Part 9
Es stellte sich heraus, daß Patterson bereits einen fertigen Entwurf für das Zusammengehen der H. T. L. und seines Konzerns mitgebracht hatte. Und noch mehr kam heraus: Die Blue Star Line, die wichtigste der transatlantischen Linien des Konzerns, hatte drei große Passagierdampfer der H. T. L. angekauft -- darunter den »Altreichskanzler« ... der hieß jetzt »President Lincoln« und fuhr von San Franzisko nach Schanghai. Den Atlantischen Ozean oder gar seinen Heimathafen würde er niemals wiedersehen ...
Mit tiefer Bitterkeit und doch zugleich mit innerer Erleichterung vernahm der Präsident der H. T. L. die Vorschläge seines einstigen Konkurrenten -- der nunmehr gewillt war, sein Partner zu werden. Es würde noch harte Kämpfe geben -- ums Ganze und um tausend Einzelheiten ... Freimann betonte, daß die Linie sich mit der Hammonia-Werft dermaßen solidarisch fühle, daß eine Vereinigung der Interessen beider großer Reedereien für die H. T. L. nur annehmbar sei, wenn zugleich eine Bindung zustande komme, welche der Werft ein beträchtliches Mindestmaß von Aufträgen für die fusionierten Linien sichern würde ... Und dann war es immer noch fraglich, ob des alten Detlev Carstensen hartes Teutonentum für einen Wiederaufbau, dessen Grundlage das amerikanische Kapital bilden müsse, überhaupt zu haben sein würde ... Und auch in der Generalversammlung würde es nicht an Stimmen fehlen, die mit patriotischer Entrüstung jedes Zusammengehen mit Angehörigen eines der Feindstaaten als Vaterlandsverrat ablehnen würden -- ohne doch einen anderen Weg der Rettung zu wissen ... Aber diese Gedanken behielt Georg Freimann für sich. Schließlich und endlich -- blieb überhaupt eine Wahl?!
Nach einer halben Stunde der Aussprache erhoben sich die Männer und schüttelten einander die Hände mit dem unbedingten Gefühl, daß man sich zusammenfinden würde. Ein befreites Aufatmen hob Georg Freimanns Brust. Aus der Tiefe des deutschen Elends, über das wüste Geröll des deutschen Zusammenbruchs schien ein erster, noch schlüpfriger und klippiger Anstieg zu neuen Lebensmöglichkeiten gefunden.
Beim Scheiden trafen die Herren Miß Bessie in heftigem Geplauder mit der Sekretärin. Das Pintscherlein saß neben der Schreibmaschine und lauschte der Unterhaltung mit klugen Menschenaugen. Aber kaum waren die Männer in der Tür erschienen, da warf es sich ihnen mit wütendem Gekläff entgegen. Schon war seine Herrin hinter ihm drein, packte das tobende kleine Scheusal und stopfte es gelassen wieder in sein Gefängnis.
»Ich wünsche Mistreß Freimann meinen Besuch zu machen«, erklärte Bessie. »+Daddy+, fahr mich zu Mistreß Freimann. +Good morning+, Miß Tiet-- Tiet-- nein, das ist zu schwer, das kann man beim ersten Male nicht behalten. Aber ich werde es lernen ... Wie heißen Sie mit Vornamen? Antje -- oh, das ist reizend, ich werde Sie Miß Antje nennen. +Good morning+, Mister Freimann -- +go on, daddy+.«
7
Es war höchste Zeit gewesen. Vorgestern hatte die Werft zum ersten Male ihren Beamten und Arbeitern nur fünfzig Prozent ihrer Löhne zahlen können und sie, nach langer, erregter Aussprache mit dem Arbeiterrat, der schließlich der Maßregel zugestimmt hatte, wegen des Restes auf Anfang bis Mitte der nächsten Woche vertrösten müssen. Aber heute, am Montag früh, war die Stimmung auf der Werft bedrohlich. Überall schleppte die Arbeit sich nur mühsam hin -- allenthalben standen erregte Gruppen zusammen. Die Hetzer forderten passive Resistenz und erreichten zum mindesten, daß das sonst so wohlgeregelte Ineinandergreifen der Hunderte von Arbeitselementen gründlich durcheinandergeriet. Folge: allgemeine, stündlich steigende Verärgerung.
Ihre trüben Spritzer gischteten bis in die Chefbureaus hinauf. Die Leitung kannte diese Sturmzeichen.
Bob Timmermanns kam vom Vortrag aus dem Zimmer des alten Carstensen. Auf seiner kantigen Stirn hockte die Sorge.
»Gnädiges Fräulein -- es wäre vielleicht besser, Sie hielten sich heut nachmittag zu Hause«, sagte er zu Ilse und blieb schwer atmend neben ihrem Schreibmaschinentischchen stehen. »Es geht da unten dermaßen fragwürdig zu, daß kein Mensch die Bürgschaft für den nächsten Augenblick übernehmen kann. Wenn die Bestie da unten kein Geld zu sehen bekommt, wird sie gefährlich. Und Ihr Herr Vater weiß auch keinen Rat mehr. Die Banken rücken nichts mehr heraus. Es geht zu Ende.«
»Ich hoffe, Timmermanns, Sie haben eine zu gute Meinung von mir, als daß Sie mich ernstlich für eine Drückebergerin halten.« Auch auf Ilses Stirn vertiefte sich eine Falte -- aber senkrecht über der Nasenwurzel. Sie war ererbt: Auf allen Bildern der Carstensen seit vier Jahrhunderten war sie erkennbar.
»Sie sind eine Frau ...« warnte der Riese. »Ich bin nicht immer zur Hand ... Erinnern Sie sich an Tedje.«
Ein Frösteln lief dem Mädchen über den Nacken. Seit damals war's ihr immer wieder aufgefallen: Der wüste Kerl stand täglich unfern der Schranke am Werfteingang, morgens, wenn sie kam, nachmittags, wenn sie ging ... In seinen Augen der gleiche Ausdruck wie damals, als er das scheußliche Wort von den Zarentöchtern gesprochen.
»Ich habe keine Angst, Timmermanns. Man muß seinem Schicksal auch ein bißchen vertrauen. Es gibt Schutzengel -- ich weiß es aus Erfahrung.« Und sie lächelte dem Getreuen freundlich und dankbar zu. Er hatte es verdient -- sie hatte ihn recht schlecht behandelt die letzten Wochen hindurch. Er hatte begriffen und an sich gehalten. Jetzt durfte er belohnt werden.
Aber um ihre Lippen erstarrte der zarte, schwebende Zug -- es war schon wieder zu viel gewesen. In die stählernen Augen des Riesen trat ein Fieber, sein Mund zuckte unterm blonden Stachelbart.
Ilse neigte sich zur Maschine und schrieb eifrig. Da wandte sich Bob Timmermanns. Er fühlte ein Wanken in seinen Knien, als er hinaustappte. Und aus seinem Herzen stieg's ihm in die Kehle. Er biß die Zähne zusammen.
In seinem Bureau fand er unerwarteten Besuch. Bruder Armin -- um seine Lippen kräuselte sich ein zufriedenes Lächeln.
»Na, Bobchen? Ist's bald so weit?«
Der Riese begrüßte ihn mit einem Knuff gegen den Bauch. »Mal wieder auf der Hetztour, was?! Hol' dich der Teufel ... Rechtsbolschewisten oder Linksbolschewisten, Hose wie Jacke.«
»Meinst du? Wer weiß -- vielleicht schon heute nachmittag denkst du anders. Hier habe ich die Telephonnummer der hiesigen Zentrale vom Bund ›Retter des Vaterlandes‹ aufgeschrieben. Zwei Panzerautos mit Maschinengewehren stehen bereit. Du brauchst nur auf den Knopf zu drücken.« Der Leutnant griff in die Zigarettenschachtel, die auf des Bruders Arbeitstische stand, und ließ sich behaglich in den Ledersessel fallen. Er beobachtete mit Genugtuung, daß die Vorstellungsreihe, die er angesponnen, in seines Bruders Hirn weiterwob.
Er sollte noch eine größere Genugtuung erleben. Bob schritt zu seinem Kleiderschrank, um den Straßenrock, den er zum Vortrage beim Chef angelegt, mit einem seiner Arbeitskittel zu vertauschen. Ein Gepolter entstand -- etwas Schweres plumpste aus dem Schrank auf den Fußboden. Es war der Karabiner.
»Donnerwetter, Bob -- ist das Dings da etwa aus deiner Bude da drüben in dein Bureau herübergeflogen?!«
Da mußte Bob Timmermanns wider Willen lachen. Die Brüder sahen sich an -- sie empfanden: trotz Bobs knurriger Ablehnung waren sie einander näher gekommen.
»Für den äußersten Notfall ...« grunzte Bob. »In der Sache ändert sich nichts. Ihr seid genau solche Schädlinge wie die Schürer und Stänker da unten.«
»Sollte nicht doch ein kleiner Unterschied sein?« schmunzelte der Leutnant. »Es gibt schließlich doch noch etwas anderes als die Wirtschaft -- es gibt ein Ding, das heißt Politik! das heißt Partei!«
»Quatsch! Politik! Es gibt nur zweierlei Parteien auf Erden: die Fleißigen -- und die Faulen! Die, welche arbeiten wollen -- und die Hetzer! Jawohl, ich habe deinen Karabiner im Schrank stehen -- aber solange es geht, führe ich Zirkel und Reißstift! Du aber, du hast nichts als deine Panzerautos und deine Maschinengewehre! Damit bringst du uns nicht wieder hoch! Arbeit' was! Dann kannst du von mir aus eine schwere Batterie im Schrank haben!!«
Klirr! Eine Fensterscheibe barst, ein wuchtiger Stein sauste vor Bobs Nase vorüber und krachte wider die jenseitige Wand. »Die Arbeit ihrem lieben Kapital!« hohnlachte Armin.
Da schnarrte der Fernsprecher. Bob, schon unterwegs zum Fenster, bremste die Wucht seines Körpers und nahm den Hörer. Im Lauschen schoß ein jäher Freudenstrahl in sein Gesicht.
»Donnerwetter! Das ist die Rettung, gnädiges Fräulein -- tausend Dank! Ich lasse mir sofort den Arbeiterrat kommen. Schluß!«
»Was ist los?«
Aber Bob sprach noch nicht. Die helle Freude auf seinem Gesicht war abgeblaßt -- irgend etwas schien in ihm sich aufzubäumen. Armin lauschte atemlos.
»Hilfe in der Not!« kam es keuchend aus Bobs Kehle. »Aber von wo?! Von -- drüben ... wir müssen ... Hauptsache ist: Wir kriegen Geld ... Wir können wieder arbeiten ... Ist da Zentrale? Bitte Arbeiterrat ...«
Achselzuckend, zähneknirschend verließ Armin das Zimmer.
* * * * *
Tedje fauchte, als die Anordnung des Arbeiterrats durch die Werkstätten und Arbeitsplätze schwirrte. Nachzahlung der fehlenden Lohnhälfte für morgen sichergestellt! Arbeit früh sofort mit Hochdruck aufzunehmen! Was würde die Zentrale sagen? Und wie würde der Alte da oben auf seinem Kran triumphieren!
Was Tedje dem Vater niemals zu gestehen gewagt haben würde, war Tatsache geworden: Die Zentrale des Spartakusbundes hatte ihn zu ihrem Vertrauensmann auf der Werft bestellt. Ein Agent der Bundesleitung hatte ihn aufgesucht -- und im Tresor der seit kurzem in Hamburg eröffneten Filiale einer Moskauer Bank hatte er ein paar Kisten voll Sowjetrubel deponiert ... Zu dem Geheimfach hatte Tedje Tietgens den Schlüssel. Und der Agent hatte dem Genossen zwinkernd auf die Schulter geklopft:
»Alles für großes Befreiungswärk ... Abber kleine Mäddchen in Hamburg wollen auch lebben ... Mußte ibberall Stimmung machen für großes Befreiungswärk -- auch bei kleine Mäddchen ...«
Seitdem war Tedje bei den abendlichen Musikunterhaltungen im Elternhause nur noch ein seltener Gast. Um so bekannter und geschätzter wurde er von Nacht zu Nacht in den Weiberspelunken um die Reeperbahn herum.
Nach Berlin hatte er in den letzten Tagen berichten können, die Werft scheine am Ende ihrer Mittel -- die Krawallstimmung seiner Kollegen sei im Wachsen. -- Nun würde er mal wieder abblasen müssen ...
Bald kamen Anordnungen der Zentrale, welche der neuen Lage entsprachen. Die Glut durfte nicht kalt werden -- es galt, sie zuzudecken und unter der Asche fortglimmen zu lassen. Zu solch heimlichem Schürwerk taugte der Genosse Mönkebüll nicht -- was er sprach, war Lava aus glühendem Liebesherzen, wohl geeignet, lodernde Flammen anzufachen -- zu elementar und naiv, um unterirdische Lavaströme im Sieden zu halten. Aber die Zentrale wußte Rat. Sie hatte ihre Spezialisten für jede Temperatur.
Sie versprach, den Genossen Dragomiroff zu schicken. Er würde sprechen über das Thema: »Deutschland als Stoßtrupp der Weltrevolution.« Das mußte ziehen ... Und nicht etwa als Sonderaktion für die Genossen der Hammonia-Werft. -- Drüben in der Stadt sollte das arrangiert werden als Werbeversammlung für das gesamte Proletariat des Unterelbegebietes.
Tedje, der faule Geselle, dem die Arbeit stets eine Last gewesen war, wurde plötzlich ein vielgeschäftiger Hans Dampf in allen Gassen. Er setzte seine Freunde rückhaltlos an. Clas und Anders mußten nach Schichtschluß Plakate kleben, Briefe schreiben, mit Saalbesitzern verhandeln ... Anders Niemann war mindestens so eifrig wie Tedje. Tausendfache Gelegenheit, die Gesinnungen seiner neuen Welt zu erforschen ... Aber wenn er so abends durch die still gewordenen, im kargen Laternenschein, im Vollmondlicht der Frühsommernächte phantastisch hindämmernden Gassen Alt-Hamburgs und St. Paulis zog und die knallroten, in blutrünstigen Phrasen schwelgenden Werbeplakate an die Anschlagsäulen und Häusermauern pappte, kam er sich wie verhext und verwunschen vor ... Wenn Ilse ihn so gesehen hätte ... oder auch Antje ...
Antje --! Sie ahnte so wenig wie die braven Tietgens-Eltern etwas von der unterirdischen Betriebsamkeit der drei jungen Kumpane. Seit der neue Schlafbursch im Hause war, kam es wie von selbst, daß die Tochter öfters als vordem abends den Weg zur Uhlen-Twiete fand. Sie komme nur der schönen Konzerte wegen, betonte sie öfters, als nötig war. Dann schmunzelten die Alten in sich hinein. Als ob Mudder Minchen nicht längst gemerkt hätte, daß die Tochter niemals versäumte, ein paar Blumen für die Stube der drei »Söhne« mitzubringen ... daß sie Anders Niemanns Wäsche ausbesserte, ihm Bücher auf seinen Nachttisch legte ... Ja, einmal war Mudder in der Dämmerung der Tochter begegnet, wie sie mit Anders Niemann in versonnenem Gespräch den Holstenwall hinabschlenderte und bald mit ihm in die Anlagen um die alten Wallgräben hineinbog ... Ein seltsames Paar, die elegante Sekretärin und der schlanke Werftarbeiter im abgewetzten Matrosenanzug ... Aber der würde vorankommen, tröstete sich Mudder Minchen. Jetzt war er bereits von seiner eintönigen Hantierung am Versenkbohrer abgelöst. Er machte nun den Hilfsmann bei seinen Schlafkameraden -- hatte die glühenden Nieten, welche der Vorwärmjung ihm zureichte, vom Innern des werdenden Schiffskörpers her durch die Nietlöcher zu stecken, die er selber noch vor wenigen Tagen »versenkt« hatte -- und sie mit der Zange festzuhalten, bis Tedje und Clas, die Nieterzwillinge, sie von draußen mit raschem Ticktack ihrer lustig sausenden Schmiedehämmer unlösbar mit der Eisenplatte zusammengeschweißt. Derselbe Handgriff auch hier wieder, tausend-, zehntausendmal an einem Tage derselbe -- aber man war doch nicht mehr allein, man arbeitete nicht mehr in der öden Schiffsbauhalle, sondern draußen auf der Helling in der Sommersonne, durchlüftet vom Hauch der nahen Nordsee -- und konnte ab und an mit Vadder einen Gruß tauschen, der droben mit seinem Kran hin und wieder fuhr und aus seiner luftigen Höhe Stahlschiene um Stahlschiene herniederschweben ließ, die dann dem immer höher sich auftürmenden Spantengerüst eingefügt wurden ...
Das alles wußte Mudder Tietgens aus den allabendlichen Erzählungen ihrer Tisch- und Hausgenossen. Ihre vier Mannsleut' waren täglich bei der Arbeit vereinigt. Schön war das zu denken -- das alte Frauchen, das im stillen Winkel fast stumm geworden war, vergnügte sich in seiner Einsamkeit mit der Vorstellung, wie sie da zusammen schafften, ihre vier Mannsleut' ... Aber den Anders, den hatte sie besonders in ihr Herz geschlossen, weil er ihr am meisten Ehre gab. Sie war ja so bescheiden, so wenig verwöhnt ... Aber schön war's eben doch, daß der Neue sie mit einer Achtung und Rücksicht behandelte, zu der Vadder und Tedje bei aller Liebe zu Mudder nun doch mal nicht erzogen waren. Ihr Fritzing, der wäre am Ende auch so geworden ... Aber der lag an der Somme -- wenn die Granaten seinen Leichnam nicht längst in tausend Fetzen zerrissen hatten. Ach ja, Fritzing ... Die müden Augen standen wieder einmal in einsamen Tränen ... Sie begriff's, daß Antje zu dem schmucken Anders hielt ... Sie und Fritzing waren ja auch unzertrennlich gewesen ... Und Anders würde aufsteigen -- der könnte es noch mal zum Werkmeister bringen ... früher als Vadder, der schon so lange von der Vierzimmerwohnung im Werfthaus drüben schwärmte -- und ja doch wohl schließlich seinen Kran behalten würde, bis die Invalidität kam ... Tja, und wenn die Antje sich also für den Anders nicht zu fein war -- Mudder Mines Segen hatten sie -- die zwei Kinder.
Und Antje?!
Oh, Antje war klug.
So sehr sie in der Theorie Revolutionärin war und für das republikanische Ideal der Gleichheit schwärmte -- sie stand lange genug im Leben der Oberschicht -- sie wußte: Zwischen ihr und dem Sohne ihres Chefs lagen Welten ... Was wollte das besagen, daß Heinz Freimann sich in einen Anders Niemann gewandelt hatte? Eine Herrenlaune -- eine Maskerade, die jederzeit abgestreift werden konnte wie ein Faschingskostüm ... Und Anders Niemann war dann wieder Heinz Freimann.
Und doch gab's Stunden, da war's der braunen Antje, als könne, als müsse ein Wunder geschehen. Das war, wenn sie einmal Sonntags mit Anders Niemann nach Blankenese schlenderte oder nach Großborstel. Dann flatterten Gespräche, Gedanken, Empfindungen zwischen den Kindern der zwei Welten hin und wider, die ein Band von Gemeinsamkeit woben, wie Antje sie niemals geträumt ... Sie hatte schon oft genug Gelegenheit gehabt, die reichen und übermütigen Söhne des Bürgertums aus der Nähe zu betrachten. In ihrer Pension hatte sie ihre Typen kennengelernt -- aus aller Herren Ländern. Für die war eine arbeitende Frau stets nur das Ziel eines einzigen Wunsches ... Und da Antje die leiseste Anspielung mit dem Stolz einer Prinzessin abwies, hatte sie gar von diesem und jenem exotischen Jüngling stürmische Heiratsanträge bekommen. Das war nichts für sie gewesen. Ein Deutscher mußte es sein ... Gegen jenes Vaterland, das ihr die zwei Brüder entrissen, Fritzing, den Liebling zumal -- gegen Kaisertum, Junkertum, Militarismus -- gegen das alles empfand sie den leidenschaftlichen Haß ihrer Klasse. Wie ihre Lieben und auch die Mehrzahl ihrer Kolleginnen schwärmte sie für internationale Solidarität der Hand- und Kopfarbeiter aller Völker, für Verbrüderung der Nationen und ewigen Frieden. Aber noch stärker war in ihr der Weibinstinkt, der die Deutsche zum Deutschen zog ... Ihr selber völlig unbewußt war sie eine leidenschaftliche Nationalistin des Rassegefühls ... Und dieser Sohn des Großbürgertums in der ersten Reife vollerblühter Männlichkeit -- der war ihr verwandt durch etwas, das sie kaum hätte deuten können. Es gab zwischen ihnen beiden ein gemeinsames Ideal, einen Traum, ein Wunschbild vom Menschentum -- was war es nur?
In hundert Gesprächen umkreisten die zwei jungen Menschen dies unbekannte, ersehnte, erahnte Land ... Dies Land, in dem sie beide sich beheimatet fühlten. Sie vernahmen seine Stimme aus Beethovens Sonaten und Schumanns Klavierstücken, aus Wilhelm Meister, den er ihr, und aus Richard Dehmels Gedichten, die sie ihm zu lesen gegeben hatte. Aber auch in Vater Tietgens' abendlichen Schwärmereien von den Zukunftsrechten des Proletariats, in Clas Mönkebülls phantastischen Gesichten von der Erlöserin Weltrevolution, ja selbst in Tedjes Blutträumen war etwas von diesem fernen, nebelhaft vor den Seelen schwankenden Land ... Wenn Antje dann nach solchen Spaziergängen und Gesprächen in ihrem Pensionskämmerchen unter die Decke schlüpfte, dann träumte sie doch für selbstvergessene Viertelstunden den uralten Mädchentraum von dem Königssohn, der das Dornröschen weckte zu einem Leben im Licht ... Und dann rann ihr das trostvolle Gesicht einer Seelenheimat für alle Menschen ihrer Sprache und ihres Blutes zusammen mit seinem verengerten, ins Heimliche und Geborgene verkleinerten Abbild, seiner mütterlichen Urzelle: einer Heimat für zwei Glückliche.
8
Vater Patterson hatte recht gehabt: Die kleine Bessie konnte einem schon auf die Nerven fallen.
Sie fand es selbstverständlich, daß sie den Vater überallhin begleiten durfte. An seiner Seite drang sie in die ängstlich umhüteten Bureaus der unnahbarsten Direktoren -- im H. T. L.-Haus wie drüben auf der Werft. Und nicht minder ungeniert spazierte sie durch die endlos hingedehnten Werkstätten, ließ sich im Aufzug zum schwindelnden Helgengerüst emporfahren, turnte zum Entsetzen der ölbeklexten Maler zwischen ihnen über die frisch mit Mennig überholten Stahlgerüste, tauchte neben dem alten Tietgens im Kranführerhäuschen auf, war plötzlich wieder drunten, kroch durch den Doppelboden des werdenden Riesendampfers, kletterte an den Leitern der Aufrichtegerüste hinauf, flitzte über die Laufstege des schon zur vollen Höhe hinangewachsenen Zehntausendtonnendampfers, stand voll brennenden Interesses neben dem glosenden Vorwärm-Feuer und beobachtete, wie der Junge die rotglühenden Niete aus dem Kohlenbecken holte und durch eine offengebliebene Lücke der Beplattung ins Innere des Schiffes reichte ... staunte, wie der Stiel des Nietes plötzlich aus einem der Nietlöcher auftauchte, wie die Nieterzwillinge mit ihren langgestielten Hämmern zuschlugen und ticktack, ticktack aus dem Stiel ein glattes, rundes Köpfchen zurechthämmerten ... Und überall Fragen, Fragen -- überall, knips, der Kodak in Tätigkeit ...
Und kaum war sie zu ebener Erde angekommen, dann tat sie einen Griff in die Tasche, und das Pintschermütterchen wurde in Freiheit gesetzt ... Es entschädigte sich für die stumm ertragene Haft, indem es mit widerlich grellem Kläffen den ernsthaften Herren in den Direktionsbureaus zwischen die Beine fuhr, die Arbeiter, deren Geruch das kleine Scheusal empörte, in die schlampigen Hosen biß ... Dann lachte seine Herrin, so daß der kostbare Reiherbusch auf ihrem Strohhütchen wippte wie vom Sturm gezaust.
Eines Morgens zog sie beim Frühstück ihrem Vater das Scheckbuch aus der Brusttasche, reichte ihm ihren Füllfederhalter hin:
»Schreib, +daddy+ ... sechshundert Dollar ...«
»+Goddam+ -- wofür?«
»Wirst du gleich sehen. Habe mir ein Auto gekauft.«
»Du bist toll -- wozu?«
»Für meine Studienreisen.«
»Ach, bitte -- was studierst du, wenn man fragen darf?«
»Die Deutschen. Sie sind sehr merkwürdig, die Deutschen. Sie haben wenig zu essen, sind schlecht angezogen, mögen nur acht Stunden arbeiten und schimpfen, wenn man einen guten Anzug trägt. Aber ich weiß mit ihnen fertig zu werden. Ich lache sie aus, dann werden sie friedlich. Und noch eins: ihre Kinder ... Wenn man gut zu ihren Kindern ist, dann kann man alles mit ihnen anfangen.« Sie wies auf ein mächtiges Paket, das sie aus ihrem Zimmer mitgebracht: »Schau her, +daddy+ ... alles Süßigkeiten und Schokolade für meine kleinen Freunde in den schlimmen Vierteln ...«
»In den schlimmen Vierteln?!«
»Gewiß -- ich gehe immer in die schlimmen Viertel. Darum mußte ich mir das Auto kaufen -- daß ich ordentlich herumkomme in den schlimmen Vierteln. Oh, du glaubst nicht, wie interessant es ist in den schlimmen Vierteln!«
9