Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen sowie regional gefärbte Ausdrücke bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Begriffe wurden nicht korrigiert.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
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Quickborn-Bücher / 2. Band
Das Speicherbuch
Für den „Quickborn“ in Hamburg
herausgegeben von
Johs. E. Rabe
Dritte, überarbeitete Auflage (6.-10. Tausend) des Buches „Von alten hamburgischen Speichern und ihren Leuten“.
Umschlagzeichnung von Hans Förster, Bilder im Buche von Carl Schildt, Christian Förster und W. Lühring in Hamburg. Bildstöcke von Carl Griese in Hamburg. Druck von J. J. Augustin in Glückstadt und Hamburg.
Seit dem Eintritt Hamburgs in das deutsche Zollgebiet wird der größte Teil unserer überseeischen Einfuhr im neugeschaffenen Freihafenviertel gelagert, während für unsere alten Speicher nur noch geringer Bedarf verbleibt. Sie sind daher vielfach schon abgerissen worden, um neuartigen Geschäftshäusern Platz zu machen, die durch zahlreiche behagliche Schreibstuben und helle, weite Lagerräume für deutsche oder zollfreie Waren, sowie durch ausgedehnte Werkstätten Aussicht auf gute Verwertung bieten. Die wenigen, die nach Wiederkehr besserer Zeiten noch eine Weile ihr Dasein fristen mögen, haben im Innern meistens so durchgreifende Umwälzungen erfahren, daß man den früheren Zustand kaum noch zu ahnen vermag. Aber auch andere Veränderungen machen sich im Hamburger Geschäftsviertel bemerkbar. Der Betrieb spielt sich durch neue Hülfsmittel und Erleichterungen nicht mehr in derselben schwerfälligen und mühseligen Weise ab wie früher und schon dadurch wird auch der Menschenschlag ein anderer, den wir bei der Arbeit treffen, ganz abgesehen von sonstigen neuzeitlichen Verhältnissen und Ansprüchen. Endlich aber ist erklärlicher Weise eine ganze Reihe niederdeutscher Bezeichnungen, Redewendungen und Ausdrücke im Verschwinden begriffen, weil sie in die Jetztzeit nicht mehr so recht hineinpassen wollen. Hiervon mitzuteilen, so viel ihm aus seinen Hamburger Erfahrungen noch gegenwärtig war, hat Herr Walter Redslob in Temuco (Chile) im Korrespondenzblatt des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung 32 S. 55 f. unternommen, was dann zu gegenwärtiger Arbeit für den „Quickborn“ den ersten Anstoß gab.
Ich habe versucht, das Bild des Lebens und Treibens in unseren alten Speichern vor Eintritt der großen Umwälzung hier wenigstens in einigen Hauptzügen festzuhalten, durchweg auf Grund eigener Erinnerungen und Forschungen, aber mit Unterstützung zahlreicher Freunde, denen ich auch bei dieser dritten Auflage wieder vielfach zu Dank verpflichtet bin.
Hamburg, im Dezember 1916 Johs. E. Rabe
Erklärung der Abkürzungen
+Amsinck+: Die Hamburger Zuckerbäcker. In: Aus Hamburgs Vergangenheit 1. Folge
+Beneke+: Hamburgische Geschichten und Sagen, 2. Aufl. 1854
+Borcherdt+: Das lustige alte Hamburg, zweite Hälfte 1891
+Bröcker+: Der Hamburger, 1910-11
+Doornkaat+: Doornkaat-Koolmanns Wörterbuch der ostfriesischen Sprache
+Ehrenberg+: Hamburger Handel und Handelspolitik. In: Aus Hamburgs Vergangenheit
+Gaedechens+: Historische Topographie von Hamburg
+Gaedertz+: Die plattdeutsche Komödie in Hamburg im 19. Jahrhundert
+Goedel+: Quickbornbuch 9: Klar Deck überall!
+Heckscher+: Chr. Suhrs Hamburgische Trachten
+Hertz+: Paul Hertz: Unser Elternhaus. Hamb. Liebhaberbibliothek 1895
+von Heß+: Hamburg topographisch, historisch und politisch beschrieben, 2. Aufl.
+Jünger+: J. E. Rathmann & Sohn, Hamb. Roman von Nathanael Jünger
+Kopal+: Aus dem Hamburg der sechziger Jahre
+Koppmann+: Kämmereirechnungen der Stadt Hamburg
+Korr. Bl.+: Korrespondenzbl. des Ver. für Niederdeutsche Sprachforschung
+Lappenberg+: Hamburger niederdeutsche Chroniken
+Lauffer+: Stätten der Kultur: Hamburg
+Lichtwark+: Jahrbuch der Gesellschaft Hamburgischer Kunstfreunde
+Melhop+: Althamburgische Bauweise
+Mitt.+: Mitteilungen des Vereins für Hamburgische Geschichte
+Mus.+: Bericht d. Museums f. Hamb. Geschichte 1909
+Nirrnheim+: Handlungsbuch des Vicko von Geldersen
+Patriot+: Hamburgische Wochenschrift, erschienen 1724-26
+Richey+: Idiotikon Hamburgense 1755
+Rynesberch+: Geschichtsquellen des Erzstifts und der Stadt Bremen, herausgegeben von J. M. Lappenberg
+Schlüter+: Traktat von unbeweglichen Gütern 1709
+Schrader+: Hamburg vor 200 Jahren
+Schütze+: Holsteinisches Idiotikon 1800-1804
+Steinhausen+: Monographien zur deutschen Kulturgeschichte, Bd. 2: Der Kaufmann
+Sternhagen+: Ut Vadders Tiden, 4. Aufl. 1909
+Tratziger+: Chronik der Stadt Hamburg, herausg. von J. M. Lappenberg
+Zacharias+: Jahrbuch der Gesellschaft Hamburgischer Kunstfreunde 1899
+Zeitschr.+: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte
Etwa siebenhundert Jahre sind verflossen, seit die ersten Speicher in Hamburg errichtet wurden, d. h. Gebäude, die ausschließlich zur Lagerung von Waren bestimmt sind. Ihre Vorgänger, die alten Kaufmannshäuser, in denen sich Wohnung und Warenvorräte unterm nämlichen Dach befanden, haben wir uns mit Melhop (2 f.) in ihren Anfängen einfach als in die Stadt gerückte altsächsische Bauernhäuser zu denken, nur daß diese sich hier, innerhalb der engen Umwallung, auf sehr beschränktem Raum einzurichten hatten und statt in die Breite sich in die Höhe entwickeln mußten. Auf die große Diele mit dem offenen Herd verzichtete man nicht, aber die Wohnräume mußte man dafür schon in ein oberes Stockwerk verlegen; darüber lagerten sich dann die Warengelasse. Noch im 13. Jahrhundert waren die Häuser durchweg aus Holzständern mit Lehmgeflecht dazwischen hergestellt, vielfach auch mit Stroh gedeckt. Selbst Rauchfänge aus Holz waren häufig zu finden. Kein Wunder, daß im Jahre 1284 eine verheerende Feuersbrunst fast die ganze Stadt vernichtete. (Tratziger 63.) Beim Wiederaufbau hielt man sich wohl an solideres Material, aber von der altgewohnten Einrichtung wich man weder damals noch später ab. Trotz nachträglicher Einbauten können wir das noch heute in manchen alten Kaufmannshäusern erkennen. Vor allem blieb die große Diele, durch zwei Stockwerke gehend und genügend Tageslicht durch hohe Fenster vom Hof empfangend. Daran, mit breiten Holzgeländern an beiden Seiten, eine mächtige Doppeltreppe, die auf eine Galerie des ersten Stockwerks führte. In der Mitte der Decke fand sich ein durch eine aufklappbare Luke geschlossener Ausschnitt, das +Winn’lock+, das sich durch alle Stockwerke bis an die Haspelwinde des Spitzbodens fortsetzte und das Auf- und Abwinden von Waren mittels der endlosen Windetaue, der +Löpers+, ermöglichte. An anderer Stelle hing die Wagschale, die +Bummelschal+, von der Decke herab. Es war noch im 19. Jahrhundert das Vorrecht des „Großbürgers“, mit der „großen Schale“ zu wägen, wie auch nur dieser ein eigenes Konto bei der Girobank halten und Waren „auf Transitozettel deklarieren“, d. h. für fremde Rechnung ein- und ausführen durfte. -- Küche und offener Herd hatten gleichfalls ihren Platz an der Diele. Neben ihrem Hauptzweck, der Warenbewegung zu dienen, bildete diese in vielen Fällen einen wahren Prunkraum, dessen vergoldete Karosse und blendender Reichtum an Küchengeschirr bereits von der Straße aus bestaunt werden konnte. Hier hing im Herbst zur Zeit des „+richtigen Ossenslachterwedders+“ (Sturm und Regen) der schön geschmückte Ochse (Beneke 359 f.), hier wurden vornehme Gäste empfangen, hier war auch der Tummelplatz der Kinder (Hertz 36 f.) und bei Todesfällen fand hier die feierliche Aufbahrung des Sarges statt (Zacharias 29 f.). -- Lichtwark (1897, 61 f.) schreibt: „Wie einheitlich und behaglich wirkt der Raum, wie reich und vornehm! .. Was ihn so lebendig macht, lebendiger als die stolzen Treppenhäuser der Barockpaläste, das ist seine Lauschigkeit, die das tägliche Leben ahnen läßt. ... Jetzt stehen noch ein halbes Dutzend im alten Zustande, aber da die Häuser nicht mehr bewohnt werden und nur als Speicher und Kontore dienen, sind sie unfrisch oder verkommen. Die Künstler, die in Hamburg lebten, haben uns von der traulichen Poesie dieser Räume kein Bild erhalten, den Dilettanten aber, die uns einen Blick in die dem Untergang geweihte Herrlichkeit festhielten, wird man nicht nur in Hamburg ein dankbares Andenken bewahren. ... Hätte es solche Schönheit in der Privatarchitektur Münchens, Berlins oder Düsseldorfs gegeben, so würden Generationen von Malern in unserem (neunzehnten) Jahrhundert sie verherrlicht haben. Aus tausend Bildern und Hunderttausenden von Photographien, Holzschnitten und Stichen danach würde das deutsche Volk diese Dielen kennen.“ (Abbildungen solcher Dielen bei Lichtwark, Bröer, Melhop. Vergl. auch Melhop 278 f., Jünger 5, Schrader 42 f., Lauffer 70 f. -- Im neuen Museum für hamburgische Geschichte wird die genaue Nachbildung einer althamburger Diele einen Glanzpunkt bilden.) Es sei übrigens beiläufig erwähnt, daß der Hamburger Patrizier sein Stadthaus nur im Winter bewohnte. Am 17. April pflegte die Familie vors Tor zu ziehen und kehrte am 18. Oktober in die Stadt zurück.
Wir dürfen die Entwicklung unseres Geschäftsviertels des Großhandels so annehmen, daß anfangs die Uferfläche, die +Kaje+, durchweg unbebaut liegen blieb, wie noch jetzt bei den Vorsetzen zu sehen, bis zum Zollanschluß auch z. B. beim Kehrwieder. So war es ursprünglich in der Deichstraße, im Cremon, in der Catharinenstraße, wie bei den Mühren, im Grimm usw. Hinter den Häusern, die sich also nur an einer Seite der Straße entlang zogen, erstreckten sich tiefe, schmale Gärten bis an andere +Fleete+, zuweilen auch bis an den Stadtwall oder an offene Abflußgräben, die später zu Fleeten erweitert und vertieft wurden (Gaedechens 41). Als die Böden des Wohnhauses dem sich ausdehnenden Geschäftsbetriebe nicht mehr genügten, begann man dann, an diesen Hinterfleeten Speicher zu errichten; später folgten schmälere Verbindungsbauten zwischen Wohnhaus und Speicher und endlich blieben statt der ehemaligen freien Stücke nur dumpfige, geschlossene Hofplätze nach. Die Lagerböden fügten sich meistens vom Vorderhause durch den Mittelbau an die Böden des Speichers in gleicher Höhe an.
Mit der Zeit erstarkten Handel und Gewerbe immer mehr, zum Teil sprungweise, und erforderten weite große Räumlichkeiten. Ich erinnere nur an die Bierbrauerei. Schon 1270 war das Hamburger Bier berühmt (Rynesberch 118 Anm. 100) und im Jahre 1307 wird berichtet, daß es das Bremer überflügelt habe (Rynesberch 85, Mitt. I. 44). Lauffer 34 gibt an, die Herstellung Hamburger Bieres im 15. Jahrhundert habe durchschnittlich 100000 Tonnen, gleich 250000 Hektoliter, im Jahre betragen. Im 16. Jahrhundert gab es hier dann die stattliche Zahl von 531 Brauhäusern (Lappenberg 14), die in rascher Folge errichtet waren. Da man sie am liebsten an den Fleeten anlegte, um das Wasser sowie Gelegenheit zur Verschiffung bequem zur Verfügung zu haben, so wurde allmählich das ~litus~, die Uferfläche, zum Bebauen in Angriff genommen. Bis dahin gehörte dieses ~litus~ durchweg den gegenüberliegenden Häusern und pflegte u. a. von den Brauern benutzt zu werden, um ihr Brennholz aufzustapeln (Schlüter 21). Schon im Stadterbebuche von 1248 bis 1274 wird wiederholt der Verkauf solcher Uferplätze vermerkt (Zeitschrift I. 452 Anm. 5, Gaedechens 50). Es kam hinzu, daß die Hülfsgewerbe, hier besonders die Faßbinder, viel Raum beanspruchten. Zwischen 1370 und 1387 waren neununddreißig vom Hundert sämtlicher Amtsmeister Küper (Koppmann Bd. 3, XX.). Nach und nach wurden auf diese Weise die ursprünglich frei liegenden Kajen an den Fleeten vollständig bebaut, teilweise mit Brauhäusern und Betriebswerkstätten, teils aber auch mit Speichern, die jetzt also nicht mehr mit dem Sitz des Kaufmanns in unmittelbarer Verbindung standen. In welchen Zwischenräumen diese Ausfüllung der freien Uferplätze stattfand, läßt sich oftmals nachweisen. So wurden beispielsweise die beiden Grundstücke an der Fleetseite der Deichstraße neben der Hohenbrücke wahrscheinlich zuerst ums Jahr 1322 bebaut, das im Norden angrenzende als eines der letzten freigebliebenen dieser Gasse erst zwischen 1397 und 1401 (Mus. 270). Abgesehen hiervon entstand am Ufer auch nach vollständiger Bebauung keine ununterbrochene Straßenreihe, sondern zwischen je etwa zwei bis vier Häusern blieb ein „Fleetgang“ frei, der dann einem der gegenüberliegenden Grundstücke oder mehreren gemeinschaftlich als Eigentum gehörte. Der Zweck war, für den Wasserverkehr eine gute Verbindung zu behalten. Gewöhnlich fand sich dort alsdann am Ufer auch eine „holländische Winde“ unter gewölbtem, schwarz geteertem Holzdach. Schon im ersten Hamburger Grundbuch wird wiederholt ein Haus mit dem Recht auf einen Weg ans Ufer oder einen Anteil daran übertragen (Zeitsch. I. 447 Anm. 2, 3, 4). Man sieht noch heute solche Fleetgänge, z. B. Deichstraße, Katharinenstraße, Grimm. -- Ich will nicht unterlassen zu erwähnen, daß Neddermeyer (Hamb. Topographie 221, 238) meint, im Cremon und im Grimm sei die Wasserseite zuerst bebaut worden. Die Stellen, die er hierfür anführt (Staphorst, Hamb. Kirchengeschichte I. 2, 102 und 104) bieten indessen keinen Beleg dafür und die Sache ist auch durchaus unwahrscheinlich (Vergl. Gaedechens 14, 49, Schlüter 21 und Mitt. IV. 115 f.).
Für Nichthamburger seien einige Bezeichnungen erklärt. +Fleet+ hängt mit Fluß und fließen zusammen. Es ist der Ausdruck für durch die Stadt strömende natürliche oder künstlich angelegte Flußarme und findet sich schon im 14. Jahrhundert (Nirrnheim II. 18). Die Kanäle der Außenalster und im Hammerbrook, die durch Schleusen mit der Elbe verbunden sind, könnte man also nicht wohl Fleete nennen, dagegen aber wäre der Name +Zollfleet+ statt Zollkanal für den großen Wasserzug zwischen Freihafen und Zollstadt angebracht gewesen. -- +Kaje+ kommt aus dem Romanischen und hat ursprünglich die Bedeutung Klippe und Sandbank, während es, wie Lübben im mittelniederdeutschen Wörterbuch angibt, im Niederdeutschen ausschließlich Ufereinfassung ist. -- Es war zu bedauern, daß im Freihafen anfangs die Bezeichnung Quai, gesprochen Kwai, eingeführt wurde, wo wir doch schon die gut niederdeutschen Straßennamen +Binnenkajen+ und +Butenkajen+ seit altersher kannten. Brooktorkaje, Hübnerkaje usw. hätte wirklich sehr gut geklungen. Glücklicherweise ist man jetzt durchweg zur Schreibweise Kai übergegangen. -- Speicher, +Spiker+, wird in Grimms Wörterbuch aus dem spätlateinischen ~spicarium~ erklärt und dies aus ~spica~, Gedreideähre. Also ursprünglich Kornspeicher. Ich fand den Spiker, als selbständiges Gebäude verkauft, schon im ältesten Stadterbebuch erwähnt (Zeitschr. I. 449 Anm. 9) sowie bei Nirrnheim (I. 733, 736).
Im Gegensatz zu der feststehenden Zimmereinteilung der unteren Stockwerke des Kaufmannshauses und des Mittelbaues bot der althamburgische Speicher, der sich hinten anfügte oder später selbständig für sich errichtet wurde, ungetrennte Lagerräume. Er bestand also eigentlich nur aus den vier Wänden und den Böden, die durch starke Ständer und Balken aus Eichenholz getragen wurden. Als man bei Gelegenheit des Zollanschlusses die neuen Freihafenspeicher errichtete, glaubte man es recht gut zu machen, wenn man ausschließlich Eisenkonstruktion anwendete. Es fand sich aber bei einem Brande, daß das Eisen sich derartig dehnte und reckte, daß die Mauern ernstlich litten. Das war bei der altmodischen Verwendung von Holz niemals vorgekommen, meistens kohlte solches nur so leicht an, daß es für den Neubau wieder gebraucht werden konnte. Die Stockwerke hießen +Böhns+ oder +Spiekerböhns+, das oberste der +Spitzböhn+. Ausnahmsweise finden wir hierfür noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts den Namen die +Flier+ bei der Verkaufsanzeige eines Grundstückes am kleinen Fleet, das früher zur Herstellung von Brodenzucker gedient hatte. Flier ist außer in Ostfriesland nur in Holland gebräuchlich (Mitt. X. 60). Die Niederländer, die die Zuckerraffinerie im 16. Jahrhundert bei uns einführten (Amsinck 209 f.), werden diese Bezeichnung mitgebracht haben, ebenso wie die Berechnung der Ware in Grote, die noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts hier im Großhandel üblich war. -- Richey erwähnt als Name des alleröbersten Bodens „+Oken+“. Solcher ist noch jetzt für die Winkel bekannt, wo das schräge Dach den Fußboden berührt.
Heizvorrichtungen fehlten im Speicher, ebenso zuweilen Aborte. Wo man diese nicht entbehren wollte, fügte man sie im Erdgeschoß, nach der Fleetseite, als Ausbau an, mit einer viereckigen Holzröhre, die mehr oder weniger weit hinunter ins Fleet reichte, immerhin nicht tief genug, daß sich nicht bei niedrigem Wasserstand eine Schute noch gerade darunter schieben konnte. Bis das Schwemmsystem unserer „Siele“ allgemein durchgeführt war, gab es noch um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts auch für die Wohnhäuser an den Fleeten ausschließlich diese Form von Aborten. Die gefrorenen Exkremente bildeten im Winter einen recht unerfreulichen Anblick. Im Sommer, wenn anhaltender Ostwind die Fleete leerlaufen ließ, kamen Gerüche hinzu, die nicht selten jede Lüftung der Zimmer verhinderten. Ein Bild aus jener guten alten Zeit: „Hallo, wat ’s dat for’n Waar“, ruft der Ewerführer aus seiner Schute ins Erdgeschoß hinauf. „Frachtbreef kummt gliek na!“ schallt es zurück. -- Solche Straßen, denen kein Fleet als bequemer Abzugsgraben diente, hatten Eimerabfuhr. Die Eimer, sehr zartfühlend +Goldammers+ getauft, standen dann in den engen Gassen reihenweise bereit, bis der Ruf „+Dreckwaag+!“ (verkürzt aus Dreckwagen) die bevorstehende Leerung ankündete. Ähnliche und zum Teil schlimmere Zustände herrschten damals natürlich auch in anderen Großstädten Europas. Den meisten ist Hamburg mit Einführung gemauerter Abzugskänale vorangegangen.
Fenster waren im Speicher nicht allzu reichlich vorhanden und die kleinen Scheiben waren trübe. Sie wurden vermutlich nur sehr selten geputzt: eine Hausfrau verstieg sich nicht hierher. Brauchte man für die Arbeit Tageslicht, so öffnete man die +Luken+, doppelte breite und hohe Holztüren, neben denen eiserne Griffe in die Mauer eingelassen waren, damit man sich beim Ausgucken festhalten konnte. Für Erleuchtung bei Dunkelwerden diente die ölgespeiste +Kugellamp+ aus sehr dickem Glas in Art der Schiffslaternen, mit Blechuntersatz und einem Henkel. -- Für Schreibarbeit benutzte man eine Ecke am Fenster, meistens durch Holzverschalung in eine Art von Zimmer, das +Kabuff+, verwandelt. Hier, wie auch wohl an anderen Stellen, pflegten die Wände mit Holzschnitten aus der „Reform“ geschmückt zu sein, zuweilen auch mit launigen kurzen Inschriften und Zeichnungen, mittels Pinsels aus dem +Markputt+ hingeworfen, einem kleinen, nach oben etwas verjüngt zulaufenden Holzeimer, gefüllt mit einer Mischung von Kienruß und Leckbranntwein zum Zeichnen (Marken) der Packungen. Den +Leck+ lieferte der +Köhmkaaker+ umsonst, es war der Schnaps, der beim Vollschenken oder Reinigen der Gläser abtropfte. -- Den Markputt pflegte der „Hausküper“ auf der +Snibank+ selbst herzustellen. Sonst diente diese (auch +Snibock+ genannt) hauptsächlich dazu, Holzböden, Faßstäbe (+Staff+) usw. zuzuschneiden. Man saß darauf rittlings, vor sich eine Einrichtung zum Festklemmen des Holzes, und benutzte nach Bedarf ein +Tochmeß+ oder ein +Krummeß+, beide aus breiter Schneide mit Holzgriffen an den Enden bestehend. -- Das Marken wurde mit großer Schnelligkeit in meistens schräg liegenden lateinischen Buchstaben sowie arabischen Ziffern von schlanker, besonders deutlicher Form vorgenommen. Schablonen wurden früher wenig benutzt, während die Frachtführer jetzt meistens darauf bestehen.
Schmale, steile Holztreppen, die möglichst wenig Raum wegnehmen durften und nicht massiv eingefaßt, sondern nur mit Lattenverschlag versehen waren, verbanden die Böden. Sie waren ausschließlich für Personenverkehr geeignet. An ihnen fand sich häufig ein vom Boden aus zugängliches Nebengelaß oder ein Bort, der +Bislag+, angebracht. Sonst war an geeigneter Stelle noch ein Aufbewahrungsort für Packmaterial, das +Strohlock+, vorhanden, sowie ein Gerüst für leere Kisten, der +Hangeböhn+, auch wohl +Galgen+ genannt. Der gesamte übrige Raum diente für das Aufstapeln von Waren, wobei man sich an keine Belastungsgrenze kehrte, wie solche in den neuen Freihafenspeichern überall vorgeschrieben ist. Bei Eisenkonstruktion brechen eben die Nietenbolzen bei Überlastung, während hölzerne Tragbalken federnd nachgeben, also keine besondere Vorsicht erheischen. Wohl kam es vor, daß die Mauer sich etwas schief zog und, wo sie nach dem Fleetgang frei lag, durch Stützen gegen das Nachbarhaus gehalten werden mußte. Das war z. B. in dem Hause Deichstraße 45 der Fall, in dem ich meine Jugend verlebte, und kostete natürlich eine jährliche Vergütung. -- Einen eigentümlichen Speicherbau, wie es deren vielleicht noch mehrere gegeben hat, findet man Steckelhörn 5. Hier steht die gesamte Holzkonstruktion frei für sich, ohne irgendwelche Berührung mit der Hausmauer; das hat den großen Vorteil, daß die Tragbalken nicht unter Feuchtigkeit der Mauer leiden können. Man vergleiche hierzu, was Linde (Die Niederelbe, 4te Aufl. S. 55) über das Marschenhaus sagt.
Von losem Inventar fand sich in den alten Speichern zunächst die +Schaal+ oder +Bummelschaal+, die hängende Wagschale. Sie bestand aus dem eisernen Wagebalken, der mittels Ringes über einem ~S~-förmigen Haken der Decke hing, sowie zwei Wagschalen aus starken Holzbohlen mit kräftigen Tauen an den vier Ecken, die oben über Eisenringe gespleißt (+spleeßt+) waren und an diesen auf die Haken gehängt wurden, die der Wagebalken an jedem Ende trug. (Spleißen heißt die innige Vereinigung der aufgefaserten Tauenden durch Flechten und Durchstecken.) Auf eine der Schalen häufte man die Ware, auf die andere die Gewichtstücke, deren eine große Auswahl zur Seite bereit stand, hauptsächlich Hundertpfundstücke. Man sagte: „+Da mutt noch en Hunnert rop+“ oder „+en Hunnertpundsloot+“, und für wägen +punnen+: „+Hebbt ji de Ballen all punn’d?+“ Auf Jost Ammans Holzschnitt aus dem sechzehnten Jahrhundert „Allegorie des Handels“ stehen bereits gegossene Gewichte in gleichmäßiger Glockenform mit kleinem Henkel neben einer Hängeschale, die der obigen Beschreibung gleicht (Steinhausen 56, Beilage 6). -- Zuweilen wurde bei Ablieferung von Waren die Bedingung „+Geld bi de Schaal+“ vorgeschrieben, in Fällen, wo man dem Käufer nicht traute. (Es herrschte sonst der Gebrauch, daß am Tage nach Empfang Zahlung durch die Bank erfolgen mußte.) Die Rechnung wurde in solchem Falle gleich ausgestellt und war zu begleichen, bevor die Gewichtstücke heruntergenommen waren, bei hängender Schale. -- Wurden die Schalen nicht gebraucht und waren sie für die Arbeit im Wege, so hakte man sie los und stellte sie beiseite, ebenso wenn man besonders große Kolli ohne Schale wog, indem man sie an Ketten direkt an den Wagebalken hängte. Jetzt sieht man diese Wägevorrichtung fast gar nicht mehr, da meistens Dezimalwagen angewendet werden, die sich leicht überallhin versetzen lassen. Nur in einzelnen Betrieben, wo es auf besonders genaues Gewicht ankommt, z. B. beim Butterhandel, findet man noch die Bummelschale.