Das Land unserer Liebe

Part 12

Chapter 123,324 wordsPublic domain

Die Jugend von hüben und drüben drängte sich um den kleinen Wildfang von der Third Avenue. Bessie aber schaute unzufrieden in der Runde der bartlosen, geschniegelten Jünglinge umher, die sie umdrängten ... Sie spähte nach ihrem Lehrmeister -- dem Riesen mit dem struppigen blonden Bart ...

Natürlich -- da stand er inmitten des Kreises, der sich um Ilse Carstensen drängte ... Um fast seines ganzen Strudelkopfes Länge ragte er aus dem Schwall.

Da schoß ein toller Einfall durch Bessie Pattersons Hirn. »Machen Sie Platz, Gentlemen!« befahl sie und brach sich mit einer Art Schwimmbewegung durch die Fräcke Bahn. Und schon saß sie am Flügel. Sie präludierte im Rhythmus einer Jazz-Band ... Aber dann kam plötzlich ein marschfester Takt in ihr Spiel. Und mit einem munteren Krähstimmchen begann sie zu singen.

Ihre deutschen Verehrer, auf deren Brust fast überall das Eiserne Kreuz prangte, verstummten und erblaßten vor Entsetzen. Aus dem kecken Bubenmündchen der kleinen Yankeemaid klangen Töne und Worte, die sie -- -- kannten -- --

»Uäß nutzet mich eine schöne Mäddchen, uänn andre mit spätziere gehn? Uäß nutzet mich eine schöne Mäddchen, uänn andre mit spätziere gehn -- und kussen ihr die Schönheit äbb, und kussen ihr die Schönheit äbb -- --«

Mit triumphierendem Rundblick ersättigte sich das kleine Ungeheuer an der sprachlosen Verblüffung seiner Hörer -- strahlte vor Wonne, als die Gruppe, die sie umdrängte, aus dem ganzen Saale Zuzug erhielt ...

Und plötzlich lachte sie mitten im Liede schallend auf: Ihr Gewaltmittel hatte geholfen -- hinter der vier- und fünffachen Reihe staunender, lächelnder, fassungsloser Jünglinge, Männer, Greise, verhalten entsetzter alter und überlegen und abschätzig naserümpfender junger Hamburgerinnen tauchte der blonde Dickschädel ihres Lehrmeisters auf -- auch in seinen wasserblauen Augen stand ein humoristisches Grausen ...

Schmetternd trällerte Klein-Bessie:

»Darän ich meine, so gänz alleine, darän ich meine Freude häbb -- Darän ich meine, so ganz alleine, darän ich meine Freude häbb --!«

Da klang in ihr tolles Krähen eine empörungbebende Stimme:

»+Bessie, finish, please --!+«

Elias Patterson, mit entgeistertem Gesicht, drängte sich durch die Menge und klappte mit einem Ruck den Deckel der Klaviatur zu.

Da wirbelte Bessie sich vier-, fünfmal auf dem Klavierstuhl herum, patschte in die Hände wie ein Schulmädel und lachte, lachte, lachte ...

Inmitten des verlegenen Entsetzens, das die Familienszene umgab, klang da ein schmetterndes Echo. Eine Baßstimme, dröhnend wie ein barbarisches Siegesgeheul ... Der Bann war gebrochen -- Hamburgs kühle Reserve, die Korrektheit der Ingenieure und Kaufleute aus Pattersons Stabe -- das alles ward hingerissen in einen Ozean lang aufgestauter Fröhlichkeit ...

Selbst Papa Patterson entrann seinem Schicksal nicht ... Er mußte wieder einmal vor Klein-Bessie kapitulieren. Es hielt ihn nicht: er lachte mit.

Aber -- -- was -- war denn -- das -- --?!

In die aufschäumende Heiterkeit derer, die im Lichte wohnen, drang plötzlich ein Grollen aus der Tiefe ...

Gegen die geschlossenen Rolläden krachten Steinwürfe -- vieltausendstimmiges Gebrüll brandete von der Alsterpromenade herauf:

»Nieder mit dem Kapitalismus!«

»Licht aus -- Messer 'raus!«

»Es lebe die Weltrevolution!«

Erblassen -- Entsetzen -- starres Verstummen -- fieberndes Lauschen -- --

Nun kam ein stampfender, knirschender Rhythmus in das formlose Getöse, das den Hotelpalast umbrandete ...

Gesang -- schrecklicher, sturmtoller, Vernichtung dräuender Gesang:

»Die Guillotine saust, der Rachejubel schreit, es flammt in unsrer Faust die rote Seligkeit!«

Drittes Buch

1

Die Räterepublik in München hatte abgewirtschaftet.

Die Weimarer Verfassung war angenommen. Der »Friedensvertrag« unterzeichnet.

Es schien, als sollte das unglückseligste aller Länder zur Ruhe kommen.

Über Hamburg aber waren in eben jenen Tagen, da im Spiegelsaale von Versailles deutsche Namen unter das Instrument scheußlichster Vergewaltigung Deutschlands gesetzt wurden, noch einmal schwere, entsetzliche Tage gekommen. Durch die Gassen der Innenstadt raste die Junirevolte.

Eine Woche lang stand diesseits und jenseits der Elbe die Arbeit still. In den Adern der Stadt stockte das Blut.

Die Männer, welche dem Schaffen ihrer Heimat Führer waren, saßen in ihren Häusern, ihren Villen untätig, mit gramverzerrten Gesichtern, ohnmächtig geballten Fäusten.

Die grauen und weißen Häupter, in denen sich die Erfahrungen, Kenntnisse, Begabungen ihres Zeitalters konzentrierten, waren zu wertvoll, um dem Wahnsinn der tollgewordenen Masse preisgegeben zu werden. Ordnung zu schaffen, war Sache der Jugend -- der Söhne und Erben jener Gesellschaftsschicht, die in guten Tagen zwar die Führung und Verantwortung des großen Schaffensprozesses der Nation auf sich genommen, dafür aber auch die Freuden, Genüsse und Erhebungen einer erhöhten Lebensstellung genossen hatte.

Die Bürgerjugend versagte nicht. Als der Blut- und Plünderungstaumel des Pöbels auf seinem Höhepunkt angekommen war, als die scheußliche Hefe der Großstadt im Bunde mit Schwärmen von Gott weiß wo herangeströmten stadtfremden Gelichters das Innere Hamburgs in ein Tollhaus zu verwandeln drohte, wurden die Bahrenfelder Jäger und Husaren alarmiert. Sie rückten ein, stellten sich entsagungsvoll unter das Kommando des kommunistischen Stadtkommandanten -- kämpften in hartem Straßenkampfe viele Stunden lang wider die Meute, deren Führer der entartete Abschaum des ruhmvollen deutschen Heeres geworden war -- und wurden dann durch scheußlichen Verrat überrumpelt, entwaffnet und unter die Nagelsohlen der vertierten Masse getrampelt.

Tage tiefster Schande für die Stadt der drei Türme -- Tage, die ihre Chronisten ausstreichen möchten aus ihrer Geschichte ...

Und endlich kam dennoch die Erlösung.

Lettow-Vorbecks Regierungstruppen rückten in die umzingelte Stadt. Und plötzlich war das Gesindel zerstoben.

* * * * *

Für Anders Niemann war's eine entsetzliche Zeit gewesen. Kaum ein anderer Sohn der Stadt hatte auch nur entfernt Ähnliches gelitten. Um nicht den Argwohn seiner Arbeitsgefährten zu erwecken, hatte er sich nicht völlig zurückhalten dürfen. Aber er hatte einen Ausweg gefunden: Er hatte sich zum Sanitäterkommando gemeldet, hatte die Leiber seiner verwundeten Kameraden aus dem heftigsten Feuer herausschleppen, ihnen die erste Hilfe bringen dürfen ... Und hatte dabei mit hundert Sinnen beobachtet, gelauscht, gelernt ...

Er wußte nun, was es war, das »Volk«. Er wußte zu unterscheiden.

Er hatte begriffen: Es gab zweierlei »Volk«. Es gab die Masse -- und es gab den Pöbel.

Die Masse ... Im unmittelbaren Umkreise des namenlosen Daseins, das er für eine ungewisse Zeit des Schauens und Erkennens über sich verhängt hatte, gehörten zur Masse die Tietgens-Eltern, Clas Mönkebüll und -- ach ja, auch Antje.

Das waren die Millionen, die seit Beginn der Herrschaft der Maschine in allen zivilisierten Ländern herangewachsen waren, nicht Opfer, wie sie selber wähnten, sondern Produkte der Industrie. Die Fabrik hatte den Fabrikarbeiter, die Maschine den Maschinenmenschen erzeugt. Etwas völlig Neues in der Geschichte der Menschheit -- mit dem Proletarier vergangener Epochen auch nicht entfernt vergleichbar. -- Ein neuer Typus, eine neue Rasse. Zunächst noch ohne seelische Verbindung mit den geschichtlichen Menschenarten, dann ohne historischen Instinkt. Und dennoch notwendig, unentbehrlich, ein organischer Bestandteil der neuen Unterschicht, welche sich zu formen begann unter der Herrschaft der ungeheuerlichsten aller Wandlungen, die jemals über das »Ebenbild Gottes« gekommen waren ...

Noch hatte diese Masse sich selber nicht begriffen -- und die andern, die alten Stände, begriffen sie ebensowenig. Kein seelisches Band wob sich vom Hause Tietgens zum Hause Carstensen, von Antje zu Georg Freimann ... fremd und fern standen sie beieinander, diese Menschen, die an gemeinsamem Werke wirkten ...

Und was das entsetzlichste war: Am Boden der Masse, als dicke Hefeschicht des brodelnden Gärkessels dieses gigantischen Wandlungsprozesses hatte sich ein Etwas gebildet, das gar nicht neu, sondern uralt war, und doch, wie alle anderen Elemente der Menschheit, sein Gesicht gewandelt hatte -- der Pöbel ...

Überall, wo im Laufe der Menschheitsjahrtausende die Zivilisation in das Stadium des Stadtlebens hineingewachsen war, überall da hatte sich Pöbel gebildet -- der Bodensatz der Schwachen, der Faulen, der Lebensuntauglichen, der nicht Vollwertigen, der Dummen, der Schlechten ... Und uralt war auch die Erscheinung, daß dieser Pöbel, dieser Großstadtpöbel zuzeiten rebellierte -- daß die Hefeschicht nicht mehr ruhig und stumpf an der Tiefe sich ablagerte, sondern aufschäumte, emporquoll, die ganze Masse des Volkstums durchtränkte, verunreinigte, in wüste Wallung brachte bis zum Überschäumen, bis zur greulichen Zersetzung ...

War's ein Wunder, daß diese Erscheinung in nie geahnter Furchtbarkeit an dieser Zeit sich auswirkte -- an dieser nie erhörten Zeit der Umformung und der Erschütterung, welche die -- -- Maschine über die Menschheit verhängt hatte?!

Sie hatte ihr die Mittel gegeben, über Kontinente, durch Meerestiefen hindurch, rund um die Lufthülle des Erdballes zu schreiben erst und nun auch zu sprechen ... Und endlich hatte der Mensch gar das Fliegen, dem Grausen der Wassertiefe sich vermählend, das Tauchen gelernt ... Das alles verdankte er diesem Geschöpf seines Hirns, das nun die Meisterin seines Schicksals geworden war, der Dämon seines Geschlechts ...

Anders Niemann schwindelte, wenn er solch phantastischer Schickung nachsann -- in den schlaflosen Stunden dieser finsteren Nächte, in denen neben ihm der schwere Atem seiner Kumpane klang.

Unsäglich das Grauen solcher Nächte -- durchängstet von der hoffnungslosen Frage:

Wie soll das enden?!

Aber stärker noch als das Grauen schwoll in Anders Niemanns aufgeschlossener, von Schauen, Grübeln und Erkennen durchrüttelter Seele das Mitleid ... ein grenzenloses Mitleid mit diesem verdammten Geschlecht seiner Tage ...

Das »Volk« ... war es nicht verraten und verloren in seiner hilflosen Seelenöde? In seinem dumpfen Groll über dies Schicksal seines Daseins, das es durch eine unüberbrückbar scheinende Kluft vom Zusammenhange mit der Entwicklung seines Volkstums, mit der Geschichte seiner Nation, mit dem Seelen- und Geistesleben der historisch gewordenen Gesamtheit trennte? Das unverstanden und ohne zu verstehen nur das eine begriff: daß es irgendwie vergewaltigt werde, irgendwie betrogen um sein Menschenrecht: sinnvoll, befriedigt und freudig mitwirken zu dürfen am gemeinsamen Werk?

Was half es diesen Millionen, daß der Staat der Vergangenheit ihnen ein Mindestmaß der Existenz gesichert hatte, sie geschützt vor den lebenauslöschenden Folgen der Krankheit, des Unfalls, des Alters? Was half's ihnen, daß sie heute, zur organisierten Masse geballt, imstande waren, sich von Zeit zu Zeit eine gewisse Anpassung ihrer Entlohnung an den schwindenden Geldwert zu ertrotzen?!

Arm blieben sie dennoch -- sie konnten nicht glücklich werden, niemals und auf keine Weise glücklich ...

Denn glücklich lebt nur, wer begreift ... wessen Denken geschult ward, sein Dasein in einem großen Zusammenhang als nützlich, zweckmäßig, wesentlich, notwendig, sinnvoll -- heilig zu begreifen ...

Wer hatte sie das gelehrt -- wer sah auch nur die Aufgabe, sie das zu lehren -- wer war selbstlos, unantastbar -- und dabei wort- und wissensgewaltig, überzeugt und überzeugend, wer war groß und rein genug, sie das zu lehren?!

Ach -- und selbst der Abschaum, der Pöbel -- verdiente er Verdammung, Niederknüppelung, Bändigung durch Knute und Kette, durch Fußtritt und Maulkorb -- oder war nicht auch er weit mehr des Mitleids würdig, des Erbarmens, der Erlösung?

Dieser Tedje war von seinen Eltern gewiß mit aller Liebe und Sorgfalt erzogen, deren ihr tüchtiges, ernsthaftes Wesen, ihr angeborenes und in harter Lebensfron gestärktes Pflichtgefühl fähig war. Er war gewiß einmal ein schwieriger zwar, doch im Grunde gutartiger Bursch gewesen ... hätte vielleicht doch im Laufe ruhiger Entwicklungsjahre die Dämonen seines Wesens, den Schnaps und die Sinnengier, überwunden, und wär's an der Hand einer strammen, rüstigen, tüchtigen Frau ...

Aber da war der Krieg gekommen und hatte ihn gelehrt zu töten, zu nehmen, was nicht sein war, zu faulenzen, zu spielen, sich zusammenzurotten, zu neiden, zu hassen ... Die Gefangenschaft war gekommen, und die Peitsche kaukasischer Bergwerksvögte hatte seine Menschenwürde zerstriemt ... So war er geworden, was er war: ein Bolschewist -- ein Verneiner des Wirklichen, ein Zertrümmerer des Überlieferten, ein Stück Chaos, ein Stück Satan ...

Und mit dem Haß und der Verneinung war die Gier gekommen und der Neid ... Haben, was die anderen hatten ... Nicht es verdienen durch zähe Arbeit des Kopfes -- nein, es erraffen, an sich reißen mit der Masse der starken Fäuste -- nicht es genießen mit den tausend Organen verfeinerter Hirne, nein, es verprassen und verwüsten in sinnloser, verständnisloser Orgie ...

Und wenn man jeden einzelnen der entsetzlichen Horde, welche die sechzehn jungen Bahrenfelder Jäger zerhackt, zerrissen, ersäuft, zertrampelt hatte -- wenn man jede einzelne dieser Menschenbestien wissenschaftlich zergliedert hätte, der Entwicklung ihres Schicksals, ihrer Seele nachgespürt bis in die letzten Wurzeln ihres Wesens -- hätte man nicht am Ende solchen Analysierens und Durchdringens überall das gleiche gefunden:

Unabweisbare Folgerichtigkeit -- lückenlose Kausalität -- unentrinnbare Logik -- --

Notwendigkeit -- --?!

Im Schauer solchen Erkennens begriff Anders Niemann auch sich selber -- sein Handeln, Dulden, Unterlassen ... begriff's, daß er sich nicht, wie er's unzählige Male im Hirn gewälzt, der selbstgewählten Verstrickung entraffte -- nein, daß er es fertig brachte, in seiner Maske, in seiner Rolle auch jetzt noch auszuhalten ... neben diesem rasenden Tedje, diesem verblendeten Clas ... Denn wichtiger noch als dies: daß der Ordnung ein Retter mehr, dem Chaos ein Bezwinger mehr entstand -- wichtiger war dies andere: daß einer da war, der Ohren hatte zu hören, Augen zu sehen und ein Herz zu verstehen ...

Denn wenn hier eines retten konnte, dann war's das Herz -- das hörende, schauende, verstehende Herz ...

* * * * *

In diesen Wochen letzter Verzweiflung, tiefsten Entsetzens war's für Anders Niemann ein Glück ohne Maßen gewesen, daß er fast täglich das Beisammensein mit der Freundin genossen hatte.

Das riesige Verwaltungsgebäude der H. T. L. war in diesen Tagen verödet gewesen, nur von einer Truppe unbedingt zuverlässiger, mit Maschinengewehren und Handgranaten schwerbewaffneter Beamten bewacht und darum von der Meute nicht gefährdet. So hatte Antje, nach Schauen und Begreifen lüstern wie ihr Freund und um ihres Freundes willen, sich in der Masse der Neugierigen umgetrieben, die, seltsam genug, am Rande des Dreckvulkans doch immer Kopf an Kopf sich gedrängt hatte, durch pfeifende Kugeln und gelegentliche Blutopfer beständig in Angst und Fluchtbereitschaft gehalten, dennoch nie ganz verscheucht ... Und abends hatten sie dann an Mudder Minings Tisch ihre Beobachtungen und Gedanken ausgetauscht, die beiden Alten, die Tochter und der Hausgenosse, dieweil Tedje und Clas in erstürmten Wirtschaften und Hotelsälen wüste Orgien gefeiert und ihre Spießgesellen mit trunkenen Phrasen berauscht hatten ... Und klarer noch als das kühle Beobachterauge des maskierten Sohnes der anderen Welt hatte das Herz des Mädchens aus der ringenden Klasse neuer Menschen begriffen und gedeutet, was sich da eigentlich vollzog ... dem Freunde den Weg gewiesen in die Tiefen dieser Tausende verworrener, verwahrloster, verhetzter, irregeführter Menschenherzen -- in jene Tiefe, in der, ihrer selbst unbewußt, die Sehnsucht schluchzte -- die Sehnsucht nach Zusammenhang, nach Licht, nach Sinn ...

Ihr Herz war voll Liebe, darum sah sie. Ihr Herz war licht, darum erkannte sie. Ihr Herz war Güte, darum begriff sie, darum konnte sie begreifen lehren.

2

Kaum waren die letzten Schüsse verhallt, kaum hatten die ersten Kompanien Lettows in den Höfen der staatlichen und städtischen Amtsgebäude ihre Gewehre zusammengesetzt, da kam auch das gewaltige Rädergetriebe der Arbeit dieser unübersehbaren Zusammenballung von Kräften und Möglichkeiten wieder in Schwung.

Im H. T. L.-Palast wie auf der Hammonia-Werft fand sich die überwiegende Mehrzahl der Angestellten aller Abstufungen alsbald wieder zur Arbeit ein.

Bob Timmermanns meldete sich bei seinem Chef mit verbundenem Kopf und Arm, dicke Beulen im Gesicht, blaue Flecken am ganzen schmerzenden Körper. Er war einem Rudel junger Lümmel, die auf der Werft zu plündern und Maschinen zu beschädigen versucht hatten, mit Armins Karabiner in der Hand entgegengetreten, hatte einen der Attentäter schwer angeschossen, war aber dann umzingelt und jämmerlich zusammengehauen worden. Nur das Eingreifen einer Anzahl Werkmeister, die ihm vom Familienwohnhause der alten Vertrauensleute mit bewaffneter Hand zu Hilfe gekommen waren, hatte sein Leben gerettet. Unter ihnen war auch der alte Tietgens gewesen, der jeden Morgen zur Werft gekommen war, um nach seinem Kran zu sehen.

Vater Carstensen und Ilse konnten sich nicht genugtun, dem tapferen Verteidiger ihres Eigentums zu danken. Bob Timmermanns schwamm in Glück.

Aber wenn Ilses ernste Augen ihn mit nie erträumter Herzlichkeit anstrahlten, dann sah er neben ihrem schmal gewordenen, vom Grauen der durchlittenen Tage gezeichneten Gesicht ein keckes Stumpfnäschen auftauchen, hörte ein helles Krähstimmchen trällern:

»-- und kussen ihr die Schönheit äbb -- und kussen ihr die Schönheit äbb ...«

Herr Elias Patterson war samt seiner Tochter und seinem ganzen Stabe mit dem letzten Schnellzug, der vor der Erstürmung des Hauptbahnhofes durch Spartakus noch hatte abgelassen werden können, inmitten eines entsetzten Schwarmes flüchtender Ausländer nach Bremen abgereist und von dort mit einem englischen Frachtdampfer nach drüben zurückgekehrt.

Zum Glück ergab eine telephonische Anfrage bei den Banken, daß er die eingeräumten Kredite weder eingezogen noch gesperrt hatte ... Also er hatte den Glauben an die unzerstörbare Kraft der deutschen Wirtschaft anscheinend noch nicht verloren.

Und kaum hatte der Telegraph die Kunde von Hamburgs Wiederherstellung in die Welt getragen, da kam auch schon Kabelgramm auf Kabelgramm geflogen, die dartaten, daß die Hoffnung auf Pattersons Standhaftigkeit nicht getrogen habe. Er bat um schleunigen Bericht über die Lage und riet dringend, nunmehr sofort an die Reichsbehörden mit dem Verlangen nach beschleunigter Anerkennung des Entschädigungsanspruchs der Reedereien heranzutreten.

So fuhren denn schon wenige Tage nach dem Einrücken der Regierungstruppen Georg Freimann und Detlev Carstensen mit einigen ihrer Direktoren nach Berlin. Bob Timmermanns hatten sie diesmal zu Hause gelassen -- nicht nur weil er mit seinen Beulen und Verbänden wenig repräsentationsfähig aussah ... Statt dessen hatten sie einige Unterbeamte der Linie und einige Arbeiter der Werft mitgenommen, unter letzteren den alten Tietgens als Mitglied des Vorstandes der S. P. D., Ortsgruppe Hamburg. Dennoch erntete Robert der Gewaltige den Lohn seiner Aufopferung. Unter Verleihung des Titels »Generaldirektor« wurde er zum stellvertretenden Oberleiter der Werft ernannt und für die Zeit der Abwesenheit des Herrn Detlev Carstensen mit der Leitung des Gesamtbetriebes beauftragt.

Vor wenigen Wochen würde Bob Timmermanns diese ungewöhnliche Ehrung als Ermunterung noch stolzerer Hoffnungen aufgefaßt haben. Ilse Carstensen hatte etwas Derartiges befürchtet und sah den Tagen, in denen sie nun täglich mit dem Getreuen stundenlang zusammen zu arbeiten haben würde, mit geheimem Bangen entgegen. Aber sie erlebte eine angenehme Überraschung -- oder hatte sie nicht einen leisen Beigeschmack von Enttäuschung? -- Der Riese, so sehr er sich draußen im Vollgefühle seiner neuen Würde sonnte, war der Tochter seines Chefs gegenüber von einer seltsamen Befangenheit ...

Seine Mimik war so durchsichtig wie seine Psychologie. Die schlaue Ilse hatte ihn bald durchschaut. Die plötzliche Teilnahme der kleinen Neuyorkerin für sein Seelenleid -- und dann die Szene im Atlantic -- Bessie deutsche Soldatenlieder singend, Bob Timmermanns vor Lachen berstend und inmitten des entsetzten Hamburgertums wie ein Berserker Beifall brüllend -- und nun das jähe Abflauen seiner Huldigungen -- da bestand ein Zusammenhang ...

Ilse lachte belustigt in sich hinein, als sie ihres Verehrers Seelennot enträtselt zu haben meinte. Aber bald hatte sie noch mehr herausbekommen. Bobbie schwankte. Bobbie wußte noch nicht recht: ... Bessie -- das Täubchen auf dem Dach -- o weh -- es war sogar schon ein paar Häuser weiter entschwebt ... Ilse: der Spatz in der Hand! Na, warte, Bobbie -- so leicht soll dir deine Untreue denn doch nicht werden!

Und fortan machte die stolze Ilse sich das kokette Vergnügen, dem Abtrünnigen ein wenig einzuheizen.

Aber wenn Ilse Carstensen während der Werktagsstunden sich boshaft vergnüglich an dem schelmischen Spiel ergötzt hatte, ihren schwankenden Verehrer zwischen Entzücken und Verstimmung, zwischen hoffender Gewißheit und im Dustern tappendem Zweifel, zwischen Ilsetraum und Bessietraum hin und wieder zappeln zu lassen -- dann weinte sie nachts in ihre einsamen Kissen um den Mann, der nun längst ihr Lebenskamerad wäre, hätte sie ihn zu verstehen, zu stärken, zu trösten gewußt in einer Krise, die seinem bewährten Herzen gewißlich keine Schande gemacht hatte.

3

Die Orkane, welche die drei Türme umtobt hatten, waren verstummt -- aber drunten in der Tiefe brauste und gurgelte noch immer die »Tote See«.

Die Wahnwitzigen, welche die Lebensmittelgeschäfte ausgeplündert, auf dem Wochenmarkte die Eierkörbe umgestürzt und den Bauersfrauen die Preise diktiert hatten, bekamen nun die logische Folge ihres Eingriffs in den Wirtschaftsorganismus der Stadt zu spüren -- leider mit ihnen die ganze Bürgerschaft. Die Zufuhr alles Notwendigen war ins Stocken geraten. Der Bauer blieb auf seinem Dorfe, die städtischen Händler waren ruiniert. Die Teuerung, die seit dem ersten Kriegsjahre langsam, doch unabwendbar angeschwollen war -- nun ward sie Lawine und begrub die Reste des Wohlstandes ganzer Bevölkerungsklassen. Sie lastete wie immer am schwersten auf den Schultern des Proletariats. Sparen hatte es nicht gelernt. Seine Vorkämpfer hatten es nicht gelitten. Es durfte sich ja nicht »verbürgerlichen«.

»Tjä, denn helpt dat allens nich,« murmelte sogar Mudder Tietgens, »denn möt ji üm Lohnerhöhung inkomen, süß kann'k jug nich miehr satt kriegen, Jungs ...«

Und wieder telephonierte Tedje an seine Zentrale -- und wieder kamen russische Hilfstruppen -- kamen Hetzer und Rubelnoten. Die große Pestbeule war aufgestochen und heilte äußerlich ab -- aber längst war der ganze Körper infiziert ... Das Gift fraß weiter und fand an dem tiefgeschwächten Ernährungszustande des hinsiechenden Patienten Deutschland den günstigsten Nährboden.

Tedje hatte sich von seiner ersten Angst erholt. Seine Stellung auf der Werft, inmitten seiner Kameraden, war fester als je. Nun schwang er sich an die Spitze eines Ausschusses der Werftarbeiter, welcher die neuen Lohnforderungen formulieren und der Leitung vortragen sollte.

Als Termin für die Aktion war der Tag bestimmt, in dessen Frühe die Regierungstruppen abrücken sollten ...

An diesem Morgen erhielt Bob Timmermanns beim Ankleiden den Besuch seines Bruders Armin. Der Leutnant erschien in Uniform, marschbereit. Die Schicksale, die hinter ihm lagen, hatten ihn sehr verändert.