Das Land unserer Liebe

Part 10

Chapter 103,355 wordsPublic domain

Tedje hatte so etwas wie ein Hauptquartier aufgeschlagen. In einer jener finsteren Nebengassen der Neustadt, in denen die Männerwelt der Unterschicht ihre Trösterinnen zu finden wußte, hauste als Zuchtmeisterin eines Rudels verlorener Kinder der Schande ein hexenhaftes Weib, das im Nebengewerbe mancherlei Gut zu bergen und umzuschlagen wußte, welches ohne Zustimmung seiner Eigentümer in ihre Hände gelangt war ... Mudder Lore war eine Mexikanerin von Geburt -- sie hatte einmal Dolores Jacinto geheißen. Ein Hamburger Kaufmannssohn hatte sie als junges Ding aus ihrer Heimat in die nordische Küstenstadt mitgenommen. Dann hatte er geheiratet, sie hatte die Abfindung, die der Überdrüssige, doch Dankbare, ihr ohne Knickern hinterlassen, mit neuen Freunden schnell verpraßt. Von Stufe zu Stufe sinkend war sie erst Insassin und dann, zum alraunenhaften Scheusal alternd, Vorsteherin eines Liebesverschleißes niedrigster Sorte geworden. In dieser Eigenschaft hatte Tedje sie kennengelernt -- und war ihr Günstling geworden. Ihm führte sie ihre »frische Ware« zu -- er machte gelegentlich den »Herausschmeißer«, wenn die Kunden zu frech wurden ... Und eines Tages hatte Mudder Lore ihrem Vertrauten auch ihre unterirdischen Vorratsräume gezeigt, in denen sie die Stapel von Waren jeder Art aufspeicherte, welche ihre Geschäftsfreunde ihr nächtens zutrugen. Tedje staunte: Ein Labyrinth von engen, stickigen Gängen, schlüpfrigen, ausgetretenen Treppen, muffigen Kellerlöchern und geheimnisvollen Gewölben -- dazwischen hier und da eingekapselt plötzlich ein Stübchen für verstohlene Liebesfreuden, mit schwülem, verschlissenem, nach zweifelhaften Parfüms und altem Zigarettenqualm riechendem Prunk ausstaffiert -- alles verbunden durch Geheimtüren, die im Innern von Schränken mündeten, die mit alten Kleidern oder Fastnachtskostümen vollgepfropft waren ... Eine wahrscheinlich jahrhundertealte Heimstätte des Lasters, Diebstahls, Verbrechens jeder Art -- wie aus einem jener mit grellbunten Titelbildern gezierten Groschenhefte herausgeschnitten, die Tedjes einzige, in Massen verschlungene Lektüre bildeten.

Tedje schrie vor Wonne, als Mudder Lore ihn in das Geheimnis ihres »Dachsbaus« einweihte. So etwas hatte er gesucht, seit er der Vertrauensmann des Spartakistenbundes geworden war. Hier war Schlupfwinkel, Arsenal und Munitionsdepot zugleich ...

In den nächsten Nächten füllten sich die unterirdischen Räume, in die vom Grundwasser der Flete feuchte Sickerungen hineindünsteten, mit ungewohnter, gefährlicher Ware. Dutzende von rostigen Maschinengewehren, Hunderte von Flinten und Karabinern, Berge von Handgranatenkisten -- Abraum des grausamsten aller Kriege, Trümmer aus der großen Konkursmasse Deutschland -- einstmals Werkzeuge ruhmreichster Verteidigung, nun bestimmt, in scheußlichem Bruderkriege den zum Irrsinn entarteten Idealen einer kreißenden Zeit zu dienen ...

Bei all solchem Greuelwerk waren Clas Mönkebüll und Anders Niemann die stets dienstwilligen Helfershelfer ihres Zimmergenossen.

Oft überkam den einstigen Offizier des Kaisers ein dumpfes Grausen. Furchtbar gefährliches Spiel, das er spielte! Es brauchte nur inmitten der gärenden Welt, in der er trieb, einer von jenen Hunderten von Söhnen dieser Welt aufzutauchen, denen er einst Vorgesetzter, Erzieher, Führer im Kampfe gewesen war -- ein Wort, das ihn entlarvte -- und der Abgrund, auf dessen schwankendem Boden er sich tummelte wie auf einem Sportplatz, verschlang ihn -- das stinkende Labyrinth, in dessen pestaushauchende Tiefen er täglich hinuntertauchte, gab ihn nicht wieder heraus ...

* * * * *

»Dolores Jacinto, Pensionsinhaberin« stand ehrbar im Fernsprechverzeichnis. Aber eine geheime Verbindung führte von dem amtlichen Apparat, der harmlos im Korridor des allbekannten »öffentlichen Hauses« hing, in das tiefversteckte Kellergelaß, in dem Tedje seinen »Generalstab« um sich versammelte. Von hier aus sprach Tedje jeden Nachmittag nach seiner Heimkehr von der Werft mit der Berliner Zentrale. Um die Gefahr des Abhörens durch die Beamten zu vermeiden, machte ein Russe den Vermittler. Ihn hatte die Zentrale ihrem Vertrauensmann als Mitarbeiter -- und ohne sein Ahnen zugleich als Aufseher -- überwiesen. Er und ein paar Begleiter gleicher Nationalität waren von Tedje nach und nach als Ungelernte auf der Werft untergebracht worden. Mit diesem Dolmetscher und mit seinen beiden Kumpanen suchte Tedje täglich sein Hauptquartier auf.

Heute bekam er aus Berlin ein Lob. Er hatte berichten können, die Versammlung sei auf übermorgen abend festgesetzt, das Werbeplakat klebe in ganz Hamburg, ein Riesenandrang sei zu erwarten. Berlin teilte mit, Genosse Dragomiroff werde pünktlich mit dem Nachmittagszuge eintreffen. Sollte wider Erwarten der drohende Streik der Eisenbahner auf der Strecke Wittenberge-Hamburg sich nicht mehr bis übermorgen aufhalten lassen, so werde Dragomiroff im Auto kommen ... Man möge sich schlimmstenfalls auf eine unbedeutende Verspätung gefaßt machen.

Dragomiroff -- der große Dragomiroff ... Er galt in Spartakistenkreisen als so etwas wie ein Prophet ... Tedje und seine Freunde fieberten nach der Bekanntschaft des Gewaltigen -- keiner brennender als Anders Niemann ...

In Hochstimmung verließen die Gesellen ihren Unterschlupf und schlenderten die dunstige Gasse hinab. Als sie in die etwas breitere Knibbel-Twiete einbogen, sahen sie ein verblüffendes Schauspiel.

Ein winziges, gelblich-weiß-lackiertes Auto kam die Gasse herab, von den armseligen, verwahrlosten Kindern, die im Gassenschlamm ihr Wesen trieben, mit Hallo begrüßt. Eine Dame lenkte es -- fast noch ein Backfisch. Sie winkte den Kindern lachend zu wie eine alte Bekannte ... streute im Fahren Hände voll in Silberpapier gewickelter Gegenstände, offenbar Schokoladetäfelchen, unter die jubelnde Schar, die sich, wie ein Schwarm Hühner aufs Futter, auf die süße Gabe stürzte mit Balgen und Gekreisch.

Da -- o weh! -- Hatte die Lenkerin im Grüßen und Spenden die nötige Achtsamkeit versäumt?! -- Ein Stoß, ein Aufschrei, ein vielstimmiger Schreckensruf als Echo -- ein Mädelchen von fünf Jahren, nur mit einem schmutzstarrenden Kattunröckchen bekleidet, flog vom Auto angerannt gegen einen Prellstein und blieb bewußtlos liegen.

Die unglückselige Fahrlässige stoppte ihr Gefährt sofort ab, sprang heraus, ohne sich um ihren Wagen zu kümmern, hob das kleine Opfer ihrer Unachtsamkeit mit zartester Sorgfalt empor, preßte es an ihre Brust -- im Nu war sie von einem Rudel zeternder Weiber umringt. Entsetzliche Schimpfworte, geballte Fäuste, gekrallte Finger --.

Tedje Tietgens hatte den Auftritt beobachtet. Es stieg ihm glührot in die Augen. Eine Feine -- eine wie jene, die seine Gier seit Wochen umstrich ... Zupacken -- züchtigen -- und im Strafen sich ersättigen ... Und schon hatte er die Weiber zur Seite gestoßen, stand vor der unglückseligen Kleinen, deren begütigendes Lächeln im Schreck erfror -- --. Er riß das Kind aus den Armen der Zitternden, schob es einer keifenden Dicken zu, packte die »Feine« an den Schultern, zerrte sie empor, schüttelte sie und schauderte wie im Fieber, als er den Druck der kleinen, festen Brüste spürte.

Da fühlte er selber sich an den Armen gepackt. Von beiden Seiten.

»Tedje -- büst du öwersnappt?! Lat ehr doch -- is jo unschüllig, dei Lüttje! Is man'n Malleur west!«

Sie riefens durcheinander, seine beiden Kumpane: Clas, Anders ...

Tedje blaffte wie ein Bullenbeißer, dem ein anderer Köter den erbeuteten Fleischfetzen streitig machen will. Aber mit derbem Zugriff zwangen die Freunde den Starken, sein Opfer fahren zu lassen.

Mannesgier, Pariahaß, gekränkte Eitelkeit schäumten auf in Tedjes zuchtloser Seele.

Er schüttelte die Freunde ab, daß sie zurücktaumelten. Kreischend stob der Weiberschwarm auseinander, ballte sich ringförmig wieder zusammen zu lüsternem Gafferkreis. Eine Rauferei zwischen drei Freunden, Kollegen, Proletariern um ein Kapitalistenfrätzchen?!

Wie bösartige Hunde kläfften die guten Gesellen einander an -- kreischende Hetzrufe schrillten dazwischen. Das armselige Mädelchen, das des ganzen Spektakels unschuldiger Anlaß gewesen war, hatte sich im Arm seiner neuen Beschützerin längst von seinem Schrecken erholt und starrte auf die drei Kampfhähne.

Mit einem Male löste sich die dräuende Spannung des Moments in ein orkanartig aufbrausendes Gelächter. Die Fremde, durch das Eingreifen der Freunde ihres Bedrängers ledig geworden, hatte seelenruhig den Kodak, den sie am Riemen um den Hals trug, aufgeklappt, war einen Schritt zurückgetreten, hatte kaltblütig visiert -- klapp! die Aufnahme war fertig.

»+Thank you, gentlemen+ ...«

Die Komik der Situation war so elementar, die Geistesgegenwart der kleinen Missetäterin so verblüffend und versöhnend zugleich -- daß aller Groll des in der Tiefe schwelenden Klassenhasses ebenso jäh, wie er aufgeflammt, in sich zusammensank.

Die Fremde schritt durch eine Gasse besänftigt schmunzelnder Menschen zu ihrem Auto, nahm eine riesige Bonbontüte heraus, stopfte sie dem Würmchen, dem sie Schmerz und Schreck zugefügt, in die Hand, pappte ihm eine Probe des Inhalts ins schleckernde Mäulchen -- und schon saß sie in ihrem Puppenwägelchen, töffte triumphierend und fuhr durch ein Spalier lachender Gesichter, krähender Kinderfrätzchen von dannen.

10

In den nächsten Wochen bekam Elias Patterson zu spüren, was deutsche Gründlichkeit -- und was deutsche Zerrüttung bedeutete.

Er selber hatte sich über die große Wassertiefe hinüber mit seinem Konzern spielend verständigt. Ein paar lange Kabeltelegramme waren hinüber- und herübergeflogen -- und wenige Tage nach der grundlegenden Besprechung mit dem Präsidenten der H. T. L. befand sich Patterson bereits im Besitz unbeschränkter Vollmachten der gesamten hinter ihm stehenden Kapitalgruppen, mit den Deutschen im Rahmen seiner Vorschläge abzuschließen.

Auch finanziell arbeitete er in großem Stil. Zunächst streckte er der Werft für den Weiterbau des Schnelldampfers eine bedeutende Barsumme vor. Sodann deponierte er bei drei Hamburger Großbanken Schecks auf Neuyork und wies die Hinterlegungsstellen an, sich von den bezogenen amerikanischen Bankfirmen deren Einlösungsbereitschaft telegraphisch bestätigen zu lassen. Dies Guthaben stellte er den Banken, welche der Hammonia-Werft bisher das Geld für den Dampfer vorgeschossen hatten, als Bürgschaft zur Verfügung -- unter dem Vorbehalt freilich, diese Bürgschaft gegenüber künftig zu erwartenden Abhebungen jederzeit zurückziehen zu können.

So konnte die Werft bis auf weiteres wieder arbeiten.

Aber Elias Patterson sollte seines Entgegenkommens, die Werft ihres Flottwerdens nicht lange froh werden. Der deutsche Jammer hemmte alsbald aufs neue den frisch erwachten Auftrieb.

Täglich versammelte der alte Carstensen seine Direktoren zu stundenlangen Konferenzen, die sich, außer mit den fast stündlich anschwellenden Forderungen der Arbeiterschaft, mit der nicht minder lawinenartig wachsenden Teuerung aller Materialien, Rohstoffe wie Halbfabrikate, zu befassen hatten. Die mühsam aufgestellten Kalkulationen des Gestern wurden durch die lächerlich-grausige Abwärtsentwicklung des Heute bereits wieder über den Haufen geworfen. Wohin würde man noch kommen? Und wie sollte das enden?! Wahrlich, es gehörte übermenschliche Nervenkraft dazu, in diesem Wirbel der Katastrophen den Mut und Entschluß zur Weiterarbeit hochzuhalten.

Der alte Carstensen verfiel sichtlich. Und Ilse wuchs wider Willen und Ahnen aus ihrer ursprünglichen Tätigkeit als Korrespondentin mehr und mehr in die Stellung der »rechten Hand« hinein. Das war ihr Stolz, ihr Glück -- ihre Rettung fast. Denn wie der Vater sich immer tiefer und tiefer umdüsterte, die Lage des Unternehmens, das er auf altererbtem Grunde zu seiner stolzesten Blüte entwickelt, sich immer fragwürdiger gestaltete -- die Wehen und Krämpfe, die das angstumschauerte, von Zwietracht und Zersetzung umstürmte Werden der jungen deutschen Republik erschütterten, immer heftiger und schmerzlicher aufzuckten -- in diesem ganzen Wirrwarr von seelischer und körperlicher Überspannung fühlte Ilse mit schmerzhafter Deutlichkeit, daß sie ein Weib war -- von der Natur zur Kämpferin im Ringen einer Welt um Neugestaltung nicht bestimmt. Und wo war die Brust, an die sie sich hätte lehnen, an der sie Lebensangst und Einsamkeitsschauer hätte ausweinen können?!

Ihr zur Seite stand ein Mann, dessen rauhe Tatkraft wie von selber in die immer sichtbarer freiwerdende Stelle des Oberleiters dieses Riesenorganismus zusammengeballter Kräfte vorrückte. Der hatte alles, was eine Frau in Ilse Carstensens Lage von dem Gefährten, den sie als Stütze brauchte, nur hätte wünschen können. Alles -- außer dem einen ...

Die Tochter des alten Geschlechts von harten Rechnern, kühnen Unternehmern, kühlen Ziffern- und Tatsachenmenschen war alles andere als eine Schwärmerin. Ihr ererbter und durch ihre Arbeit seit vier Jahren geschärfter Sinn für die Wirklichkeit ihrer besonderen Lebensbedingungen sagte ihr täglich: der Mann, der da neben ihr aufgesproßt war wie ein Eichbaum -- in eben die Aufgabe, die sie selber ihm als Lebensaufgabe anzuvertrauen in der Lage war, hineingewachsen wie eigens für sie geboren -- das sei der Kamerad, den sie brauchte ... und nicht jener andere, der kampflos den Platz an ihrer Seite geräumt hatte, um ins Nichts zu verschwinden ...

Ilse war keine Romantikerin -- ihrer Vorliebe für Schumann und Brahms zum Trotz. Sie war eine Carstensen -- aber -- sie war eine Frau. Das zähe Wollen ihrer Vorfahren richtete sich bei ihr auf frauliche Ziele. Sie verlangte, als Vollmensch, ein volles Leben -- aber eben ein Frauenleben. Gerade die Carstensen in ihr sehnte sich nach der verträumten Weichheit, der ziellosen, undurchsichtigen Tiefe, dem wunderverheißenden Sonntag im Sohn der Johanna Freimann ...

Die Gütige gestattete ihr noch immer, sie Mutter zu nennen ... Aber in ihrem stillen Schmerzensgesichte las Ilse dennoch immer, immer die verstohlene Anklage: du -- du hast ihn mir genommen!

Und so hatte Ilse doch schließlich keinen anderen Halt als den Mann, dem ihr Schicksal sie mit Gewalt in die Arme pressen zu wollen schien.

Ilses Erscheinung verriet trotz der gesucht einfachen Kleidung, die sie für ihren Arbeitsalltag anlegte, den Bürgeradel ihrer Abstammung. Sie war nachgerade dem ganzen vieltausendköpfigen Werftpersonal als Tochter seines Brotherrn bekannt. Es kam ganz von selber, daß sie im Getriebe des Bureaugebäudes wie der Maschinenhallen, Helgen, Docks bisweilen an der Seite des Direktors Timmermanns gesehen wurde. Von dem aber wußte der jüngste Lehrling, daß er der Stellvertreter des alternden und unverkennbar langsam versagenden Werfteigners war ... Schon bezeichnete das Gerücht der Kantine die zwei als Brautleute ...

Und als solche galten sie auch in der Meinung jener zwei von den siebentausend werkenden Männern, die unter beider Leitung standen -- jener zwei, die das Paar noch mit anderen Augen ansahen als mit dem scheelsüchtigen Aufblick der Dutzendmenschen zu den Auserwählten, den Begnadeten des Schicksals.

Anders Niemann ... Er sah dies Mädchen, das er einst im Arm gehalten, nun aus doppelter Ferne ... Sie war ihm verloren, verfallen ohne Gegenwehr dem Einfachen, dem Klaren, dem Wollenden ...

Bisweilen, wenn er hoch droben am werdenden Schiffsrumpf Niet um Niet setzen half, sah er da unten, hinten weit im Verwaltungsgebäude, die wohlbekannte, schlanke Gestalt am Fenster des Chefbureaus auftauchen oder an der Seite des blonden Gewaltmenschen zur Bauhalle hinüberschreiten ... Dann schrie sein ganzes Wesen nach ihr ... Am Abend war er dann verstört, zerrissen, abwesend ... Und wenn seine Freundin Antje ihn bei ihren immer häufigeren Besuchen im Elternhause in dieser Verfassung antraf, dann zerflatterte der letzte Nachklang der törichten Träume, die sie abends beim Einschlummern in der innersten Herzenskammer gewiegt hatte.

Und noch in einem anderen Manne war Sturm und Not, wenn die Feine, die Ferne neben dem Herrn Direktor aus dem Werkmeisterhause durch das Werftgelände ging. Vergebens, daß Tedje Tietgens sich von Mudder Lore so manches abenteuerlustige Weiblein aus der Kleinbürgersphäre der Neustadt, so manche ausgehungerte Kriegerswitwe, so manches mannslüsterne Fabrikgör in seinen Schlupfwinkel zutreiben ließ -- der wüste Tedje gierte nach seiner »Zarentochter« ... Und es machte ihm ein grimmiges Vergnügen, sich abends neben der Portierloge aufzupflanzen und der Vorüberschwebenden mit schreckhaft drohender Begehrlichkeit ins Gesicht zu starren. Sie mied sein Auge nicht -- sie ließ ihren Blick mit dem Ausdruck völliger Nichtbeachtung über den Frechling hinweggleiten ... Aber Tedje Tietgens wußte: bemerkt hatte sie ihn ... Ihn übersah man nicht. Und das genügte ihm für den Augenblick. Seine Stunde würde kommen.

* * * * *

Und durch die Sorgen und Kämpfe der Deutschen quirlte die kleine Hundezüchterin, Photographin, Automobilistin wie ein wahnsinnig gewordener Sonnenstrahl. Sie war beständig auf Entdeckungsreisen. Und überall fand sie Menschen, welche sich um Dinge quälten, die ihr neu, unverständlich, geheimnisvoll interessant waren. Alle diese Deutschen hatten ihre Sorgen -- und Sehnsüchte.

Ihre neue Entdeckung war Ilse Carstensen. Um die war ja eine förmliche Dunsthülle von Rätseln ... Eine Braut, der ihr Bräutigam durchgebrannt ist ... Eine Dame aus den ersten, vornehmsten Kreisen einer Großstadt -- die arbeitet wie ein Mann -- statt sich verwöhnen, feiern und beschenken zu lassen ... Und dabei hat sie einen Verehrer, der sie mit lächerlich ehrerbietiger, täppischer Ergebenheit umwedelt wie ein treuer, am Auge der Herrin hängender Neufundländer ...

Das war überhaupt das erste, was Bessie herausbekommen hatte: Dieser Riesenkerl, aus dessen kantigem Schädel die Modelle des »President Lincoln« und des werdenden Riesendampfers für die neue Aktiengesellschaft, die ihr Vater zu gründen hergekommen war, entsprungen sein sollten -- der war in diese kühle, imposante Stenotypistin verliebt wie nur ein wohldressierter Neuyorker +business-man+ in eine typische Modeschönheit vom Manhattan Square. Er tat ihr ein bißchen leid, der arme Neufundländer. Vergebens Wedeln, Schöntun, Apportieren ... nicht einmal einen freundlichen Blick bekam er zum Dank, von einem Stückchen Zucker ganz zu schweigen.

Bessie stattete seit dem Beginn ihrer Schwärmerei für Ilse dieser täglich auf ihrem Bureau einen höchst unbequemen Besuch ab. Eines Tages wurde sie wieder einmal Zeugin, wie die neue Freundin ihren Seladon, der mit einer ganzen Menge guter Nachrichten vom Fortgang des Dampfers um ein freundliches Wort geworben hatte, kurz angebunden und fast ungnädig entließ. Da faßte sie sich Mut, für den Riesen ein gutes Wort einzulegen.

»Miß Ilse -- Sie haben das härteste Herz, das ich jemals an einem jungen Mädchen gefunden habe ...«

Ilse hatte sofort verstanden. »Oh -- Sie haben bemerkt, Kleine?!« sagte sie mit zurückhaltendem Lächeln.

»Ich bin nicht blind. Sie sind schlecht zu ihm, Miß Ilse.«

Die Deutsche mußte lachen. »Aber wenn er mich doch langweilt, Bessiechen?«

»Sie verdienen es nicht, daß er sich um Sie grämt. Er grämt sich um Sie, wissen Sie das nicht? Ja, Sie wissen's -- aber Sie sind schlecht. Sie freuen sich, daß er sich grämt. Wo wohnt der arme Junge? Ich meine, welche Zimmernummer hat er? Ich werde ihn besuchen. Ich werde ihn vor Ihnen warnen. Ich werde versuchen, ihn zu trösten.«

Und schon war sie hinaus.

Als sie vor dem Zimmer stand, dessen Tür die Aufschrift »Direktor Timmermanns« trug, klopfte ihr keckes Herz doch ein wenig. Von drinnen klang ein grimmiger Singsang, rauh wie ein indianisches Kriegsgeheul.

Ihr Klopfen wurde überklungen von diesem wilden Getöse. Da klinkte sie vorsichtig auf -- und erblickte den Gestrengen in einer seltsamen Beschäftigung. Der Besucherin den Rücken zukehrend, hemdärmelig stand der Riese -- mit beiden Fäusten hielt er ein Etwas, das Bessie sofort als ein ziemlich kurzes Soldatengewehr erkannte. Er war beschäftigt die Waffe zu putzen und sang dazu in dröhnendem Rhythmus ein Lied, dessen Worte Bessie nicht enträtseln konnte.

»Was nützet mihaich ein schönes Mädchen, wenn andre mit spazieren gehn? Was nützet mimamich ein schönes Mädchen, wenn andre mit spazieren gehn? Und küssen ihr die Schönheit ab, und küssen ihr die Schönheit ab -- Daran ich meine, so ganz alleine, daran ich meine Freude hab'?!«

»Wundervoll! Entzückend!« jubelte Bessie, als der Barbar seinen Hunnengesang beendet hatte. Wie besessen klatschte sie in die Händchen.

Bob Timmermanns fuhr herum, vor Staunen blöde. Sie sahen sich an, der Enakssohn und das Püppchen -- und lachten -- lachten -- lachten, daß ihnen die Tränen von den Backen liefen.

»Oh -- das ist eine sehr +wonderfull song+«, radebrechte die Kleine -- der Tölpel konnte ja kein Englisch, sie wußte schon. »Sie muß lernen zu mir diese +wonderfull song+ ...«

»Das ist ein Soldatenlied, kleines Fräulein.«

»Oh ... Die deutschen Soldaten sind sehr +melancholical+, wenn sie singen +songs+ so swer -- swer --«

»Schwermütig ...«

»Ja, swermjutig ... Sie müssen lernen zu mir diese swermjutige +soldiers song+ ... Aber Sie müssen nicht singen swermjutige +songs+, Sie müssen singen lustige +songs+ ...«

»Kann ich auch, kleine Puppe -- da, nehmen Sie Platz ...« Er faßte die Besucherin um die Hüfte und setzte sie mit einem Schwung auf seinen mit Zeichnungen besetzten Arbeitstisch, daß die Röckchen nur so flogen. »Hören Sie zu:

›Bei der Kaiserin Klementine haben wir heut Musik gemacht, der eine spielte auf der Viggoline, der andre auf dem Stiewelschacht -- Hodahumpahumpahadaha -- hodahumpahumpahadawumm!‹«

»Das Sie müssen auch lernen zu mir!« jubelte das kleine Ungeheuer. »Ist es auch eine +German soldiers song+? Ich wünsche zu lernen hundert +German soldiers songs+ -- das wird machen eine gigantische Effekt in Amerika ...«

11

Minder als Bessie war ihr Vater mit seinem Aufenthalt in Deutschland zufrieden. Das Tempo der Entwicklung machte ihn nervös.

Sah er die Werft unterm Druck des im Hintergrunde lauernden Spartakismus, so fand er die Linie durch die Schwerfälligkeit ihres Apparats gehemmt.

Zum Abschluß eines Vertrages wie die geplante Fusion war die Genehmigung der Generalversammlung erforderlich. Schon ihre Einberufung machte Schwierigkeiten. Bald streikte die Eisenbahn, bald streikte die Post ... Aus allen Teilen des Reiches kamen Anträge auf Aufschub, Bitten um Aufklärung, dringende Warnungen vor einer Verbindung mit dem amerikanischen Kapital ... Auslieferung an das feindliche Ausland, schmachvolle Kapitulation vor dem Dollar, Vaterlandsverrat waren tägliche Liebenswürdigkeiten.

Man kam nicht vom Fleck. Patterson verlor die Geduld. Er spielte seinen letzten Trumpf aus. Er stellte der Linie eine Frist zur Entscheidung über den Fusionsantrag des Patterson-Konzerns. Nach ihrem fruchtlosen Ablaufe werde der Kredit gesperrt.

Das half. Die Generalversammlung trat endlich zusammen.

Freimann hatte seinen großen Tag. Vor einer Hörerschaft der ersten Köpfe und Kapitalmächte der deutschen Hochfinanz, Industrie und Schiffahrt verfocht er seine These: Besser Schulter an Schulter mit Amerika leben als verlassen zugrunde gehen ... Die deutsche Ehre sei nicht in Gefahr ... Der Vertrag sei nicht eine versteckte Aufsaugung des Besiegten durch den Sieger, sondern ein Bündnis gleichberechtigter Mächte ... Es sei kein Zeichen nationaler Gesinnung, den ersten Ausweg aus dem Elend des Zusammenbruchs, den wohlmeinende Hände von drüben aufgetan, unversöhnlich wieder zu verrammeln ... Das Meer, die Lunge der Völker, müsse den Deutschen zunächst wieder geöffnet werden, koste es, was es wolle ...

~Seefahrt ist not~ ...

Georg Freimann feierte einen großen rednerischen Triumph. Er schien in diesem Jahre furchtbarsten Ringens äußerlich gealtert, innerlich gereift -- ungebrochen, ja gefestigt, nicht mehr geschmeidiger Stahl wie früher, nein, starres, kantiges Eisen ...