Das Land unserer Liebe

Part 7

Chapter 73,471 wordsPublic domain

In der Mittagspause folgte Anders Niemann dem Strom seiner neuen Kameraden, der sich aus dem ganzen weithingestreckten Werftgelände, in vieltausenden Rinnsalen zusammenfließend, zur Kantine ergoß. Alles bewegte sich in hastigem Tempo, die Hungrigen und Flinksten gar im Laufschritt. Man gab eine Marke ab, empfing einen Topf mit Zusammengekochtem, suchte sich in der niederen Halle an den langen, dichtumdrängten Tischen einen Platz und löffelte seinen Topf aus ... Anders Niemann hatte einen Schauder zu überwinden. Alles andere war zu ertragen ... die dumpfe Schlafstelle in der elenden Hafenkneipe drüben am St. Pauli Fischmarkt -- man würde ja über kurz oder lang ein etwas menschlicheres Quartier finden. Die Gesellschaft der neuen Kollegen -- der Dunst von frischem Schweiß und verschwitzter, verfilzter Wäsche, von ungepflegter Körperlichkeit, kurzum so etwas wie der Geruch einer fremden Rasse -- das kannte er schließlich von der engen Gemeinschaft der Kaserne, von den Schlafkojen der Hochseeschiffe und des Tauchbootes ... Auf die Gespräche freute er sich ... um ihretwillen war er hier. Aber wie diese Menschen aßen -- dies Schmatzen, Schlürfen, Schlingen -- daran mußte man sich erst gewöhnen ...

Immerhin -- Anders Niemann fühlte sich sehr wohl inmitten all der knorrigen, derbknochigen, muskelstarken, in verschlissene, schmutzstarrende, über und über geflickte Kleider gehüllten Gestalten, in deren Mitte er, mit aufgestemmten Ellenbogen, wie sie, sein erstes durch Handarbeit verdientes Mittagsmahl verzehrte. Und als der Heißhunger gestillt war, kam eine Unterhaltung in Gang. Aber von ihrem Inhalt war Anders ein wenig enttäuscht. Nichts Grundsätzliches -- keine Ideen ... Lohnfragen -- nichts als Lohnfragen ... Er war zwischen lauter ältere Genossen geraten ... Es sei ein Skandal, meinten die, daß heutzutage der Ungelernte wie der Gelernte bezahlt werde ... Das sei früher nicht gewesen, und das könne auch nicht bleiben. Und auch, daß es jetzt keine Akkordarbeit mehr geben solle, das sei ein Unverstand ... Wenn man mit fleißiger Hand nicht mehr verdienen könne als mit fauler, dann mache das ganze Arbeiten keinen Spaß. ... Anders Niemann lauschte mit stummer Genugtuung. Die revolutionäre Überspannung des Gleichheitsbegriffs schien bei den besonneneren Angehörigen der Klasse schon ihre erste Werbekraft verloren zu haben.

Bald brannten die Zigaretten. Nun kamen die persönlichen Fragen. Anders Niemann freute sich seiner Beherrschung des Plattdeutschen, das er seiner Vertrautheit mit der Mannschaft verdankte. Niemand kam auf den Einfall, der junge hübsche Kerl mit dem kahlgeschorenen »Stiftekopp« und dem ersten Stoppelflaum eines sprossenden Bärtchens auf der Oberlippe könne etwas anderes sein als ein waschechter Genosse ...

In bedeutend langsamerem Tempo als der Hinmarsch zur Futterstelle wurde der Rückmarsch zur Arbeitsstätte angetreten. Und Anders Niemann »versenkte« weiter seine Nietlöcher. Immer die gleiche Bewegung, das gleiche Tasten mit dem schnurrenden Bohrer, bis er richtig über der Mitte des Loches saß ... Dann eine Senkung, die rasenden Feilzähne packten zu -- rrrr -- das Loch war fertig ... weiter, weiter ... Das Hirn verblödete, die Augen schmerzten, alle Glieder brannten, bis endlich die Sirene Feierabend gebot ... Dann trottete Anders Niemann im Schwarm seiner Arbeitskollegen zur Werft hinaus, überquerte in der vollgepfropften Dampffähre den gärenden Elbstrom und schlenderte nun der Reeperbahn zu, um eine Abendunterhaltung im Stil seiner neuen Lebensführung aufzusuchen. Und alsbald war er untergetaucht in einem Schwall von Menschen, die in ihren Kleidern den Dunst der Arbeit mit sich trugen, in ihren Gesichtern die Abspannung eines Tagewerks, das ihnen nichts als freudlos ertragene Fron bedeutete ... eines Daseins, aus dem sie nichts zu machen, dem sie keinen Sinn, kein Ziel zu geben gewußt hatten ... Wie das dahinflutete, ruhelos, hoffnungslos, lechzend nach einem Augenblick der Entspannung, nach Genüssen, roh und leer wie ihre Mienen ... Ein grenzenloses Mitleid schwoll in Anders Niemanns Herzen. Wie arm waren diese Menschen ... Oh, sie waren nicht hungrig -- sie waren satt, sie konnten sich noch satt essen, während unzählige Geistige schon darben gelernt hatten ... Sie waren Masse und hatten es verstanden, als Masse aufzutrumpfen und manches zu erzwingen, was die Angehörigen höhergestellter Berufe längst entbehren mußten ... Und dennoch waren sie arm. Sie hatten nicht verstanden, nicht gelernt, ihr Leben mit Stolz und Auftrieb zu füllen ... Würde man ihnen helfen können --?!

»Heute gr. Ball!« Anders war in einen Schwall von Pärchen geraten, der dem grell durch eine Bogenlampe erleuchteten Eingang eines Tanzlokals zustrebte und sich einsaugen ließ wie ein Schwarm Nachtschmetterlinge in einen Exhaustor. Drinnen eine Luft zum Schneiden -- rote Papiergirlanden, rote Fähnchen an den Wänden -- am Klavier ein abgeschabter Klimpergreis, neben ihm ein hagerer, langhaariger Jüngling mit der Geige -- zu ihrem blöden Walzergedudel im enggekeilten Tanzgewirr sich drehend Paar um Paar -- die Söhne und Töchter der »andern Welt«.

Anders Niemann bestellte sich ein Glas Bier in einen Winkel und beobachtete. Ihm ging's zunächst wie einst bei seinen Rekruten. Es schien, als seien das alles dieselben Menschen, derselbe eine Mensch in ein paar hundert fabrikmäßig hergestellten Exemplaren, nur jedes ein bißchen anders angemalt und ausstaffiert ... Die Burschen gutmütig, sinnenhungrig, zu handgreiflicher Gewalt so rasch bereit wie zu schneller Brüderschaft ... Die Mädchen putzfroh, verliebt, lechzend nach derber Zärtlichkeit, leichtgläubig und gleich schnell zum Lachen und Weinen zu bringen ... Allmählich schälte sich dann doch eine ganze Welt von Typen heraus -- und aus dem Gewühl hob sich gar die eine oder andere Einzelpersönlichkeit von eigener Prägung.

Ein Strammer namentlich fesselte den versteckten Beobachter. Er schwitzte und schäumte förmlich Lebenskraft und Lebensgier. Die Mädchen rissen sich um seine Gunst, klebten an seiner breiten Brust wie Fliegen am Leimpapier. Aber er schien zu keiner zu gehören -- nachlässig langte er sich Dirn um Dirn zum Tanz, sprach zu der schmachtenden Partnerin von oben herab, schob, wenn das Gewoge verebbte, die sehnsüchtig auf Gespräch und Einladung harrende wie ein lästiges Bündel von sich. Dabei brannte in seinen Augen ein Feuer, das ihn selber auszudörren schien. Er löschte es, indem er nach jeder Runde einen Schnaps hinunterkippte ... Eine schöne, wilde, gefährliche Bestie ...

Der Mordskerl, dem die Weiblein sehnsüchtig zuschmachteten, schien unter den Männern viel Bekannte zu haben. Von allen Seiten trank man ihm zu, hielt ihm das Henkelglas hin:

»Suup, Tedje, suup! Büst lang naug bi Woter un Brot in't Bargwark fohrt!«

Aber nur mit einem der Kollegen hielt der Stramme Kameradschaft -- einem Stillen, Seltsamen, der für Anders Niemanns Gefühl ganz aus dem Rahmen fiel. Blondes Schlichthaar war senkrecht zurückgestrichen von einer vierkantigen Träumerstirn, unter der ein Paar blaue Kinderaugen standen. Die Nase bäurisch grob, der Mund schmal und schwärmerisch, das Kinn breit ausladend und kantig wie der Schädel -- ein merkwürdiger, unvergeßlicher Kopf.

In einer Pause bemerkte er, wie der Starke auf den wunderlichen Freund einsprach -- der wehrte ab, aber wie einer, der sich gern nötigen lassen möchte. Und rundum wurden Stimmen laut:

»Clos Mönkebüll! Du sast uns 'ne Red' hollen! 'ne Red' van de niege Tied!«

Und endlich stand der Allbegehrte auf. Sein strammer Gefährte hob ihn wie eine Puppe auf den Tisch -- alles drängte herzu, der Tanzbums wurde zur Volksversammlung.

»Kam'raden -- Genossen -- Brüder!« hob der Hagere mit leuchtendem Antlitz an: »Wer von uns fühlt dat nich, dat wir am Anfang stehn von eine neue Minschheit, von eine bessere, reinere Zeit?! Wir alle, was wir ältere Jungs sind, wo vor dem großen Massenmorden schon in der Arbeit gestanden sind, wir wissen es alle, daß wir damals wie in eine Stickluft gelebt haben und geschafft mit unsre schwielige, rissige Fäuste. Unsere Arbeit war der Fluch von unser ganzes Leben, wir waren angefüllt bis zum Bersten mit Haß -- mit dem roten, glühentigen Haß -- gegen den Staat, der nur für die Großen und Mächtigen inricht' wor, un vör uns arme Schindluder nix öwerig harr as Schinnerei un Invalidität. Un dorbi war in unsre Herzen ganz tief, tief innen eine große Sehnsucht, ein großes Heimweh nach eine bessere, schönere Welt ... und denn hebbt wi Johr üm Johr doar buten in Slamm un Füer liggen müßt un unsre Brüder drüben in' annern Graben kaputschießen oder uns von sie kaputschießen lassen ... do hebbt wi Tied naug hatt tau'n Simmelieren -- doar sünd wi all erweckt worden un hebbt begrepen, dat wi uns blot sülben helpen künnen ... Un dorüm hebbt wi Sluß mokt un hebbt uns hulpen un hebbt dei Throns umstött ... Un nu is dat Volk Herr im eignen Hus ... Aber noch ragt in unsrer Mitte eine mächtige Burg! Doar sitten sei noch jümmers drin, dei Gewaltigen von't Kapital ... Diese letzte Zwingburg möt wi noch stürmen un breken, ut düsse letzte Stellung möt wi den Feind der Minschheit noch rutsmieten, doarmit dat dei grote Gottesfräden von Brüderlichkeit öber dei Welt kümmt, dat wi all den'n glieken Andeil an dei irdischen un an dei ewigen Göder bekamen -- dat dat nich mehr Utpowerer gift un Utpowerte, kein Herren mehr un kein Sklaven, nix als freie, schöne, glückliche Menschen un Gotteskinner ... dat is dei niege Heilslehr', dei von Moskau utgahn is in alle Welt ... In ehrem Deinst hebbt wi de ierste dütsche Revolutschon mokt -- un in ehrem Deinste wüllt wi bald dei tweite moken -- un nach dem Götzen Monarchismus auch den Götzen Kapitalismus in den Abgrund stürzen ... In diesem Sinne, Genossen un Genossinnen: Es lebe die Weltrevolutschon!!« -- --

Andächtiger als eine Prozession von Wallfahrern der Predigt unterm Gnadenbilde, hingerissener, gläubiger hatten diese jungen Männer und Mädchen dem Propheten aus ihrer eigenen Mitte gelauscht. Nun brach ein Jubel aus, der die niedere Halle sprengen wollte. Der Redner ward von nervigen Armen emporgehoben, hinter ihm formte sich ein Zug, der immer und immer wieder die Runde um den Tanzboden machte. Auch Anders Niemann ward in den Strudel gerissen. Irgend etwas in ihm jauchzte, irgend etwas schluchzte ... Er fühlte die Echtheit und Tiefe der Sehnsucht, die in all diesen jungen, vom Leben, von ihrem eintönig herben Arbeitsleben wie von den stumpfen, seelenlosen Genüssen ihrer Ruhestunden ungesättigten Menschen schwelte -- nach etwas, dem sie selber keinen Namen zu geben wußten ... nach etwas, das vielleicht unerreichbar war, weil erst die ganze Weltordnung hätte umgebaut werden müssen ... diese fürchterliche neue Weltordnung des 19. Jahrhunderts, die aus der Welt Goethes und -- na, meinetwegen auch Napoleons, die Welt der Massenarbeit und des Massenmordes gemacht hatte -- die Welt der Maschine, das scheußliche Zerrbild der Schöpfung Gottes ...

Aus der Menge, die hinter dem redemächtigen Burschen wie hinter einem Triumphator drein tobte, rang ein Lied sich los:

»Wir bluteten vier Jahr' in Schlamm und Glut und Graus für Krone, Thron, Altar -- nun ist die Knechtschaft aus!

Was hoch und stolz, das fällt im Sturm der neuen Zeit, nun bringen wir der Welt die rote Seligkeit!«

Und bei den ersten Klängen des Liedes geschah etwas Seltsames. Der gefeierte Redner sprang von den Schultern derer, die ihn erhöht hatten, und kämpfte sich bis zum Klavierpodium durch. Er schob den verhungerten Musikmacher vom Drehstuhl und schlug mit geübter Hand, in machtvollen Akkorden, die Tasten. Wie die Harfenarpeggien eines Rhapsoden rauschten seine Modulationen daher -- von ihnen umrankt, schwang die neue Weise wie ein Sturmgesang durch den dumpfen, schweiß- und tabakdunstigen Raum, und taktfest dröhnte in ihren Rhythmus das Stampfen der nägelbeschlagenen Schuhe, das Händeklatschen der Mädchen ... Es schien, als wolle das Lied die Welt aus den Angeln heben -- diese Greuelwelt des Apparates, der Macht, Allmacht gewonnen über den Menschen ...

Und als das Lied zu Ende war, als der Zug sich auflöste, alles den Plätzen, dem Schenktisch zustrebte, um die jählings entfachte Glut zu löschen -- da blieb der Redner und Klaviervirtuos im zerschlissenen Soldatenrock am Klavier sitzen -- und immer noch glitten seine Finger über die Tasten ... aber nicht stürmisch und zerschmetternd mehr erklangen die Weisen, die er dem abgeklapperten Instrument abzwang ... sie wurden immer munterer, lichter, freudiger ... Und Anders Niemann glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen -- sie gingen in eine Melodie über, die er kannte -- eine Tanzweise ... aber nicht der übliche Gassenhauer aus der letzten Modeoperette -- es war Webers »Aufforderung zum Tanz«.

Da zog es den Neuling der Schiffsbauhalle mit geheimer Magie zum Instrument. Wortlos nahm er dem langmähnigen Geigenjüngling die Violine aus der Hand, klemmte sie unters Kinn -- und übernahm die Oberstimme ... Der Feldgraue am Klavier sah nur einen Augenblick mit frohem Staunen zu dem unerwarteten Kumpan am Klavier auf, dann versank er nur noch tiefer in das perlende Gewoge des unvergänglichen Tanzliedes. Und durch den Saal, den eben der trunkenmachende Päan von der roten Seligkeit durchbrandet hatte, schwebte nun wie ein Gruß aus der fernen Welt der Schönheit und Grazie die holdselige Walzerweise des Freischützsängers.

Und schau! Die jungen Kerls und Deerns, die sich eben, ein rasender Haufe Weltenstürmer, hinter dem roten Fanal des berauschenden Liedes geballt, fanden sich nun Paar zu Paar, umschlangen einander und walzten durch den Saal, nicht brünstig aneinander geklemmt wie vordem beim lüsternen Schmalzgedudel der dirnenhaften Foxtrottseufzer, sondern gelöst, beschwingt, durcheinandergewirbelt von der kecken Heiterkeit eines naturverbundenen Genius.

3

Die Verhandlungen mit den Banken wollten nicht vorwärts. Georg Freimanns Zuversicht geriet ins Wanken. Er hatte, dem Auftrage der Generalversammlung entsprechend, den Vertrag über die Lieferung eines Doppelschrauben-Turbinendampfers für Fracht- und Passagierbeförderung von siebenundzwanzigtausend Tonnen nach den Entwürfen der Hammonia-Werft unterzeichnet, und schon begann auf der größten Helling das Grundgerüst des Doppelbodens sich aufzubauen. Aber die Geldbeschaffung machte ernste Schwierigkeiten und drohte völlig ins Stocken zu geraten. Die Banken verlangten Garantien.

Ein abermaliger Versuch bei der Reichsleitung in Berlin schien nicht ratsam. Die hatte Wichtigeres zu tun, diesmal im Ernst Wichtigeres. Die Friedensverhandlungen in Versailles hielten sie in Atem.

In den Sitzungen des Direktoriums der Linie hüben wie in den Besprechungen der Werftleitung drüben flatterten die Gedanken der Verantwortlichen immer halb scheu, halb hoffnungsvoll um den einen Namen, den jeder auf der Lippe hatte, jeder auszusprechen sich scheute. Es war grauenhaft zu denken, daß dies stolze Deutschland, daß diese deutsche Handelsschiffahrt, die einmal die zweite Stelle in der Welt eingenommen hatte, nun nirgendwo anders das Heil erhoffen konnte als bei dem großen Feinde, dessen Eingreifen den Krieg wider die Welt zu Deutschlands Ungunsten entschieden hatte. Der Dollar hatte begonnen, seinen Siegeszug um den Erdball anzutreten.

Und eben von da drüben hatte eine Hand sich ausgestreckt, eine einzige Hand -- nicht um zu helfen zwar, sondern um auch das Letzte noch zu nehmen, das der größten deutschen Schiffahrtslinie von einstiger Machtüberfülle noch geblieben war. Aber hinter dieser Hand stand immerhin ein Menschenantlitz -- nicht eine Larve des Hasses und Vernichtungswillens ... Wie, wenn es gelänge, in dem Hirn, das dieses Antlitz, diese Hand regierte, etwas wie ein menschliches Verständnis, eine kluge Achtung zu erwecken für den zähen Lebenswillen, den unausrottbaren Hansengeist, der den Verzweiflungskampf der Linie, der Werft befeuerte?!

Das war die letzte Hoffnung, welche die harten Ringer diesseits und jenseits der Norderelbe noch aufrecht hielt, in den endlosen Besprechungen und Sitzungen, die der brennenden Frage der Geldbeschaffung galten. Denn schon waren die Banken so schwierig geworden, daß vorübergehend eine Stockung eintrat. Die Löhne konnten nur noch mit größter Mühe pünktlich bezahlt werden. Und damit kam aufs neue die Unruhe unter die Tausende von Angestellten, in den Kontoren wie auf der Werft. Was fragten diese Tausende nach den Schwierigkeiten der Leitung?! Sie verlangten an jedem Zahltag ihren Lohn -- und bekamen sie den nicht pünktlich und richtig, so waren sie schnell bei der Hand mit unseligen, sinnlosen Taten der Mißhandlung und Sabotage.

Mit solchen Sorgen zerquälten die Leiter aller großen Betriebe Hamburgs ihre Tage und Nächte in den furchtbaren Sommermonaten des ersten Jahres nach dem Verstummen der Geschütze. Aber zu solchen Beklemmungen hatten Georg Freimann und sein Freund Detlev Carstensen noch einen bitteren Herzenskummer zu tragen. Von dem jungen Manne, der einmal die Lebenshoffnung dieser beiden Väter gewesen, war seit jenem regentriefenden Aprilabend, der seine Spur verschlungen und verwischt hatte, nicht die leiseste Kunde mehr gekommen.

Ein anderer freilich war über dies Verschwinden höchst erfreut gewesen. Aber gerade der mußte erfahren, daß seine Hoffnungen enttäuscht wurden.

Im dienstlichen Verkehr hatte Bob Timmermanns täglich Gelegenheit, mit der Tochter seines Chefs in Berührung zu kommen. Er war der Mann, diesen Vorteil auszunutzen. Er zeigte sich von seiner besten Seite. Seine Unverwüstlichkeit durchdrang den ganzen Riesenapparat der Werft, befeuerte das Tempo der Arbeit, rann wie ein belebender Strom durch Kontore und Bauhallen, in die Docks und Helgen und ließ nirgendwo Erschlaffung, Unruhe, Unsicherheit aufkommen.

Ilse Carstensen wäre keine Frau gewesen, hätte sie nicht herausgefühlt, daß solche Leistungen eines Starken noch aus einer anderen Quelle ihre Unversieglichkeit schöpften als nur aus Pflichtbewußtsein, Schaffensdrang und Vaterlandsliebe. Bob Timmermanns besaß nicht die Kunst der Verstellung, des Abwartenkönnens. Das mächtige Gefühl, das seinen mächtigen Willen durchfieberte, verlangte nach Entladung, drängte nach Erwiderung.

Es gab Stunden, in denen Ilse der ungeheuren Energie dieser stummen Werbung, mit der Bob Timmermanns sie umgab, zu erliegen meinte. Das Gefühl der Wesensverschiedenheit, mit dem sie anfangs die überlaute, überderbe Art des Riesen abgelehnt, war längst überrannt. Der Werkmeistersohn war für die Patrizierin in die gleiche Ebene des Menschentums emporgestiegen.

Wäre Heinz geblieben -- hätte die Braut täglich Gelegenheit gehabt, an der Stärke des Werbers die Schwäche und Verworrenheit des Verlobten zu messen -- vielleicht hätte die Kraft gesiegt. Aber der Schwache, der Komplizierte, der Problematische war fort. Und knirschend erkannte Bob Timmermanns, was Heinz Freimann, wie Bob ihn zu kennen glaubte, in naivem Versagen getan -- es war das klügste, was er hätte tun können. Die Ferne, das Geheimnis waren stärkere Mächte als die Gegenwart, die Eindeutigkeit ...

Untersinkend hatte der Entrückte im Herzen seines Mädchens, das immer noch den Ring des Verlobten am Finger und jenen, den er ihr zurückgelassen, auf dem Busen trug, einen Anker versenkt, der fester hielt als einst das Treuegelöbnis, die Angst um den Kämpfer, den Gefangenen, die Seligkeit des Wiederfindens. Ilse wand sich in Reuequal. Gewiß: wenn Ilse dem Verlobten hatte merken lassen, wie sehr der Ingenieur ihr imponierte -- so war das nicht ganz ohne einen Hauch von koketter Bosheit geschehen ... Er hatte es merken sollen -- hatte es gemerkt. Und darum war er still gegangen -- darum ... So mächtig ist in der Frau das Allgefühl ihrer Liebe: sie will es nicht wahrhaben, daß der Geliebte auch noch anderen Einwirkungen unterliegt -- was ihm geschieht, was er leidet und handelt -- ihre Liebe wähnt sich selber die einzige Triebfeder der Leiden, der Entschlüsse, der Schicksale des Mannes, dem sie sich verbunden weiß ...

Das Verhalten seiner Mutter mußte sie in dem Glauben bestärken, sie allein habe ihn vertrieben. Wohl hatte Frau Johanna selber den Sohn in seiner Not ohne Mutterhilfe gelassen -- hatte in der plötzlichen Erkenntnis ihrer Schuld gegenüber ihrem Gatten den Seelenkampf, die tiefe Verlassenheit ihres Sohnes übersehen ... Aber das hatte sie längst vergessen. Sie gab es der Schwiegertochter rückhaltlos zu verstehen: ihre Tändelei mit Timmermanns habe Heinz von hinnen getrieben ... Ja, selbst ihren Vater hatte Ilse im Verdacht, er denke das gleiche ... Diese Auffassung, so schmerzlich und drückend sie für Ilses Gewissen war -- barg sie nicht auch eine ungeheure Schmeichelei? Eine verführerisch hohe Meinung von ihrem eigenen Wert? Es ist süß, wähnen zu dürfen, daß man für den geliebten Menschen das Schicksal bedeutet -- das ganze, das alleinige Schicksal ...

Schließlich: welcher andere Beweggrund für Heinzens Flucht war erkennbar, war überhaupt denkbar?! In den kurzen Stunden des Beisammenseins -- ehe das große Mißverstehen kam -- waren die Seelen einander noch viel zu wenig nahegekommen, als daß Ilse eine Ahnung von den verwickelten Vorgängen hätte haben können, die Heinz von hinne getrieben -- als daß sie hätte ahnen können, ihre betonte Abkehr von ihrem Verlobten sei nicht die einzige, ja nicht einmal die tiefste Ursache seiner Flucht gewesen -- höchstens der äußere, fast zufällige Anstoß ...

Einerlei: der schmerzlich-süße Wahn, der Ilses Gewissen belastete, wob ein festeres Band um sie und das Bild des Geflohenen als dereinst seine Gegenwart ...

Bob Timmermanns fühlte das. Zu einfach, zu leicht verständlich war dieser Zusammenhang. Und mit seinem ganzen Berserkergrimm haßte der Sehnsüchtige den Entflohenen, der aus unbekannter Ferne mehr Macht über das Wesen seiner Verlobten übte denn jemals durch seine Gegenwart.

4

Anders Niemann hatte das erhoffte Quartier gefunden. Clas Mönkebüll, sein Partner am Klavier, und dessen strammer Freund Tedje Tietgens hatten den neuen Kollegen mit heimgenommen. Und mit dem Sohne des Hauses teilte nun auch der »Neue« das Zimmer, in dem einstmals die drei Brüder Tietgens gehaust hatten -- -- von denen zwei in Frankreich verscharrt lagen.

Anders Niemann war den beiden Alten bald ein lieber Hausgenosse geworden. Nicht nur, daß er und der blonde Holsteiner allabendlich mit ihrer Musikmacherei ganz neue Freuden in das schlichte Arbeiterheim gebracht hatten -- es schwatzte sich so gut mit ihm ... Vater Tietgens taute auf. Er hatte einen Gesinnungsgenossen gefunden. Seinen Sohn hatte er längst aufgegeben -- das war ein hoffnungsloser Radikaler -- Kunststück, wenn man keinen Abend nüchtern nach Hause kommt -- -- auf dem Schnapssumpf blühte die Giftblume des Spartakismus am üppigsten -- das hatte Vater Tietgens längst heraus. Schwieriger war's zu verstehen, daß auch der scheue, schwere Clas ein so hitziger Moskowiter geworden war.

Anders Niemann glaubte beide genügend zu verstehen, um sie dem Alten begreiflich machen zu können.

»Vadder,« sagte er, »wat Ehr Tedje is, dei is ganz vullsagen mit Haß -- dorüm will hei alles kaputsloh'n, wo hei nich an kann. Clos is anners! -- Clos hett tau väl Leiw ... Alle Minschen möchte hei glücklich moken ... Dorüm kann hei't nich mit anseihen, dat weck in Öberfluß sick mästen -- un weck nich dat dröge Brot hebbt ...«

»Kannst recht hebben, Jung«, sagte der Alte. »Wo hest du blot all dei Wür her?! Denken kann'k ok so'n Soken -- Öwerst wenn ick dat utspreken will, dann finn' ick dat nicht tausam'n ...«

Vorsicht! dachte Anders Niemann. Und er bemühte sich, seine Gedanken ein wenig einfacher zu fassen ...