“, sagte Wilhelm brüderlich galant.

„Nein“, rief Annchen:

Weil unsre Martha scheiden will, Ich sie mit Blumen kränzen will.

„Ach, da ist zweimal ‚will‘, und du willst es ja auch nicht allein, wir wollen’s ja alle; das geht nicht!“

„Nein, jetzt hab’ ich’s!“ rief Luischen; gleich ganz viel auf einmal.“

Wir wollen dich gerne feiern Mit Liedern und mit Leyern, Und wissen doch nicht wie?

Arthur fuhr fort:

Wir hatten dich so gerne, Nun ziehst du in die Ferne, Und kehrest wieder nie --

„Na, Arthur, sie wird doch ’mal wiederkommen?“

Dieser zählte an den Fingern: „nie! sieh! Poesie! flieh! zieh! sie! hie! Das geht:

Und wir, wir bleiben hie!

„Schön ist’s eigentlich nicht“, sagte Hans; „wir wollen’s aber stehen lassen, wir sind sonst nicht fertig, bis sie kommen.“

„Nun muß aber noch was von Blumen hinein“, sagte Luischen; „wir müssen sie zum Schlusse doch bekränzen.“

Wir kränzen dich mit Blumen --

„Blumen? Blüten? Es will wieder nicht!“

Komm, laß dich jetzt bekränzen Mit Blumen, die da glänzen.

„Ach was, das ist langweilig; jetzt so!“ rief Hans.

Drum suchten wir im Garten Blumen von allen Arten Zu einem schönen Kranz.

„Na, was reimt sich denn nun? Glanz -- ganz -- Schwanz?“

„Nein, behüte! Schwanz!! Es geht ganz gut mit ganz.“

Wir nehmen dich in die Mitten, Bekränzen dich und bitten: Vergiß uns nur nicht ganz!

Sie waren sehr stolz auf ihr Machwerk, nur der Primaner schüttelte seinen Kopf; aber Arthur entschied: „Mitunter ist eine Silbe zu lang oder zu kurz, aber im ganzen ist es sehr schön. Das müssen wir singen! Wonach geht es denn?“

„Ein bißchen nach ‚Ich hatt’ einen Kameraden‘, aber nicht ganz.“

Wilhelm überlegte: „Wir singen es nach der zweiten Hälfte von ‚Ich hatt’ einen Kameraden‘ und wiederholen das immerzu; da paßt es vorzüglich.“

Als die Freundinnen nachhause kamen, war der Kranz gewunden, die Musikanten aufgestellt und die Musik begann; aber so wenig die Scene auf Rührung angelegt war, sie erinnerte Martha an die Empfangsmusik vor zwei und einem halben Jahre; sie konnte dem nicht wehren, daß ihre Augen feucht wurden, und dies steckte an.

Der Direktor trat herein.

„Na, Kinder, macht euch das Herz nicht schwer; mir thut es auch leid, daß meine Pflegetochter fortgeht; aber hoffentlich denkt sie daran, daß sie hier stets ein Elternhaus und Elternherzen finden kann, so lange wir leben, und da giebt es ja doch wohl manches Wiedersehen. Heute Abend gebe ich eine Flasche Wein zum besten, da trinken wir Marthas Gesundheit!“

Großer Jubel!

„Dann können wir wirklich singen: ‚Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein!‘“

„Ja, das könnt ihr!“ versicherte der Vater.

Martha fühlte in dem allen die Liebe, die ihr hier eine Heimat bereitet, und das machte ihr das Scheiden so schwer.

Als sie mit Suschen abends allein in dem trauten Stübchen war, das so viele Herzensergüsse belauscht hatte, da flossen freilich reichliche Thränen; aber Martha konnte nicht anders als danken, immer wieder danken für allen Segen, der ihr unter diesem Dache widerfahren war.

10.

Noch eine neue Schule.

Als der nächste Abend dämmerte, bemerkte Martha, die still und einsam in der Ecke eines Damencoupés saß, in der Ferne die Türme von M. So sehr sie des Fahrens durch die einförmige Gegend unter dem grauen Herbsthimmel müde war, fing doch ihr Herz jetzt an, sehr ängstlich zu klopfen, und sie hätte gern den Flug der Lokomotive aufgehalten. Wußte sie denn, was dort unter den Türmen ihr begegnen würde? Wußte sie, in welches Verhältnis sie treten sollte zu den ihr so wenig bekannten Menschen? Eine Ängstlichkeit, die ihr bis dahin fremd war, kam über sie; jetzt wurde gehemmt, die Lokomotive gab das Signal, der Zug hielt. Zögernd und zitternd stieg sie aus; dichtes Menschengewühl umwogte sie -- und kein bekanntes Angesicht darunter!

Frau v. Märzfeld hatte ihr geschrieben, in welchen Hotelwagen sie einsteigen sollte. Als sie sich demselben näherte, trat ihr ein feiner Diener entgegen, fragte nach ihrem Namen und besorgte ihr Gepäck.

In einer breiten, aber wenig lebhaften Straße hielt der Wagen vor einem großen, eleganten Hause. Der Bediente führte sie hinein und die erleuchtete Treppe hinauf in ein sehr sauber und nett eingerichtetes Stübchen.

„Gnädige Frau lassen bitten, daß Sie es sich hier bequem machen.“

Eine Dienerin kam und brachte Kaffee und feines Weißbrot. Martha war erquickungsbedürftig und nahm etwas weniges; aber es wurde ihr schwer, das wenige zu verzehren; sie fühlte sich gar so einsam und elend.

Nach einer halben Stunde erschien der Diener aufs neue: „Gnädige Frau befehlen jetzt!“

Martha folgte ihm. Sie hatte, nachdem Frau v. Märzfeld ihr den Antrag gemacht, Fannys Lehrerin zu werden, noch einige Tage mit den Damen zusammen in dem kleinen Badeorte verlebt; aber es erschien ihr in der Erinnerung, als sei sie dadurch denselben nicht näher, sondern ferner gekommen. Zwar die zweite Tochter Lucie hatte zuweilen recht freundliche Blicke und Worte mit ihr gewechselt, und manchmal war es Martha vorgekommen, als hielte irgendein unbekanntes Etwas dieselbe zurück, sich noch näher an sie anzuschließen; die ältere Tochter aber war vom Anfang an sehr zurückhaltend gewesen, und Frau v. Märzfeld eigentlich unnahbar. So hatte es denn durchaus nicht den Anschein eines Wiedersehens zwischen Bekannten, als Martha jetzt mit beklommenem Herzen ins Empfangszimmer trat.

Die gnädige Frau saß steif und gerade in der Ecke ihres Sofas und musterte die Eintretende durch ihr Augenglas; zu beiden Seiten hatten auf Plüschsesseln Judith und Lucie Platz genommen, feine Stickereien in der Hand.

Lucie erhob sich unwillkürlich, um der Eintretenden entgegenzugehen; Frau v. Märzfeld legte ihre Hand auf den Arm ihrer Tochter: „Nicht so, mein Kind! Fräulein Feldwart wird sich zu uns setzen.“ Damit zeigte sie auf einen Sessel, und Martha fühlte sich genötigt, nach einer ebenfalls steifen Verbeugung darin Platz zu nehmen.

Nach einigen Redensarten, Marthas Reise betreffend, schien die Mama einen großen Anlauf zum Reden zu nehmen. Lucie wollte entfliehen; ein Blick ihrer Mutter zwang sie, sich wieder zu setzen, und diese begann jetzt nach einem kleinen Anfall von Verlegenheitshusten: „Fräulein Feldwart, wir haben uns in der Freiheit des Badelebens kennen gelernt; wir waren dort vollständig gleichberechtigte Personen. Sie stehen wahrscheinlich auch in der Bildung meinen Töchtern ziemlich gleich; dies hat seine wohlthuenden, aber auch seine schwierigen Seiten, und ich sehe es bei Ihrem Eintritt als meine erste Pflicht an, unsere gegenseitige Stellung ganz klarzulegen. Hätten wir unverweilt nach dem Süden gehen können, so hätte sich manches von selbst eingerichtet, oder wir hätten es nicht so genau zu nehmen brauchen. Unser Hausarzt wünscht aber, daß Fanny zuerst noch eine elektrische Kur gebrauchen soll, und ich habe hier so viel Geschäfte vorgefunden, daß wir vor dem Frühjahr schwerlich reisen können. Nun wollte ich Ihnen Folgendes sagen; nicht weil es mir Vergnügen macht, sondern weil ich es für nötig halte: Erwarten Sie als Fannys Lehrerin nicht, daß ich Sie meinen Töchtern gleichstellen und Sie zu unseren Zirkeln und unserer Geselligkeit heranziehen soll; dies paßt sich nicht. Sie werden stets die Stellung einer Untergebenen haben, und ich sage Ihnen das gleich, um Sie vor Täuschung zu bewahren. An unseren Mittags- und Abendmahlzeiten würde ich Sie gern teilnehmen lassen, wenn nicht Fanny durch ihre Schwäche genötigt wäre, im Kinderzimmer zu speisen; ich wünsche, daß Sie dies mit ihr gemeinsam thun und überhaupt das Kind so wenig als immer möglich verlassen. Was ihren Unterricht betrifft, so müssen Sie sehen, wo Sie anknüpfen und wie Sie durchkommen können; es versteht sich, daß das kranke Kind nicht angestrengt werden darf; aber so unwissend, wie sie jetzt ist, darf sie nicht bleiben.“

Martha hörte still zu; die Farbe auf ihrem Gesichte wechselte einigemal; sie bezwang sich aber, und die Ruhe und Bestimmtheit der Prinzipalin gab ihr den Mut, ebenso ruhig zu bitten, daß man ihr gestatten möge, vorausgesetzt, daß Fanny nicht kränker sei, sonntäglich einmal zur Kirche und täglich eine Stunde spazieren zu gehen, was der Arzt ihr zur Pflicht gemacht habe.

Es wurde ihr bedingungsweise gewährt: „Wenn es gutes Wetter ist, wird Fanny jeden Tag ausgefahren; dann wünsche ich, daß Sie in ihrer Begleitung gehen. Jetzt wird Lucie Sie hinauf zu Fanny bringen; ich habe diese Unterredung in Gegenwart meiner Töchter geführt, damit sie meinen Willen wissen; meine zweite Tochter hat große Neigung, sich über die nötigen Formen hinwegzusetzen.“

Martha verbeugte sich und folgte ihrer Führerin die Treppe hinauf in einem sonderbaren Zustande: nicht aufgebracht, nicht entrüstet, aber wie mit Wasser begossen und kühl bis ans Herz hinan.

Vor Fannys Thür wandte sich Lucie um: „Wir können uns doch lieb haben, Fräulein Martha, ganz gewiß!“ sagte sie, und Martha glaubte Thränen in ihren Augen zu sehen. Sie war etwas verwundert über dies schnelle Entgegenkommen, es machte sie beinahe verlegen.

„Ja, Fräulein Lucie, aber wir müssen durchaus die Grenzen dabei festhalten, die Ihre Frau Mutter uns gesteckt hat; ich würde sonst ihr gegenüber in eine schiefe und unhaltbare Stellung kommen.“

„Ach, und lieben Sie Fanny ein wenig; sie ist so unglücklich durch ihre Kränklichkeit!“

„Gewiß will ich das!“ sagte Martha warm und trat über die Schwelle einer einfachen aber freundlichen Stube, hinter deren breitem Fenster, dessen Gardinen jetzt zugezogen waren, Fanny, von einer Hängelampe beleuchtet, in ihrem Rollstuhle lag.

„Nun, guten Tag, liebe Fanny! Siehst du, hier bin ich; nun sage mir, wie es dir ergangen ist, seitdem wir uns zuletzt gesehen haben!“

„Schlecht“, sagte sie, aber sie reichte Martha die Hand.

„Wie so, schlecht? Hattest du vermehrte Schmerzen?“

„Manchmal auch; aber das Elektrisieren ist so schrecklich, und Katharine war die ganze Zeit so schlimm zu mir, und das Hausmädchen thut mir immer so weh, wenn sie mich ankleidet!“

„Vielleicht kann ich das lernen!“ sagte Martha freundlich.

Es klingelte jetzt, und Lucie wußte, daß dies für sie das Signal sei, das Schwesterchen zu verlassen. Sie umarmte Fanny etwas stürmisch zum Abschied; das blasse Gesichtchen verzog sich schmerzlich.

„Lucie ist gut zu mir“, sagte sie, sobald dieselbe das Zimmer verlassen hatte, „aber sie denkt nicht daran, wo es mir weh thut. Sie kann auch wenig bei mir sein; sie muß sich noch so viel üben im Singen und Zeichnen und muß auch viel in Gesellschaft gehen; Mama sagt, das sei für ein Fräulein nötig.“

„Was thatest du denn heute Nachmittag?“

„Was sollte ich thun? Ich sah in die Wolken; die bekommen immer andere Gestalten; man kann sich Riesen, Ritter und Drachen darunter vorstellen, die führen Krieg, laufen hintereinander her und fressen sich auf; das ist so unterhaltend!“

„Kannst du nicht etwas lesen?“

„O, lesen kann ich gut; als ich gesund war, hatte ich Stunde. Aber es ist in den Büchern immer so vieles, das ich nicht verstehe, und es ist niemand da, der mir ordentlich antwortet, wenn ich frage, als höchstens manchmal Judith; aber sie hat sehr wenig Zeit.“

„Wie lange bist du denn so krank?“

„Ich glaube, seit zwei Jahren; da war ich einmal, heiß vom Spielen, ins Wasser gefallen. Der Gärtner holte mich wieder heraus, aber ich wurde nie mehr gesund; ist das nicht schändlich?“

„Schmerzlich, Fanny, oder betrübt! Siehst du, was uns der liebe Vater im Himmel schickt, das kann wohl schwer und bitter für uns sein, aber schändlich gewiß nicht!“

„Das verstehe ich nicht, du sprichst ganz wie Margaretchen!“

„Wer ist Margaretchen?“

„Ach, die alte Näherin, die manchmal kommt; sie sitzt dann dort in der Nebenstube und speist mit mir! Die sagt auch, Gott habe mich lieb! Aber warum läßt er mich denn krank werden?“

„Das wirst du auch noch einmal erfahren, Fanny! Jetzt können wir das noch nicht wissen!“

Das Mädchen kam jetzt, deckte den Tisch und setzte Thee und kalte Speisen auf.

„Werden Sie hier essen?“ fragte Fanny gespannt.

Martha nickte.

„Das ist schön! Katharine ging dann immer hinüber in die Gesindestube und kam nicht eher wieder, bis der Thee ganz kalt war.“