Part 8
Immer wieder versuchte er von den Menschen seiner neuen Umgebung zu erfahren, was der innerste Grund ihrer maßlosen Verbitterung sei. Vater Tietgens gab zu, es sei dem deutschen Arbeiter vor dem Kriege nicht schlecht gegangen, die »Verelendungstheorie« habe nicht mehr gestimmt ... Auch die soziale Gesetzgebung erkannte er als einen großen Segen für die Arbeiterschaft an. Nicht minder war es ihm klar, daß eine Verteilung der Güter der wenigen Reichen unter die zahllosen Armen keinem helfen würde -- daß aber der Luxus der Großen vielen Kleinen Brot und Nahrung gebe.
Er selber, der Alte, stand seit Jahren in der Politik und empfand vor allem als Politiker. »Unse Klasse hat die mehrsten Minschen -- und deiht die mehrste Arbet -- da mutt se ok die mehrste politische Rechte hebben ... Wenn dat Volk tau seggen hatt harr', denn harrn wi den'n Schietkrieg nich kregen, odder hei weur nah en halv Johr tau Enn' west ...«
Das war ein Urteil, dem Anders auch im Munde seiner Arbeitskollegen immer wieder begegnete ... Man war zu lange festgehalten worden im Blutsumpf ... Und derweil hatten daheim die Schieber oben und die fünfzehnjährigen Rotzbengels unten sich Bäuche und Taschen gefüllt.
»Do sünd dei Kapitalisten an schuld ... un dei Generals in dei Etapp' ... nich blot in Dütschland, ok bi'n Engelsmann un bi'n Franzmann ... Dei hebbt dei Völker nich tauso'm finnen loten ... dei hebbt dei Verbrüderung hinnert ... Und dorüm möt dat Proletariat miehr Macht kriegen. -- Nich alle Macht, as dei Spartakisten und dei Bolschewisten willen -- öwerst miehr Macht, grote Macht ... Denn giwwt dat kein'n Krieg miehr, denn kümmt dei internationale Solidarität von't Proletariat! Vadderland? Ick haust op dat Vadderland! -- Vadderland, so seggen dei Utpowerer, wenn sei den lütten Mann dat Fell öwere Ohren trecken!«
Ja -- das war es: Dieser alte Mann, der so ganz deutsch lebte, dachte, handelte -- er fühlte nicht deutsch. Man hatte es ihn nicht gelehrt ... und das wenige an vaterländischem Gefühl, das Schule, Kasernenhof und Heimatluft in ihm vielleicht doch geweckt, das hatte er sich aus dem Herzen wieder herausschwatzen lassen. Und es hätte wenig Zweck gehabt, würde Anders den Versuch gemacht haben, dem Alten von dem Deutschland seiner Träume zu erzählen. Es galt, nicht aus der Rolle zu fallen.
Immerhin, mit dem Alten war gut schwatzen. Schlimm war's, wenn Tedje der Dritte im Bunde war. Der schlug immer auf den Tisch:
»Vadder -- du büst nich in Rußland west -- du kanns goar nich mitsnacken! Dei Russen hebbt uns wiest, wo't mokt warden mutt! Ick segg jug, wenn een' dit mit anseih'n hett, wo sei dat Burschoapack tau foftig un hunnert an de Muur'n stellt hebbt -- un denn eenmol mit'n Maschinengewehr dröwer hen, dat se ümpurzelten as Bliesoldoten -- da giwwt Luft vör't Volk!«
»So -- un wer mokt nu de Plän' vör dei Scheep un Dampers?« fragte der Alte bedachtsam.
»Na -- de Inschineure --!« lachte Tedje. »Dei hebbt sei leben loten! Dei Inschineure, dei geheuren ok tau't arbeitende Volk ... Dat sünd Kopparbeiters, weißt du ... Öwerst dei kriegen nu nich dat Hunnertfache mehr as dei Handlanger un dei Nieters --!«
»Dei Frag' is blot, ob sei denn ok noch so gode Plän' moken köhnt --« warf Anders behutsam dazwischen. »Kopparbeit is wat anners as Handarbeit. En Kopparbeiter mutt anners lewen können as'n Handarbeiter ... dei brukt Bäuker -- dei mutt reisen können un sich furtbilden ...«
»Wat du nich all weißt!« knurrte Tedje. »Du büst jo en ganzen Klauken, du! Öwer dit 's egol ... 'n goden Kierl büst du doch! Kumm, mien Jung, will'n ein'n drinken -- un denn säukt wie uns en säute Deern un gohn mit ehr slapen -- kumm, mien Jung!«
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür -- und eine junge Dame trat ein -- »Gu'n Abend, Vadder -- gu'n Abend, Tedje ... ah, Besäuk?«
Plötzlich verstummte sie -- und starrte den neuen Schlafburschen an wie ein Gespenst. Und Anders Niemann saß da wie behext ...
Aber schnell hatte Antje sich gefaßt. Sie ging auf den neuen Hausgenossen der Eltern zu und streckte ihm die Hand hin:
»Entschülligen S' man -- ick harr all dacht, Sei wieren en Bekannten -- Ick bün Antje.«
»Un dit is Anders Niemann,« lachte Tedje, der bei dem seltsamen Stutzen der Schwester und des Kollegen, wie auch der Vater, zuerst verblüfft und argwöhnisch dreingeschaut hatte -- »kiek di'n man gaud an, mien Deern, dat 's 'n fixen Jungen -- en Nieter von de Werft! Un he wahnt bi Muddern -- un Viegelin spält hei noch'n beten beter as Clos Mönkebüll Klovier -- dat is nu 's Abens bi Mudder Tietgens dat reine Künstlerkonzert ...«
Auch Anders hatte sich rasch gefaßt. Er brachte einen wundervoll linkischen Kratzfuß zustande und stotterte:
»Djä, Fräulein -- dat's jo scheun ... ick harr gor nicht dacht, dat in de Uhlentwiet so wat Nüdliches wass'n künn ...«
»Dat gleuw ick di, Jung!« griente Tedje behaglich. »Dat is ok mien Swester ... Wat ick as Jung bün, dat is sei as Deern ... Nich, Mudder? Grod ut dien Gesicht sneden, donn as du noch jung weurst ...«
Das welke Mutterchen, das stumm und wesenlos in der Ecke hockte und sich nur zu regen pflegte, wenn es die Mannsleut zu betreuen galt, lächelte schweigend über sein ganzes, in tausend Fältchen zerknittertes Gesichtchen.
Und schon saß Antje mit den Männern am Tisch. Bald ward die Runde vollzählig -- denn auch Clas Mönkebüll, dessen Gutmütigkeit von Mudder täglich zum Einholen angestellt wurde, kam mit einem Henkelkorb voll Bierflaschen, Brot und Wurst unterm Arm. Bald kaute alles aus vollen Backen, lustig flatterte das Gespräch um den Tisch.
Nur ab und zu warf Antje einen heimlichen Blick zu dem Flüchtling der Villa Freimann hinüber. Sie wußte längst, daß der Sohn ihres Chefs seit ein paar Tagen spurlos verschwunden war. Aber dies Wiedersehen -- einstweilen überstieg es ihre Fassungskraft. Die Zeit war so kraus, so abenteuerlich, so vergiftet von Argwohn und Schurkerei -- eine Sekunde lang schoß ihr der Gedanke: Spitzel? durch den Kopf. Kaum gedacht, schon verworfen. Diese schwermütigen, innerlichen Züge hehlten nicht Verrat. Ihr Geheimnis lag tiefer, verschleierter.
Nicht minder unauffällig, nicht minder eifrig beobachtete der »Neue von der Werft« die Tochter seines Quartiergebers. Ihre Ähnlichkeit mit Tedje war auffallend -- freilich nur im Gesicht. Die schlanke Figur mochte sie von der jetzt ganz verbrauchten und verwitterten Mutter haben. Ein Vergnügen, wie sie mit ihren Lieben verkehrte ... Sie sprang, um dem Vater Pantoffeln und Pfeife zu holen -- ging der Mutter beim Abdecken und Spülen zur Hand -- und mit dem rauhen Bruder stand sie auf einem Fuße derber, oft handgreiflicher Neckerei, die aus dem schlimmen Tedje ganz ungeahnterweise einen täppisch-vergnügten, kindlich-gutmütigen Buben herausschauen ließ ... In die Schwester war er offenbar so verliebt, wie ein sinnlich veranlagter, doch kerngesunder Bursch in eine bildhübsche Schwester eben verliebt sein darf. Antje vergalt ihm mit einer harmlos lustigen Kameradschaft, durch die eine halb mütterlich sorgende, halb überlegen-erzieherische Zärtlichkeit anmutig hindurchschimmerte ...
Aber Clas Mönkebüll?! Er warf kaum einmal ein schwerfällig hingestammeltes Wort in das neckische Geschwätz hinein. Er saß mit aufgestemmten Armen stumm und andachtsvoll dem Mädchen gegenüber -- seine wasserblauen Augen unter der kantigen Stirn folgten jeder ihrer Bewegungen, sein schmaler Mund über dem breiten Kinn belächelte jedes ihrer Scherzworte wie eine Offenbarung ... Und Antje beachtete ihn kaum. Ja, manchmal schien es, als sei dies hingegebene, verzauberte Anstarren ihr unbequem ...
Sie schickte ihn schließlich selber ans Klavier -- trat mit ins Nebenzimmer und staunte, daß die zwei Kunstgenossen richtige Noten, funkelnagelneue, auf das Klavier und auf ein aus Zigarrenbrettern zusammengezimmertes Stehpult stellten ...
»Darf ich Sie später nach Hause begleiten?« flüsterte Anders Niemann der Haustochter zu.
»Ja -- aber die andern dürfen's nicht merken -- ich nehme niemals Begleitung in Anspruch ... Gehen Sie in einer halben Stunde fort und erwarten Sie mich unten ...«
Clas Mönkebüll hatte zu präludieren begonnen. Es waren die ersten Takte des Andantes aus der Kreutzer-Sonate. Nur das Thema wollten sie spielen und die beiden ersten Variationen. Die übrigen waren für Clas doch gar zu schwer ... Nun sah der Holsteiner sich ungeduldig um. Er sah, daß sein Kollege und Antje einen Blick tauschten, in dem etwas wie ein geheimes Einverständnis glomm ... da schaute er schnell wieder auf seine Noten -- ein banges Zucken um die schmalen Lippen.
Und dann stieg ein fremder, hoher Gast in die Proletarierstube hernieder. In unbegriffener Andacht neigten sich ihm die Herzen der wesensverschiedenen Menschen, die hier beisammensaßen, verbunden im Innersten durch ein gemeinsames, ihnen selber unbewußtes Geheimnis -- das Geheimnis ihrer Sehnsucht ... Die hatte plötzlich Sprache bekommen -- sie jubelte und klagte in ihnen allen als schmerzlich-seliges Gefühl einer tiefsten, innerlichsten Zusammengehörigkeit ... Und Anders Niemann war es zumute, als habe er nie so heiß die Wonne empfunden, in Tönen sich ausströmen zu können -- nicht im weiland Kasino beim Damenabend -- nicht einmal im Elternhaus -- wie noch jüngst im Zusammenspiel mit dem Mädchen, das er so schmerzlich, so entsagend liebte -- das nun, es konnte ja nicht anders sein, ihm längst entglitten war, eines Stärkeren, eines Ganzen Beute ... Nein, selbst bei ihrer Begleitung hatte er nicht so hingegeben, so aufgeschlossen gespielt -- geschenkt -- sich selber verschenkt wie heut ...
Denn die da oben, die lebten ja in der Fülle ... Sie hatten ihren Beruf, der war ihnen nicht eine fluchbeladene, zermürbende Hantierung, deren stumpfes Gleichmaß ihnen die Nerven zerrieb, die Seele aushöhlte -- nein, höchster Lebensinhalt, Waffe und vollwertiger Ausdruck ihrer Persönlichkeit -- nicht etwas Fremdes, von der Daseinsnot Erzwungenes -- nein, sie selber ... Ihre Ruhestunden waren umstellt von einer Umwelt, die nicht minder ihres eigenen Wesens Prägung war ... Aber der Genuß der höchsten Schöpfungen des Genius -- was bedeutete er ihnen mehr als eine Entspannung -- eine Ausbalancierung ihres seelischen Gleichgewichtes?!
Diese Menschen empfingen das unbegriffene Gnadengeschenk der Schönheit wie eine Erfüllung ihrer Träume, eine Erlösung vom Fluch ihrer Existenz ... Keiner von ihnen, vielleicht nicht einmal die eine, die sich über die Sphäre ihres Ursprungs emporgeschwungen hatte -- auch sie hätte wohl kaum zu deuten vermocht, was dieses rätselvoll bange Behagen denn eigentlich war, das die Lauschenden durchschauerte, das ihnen die müden, versorgten, vergrämten Herzen so schwer machte und zugleich so frei, ihre enge Welt um sie schön und schwebend -- das den Wunsch entzündete, beisammen zu sein, sich eins dem andern hinzugeben, sich auszusöhnen, liebend zu verschwenden -- --
Ja -- was war es denn eigentlich?!
5
Anders Niemann hatte es doch nicht fertiggebracht, Antjes Vorschlag zu folgen und sich wegzustehlen aus dem Kreis, in dem er so unerwartet heimisch geworden war, um sie draußen zu erwarten. Die Unwahrheit seines Dahinlebens unter diesen einfachen, natürlichen Menschen bedrückte ihn ohnehin schon schwer genug. Er hatte eine Maske tragen müssen -- sein ganzes Jugendleben hindurch -- die starre, in korrekte Falten gebügelte Maske des wilhelminischen Offiziers. Nun lechzte er danach, er selber sein zu dürfen ... Wenigstens innerhalb dieses selbstgewählten Scheinlebens keine unnötige Komödie mehr! Ganz offen bat er, Antje heimbegleiten zu dürfen.
Die Wirkung solcher fremdartigen Galanterie in diesem Kreise war verblüffend. Auf den Gesichtern der beiden Alten ein Staunen, fast als hätte er Antjes Hand erbeten ... Ein rascher Blickwechsel: Oho?! Na ja -- schließlich: warum nicht? Einmal muß es ja doch sein -- und der ist der Übelste noch lange nicht ... So stand es im Auge des müden Frauchens dort in der Ecke. Und der Alte blickte zurück: Hm ... eigentlich hätt' ich mir für meine Antje noch etwas Besseres gewünscht als einen Ungelernten aus der Schiffsbauhalle ... Nun, er mag sein Glück versuchen -- ist er nicht gut genug für sie, wird sie ihn schon ablaufen lassen ...
Bruder Tedje war nicht der Mann, seine Gedanken und Gefühle bloß mit Blicken auszudrücken. Er schlug lachend auf den Tisch.
»Kiek mol! So'n Kierl! Gliecks Sprung auf, marsch, marsch! Paß Achtung, Deern -- dat 's 'n Gefährlichen, dei!« In diesem Blick funkelte etwas, das zur Harmlosigkeit seiner Worte nicht recht stimmen wollte. Etwas von brüderlicher Eifersucht -- im Hintergrunde gar etwas wie ein vager, noch ganz unbewußter Argwohn ...
Clas Mönkebüll aber saß stumm, regungslos, beklommen. Ein Traum, der entschwebt, ein strahlender Dur-Akkord, der in wehmütiges Moll zerrinnt ...
-- »Es ist eine große Sorge um Sie daheim, Herr Kapitänleutnant«, sagte Antje und schritt hastig fürbaß, den Neuen Steinweg hinab. Um beide wogte das abendliche Getriebe der wimmelnden Straßen. Überall Menschen -- Menschen, vom harten Alltagstempel geprägt ... Und rechts und links, aufstarrend wie die herzumängstenden Klippen einer endlosen Felsschlucht, die staub- und rußgeschwärzten Häuserfronten -- hier die verzogenen, kaum mühselig noch im Lot sich haltenden Ziegelwände jahrhundertealter Zinshäuser, dort der gräßliche, verlogene Prunk stucküberladener, aber auch längst wieder halb verwitterter Warenhausfassaden ...
»Kann mir's denken«, lachte Heinz. »Jetzt, wo's zu spät ist! Übrigens, bitte -- Anders Niemann heiß' ich!«
Antje meinte zu begreifen. Sie hatte längst bemerkt, daß der Reif, den Herr Freimann damals an der Linken getragen, verschwunden war. Er berichtete, wie er zu Antjes Eltern gekommen sei -- selbstverständlich ohne Ahnung des bevorstehenden Wiedersehens. Er habe ja nicht einmal den Namen der jungen Dame gewußt, die ihm eine so gründliche Lektion erteilt habe.
»Die scheint also doch einigen Eindruck auf Sie gemacht zu haben.«
»Ohne sie wäre ich vielleicht nicht hier.«
»Oh ... das ist mehr, als ich mir hätte träumen lassen.« Antje fühlte Glut in ihren Wangen.
»Sie sprachen mir von der Seele des Volkes -- ich bin hingegangen, sie zu suchen.«
»Und -- was haben Sie gefunden?!«
»Etwas sehr Schönes: das Gefühl einer tiefen Leere -- und den glühenden Wunsch, sie ausgefüllt zu sehen.«
»Ausgefüllt -- mit was?«
»Mit etwas Großem, Beglückendem, Aufrichtendem -- mit einem Ideal.«
»Geben Sie's -- das Ideal!«
»Wenn ich's hätte!«
»So helfen Sie's uns suchen.«
»Das will ich. Darum bin ich, wo ich bin. Aber ich glaube sogar, ich weiß es schon zu benennen -- ein Vaterland -- ein Mutterland, das allen den Seinen ein rechtes Elternhaus wäre ... Das Land unserer Liebe.«
»Ach, wenn Sie es fänden!«
»Ja -- dann wäre uns allen geholfen -- uns armen, zerrissenen Deutschen.«
6
Ohne den Freunden, den Gesinnungsgenossen etwas zu verraten, hatte Georg Freimann an Patterson gedrahtet:
»Erwarte angekündigte Vorschläge.«
Vierzehn Tage später machte eine schlanke Privatjacht unter amerikanischer Flagge an den St. Pauli Landungsbrücken fest. Der Reeder ging an Land -- mit ihm ein untersetztes, straffes Girl von siebzehn Jahren, mit kapriziöser Eleganz gekleidet -- aschblond, nußbraune Augen, feste, weiße Hände ... Der alte Herr winkte ein Auto heran, Miß Bessie zog ein kleines Sternenbanner aus der Handtasche und befestigte es mit einem geübten Griff in der Düse des rumpligen Mietwagens.
»H. T. L.-Gebäude!« befahl der Ankömmling in leise fremdartig klingendem Deutsch.
»So, +my darling+, du magst nun eine halbe Stunde lang in der Stadt herumkutschieren --«
»Fällt mir nicht ein«, erklärte Bessie. »Ich bin toll vor Neugier, diese gräßlichen Deutschen kennenzulernen, die unsere ›Lusitania‹ versenkt und unsere armen Kriegsgefangenen gekreuzigt haben.«
»Diese nicht, die du jetzt kennenlernen wirst, Bessie«, sagte Patterson gehorsam und entließ das Auto.
»Schade ... die andern will ich aber auch kennenlernen.«
Vater und Tochter schwebten im palisandergetäfelten Lift zum Präsidentenbureau der Linie empor.
»Ich finde, +daddy+, hier sieht's gar nicht hunnisch aus ... Sollte der New York Herald uns beschwindelt haben?«
»Möglich«, murmelte Elias Patterson. »So -- nun benimm dich manierlich. Die Deutschen sind ernsthafte Leute.«
Georg Freimanns Auge leuchtete heimlich auf, als er sah, daß der Gerufene nicht allein gekommen war. Auf einen Piratenzug nimmt man keine Dame mit.
»+Good morning+, Freimann -- darf ich wieder Freimann sagen? Der Mister geniert mich.«
»Sie dürfen, Patterson -- weil Sie so reizende Gesellschaft mitbringen. Miß Patterson -- willkommen in Deutschland.«
»Dank Ihnen, Mister Freimann«, sagte Bessie. »Sie haben einen Sohn, sagt +daddy+ ... Er ist verlobt -- schade ... Verlobte junge Männer interessieren mich nicht ... Verheiratete, das ist was anderes ... Ist er vielleicht schon verheiratet?«
»Leider nein«, sagte Freimann zwischen Lachen und Befangenheit. »Er ist durchgebrannt -- mir und seiner Braut.«
»Durchgebrannt --?! Das finde ich +smart+ von ihm ... Wo ist er?«
»Ich weiß es nicht, Miß Patterson.«
»Oh -- wir werden ihn suchen und finden. Ich wünsche ihn zu sehen ...«
»So, kleine Maid, nun halt' mal den Mund ...« sagte der Vater. »Ich habe mit Mister Freimann von Geschäften zu reden.«
»Das ist gut,« sagte Bessie, »ich liebe Geschäfte. Ich mache selber Geschäfte. Zu Hause, Mister Freimann, züchte ich Hunde -- ganz kleine und ganz große -- Collies, Neufundländer, alles, was Sie wollen. Schauen Sie her, das ist einer von meiner Zucht!« Und sie griff in die Tasche ihres Kleiderrockes und holte einen winzigen Zwergpintscher heraus, der, aus seiner Haft erlöst, sofort auf den nächsten Stuhl sprang und seine Freiheit mit wütendem Gekläff begrüßte. Aber schon hatte seine kleine Herrin ihn beim Wickel, schwenkte ihn ein paarmal wie einen nassen Lappen im Kreise und stopfte ihn wieder in die Tasche. »Das ist eins von meinen Zuchtmütterchen ... Von der hab' ich einen ganzen Wurf zu hundert Dollar das Stück verkauft ... Sehen Sie, das sind meine Geschäfte ... Von dem Erlös habe ich mir einen fabelhaften Kodak gekauft mit prima prima Objektiv ... Nachtaufnahmen kann man damit machen, sag' ich Ihnen!«
»So, nun ist's aber genug!« Vater Elias machte einen krampfhaften Versuch, Autorität zu markieren. »Herrn Freimanns Zeit ist kostbar.«
»Denkst du, meine nicht?!« lachte die Kleine. »Nun, ich will euch zweien eine Viertelstunde bewilligen. Dann wirst du mir die Stadt zeigen, die ich sehr niedlich finde ... Ein reizendes Puppenstädtchen, wenn man von drüben kommt ... Ich habe im Vorzimmer eine junge Dame gesehen, ich werde mir von ihr etwas erzählen lassen. Ich wünsche zu wissen, ob die deutschen Mädchen wirklich so langweilig sind, wie es immer in unseren Romanen steht.« Und schon war sie fortgeschwirrt.
Die Männer sahen sich an und lachten.
»Sie glauben nicht, Patterson, wie gut das tut, in Deutschland einmal wieder lachen zu hören und lachen zu dürfen ...«
»Nun, Sie werden sich noch oft genug zu ärgern haben über den Racker ... Sie kann einem schon auf die Nerven fallen ... Werden Sie dann ruhig grob, sie ist's gewohnt, wenn sie's gar zu bunt treibt ... Und nun ans Werk, lieber Freund. Sie haben gerufen -- ich bin da.«
Georg Freimann schilderte dem Ankömmling die Lage mit jener rückhaltlosen Offenheit, die sich in seinem Geschäftsleben immer als die beste Politik bewährt hatte.
Patterson hörte aufmerksam und leise mit dem schmalen Kopfe nickend zu. So etwa hatte er sich die Entwicklung selber vorgestellt.
»Ich finde, lieber Freund,« sagte er bedächtig und mit einem Anflug von Ironie, »die Situation der Linie hat sich wenig geändert, seit Sie mein Angebot auf Übernahme Ihrer Aktiva so entrüstet zurückgewiesen haben.«
»Sie haben nicht unrecht, Patterson ... aber auch unser Wille hat sich nicht geändert, lieber unsern Trümmerhaufen mit eigner Hand in die Luft zu sprengen, als ihn unter das Sternenbanner zu stellen -- wenigstens unter das Sternenbanner allein.«
»Hm -- und wenn nun die Sterne und Streifen -- sich neben Ihre Reichsflagge pflanzen würden? Ihr sollt ja eine neue bekommen, schwebt mir vor -- wie sind doch die Farben?«
»Schwarz-rot-gold«, sagte Freimann unfroh. »Die Farben des Reiches im Mittelalter ... Auch sie haben eine Tradition.«
»Aber nicht als Handelsmarke«, erwiderte der Amerikaner. »Eine schöne Dummheit, Freimann. Die Firma ist pleite bis unters Dach -- nur ein einziges Aktivum hat sie noch: das alte, in der ganzen Welt eingeführte Warenzeichen ... Und das wollen die Liquidatoren freiwillig fallen lassen ... Nette Kaufleute das ...«
»Wenn Schwarz-rot-gold uns aus der Tiefe unseres Jammers zu neuem Aufstieg führt -- wäre es nicht kindisch, ihm die Gefolgschaft versagen zu wollen? Sie meinen, das schwarz-rot-goldene Banner und das Sternenbanner -- sie würden sich miteinander vertragen?«
»Da beides die Hohheitszeichen von Republiken sind -- warum nicht?« sagte der Mann von drüben. »Machen wir's kurz. Ich glaube, daß ihr dickköpfig genug seid, lieber unterzugehen als zu liquidieren. Ihr habt's bewiesen. Und Sie, Freimann, werden nicht nach Holland gehen ... Auf Ihren wirtschaftlichen Zusammenbruch zu warten, habe ich keine Geduld ... Also wie denken Sie über eine Fusion?«
* * * * *
»Guten Tag«, sagte Bessie zu der Sekretärin. »Sie verstehen ja Englisch, nicht wahr? Sie haben sehr schönes braunes Haar -- es flimmert wundervoll in der Sonne. Sie haben sich einen sehr guten Platz ausgesucht -- da am Fenster. Es ist sehr effektvoll. Erlauben Sie einen Augenblick.«
Antje Tietgens saß in stummer Verblüffung. Knips! machte der Kodak. »Danke Ihnen«, sagte die Fremde. »Das ist das erste Porträt, das ich von einer deutschen Dame gemacht habe. Es ist ein guter Anfang.«
»Mit wem habe ich die Ehre?« fragte Antje.
»Oh -- Sie sprechen Englisch, das ist schön«, sagte Bessie. »Waren Sie drüben?«
»Nein -- ich lebe in einer Pension, in der vor dem Kriege sehr viele Amerikaner verkehrten.«
»Das merkt man«, sagte die Fremde anerkennend. »Ich bin Bessie Patterson ... Sie wissen, was das bedeutet?«
»Ich weiß«, lächelte die Deutsche.
»Möchten Sie gerne nach drüben kommen? Es ist drüben schöner als hier. Die Leute hier machen alle traurige Gesichter -- Sie auch, sogar wenn Sie lachen. Ich liebe das nicht.«
»Wir haben wenig Grund zu lachen. Wir sind besiegt -- im größten aller Kriege. Und wir fangen jetzt erst an, es richtig zu merken.«
»Oh -- ich bin sehr neugierig, zu wissen, was ihr für Menschen seid. Ich habe mir euch ganz anders vorgestellt. Ich will das deutsche Volk kennenlernen.«
»Das Volk, Miß Patterson? Was nennen Sie das Volk? Bei uns versteht man unter Volk die sogenannten kleinen Leute.«
»Die will ich gerade kennenlernen. Ich bin eine Demokratin, Miß -- wie heißen Sie? -- Oh, das ist ein schwerer Name ... aber ich werde ihn lernen. In Amerika gibt es keine kleinen Leute. Es gibt nur solche, die das Rennen schon gemacht haben -- und solche, die es noch machen wollen -- außerdem natürlich auch solche, die ausgeschieden sind -- weil sie nicht reiten können --. Aber auf die kommt es nicht an, sie sind uninteressant. Mein Vater, sehen Sie, der hat das Rennen gemacht. Und ich bin dabei, es zu machen. Dazu fehlt mir nichts als ein Mann. Wenn ich heimkomme, gehe ich mir vielleicht einen suchen. Vielleicht warte ich auch noch ein paar Jahre. Ich habe ja noch Zeit. Ich bin siebzehn. Ich finde schon den, den ich suche. Sind Sie schon dabei zu suchen?«
* * * * *