Das Land unserer Liebe

Part 5

Chapter 53,576 wordsPublic domain

Als Heinz sich mit einem zärtlich beklommenen Kuß von der Mutter verabschiedet hatte, schlich Frau Johanna sich zu des Gatten Arbeitszimmer. Vor der leise angelehnten Tür hemmte sie den Schritt -- überwältigt und wie gewürgt von einer jäh aufsteigenden Angst. Da drinnen saß ein Einsamer -- und der war ihr Lebensgefährte ... sie hätte seine Kameradin sein müssen ... War sie's gewesen? Hatte sie ihm seinen einzigen Sohn zu dem erzogen, was er brauchte -- seinem Gehilfen, seinem Nachfolger, dem Erben seines Lebenswerks?!

Und plötzlich riß vor ihrer Seele ein Schleier, hinter dem sie geträumt, gelitten, sich in Entsagung und heimlichem Überlegenheitsgefühl verborgen Jahrzehnte hindurch, und eine Stimme aus innersten Tiefen sprach: Schuldig -- du bist schuldig!

Daß ihr Sohn, ihr Liebling, der junge Held ihres Herzens so heimkehrte -- so fremd seinem Vater, so fremd der Aufgabe, zu der er geboren und berufen war -- -- das war seiner Mutter, das war ihre Schuld ...

Daß der da drinnen einsam war -- einsam in dieser Zeit, die den Zusammenbruch seines stolzen Traumes, seiner gewaltigen Lebenssiege über sein aufrechtes Haupt beschworen -- das war ihre, das war der Gattin Schuld ...

Nein, Georg -- einsam sollst du nicht länger sein ...

Verhaltenen Schrittes trat sie in das Arbeitszimmer. Georg saß und schrieb -- oder hatte wenigstens geschrieben -- eine einzige Zeile nur ... Er starrte in den stillen Glanz der Schreibtischlampe. Die Frau trat behutsam näher -- der dicke Smyrnateppich dämpfte ihren leichten Gang zur Unhörbarkeit.

Und schon hatte Johanna die Arme um des Gatten Nacken geworfen.

»Verzeih mir, Georg ...« stammelte sie. »Du erstickst in Sorgen, und ich, ich hab' dich nicht getröstet. Und nun das mit Heinz ... Verzeih, verzeih ... Du willst fort, o Gott ... Tu's nicht, Georg, tu's nicht ... Komm -- wollen alles zusammen tragen -- alles zusammen ...«

6

Als Robert Timmermanns in seiner engen, mit Schiffsmodellen, Büchern, Seekarten vollgepfropften Junggesellenwohnung auf der Werft ankam, fand er Besuch. Armin saß auf dem Sofa, ließ sich des Bruders Zigaretten und Schnäpse schmecken und schmökerte in einem Bande saftiger moderner Dekameroniaden, wie Bobs barbarischer Lesehunger sie liebte als Paprika an das derbe Gericht Leben, das er sich zubereitet. Der ehemalige Stadtsekretär war im Krieg ein strammer, von seinen Untergebenen gehaßter, aber zugleich wegen seines tollen Draufgängertums geachteter Leutnant geworden und schließlich aus der Reserve zum aktiven Dienststand übergetreten. Nun hatte das Feindesdiktat ihm seinen neuen Beruf genommen. Er hatte noch in Polen gefochten, jetzt lag er auf der Straße. Er spielte den Mißvergnügten, den grimmigen Monarchisten, war einer der Mittelpunkte jener Zirkel, die mit dem Gedanken liebäugelten, durch eine Gegenrevolution, durch Diktatur und Wiederaufrichtung der umgestürzten Throne das Vaterland zu retten. Er war soeben von Berlin angekommen und berichtete nun dem Bruder: man werde nun bald die Chose schmeißen und das Ministerpack von heute an die Wand stellen.

»Na, ich weiß ja, daß ich bei dir keine Gegenliebe finde, teures Bruderherz«, schnarrte Armin. »Ich warte mit Genugtuung auf den Tag, wo deine Rotgardisten da unten auch dir den Schädel verkeilen, wie vor vier Monaten deinen Direktoren. Das sollst du wissen, daß du dann bloß auf den Knopp zu drücken brauchst, und auch hier in Hamburg stehen ein paar hundert Kameraden bereit, um dich herauszuhauen und das rote Gesindel mit Maschinengewehren zusammenzuschießen!«

»Mir wär's lieber, du setztest dich auf die Hosen und tätest was ...« brummte Bob und warf seine Mappe auf den Tisch. »Steck' da mal die Nase 'rein, wenn du nicht zu faul dazu bist ... das ist besser als eure Komplotte gegen die Republik -- die übrigens auch von mir aus der Teufel holen kann.«

»Na also -- in der Hauptsache sind wir wenigstens einig!« lachte Armin und zog den Stöpsel aus der Flasche. »Ich lade dich hiermit freundlichst zu deinem Friedenskognak ein. Als letzte Gegengabe für die unfreiwillige Gastfreundschaft, die du mir mal wieder erweisen mußt, hab' ich dir übrigens was mitgebracht.« Er griff nach einem etwas über einen Meter langen Paket, das hinter ihm auf dem Kanapee lag, und begann es auszupacken. »Hat Mühe genug gekostet, das durch all die roten Spione durchzupaschen, die alle Bahnhöfe besetzt halten, alle Züge nach uns Weißen abschnüffeln ...«

»Bin gespannt«, knurrte Bob. »Das erstemal, daß du dich meinetwegen in Unkosten gestürzt hättest.«

»Wenigstens in moralische«, lachte der Bruder. »Na, da staunst du, was?«

Aus der Hülle entschälte sich -- ein vom Kriege stark mitgenommener Karabiner ...

»So -- und da ist auch Futter«, grinste Armin und ließ aus seinen vollgestopften Rock- und Hosentaschen ein Dutzend Ladestreifen mit +S+-Patronen auf den Tisch klappern. »Jeder Schuß für Spartakus!«

»Schnurrig, was für Rezepte die Leute nicht alle bereit haben, um Deutschland gesund zu machen!« zürnte Bob. »Dieser einstige +U+-Bootwüterich will neue deutsche Menschen erziehen, und du willst die alten niederknallen!«

Armin spitzte die Ohren. »Wer ist das -- der einstige +U+-Bootwüterich?«

Bob erzählte von Heinz Freimanns Empfang in der Heimat und seiner Skepsis für Deutschland. Da horchte Armin auf. Er witterte einen Gesinnungsgenossen und beschloß, den Kapitänleutnant gleich morgen früh aufzusuchen.

»Na -- und dein Dank für das da?«

»Ach so -- bezahlen muß ich den also doch ... hab's mir gleich gedacht. Wieviel brauchst du mal wieder?«

»Je mehr, je besser!« schmunzelte der Leutnant a. D. »Wenn du den da nach seinem reellen Wert bezahlen solltest, müßtest du ihn genau so hoch einschätzen wie dich selber ... der wird nochmal der Werft ein kostbares Leben erhalten!«

»Ich arbeite«, sagte Bob verächtlich. »Mir tut keiner was. Der jüngste und frechste Lümmel auf der Werft weiß, daß keiner halb soviel schuftet wie ich ... davor hat die Bande schließlich doch Respekt ... Und nötigenfalls sind ja die zwei Fäuste da auch noch vorhanden ... Schießprügel ist was für Schlappstiefel und Angsthasen ...«

»Immerhin -- du behältst ihn, das genügt mir!« triumphierte Armin. »'s ist mir 'ne brüderliche Beruhigung ... Schöne Bescherung, wenn Spartakus mir meinen Bankier aufknüpfte ...«

»Wird bald Schluß sein mit dem Bankier!« schalt Bob. »Noch zwei Monate, dann knöpf' ich die Tasche zu, verstanden?! Also such' dir Arbeit, mein Jungeken -- das ist der beste Wiederaufbau!«

Bald streckten die Brüder sich zum Schlummer -- der Ingenieur in seinem Bett, der heimatlose Söldner auf dem knackenden Sofa.

Ilse Carstensen! träumte Bob im Entschlummern. Wer ist deiner mehr wert -- dieser schnurrige Träumer, der mit dir fiedelt -- oder ich, der ich mit dir und für dich arbeite und schaffe?!

7

Als Ilse am folgenden Morgen die Schranke des beflissen und verehrungsvoll grüßenden Portiers durchschritten hatte und zu dem vielstöckig sich auftürmenden Bureaugebäude weiterschritt, trat ihr plötzlich ein Bursche in den Weg, nicht größer als sie, aber mit Schultern wie ein Stier. Er hatte sich mit einem schmächtigen Gefährten beim Pförtner gemeldet, seine Militärpapiere vorgelegt und seine und seines Genossen Wiedereinstellung zur Arbeit als ein Recht des ehemaligen Werftangehörigen und Kriegsteilnehmers in Anspruch genommen. Der Portier, ein Veteran von Siebzig, hatte den Mitkämpfer des Weltkrieges achtungsvoll gegrüßt und zu warten gebeten, bis der Vorsitzende des Arbeiterrats der Werft einträfe, dem die Neueinstellungen unterstünden. So hatten Tedje Tietgens und Clas Mönkebüll an der Schwelle ihrer einstigen Arbeitsstätte gewartet, als Ilse Carstensen den Weg zu ihrer Schreibmaschine angetreten hatte.

Das Mädchen stutzte, als der stämmige Gesell ihr plötzlich den Weg verlegte. Das freundliche Lächeln, mit dem sie den alten Türhüter begrüßt, war wie weggefroren: Ilse Carstensen war auf einmal unnahbare Patrizierin.

»Sie wünschen?«

»Dunnerslag!« griente Tedje, und wie eine heiße Welle stieg die Mannesgier in seine Augen, »an wat vör'n Pult geheurst du denn, mien Lütten?! Ick bruk 'n Schatz, mien seuten Engel, du wörst mi grod recht! Dei smuddligen Bolschewistendeerns in Rußland, dat weur doch nich dat Richtige op de Duer ...«

»Lassen Sie mich durch!« sagte Ilse in ruhigem Befehlston.

»Du --?!« gurgelte es bedrohlich aus des Bärtigen Kehle, »man nich so grotsnutig, lüttje Tippdeern ... Wat mien' Kam'roden in Rußland sünd, dei hebben sich dei Zorentöchter langt ... büst vör mi grod god genog, du smucke Vagel, du!«

Schon war der Veteran herzugesprungen, hatte den Dreisten am Rock beiseitegezerrt:

»Büst du besapen, Minsch?! Dat 's dei Dochter von unsen Herrn Chef!«

Und von links sprang Clas Mönkebüll herzu:

»Lot nah, Tedje! Du büst jo woll nich bi Verstand --!«

Tedje schüttelte die zwei Warner ab wie zwei Flaumfedern:

»Lot man, Jungs ... in Wiewersoken soll eener eenen nich rinschnacken!«

Und er griff nach des Mädchens Armen, die in mühsam verhohlenem Schreck erstarrten.

Aber schon flog er mit einem Ruck beiseite, taumelte gegen den Sandsteinsockel des Bureauhauses, daß ihm Schädel und Rippen knackten.

»Respekt, du Lümmel!«

Auf den ersten Blick erkannten sie einander: der Werkmeisterssohn, dessen Aufstieg den Tüchtigen ein Ansporn, ein fressender Neid den Faulen und Unfähigen war -- und der Sohn des Kranführers, dem der Schnaps und die Mädels immer wichtiger gewesen waren als die Fortbildungsschule.

»Och -- Tedje Tietgens!« sagte der Riese mit schnell wiedergekehrter Jovialität und streckte dem einstigen Schulkameraden die Hand hin: »Willkamen in de Heimat ... Un nix vör ungaud ... möst beter henkieken, wen du vor di hest ...«

Aber Tedje Tietgens schlug nicht ein. In seinen rotunterlaufenen Augen schwelte der Pariagrimm.

»Teuf, du ...« gurgelte er ... »teuft, all ji twei ...«

»Na, denn nich ...!« lachte der Ingenieur. »Entschuldigen Sie, gnädiges Fräulein --«

»Gnädiges Fräulein!« äffte Tedje nach. »Gnädiges Fräulein gift dat nich mehr ... Mien Kam'roden in Rußland --«

»-- haben sich die Zarentöchter gelangt, das wissen wir all«, sagte der Ingenieur. »Lang' du di ok welk, wenn du jem find'st, mien Jung -- öber wenn du di noch mol ünnersteihst un vergittet den nödigen Respekt vor dien'n Chef sien Fräulein Dochter, denn sleiht Bob Timmermanns di dien Knoken tau Mus, versteihst mi?!«

Ilse lachte.

»Er hat's nicht bös gemeint, Timmermanns ... Tedje Tietgens -- hör' ich -- der Sohn unseres braven Kranführers auf Helgen eins bis fünf? Und aus der Gefangenschaft zurück? Das freut mich zu hören. Seien Sie auch mir willkommen -- ein andermal vertragen wir uns besser, nicht? Was macht Fräulein Antje, Ihre Schwester, drüben bei der Linie? Grüßen Sie sie recht schön von mir ...«

Wie betäubt stand Tedje Tietgens. Hatte sie ihm wirklich zugelächelt -- die Feine, die Aristokratin -- die ... verdammt -- die Schöne --?

Eine Wut war in Tedje Tietgens' wuchtigem Körper ... eine Wut, wie er sie noch nie im Leben gespürt ... Warum durfte dieser Bob Timmermanns mit ihr gehen -- ein Arbeitersohn wie er selber?! Und wie sie den angelacht hatte, ganz auf gleich und gleich ... Und ihn, den starken Tedje -- den hatte sie doch nur eben so von oben her angelächelt.

Dumpf grollte Tedje Tietgens in sich hinein.

»Mien Kam'roden in Rußland -- -- Verdammi --!« brüllte er plötzlich auf und ballte seine Faust hinter dem Paare drein, das eben die Freitreppe zum Bureauhaus hinanschritt.

»Nich, nich, Tedje!« murmelte Clas Mönkebüll und umfaßte des Genossen zuckende Schultern. »Nix vör uns.«

»Verdammi, Jung -- doch!« knirschte Tedje Tietgens.

Mit einem Ruck warf er den schweren Körper herum, schob sich an dem verblüfften Portier vorbei -- und wandte der Werft den Rücken.

Clas Mönkebüll hastete hinter dem Kameraden drein.

»Wat's denn los mit di, Tedje?! Wullst du nich di anmelden tau'r Arbeit?«

»Arbeit? Wat Schiet!« schrie Tedje. »Besupen dau'k mi -- un du mit -- versteihst mi?!«

8

Bis tief in die Nacht hatten im Hause Freimann die Gatten beisammengesessen, Hand in Hand, wie kaum in fernen Bräutigamszeiten. Und ehe sie ihre Zimmer aufsuchten, hatte Georg den Browning aus dem Schubfach genommen, entladen und in Johannas Hände gelegt »-- zur Sicherheit gegen Rückfälle!«

Gestärkt und verjüngt war der Präsident erwacht -- gestärkt vom Kinderglauben der Frau, die auf ihr Vaterland vertraute, weil sie in ihm nichts anderes erblickte als das vergrößerte und erhöhte Abbild ihrer eigenen Welt. Und mehr noch hatte sie gewirkt, die Zauberin Güte. Beim Frühstück bat Heinz den Vater, ihn zum Bureau mitzunehmen und ihm seinen Platz am Arbeitspult anzuweisen. Georg Freimann antwortete nur mit einem kurzen »Gut!« Aber er bestellte den Wagen ab, schob den Arm in den des Sohnes und entwickelte unterwegs einen Arbeitsplan für Heinzens nächste Ausbildung. Er führte ihn durch das ganze weitgedehnte, so prachtvolle wie praktische Bureaugebäude der Linie, erklärte ihm die Einteilung der großen Gruppen des Betriebes.

Um dieselbe Stunde, als Vater und Sohn sich anschickten, die gemeinsame Arbeit aufzunehmen, betrat Elias Patterson das imposante H. T. L.-Gebäude.

»Ich wünsche zu sprechen Mister Freimann.«

Marmorgetäfelte Wände, knirschende Smyrnateppiche ...

Bauen können sie, die Deutschen ... oder konnten's ... vorher.

Aber da drinnen, hinter dem geschliffenen Glase der Bureautüren sah's minder glänzend aus:

Scheinen Zeit zu haben, die Jünglinge ...

Kein Zweifel: eine Konkursmasse vor der Liquidation -- wie dies ganze zertrümmerte Deutschland ...

Lloyd George hatte recht behalten. Den +knock out+ hatten sie weg, diese zähen Burschen.

»+Good morning+, Freimann -- ah, auch der +captain+ ... nun, Sie schauen ja wieder wie ein Gentleman aus ...«

Vater und Sohn gefroren in tiefverletztem Schweigen.

»-- Also hören Sie, Freimann! Der Krieg ist zu Ende. Ich dächte, Sie und ich, wir ständen mindestens auf gleicher Stufe wie die Preisboxer -- die reichen sich auch die Hände, wenn's vorbei ist. Der Blödsinn hat ausgetobt, die Vernunft kommt wieder ans Regiment. Wollen wir wieder die Alten sein miteinander?!«

»Ich vermute, Sie haben bestimmte Absichten und Vorschläge, Herr Patterson«, sagte Georg Freimann gemessen. »Bitte, sprechen Sie sich aus.«

»Gut -- also, Herr Freimann -- die H. T. L. hat ihre sämtlichen Schiffe verloren bis auf ein paar armselige Küstenkähne. Aber sie besitzt noch Werte -- für die sie selber keine Verwendung mehr hat. Vor allem diesen Bureaupalast -- er ist wundervoll ausgefallen, Herr Freimann, ich mache Ihnen mein Kompliment. Als ich Sie 1913 zum letztenmal besuchte, stand noch das alte Haus an dieser Stelle -- und das war auch schon nicht übel. Dann sind da Ihre Kais -- ich habe sie mir heute morgen schon angesehen. Trostlos leer schaut's da natürlich aus. Und ferner Ihre Niederlassungen im Ausland ... Zwar in den Ländern Ihrer Kriegsgegner ist natürlich alles verloren, aber in den neutralen Ländern sind Ihre ganzen Betriebseinrichtungen ja noch vorhanden. Und selbst in Feindesland haben Sie noch alte Beziehungen ... Das alles müßten Sie nun einzeln -- liquidieren -- wie wär's, wenn Sie das Ganze in Bausch und Bogen an meinen Konzern verkauften? Für Ihre Aktionäre kämen schließlich als Schmerzensgeld ein paar Prozent mehr heraus. Sagen Sie ja, Herr Freimann, und lassen Sie Ihre Generalversammlung einen Mindestpreis festsetzen.«

Georg Freimann hatte stumm zugehört. Ihm zuckte es in den Fingern aufzuspringen, um den lächelnden Gast aus dem Lande, das Deutschlands Vernichtung besiegelt hatte, zur Tür hinauszuwerfen. Da fiel sein Blick auf das Gesicht seines Sohnes.

Empfand er gleiches? Würde er mit jugendlicher Kraft und Geradheit die Entgegnung finden, welche dem schamlosen Angebot gebührte? Es war eine Prüfung.

»Mein Sohn -- du hast Herrn Pattersons Vorschlag gehört. Ich bitte um deine Meinung.«

Heinz Freimann schrak leise zusammen. Er fühlte, daß der Vater ihn auf die Probe stellen wollte -- daß eine Entscheidung über mehr noch als über das Schicksal der Liquidationsmasse der H. T. L. von ihm verlangt wurde.

Oh -- wer jetzt den Glauben hätte -- diesen kindlichen, phrasenseligen Glauben jenes Timmermanns -- der als Techniker ein Genie des Verstandes und Wissens war -- und als Mensch ein so engstirniger Vergewaltiger seiner Mitmenschen ... Heinz Freimann glaubte sein Vaterland zu sehen, wie es war, in seiner inneren Zersetzung, seinem Kampf aller gegen alle, seiner hoffnungslosen Todesmattigkeit. War es nicht am besten, den Traum vom meerbeherrschenden, weltumspannenden Deutschland zu begraben -- und zunächst einmal ganz von vorne anzufangen, den deutschen Menschen aufzubauen?!

»Vater -- -- ich würde vorschlagen, Herrn Pattersons Gebot in ernste Erwägung zu ziehen.«

Georg Freimanns Brauen senkten sich, bis sie die Augen fast verhüllten. Tonlos, doch mit geheimer Schärfe, klang seine Antwort:

»Ich bin anderer Auffassung.«

Im Gefühl grenzenloser Vereinsamung im Herzen neigte Heinz leise die Stirn.

»Herr Patterson!« sagte Georg Freimann, »ich ehre in Ihnen den ehemaligen Freund, den Gesinnungsgenossen jener Bestrebungen, denen wir beide in schöneren Zeiten gemeinsam gedient haben -- sonst -- würde ich -- -- Sie haben mich gestern im schwersten Augenblick meines Lebens gesehen. Der ist mittlerweile überwunden. Ich bin wieder der Alte -- der, den Sie kennen, Herr Patterson. Und der antwortet Ihnen: Die H. T. L. ist nicht bankrott, ist nicht feil. Ich begreife, daß ihr Amerikaner den Gedanken habt, der Adler, den ihr zur Strecke gebracht habt, müsse nun außer Krone und Federn auch Balg und Eingeweide lassen. Sie irren, Herr Patterson -- tot ist er noch nicht -- der gerupfte, wehrlose Adler.«

Der Reeder erhob sich. Aus seinen Augen sprühte wieder der alte Hansegeist.

Aber Elias Patterson blieb sitzen. Ein harmloses Lächeln spielte um seine schmalen Lippen.

»+Well+, Herr Freimann, ich sehe, Sie geben das Spiel noch nicht verloren. Sie sind kein Phantast, kein pangermanistischer Querkopf, ich weiß es. Was Sie anfassen, muß Hand und Fuß haben. Ich werde zurückfahren über den großen Teich -- und abwarten. Entweder Sie erleben eine zweite und letzte große Enttäuschung mit Ihrem Vaterlande -- dann komme ich immer noch zeitig genug, um aus der großen Liquidationsmasse zu erwerben, was mein Konzern brauchen kann. Oder aber: Sie bringen's tatsächlich fertig, Ihre Linie, Ihre stolze Schöpfung, über diese ungeheuerliche Krisis hinüberzuretten -- dann kann ich Ihnen vielleicht in -- na, sagen wir in einigen Monaten -- einen anderen Vorschlag machen -- einen Vorschlag, der Ihrem Instinkt als Führer der Schiffahrt Ihres Landes zusagen wird -- ohne Ihr Ehrgefühl als Deutscher und als Schöpfer der H. T. L. zu kränken. Inzwischen -- +good bye+, Mister Freimann -- +good bye, captain+!«

Den Sohn würdigte Georg Freimann keines Wortes mehr. Da verließ Heinz wortlos das Arbeitsgemach -- mit einem Gefühl der Heimatlosigkeit, das ihn aushöhlte. Im Vorzimmer schritt er zum Fenster und starrte dumpf sinnend hinaus auf das enge Geviert der Binnenalster. Es lag verlassen ... dumpf hinträumend wie diese ganze kriegserstarrte Stadt.

Die Sekretärin hatte beim Eintreten des Sohnes ihres Chefs die rastlosen Hände von den Tasten der Schreibmaschine sinken lassen. Einen Augenblick sah sie verständnislos zu dem jungen Herrn hinüber -- ohne eine Ahnung, was dessen offenbar tiefe Erregung bedeuten könne. Dann nahm sie gelassen die Arbeit wieder auf.

Beim Klappern der Maschine kam es Heinz zum Bewußtsein, daß er nicht allein war. Er warf einen flüchtigen Blick zu dem jungen Mädchen hinüber -- halb unbewußt nahm sein verwüstetes Gehirn den Eindruck von etwas Geruhigem, Starkem, einfach Klarem auf. Aber von neuem verloren sich seine Gedanken in die Wirrnisse seines Schicksals. Was nun?! Diesem verpesteten, versinkenden Lande, diesem von der Weltgeschichte selbst zum Untergange bestimmten Volke den Rücken kehren?! Aber wohin? und wozu? Und Ilse --? Wo war ein Halt, ein Sinn, ein Ziel?!

Von den drei Fenstern des Vorzimmers führte eines auf eine Seitengasse hinaus. Da drunten wurde jetzt Lärm. Gelassen stand die Sekretärin auf und schaute hinaus. Aha -- wieder mal ein Pütschchen ... Diesmal galt's dem Postamt gegenüber. Der Pöbel hatte entdeckt, daß dort noch wie durch ein Wunder die Buchstaben »Kaiserliches« stehengeblieben waren, da, auf dem Amtsschild, prangte noch der gekrönte Reichsadler. Meinetwegen weg damit -- nur, daß in der Regel dabei auch die Tageskasse und die Markenvorräte mit verschwanden ... Antje hatte ein blutrotes Herz. Aber Illusionen machte sie sich nicht. Die Sorte von Genossen, die mit solchen Kindereien die Republik befestigte, die kannte sie.

Mit einem Male verschwand das halb wohlwollende, halb verächtliche Lächeln von ihren Lippen. Eine Leiter war angelegt -- ein anscheinend betrunkener Bursche im Militärmantel, mit struppigem Bart, kletterte unsicheren Fußes hinauf, um das Schild mit dem Adler herunterzuholen. Der Mob johlte Beifall. Es war Tedje ... den sie auf der Werft -- zur Arbeit zurückgekehrt wähnte.

Hatte sie einen Laut ausgestoßen, eine erschrockene Bewegung gemacht? Der Sohn ihres Chefs stand plötzlich neben ihr.

»Ist Ihnen nicht wohl, Fräulein? Haben Sie sich erschreckt?«

Mit stummem Kopfschütteln verneinte das Mädchen.

»Hübsches Bild, wie?« sagte der Offizier. »Nein, diesem Volk ist wohl nicht mehr zu helfen. Es will seinen Untergang. Sehen Sie bloß diesen Lumpenkerl von einem Soldaten ... gewiß hat er sich drei, vier Jahre lang für Kaiser und Reich geschlagen -- nun reißt er mit eigenen Händen das Symbol seines Vaterlandes herunter, um es im Wetteifer mit unseren Feinden in den Kot zu zerren!«

»Das ist mein Bruder«, sagte die Sekretärin starren Gesichts.

»Ihr -- verzeihen Sie, das konnte ich nicht ahnen. Sind denn Sie --«

»-- ein Kind des Volkes? Ja«, sagte Antje, nun voll jäher Glut in Antlitz und Stimme. »Sie meinen, ihm ist nicht zu helfen? So wie Sie und ... Ihre Klasse es angefangen hat -- so freilich nicht.«

Eine Revolutionärin, die wie eine Bürgerin aussieht, dachte Heinz Freimann. Vielleicht dämmert hier ein Lichtstrahl ...

»Also, was haben wir falsch gemacht?«

»So ziemlich alles«, sagte das Mädchen. »Ihr gebt uns harte, freudlose Arbeit und so viel zum Leben, daß wir imstande bleiben, sie zu leisten. Schönheit -- Seele --! Sehen Sie den da -- ein schöner, starker Bursch, tüchtig zum Leben und Schaffen -- und hat seit seinem vierzehnten Jahre nichts gelernt und nichts tun dürfen als täglich jede Minute zwei Nieten hämmern! Da ist er an das einzige gekommen, was ihm an Schmuck des Lebens erreichbar war: an den Schnaps und an die Frauenzimmer!«

»Also, Sie meinen,« sagte Heinz, »der Arbeiter habe das Recht, gegen seine Landsleute, gegen sein Vaterland anzuwüten, weil seine Arbeit schmutzig und eintönig ist? Aber ist denn diese Arbeit etwa unnötig? Muß sie nicht getan werden? Und hat, wer sie tun muß -- tun, weil er nichts anderes gelernt hat -- hat der darum das Recht, sich dem Suff und den Weibern zu verschreiben? Er mag sich emporarbeiten -- unzählige seinesgleichen haben's vermocht -- sie waren Proletarier, sie wurden Bürger ... wir brauchen gar nicht weit zu suchen, um einen Mann des Aufstiegs zu finden.«

»Aber dazu muß man stark sein, sehr stark, furchtbar stark«, sagte das Mädchen. »Das war mein Bruder nicht -- so wenig wie die Tausende von uns, die ewig drunten bleiben müssen -- in der trostlosen Tiefe. Dann hat er in den Krieg gemußt -- für das Vaterland, das ihm nicht mehr bedeutete als seine harte Arbeit, seine ärmliche Wohnung, seine jämmerlichen Freuden ... dafür ist er zweimal verwundet worden -- hat er zwei Jahre in den kaukasischen Bergwerken arbeiten müssen! Wundern Sie sich, daß er den Reichsadler zertrampelt, der ihm das Herz aus dem Leibe gefressen hat?!«

Eine Flamme glühte in des Mädchens Auge -- war es Haß -- oder verschmähte, zertretene Liebe?! Heinz Freimann war's, als öffne sich im nächtlichen Urwaldsdickicht eine Lichtung.