Part 14
Zuerst nahm sie sich vor, den großen Festsaal im Atlantic mit Beschlag zu belegen und ihre Günstlinge dorthin einzuladen. Aber dann hätte +daddy+ davon erfahren -- und die anderen alle, die sie immer auslachten und exzentrisch schalten ... man hätte ihr Fest hintertrieben oder ihr wenigstens die Freude verdorben ... Nein -- das mußte ganz im geheimen geschehen, und erst wenn alles vorbei wäre, würde Bessie berichten und sich am komischen Entsetzen der andern weiden ...
Das Christkind steigt zu den Menschen nieder, hatte die ernste Antje gesagt ... Nein -- es war nicht das richtige, die Kinder der schlimmen Viertel ins Atlantic zu bestellen ... Sie würden geblendet und blöde stehen und all die Pracht bestaunen -- und schon in ihren jungen Seelen würde der Haß aufglühen, von dem die Freundin ihr erzählt hatte ... Der Neid der Armen auf die Reichen ...
Nein, man würde zu ihnen gehen -- niedersteigen wie das Christkind selbst ... Bessie fühlte, wie es ihr feucht in die Augen schoß vor Bewunderung und Ergriffenheit über ihre eigene Güte, ihr verständnisvolles Zartgefühl ... Man würde einen Saal mieten, einen kahlen, schmucklosen Tanzsaal mitten drin im Schmutz und Brodem der Proletariergassen -- den würde man mit Flittergold und bunten Fähnchen ausputzen, und in der Mitte müßte so ein großer, schöner Baum stehen. Auf der Spitze ganz oben aber müßte der Schutzengel schweben ... und ein Weihnachtsmann müßte auch dabei sein -- mit einem langen Bart -- einem Sack voll vergoldeter weißer Nüsse und Apfel -- und einem Besen unterm Arm ...
Wenn sie nur jemanden wüßte, der ihr helfen könnte ... keiner von ihren Freunden ... keiner von den Deutschen, die hätten sie nur ausgelacht und wieder einmal so seltsam angeguckt, als sei sie eine Sehenswürdigkeit aus dem Zoologischen Garten, irgendein exotisches kleines Wundertier ... Und die Amerikaner? Es waren smarte Jungen dabei, die Bessie wohl leiden mochte -- aber sie waren alle nüchtern und schwunglos wie ein Lineal -- die würden sie groß und respektvoll anstaunen -- und schleunigst bei daddy verpetzen. Nein -- es müßte einer aus der andern Welt sein, aus der Welt der schlimmen Viertel.
Und da fiel ihr ein, daß ja ihr Schutzengel schon einmal beliebt hatte, die Gestalt eines jungen Arbeiters aus den schlimmen Vierteln anzunehmen. Wie, wenn sich das wiederholen möchte? Man wird sehen.
Und Bessie stopfte Little Puck in die Tasche und kurbelte an.
Ihr Ortssinn war fabelhaft entwickelt, wie all ihre Sinne. Schon im Lyzeum hatten ihre Lehrer behauptet, sie müsse Indianerblut in den Adern haben ... Mit der Sicherheit einer Nachtwandlerin fand sie alsbald die finstere, von hohen, geschwärzten Giebelhäusern umstellte Gasse wieder, in der es ihr vielleicht doch wohl schlimm ergangen wäre, wenn der Schutzengel wirklich geschlafen hätte -- oder ihrem Tempo nicht hätte folgen können ... Pah -- diese Stenotypistin mit dem braunen Madonnenscheitel -- was wußte die von einem Schutzengel?!
Richtig ... hier war's gewesen -- hier an der Ecke zu dieser -- noch viel engeren -- puh -- wahrhaftig, ein bißchen gruseligen Gasse war er aufgetaucht, der schmucke Bursch, in dessen Herz ihr Schutzengel an jenem Sommernachmittage gefahren war ...
Heute war es kalt, und nur wenig Kinder huschten hin und wider, Körbe am Arm und schmutzige Geldzettel in den Händen ... Aber die erkannten sie, schwirrten kreischend heran und boten der Tante die klebrigen Patschen.
»Kennen ihr ein junges Mann, was hat ein braunes Schnurrbart ... und hat ein Gesicht sehr gut -- und ist sehr mjutig?«
Die Kinder grinsten verlegen, enttäuscht, daß die gewohnte Spende ausblieb.
Bei der Gassenkreuzung stand ein hexenhaftes Weib mit lauernden, gierigen Augen. Sie sah die Fremde, die Vornehme, die Auskunft suchte -- und sah das elegante Wägelchen, witterte Valuten. Sie schob sich heran:
»Wat wull dei Dam', Kinnings?«
Die Kinder kicherten: »Dei Dam' söcht en jungen Mann!« Gelächter brach aus. Die älteren Gören quiekten vor wissender Wonne.
»+Yes, madam+,« bestätigte die Fremde, ein wenig beunruhigt durch die Erscheinung der Alten, »ich suche ein junges +man+, braunes Schnurrbart, was ist sehr mjutig.«
Über das Runzelgesicht der Alten zuckte ein jählings aufflackerndes Verständnis. Nicht die erste kleine Abenteurerin aus der Welt des glänzenden Scheins, der Dolores Jacinto zu einer perversen, abseitigen Seligkeit verholfen hatte ...
»Den'n kann ick Sei besorgen,« kicherte die Hexe, »so ein'n kenn ick gaud ... kam'n Sei man mit mi! Dat Maschinken, dat stellt wi bei mi ünner -- dat verwohr' ick so lang'n. Doar kümmt Sei nix an ...«
Dunnerslag! dachte Mudder Lore im Voranhumpeln, während die Fremde vom schwatzenden und feixenden Kinderschwarm umschwirrt, etwas benommen in die schwarze Schlucht der Nebengasse folgte -- »Fohrräder heff ick all männigesmol opbewohrt -- öwerst 'n Auto, un noch dortau son'n fien' -- dat is dat ierstemol ... Tedje sall nich slecht kieken, wenn ick em dit säute Fräten bring ... Man gaud, dat hei grod doer ünn'n in'e Gang'n is ...«
In ihrem alten Hirn war die Sprache ihrer mexikanischen Heimat längst verdunstet -- sie dachte sogar auf hamburgisch.
Es ging in einen stockfinsteren Gang -- Bessie schauderte und schickte ein wortloses Stoßgebet zu ihrem Schutzengel: Komm, ich fürchte, heut werd' ich dich brauchen ...
»So ... hier lat'n wi dat Maschinken stohn ... Da kümmt sei nix an ...« Schade -- surrte es durch das Hirn der Alten -- dat wier wat taum Verschärfen -- öwerst doar wieren tau väl Oogen rund rüm ... Nein -- für das Eigentum der kleinen Kundin war gesorgt ... Auf so gefährliche Sachen ließ Mudder Lore sich nicht ein. Die Dame würde gut bedient werden ... dies eine Mal ... Denn solche vornehmen Vögel pflegten nicht zum zweiten Male wiederzukommen. Die brauchten Abwechslung -- und scheuten es, eine Spur zu hinterlassen, die entdeckt werden konnte.
Nun eine Stiege hinauf -- durch einen elektrisch beleuchteten, nach scheußlichen Parfüms duftenden Korridor -- hier und da öffnete sich eine Tür, ein wuschliger Mädchenkopf tauchte auf, nackte Schultern ... und noch einer, noch einer -- Kichern, kreischende Worte, kreischendes Gelächter -- Bessie fühlte, daß ihre blonden Stirnlöckchen sich wie Schraubenzieher aufrichteten ... Umkehren? fliehen? war es nicht schon zu spät? Schutzengel, hilf!!
Einen Augenblick machte die Führerin halt, öffnete ein Behältnis, das in einer Ecke stand -- holte zwei Flaschen mit Goldhälsen und eine dritte hervor, um deren Hals ein halbmondförmiges Etikett mit drei Sternen sich schlang -- füllte einen verbeulten Kühler mit knirschenden Eisstücken, packte alles in einen Korb, entnahm aus einem andern Schrank ein paar Sektschalen, legte sie sorgsam zu dem übrigen -- grinste vertraulich, streckte die Hand aus ... Bessie, von Entsetzen geschüttelt, griff in ihre Tasche, drückte der Alten einen ganzen Haufen Dollarnoten in die Krallen -- die prüfte genau, schmunzelte zufrieden, knickste und humpelte weiter.
Am Ende des endlosen Korridors hielt die Führerin -- hier schien die Welt zu Ende ... Aber plötzlich drehte sich wie durch Hexerei die ganze Abschlußwand -- eine neue Finsternis gähnte ... Doch die Alte fand drinnen tastend einen Schalter, eine schwache Birne glomm auf, ein neuer Korridor öffnete sich ... Nun eine ausgetretene Stiege hinunter, knips, neues Licht, ein neuer muffiger Gang ...
Bessies Kehle war wie zugeschnürt. Wenn der Schutzengel nicht kam, war sie verloren ...
»Nein -- nein --« stammelte sie zwischen Grausen und Ekel. »Sie wissen nicht ... Sie taten nicht verstehen mich ... ich will -- lassen mich gehen ...«
Die Hexe grinste begütigend. Sie kannte solche Anwandlungen von Reue im entscheidenden Augenblick ... Das legte sich -- das hatte keine Bedeutung.
»Nein, nein!« stotterte die Kleine noch einmal und klammerte sich an den skelettartig hageren Arm ihrer Führerin -- »ich will fort, ich will heraus ...«
»Ruhig, ruhig, mien Düwken!« tätschelte die Alte, »do kümt jo all de Frigersmann -- nich bang sien, mien Lütting, hei is 'n Strammen, du schast tofreden sien ...«
Eine mächtige Mannesgestalt tappte den Flur entlang -- tauchte plötzlich im dunstigen Lichtkegel auf ...
Bessie erstarrte ... Das -- das war -- --
Fassung ... Mut ... und Dreistigkeit -- -- nur Lachen konnte retten ...
Wie ein brünstiges Tier stand er vor ihr, die alte Hexe drückte sich grinsend in eine Ecke ... er ... vor dessen rohen Tatzen -- damals! -- der Schutzengel in Gestalt des jungen Mannes mit dem braunen Schnurrbärtchen -- -- den hatte sie gesucht -- und da war -- der andere ...
Er selber schien nicht minder sprachlos erstarrt als sein Opfer ...
Bessie hatte sich wieder. Sie zwang ein schwirrendes Lachen der Wiedersehensfreude auf ihre Lippen.
Der stiernackige Bursch im geflickten, rostfleckigen Arbeitskittel fühlte etwas wie Kavaliersanwandlung.
»Dat's aber scheun, Fräulein -- dat wi uns hier wiederfinnen ...«
»Oh, ich bin entzuckt ... heute Sie gefallen mich viel besser als bei unser erstes Begegnung.«
»Sei mich auch, Fräulein --« Tedje konnte galant werden, o ja, das konnte er -- »Sei hebben mi glieks sihr god gefallen, hahaha ...«
»Wie heißen Sie?«
»Ick heit Tedje Tietgens ...«
»Tiet --?!« Bessie horchte hoch auf. »Ich kenne eine junge Mädchen -- was auch heißt Tiet--«
»Wat's dit?! Sei kennen mien' Swester Antje --?!«
»Antje -- +yes+ -- +that's it+!« Schutzengel, hab' Dank!!
Über das Gesicht des Burschen, das sich schon dunkler rötete, glitt eine jähe Ernüchterung. Antje -- sie kennt Antje ... Er machte eine Bewegung, als wolle er etwas Bedrückendes, Störendes verscheuchen. Eine Bekannte, eine Freundin vielleicht von Antje ... hatte nicht die Schwester etwas von einer kleinen Amerikanerin erzählt, mit der sie häufig zusammenkomme?
»Sagen Sei, Fräulein -- sind Sei am End' von Amerika?«
»+Yes, yes+, ich bin ein Bürger von die +United States+ ...« Die Kleine reckte sich. Ihr war, als flattre schirmend über ihrem Köpfchen das Sternenbanner.
»Düwel, Düwel ...« Tedje richtete sich aus seiner lässig-behaglichen Haltung auf ... Seine Stimme klang verändert -- beunruhigt, respektvoll ... Etwas von der Verehrung für die Schwester, die in Tedjes rohem Herzen als stilles Heiligtum ruhte, glitt auf dies fremde Mädchen über, von dem Antje mit Achtung und Sympathie gesprochen hatte.
»Nu seggen S' mi man dit eine, Fräulein -- wie kamen Sei in dit Lakal -- un bi Mudder Lore?!« Ein dumpfes Begreifen meldete sich an: Hier war ein Mißverständnis ... ein Geheimnis ...
»Oh -- ich bin gegangen zu suchen ein junges Mann -- mit ein braunes Schnurrbart ...«
»Na -- dat heff' ick ja ook --« versuchte Tedje zu scherzen.
»Nein -- ich meine ein andres junges Mann -- was Sie kennen also ... damals, Sie wissen, wie Sie haben wollen strafen mich, habend geworfen zur Erde das kleine Mädchen, das andere junge Mann hat gesagt, Sie nicht Böses tun zu mich ... und ihr habt euch nahe geschlagen, ihr zwei, für meine Sache ...«
»Dunnerslag ... dat 's mien Fründ Anders Niemann ...«
»Ach ... sehen Sie, Sie kennen ihm ... Sie werden mich bringen zu ihm ...«
Wenige Minuten später schritten sie ganz freundschaftlich die nun schon tief im Dämmer liegende Lastergasse hinab zur Knibbel-Twiete -- die kleine Amerikanerin und der Spartakist. Sprachlos, verständnislos glotzte die Mexikanerin hinter den zweien drein. Aus den Fenstern gafften die Wuschelköpfe ihrer Kinderchen ... Tedje schob Bessies Auto wie ein Kinderwägelchen vor sich her. Und eine Viertelstunde später standen die zwei vor Vadder Tietgens' einstöckigem Ziegelhäuschen. Tedje pfiff das Signal des Freundschaftsbundes der drei Stubenkameraden: die Anfangszeile des Liedes von der roten Seligkeit ... Alsbald antwortete von droben die zweite Zeile -- aus einem Fensterchen schob sich der Kopf des jungen Mannes mit dem braunen Schnurrbärtchen ...
In Bessies Herzen war ein dankbares Frohlocken. Der Schutzengel hatte auch diesmal nicht geschlafen.
7
Auf die frostklirrenden deutschen Lande senkte die sechste Schmerzensweihnacht sich nieder. Die sechste Schmerzensweihnacht!
Nach dem Donner der Geschütze der Zweieinhalbtausend-Kilometer-Front waren zur Stunde auch die Maschinengewehre und Handgranaten des Bruderkrieges verstummt. Nicht mehr starben täglich zwölfhundert deutsche Männer den Schlachtentod. Aber immer noch siechten dahin die Darbenden, die hilflosen Alten, die hilflosen Kinder ... Noch immer lag auf dem ausgepreßten Volke der würgende Bann der Hungerblockade ...
Und dennoch: Bis dicht an die heilige Stunde heran, im ganzen Lande, vom Fels bis zum Meer, sausten die Spindeln, ratterten die Webstühle, glühten die Essen, wuchteten die Fallhämmer, ticktackten die Nietschlegel ...
Der Geist der Arbeit hatte sich aus Kriegslähmung und Welterneuerungsfieber losgerungen.
Die Bauleute waren am Werk, die Trümmer wegzuräumen -- und aus dem Schotter hoben sich langsam die Mauern des neuen Reichsbaues. Auf dem Gerüst flatterte ein neues -- ein uraltes Panier.
Nicht alle Blicke, längst nicht alle, grüßten es mit Ehrfurcht und Glauben. Es waren die schlechtesten nicht, jene Hunderttausende, welche die alten Farben nicht vergessen mochten, für die sie gelebt, geschafft, gekämpft, geopfert, geblutet.
Aber auch die waren wackere Deutsche, die da glaubten, die neue Zeit brauche auch ein neues Gleichnis ... Die da hofften, es werde einst die Stunde kommen, da die Schwarz-weiß-roten und die Roten sich zusammenfänden, um im Schwarz-rot-gold das Zeichen eines neuen Bundes aller, aller deutschen Menschen zu verehren ...
Einstweilen war es ein Glück und eine Hoffnung, daß sie alle drei, die Hüter der heiligen Erinnerungen, die Fanatiker der roten Seligkeit -- und die Vorkämpfer eines Deutschland der Brüderlichkeit sich wieder zusammenzufinden begannen, tief unterhalb des wirren Treibens der brodelnden Oberfläche des Parteikampfes zu stiller, scheinloser, hingebender Arbeit ...
Heute aber schritt über die gärende Fläche und über die schaffende Tiefe das uralte Fest der Rast -- der Sammlung -- des Einklangs ...
Das Fest der Menschen, die guten Willens sind.
* * * * *
Im palisandergetäfelten Speisesaal der Villa Freimann saßen stille, müde, sinnende Menschen um einen hohen, schmucklosen Tannenbaum, in dessen dunklen Nadeln sparsam verteilte Lichter knisterten. Frau Johanna hatte es sich nicht nehmen lassen, der Braut ihres Sohnes und dem alten, immer mehr in sich zusammensinkenden Freunde Detlev Carstensen das Fest zu bereiten. An Gaben fehlte es nicht -- aber selbst in diesem Kreise, den die rauhe Lebensnot noch nicht zu nahe bedrängte, trugen die Geschenke den Stempel der ernsten Zeit. Man spendete nicht mehr Gold, Edelsteine, Bronzen, Bilder -- man schenkte Genußmittel, die man sich sonst versagte -- man gab Gegenstände des täglichen Bedarfs ...
Ach -- und mitten in der Reihe waren auch die Gaben für den einen aufgebaut, der dem Feste fern blieb ... dem gleichwohl aller Gedanken, Träume, Schmerzen galten. Dem Verschollenen ... Wenn er heimkäme, würde er sie finden ... und er würde heimkommen -- aus der geheimnisvollen Ferne, in die er sich geflüchtet vor dem Unglauben der Seinen -- wie er einst heimgekommen war aus dem Graus der Meerestiefe, in den ihrer aller Glaube ihn begleitet hatte.
Keine hatte den Abwesenden, den Entrückten reichlicher, sinnvoller, zarter beschenkt als jene, die sich als die Hauptschuldige seines Versinkens fühlte ... Ihr war, als hätte sie doppelt gutzumachen -- doppelt innig zu bekunden, wie treu sie zu ihm stände ...
Mutter Johanna hatte in Ilses Beisein den Vorschlag gemacht, den treubewährten Mitarbeiter ihres alten Freundes am Festabend von seiner Junggeselleneinsamkeit zu erlösen. Und dabei hatten ihre Augen mit seltsam scharfer Prüfung die Züge der künftigen Schwiegertochter gesucht ... Ilse hatte das empfunden, hatte sich heftig gegen diesen Vorschlag gewandt: Herr Timmermanns stecke tief in der Arbeit, lehne alle Einladungen ab, fühle sich am wohlsten in seiner verräucherten Bude zwischen seinen Zeichnungen und Tabellen, sei überhaupt kein Mann für Feste des Gemüts ... Und schnell und mit geheimem Aufatmen hatte Johanna die geplante Einladung aufgegeben.
Aber einen anderen Gast hatte man nicht ausschließen dürfen: Bessie Patterson. Sie gehörte ja seit zwei Wochen zum Hause. Ihr Vater war heimgekehrt, um bald nach Neujahr an Bord des Dampfers »Union« der Blue Star Line, welcher als erstes Schiff unter der Flagge der United Transatlantic Lines den neuen Dienst Neuyork-Hamburg aufnehmen sollte, wiederum die Europafahrt anzutreten. Aber Bessie hatte es durchgesetzt, daß sie bleiben durfte. -- »Ich kann meine Studien über dies kuriose Land jetzt nicht unterbrechen ...« Sie hatte es halbwegs erzwungen, daß Frau Johanna ihr die Gastfreundschaft ihres Hauses anbot ... obwohl die den kleinen Exzentrikclown nicht mochte ... Und so war Bessie seit zwei Wochen in ein Gastzimmer der Villa Freimann übergesiedelt, samt dem allverhaßten Puck, dem Kodak und dem Puppenauto ...
Selbstverständlich stand auch für sie ein reicher Gabentisch gedeckt. Aber welch Aufatmen, als Bessie am Nachmittag von irgendwoher da draußen angerufen hatte, man möge sie zum Feste entschuldigen -- sie werde vielleicht nach dem Abendessen erscheinen ... Gottlob -- die Heiligabend-Stimmung war gerettet ...
Ilse hatte still in sich hineingelächelt. Auch sie würde sich nach der Bescherung für eine Stunde beurlauben müssen. Bessie hatte sie im letzten Augenblick ins Vertrauen gezogen und zu ihrer Kinderweihnacht eingeladen. Der Wagen war bestellt.
Als aber die Kerzen brannten, die Gaben ausgetauscht waren -- da bedauerte Johanna fast, daß der kleine Sprühteufel fehlte. Die Stimmung war da -- aber anders, als die Festgeberin gehofft hatte. Die Väter saßen stumm rauchend in ihren Sesseln, von bohrenden Sorgen und trotzigen Plänen bedrückt und ausgefüllt, und starrten abwesend in die tröstlichen Lichter.
Die Frauen aber durften einander kaum ansehen, so wurden ihnen auch schon die Augen feucht. Und der eine, der ihnen allen Trost, Hoffnung, Stütze hätte sein sollen -- der fehlte. Sie alle fühlten sich schuldig, ihn missen zu müssen. Sie alle hatten ihn ausgetrieben -- dem Heimgekehrten hatten sie keine Heimat gegeben, weil er anders war und anderes ersehnte, als sie es von ihm gehofft, erwartet, verlangt hatten ...
Und kurz nach dem Abendessen stand Ilse auf, bat, sie für eine Stunde zu beurlauben, da sie zu einer Weihnachtsfeier des Roten Kreuzes zugesagt habe, und ließ die drei Alten allein.
Da ging Frau Johanna leise aus dem Zimmer. Sie wußte: Georg liebte keine Tränen.
* * * * *
In Mudder Minings Stube brannte ein winziges Bäumchen, nur mit vier Kerzen, aber mit viel verblichenem Flitterkram aus besseren Tagen ausgeputzt. In der engen Wohnstube war's ganz unsagbar gemütlich und friedvoll. Wie hatte sich aber auch ein jedes angestrengt, die Seinen zu beschenken! Vollends Tedje -- Kunststück, er war seit Monaten der reine Großmogul ... Die Eltern fragten nicht nach der Quelle solches plötzlichen Wohlstandes -- der Junge war großjährig, hatte sein Tun und Lassen selber zu verantworten ... Jedenfalls war Vadder sehr erfreut über seine »tapezierten« Zigarren, seinen Tabak, seinen Schnaps, seine Ölsardinen -- ob er auch tiefinnerst den leisen Verdacht hegte, diese Schätze möchten irgendwie im Zusammenhang mit den Wirren vom vergangenen Juni stehen ... Und wenn Mudder ihren Lieben heut Bohnenkaffee und Frankfurter Würstchen vorsetzen konnte, so dankte sie auch das der Freigebigkeit ihres Einzigen ... Und wie hatten die zwei Kostgänger sich angestrengt, Clas und Anders! Ein kaum noch erträumter Reichtum an allerhand langentbehrten guten Dingen war auf dem Gabentisch gestapelt --. »Die reinsten Friedensweihnachten --!« meinte Vadder Tietgens -- paff, paff -- »Dunnerslag -- wat'n Tobak!«
Aber den Vogel schoß Antje ab. Die hatte ja wohl ihre ganzen Ersparnisse draufgehen lassen ... Sie hatte ihre Gaben nicht unterm Weihnachtsbaum aufgebaut, sondern war mit einem Berg Pakete gekommen und ging nun von einem zum andern. Und jeder bekam etwas ganz Besonderes, etwas, das an jene Zeiten gemahnte, die für deutsche Menschen wohl sobald nicht wiederkommen würden ... Eine lange Pfeife mit Hornausguß für Vadder -- für Mudder eine wollene -- ja wahrhaftig, eine reinwollene Strickjacke ... Dann kam Tedje dran -- er bekam als Ersatz für die Bolschewistenmütze, die Antje nicht leiden mochte, einen wunderschönen grünen Lodenhut -- und eine in Seidenpapier gewickelte Flasche, die er sofort begierig ausschälte ... Da setzte er sie mit einem harten Bums auf den Tisch, markierte einen Tobsuchtsanfall der Enttäuschung, warf sich auf die Schwester, packte sie zähneknirschend an den Armen -- und versetzte ihr einen schallenden Klaps auf jene Stelle ihres schlanken Körpers, die er vor Jahren manchmal nach Bruderart harmlos gezüchtigt.
Die anderen am Tische brachen in ein Freudengeheul aus. -- Die Aufschrift der Flasche lautete:
»Apollinaris« ...
Und dann kam Clas an die Reihe: Er bekam Noten -- Klavierstücke von Grieg ...
Aber mit wahrer Fieberspannung beobachteten alle Hausgenossen, wie Antje nun, eine leichte Röte um Stirn und Augen, verlangsamten Schrittes sich ihrem Anders näherte. Die Alten tauschten einen Blick: Wird's nun kommen -- das Erwartete -- trotz mancher Bedenken im geheimen doch Ersehnte?
Mit unsicheren Händen reichte das Mädchen dem Freunde ein Buch -- er las die Aufschrift:
»Seefahrt ist not ... Roman von Gorch Fock.«
Der Finger der Geberin unterstrich leise die Aufschrift: also wohl auf die kam es an ...
Anders Niemann hörte die Donner von Skagerrak -- sah aus der aufgewühlten See die Schaumfontänen aufschießen bis hoch über die Beobachtungstürme der kämpfenden grauen Schiffsriesen -- fühlte die Stahlwände auf S. M. S. Derfflinger krachen und knirschen unterm Einschlag und Bersten der Granaten Jellicoes ... und sah dann unter Hunderten von Leichnamen deutscher Kameraden einen treiben, um dessen erblassende Stirn die Glorie des Dichters schwebte ...
Dann blickte er ins Antlitz der Mahnerin. Es sprach: Entscheide dich ... Wohin gehörst du?
Ist dir Seefahrt not, dann laß ab von mir -- und steige wieder empor in die Höhen, auf denen du geboren bist -- auf denen du entbehrt und ersehnt wirst ... Ich glaube, ich weiß fast, du wirst es tun ... dann aber tu's bald -- ich trag's nicht mehr ...
Oder gehörst du zu uns? Dann sag's -- dann laß mich's wissen ... Ich bin reich, ich habe einen Himmel zu verschenken ... Willst du ihn, dann sprich ... Ich trag's nicht mehr ...
Und Heinz verstand die bange, schluchzende Frage. Und er gab ihr stumm die Antwort. Er schenkte der Freundin den »Poggfred« ... Darin stand die schmerzvoll süße Ballade von der kleinen Fiete -- oft hatte er sie ihr vorgelesen:
»Was willst du -- noch einmal dein Köpfchen lehnen an meine Brust -- ich soll mich nach dir sehnen?!«
Da neigte sie leise das braungescheitelte Haupt. So stirbt ein Mädchentraum.
Und keiner der Lauschenden, der Harrenden, der nicht begriffen hätte. Enttäuscht die Alten -- aufatmend Clas Mönkebüll ... aufknirschend vor verbissener Wut der Bruder ...
Er hatte nun endlich ernst machen sollen, der Duckmäuser, der um Antje herumstrich, als könne er das Wort nicht finden ... Der sie längst ins Gerede gebracht hatte bei allen Kollegen -- bei den Lästermäulern in allen Höfen und Twieten um den Neuen Steinweg -- bis hinunter zu den Gemüseweibern auf dem Neumarkt ... Wenn sie denn schon einmal einen Kerl haben mußte, dann in Gottes Namen den ... Er war wenigstens rot bis in die Knochen und nicht so ein Halber, Lauer wie Vadder und seine Gesinnungsgenossen von der S. P. D. -- Aber der Kerl war ja wohl nicht recht bei Troste ... Sah er nicht, wie Antje sich verzehrte um ihn? oder -- wollte er nicht sehen? Hatte er am Ende gar -- verdammi!! eine andere gefunden? -- eine mit Geld? Na wart, Kamerad!!