Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen

Part 9

Chapter 93,631 wordsPublic domain

Der Direktor sah die Sache mit heimlicher Belustigung; die kleinen Konflikte machten ihm Spaß, weil er eine glückliche Lösung voraussah; aber er konnte es nicht lassen, zuweilen etwas ironisch zu werden. Auf Spaziergängen, wenn alle sich an einer schönen Baumgruppe oder freundlichen Aussicht erfreuten, störte er das eifrige Zwiegespräch der Mädchen: „Nun, ihr Geistesabwesenden, thut nur auch einmal euere Augen auf, damit ihr etwas von Gottes Schöpfung gewahr werdet!“ Oder er läutete hinter ihren vereinigten Köpfen mit der großen Tischglocke: „Versunkenheit, Versunkenheit weiche! Das Abendbrot soll in den Garten gebracht werden.“

Gerade, weil Martha fühlte, daß die freundliche Rüge von ihr verdient war, traf sie dieselbe oft recht empfindlich; sie war als einziges Kind an große Schonung gewöhnt.

Die Sache erreichte ihren Höhepunkt, als eine Cousine von Suschen, Josephine, in schöner Abkürzung nur „Phine“ genannt, auf Besuch kam. Sie war eine sehr wenig anmutige Erscheinung, eckig im Benehmen, wortkarg, wenig angeregt zu geistigen Interessen, mit einem Worte: den beiden Unzertrennlichen sehr unsympathisch. Dies ließen sie auf eine sehr unliebenswürdige Weise dem Gaste merken; sie wußten mit wunderbarer Geschicklichkeit denselben von ihren Zwiegesprächen auszuschließen, und Phine ging auf gemeinsamen Wanderungen, wenn nicht etwa der Direktor oder die Hausmutter sich ihrer annahm, mit gefurchter Stirne ihren Weg allein. Die Eltern beide sahen dies mit wirklichem Schmerz; des Direktors humoristische Bemerkungen wurden bitter und beißend; seine Frau nahm eines Morgens, als Phine noch schlief, die beiden Freundinnen beiseite, und sagte ihnen ganz gründlich die Wahrheit: „Alles, was recht ist, lobt Gott! ihr Kinder. Ich habe euerer Freundschaft viele Rechte eingeräumt, aber wenn ihr mir die Gastfreundschaft verletzt, bin ich sehr böse. Ja, ja! seht mich nur erstaunt an; jede Freundschaft, jedes Verhältnis, welches so ausschließlich wird, daß man gar nicht mehr daran denkt, was man seinem Nächsten schuldig ist, wird Leidenschaft und Egoismus, und das muß bekämpft werden. Ich bitte mir von heute an aus, daß ihr euch ordentlich betragt, sonst trenne ich euch und schicke Suschen wieder auf Reisen!“

Martha empfand es sehr tief, daß sie hier Ursache zur Unzufriedenheit gegeben hatte; Suschen gab sich noch nicht gleich: „Aber Mama! was sollen wir denn mit ihr anfangen?“

„Das wird sich schon finden, wenn ihr ernstlich wollt; wie es in den Wald schallt, so schallt es wieder heraus; ich glaube, ihr habt noch nicht einmal ernstlich mit dem Hammer der Liebe bei ihr angeklopft; wer weiß, welche Goldstufen ihr findet, wenn ihr es thut!“

Martha war sehr erschüttert von dieser Strafpredigt; sie hatte selten Scheltworte bekommen im Leben, und obgleich sie der Frau Werner in ihrem Herzen beipflichten mußte, fühlte sie sich doch sehr unglücklich und verlassen und griff zum Trost nach Urgroßmutters Briefen. Sonderbar! das erste, was ihr in die Hand fiel, war ein kleines Gedicht:

Gastfrei zu sein vergesset nicht! Der heilige Apostel spricht; Bei manchem hat ganz unbeachtet Ein Gottesengel übernachtet. Drum hört, was der Apostel spricht: Gastfrei zu sein vergesset nicht!

Drum sollst du auch ganz freundlich sein, Tritt unerwünscht ein Gast herein; Manch Englein hat die Flügel innen, Du würdest’s herzlich liebgewinnen, Sähst du ihm tief ins Herz hinein; Drum sollst du jedem freundlich sein.

Gar mancher, der dir nicht gefällt, Ist recht zum Engel dir bestellt; Es sind nicht immer Sympathieen, Die ’s Herz nach Gottes Willen ziehen. Es thut gar wohl, so schwer’s oft fällt: Gut sein dem, der dir nicht gefällt!

Nun es die Urgroßmutter sagte, mußte es wohl wahr sein! Martha prüfte sich ernstlich und kam auf manchen Punkt, der sie verklagte. Wo waren denn die lustigen Mittagsstunden geblieben, seitdem Suschen und sie im entferntesten Gartenweg wanderten und sich um die anderen nicht bekümmerten? Als sie abends allein auf ihrem Stübchen waren, gab Martha Suschen das Gedichtchen zu lesen; ausführliche Besprechungen und gute Vorsätze schlossen sich daran, die mit aufrichtigem Herzen gefaßt wurden.

„Wenn ich nur erst wüßte, wie man Phinen näher kommen könnte!“ sagte Suschen.

„Wir müssen es versuchen!“ sagte Martha seufzend.

Nun ist nichts schwerer, als den richtigen Anfang einer Unterhaltung zu finden, wenn man mit der feierlichen Absicht, eine solche zu beginnen, an jemanden herantritt.

Phine, teils beleidigt durch die erfahrene Zurücksetzung, teils bequem, war einsilbig und schien die Annäherung ihrer Altersgenossinnen fast nur mit gnädiger Herablassung zu dulden; Suschen kehrte ihr bald den Rücken und verschwand. Martha versuchte jedes mögliche Thema.

„Haben Sie Geschwister?“

„Ja.“

„Brüder oder Schwestern?“

„Von beiden.“

„Ist T. ein angenehmer Ort?“

„Es geht!“

„Kommen Sie viel in Gesellschaft?“

„Manchmal!“

„Wird dort auch musiziert?“

„Himmel, wie kommen Sie nur darauf, mich in einem fort zu fragen! Lassen Sie mich doch zufrieden; es interessiert Sie ja alles nicht!“

Es war eigentlich wahr, Martha gestand sich’s zu ihrer Beschämung; aber wie in aller Welt sollte sie da eine Annäherung beginnen?

Gegen Abend wanderten alle in den Garten; der Gärtner hatte verschiedene Beete neu bepflanzt, eins derselben recht geschmacklos mit lauter gleich großen Pflanzen, von denen keine zur Geltung kam und jede der anderen Luft und Sonne wegnahm. Josephine ging einigemal um das Beet herum und schien in seine Betrachtung völlig versunken zu sein.

„Ich dächte, das Beet wäre nicht eben schön“, sagte Martha.

Das erste freundliche, verständnisvolle Lächeln erschien auf Phinens Gesicht: „Nein, das ist es wirklich nicht; wenn da in der Mitte nur ein einziges Heracleum oder eine Staude Zuckerrohr und ein paar Maispflanzen ständen; dann etwa diese Gladiolus, ringsum vielleicht noch Astern und am Rande weiße Vergißmeinnicht -- das wäre ein hübsches Beet. Ja, das verstand mein Großvater so schön! Ich wollte, Onkel Werner erlaubte mir, es einmal so einzurichten!“

„Das würde er vielleicht thun; aber wäre es nicht schade um die hübschen Wicken und Winden?“

„Ei, die könnten wir dort an der Laube anbringen; da fehlt etwas.“

„Fragen Sie doch!“ riet Martha.

„Ach, das wage ich nicht!“

Beim Abendbrot redete Martha den Hausherrn an: „Onkel Werner, Phine und ich haben einen sehr großen Wunsch!“

„Nun, und welchen?“ fragte er freundlich.

Martha trug die Sache vor; der Onkel lachte: „Wenn ich da nur nicht aus dem Regen in die Traufe komme!“

„Sie könnten es doch versuchen!“ bat Martha weiter. „Phine versteht sich darauf und wir könnten ihr helfen.“

„Ja, wir alle! wir alle!“ riefen die Zwillinge.

„Meinetwegen, versucht die Sache!“ entschied der Direktor. „Das Heracleum giebt euch Freund Friedhelm umsonst.“

Wilhelm holte es, brachte auch noch einige Maispflanzen und ein Körbchen voll Vergißmeinnicht mit; Phine hob sorglich die überflüssigen Pflanzen aus; sie kamen unter die Aufsicht von Luise; Arthur und Hans durften an der Laube unter Suschens Aufsicht Löcher ausarbeiten, und Martha setzte die Pflänzchen mit geschickter Hand ein. Phine arrangierte indessen das Mittelbeet und Anna trug ihr in der kleinen Gießkanne immer wieder frisches Wasser zu. Die kräftige Mittelpflanze, obgleich sie ihre Höhe noch nicht erreicht hatte und jetzt die Blätter hing, hob das Beet sehr.

„Ihr sollt ’mal sehen, wenn alles ordentlich anwächst, wie reizend es wird“, rief die Obergärtnerin; sie war ganz aufgelebt und nicht wiederzuerkennen.

Die Garderobe war nun zwar nicht ganz ohne Schaden weggekommen, aber die Freude über das gemeinsam Geschaffene strahlte allen aus den Augen.

Dies war der Anfang vieler Vergnügungen; abends mußte man gießen; hier und da wurden noch Verbesserungen für nötig befunden; die ganze junge Familie entwickelte ein nie gekanntes Interesse an der Gärtnerei, und Josephine gab eine sehr geschickte Lehrmeisterin ab. Auch verstand es niemand so gut wie sie, die Ranken des wilden Weines und des Geisblattes zierlich aufzubinden oder aus wenigen Blumen einen anmutigen Strauß zu schaffen.

„Woher kannst du das alles, Phine?“

„Von meinem Großvater“, erwiderte sie; „sein Garten war sein Liebstes, und ich war, bis er starb, sein Gehilfe darin; ich liebe die Pflanzen gar zu sehr! Es fehlt mir hier nur eine sehr zierliche, feine Blattpflanze, die wir zuhause in Fülle hatten.“

„Weißt du den Namen nicht?“

„Nein, aber ich habe oben einige gepreßte Exemplare.“

Sie holte dieselben, um sie den Kindern zu zeigen, und alle waren erstaunt, wie schön sie gepreßt waren, wie unverletzt die Farben.

„Können wir das auch lernen?“ fragte Luischen.

„Freilich, das kann jeder lernen; ich werde heute Nachmittag recht viel Löschpapier holen und euch das Verfahren zeigen.“

Es ging nun mit Eifer ans Einlegen und Pressen; auch Martha trieb es, um die Ränder ihrer Zeichnungen mit dem getrockneten Gras und Moos zu schmücken; die Kinder suchten das nachzuahmen, und alle fühlten, wie schön es sei, wenn eins vom anderen nimmt und einer dem anderen giebt, viel schöner, als seinen Gedanken nachzuhängen und unbekümmert um die anderen seine einsame Straße zu ziehen. Ja, Martha und Suschen merkten zu ihrem Erstaunen, daß ihre einsamen Plauderstunden am Abend und Morgen nicht an Reiz verloren und viel an Reichtum gewannen, seitdem sie sich mehr den Interessen der anderen Hausgenossen anschlossen. Als Martha einmal teilnehmend Josephinen nach dem Großvater fragte, da kam die Goldstufe in dem Herzen der Enkelin wirklich zutage; hier verstand sie Martha nur zu gut; und als endlich der Gast wieder seiner Heimat zufuhr, schied er mit Thränen und wurde mit Thränen entlassen.

„Die Urgroßmutter hat doch wieder recht behalten“, sagte Martha.

Ja, die Urgroßmutter! ihre Papiere und Briefe lieferten reichen Stoff zu den Unterhaltungen der beiden Mädchen; denn Suschen durfte jetzt mit darin studieren. Sie interessierte sich besonders für die praktische Armenpflege, die oft darin erwähnt wurde, und wenn sie, ihr Körbchen am Arm auf Pastor Wohlgemuths Geheiß zu seinen Kranken ging, that sie dies fast nie ohne eine stille Erinnerung an die ehrwürdige Frau, und ohne die Freude, auf ihren Wegen zu gehen. Ihre Lieblingspatientin war eine junge Frau, aus Weißfeld stammend, welche bald nach ihrer Verheiratung eine Brustentzündung bekommen hatte und infolge davon schwindsüchtig geworden war. Sie sah Suschens Besuchen stets mit großer Sehnsucht entgegen; diese fühlte sich ihr gegenüber besonders frei, da die Leidende nur um wenige Jahre älter war als sie.

Eines Abends, nachdem Suschen die Kranke besorgt, umgebettet und erquickt hatte, klagte diese noch: „Ach, Fräulein! Mein armer Mann! heute hat er müssen eine Stunde vor Tage auf die Fabrik gehen, hat keine Zeit behalten, den Topf in die Grube zu setzen; Mittag ist er gar nicht nachhause gekommen, und nun findet er abends auch nichts Warmes! Er ist auch zu schlimm dran!“

„Könnte ich denn etwas für ihn kochen?“ fragte Suschen.

„Ach, das ist doch zu viel verlangt; aber Bier ist im Hause, gleich auf der obersten Kellerstufe, und Brot und Milch und ein Ei und Kümmel auch; ach, Fräulein, wenn Sie es thun wollten!“

Suschen bereitete die Suppe und setzte sie auf dem Ofen warm.

Pastor Frank, der sein früheres Gemeindeglied besuchen wollte, hatte ihrem liebevollen, anmutigen Thun eine Weile unbemerkt zugesehen. Als sie in den Hausflur trat, begrüßte er die junge Schülerin freundlich: „Wie freut es mich, daß Sie der Käthe so beistehen! Haben Sie ihr auch wohl etwas vorgelesen oder ernst mit ihr geredet?“

Suschen errötete ein wenig: „O nein! lesen kann die Käthe für sich, wenn ich nicht da bin, und sprechen von so ernsten Dingen -- Herr Pastor, das wird mir schwer: ich kann viel besser mit meinen Händen helfen!“

Er sah ihr in die hellen Augen und schwieg; er hatte sie erst ermahnen wollen, zu lernen, was sie nicht konnte; aber wie sie so vor ihm stand mit den klaren Augen und der demütigen Haltung, vermochte er’s nicht; er dachte: „Die Gaben sind verschieden; ihre bloße Erscheinung ist eine Erquickung; und das ist gewiß: ein Kind ist sie jetzt nicht mehr!“

In mancher Beziehung war sie aber doch noch ein Kind.

In Urgroßmutters Kommode fanden sich viele Flachs- und Webe-Rechnungen; das stimmte so ganz mit dem Lobe der Spinnekunst in manchem neuen Journal, und als der Herbst kam und der Weihnachtswünsche gedacht wurde, kannte Suschen keinen größeren als: „Ach, ein Spinnrad! und einen großen Haufen Flachs!“

Frau Werner lachte darüber: „Von mir bekommst du das sicher nicht, mein Suschen!“

„Aber Mama, warum nicht?“

„Weil es für eine Spielerei zu teuer ist, und mehr als Spielerei in unserer unruhigen Zeit doch niemals wird!“

„Aber Mama!“

„Ja, liebes Kind, es ist ganz wie ich sage: An unsere Großmutter und Mütter wurden lange nicht so viel Anforderungen gestellt wie an uns; der Verkehr war ein viel langsamerer; es gab nicht so viel Stunden, Vereine und Vorlesungen; wenn sie ihr Spinnrad vor sich hatten, saßen sie tagelang hintereinander und zogen Faden auf Faden; da wurde was fertig fürs Haus. Sie konnten wohl recht hübsch dabei denken und sinnen; aber einem Kinde des 19. Jahrhunderts könnte es doch wohl etwas langweilig sein. Es würde auch ein teueres Leinen werden, mein Töchterchen; die Hände kommen eben den Maschinen doch nicht nach.“

„Wie schade!“ seufzte Suschen.

„Ja, liebes Kind, das läßt sich nun nicht ändern; wir können doch nicht Erfindungen und Industrie zurückdrehen, bis wir wieder ins adamitische Zeitalter kommen. Den Sinn des Fleißes, der Häuslichkeit, der Treue, der die Mütter bei ihrer Arbeit leitete -- den sollen wir pflegen, aber ihn mit Vernunft in Einklang bringen mit den Anforderungen der neuen Zeit; es gefällt euch ja doch gar nicht übel, daß ihr jetzt mehr Anteil habt am geistigen Leben; das möchtet ihr doch gewiß nicht beseitigen!“

„Aber Rösners haben auch ihre Rädchen!“

„Ja, die treiben es eben als eine hübsche Erinnerung an die großmütterliche Thätigkeit und eine nette Spielerei. Da es bei ihnen gerade nicht viel darauf ankommt, was sie vornehmen, so ist das nicht zu tadeln, und hätte ich ein altes Rad, so solltest du es meinetwegen zu gleichem Zwecke haben. Aber es darf niemand meinen, daß damit in unserer Zeit ein wirklicher Nutzen für den Haushalt geschafft wird, und besonders in unserem giebt es der nützlichen und nötigen Arbeiten so viel, daß man sich der überflüssigen lieber enthält.“

Es war und blieb aber Suschen sehr niederschlagend. Als die beiden Mädchen in den Herbstferien bei Rösners waren, hatte Martha auf Trudens Boden das Spinnrad der Urgroßmutter gesehen, das auf die Dienerin vererbt war.

„Ich spinne nicht darauf“, hatte diese gesagt, „wenn mir die Frau Amtsrätin auch im Winter noch Flachs giebt. Weil ich eben nichts anderes mehr thun kann, so verspinne ich den auf meinem zweispuligen, das trägt mehr ein!“

Es war nicht schwer, Truden zu bewegen, das Rad an die Urenkelin abzutreten; in Weißfeld wohnte noch ein alter, geschickter Drechsler, dem ward es zur Reparatur übergeben, und wenn für Martha der Blick auf die äußere Weihnachtsfeier von irgendeinem freundlichen Strahl erhellt wurde, so war es die Aussicht, Suschen mit diesem Rade zu beglücken. Frau Amtsrätin hatte den Flachs dazu zu liefern versprochen und hielt ihr Wort.

Die Überraschung gelang aufs beste. Als die Bescherung bei Werners am heiligen Abend vorüber war, kam Hans als Knecht Ruprecht und brachte im Namen der Urgroßmutter das feingeschmückte Rädchen; der Flachs war durch Trudens geübte Hand kunstgerecht aufgelegt; ein schönes, buntes Wockenband umgab ihn. Suschen wurde ganz rot vor Freude. Sie hatte ja alle Vernunftgründe in der Rede der Mutter eingesehen; aber Vernunft treibt Herzenswünsche selten aus, und als sie nun vollends vernahm, daß es das Rad der Frau Anna Martha Waldheim war, deren Name, allen sichtbar, am Querbrett prangte, kannte der Jubel gar keine Grenzen, und es wurde ihr schwer, dem Knecht Ruprecht zu gehorchen, der ihr gesagt:

Aber von Weihnachten bis zum hohen Neujahr Muß ruhen das Spinnrädlein ganz und gar; Hört man es da nur einmal schwirren, So müssen die Hexen den Wocken verwirren. Erst wenn die hochheil’gen zwölf Nächte vorbei, Ist das Spinnen wieder gesegnet und frei.

Die Eltern und Geschwister freuten sich mit ihr, und auch Martha, der die Erinnerung an die beiden letzten Weihnachtsfeste natürlich schwer auf der Seele lag, war dennoch glücklich über die gelungene Überraschung und konnte sich dem Glanz der Weihnachtssonne, der so besonders lieblich hineinstrahlt in einen großen Familienkreis, nicht entziehen.

Als endlich die Zeit gekommen war und Trude der gelehrigen Schülerin Handgriff und Tritt beigebracht hatte, saß Suschen stolz auf ihrem Schemel, zog Faden auf Faden, und erschien sich, als sei sie nun ganz auf den Pfaden der Urgroßmutter. Sie fing auch gleich an zu überlegen, wie viel sie weben lassen wollte, erkundigte sich, wie viel oder vielmehr wie wenig der Weber gebrauche, um ein Dutzend Handtücher fertigzustellen; als sie dann aber ihre Thaten mit seiner Forderung verglich, gestand sie sich heimlich, nur ganz heimlich, daß es ziemlich lange dauern würde, bevor das Gewünschte zusammen sei, und mußte es als ein großes Glück ansehen, daß die Familie mit dem Trocknen ihrer Hände nicht darauf zu warten brauchte. Das mußte man ja sagen: lieblich sah das Suschen aus, wenn sie hinter dem blanken Spinnrad saß; recht wie ein deutsches Mädchen mit ihrem klaren Gesichtchen und blonden Zopf. Pastor Frank, der jetzt wieder häufiger und ruhiger kam und sie eines Tages bei der neuen Arbeit überraschte, konnte sich auf dem Heimwege gar nicht losmachen von dem Bilde der Spinnerin, obgleich er halb und halb ärgerlich darüber war.

„Sie macht wirklich einen sehr lieblichen Eindruck“, dachte er; „es ist schade, daß sie so wenig aus sich herausgeht; aber vielleicht schadet es nicht so viel; wenn der Pastor spricht und die Pastorfrau praktisch hilft, sollte es wohl auch gehen!“

Der Winter ging friedlich und fleißig dahin, und nun in voller Harmonie. Die Scene während Josephinens Dasein hatte auf die beiden Freundinnen den besten Einfluß gehabt; sie bemühten sich jetzt mit aufrichtigem Herzen, gegen alle Familienglieder liebenswürdig zu sein. Daß Wilhelm nun wirklich als dritter in den Freundschaftsbund aufgenommen war, führte demselben einen großen Zuwachs an Ideen zu. Sein Herz war sehr warm für das allgemeine Wohl, sein Interesses groß für alles, was eben die Zeit bewegte: Stöckers Arbeitervereine, Bismarcks große Ideen waren Gegenstände seiner Schwärmerei; der Primaner konnte lange Reden halten, von Suschen und Martha höchlich angestaunt, obgleich sie oft noch recht jugendlich unreife Gedanken enthielten. Natürlich kam dergleichen auch am Mittags- oder Abendtische zutage, und machte die liebe Hausfrau ungeduldig.

„Jetzt krähen die Hähnchen, wenn sie eben aus dem Ei gekrochen sind“, pflegte sie zu klagen; „ich kann es manchmal gar nicht anhören, wenn sie so unreifes Zeug vorbringen; und auch die Mädchen! Wir mußten uns ganz still verhalten, wenn von solchen Dingen die Rede war!“

Der Direktor dachte anders darüber: „Natürlich müssen sie reifer werden; aber nur, was überhaupt existiert, kann wachsen und gedeihen; ich möchte keinen Sohn haben, der nicht seine Ideale in dieser Beziehung hätte, und eine Ansicht über diese Dinge müssen sich schließlich doch auch die Frauen bilden. Sie sind ja doch bescheiden erzogen, unter Fremden hören sie und schweigen. Laß du sie ja im Familienkreise sich aussprechen. Du glaubst auch nicht, wie es mich interessiert; ich bekomme dadurch ein genaues Bild von dem, was mehr oder weniger in all meinen Schülern lebt; es sind die Keime der Gedanken und Thaten einer kommenden Generation, die müssen wir Alten wohl beachten, mit unseren Erfahrungen stützen und schützen und mit unserer Liebe pflegen.“

Frau Werner staunte oft, wie es ihr Mann verstand, sich auf den Standpunkt der Jugend zu versetzen und von da aus leise Irrtümer zu berichtigen und auf unreife Ansichten einzuwirken.

„Auf manchen Gebieten“, dachte sie, „sind Männer geduldiger als Frauen, das macht, weil sie die Dinge mehr im großen und nach ihrem Zusammenhange fassen; es ist schön, das wir das von ihnen lernen können!“

Auch die Kleinen wurden jetzt von Martha zärtlich beachtet; sie bemühte sich, ihre Eigentümlichkeiten kennen zu lernen, sie zu verstehen und ihnen etwas zu sein. Sie fand dies sehr lohnend. Jedes Kind war anders geartet, eines durch Freundlichkeit, das andere durch Ernst zu gewinnen; eines nahm die Dinge zu leicht, das andere zu schwer. „So werden meine Schülerinnen später auch sein“, dachte sie und machte ein völliges Studium daraus, ein jedes nach seinem innersten Wesen zu lieben und zu behandeln. Dies gelang ihr vortrefflich und Eltern und Kinder waren innig dankbar dafür. Alle fürchteten sich vor der Zeit, wo Martha ihnen entrissen werden sollte, und doch rückte sie unaufhaltsam näher.

Im Sommer vor ihrem Examen fing ihre sonst so große Frische an zu schwinden unter den vermehrten Anstrengungen. Eine ernste Betrübnis kam dazu. Onkel Konsul, der ihr immer mitunter einmal geschrieben hatte und auf dessen treue Teilnahme sie sich allezeit verlassen konnte, war plötzlich gestorben. Seine Hinterlassenschaft kam in die Hände eines entfernt wohnenden Neffen, zu welchem Martha gar keine Beziehungen hatte, und so war das letzte Band gelöst, das sie noch an B. knüpfte, und das sie so gern festgehalten hätte, schon um Siegfrieds willen: „Wo soll er mich nun suchen, wenn er wirklich wiederkommt?“

Rösners, die Martha herzlich liebten, baten sie sich in den Sommerferien aus; sie sollte in Weißfeld frische Milch trinken, fleißig spazieren gehen und auf alle Weise gepflegt werden. Es schlug auch leidlich an; sie bewohnte Urgroßmutters Stübchen und fühlte sich ungemein wohl und geborgen darin.

Pastor Frank kam jetzt unbefangen und schien wieder heiter zu sein, versank aber manchmal in tiefe Gedanken: war ihm vielleicht auch jetzt klar, daß er sich in das Phantasiebild der Urgroßmutter verliebt hatte? O, es war ihm noch etwas anderes klar geworden, und dies versetzte Martha und Rösners in die größte Freude. Werners hatten versprochen, am nächsten Sonntag herauszukommen, und man rüstete freudig zu ihrem Empfange. Freitag war Pastor Frank zur Stadt gegangen und erst spät am Abend heimgekehrt. Sonnabend früh schickte er Martha einen Brief ihrer Freundin; sie öffnete ihn mit Spannung, fürchtete fast schon eine Absage, aber Suschen schrieb:

„O Martha! liebe Martha! Du sollst es ja zuerst und bis morgen ganz allein erfahren, was sich heute begeben hat und was ich ganz und gar noch nicht begreifen kann. Denke Dir, ich bin seit einer Stunde Braut, +seine+ Braut! ach, und eine so glückliche! Ich wollte es ja erst gar nicht glauben, als Frank mir sagte, er habe mich lieb; aber zuletzt merkte ich es doch, und ich glaube es ja zu gern. Morgen früh nach der Vormittagskirche wird das Geheimnis enthüllt; bis dahin schweige wie ein Stummer! Ich kann es eigentlich gar nicht erwarten, bis Ihr Euch alle mit mir freut. Lobe den Herrn, meine Seele!

Deine glückselige Suse.“