Part 2
Zum Weiterbewegen von Waren innerhalb des Lagers benutzte man die +Kaar+ oder +Spikerkaar+, bestehend aus zwei miteinander verbundenen langen Hebelarmen mit löffelförmigem Eisen am unteren Ende, woran zwei kleine Eisenräder befestigt waren. Mit ihrer Hülfe schaffte man auch Kolli über die +Brügg+ auf den Wagen; das war eine breite Planke aus Holzbohlen mit einer Klammer, die auf dessen Bordwand paßte. Fässer rollte man auf der +Striekledder+ hinüber (zuweilen, aber seltener, auch +Schroodledder+ genannt), einer Leiter ohne Sprossen, bestehend aus zwei Bäumen, die oben und unten durch Klammern aus Holz oder Eisen zusammengehalten wurden. Sie diente auch, um Fässer über Treppenstufen zu befördern. -- Galt es besonders schwere Kolli von der Stelle zu rücken, so benutzte man den +Kohfoot+, eine dicke meterlange Eisenstange, vorn umgebogen und gespalten. Mußten gewichtige Kisten behufs Weiterbewegung angepackt werden, so diente dazu der +Handhaken+, für dicke Säcke der kleinere +Griper+. An sonstigem Gerät fand sich zunächst der +Snitzer+, ein kantig geschliffenes Messer, womit man in Holzbänder, die dabei in der linken Hand und unterm Arm ruhten, länglich viereckige Ausschnitte, +Schränke+ oder +Slott+, kerbte. Wurden diese dann ineinander gehakt, so war der feste Reifen gebildet, den man mittels des +Drivholts+ oder +Fuustholts+, eines hölzernen Treibkeils, und des +Deessels+ auf das Faß trieb. (Früher hieß es die Deessel, jetzt hört man durchweg +der+ Deessel.) Man benutzte dieses beilförmige Werkzeug auch zum Ausdeesseln von Fässern und beim Verspunden derselben, um das überflüssige Holz des Spundes und die Spundlappen zu entfernen, sowie den +Häringsdeessel+, von länglicher Form, um Häringstonnen zu öffnen. -- Galt es, +isern Bann+ (Eisenreifen) auf Fässern zu treiben, so diente das +Drievisen+ oder die +Setz+, ein eiserner Treibkeil, und der +Setzhamer+. -- Ein kurzes Brecheisen, de +Resiensnadel+, vorn umgebogen und gespalten, wurde angewendet, um fest gepackte Waren aus ihrer Verbindung zu lockern, Fässer zu öffnen, Deckel der Kisten zu lösen, Nägel zu ziehen und die +Inbann+ loszubrechen, Holzbänder, die zur Sicherung der Böden in die Krösen der Fässer genagelt waren.
Zur Entnahme trockener Proben hatte man den +Löper+, eine an beiden Seiten offene Metallhülse, deren spitzer zulaufendes Ende man in den Sack stieß, um aus dem anderen die Probe schlank in einen untergehaltenen Beutel laufen zu sehen. Es gab deren verschiedene Arten. Solche mit ganz spitz zulaufender Öffnung dienten für Zucker, Reis, Saaten usw. Man konnte dann das entstandene kleine Loch durch Zusammenziehen der Fäden wieder dichten. Für Kaffee mußte die Öffnung natürlich weiter sein, wieder andere benutzte man bei mehlförmigen Waren. Für Flüssigkeiten diente der +Steker+, +Provensteker+, auch +Suger+ genannt, ein Stechheber, der angesogen und, wenn gefüllt, durch den Daumen oben geschlossen wurde. Butterproben zog man mittels des +Botterisens+, einer eisernen Hülse, deren eine Seite offen war. -- Um alte Marken wegzukratzen, nahm man die +Schaav+ zur Hand, für Kisten ein gebogenes Schabeisen mit zwei Holzgriffen, für Fässer ein dreieckiges flaches Eisen, in dessen Mitte ein Holzstiel eingelassen war. -- Als Behälter für +allerhand Smeerkram+ fand sich in irgend einer Ecke die +Sappskeek+ (Sapp ist Saft, mit der Nebenbedeutung schmierig). -- Waren Säcke auszubessern, so diente dazu das +Neihgaarn+ oder +Drahtneihgaarn+ (starker Bindfaden, +Dreedraht+ oder +Veerdraht+, je nach der Zusammensetzung) sowie eine dreikantige +Nadel+, meistens aber, besonders für dicke +Rappertsakken+ (engl. ~wrapper~), die +Sninadel+ mit scharfer Schneide, die besser durchging und womit der Faden gleich abgeschnitten werden konnte. -- Die meisten dieser Gebrauchsgegenstände werden, beiläufig bemerkt, noch heute angewendet, indessen benutzt man auch vielfach schon Werkzeug nach amerikanischer Art, das gleichzeitig verschiedenen Zwecken dient.
Über die vorkommenden Packungen der Waren, wie sie die Fremde liefert (Seronen, Gonjes usw.), ist wenig von Interesse zu melden. Im Fruchthandel gibt es +Siffen+, Körbe für etwa 23 Pfund Äpfel, und +Hamper+ für 120 Pfund. +Kreet+ oder +Kreets+ (zuweilen in der Mehrzahl +Kreetsen+ genannt), ist eine lattenförmige Umhüllung für Glaswaren und manche andere Gegenstände. Sie wird auch wohl aus Hasel-, Weiden- oder knorrigem Eichenholz geflochten und genagelt. Solche Kreets sind zum großen Leidwesen der Speicherarbeiter nach der Leerung nicht einmal als Feuerungsholz zu verwenden. Laut Doornkaat wird mit Kreet auch der Wagenkorb aus Latten und Sparren bezeichnet, der zum Heufahren früher allgemein gebräuchlich war. Die zylinderförmigen leinenumhüllten Kanehlpacken heißen +Fardehl+ (span. ~fardillo~). Eine der zahlreichen stehenden Redewendungen lautet: „+Ick sall bi di en fideles Kameel empfangen+“ (statt ein Fardehl Kanehl).
Im Speicher waren Mäuse häufige Gäste. Es wurden daher immer Katzen gehalten oder vielmehr Kater. Ein Loch unten in der Tür des Erdgeschosses gestattete ihnen den Weg ins Freie, um etwa auf dem Hofe einen Spatzen zu belauern oder zur richtigen Stunde bei einer gutherzigen Fischfrau das Leibgericht zu erbetteln. Selbst auf solchen Speichern, wo ausschließlich Waren lagerten, die für Nager kein Interesse boten, pflegte ein Kater niemals zu fehlen; der gehörte einmal dazu. Man bewahrte die guten Tiere schonend vor jeder Leidenschaft. Hin und wieder nagelte man auch wohl an irgendeinem Balken fest, was sie zu diesem Zweck eingebüßt hatten und glaubte sie dadurch ihr lebelang an den Speicher zu fesseln. -- Auch Ratten verirrten sich häufig auf die Lagerböden. Man behauptet mit Bestimmtheit, daß sie an den Mauern emporgeklommen seien, wenn sie besondere Leckerbissen, z. B. Walnüsse, witterten. War das +Fallreep+ hängen geblieben, ein Strick, an dem der Ewerführer nach beendeter Arbeit in den Speicher kletterte, so diente es auch oft den Ratten für ihre Besuche. Zum Wegfangen ihrer Jungen stellte man die +Rottenheck+ auf, ein Gerüst mit Zellen, worin sie ihre Brut ablegten.
Alleinherrscher im alten Kaufmannsspeicher war der +Huusküper+, meistens wirklich ein gelernter Küper (Böttcher). In älterer Zeit kannte man als Packungen für die Waren, neben geschnürten Ballen, vorzugsweise Fässer oder Tonnen (Nirrnheim LXXIX., Steinhausen: Abbildungen 53, 54 und Beilage 6 und 11), wie auch in einem Lehrbuche des angehenden Kaufmanns vom Jahre 1715 (Steinhausen 105) die Überwachung des Zeichnens von Ballen und Fässern dem Lehrling als eine seiner Arbeiten vorgeschrieben wird. Von Kisten ist nie, von Säcken nur selten die Rede. Alles mögliche wurde in den Fässern zusammen verpackt, z. B. um 1380 dreizehn Schinken, eine Hoyke (Mantel) und zwei Stücke „Schlagdokes“, wollene Decken, die zum Einwickeln von Tuch gedient hatten (Nirrnheim I. 652 und LXIV.). Es war somit notwendig, daß der Hausküper mit der Herstellung sowie dem Packen und Auspacken von Fässern genau vertraut war. Im allgemeinen war nur das Lager sein Bereich, aber in kleineren Betrieben besorgte er auch wohl allerlei Arbeiten für den Haushalt, klopfte Zeug und wichste Stiefel, schöpfte Wasser zum Scheuern und Waschen aus dem Fleet, besorgte Wege fürs Kontor, fütterte die Katzen mit +Panzen+ (Magen) und war ein großer Freund der Kinder vom Hause. Durchweg trug er ledernes Schurzfell mit Leibriemen, an dem vorn eine kleine Messingtonne als Schild prangte. Im Winter sah man ihn vielfach in pelzbesetzter Mütze mit Quaste, als Zeichen seines Amtes, wie er zu sagen pflegte. (Vgl. Hertz 33 f.)
Der Hausküper hörte es gern, wenn man ihn „+Koptein+“ anredete, indessen bestreiten ihm die „Quartiersleute“ das Recht auf diesen Titel: ausschließlich ihnen gebühre solcher, da sie unabhängig daständen, während der Hausküper nur ein auf Kündigung Angestellter sei. Im Besitz der Schlüssel war dieser für alles verantwortlich, auch für die +Arbeidslüd’+, die gegen festen Wochenlohn unter ihm tätig waren, wie für Gelegenheitshülfe, die er im Tagelohn annahm. Solch’ vorübergehende Arbeit hieß eine +Hüür+ im Gegensatz zu +Bahntje+ für feste Anstellung. Der Hausküper sorgte für das Aufbringen, Einwägen und zweckmäßige Wegstauen der Waren, für Marken und Ummarken der Kolli sowie für ihre Ablieferung, weiter für rechtzeitiges Umstapeln von Sachen, die dem Verderb unterlagen, kurz für alles, was der Lagerbetrieb erheischen mochte. Nebenbei entwickelte er eine staunenerregende Warenkenntnis bei Empfang und Ablieferung. -- War es erforderlich, so erschien er wohl gelegentlich bei seinem Geschäftsherrn an der Börse, sonst jedenfalls abends regelmäßig am Kontor, um dort Rechenschaft abzulegen und neue Vorschriften entgegenzunehmen. Das +Gewichtbook+, das er dabei überbrachte, war in großen Betrieben in verschiedenfarbigen Einbänden vorhanden, etwa in gelb für eingehende und in blau für abgelieferte Partien. Von jedem hatte man zwei Exemplare, wovon eins bis zum nächsten Abend am Kontor verblieb, um danach Rechnungen auszustellen oder einlaufende zu prüfen, das andere inzwischen zur Benutzung auf dem Speicher.
Gab es Arbeit, die der Hausküper nicht mit den eigenen Leuten bewältigen konnte, so holte er sich weitere Kräfte von +de Lüd’ von de Eck+. Das waren nicht etwa Gelegenheitsarbeiter in Art der berühmten „+Löwen von’n Hoppenmark+“, die nur gelegentlich Obstkörbe aus den Ewern auf den Markt schleppten und sich hauptsächlich von Schnaps ernährten, sondern sie mußten ehrbare Hamburger Bürger sein und entsprechend dem Vertrauen, das man in sie setzte, streng auf Standesehre halten. Keineswegs konnte sich jeder beliebig zu ihnen gesellen. Er mußte guten Leumund besitzen und in aller Form um seine Aufnahme ersuchen. War solche zugestanden, so wurde er ins Buch eingetragen, das jede „Ecke“ führte, nachdem er „+en Daler oder twe as Inspringelgeld+“ erlegt hatte. Der Hausküper war, um solche +Spikerarbeiders+ oder +Spikerlüd’+ anzuwerben, je nach der Lage seines Speichers auf eine bestimmte Ecke angewiesen; erst wenn hier niemand zu finden war, durfte er sich weiter umsehen. Die „Ecken“ hatten ihre festen Bezeichnungen: +de Englännereck+ (Katharinenstraße), +de Wandrahmseck+, +de Pickeck+ (Rödingsmarkt-Steintwiete) usw. und standen in Verbindung mit einer +Köhminsel+, einer bestimmten Destillation (Schnaps- und Bierausschank), wo der Hausküper zunächst einzukehren hatte, wenn er an der Ecke keine Leute antraf. Bei diesem +Kröger+ war den Lüd’ von de Eck’ das Recht eingeräumt, statt einzelner Schnäpse zum Sechsling (3¾ Pf.) das Glas, eine Flasche für drei Schilling (22½ Pf.) zu erstehen und in einem Hinterzimmer zu vertilgen. Traf der Hausküper sie gerade bei einer frischen Pulle an oder wurde eine solche auf dem Speicher „ausgegeben“, so gebührte ihm der erste Schluck. „+Een’n utgeven+“ kam auf dem Lager nicht selten vor, sei es daß der Geschäftsherr sich blicken ließ oder daß Makler, Agenten oder Käufer dort zu tun hatten. Als zarter +Wink mit’n Lüchtenpahl+ diente dann wohl: „Is mal +dröge Luft+“ oder „+dat stöft hier bannig+“. War sonst niemand da, den man um Getränk ansprechen konnte, so meinte wohl einer der Arbeiter: „+Wöhlt wi nich en Lütten passen?+“ d. h. es sollte zusammengeschossen werden, um Alkohol anzuschaffen. Kam dann gerade ein junger Mann vom Kontor darüber zu, so erwartete man, daß er sich in hervorragender Weise beteiligte. Dafür durfte er den ersten Schluck aus dem Glase tun, das nachher die Reihe herum ging. -- Es wurde früher recht häufig getrunken, wenn auch nicht viel zur Zeit. Bei Ablieferung von Waren hatte der empfangende Hausküper oder Quartiersmann, wenn es sich nicht um ganz kleine Partien handelte, den Arbeitern gleichfalls einen auszugeben, und zwar wurde dies +op de halven+ beansprucht, d. h. wenn die Hälfte der Partie abgeliefert war. Morgens vor 8 Uhr wurde „+en Sweizer+“ für das Geld geholt, nach 8 Uhr Kümmel und Flaschenbier. Der Verwalter des Getränks wurde +Buddelör+ genannt. Das gewöhnliche Schnapsgemisch war +Köhm un Grön+ d. i. Kümmel und Wermut. Beim Sweizer kam noch Pfeffermünz hinzu. „+Lat uns mal en lüttje Sweizerreis’ maken!+“ hieß es wohl. Besonders geschätzt war das Helmerssche Erzeugnis; daher: „+Hal mal een von Helmers sien!+“ oder „+Dat ’s woll Helmers sien?+“ (mit Anklang an Hennessy). Die Höhe des betreffenden Trinkgeldes, das zuweilen auch je zur Hälfte vom Ablieferer und Empfänger getragen wurde, richtete sich ungefähr nach der Größe der abgelieferten Partie. Man rechnete z. B. bei 50 Sack Kaffee vier Schilling (30 Pf.), bei 100 Sack das Doppelte. -- Wollte man Köhm un Beer in einer Wirtschaft genießen, so forderte man „+Lütt un lütt+“, d. h. en lütt Glas Köhm un en lütt Glas Beer. Das kostete zusammen einen Schilling (7½ Pf.). Es gibt noch heute viele Wirtschaften, wo je 2 Glas Lütt un Lütt für 15 Pf. geliefert werden. War man dann gemütlich im Schnacken, so hieß es bald: „+Op een Been kann man nich stahn!+“ Solcher Redensarten, die sich natürlich nicht auf die Speicherarbeiter beschränken, ließen sich noch manche sammeln. „+Eenmal vergebens un denn mit alle Mann+“ rief man bei einer Arbeit, wo alle Kräfte anzuspannen waren. Wollte man eine Arbeit aufgeben, so hieß es: „+Lat uns man in’n Sack hauen!+“ Stand einer müßig herum, so sagte man wohl: „+Breek di man nich de Hann’ in de Tasch af+“ oder man fragte: „+Na, puulst in’e Nees?+“ und erhielt vielleicht zur Antwort: „+Djä, ick kann mi mit’n lütt Stück Arbeit lang behelpen+“. Ein dritter meinte dann dazu: „+Worto hett man denn de Been, as um de Arbeit ut’n Weg to gahn.+“ Allerhand Ökelnamen für andere Beschäftigungen gibt es auch. +Rümdriewer+ heißt der Böttcher, weil er beim Antreiben der Bänder ums Faß eilt. Daher auch: „+He löppt as so’n Fattbinner+“ (Korr. Bl. 23,57 u. 33,43). Die Zollbeamten nennt man +Tollmus’kanten+, +Grashüpper+ und +Grönröck+, die Kontoristen +Fedderveeh+ und +Kantorknüppel+, den jungen Kommis, der Muster entnahm, +Provenrieder+ usw.
Solange sie unbeschäftigt waren, trugen die Lüd’ von de Eck sauberen dunklen Anzug, Schurzfell und schwarzen Zylinder. Waren sie für Arbeit angenommen, so legten sie hohen Hut, Jacke und Schurzfell ab und zogen zum Schutz gegen Staub eine wollene oder baumwollene Mütze, die „Mudder“ aus alten Stoffresten angefertigt hatte, die +Klottje+, Über den Schädel, sowie ein +Busseruuntje+, eine Art Bluse, als Arbeitsgewand über den Oberkörper. (Klottje aus dem französischen ~calotte~, gleich Käppchen.) Zu Busseruuntje erklärt Schütze, daß diese Bezeichnung aus dem Holländischen stamme und gleichbedeutend mit +Schanslöper+ sei. (Vergl. Goedel 57.) Vorn über den Leib kam außerdem die Hälfte eines alten Kaffeesackes, die durch Bänder auf dem Rücken befestigt war. Der Hausküper war vornehmer, er trug bei der Arbeit die Hälfte eines weißen Saatsackes ohne Naht, der dann jeden Sonnabend in die Wäsche kam.
Die obige, etwas flüchtig hingeworfene Skizze aus meiner Sammlung entstammt den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und zeigt einige Lüd’ von de Eck in der damaligen Tracht. Der Zeichner, +W. Lühring+, war damals bei der hiesigen Häutefirma George Maltz u. Co. als Handlungsdiener tätig. -- Man beachte, daß der Schuster sowohl wie die Person im hohen Hut (vielleicht ein Quartiersmann) kurze Kalkpfeifen rauchen, deren man 8 Stück für einen Schilling erhielt.
In ähnlicher Weise wie bisher berichtet ging im Speicherbetrieb alles streng nach genauer Ordnung vor sich. Beim Aufwinden von Waren galt z. B. der feste Satz von 80 Pfund Leistung auf den Mann, wenn sie den ganzen Tag zu arbeiten hatten; sonst konnten sie es auch bis zu 300 Pfund bringen. Ebenso behielt jeder mit seinen Händen den Platz am Windetau, den +Löpers+, den er zu Anfang eingenommen hatte. Diese Löpers, zwei starke Taue ohne Ende, liefen durch Löcher im Fußboden durch alle Stockwerke des Speichers und dienten dazu, eine Holzrolle auf dem Spitzböhn in Umschwung zu bringen, auf der sich das starke Tragetau, der +Dreger+, auf- oder abwickelte. Zu solchem Zwecke hatte diese Welle, der +Winnbohm+ oder +Wellbohm+, an beiden Enden +Rööd+, Wellräder, deren Kranz mit Doppelzacken versehen war, in die die Löpers sich klemmten. Das Ende des Dregers war über den außen hohlen Rand der +Kausch+ gespleißt, ein Eisenring, in dem der eiserne +Haken+ hing. (Kausch heißt auf der Elbinsel Finkenwärder das Segelöhr.) Über den Haken hinweg wallte das aufgerebbelte Ende des Dregers, der +P’rükenkopp+, der dazu diente, die Feuchtigkeit ablaufen zu lassen. Außerdem ermittelte man gelegentlich, ob dies äußerste Stück des Dregers noch haltbar sei, indem man einzelne Strähne des P’rükenkopps auf ihre Widerstandsfähigkeit prüfte. Zeigten sie sich mürbe, so wurde ein Stück des Dregers weggeschnitten und das neue Ende wieder Über die Kausch gespleißt.
Als Zurufe bei der Arbeit des Auf- und Abwindens herrschten hergebrachte Ausdrücke. Der Hausküper, oder, wenn er sich vertreten ließ, der +Lukenvice+, rief den an den Löpers angestellten Arbeitern von der Luke aus seine Anordnungen zu. War unten in der Schute die Ware am Haken befestigt (+anslahn+), so hieß es: „+Sso, winn’ op!+“ oder „+Hüüs’ op!+“ (vergl. hissen, heißen, z. B. der Flagge), auch wohl „+Hiev op!+“ (an Schiffsbord: „Anker hieven“). Hatte die Last seine Luke erreicht, so rief er „+Haaah+“ (helles a wie in Rabe), worauf die Löpers über den +Knaggen+ geworfen werden mußten, damit infolge vergrößerter Reibung je ein Mann die Last schwebend erhalten konnte, während die übrigen sich mit an die Luke begaben, um sie hereinzuziehen. Der Knaggen, auch +Achtersmiter+ oder +Hemmhaken+ genannt, war ein am Pfeiler neben den Löpers befestigtes starkes Brett, meistens Buchsbaumholz, woraus man ein länglich rundes Stück weggeschnitten hatte. In die entstandene Höhlung paßten die Löpers. Fand man einen kräftigen Baumast, der sich für den Zweck eignete, so nahm man ihn noch lieber. Innerhalb der mit Haspelwinde versehenen alten Kaufmannshäuser vertraten häufig zwei eiserne +Wandhaken+ nebeneinander die Stelle des Knaggens. War nur ein einziger vorhanden, so wurden die Löpers zweimal hinübergeworfen, weil sonst an den glatten Eisen nicht genügend Reibung entstanden wäre. Dies brachte indessen starke Abnutzung des Windetaues mit sich. -- Beim Rufe „+Striek wat!+“ wurde das Hereinziehen der Last durch Nachgeben der Löpers ermöglicht, bei „+Los!+“ ließ man diese fahren. (Strieken ist ein altes Wort mit großer Zahl von Bedeutungen; hier „nachlassen“, „nachgeben“. Wenn die hochdeutsche Sprache sich mehr um ihre ebenbürtige niederdeutsche Schwester bekümmern wollte, hätten wir statt des Streiks den „Striek“ gehabt, also ein gut deutsches Wort.) -- War der Haken befreit, so mußten die Löpers auf „+Sla los!+“ oder „+Smiet los!+“ vom Knaggen herabgehoben werden, um den Dreger in kräftigen Zügen wieder nach unten zu befördern. Die +Läng’+ oder +Längde+ wurde zu neuer Verwendung hinterhergeworfen, nachdem der Mann in der Schute gewarnt worden war, sich nicht vom Platz zu rühren, durch „+Fast dar nerrn!+“ oder „+Waarscho!+“ oder „+Ünnerruut!+“ und geantwortet hatte: „+Smiet!+“ (Nerrn, früher nedden -- unten, Waarscho = Acht geben. Wenn Goedel im Quickbornbuch 9 S. 19 meldet, dies Wort sei in Kiel von der Marine wieder in den Sprachschatz der Stadtbevölkerung übergegangen, so kann ich dem gegenüber feststellen, daß es in Hamburg nie außer Übung gekommen ist.) Inzwischen wurden Kisten oder Säcke aus dem Wege geräumt, um für die nächste Ankunft Platz zu haben. Wurden sie später aufgestapelt, so lautete das Kommando: „+Hoch op!+“, „+Höger rop!+“ und „+Hoch!+“, je nachdem Knie- oder Ellbogenhöhe oder endlich volle Höhe erreicht war. -- Zu Läng’ ist zu bemerken, daß dies ein zusammengespleißtes Hanftau ohne Ende war, das man niederlegte, um darauf eine Anzahl Säcke oder Kisten aufzubauen. Dann wurde die Schlinge des längeren Endes durch die kürzere gezogen, diese fest heruntergedrückt und die längere in den Haken gehängt. Hatte das Aufwinden begonnen, so mußte das kurze Ende noch weiter niedergepreßt werden, damit die Ware nicht herausschießen konnte. Ein Ewerführer, der eine +Hieve+ Rosinen in Säcken vielleicht nicht fest genug eingeschlagen hatte, sah sie herabstürzen, bevor sie die Luke erreicht hatte, konnte aber noch rechtzeitig beiseite springen und rief dann in gut gespielter Entrüstung hinauf: „+Hett jo gar keen Sinn, dat ick dat inwickel, wenn ji dat wedder dalsmiet!+“ -- Für schwere Lasten benutzte man eine kürzere und dickere Läng’, die +Stropp+, für Fässer +Hakens+, an einer Kette ohne Ende hängende gekrümmte Eisen, für Kisten, die es vertragen konnten, +Düvelsklauen+, je ein starkes gekrümmtes Doppeleisen an den Enden einer Kette.
Die Ausrufe galten mehr der Aufmerksamkeit des Ewerführers, als den Leuten an der Winde, wenn eine Ware hinabgelassen werden sollte. War sie zunächst handbreit aufgewunden, so hieß es: „+Achter!+“ (Achtärr) oder „+Maak fast!+“ oder „+Smiet achter!+“ damit die Löpers über den Knaggen geworfen wurden. Die Ware wurde nun zur Luke hinausgeschoben und schwebte frei. Auf „+Striek wat!+“ dann „+Lat reisen!+“ oder „+Los lat fallen!+“ auch wohl „+Los lat strieken!+“ ließ man dann die Löpers durch die Hände gleiten, die durch Sackleinen geschützt waren, während der Knaggen durch die Reibung genügend hemmte, um die Last immer in der Gewalt zu behalten. Schien sie nahe dem Ziel, so mußte auf „+Sinnig!+“ (+Sinniiich+) angehalten werden, bis der Ewerführer sie nah dem Punkte hingezogen hatte, wo er sie aufzustapeln gedachte. Auf „+Striek!+“ oder „+Los lat strieken!+“ oder „+Los lat scheeten!+“ mußten die Löpers rasch nachgegeben werden, bei „+Achterruut!+“ waren sie vom Knaggen abzuheben, um den Dreger wieder aufzuwinden. Wenn wir als Jungens beim Winden helfen durften, machte die Betonung „Los lat scheetennnn!“ besonders starken Eindruck.
Die Löpers waren natürlich durch alle Böden hindurch von den Knaggen freizuhalten, wenn gewunden werden sollte. Im Sommer dehnten sie sich und schleiften dann im Raum, dem untersten Boden, während der Windearbeit in tollen Kapriolen auf dem Fußboden hin und her. Paßte man in der herrschenden Dunkelheit nicht auf, so hatte man die schönste Gelegenheit, darin verstrickt und vielleicht gar stranguliert zu werden. Die Finsternis in sämtlichen Räumen des Speichers pflegte undurchdringlich zu sein, wenn die Luken geschlossen waren, denn die aufgestapelten Waren nahmen das bißchen Tageslicht weg, das durch die Fenster Einlaß fand. Dies um so mehr, als die Speicher häufig schmal und sehr tief waren. Man hielt das der Erhaltung der Waren zuträglicher, als wenn Licht und Luft Zutritt hatten, auch konnte man häufig feststellen, daß die Partien das Gewicht, das sie vielleicht während der Reise eingebüßt hatten, bei längerer Lagerung wiedergewannen. Aus diesem Grunde schüttelte manch alter Praktiker den Kopf, als er die größere Breite und viel geringere Tiefe sah, die man den neuen Speichern im Freihafen gegeben hatte. -- Mußte man auf dem Speicher eine Ware ansehen, so pflegte der führende Arbeiter, der auch im Dunkeln Schritt und Tritt kannte, einem oftmals die Hand zu reichen, damit man sich durchwinden konnte.
Der größte Teil der Ausrufe, die ich hier wiedergegeben habe, fällt bei den elektrischen oder hydraulischen Winden der Neuzeit fort und wird durch Handbewegungen ersetzt. Erwähnt mag bei dieser Gelegenheit noch werden, daß schon um 1865 der Versuch gemacht wurde, die mühselige Handarbeit beim Aufwinden der Kaufmannsgüter durch eine Dampfwinde zu ersetzen, die man in der Schute aufstellte. Es erhob sich aber so lebhafter Widerspruch seitens der Arbeiter gegen eine solche Neuerung, die ihnen das Brot nehmen würde, daß man bald hiervon zurückkam.