Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen
Part 16
Der Bahnzug fuhr jetzt langsam an einer kleinen Station vorüber; hier hielten die Kurierzüge nicht an, es ging weiter in die Nacht hinein. Da auf einmal ging es langsam, immer, immer langsamer; man sah an den Seiten schwarze, vermummte Gestalten mit Laternen und Schaufeln arbeiten; man hörte durch den Sturm hindurch die Unterhaltung der Schaffner mit den Leuten. Aber alle Anstrengungen waren vergeblich; immer höher baute sich die Mauer im Hohlwege, die der Zug nicht durchbrechen konnte; sollte er nicht ganz darunter begraben werden, mußte man zurückkehren zu der kleinen Station; es geschah.
Frierend stieg der Reisende aus und wollte eben in die Restauration treten, da klang es durch den Sturm wie Glockengeläute und durch das Schneetreiben schimmerte es auf einem nahen Hügel wie erleuchtete Fenster.
„Ist hier Christvesper?“ fragte er.
„Ja wohl, unsere Kinder wollen eben hin.“
Der Reisende fror, er hätte sich gern erst gewärmt, aber eine deutsche Christvesper -- die heimelte ihn gar zu sehr an. Ach ja, es ward ihm auch innerlich warm und wohl, als er mitsingen durfte: „Dies ist die Nacht, da mir erschienen des großen Gottes Freundlichkeit!“ Er schmeckte den süßen Trost für alles Weh, der in der himmlischen Freudenbotschaft lag; aber er betete, betete aus vollem Herzen, Gott wolle ihm die wiederschenken, die vor fünf Jahren die letzte Christvesper neben ihm gefeiert.
Siegfried, siehst du sie nicht, die schlanke Gestalt, die gar nicht weit von dir neben dem Pfeiler sich über ihr Gesangbuch beugt? Nein, er sah sie nicht; sie kehrte ihm den Rücken, und ihre weiße Capote verhüllte den jugendlichen Kopf.
Als die Christvesper zu Ende war, trat er in ein Gasthaus, um sich zu erwärmen und etwas Speise zu sich zu nehmen; wenige Reisende fand er hier -- sie waren heute alle zuhause!
Eine Stunde verging in gleichgültiger Unterhaltung; Siegfried trat ans Fenster: es hatte sich schon während des Gottesdienstes aufgehellt, jetzt war es völlig still. Er wollte nach dem Bahnhofe und sich erkundigen nach der Weiterreise. Ein schriller Pfiff der Lokomotive machte es ihm wahrscheinlich, daß es die höchste Zeit sei.
„Ist hier der nächste Weg nach dem Bahnhofe?“ fragte er eine vorübereilende Frau.
„Nein, gehen Sie hier durch die Schustergasse, das ist näher!“
Er ging weiter, aber er ging wie im Traum; er war mit seinen Gedanken bei dem Weihnachtsabend vor fünf Jahren; er dachte an Urgroßmutters Weihnachtslied: „Du wurdest arm, daß ich würd’ reich; nun gilt mir arm und reich sein gleich.“ Das wußte er noch, denn daran hatte er damals seinen Antrag geknüpft. O, wie wünschte er, das ganze Lied noch zu können, jetzt könnte er’s mit anderem Sinne singen!
Was war das? War es eine Geisterstimme? Hoch über ihm klang’s herab, und ach, mit welcher Stimme: „Sei mir gegrüßt, geweihte Nacht, die uns das höchste Gut gebracht; dich Gottessohn, dich Königskind, das man im Stall und Kripplein find’t.“
Einen Augenblick stand er wie in einen Traum versunken, dann kam Bewußtsein und Bewegung.
„Wer singt da?“ fragte er einen Schusterjungen, der eilends vorüberlief, um noch Schuhe wegzutragen, die beschert werden sollten.
„Es wird die neue Lehrerin, die Fräulein Feldwart, sein!“
Ach, da war im Nu der Fremde im Hause verschwunden; unten im Flur brannte ein trübes Lämpchen, das ihm die Treppe zeigte. Er wollte sehr leise hinaufgehen, aber oben war kein Licht; er trat fehl und die Stufen knarrten. Martha brach mitten im zweiten Vers ab und öffnete die Thür.
Fast erschrocken stand sie dem Manne im Reisepelz gegenüber; vorsichtig und schüchtern trat er näher.
„Erschrecken Sie nicht, Martha, es ist ein alter, treuer Freund!“
Ach, jetzt wußte sie, wer es war, jetzt hielt er sie umschlungen und mußte sie halten, damit sie nicht umsank, und dann hörte man lange, lange nichts anderes als leises Schluchzen; ja, dies Weihnachtsgeschenk war so groß, daß es das schwache Herz nicht gleich fassen konnte.
Aber dann tauschten sie ihre Erlebnisse aus, erst abgerissen und dann zusammenhängender, und sahen sich dabei an und fanden, daß wohl etwas von der Rundung und dem Schmelz der ersten Jugend aus den Zügen fort war, aber dafür etwas darin, was viel, viel schöner war; und die alte Liebe und Treue, die war geblieben, und daran hatten sie beide niemals gezweifelt.
„Und wo kommst du heute her, Siegfried?“
„Aus einem kleinen Orte, den du wohl kaum kennst, aus Weißfeld. Der Amtmann dort hat sich in Schlesien ein größeres Gut gekauft und will Weißfeld verkaufen; ich habe Lust, den Kauf abzuschließen; es gefiel mir dort gar manches.“
„Was gefiel dir, Siegfried?“ fragte Martha mit strahlenden Augen.
„Ach, es führte mich eine alte, krumme Frau herum; das war ein prächtiges altes Geschöpf; ich dachte mir’s so schön, die bis zum Tode zu pflegen. Und dann, Martha -- ach, es ist fast ein bißchen sonderbar -- aber du wirst es verstehen; es war da ein kleiner eiserner Tisch und eine Bibel darauf, und die Alte sagte, es rühre von einer früheren Besitzerin her, die habe gewünscht, daß es so bleiben möchte, das brächte dem Gute Segen. Das gefiel mir auch!“
Er wunderte sich, als er ihr Gesicht von Thränen überströmt sah.
„O Urgroßmutter! Urgroßmutter!“ rief sie aus.
Da war denn Siegfried voll Erstaunen, als er den Zusammenhang erfuhr.
„Ja“, sagte Martha, „‚denen, die mich lieben und meine Gebote halten, thue ich wohl bis ins tausendste Glied!‘ Das ist gewißlich wahr! O Siegfried! Siegfried! Es ist ein Zusammenhang da zwischen dem Betschemel der Urgroßmutter und dem Glück ihrer Urenkelin!“
Siegfried war auch bewegt.
„Das ist ein schöner Gedanke, aber auch ein ernster und verantwortungsvoller“, sagte er, „wenn man sich als ein Glied in einer so großen Kette betrachtet, beeinflußt von der Vergangenheit und weiter wirkend in die Zukunft hinein.“
Martha wunderte sich, daß er in Weißfeld nichts von ihr gehört habe; aber sein Aufenthalt war nur kurz gewesen -- „und“, sagte Martha, „die Urgroßmutter hat uns gewiß selbst wieder zusammenführen wollen durch ihr Weihnachtslied.“
„Wie wird sich Suschen, mein liebes Suschen freuen, wenn ich dort einziehe! Aber eine Bitte habe ich noch, Siegfried, eine recht große. Nicht wahr, wir haben ein Stübchen übrig für meine alte, liebe Freundin Klug?“
Und als der glückliche Bräutigam vernommen, was diese seiner Braut gewesen war, da stimmte er mit Freuden zu; sie sollte sogleich zum Abendbrot gerufen werden und ihr Glück vernehmen.
„Aber erst will ich alles festlich herrichten!“ sagte Martha.
Sie steckte neue Lichter an das Weihnachtsbäumchen, sie deckte den Tisch mit einem reinen, weißen Tuch und besetzte ihn mit Judiths guten Gaben, denen „mein Georg“ einige Flaschen Rotwein beigefügt. Dann stand das Brautpaar vor der alten Freundin, die sehr überrascht und bewegt, aber voll Liebe und treuer Wünsche war.
„Und nun müssen Sie mit uns essen“, drängte Martha, „ich muß ja doch eine Brautmutter haben!“
Und an der fröhlichen Abendtafel da trug man ihr die schönen Zukunftspläne vor. Es war ihr zuerst zu neu und wunderbar, dann faltete sie ihre Hände wie zu einem stillen Gebete: „Ja, Kinder, wenn mir nicht der liebe Gott ein anderes Altenstübchen anweist, so gehe ich mit; ich will euch, so er hilft, nicht zur Last sein!“
„Was werden meine Kinder, meine lieben Kinder sagen?“ ging wehmütig durch Marthas Seele; aber sie tröstete sich: „Bis Ostern bin ich noch bei ihnen, und Agnes, Helene und Eva müssen jedenfalls meine Brautjungfern sein!“
Das Abendbrot war verzehrt, die Uhr zeigte auf zehn.
„Und nun, Martha“, sagte Siegfried, „bevor ich gehe --“
Sie fiel ihm ins Wort: „Nun, Siegfried, singen wir noch einmal zusammen Urgroßmutters Weihnachtslied!“
„Ja, Martha, und mit mehr Verständnis als vor fünf Jahren.“
Die Lichter am Baume strahlten, die Augen glänzten noch heller und die Herzen schlugen in heiliger Weihnachtsfreude, als sie sangen:
Sei mir gegrüßt, geweihte Nacht, Die uns das höchste Gut gebracht, Dich Gottessohn, dich Königskind, Das man im Stall und Kripplein find’t.
Daß ich empfinge Kindesrecht, Wohnst du wie ein geringer Knecht; Drum will ich gern veracht’t und klein, Herr, Dir zu Lieb’ und Ehren sein.
Dein war des Himmels Herrlichkeit, Aller Welt Schätze weit und breit; Du wurdest arm, daß ich würd’ reich, Nun gilt mir arm und reich sein gleich.
Du kamst aus lichtem Himmelssaal Und gingst für mich durchs dunkle Thal; Ich bin zum Leid nun auch bereit, Da du es durch dein Leid geweiht.
Für mich, mein Lebensfürst und Gott, Gabst du dich hin in Todesnot; Daß ich dem Tod verfall’nes Kind Durch dich das ew’ge Leben find’.
Ich kniee an dein Kripplein hin Und fasse nicht das Wunder drin, Und bitte dich: O Herr, verleih, Daß dies mein Bitten ernstlich sei!
Du giebst dich mir, Herr Christ, ich hab’ Nur mich als arme Gegengab’. O nimm mich hin, Rat, Kraft und Held, Und mach aus mir, was dir gefällt.
Ja, jetzt war ihr Bitten ernstlich; sie wußten, der Herr mußte noch viel an ihnen thun und viel mit seiner Liebe zudecken, wenn sie ihm gefallen sollten; sie wußten auch, daß er sie zu diesem Ende noch auf manchen sauern Weg und manche rauhe Bahn führen werde; aber sie waren getrost. Sie verließen sich nicht mehr auf sich selbst oder andere menschliche Stützen, sondern auf den, der sie mit seinen Augen geleitet durch alle die schweren Jahre, und:
Herr Gott Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verläßt!
Druck von Friedr. Andr. Perthes in Gotha.