Das Land unserer Liebe

Part 6

Chapter 63,472 wordsPublic domain

»Vielleicht haben Sie recht, Fräulein«, sagte er aus tiefem Sinnen, wie abschließend. »Ich -- will darüber nachdenken.«

Zu Hause wartete seiner ein Besucher. Der stellte sich in tadelloser militärischer Haltung als Leutnant a. D. Armin Timmermanns vor und lud nach etlichen Einleitungsfloskeln den Herrn Kapitänleutnant ganz gehorsamst ein, dem Geheimbund »Retter des Vaterlandes« beizutreten. Zweck: Niederzwingung des Bolschewismus, Wiederaufrichtung der Monarchie, Befreiung der Heimaterde von der Schmach der Fremdherrschaft.

»Hohe, wundervolle Ziele!« sagte Heinz Freimann achtungsvoll. »Nur, so will mir scheinen, die Möglichkeit ihrer Verwirklichung liegt in weiter Ferne.«

»1813 hat es sieben Jahre gedauert von Tilsit bis Leipzig«, sagte der Leutnant. »Wir werden es in der Hälfte der Zeit schaffen.« Es gelte vor allen Dingen im Innern reinen Tisch machen -- die Herrschaft des Gesindels müsse gebrochen werden ... Die Novemberverbrecher weggeräumt -- sie und ihre geheimen Mitschuldigen von der hohen Finanz, der Presse, der Politik -- damit Raum für den Retter werde.

»Weggeräumt? Wie wollen Sie das bewerkstelligen ...?«

»Mit denselben Mitteln, mit denen unsere Feinde im Kriege die Flaumacher und Défaitisten beseitigt haben -- also mit allen.«

»Sie sind fehl am Ort, Herr Leutnant«, sagte Heinz Freimann gelassen. »Ich war selber Défaitist -- und heute bin ich im Begriff, etwas zu werden, was in Ihren Augen vielleicht noch schlimmer ist --«

»Ich -- verstehe nicht ...«

»Ist auch nicht nötig«, lächelte der Seemann, erhob sich und machte eine verabschiedende Verneigung.

Armin Timmermanns schlug knallend die Hacken zusammen, eisige Verachtung im Blick.

Armes Deutschland! dachte Heinz.

9

Von diesem Morgen an lebte Heinz Freimann in seinem Elternhause wie hinter einer Eiswand.

Zwar Mutter Johanna umgab ihn mit all ihrer rührenden Güte und bis ins kleinste sich erstreckenden Sorgsamkeit. Aber innerlich das fühlte er, hatte auch sie sich von ihm abgewandt. Der Wunsch, an ihrem Manne gutzumachen, was sie in Jahren der Verständnislosigkeit an ihm gefehlt zu haben überzeugt war, drängte jedes andere Gefühl, auch ihr mütterliches, in die zweite Linie. Heinz solle sich mit seinem Vater aussöhnen, den Platz an seiner Seite einnehmen, ein gehorsamer Mithelfer seiner Pläne werden -- das sei Sohnespflicht -- nicht mehr und nicht weniger.

Vergebens, wenn Heinz versuchte, der Mutter begreiflich zu machen, was in ihm vorging. Er begriff sich ja selber nicht -- wieviel weniger konnte er sich andern erklären.

Ach -- und auch Ilse verstand ihn nicht. Bob Timmermanns -- das war ihr drittes Wort. Bob Timmermanns hat heute gesagt -- Bob Timmermanns würde in diesem Falle sagen -- --

»Es ist mir gleichgültig, Ilse, was dieser Herr denkt und tut, sagt oder sagen würde ... Ich muß meinen Weg gehen.«

»Und wohin soll der führen, Heinz?«

»Wenn ich das selber wüßte! Nur das eine ist mir klar: Etwas ganz Neues muß werden -- neue Erkenntnisse, neue Gedanken, neue Gefühle -- neue Ideale mit einem Wort ...«

»Ich glaube,« sagte Ilse, »das ist etwas sehr Altes und Einfaches, was uns not tut. Wir müssen arbeiten. Jeder an seinem Platze --«

»-- sagt Bob Timmermanns«, schloß Heinz bitter.

Sie entzog sich ihm ... er würde sie verlieren -- hatte sie schon verloren. Und hatte sie nicht recht? Diese Frau, er fühlte es, wollte aufschauen zum Manne -- Klarheit verlangte sie, Willen und Ziel. Sie schauderte vor Wirrnis, Gärung, Halbheit.

Sie hatte verglichen -- und der Vergleich war gegen ihn ausgefallen ...

Aber unwillkürlich verglich auch er. Arbeit -- das war das Zauberwort, das die Welt, aus der er erwachsen war, ihm täglich in die Seele schmetterte. Dieser Stahlklang übertönte mehr und mehr die zarten Weisen, mit denen sein Elternhaus, mit denen wenigstens Mutter und Braut ihn empfangen hatten. Seit an jenem Heimkehrfeste der knarrende Baß dieses Herrn Timmermanns die tröstende Kantilene Beethovens zerrissen hatte, waren weder Mutter noch Ilse ans Klavier zu bringen. Es war, als schämten die Frauen sich, in dieser finsteren Zeit etwas anderes zu tun, als mit zusammengebissenen Zähnen dem »Wiederaufbau« zu dienen ...

Dem Wiederaufbau, wie sie ihn verstanden: Schiffe -- Schiffe -- Schiffe ... Das war fortan der einzige Gedanke, schien der einzige Lebensinhalt all dieser Menschen geworden zu sein, die Heinz Freimanns Leben umgaben. Und er inmitten, abseits, müßig, inhaltlos ...

Eine andere Stimme war ihm erklungen -- auch eine Mädchenstimme. Eine Arbeiterin, ein Arbeiterkind -- aber sie hatte das Wort Arbeit ausgesprochen mit einem geheimen Haß und Abscheu im Klang ...

Und ihre Lebenslosung -- wie hatte die gelautet? Schönheit -- Freude -- Seele ...

Seltsam: die Menschen hier oben, die fieberten nach Arbeit -- und eine aus der Tiefe, die erhob Anklage wider die im Lichte Wandelnden -- die forderte alle jene hohen Güter, die hier droben zu Hause waren -- und für ihre Eigner plötzlich den Kurs verloren zu haben schienen ...

Immer dichter, immer finsterer lagerten sich Wolken und Wirrnis um Heinz Freimanns Seele. Zwei Welten, er fühlte es, umschloß dies Hamburg, dies Deutschland -- zwei Welten, zwischen denen es keine Gemeinschaft mehr gab -- keine mehr geben konnte. Die Welt von Harvestehude -- und die Welt von St. Pauli ... Unverbunden standen sie nebeneinander. Ob sie auch am gleichen Werke schufen -- zwischen ihnen gab es dennoch keine Beziehung mehr ... in zwei Nationen, zwei Rassen, in zwei verschiedene Arten von Lebewesen schienen diese Menschen eines Stammes und Blutes, einer Geschichte und Sprache zu zerfallen.

Und Heinz war heimatlos geworden -- in jener der beiden Welten, aus der sein Leben stammte. Und die da drüben? Die andere, die nahe und doch völlig, völlig unbekannte, unerforschte, unerlebte Welt?! Die Welt, die sich nun anschickte, die Welt seines Ursprungs zu zertrümmern?!

Hier war ein Problem, eine Frage, eine Dunkelheit, ein Rätsel -- -- vielleicht eine Aufgabe -- eine Mission ...

Je tiefer Heinz im Elternhause sich vereinsamt und abgelehnt fühlte, je stärker tat in ihm eine Sehnsucht sich auf: einmal ganz aus dieser seiner Welt zu verschwinden -- und in die andere hineinzutauchen ... in jene Welt, aus der es so erschütternd emporgeklagt hatte:

»Freude -- Schönheit -- Seele -- alles habt ihr uns versagt ...«

Aber -- war das wirklich die Stimme der andern Welt, und nicht am Ende nur die eines einzelnen Herzens -- eines Herzens, das herausgewachsen war aus der Sphäre seiner Abkunft -- ohne in der andern Wurzel fassen zu können?! War diese schlanke Sekretärin, die sich ein Kind der Arbeit genannt hatte -- war sie vielleicht derselbe Fall wie er -- nur umgekehrt?! Das mußte man herausbekommen. War jene Welt nur darum so gestaltlos, schmutzig, haßerfüllt, umsturzlüstern -- weil jene andere, jene da oben, sich an ihr versündigt hatte -- oder hatte jener andere recht, der diese ganze Welt da unten Gesindel nannte, dessen Herrschaft so schnell wie möglich gebrochen werden müsse?!

Ein Plan klärte sich schließlich aus dem Gebrodel empor -- ein Plan, den vor ihm schon, er wußte es, andere Tieferstrebende seiner Lebensschicht gefaßt und ausgeführt hatten -- der aber für den Sohn des Schöpfers der H. T. L. etwas Ungeheuerliches, etwas Grundstürzendes bedeutete. Wie -- wenn er aus dem Kreise, der ihn ohnehin täglich frostiger ausschied -- wenn er aus ihm freiwillig und unbemerkt ... verschwände?! um hineinzutauchen, unterzusinken, für eine Weile mindestens, in jener andern, unteren, unermeßlich bevölkerten, scheinbar ungegliederten -- -- Unterwelt?!

Wer wird ihn vermissen -- sich um ihn bangen -- nach ihm forschen, ihn zurücksehnen?!

Ach -- fast blieb nur noch die Mutter -- und auch die mehr aus Mutterinstinkt als aus Mutterglauben ... Hatte sie nicht ein ganz neues Leben begonnen? ein Leben, in dessen Mittelpunkte plötzlich nicht mehr der Sohn, die Häuslichkeit, die Bücher, die Kunst standen -- sondern der Gatte, die Linie, die Schiffahrt?!

Und Ilse?! Noch gab es Stunden zwischen den Verlobten, in denen sie mit schmerzlicher Sehnsucht eins das andere suchten ... Aber eine Kluft des Empfindens hatte sich zwischen ihnen aufgetan, die mit Küssen, Tränen, Umarmungen nicht mehr zu überbrücken war ... Der Moloch Arbeit, der diese Menschen in Fesseln geschlagen hatte, glotzte in jede bange Suchensstunde hinein und trennte das junge Weib, das diesem Dämon verfallen war, von dem jungen Manne, der nach dem unbekannten Gotte bangte ...

Der Vater? Der Schwiegervater? Für beide war er Luft -- ein Abtrünniger -- ein fast Wahnsinniger. Er brachte es fertig, in dieser Zeit ein tatenloses Grüblerdasein hinzuschleppen. Er war entartet -- gebrochen -- »mit den Nerven zusammengebrochen« -- im günstigsten Fall ein Kranker, dessen Heilung man abwarten mußte. Aber diese harten Männer des Schaffens, des Bauens hatten nicht die Geduld, den Krankenwärter zu spielen. Er mochte mit sich selber fertig werden -- oder man mußte ihn fallen lassen. Es gab viele solcher dekadenten Sprößlinge in allzu rasch aufgestiegenen Familien -- die ließ man laufen, und wenn sie's gar zu toll trieben, ließ man sie entmündigen ... Wer sich nicht selber zu helfen wußte, den mochte der Teufel holen.

Heinz durchschaute sie alle -- alle, seine nächsten, seine liebsten Menschen. Er wußte, bei ihnen hatte er verspielt.

* * * * *

Ein Abend kam, der gab letzte Klarheit.

Die Generalversammlung der H. T. L. hatte stattgefunden, sie war aus ganz Deutschland stark besucht worden. All diese gewichtigen Männer, die Spitzen des Handels und der Industrie, hatten Auftriebsstimmung mitgebracht. Das süße Gift des Bolschewismus schien seine Kraft zu verlieren. Die heimgekehrten Krieger fingen an, sich wieder an regelmäßige Arbeit zu gewöhnen. Die eingeborene deutsche Tüchtigkeit bewährte sich -- man durfte hoffen. Unter dem Einfluß dieser erwachenden Zuversicht waren die Pläne der Leitung mit einem Jubel begrüßt worden. Die Fachleute der Linie berichteten voll Enthusiasmus über die neuen Entwürfe der Werft. Alle Anträge der Direktion wurden fast widerspruchslos angenommen. Das Präsidium wurde beauftragt, ohne Verzug in Verhandlungen mit der Reichsleitung einzutreten, um sie zur Bewilligung der Ersatzleistungen für den beschlagnahmten Schiffspark zu veranlassen.

In strahlender Laune kam der Präsident mit Carstensen, welcher der Generalversammlung beigewohnt und über den neuen Dampfertyp der Werft persönlich berichtet hatte, zur Villa Freimann. Telephonisch hatten sie Ilse bestellt -- sie traf wenige Minuten nach den Vätern ein. Frau Johanna hatte ein Festmahl gezaubert.

Das Tischgespräch war ein einziger Triumph, atmete Hoffnung, Schaffensdrang, Zukunftsglauben ... »Wir kommen wieder hoch!« Und der heimliche Triumphator der Stunde war ein Abwesender: Bob Timmermanns ... Sogar Vater Carstensen, dessen Selbstgefühl in den letzten Jahren, bei absinkender Kraft, ein wenig empfindlich geworden war, erkannte heute neidlos an: Der Recke war die Seele der Werft, die tragende Kraft der neuen Pläne.

»Und warum haben Sie ihn nicht mitgebracht?« fragte Johanna. »Heut abend gehört er doch eigentlich dazu!«

»Das ist wahr!« brach Ilse aus. »Toll von uns, nicht, Vater? Aber das läßt sich nachholen! Er ist ja Abend für Abend zu Haus und rechnet über seinen Laderaumtabellen. Ich ruf' ihn an -- ohne Bob Timmermanns geht's nicht!«

Schon war sie von dannen.

Heinz hatte stumm, unbeachtet, in sich verkrochen inmitten der lauten, geschäftigen Lustigkeit gesessen. Nun erhob er sich und schlich hinaus, lautlos, wie von hinnen geweht. Er vernahm, wie Ilse draußen am Apparat im Tone fröhlich-stolzer Kameradschaft mit dem Mitarbeiter ihres Vaters sprach, ihn mit schmeichelhaften Worten einlud, an dem improvisierten Festschmaus teilzunehmen -- des Riesen Stimme knarrte vernehmlich durch den Trichter in Ilses Lachen hinein. Da ging Heinz leise an der Braut vorbei, die ihn gar nicht bemerkte -- und stieg zu seinem Zimmer hinan. Ihm war, er hätte alles verloren -- Elternhaus und Liebe.

Den Plan der Trennung hatte sein Hirn schon längst gewälzt und in dunklen Stunden in Form gebracht. Versinken -- verschwinden aus dem Bezirk des Glanzes und Besitzes, in dem er geboren war -- untertauchen in der fremden, der zweiten, der unbekannten Welt ... Vielleicht war hier das Deutschland seiner Träume zu finden ... Und auch den Weg hatte er längst übersonnen.

Aus seiner fernen Seekadettenzeit wußte er seine Matrosenuniform noch in einer großen Truhe verstaut, die seine Jugendandenken barg. Nun kramte er die abgestreifte Hülle einer früheren Schicksalsstufe hervor und schlüpfte hinein. Seltsam, wie gut sie ihm noch paßte! Gefangenschaft und Heimkehrgram hatten ihn abmagern lassen.

Er streifte Ilses Ring vom Finger, steckte ihn in einen Briefumschlag, auf den er den Namen seiner Braut geschrieben. Das mochten sie finden, wenn er fortgegangen war ...

Eine Sekunde lang wurde ihm bang und bitter zum Umsinken. Ilse -- -- ich habe dich geliebt -- geliebt als das Lichte und Klare in einem dunklen, verworrenen Leben ...

Du aber suchst selber das Klare, das Einfach-Starke ... und hast's gefunden. Bei einem anderen gefunden -- -- vorbei --

Ein Abschiedsblick auf die Umwelt seiner Jugend -- es war keine Wehmut drin. Die Vergangenheit fiel von ihm ab wie eine Schlangenhaut -- abgestorben, schmerzlos.

Doch halt! Da stand ja der elegante, schwarzpolierte Kasten mit der Stradivarius -- die konnte er freilich nicht mitnehmen in die andere Welt ... Aber ohne Geige -- nein. Die war seines besten Wesens ein Stück.

Und er fand in den Tiefen eines Schrankes das immerhin noch recht kostbare Instrument, auf dem er einst die Anfangsgründe geübt hatte. Nun noch eine letzte Vorsicht, die jedes Mißverständnis ausschließen, seine Lieben vor unnützen Ängsten bewahren sollte. Ein paar Zeilen in Hast auf ein abgerissenes Notizblatt gekritzelt:

»Lebt wohl, ihr Lieben, für eine Zeit des Suchens. Sorgt euch nicht um mich, ich komme wieder. Um eines nur bitte ich, forscht mir nicht nach, das würde mich nur in weitere Ferne verscheuchen.«

Sein Zimmer führte auf den großen Altan an der Hinterfront der Villa, auf den Park und die Alsterseite. Er trat hinaus -- es goß in Strömen. Schadet nichts. Ein Seemann ist wetterfest. Gewandter Klimmer, der er war, schwang er sich mühelos, den Geigenkasten unterm Arm, übers Geländer und abwärts in die regennassen Bosketts. Ein triefender Nebelschwaden hing über dem nächtlichen Bilde seiner versinkenden Heimatwelt. Fahl schimmerte die regungslose Fläche der träumenden Alster -- nur wenige Lichter durchblinzelten wie tränentrübe Augen von der fernen Uhlenhorst herüber das Gedünst ...

Elternhaus -- Liebe -- ade ...

Ich geh' das Deutschland meiner Träume suchen.

Zweites Buch

1

Im +D+-Zug Berlin-Hamburg saßen die Freunde zusammen -- Georg Freimann, Carstensen, Timmermanns. Ihre Herzen brannten vor Verstimmung und Groll.

»Es war nicht gerade nötig, Freimann, daß Sie die Verhandlungen mit einem Bekenntnis zur Republik eröffneten«, sagte der alte Carstensen. »Dieser -- na, sagen wir mal Opportunismus wirkte wenig überzeugend -- gerade an Ihnen, der Sie, wie die Welt weiß, einmal ein Günstling, um nicht zu sagen ein Freund des Kaisers waren -- und sich in der Sonne der Allerhöchsten Gnade immer höchst behaglich gefühlt haben.«

»Wenn diese Worte eine Anzweiflung meines Charakters sein sollen,« entgegnete Georg Freimann scharf, »dann sprechen Sie es bitte deutlich aus -- damit ich genau weiß, wie ich mich hinfort zu Ihnen zu stellen habe.«

»Sie sind immer ein großer Diplomat gewesen, lieber Freund«, sagte der Greis behutsam. »Ich habe Ihre Elastizität stets bewundert. Sie ist eine der wichtigsten Ursachen Ihrer Erfolge geworden. Aber diesmal hat, meiner Beobachtung nach, Ihre Anpassungsfähigkeit Ihnen einen Streich gespielt. Es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß Ihre politische Neueinstellung auf die Herren, mit denen wir verhandelten, etwas verblüffend gewirkt hat. Ich brauche mich wohl nicht deutlicher auszudrücken.«

»Nein -- das brauchen Sie nicht«, sagte Freimann eisig. »Über meine Gesinnung zu urteilen, erlaube ich auch Ihnen nicht. Ich erkenne nur mein Gewissen als Richter an. Und mein Gewissen -- das ist der Vorteil der Linie. Heute wie je.«

»Frage nur, ob Sie dem gestern wirklich gedient haben -- dadurch, daß Sie sich so beflissen auf den Boden der Tatsachen gestellt haben. Das hat auf die Männer der Stunde keinesfalls überzeugend gewirkt. Das Ergebnis zeigt's: Wir kriegen kein Geld. Und damit gut' Nacht, H. T. L., gut' Nacht, Hammonia-Werft! Jetzt können wir beide die Bude zumachen.«

»Dafür bedanken Sie sich lieber bei Ihrem Herrn Mitarbeiter!« Georg Freimann warf dem stumm vor sich hinbrütenden Timmermanns einen bitterbösen Blick zu ... »Es wäre noch alles gut abgegangen, wenn dieser Gewaltmensch da nicht die Nerven verloren hätte -- und den rötlichen Herren mit dem Vorwurf ins Gesicht gesprungen wäre, die Republik scheine nur Geld für Schaffung neuer Ministerien und keins für die nationalen Aufgaben zu haben ...«

»Kann sein, daß es geschadet hat«, erwiderte Bob Timmermanns mit grimmiger Genugtuung. »Mich freut's, daß ich's ihnen gesagt hab'! Sie werden's nicht hinter den Spiegel stecken.«

»Es war trotzdem eine Dummheit, Timmermanns«, sagte der Brotherr des Getadelten. »Eine Dummheit, für die wir alle büßen müssen.«

Bob Timmermanns hatte eine scharfe Antwort auf der Zunge. Aber der alte Herr hatte recht ...

Die drei Männer, deren Stellung zueinander eine Lebensfrage der deutschen Schiffahrt bedeutete, verstummten in Bitterkeit und Entfremdung. Aber zu stark war in ihnen allen dreien das Gefühl der Verantwortung für das Schicksal der ihnen anvertrauten Unternehmungen, der Tausende von Menschenleben, die unmittelbar von ihren Entschlüssen abhingen -- des Vaterlandes, das Eintracht und Zusammenarbeit von allen seinen Söhnen gebieterisch forderte -- und von den Führern am meisten.

Georg Freimann war wirklich von den dreien der Anpassungsfähigste. Er war der erste, dem es gelang, Enttäuschung und Verärgerung niederzuzwingen. Seit dem rätselhaften Verschwinden seines Sohnes, an dem er sich selber einen Großteil der Schuld beimessen mußte, war er ohnehin zu Milde und Nachsicht geneigter denn je zuvor.

»Carstensen,« sagte er, »das hat keinen Zweck. Wir dürfen uns jetzt nicht entzweien -- wir dürfen nicht. Das wissen Sie so gut wie ich und auch Timmermanns. Gesagt ist gesagt, geschehen ist geschehen. Also Schluß damit. Wir müssen vorwärts. Was ist zu tun?«

»Ich weiß es nicht«, sagte der alte Carstensen mutlos. »Küstendampfer von dreitausend Tonnen bauen -- und ab und zu mal einen neutralen Auftrag größeren Umfangs ergattern -- dabei kann die Werft nicht bestehen. Und auch abgesehen davon -- ich müßte danken. Liquidieren, Freimann! Wenn ich nicht mehr schaffen darf -- Großes schaffen, wie ich's gewohnt bin -- dann lieber Schluß!«

»Und unsere Arbeiter?!« warf Timmermanns dazwischen.

»Aha! Die Herren Arbeiter!« sagte Carstensen heftig. »Das verdammte Kapital hat zwar nicht das Recht, den Arbeitern Vorschriften zu machen, aber die Pflicht, ihnen Brot zu schaffen. Wie es das anfängt, das ist seine Sache.«

»Jawohl,« sagte Timmermanns, »es ist seine Sache. Und darum hat der Herr Präsident recht: was tun?«

Freimann hatte tief nachgesonnen. »Sie wissen, meine Herren, ich könnte der Linie -- und vielleicht auch der Werft aus dem Schlamassel helfen, wenn ich an Elias Patterson nach Neuyork telegraphierte, die H. T. L. sei jetzt bereit, seinen Vorschlägen nachzukommen und ihre Aktiva an den Patterson-Konzern zu verkaufen. Dann faßte die Blue-Star-Line in Hamburg und damit in Deutschland Fuß, das Personal der H. T. L. würde übernommen und hätte in Zukunft unter dem Sternenbanner weiterzuarbeiten -- für die Hammonia-Werft fiele wohl doch im Laufe der Zeit mancher Auftrag der Amerikaner ab -- und ich für meine Person würde vielleicht als Subdirektor des Konzerns bis an mein Lebensende weiter vegetieren dürfen ...«

»Entzückende Aussichten!« brummte Timmermanns. »Dann hätte der Feindbund ja sein Ziel erreicht: die deutsche Schiffahrt als europäischer Nebenbetrieb der angelsächsischen ... Die deutsche Industrie wird den gleichen Weg gehen -- schließlich ist ganz Deutschland nur noch eine Filiale der Entente, alle Deutschen Lohnsklaven ihrer Feinde ... Es ist erreicht!!«

»Nein,« sagte Georg Freimann, »es ist nicht erreicht -- noch nicht ... Versuchen wir zunächst noch einmal bei den Banken unser Heil! Der neue Dampfer muß auf die Helgen, muß ... Diese Gesellschaft, die sich heute Reichsregierung nennt, wird abwirtschaften ... Wir werden unsere Entschädigung bekommen, wenn nicht morgen, dann übermorgen ... Solange müssen die Banken einspringen. Wollen sehen, ob nicht auch sie begreifen, daß Schiffahrt not ist -- Leben aber nicht!«

In des Reeders Auge glühte der alte Hansentrotz. Die Freunde sahen's mit stolzer Genugtuung. Des Sohnes Verschwinden -- es hatte dem zähen Eroberer den Nacken nicht gebrochen, nein gesteift. Und da sprach auch er selber schon den Gedanken aus, den die anderen hinter seiner arbeitenden Stirn geahnt:

»Dieser Phantast, der einmal mein Sohn hieß, der soll nicht recht behalten ... Nicht neue deutsche Menschen braucht's, die alten waren ganz gut so, so wie sie waren ...«

2

In der zugigen Schiffsbauhalle der Hammonia-Werft stand ein junger Mann von etwa dreißig Jahren neben einem Vorarbeiter, der ihn anleitete. Der Lehrer bemühte sich, dem Schüler das »Versenken« beizubringen. Seltsamer Name für eine Arbeit, die nichts erforderte als eine sichere Hand, ein aufmerksames Auge und etliche Gewissenhaftigkeit! Eine Eisenplatte lag flach auf einem kniehohen Gerüst -- um ihre vier Ränder zog sich eine Doppelreihe sauber eingestanzter Löcher. Sie waren für die Niete bestimmt, welche die Platte an das stählerne Schiffsgerüst anheften und damit zu einem Bestandteil der eisernen »Oberhaut« des werdenden Fahrzeugs machen sollten. Diese Löcher bedurften noch einer letzten Zurichtung durch Ausfräsen mit einem kegelförmig abgestumpften Bohrer. Diesen zu führen, sollte der »Neue« lernen -- der heute morgen vom Betriebsrat der Werft als »Ungelernter« eingestellt worden war. Er hatte sich als Heimkehrer aus der russischen Kriegsgefangenschaft angemeldet. Papiere besaß er nicht, die waren in die Hände der Bolschewisten gefallen. Sein beschmutzter Matrosenanzug und seine korrekten Antworten auf einige seemännische Fragen machten seine Aussage glaubhaft, daß er mit +U+ 387, das während eines Vorstoßes der Hochseeflotte in die Bucht von Ösel durch eine Wasserbombe außer Gefecht gesetzt worden und in die Hände der russischen Küstenverteidigung geraten war, in Gefangenschaft gekommen sei. Er hieß Anders Niemann.

»Junge, du hest 'n Kopp!« lobte der Vorarbeiter, als der Lehrling seine ersten Versuche gemacht hatte. »Du kümmst bald bi dei Utgeliehrten!«

Anders Niemann lächelte geschmeichelt.

»Büst all organisiert?« examinierte der Lehrmeister.

»Ick weur vor'n Krieg op'n Lann«, erklärte der Neue. »Doar hebbt wi noch kein Organisatschon hatt ... Öwerst ick lat mi noch hüt inschrieben ...«

»Dat's gaud,« lobte der Kollege, »süß weur ock dien's Bliewens hier nich lang west.«

Noch eine halbe Stunde blieb der Vorarbeiter neben seinem Zögling stehen, um dessen Arbeit zu überwachen -- dann klopfte er ihm derb auf die Schulter.

»Du brukst kein'n Oppasser mehr -- mok man so wieder ...«

Und Anders Niemann »versenkte« stumm und angespannt arbeitend Nietloch um Nietloch. War eine Platte fertig, so kam auch schon die nächste angerollt. Das vollzog sich wie die Arbeit eines ungeheuren Triebwerks, in dem auch die Menschen nur einzelne Stifte oder Radzähne waren.