Part 3
Nach beendeter Arbeit wurde der Dreger bis an den +Utlegger+ aufgewunden, eine am Giebel angebrachte Vorrichtung mit einer Rolle aus Pockholz oder Eisen, später aus Gelbmetall, die +Schiev+, über die der Dreger lief. Geschützt war der Utlegger durch den +Winn’kasten+, auch +Galgen+ genannt, einen unten offenen Holzkasten. An den Haken war zuvor ein dünnes Tau geschlungen, die +Fanglien+, die neben der untersten Luke befestigt war und sein Herabziehen zu neuer Benutzung ermöglichte. Zuweilen war noch am äußersten Ende des Winn’kastens ein Haken angebracht, an den man +Schiev un Tau+ hängen konnte, um leere Kisten, Körbe oder Säcke aufzunehmen, wozu es dann nur eines Mannes bedurfte.
Beiläufig wäre noch zu bemerken, daß die Löcher im Fußboden, durch die die Löpers glitten, mit Porzellanringen ausgesetzt waren, um die Reibung zu vermindern, und daß man die +Winn’löcker+ zustopfte oder mit Holzringen umgab, wenn Waren gestürzt werden sollten, damit das Durchlaufen in die unteren Böden vermieden wurde. Für dies +Störten+, das Ausleeren sämtlicher Packungen einer Partie, um gleichmäßige Mischung herzustellen, gehörte das +Störtlaken+, eine mächtige Leinewand, zum Bestand.
Ein hergebrachter Ausruf bei der Arbeit war der Zählgesang bei Ablieferung bestimmter Waren, besonders von Häuten und Fellen. Bröcker I. 58 f. veröffentlichte (mit Notenbegleitung) eine Version, die hier unter Beibehaltung der Schreibweise wiedergegeben sein möge:
„Nu hebbt wi +een+ op’t Neet -- +Terriwe+ kumpleet -- Hebbt wi en +Diarree+ -- dat +veerte+ Mol -- Scheun sünd de groten to +fiif+ -- en +halbes Dutz+ davon in’n Liew -- +Söben+ is de Galgentool -- goht wie de ganze +Nacht+ opp dol -- +Negen+ is de Rummelee -- +Tein!+ tein is tein -- Mein Hamburg an der +Elbe+ Strand -- wie liegst du tief im Tal -- du bist nicht mehr dasselbe Land -- wie Anno dazumal -- Wie hat man dich entrissen -- aus Altertümlichkeit -- du mußt noch vieles missen -- aus deiner goldnen Zeit -- denn so wie du, vallera -- so bin auch ich, vallera. +Een un de twintig -- terriwe un de twintig -- diarree un de twintig -- veer un de twintig -- fief un de twintig -- soß un de twintig -- söben un twintig -- alle acht un de twintig -- negen un twintig -- nu hebbt wi dottig mol.+“
Auf S. 67 desselben Heftes wird für die Ziffer 5 und 6 die drastischere Lesart „Scheun is min Wief -- se hett er dickes Lief“ mitgeteilt und für 11 bis 20 die Version:
„Mein Hamburg an der +Elbe+ -- da geht’s bis nachts um +zwölfe+ -- mok de +Dör to Hein+ -- in de Diekstroot +veertein+ -- bi +foftein+ is ’t en Drinker -- an de +soßtein+ geit nix flinker -- +söben un de tein+ -- denn gode +Nacht min Hein+ -- nu sloop man fein -- so ’n +twintig+ Mool.“ --
Zu 30 heißt es dann noch: „Siehst du woll -- nu hebbt wi +Talje vull+, vallera!“
Hierzu wäre zu bemerken, daß „Talje“ mit dem engl. ~tally~, Kerbholz, Zählstrich zusammenhängt. -- „De Groten to fiif“ sind Schnäpse zu 5 Pf. das Glas. -- Bei 8 pflegt es auch zu heißen: „Gaht wie +alle Nacht+ op un dal.“ -- „De ganze Rummelee“ statt „alle negen“ ist Ausruf beim Kegeln; „+twe Veerlanner Been+“, wie zuweilen für 11 gebraucht wird, stammt ebenfalls daher. Zu 12 singt man auch wohl: „in +Horborg is’t datselbe+.“ -- Bei der „halben Talje“ wird gern ein Schluck genommen, daher: „bi foftein is’t en Drinker.“ (Vergl. Mitt. a. d. Quickborn IV. 91). Zu 16 hörte ich die Variante: „+an de soßtein geit dat flinker+“: man arbeitete nun frisch gestärkt weiter.
Der verstorbene C. Rud. Schnitger regte beiläufig die Frage an, ob das „foftein maken“ vielleicht mit der Berechnung von Häuten und Fellen nach Zimmer zu 4 Decher zu 15 Stück zusammenhängen könne.
Was sich der Speicher erzählt
+Hein+: Uns’ Ol hett mi ’n Mark in de Hand drückt un seggt, ik sall uns dafor Brod un Snaps mitbringn.
+Kodl+: Na, un wat hest du brocht?
+Hein+: För fifunnegntig Penn Köhm un Greun un for fif Penn Brod.
+Alle zusammen+: Harrijeh! Wat süllt wi denn mit all’ dat Brod opstelln?!
Das nebenstehende Bild (aus der „Reform“, 1877) gibt eine gute Gruppe von Speicherarbeitern wieder, während der Raum, in dem sie sich aufhalten, zum Zweck der Belichtung stark idealisiert ist (vergl. Kopal 50 f. und Jünger 10 f.).
Eines eigentümlichen Speicherausdruckes muß ich hier noch gedenken, des „+Tómann’n+“. Er wurde angewendet für das Weiterreichen kleiner Kolli von Hand zu Hand, außerdem auch, wenn man z. B. Säcke vom Raum auf einen höheren Boden zu schaffen hatte und aus irgend einem Grunde die Winde nicht benutzen wollte oder konnte. Einer der Arbeiter trug die Säcke dann bis zum ersten Boden, wo ein anderer sie ihm abnahm, um sie wieder eine Treppe höher zu bringen, und dann so weiter.
Außer dem Hausküper und seinen Leuten fand sich auf dem Speicher gelegentlich der jüngste Lehrling ein, um eine Bestellung zu machen, denn den Fernsprecher kannte man noch nicht. In solchen Fällen, wo Kontor und Lagerräume auf demselben Grundstück vereinigt waren, kamen auch wohl einige Lehrlinge während ihrer Mußestunden zum Besuch, die an den Waren, besonders den eßbaren, wissenschaftliche Studien machten und daneben allerhand Mutwillen trieben (Kopal 47 f.). Da wurden vielleicht dem alten Herrn, der im Hause jenseits des Fleets über seinen Büchern brütete, durch ein Brennglas die Sonnenstrahlen auf die Hand geworfen oder einem Nachbarn mittels Pusterohrs Erbsen oder Kittkugeln ins Fenster geschossen. Oder man überredete den „Jüngsten“, sich auf dem Haken stehend nach unten befördern zu lassen, und weidete sich an seinem Zorn, wenn man die lustige Fahrt unterbrach und ihn eine Weile zwischen Himmel und Erde zappeln ließ. Bei einer Firma im Grimm herrschte die hergebrachte Gewohnheit, daß dem jüngsten Lehrling am Tage seines Eintritts das Gesicht mit Zinnober eingerieben wurde, worauf man ihn in einen Korb packte und an der Außenseite des Kaufmannshauses bis an das Fenster aufwand, hinter dem der Geschäftsherr saß. Pantomimische Entrüstung an der einen Seite, ebensolche Beteuerung: „Ich kann’s nicht helfen!“ von der anderen waren regelmäßig die Folge. -- Auch das Klettern am hängenden Dreger und sonstige Turnerkünste wurden geübt. -- Zuweilen ließ sich übrigens auch der +Lagerdeener+ sehen, ein Angestellter, der am Kontor alles unter Händen hatte, was das Lager anging. Der Name Lagerdiener ist jetzt nicht mehr gebräuchlich. Es mag eben niemand mehr „dienen“, außer wo es sein muß, nämlich im Heer. Sogar die Köchin, die sich für Stellung meldet, fragt man heutzutage: „Wo war Ihre letzte Stelle?“ Für Lagerdiener ist die verfeinerte Bezeichnung „Lagerist“ eingeführt, für Handlungsdiener, wie früher alle gegen Gehalt am Kontor Angestellte sich nannten, „Kommis“. Noch heute ist übrigens die „Handlungsdiener-Witwenkasse von 1841“ in Betrieb. -- In alter Zeit hießen die Angestellten +Scholer+ und +Knechte+ oder +Diener+. Die Scholer dürften ursprünglich für den geistlichen Stand bestimmt gewesen sein. Sie wurden, da sie mithin des Lesens und Schreibens kundig waren, in erster Linie mit Buchführung und ähnlichen schriftlichen Arbeiten betraut. Außerdem erfüllten sie wohl dieselben Obliegenheiten wie die Knechte, also Empfangnahme, Beaufsichtigung und Ablieferung von Waren, Einziehung von Schulden am Platz und auswärts und ähnliches (Nirrnheim XXVIII.). Scholer und Knechte, besonders die ersteren, mochten bei ernstem Willen und tüchtigen Leistungen hin und wieder grade so gut eine selbständige Stellung erlangen, wie heutzutage. Gelegenheit, ein erspartes Kapital zu vermehren, hatten sie häufig, denn der Geschäftsherr beteiligte sein Personal bis hinab zur Dienstmagd gern an kleinen Unternehmungen (Nirrnheim XLIV. f.). In recht vielen Hamburger Firmen herrscht übrigens noch heute ein außerordentlich patriarchalisches Verhältnis zwischen Geschäftsherrn und Angestellten. Alte Handlungsgehülfen und Arbeiter werden oftmals „durchgefüttert“, wenn sie auch nur wenig mehr leisten können oder beziehen aus freien Stücken auskömmliches Gehalt auf ihre alten Tage. Andererseits sind mir Fälle bekannt, wo der Geschäftsherr durch seine ehemaligen Untergebenen fortlaufend freiwillig Unterstützung erhielt, wenn er im Lauf der Jahre zurückgekommen war.
Wem es nicht paßte, seinen eigenen Hausküper zu halten, der benutzte +Quarteerslüd+, Arbeitsübernehmer, die sich ursprünglich immer zu Vieren (dem „Quartier“) zusammengetan hatten und für eine Reihe von Firmen die erforderlichen Arbeiten zu vereinbarten Sätzen für das Kollo oder den Zentner ausführten. Mit diesen Verbindungen müssen wir uns eingehender beschäftigen. Sie verdienen durchaus eine besondere Beachtung und höchste Achtung, denn ohne Innungszwang und ohne staatliche Anerkennung oder Beaufsichtigung haben sich diese Verbrüderungen einfacher Arbeiter durch Jahrhunderte hindurch das unbegrenzte Vertrauen der Kaufmannschaft zu wahren gewußt und Güter von höchsten Werten blindlings zur Verwaltung übertragen erhalten. Schon längst hätte mal einer aus ihrer Mitte sich daran machen müssen, Zuverlässiges und Erschöpfendes über seinen Stand zusammenzustellen, sowie gleichzeitig Klarheit zu schaffen über die Unterschiede zwischen Huusküper, Quarteerslüd, Spikerarbeiter, Lüd von de Eck und sonstigen Gelegenheitsarbeitern, die häufig von Zeichnern und Schriftstellern sämtlich in einen Topf geworfen wurden. Sehen wir uns in dieser Beziehung einmal an, was über den Gegenstand zu finden ist. Viel kommt dabei freilich nicht heraus; dagegen entdeckt man fast überall Ungenauigkeiten oder Falsches.
Im allgemeinen richtig äußert sich Schütze: „Eine Vereinbarung der Arbeitsleute, die ihren Namen nicht von Quartier oder Viertel, sondern von der Zahl 4 haben. Vier Arbeitsleute vereinigen sich, um bei den Kaufleuten Kundschaft zu suchen, und haben ihre eigenen Häuser, die ihnen betrauen, doppelte Schlüssel zu den Packräumen, davon einen der Quartiersmann hat. Sie haben eine eigene Firma unter sich und Kasse, und sorgen, wenn bei Ausschiffungen, Verladungen mehrere Leute nötig sind, für deren Anschaffung. Sie haben ihren eigenen Ort der Zusammenkunft, werden aber nicht zu ihrer Quasi-Innung in Eid und Pflicht genommen. Sie müssen rechnen und schreiben können und übrigens starke Leute sein. Stirbt einer von ihnen, so wählen sie und nehmen den tüchtigsten unter sich auf, oft nach einer Probezeit. Es sind dergleichen mehrere Quartiere, Viermänner, in Hamburg in den Kirchspielen.“ Einige Jahre vorher (1794) veröffentlichte Chr. Gottfr. Morasch in seinen „Charakteristischen Kleidertrachten“ zwei hübsche Abbildungen angeblicher Quartiersleute, und zwar Blatt 8 No. 4 Quartiersmann mit Zuckerproben, dazu die Anmerkung: „Gewöhnlich bedienen sich ihrer die Zuckermakler, um Proben zu den Raffinerien herumzuschicken“. (Anderweitig heißt es, diese Leute seien Hausknechte der Makler gewesen. Das ist auch bestimmt anzunehmen.) Ferner Blatt 9 Quartiersmann und Arbeitsleute: „Die Quartiersmänner haben Korporationen unter sich und halten sich gewöhnlich zu vieren in gewissen Bierkellern auf, wo man selbige zu seinem Bedarf gleich herausrufen kann. Bei schweren Arbeiten bedienen sie sich der Arbeitsleute. Die Derbheit ihrer Hände und die Muskeln ihres Rückens sichern, ohne Kunst und Geschicklichkeit, einer großen Anzahl dieser Menschen ihren Unterhalt zu. Sie stehen gruppenweise auf den Straßen und Gegenden, wo der Handelsverkehr sie am meisten bedarf, sie tragen, schleppen, ziehen, werfen, klettern, winden, schieben, alles kunstlos und ohne Erfordernis von Genauigkeit. Sie haben Korporationen unter sich und haben gemeiniglich einen Quartiersmann zum Anführer.“ Auch dieses Bild ist interessant, nur befremdet es, daß Morasch die Leute auf offener Straße darstellt, und seine Erläuterungen lassen es gleichfalls im Zweifel, ob er nicht Quartiersleute mit Lüd’ von de Eck verwechselt hat, besonders da er von einem Bierkeller als Versammlungsort spricht. -- Von Heß (III. 408) teilt diesen Irrtum: „Das Institut der Quartiersleute ist von den Auf- und Abwindern der Kaufmannsgüter erfunden, welche sich je 4 und 4 zusammengerottet haben, und treu beieinander halten, um sich einer steten Tätigkeit zu vergewissern und dem, der sie bedarf, die Mühe des Suchens zu erleichtern. Diese Vierschaften haben ihre besonderen Bierkeller zu Sammelplätzen, wo sie hervorgerufen werden, und sich, nach Beschaffenheit der Umstände, verteilen oder in Gemeinschaft an die Arbeit gehen.“ -- In den alten Kontrakten der Quartiersleute ist allerdings zuweilen von einem Keller als ihrem Standorte die Rede, indessen haben wir darunter unzweifelhaft keine Wirtskeller, sondern ein gemietetes Lokal zu verstehen, wo sie anzutreffen waren oder ihre Adresse hinterließen und wo sie Arbeitszeug sowie Gerätschaften aufbewahrten. Sie verpflichteten sich in ihren Verträgen, die Kosten für Gerät und +Miete+ gemeinsam zu tragen, um dann den Gewinn ebenfalls gleichmäßig zu verteilen. -- Christoffer Suhr in „Hamburgische Trachten“ (1838) zeichnet auf Blatt 18 vier „Quartiersleute“ vor einem Karren mit niedrigen Rädern, worauf ein großes Faß. Wahrscheinlich sind dies Lüd’ von de Eck, abgesehen davon, daß die Gesichter stark an junge Mädchen erinnern, die sich einen Maskenscherz erlauben. Heckscher (29) trifft in seinen ausführlichen Erläuterungen hierzu durchweg das Richtige. Nur stimmt es nicht, daß auch Möbeltransporte, Kohlenaufwinden usw. regelmäßig durch Quartiersleute besorgt zu werden pflegten. Das gehörte nicht zu ihrem Arbeitsgebiet, wenn es auch ausnahmsweise geschehen mochte. -- In „Hamburg wie es ist -- und -- sein könnte“ (Berendsohn 1839 S. 20 f.) unterhalten sich „Quartiersleute beim Krahn“, während sie auf Arbeit warten, und folgen zum Schluß einem Kommis, der sie anwirbt, um im Wandrahm Indigo abzuliefern. Das können nur Lüd von de Eck gewesen sein, denn Quartiersleute warteten niemals an offener Straße auf Beschäftigung. -- Durchweg zutreffend sind Bueks Erläuterungen zum „Album Hamburgischer Kostüme“ (1847), nur ist es vollkommen verkehrt, wenn er sagt, das Institut der Hausküper sei erst hoch gekommen, weil man die Spesen der Quartiersleute zu teuer befunden habe. Die Jessensche Abbildung dazu ist eine der besten, die wir besitzen, abgesehen von dem bekannten Gruppenbilde des Schillerfestzuges von 1859. Ein Modell des alten Rollwagens, den die Quartiersleute bei diesem Anlaß mit sich führten und in berechtigter Vorsicht mit Eßwaren und Getränk beladen hatten, befindet sich, beiläufig bemerkt, im Museum für Hamburgische Geschichte. Dort entdeckte ich auch ein ungerahmtes Bild auf großer Leinewand, vom Maler F. L. Heiser bei Anlaß eines Quartierjubiläums angefertigt, mit Darstellung zweier Quartiersleute und der Unterschrift 1701-1869. Ich würde solches hier wiedergegeben haben, wenn die angebliche Tracht von 1701 nicht in eine weit spätere Zeit gesetzt werden müßte.
In neuerer Zeit lieferte Borcherdt (II. 286 f.) eine gute Studie über den Gegenstand. Falsch ist darin, daß die Quartiersleute ihren Kunden den Lohn der Hülfsarbeiter in Rechnung gestellt hätten. Der ging immer aus ihrer eigenen Tasche, denn sie übernahmen ja die Arbeit zu festen Sätzen. Das gute Bild eines Quartiersmanns in alter Tracht erscheint auf dem Umschlag seines Buches. -- Sternhagen (7 f.) führte in Gestalt des Peter Voß den Quartiersmann ein, „den Vertreter der Hamburger Kaufmannschaft, der sich in ihrem Dienst zu allen Zeiten zu Wohlhabenheit und zu besonderen Ehren erhoben habe“, läßt uns aber von seinem Geschäftsbetrieb nichts erfahren. Nicht zutreffend ist die Behauptung (28), mit „Koptein“ würden nur die „Konsorten“ angeredet. Dieser Titel kam sämtlichen Teilhabern des Quartiers zu. -- Rat ~Dr.~ Voigt (Mitt. V. 488 f.) hält es bei Besprechung eines alten Kontraktes für möglich, und ~Dr.~ Obst (Hamburger Fremdenblatt 17. Nov. 1905 und „Aus Hamburgs Lehrjahren“ 135 f.) scheint geneigt, sich ihm anzuschließen, daß diese Vereinigungen aus den Knevelkarrenführern hervorgegangen sein könnten. Mir ist dies höchst unwahrscheinlich, denn zum Quartiersmannsberuf eigneten sich nur solche Leute, die mit Behandlung von Waren, Packen usw. Bescheid wußten, also schon auf Speichern gearbeitet hatten. So wenig wie etwa die Ewerführer konnten die Kneveler für solche Beschäftigung gebraucht werden, denn sie hatten nichts weiter gelernt, als ihre Karre zu beladen und zu ziehen. -- Jünger 12 f. und 22 f. bringt ausführliches über die Quartiersleute.
Ich sagte vorhin, es sei zu bedauern, daß keiner aus der Mitte der Quartiersleute über seinen Stand geschrieben habe. Einer allerdings hat eine Ausnahme gemacht, Herr J. D. J. Pingel senior, der im Jahre 1880 ein hübsches Folioblatt „Hamburger Quartiersleute“ herausgab, das offenbar als Wandschmuck gedacht ist. Er liefert wenigstens einige Andeutungen über ihr Verhältnis zur Kaufmannschaft und die Art ihrer Beschäftigung und zählt zum Schluß etwa 80 Ökelnamen auf, die später von ~Dr.~ Borcherdt und anderen wieder abgedruckt wurden. Da die meisten, die in neuerer Zeit über den Gegenstand geschrieben haben, aus diesem Blatte ihre Kenntnisse geschöpft haben dürften (wie ihre Vorgänger aus Morasch und Schütze) und solches außerdem recht selten geworden ist, bringe ich es vollständig am Schluß dieses Heftes.
Um nichts auszulassen von dem, was ich gefunden habe, sei noch erwähnt, daß in zwei Volksstücken der Quartiersmann eine Rolle spielte. In „Hamburger Pillen“ von Schindler und Brünner (1870) trat bei Karl Schultze der 80jährige Quartiersmann Peter Bostelmann auf (Gaedertz II. 173 f.) und auf derselben Bühne im Jahre 1882 ein Quartiersmann Cords in Schreyer und Hirschels „Hamburg an der Alster“ (Gaedertz II. 262).
Diese Nachrichten sind dürftig. Es mögen noch einige weitere zu finden sein, irgendwie belangreiche aber schwerlich, es sei denn, daß Privataufzeichnungen ans Licht kämen.
Wie und zu welcher Zeit haben wir uns nun das Entstehen des ersten „Quartiers“ zu denken? Nach meiner Ansicht dürfen wir uns das ohne irgendwelche Anknüpfung an eine schon vorhanden gewesene Organisation vorstellen. Wie so manches im kaufmännischen Betriebe sich auf leisen Anstoß entwickelt, wenn die Zeit dafür da ist, so auch hier. Ein paar unternehmende tüchtige Arbeiter haben sich zunächst einmal zusammengetan, um auf Empfehlungen gestützt und auf ihr ehrliches Gesicht hin den Versuch zu machen, solche Kunden zu gewinnen, für die sich die Anstellung eigener Hausküper und Speicherleute nicht lohnte. Als sich gute Erfolge ergaben, haben sie allmählich Nachahmer gefunden. Ähnlich so ging es im sechzehnten Jahrhundert mit der Einführung des Maklergewerbes in Hamburg (Ehrenberg 313, 317) und in neuerer Zeit beim Stande der Warenagenten. In den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts mußte man einen solchen mit der Laterne suchen. Und jetzt? Wie Sand am Meer sind sie zu finden! Abgesehen davon, daß die Umsätze früher weit kleiner waren, besaß jeder Kaufmann für Bezüge von auswärts oder Abladungen dahin seine festen Verbindungen, mit denen auch häufig für gemeinschaftliche Rechnung oder in Form von Aussendung auf eigene Gefahr gearbeitet wurde. Eines Vermittlers bedurfte man also nicht. Als die ersten schüchternen Versuche gemacht wurden, sich solcher zu bedienen, sahen die altbegründeten Firmen das beinahe als unlauteren Wettbewerb an. Ähnlich so werden anfangs die großen Kaufherrn mit eingeübtem Personal sich durchaus nicht angenehm berührt gefunden haben, als kleine neue Häuser in den „Packern“ eine Stütze fanden und ihnen nun oftmals durch Wettbewerb, wie sie ihn früher nicht gekannt hatten, das Leben sauer machten.
Wann aber dürfen wir die Entstehung des ersten Quartiers annehmen? Ich glaube der Antwort ziemlich nahe gekommen zu sein. In den Hamburger Kämmereirechnungen vom Jahre 1508 heißt es (Koppmann V. 66), daß für Erwerb des Bürgerrechts u. a. eingegangen seien 46 ℔ 6 ß ~de 39 packers~ (richtig müßte es lauten: 46 ℔ 16 ß, da der Satz 1 ℔ 4 ß der Kopf war). Koppmann vermutet, wohl mit Recht, daß Packer bis dahin überhaupt nicht Bürger zu werden brauchten, aber 1508 sämtlich auf einmal hierzu veranlaßt wurden (VII. S. XLVI.). Da in einem Vertrage von 1693 die Quartiersleute sich als „Compagnions-Packer“ bezeichnen, so ist bestimmt anzunehmen, daß die „Packer“ von 1508 ihre Vorläufer waren. Vielleicht legte man diesen den Zwang des Bürgerwerdens auf, um unliebsame Elemente fernzuhalten, wie aus ähnlichem Grunde die Hausküper und Quartiersleute später darauf bestanden haben, daß die Lüd’ von de Eck Hamburger Bürger sein mußten. Außerdem erfuhr möglicherweise das Institut der Packer grade um jene Zeit eine starke Ausdehnung, da infolge eines Krieges zwischen Lübeck und Dänemark „der Sunt geschlossen und die Ostsehe ganz unsicher war, daz die Hollender, Brabanter und andere nationes mit iren gutern gen Hamburg kamen; und hat auf das mal die stat an kaufmanschaft sich merklich gebessert und vermeret“ (Tratziger 252, vergl auch Lappenberg 294).
Wenn wir annehmen dürfen, die einzelne Genossenschaft der Packer habe schon 1508 aus vier Teilhabern bestanden, so wären damals bereits zehn Quartiere vorhanden gewesen: bei dem Umfange der Unternehmungen immerhin eine stattliche Zahl. Ohne Zweifel sind sie ganz allmählich entstanden. Wir irren vielleicht nicht, wenn wir die erste Gründung in das vierzehnte Jahrhundert setzen, wo infolge der großartig entwickelten Bierausfuhr sich hier in immer steigender Anzahl solche Geschäftsleute eingefunden haben mögen, die mit den rückkehrenden Schiffen Waren aller Art bezogen, deren Vertrieb ihnen die Packer ermöglichten. Die ursprüngliche Zusammensetzung der Quartiere können wir uns dann etwa so denken, daß der „Baas“, der ihnen den Namen gab, auch die Kontrakte entwarf und die Rechnung führte, ein „Scholer“ war, während seine „Konsorten“ sich aus ehemaligen „Knechten“ des Kaufmanns rekrutierten. In späterer Zeit mögen sich häufig Küper zu ihnen gesellt haben, als dies Gewerbe infolge Sinkens des Brauereibetriebes zurückging.
Übrigens sind auch Träger und Kohlenträger um die Wende des 16. Jahrhunderts veranlaßt worden, sämtlich auf einmal das Bürgerrecht zu erwerben (Koppmann IV. 343, 373), nur daß man diese zu ermäßigtem Satz zuließ. Vermutlich war ihr Verdienst ein weit geringerer als der der Packer (Koppmann VII. S. XLVI.).
In späteren Nachrichten ist, soviel mir bekannt, nichts über die Packer zu finden. Nur werden unter den zwischen 1591 und 1602 in Hamburg eingewanderten niederländischen Reformierten vier Packer, ~Paqueurs~, mit Namen aufgeführt, sowie fünf weitere ~Paqueurs~, die sich gleichzeitig in Stade niederließen (Mitt. 6. Jahrgang 35, 38).