Das Land unserer Liebe

Part 13

Chapter 133,503 wordsPublic domain

Er hatte sich mit seiner Gefolgschaft junger Kaufleute und Studenten der Hamburger Einwohnerwehr zur Verfügung gestellt und hingebend an der Verteidigung des Rathauses teilgenommen. Nachdem die Hamburger »Regierung« mit dem unterlegenen Mob jenen schändlichen Waffenstillstand abgeschlossen hatte, war er mit seinen Kameraden der Rachewut des Gesindels ausgeliefert gewesen und wie durch ein Wunder mit zwei Messerstichen in Arm und Kopf davongekommen. In einer Privatklinik versteckt, hatte er einen Nervenzusammenbruch erlitten. Die Schmach und das Grauen hatten ihn niedergeschmettert. Das Leiden hatte ihn ernsthafter, aber auch gefährlicher gemacht. Armin Timmermanns war nicht der Mann zu vergessen. Er wußte jetzt erst, was Haß ist.

»Also leb' wohl, teures Bruderherz -- und mein aufrichtiges Beileid, daß du ohne unsern Schutz in diesem Pestloch von Stadt zurückbleiben mußt ... Was macht der Karabiner?«

»Der ist auf meinem Bureau im Geldschrank eingeschlossen. Du hast recht behalten -- er hat sich bewährt.«

»Ich weiß. Aber hast du das Gefühl, lieber Kerl, daß du ihn schon nach seinem vollen Werte bezahlt hast?!«

»Nein!« lachte Bob gutgelaunt und griff in die Brieftasche. »Wann sieht man dich in Hamburg wieder?«

»Hoffentlich bald ... Ich habe schon einmal so etwas wie deinen Retter spielen dürfen ... Die große Abrechnung mit den November- und Juniverbrechern möchte ich nirgendwo anders als hier erleben -- wo man mich bespuckt und getreten hat ...«

Als der Generaldirektor an diesem Morgen das Werftgelände betrat, wußte er sofort, daß etwas nicht stimmte ... Überall feiernde, disputierende Gruppen ... Dicht vor dem Bureauhause, um die Laderampe und den Güterschuppen der Werfteisenbahn herum so etwas wie eine kleine Volksversammlung zusammengeballt. Das Gezeter eines Redners von der Rampe herniederschallend -- grelle Zwischenrufe, die Klingel eines selbstbestellten Verhandlungsleiters -- ein Güterwagen als »Olymp«, das Dach des Schuppens dicht von gierig lauschenden Hörern im Arbeitskittel besetzt -- ja sogar am Schaft eines riesigen Bogenlampenkandelabers klebten sie wie die Fliegen ... Und als des verhaßten Generaldirektors allbekannte Gestalt unfern dem Meeting vorüberstapfte, schollen Pfiffe, Gröhlen, Schimpfworte: »Wullt du een' op de Nehs' hebben, Grotsnuut?!«

Aber auch das erkannte des Kundigen Auge: Es waren nur die jüngeren Elemente, die Ungelernten, die »Halbstarken«, welche die »Bewegung« trugen. Die älteren, besonnenen Werftangehörigen fehlten einstweilen. Ein Trost -- aber ein geringer. Der Terror der Jugend würde früh genug auch die Widerwilligen, die Friedfertigen, die Maßvollen mitreißen ...

Ilse kam dem Freunde mit fiebernden Augen entgegen:

»Heut gibt's wieder was! Gut, daß Sie kommen -- ich hatte schon Angst, man hätte Ihnen den Weg verlegt ...« Und ihre Augen leuchteten Dank, Vertrauen ... Bobbies Herz klopfte, seine Donnerstimme ward brüderlich zart:

»Keine Angst, Fräulein Ilse --« wahrhaftig, er wagte es, Fräulein Ilse zu sagen! -- »es ist vorläufig halb so schlimm ... Nur die Lausebengels sind beisammen ... Aber freilich: das ist immer der Anfang ... Die andern lassen sich mitreißen ...«

»Ein Streik muß unter allen Umständen vermieden werden«, meinte Ilse. »Ein Kabel von Patterson ist da: Der Konzern bestehe darauf, daß die ›Deutschland‹ spätestens Mitte Januar vom Stapel laufe -- andernfalls werde man die Hoffnung auf Wiederherstellung unserer Bündnisfähigkeit aufgeben ...«

»Wann wird er kommen?« fragte der Generaldirektor.

Um Ilses Lippen zuckte ein flüchtiges Lächeln. »Er schweigt sich aus. Aber hier ist noch ein Telegramm an Ihre Privatadresse.«

Timmermanns trat ans Fenster und las -- o weh -- es war Englisch -- und dabei die Unterschrift: Bessie Patterson ... Verflucht ...

Ein kurzer Kampf -- dann wußte er, was er zu tun hatte. Mochte die Stolze immerhin wissen, daß die kleine Dollarmaid ihm etwas mitzuteilen hatte.

»Würden Sie die Güte haben, Fräulein Ilse, mir das vorzulesen?«

Und lächelnd entzifferte Ilse: »Höre bedauernd meines dicken Meisters Verletzung, kabelt Befinden.« Und mit boshaftem Schmunzeln las sie laut den Namen der Absenderin.

Bobbie glühte wie ein Stahlblock unterm Fallhammer. Na -- wenn schon -- --

»Machen Sie das Maß Ihrer Güte voll und setzen Sie mir eine Antwort auf!«

Ilses Lippen zuckten vor Übermut. Sie kritzelte ein paar englische Worte auf ein Notizblatt und reichte es dem Treulosen.

»Heißt wie auf Deutsch?«

»Knochen wieder gesund, Herz unheilbar angeknackst. Bobbie.«

»Fräulein Ilse --!« stammelte der Riese. »Ich bitte Sie -- wie können Sie nur --«

»Versuchen Sie nicht zu schwindeln -- -- Herr -- Generaldirektor!« lachte Ilse. »Das können Sie nicht.«

Ein rauhes Klopfen überhob ihn der Antwort. Und schon sprang die Tür auf: Eine Gruppe junger und ganz junger Arbeiter stapfte geräuschvoll herein -- mit ihr eine Wolke von Schweißdunst, Öldunst, Teerdunst, Schnapsdunst --.

Tedje Tietgens an ihrer Spitze ... auf seinen Zügen flammte die Röte der Destille. Da sah er Ilse -- und eine zweite heißere Flamme zuckte in seinen Augen auf. Er wandte sich halb an den Generaldirektor, halb an die »Feine«.

»Wir sünd die Deputaschon von unsre Kollegen!« begann er pathetisch. »Wir sünd von die Versammlung unsrer Kollegen beauftragt, die Forderungen der Arbeiterschaft vorzulegen -- und wir sünd beauftragt, die Werftdirekschon ein Ul -- ein Ul --«

»-- ein Ultimatum, wollen Sie sagen, Tietgens«, half Timmermanns herablassend ein.

»Ja -- dat is dat Wort --« stotterte Tedje, »öwerst ick bün nich Tietgens, dat Sei't wissen, Herr Timmermanns -- ick heiß' Herr Tietgens!«

Die Kollegen knurrten grinsend Beifall.

»Und ich heiß' Herr Generaldirektor, Herr Tietgens, daß Sie's wissen«, erwiderte Timmermanns gelassen. »Nehmen Sie Platz, meine Herren, soweit die Stühle reichen. Bitte um die Aufstellung.«

Tedje setzte sich breitbeinig, reichte ein Blatt, das die Forderungen der Streikwilligen enthielt. Der Generaldirektor gab die Tabelle an die Tochter seines Chefs weiter. Die las aufmerksam, gesenkten Hauptes. Tedje verschlang jede ihrer Bewegungen. Höll' un Düwel -- so was in die Arme kriegen -- -- das nächste Mal mußte es noch viel doller gehn -- die rote Woche durfte nur ein Auftakt gewesen sein. Man hatte sich begnügen müssen, entwaffnete Männer aus der Bourgeoisie zu massakrieren ... bis an die Weiber war man noch gar nicht gekommen ...

Ilse Carstensen reichte ihrem Getreuen das Blatt zurück. Beider Blicke trafen sich. Bob Timmermanns verstand Ilses stumme Frage: Ist das überhaupt tragbar? Er schüttelte den Kopf.

»Meine Herren,« sagte der Generaldirektor, »wenn Sie denken, die Werftleitung hätte die Mittel, um diese Forderungen zu bewilligen, dann irren Sie sich. Wir verfügen über einen Kredit, der beschränkt ist -- das Geld ist fast alle. Herr Carstensen ist in Berlin, um mit der Reichsregierung wegen der Entschädigungen für die Reedereien zu verhandeln. Werden die vom Reich bewilligt, dann läßt sich über eure Forderungen reden. Vorher -- ausgeschlossen. Sagen wir heute ja zu diesen Ansprüchen, dann müssen wir in acht Tagen die Bude zumachen.«

»Een Pund Brot kost' seit gistern hundert Mark, Herr Generaldirektor«, sagte Tietgens. »Reken Sei sick gefälligs ülben ut, woans en Familienvadder mit den'n ollen Lohn bestohn kann.«

Und wieder brummten die Genossen Zustimmung.

Timmermanns schwieg in dumpfem Sinnen. Sie hatten recht ... die Leute ... Die Not der Zeit wuchs allen über die Köpfe -- den Arbeitnehmern wie den Arbeitgebern ... Als ungerecht, als überspannt konnte man die Ansprüche der Arbeiterschaft unmöglich bezeichnen. Aber was war zu machen? Es ging nicht ...

»Leute, seid vernünftig ... Wenn wir eure Forderungen bewilligen, ist die Werft in acht Tagen pleite, ich schwöre es euch ... Es ist eine schwere Zeit -- wir müssen alle zusammen uns einschränken ...«

»Solang dei Döchder von unse Arbeitgebers noch Brillanten an die Fingers drägen,« rief Tedje mit einem Vampirblick nach Ilses leise bebenden Händen, »solang'n söhlen Sei uns nich wat von Inschränken vörklöhnen --«

In Scham zog Ilse ihre Hand zurück ... Wie hatte sie nur vergessen können, den Ring abzulegen ...

»Ji sitten in dei Villas un eeten Botter un Wittbrot!« kreischte Tedje und sprang auf. »Wie slopt op Stroh un fret dreuges Markenbrot -- kamt uns nich mit Inschränken, süß sprekt wi en anner Word!! Ne, Timmermanns, so mötten Sei uns nich komen!« Und er hieb mit der hammergewohnten Faust auf den Tisch, daß die Tintenfässer tanzten.

»Respekt, Minsch, Dunnerslag noch mol!« brüllte da Bob Timmermanns. »Wenn ji vergeten doht, wen je vör jug hebbt, dann smiet ick Sei an de Wand, Tietgens, as all eenmol! Hebbt Sei dat all vergeten?«

Diese Erinnerung an seine Niederlage vor den Ohren und Augen dieser Frau -- der wilde Bursche verlor den Rest seiner Besinnung. Er griff einen Stuhl und schwang ihn empor. Seine Kameraden fielen ihm in den Arm. Ilse riß Timmermanns zurück -- ihre Kinnbacken bebten.

»Teuf, mien Deern!« schrie Tedje unter den Fäusten seiner Kollegen. »Ick will di woll kriegen -- un wenn dien Schlöks von Brögam bi di wakt und bi di slöppt ... Unsre Kam'roden in Rußland -- --«

Da schnarrte der Fernsprecher.

Ilse nahm den Hörer ... und schon hatte sie ihres Vaters Stimme erkannt. Es war wie ein Zauber -- als stünde er neben ihr, so laut und klar klang seine Stimme, dem Beben froher Erregung zum Trotz, das sie durchschwirrte ...

»Ach, Ilse -- du selber? Eine Freudenbotschaft: Die Regierung bewilligt der H. T. L. als erste Rate hundert Millionen!«

»Meine Herren,« sagte Ilse, »die Werftleitung bewilligt die Forderungen der Arbeiterschaft.«

»Verdammi!« knirschte Tedje Tietgens in sich hinein.

4

Selbfünft schritten sie über das Werftgelände, vom Direktionsgebäude zur Helling hinüber -- umstiebt vom ersten Schnee.

»+Goddam!+« knurrte Elias Patterson, »arbeiten könnt ihr immer noch, ihr Deutschen ...«

In seinem knisternden Nerzpelz sah er neben der verschlissenen Vorkriegseleganz Detlev Carstensens wie der reiche Verwandte aus, der den verarmten Vetter zu besuchen kommt. Aber der verarmte Vetter brauchte sein Haupt heute nicht niederzusenken, da stand seine Leistung: die »Deutschland« reckte sich schon bis fast unters Krangerüst ... Und überall klang im scharfen Dezemberhauch das tausendfältige Ticktack der Niethämmer, das schnarrende Schwirren des elektrischen Nietens -- das Knarren der Krane, die viele hundert Tonnen hoben wie Streichholzschachteln und durch die Lüfte entführten wie Flaumfedern ... Der alte Carstensen nahm die geflüsterte Anerkennung des Mannes von drüben mit stummem Behagen hin. Ja -- es ging aufwärts ...

Timmermanns fand sich selber sehr komisch -- zwischen den zwei jungen Damen, von Bessies frierendem Köterchen mit verärgertem Kläffen umkreist ... In eine von euch bin ich verliebt, dachte er -- wüßt' ich nur genau in welche ...

Ilse beobachtete den Getreuen, Treulosen, mit geheimem Schmunzeln ... Bobbies Psychologie war heute mal wieder sehr durchsichtig ...

Es war, als empfinde auch Bessie, daß ihr langer Lehrmeister nicht mit ganzem Herzen bei ihr sei. Sie schob plötzlich ihre kleine feste Hand unter seinen Arm, lachte den Überraschten von unten her vielsagend an. Es war wie eine Beschlagnahme.

Hoch droben auf dem obersten Laufsteg hämmerten die Zwillinge Tedje und Clas. Pink, pank! -- Die Gesichter vom Schneesturm gerötet, die Hände klamm vor Frost, der ganze Oberleib dampfend vom Schaffen, aller halben Minuten ein Niet -- tick tack -- pink pank.

Plötzlich sah Tedje, daß sein Helfmann Anders entgeistert in die Tiefe starrte. Tedje folgte dem Blick -- und sah da unten seinen Feind stehen -- und -- -- die Feine ...

Düwel -- und noch jemanden, den er kannte ...

Dies kleine Gör in dem plustrigen silbergrauen Pelzmantel, war das nicht -- --

»Verdammi, Jung -- weißt noch, Anders? Wegen dei hebbt wi twei us an de Köpp kregen vör Tieden!«

Wahrhaftig -- sie war's ... Anders Niemann aber starrte wie verzaubert auf -- die andere ... So nahe hatte er sie -- seit seinem Versinken -- nicht mehr gesehen ...

Da hob sie den Blick -- alle drei schauten sie an der Steile des Schiffsrumpfes empor, Bob Timmermanns' erklärendem Finger folgend ... Mit einem Ruck zog Anders den Kopf in die Luke zurück. Und die kleine Amerikanerin hob den Kodak, die zwei schwindelfreien Klopfgeister hoch droben aus der Froschperspektive festzuhalten ...

In Tedjes frostrotes Antlitz schlug die Lohe des Abgrundes. Seine Brust keuchte, die Augen traten aus ihren Höhlen ...

»Mak keen Beesteri, Tedje!« rief Clas heiser.

Zu spät ... wie aus Versehen glitt der wuchtige Niethammer aus Tedjes Fingern, sauste in die Tiefe ...

Ein dreifacher Aufschrei drunten --

Haarscharf zwischen Robert Timmermanns und Ilse Carstensen klirrte das Wurfgeschoß des Hasses auf einen Querbalken der Helling, schnellte schräg empor, prallte mit hellem Klang wider die eiserne Schiffshaut, fiel zum zweiten Male dicht vor den Füßen der Erstarrten nieder.

Hoch droben glotzten zwei Jungmännergesichter -- eins aufatmend, dankbar, daß der Streich mißglückt -- eins grimmzerfressen, zähnefletschend in tückischer Wut ...

»Entschülligen S' man -- t' weur man 'n lüttjes Verseih'n ...«

5

Herr Patterson hatte einen endlosen Fragebogen mitgebracht: Die Fusion hatte drüben tausend Probleme und Einzelfragen ausgelöst, die besprochen und geklärt sein wollten. Und neben Bessie und dem technischen und kaufmännischen Stabe waren diesmal auch mehrere führende Persönlichkeiten der Kapitalgruppen mitgekommen, welche im Patterson-Konzern zusammengeschlossen waren. Während auf der Hammonia-Werft die »Deutschland« mit wahren Riesenschritten dem Tage des Stapellaufs entgegenwuchs, kamen für die Direktion der Linie wie der Werft harte Wochen voll täglicher, stundenlanger Sitzungen. Die Herren von drüben waren sachkundig, zäh, auf die Wahrung ihrer Interessen bedacht. Es gab scharfe Auseinandersetzungen. Manchmal schien es, als solle das junge Bündnis über einem Sonderpunkt wieder scheitern.

Elias Patterson war diesmal nicht ganz der zärtliche, rücksichtsvolle Vater wie bei seinem ersten Besuch. Bessie kannte das. Sie wußte, das Geschäft ging vor. Sie würde sich auch ohne daddy die Zeit zu vertreiben wissen.

Zu ihrem nicht geringen Ärger versagte aber auch ihr Freund und Sangesmeister. Auch er stand ganz im Banne der Arbeit. Die Amerikaner verlangten neuerdings, daß die H. T. L. sofort auch noch zwei Frachtdampfer von je zwölftausend Tons auf Helgen lege. Dazu reichte die von der Regierung bewilligte Entschädigungsrate nicht aus. Neue Reisen nach Berlin, neue Verhandlungen wurden nötig. Und wenn es heute gelang, bei den Ministerien, beim Reichstage neue Bewilligungen durchzudrücken -- morgen warf die anschwellende Markentwertung alle Vorschläge über den Haufen.

Oft zuckten die Amerikaner untereinander die Achseln: Nein, es war doch unmöglich, mit den Deutschen zu arbeiten ... ihre nationale Disziplin war zum Teufel -- sie fraßen einander auf, bewucherten sich gegenseitig in den Hungertod, in den Bürgerkrieg, in den völligen Untergang hinein ...

Und dann wieder staunten die Herren über täglich neue Überraschungen deutscher Tüchtigkeit und Unverwüstlichkeit. ... Ein Rätsel, diese Menschen, dieses Volk ...

Bob Timmermanns verzehnfachte sich. Er hatte sich's in den Kopf gesetzt, auch die Frachtdampfer müßten völlige Neuschöpfungen werden ... Alle Probleme, welche die Entwicklung der Schiffsbautechnik in den Jahren der Isolierung und Absperrung Deutschlands hatten heranreifen lassen, wollten an der Hand der ausländischen Fachliteratur und Publizistik studiert, durchdacht, immer neuer, eigenartiger Lösung entgegengeführt sein. Die Konstruktionsbureaus ächzten unter der Last ihrer Aufgaben, welche der Generaldirektor ihnen stellte. Es galt, die Sachverständigen von drüben in ständiger sprachloser Verblüffung zu halten ... Was galt in solchen Tagen die Stimme des Herzens? Sie hatte zu schweigen. Und sie schwieg. Bob Timmermanns hatte sich in der Gewalt.

Wenn Bobbie jemals geträumt hatte, die Aufmerksamkeit, die Bessie ihm unverkennbar entgegenbrachte, würde seine Aussichten bei Ilse verbessern -- dann hatte er sich getäuscht. Die schattenhafte Eifersucht, die sich fast unbewußt in Ilses Kopf mehr als in ihrem Herzen geregt hatte -- sie fand keine Nahrung, weil Bob für Bessie einfach keine Zeit hatte. Aber was das Auftauchen der kleinen Nebenbuhlerin nicht bewirkt hatte, das erzwang ganz ungewollt und ahnungslos des Generaldirektors unerhörte Tüchtigkeit. Er imponierte dem Mädchen, das er vergötterte. In diesen drangvollen Wochen des Planens und Ringens entfaltete sich Bob Timmermanns' technische Genialität, seine fanatische Hingabe an die Werft und ihre Aufgaben, seine titanische Arbeitskraft so überwältigend, daß Ilse sich gefangen und verstrickt fühlte. Ein Rauhbein, ein Streber, ein Prolet --. Ilses krampfhafte Selbstverteidigung übte immer neue Kritik an Roberts Wesen. Aber ohne auf Wirkung auszugehen oder sie, als sie eintrat, auch nur zu bemerken, zwang der Starke das Mädchen, das ihn nun kannte und erkannte wie kein anderer Mensch, in den Bann seiner Persönlichkeit. Ein Rauhbein -- ein Streber -- ein Prolet -- aber ein Mann -- ein Kerl.

Und Heinz Freimanns Bild verblaßte -- ward entrückt ... Die Ferne, die Zeit übten ihre Rechte.

Nur eine empfand das mit Trauer und Bitterkeit: Johanna Freimann.

In ihrem mütterlichen Herzen stand über allem Gram der felsenfeste Glaube an das Kind ihres Wesens. Er lebt, er arbeitet, er wächst ... Er wird wiederkommen, ein Lebensheld, wie er ein Kriegsheld gewesen ... Ganz gleichgültig, wo er sich verborgen hält und warum -- gleichgültig, was er treibt, leidet, fühlt -- es ist notwendig -- notwendig für ihn und darum für sein Volk, sein Vaterland ... Er wird seiner Mutter, seinem Elternhause, seiner Braut nicht anrechnen, was sie alle durch Teilnahmlosigkeit, durch Mangel an Verständnis, an gläubiger, entsagender Liebe wider sein Werden, seine Genesung gefehlt ... Denn sein Wesen ist Güte, ist Herzenskraft ... In seinem Herzen trägt er den Kompaß, der ihn leiten wird durch die Wirrnis, die er über sich selber verhängt hat ...

So sah Mutter Johanna den Sohn, so erklärte ihn ihre Sehnsucht -- so mühte sie sich, sein Bild im Herzen der Braut aufzurichten ... Ihr feines Fühlen hatte längst durchschaut, daß jenes Bild in der Seele des Mädchens, das sie dem geliebten Jungen auch bei seiner zweiten Heimkehr entgegenführen wollte, nicht mehr ganz hell im Lichte stand ...

Dies Ahnen, dies Wissen hing wie ein quälender Schatten zwischen den zwei Frauen, die einander so viel geworden waren. Der Kampf gegen diesen Schatten war der geheime Inhalt aller Gespräche, die endlos jene immer karger ausgesparten Stunden ausfüllten, in denen Mutter Johanna und Ilse um die Zukunft rangen.

6

Auch zwischen Bessie und Ilse herrschte nicht mehr das alte muntere Einverständnis.

»Ilse, ich liebe Sie!« rief die Kleine im Tone der Ausruferin vor einer Menagerie. »Und ich will, daß Sie mich lieben ... Aber Sie wollen nicht, ich fühle es ...«

»Kleiner Schafskopf!« erwiderte Ilse. »Ich mag Sie lieber als alle Mädchen der Welt -- genügt Ihnen das?«

»Ich will, daß Sie mich lieber haben als alle anderen Menschen der Welt ... Aber es gibt zwei Menschen, in die sind Sie verliebt ... Und das ist mehr als lieben ...«

»Zwei, Bessiechen?«

»Ja, zwei ... Sie tragen einen Ring von einem Manne, den ich nicht kenne ... Also sind Sie noch immer in ihn verliebt, sonst hätten Sie den Ring längst abgelegt ...«

»Nun, und der andere?«

Die kecke Kleine wurde rot bis unter die strohblonden Stirnlöckchen.

»Das brauche ich Ihnen nicht zu sagen ... Und er ist sehr verliebt in Sie, wenn er jetzt auch keine Zeit hat -- für uns beide ...«

Da flog über die stolze Stirn Ilses ein flüchtiges Rot. »Liebling, ich will Ihnen ganz offen etwas sagen: Der Mann, den Sie meinen, der ist ein Esel.«

»Schämen Sie sich, Ilse!«

»Doch, er ist ein Esel. Kennen Sie nicht die Geschichte von dem Esel zwischen den zwei Heubündeln?«

* * * * *

Zum Glück hatte Bessie noch eine andere Freundin. Der ging es besser als ihrer Kollegin von der Hammonia-Werft. Denn sie war nur »Arbeitnehmerin« und nicht Tochter des Hauses ... Die stülpte um fünf Uhr den Kasten auf ihre Schreibmaschine -- und war dann frei. Bessie belegte sie nun energisch mit Beschlag. Und seit sie erst heraus hatte, daß Antje ein Kind des Volkes, ein Kind jener »schlimmen Viertel« war -- seitdem fand die kleine Demokratin sie noch viel interessanter ... Damals, als die Blue Star Line vom 27. Stock eines Wolkenkratzers am Broadway hernieder ihre Fäden um den Erdball zu spinnen begann -- damals schon war ihr Leiter ein junger Abenteurer namens Elias Patterson. Der entdeckte in einem seiner Riesenbureaus eine allerliebste kleine Stenotypistin, eine Fabrikarbeiterstochter aus Long Island, und machte sie zu seiner Frau. Kein Wunder, daß die einzige Tochter dieses Paares eine tiefe Sympathie für die Privatsekretärin des Herrn Freimann empfand.

Dieser Freundin hatte Bessie natürlich auch ihr Abenteuer mit dem kleinen Mädchen erzählt ... Und mit geheimem Gruseln hatte Antje die Geschichte wiedererkannt. Andersherum war sie ihr ja nicht mehr neu. Sie hatte an manchem Abendschwatz bei Mudder als Gesprächsstoff herhalten müssen. Aber die Sekretärin bekam doch eine Gänsehaut bei dem Gedanken: wie, wenn der verkappte Offizier und der herzensgute Clas -- nicht zur Stelle gewesen wären? -- und warnte.

Bessie lachte: »Mein Schutzengel ist mir noch stets auf irgendeine Art zu Hilfe gekommen ... Er ist immer da, ich weiß es -- sonst wäre ich nicht so übermütig ...«

Antje war skeptisch -- sie warnte die kleine Phantastin energisch. »Es könnte vielleicht doch einmal passieren, daß der Schutzengel sich verschliefe, wenn Sie losgondeln mit Ihrer weißlackierten fliegenden Nußschale ... oder daß er nicht mit könnte mit Ihrem Tempo ...«

»Schämen Sie sich, Miß Antje!« zürnte Bessie. »Ein Schutzengel kann alles ...«

Plötzlich klatschte sie in die Hände -- blieb vor einem Ladenfenster stehen: »Schauen Sie -- da ist er ja schon wieder, und zwar in eigener Gestalt! Da sitzt er hoch oben auf diesem Tannenbaum ... Aber schauen Sie -- was ist das für ein merkwürdiger Baum?«

Und Antje erklärte ... Ein Ton von Rührung kam in ihre ruhige Stimme ... Zuviel hatte man erlebt, zuviel ... Zuinnerst war jedes deutsche Herz verwundet. Die lindeste Berührung machte es zucken -- selbst die Seligkeit der Erinnerung wurde zum Schmerz.

»Es ist ein Kinderfest, Miß Bessie ... aber wir alle werden Kinder, wenn Weihnachten kommt -- und warten, daß wir beschenkt werden -- beschenkt mit irgend etwas, das groß und heilig ist und hoch, hoch über unserm Wünschen und Hoffen steht ...«

»Was haben Sie, Miß Antje? Sie weinen ja ...«

»Ach -- es ist nichts ... Ich bin ein bißchen überarbeitet ... wir sind's alle ... Ach, Miß Bessie, wenn sie ahnten, wie wir leiden, wir alle ...«

Bessie ahnte es nur zu gut. Und in ihrem Herzen regte sich etwas wie böses Gewissen. Sie wußte: An diesem deutschen Leiden -- Amerika hatte daran sein gerüttelt Maß von Anteil. Man hatte ihm gesagt, es gehe wider die Hunnen ... Nun wußte Bessie Bescheid im Hunnenlande ...

»Oh,« lachte sie, im Bedürfnis abzulenken, »was ist das für ein hübscher alter Mann, der da neben dem Lichterbaum steht, mit einem großen Bart -- und einem großen Sack -- und er trägt einen Besen in der Hand?«

Das sei der Weihnachtsmann, erklärte Antje. Er gehöre zu einem echten deutschen Weihnachtsfeste wie der geschmückte Tannenbaum und der geflügelte Engel an seiner Spitze ...

Ein sehr merkwürdiges Land, das Hunnenland. -- Wie werden meine Freundinnen staunen in Neuyork, wenn ich ihnen erzähle vom Hunnenland ...

Die Vorstellung des Kinderfestes spukte in Bessies kapriziösem Köpfchen weiter. So etwas mußte sie machen -- für ihre kleinen Freunde in den schlimmen Vierteln.