Das Königl. Seminartheater — Altenroda — Grünlein

Part 23

Chapter 233,182 wordsPublic domain

»Kinder,« sagte er, »es hätte ja schöner sein können, aber es war wunderschön. Daß uns die Lumpen den ersten Trompeter, zwei Hornisten und unseren braven Scholz -- o Gott, o Gott, was blies er für einen Bariton! -- totgeschossen haben, daß in Ihrer Tuba, lieber Grützner, ein Loch und drei Beulen sind, daß Ihnen, Teubner, von ihren zwei Becken eines durch einen kunstfeindlichen Granatsplitter aus der Hand gerissen worden ist -- na, dafür können wir nicht, vor allen Dingen auch nicht dafür, daß Ihnen, Freund Hübner, das eine Fell der großen Trommel geplatzt ist und die halbe Hand dazu. Schön war's trotz alledem, künstlerisch schön, wie Ihr geblasen habt; das sage ich Euch hier in diesem Weiden-, Dreck- und Wasserkonzertsaal, ich, nicht nur Euer Kapellmeister, nein, auch der Komponist der eben zu Gehör gebrachten Tondichtung!«

Am Grabenrande stand Hübner, der Paukenschläger. Er hatte während des Marsches wie toll auf das gesunde Fell seiner Pauke geschlagen.

Grünlein, der inzwischen ein Menschenkenner geworden war, dachte bei sich: Ich tue gut, durch dieses Loch im Trommelfell zu kriechen; denn dieser Hübner läßt eher sein Leben im Stich als seine Pauke.

Und so tat der Kleine. Hübner hockte sich todmüde die große Trommel auf den gekrümmten Buckel und trug sie samt Grünlein von dannen. Als sie aber im Notquartier einige Stunden Ruhe fanden, schlief Hübner so tief und schön, weil ihm Grünlein heimlich die beiden gutmütigen, verstaubten Augen geküßt hatte. Grünlein nahm es dem großen starken Trommler nicht einmal übel, als am nächsten Morgen trotz fortgesetzten Rückzuges der Kapellmeister abermals den Warschauer Einzugsmarsch spielen ließ und Hübner so wüst auf das gesunde Trommelfell einschlug, daß Grünlein zu dem Loch der anderen Seite hinausflog.

Zwei Tage später wurden Schützengräben bezogen, und es hieß, mit dem Rückzug habe es nun ein Ende; man wolle die Russen erwarten und ihnen einen bösen Empfang bereiten.

»Jetzt wird es mit der Schießerei wieder losgehen,« dachte das Grünlein traurig; »nach Hause sind wir nicht gekommen, und ich habe es doch so satt und will heim.«

Das Kerlchen wußte aber nicht, wie es die Heimreise bewerkstelligen sollte, und die Hoffnung, seinen Herrn wiederzufinden, hatte es ganz aufgegeben. Da kam dem Grünlein ein glücklicher Zufall zu Hilfe. Es war wieder einmal häßliches Regenwetter, und Grünlein war unter eine umgestülpte leere Konservenbüchse gekrochen. In diesem Blechhäuschen saß der Gnom zwar trocken, aber der Regen trommelte so laut auf das Blechdach, daß Grünlein an Hübners Pauke erinnert wurde. Doch hörte er, wie zwei Männer miteinander sprachen, von denen der eine sagte, daß er noch heute mit seiner Flugmaschine nach Schlesien fliegen werde. Ei, wie da das Grünlein aufhorchte! Es verließ augenblicklich seine schützende Behausung und sah sich draußen um. Da erblickte es auch alsbald die Flugmaschine, die wie eine riesige Libelle auf der nahen Wiese lag. Grünlein machte sich an die Maschine heran, unbekümmert darum, daß er kein Pilot war. Wenn aber einer nichts vom Fliegen versteht, soll er nicht fliegen, sonst fliegt er. Das alberne Grünlein verfiel nämlich auf den Gedanken, sich gerade mitten in den Propeller hinein zu setzen. Als nun der Flieger ankurbelte und der Propeller zu schnurren und sich zu drehen begann wie ein verrückt gewordenes Rad, vergingen dem Gnomen Hören und Sehen; grün und blau wurde ihm vor den Augen; der Magen drehte sich ihm um, und nicht eine Minute lang vermochte er sich zu halten, da wurde er von dem Teufelsrad hinaus ins Weltall geschleudert. Wenn Grünlein auf etwas Hartes gefallen wäre, auf einen Granitstein, eine Eisenbetonwand oder gar auf einen Laib Kommißbrot, so wäre es mit ihm aus gewesen. So aber fiel er auf etwas Weiches, Warmes, Molliges. Ein Hund lag am Boden und schnarchte beim Schlafen, und dem Hund fiel Grünlein aufs Fell.

Blitzschnell sprang das Tier auf und schimpfte rasend über die freche Störung. Aber schon im dritten Satze schnappte er ab, stutzte und brach dann in ein Gebell aus, das wie ein polterndes Lachen klang.

»Grünlein -- Grünlein, wo kommst du her?«

Grünlein erholte sich von seinem Schrecken und sah erstaunt, daß Wolf neben ihm stand, Wolf aus der Mühle.

»Wolf -- Wolf, bist du es wirklich? Wie kommen auf einmal wir zwei zusammen?«

»Ja, das weiß ich nicht. Ich schlief gerade mal ein bißchen, was in diesem schrecklichen Lande selten genug vorkommt, da bist du plötzlich wie ein Stein vom Himmel gefallen und hast mich auf den Buckel getroffen.«

»Wolf -- geliebter, süßer Wolf!« sagte Grünlein außer sich in der Freude des Wiedersehens, küßte den Wolf auf seine dicke, schwarze Nase, kraute ihn hinter den Ohren, kraute ihn am Halse, kraute ihn unter den Vorderbeinen, wo es der Wolf gern hat, weil er da »schlecht hinkann«, und auch Wolf war sehr vergnügt.

»Wie kommst du nur hier nach Polen, lieber Wolf? Suchst du auch unseren Herrn?«

Wolf schüttelte den Kopf.

»Nein, ich bin dienstlich hier. Ich bin eingezogen. Als Sanitätshund. Herrn Scheibel, der mich doch schon einmal dressiert hatte, hat es nicht ruhen lassen, bis wir zwei beim Militär waren. Da bin ich umdressiert worden. Und Herr Scheibel ist auch umdressiert worden. Und wir haben unsere Sache gut gemacht.«

»Wolf, sag' mir, steht unsere Mühle noch?«

»Nein, sie geht wieder. Wir haben einen neuen Mühlknecht.«

»Ach, so meine ich's nicht; ich frage, ob die Großmutter und der Junge gesund sind und ob der Fuchsientopf noch steht.«

»Es war alles in Ordnung, als ich fortzog.«

»Ach, das ist schön! Ich habe sehr das Heimweh. Wie geht es dir, lieber Wolf?«

»Hm. So so! Ich habe einem österreichischen Oberst das Leben gerettet; dafür hat Herr Scheibel die Tapferkeitsmedaille gekriegt. Mir schickt der Oberst aus Dankbarkeit jede Woche eine Liebeswurst. Die Wurst ißt Herr Scheibel und ich krieg' die Pelle. Das nennt sich Gerechtigkeit im Krieg.«

»Hast du schon viele Soldaten gerettet?«

»O, ganze Regimenter.«

Grünlein sah den Wolf ehrfürchtig an.

»Wie ist das schön für dich, daß du dich so verdienstlich machen kannst. Ich kann leider gar nichts tun. Wie fängst du es eigentlich an?«

»Schnüffeln, Grünlein, -- schnüffeln ist die Hauptsache. Auf tausend Meter riechen: da liegt einer! Das ist natürlich schwer, da muß einer Genie haben. Alles Genie sitzt in der Nase. Und dann einen Mordsmut haben und ruhig bleiben! Ich schabe mir das Fell jetzt mit Vorliebe auf Feldern, wo Granaten einschlagen, um meine Flöhe furchtsam zu machen. Das ist auch so eine Ungerechtigkeit -- Entlausungsanstalten für die Menschen haben sie, Entflohungsanstalten für uns nicht. Wir können uns ruhig weiter scharren!«

»Wie macht Ihr Sanitätshunde es mit den Verwundeten?«

»O, wir reißen ihnen die Achselklappe ab, tragen sie zu dem Führer und sagen so dem Mann: da ist etwas los!«

»Du bist wohl ein sehr berühmter Sanitätshund?«

Wolf hob die Nase hoch.

»Grünlein, ich werd' dir was sagen, was aber nicht in die Öffentlichkeit kommen darf. Der Kaiser hat einmal eine große Hundeparade abgenommen und an mich eine belobigende Ansprache gehalten und den Hindenburg haben einmal die Russen gefangen gehabt; da habe ich ihn aus zwei Divisionen ganz allein herausgebissen.«

Jetzt merkte das Grünlein, daß der vierbeinige Kriegsheld anfing aufzuschneiden. Es hörte nur mit peinlichen Gefühlen den weiteren Berichten des Wolfes zu, unter denen auch die Behauptung war, Wolf habe dem Großfürsten Nikolai die Gurgel durchgebissen und dem Zaren den Hosenboden zerfetzt.

Darauf sagte der Hund, Grünlein möge nur entschuldigen, er müsse jetzt wieder schlafen, und sie könnten ja nachher weiterplaudern. Wolf schlief ein, und Grünlein war es zufrieden, setzte sich zu ihm und war selig, jemand aus der Heimat getroffen zu haben, und wenn es auch bloß der Wolf war.

Ein Feldlazarett war in der Nähe. Sanitätssoldaten trugen bleiche Verwundete vorbei, Hunde traben neben den Bahren, und ob es gleich todernste Bilder waren, es war immer der Trost dabei: da ist wieder einer, den brüderliche Barmherzigkeit dem Tode streitig machen will, da kommt wieder einer aus der harten Schlacht in die Pflege weicher Hände.

Ein Schäferhund, der vorbeikam, blieb bei Wolf stehen und sagte verächtlich:

»Das Faultier schläft wieder.«

»O bitte,« sagte das Grünlein, »er hat schon ganzen Regimentern das Leben gerettet, vom Kaiser und vom Hindenburg gar nicht zu reden.«

Der Schäferhund schüttelte sich vor Vergnügen.

»Kleiner, dummer Junge,« sagte er, »dieser Wolf ist der gefräßigste und faulste Kerl aus unserem ganzen Korps. Wenn das so weitergeht, kommt er noch in die zweite Klasse des Sanitätshundestandes.«

Darüber betrübte sich Grünlein, aber er hatte schon immer gehört, daß die Schäferhunde hochmütig seien und sich für die Elitetruppe unter der Hundearmee hielten, und da war die schnarchige Rede erklärlich.

Es wurde Nacht. Vom dunklen Waldrand drüben erscholl heiseres Geheul. Da erwachte Wolf und sagte leise:

»Komm, Grünlein, wir wollen hier fortgehen. Dort drüben heult ein Wolf.«

»Du bist ja auch ein Wolf,« sagte Grünlein, »geh' hin, unterhalte dich mit ihm, vielleicht kannst du etwas erfahren, was nützlich für uns ist. Du mußt doch seine Sprache verstehen. Was singt er eigentlich für ein rauhes Lied in die Nacht hinein?«

»Ein Freßlied. Aber ich verstehe ihn nicht recht, er spricht einen anderen Dialekt als ich, und ich will mit ihm nichts zu tun haben.«

Daß er von einer gutmütigen Hundemutter in Warmbrunn in Schlesien geboren worden war, hat dieser stolze Urwäldler nie zugegeben.

Herr Scheibel kam. Er trug seine Sanitätstracht und schimpfte den Wolf aus, der ihm wieder durch die Lappen gegangen sei. Den Gnomen sah er nicht. Aber Grünlein erkannte ihn, und sein Herz schlug vor Freude, daß er einen Menschen aus der Heimat gefunden habe, und wenn es auch nur Herr Scheibel war, der immer ein knurriger Mann gewesen und nichts von Grünlein wußte.

Grünlein ritt auf dem Rücken des Hundes, wie er zu Hause, wenn sie mit Hubert spielten, unzählige Male getan hatte. So ging es in die Nacht hinein. Da sagte Herr Scheibel:

»Sei froh, Wolf, daß ich dich wieder übernommen habe; denn dein Herr, der Müller, ist heute gefallen.«

Ein todweher Seufzer stieß durch die Nachtluft wie eine dünne schmerzliche Melodie, und Scheibel sah verwundert auf. Der Hund aber warf sich auf die Erde, fing an zu heulen und zu winseln und legte den Kopf auf die Vorderpfoten. Scheibel klopfte ihn auf den Rücken.

»Na, ja, Wolf, das ist nicht anders. Es ist eben Krieg. Ob der Müller tot ist oder ob er den Russen verwundet in die Hände gefallen ist, weiß niemand. Vermißt ist er, und man hat ihn fallen sehen.«

War das eine traurige Reise durch die Nacht!

Nun war alles aus; Glück und Freude war gestorben und die Hoffnung zunichte. Jetzt würde die Mühle verkauft werden müssen, die alte Großmutter und der Junge mußten in die Fremde wandern, und wenn Grünlein nach Hause kam, würden wohl die alten Berge noch stehen und das Mühlrad würde vom rauschenden Bach gedreht werden wie einst, in der Mühle aber würden fremde Leute wohnen, und das Grünlein war heimatlos.

Dunkel lag der Himmel über dem Verbandplatz. Ärzte und Pfleger waren in rastloser Tätigkeit. Laternen huschten hin und her. Manchmal schrillte ein wilder Wehschrei auf; wunde Menschen stöhnten, klagten und schrien nach der Heimat. Ein ganz junger, blasser Feldgeistlicher ging durch die Reihen. Seine Augen waren sehend. Er sah mit Rosen und Lorbeer bekränzte Seelen hinauf zum Himmel ziehen. Noch krachten die Granaten, noch platzten die Schrapnelle in der Luft; aber die Seele, die den armen feldgrau gekleideten Leib verlassen hatte, ging das alles nichts mehr an. Sie war jenseits von Schmerz und Tod; sie zog zu dem ewigen König, der keine einzige Kanone und kein Schlachtmesser hat und doch der Herr aller ist. Feuer brannten auf der Erde, stille Feuer, an denen Soldaten ihr karges Mahl kochten, wilde Feuer, die die Heimstätten armer Menschen verbrannten, grausame Feuer des Todes aus Mörsern und Schlünden. Die befreite Seele sah all dieses trübe Erdenlicht nicht mehr. Sie schwebte darüber hinaus ewigen Lichtern zu, goldenen Sonnen, die ihre funkelnden Flammenleiber im blauen Äther drehten, Sternen, die tausendmal größer waren als dieses arme Kügelchen Erde, in das die Menschen sich nicht friedlich teilen können, um deren winziger Maße willen die für die Ewigkeit Geborenen sich ans Leben gehen.

O, alle, die leben, die weiter kämpfen und streiten, überwinden den Feind; aber die, die gestorben sind, denen das Schwert aus der erkalteten Hand sinkt, überwanden die Welt.

Gönnt ihnen den Sieg, den einzigen, der nach Millionen Jahren noch gelten wird!

So dachte der junge Feldgeistliche, spendete Trost und drückte müde Augen zu.

* * * * *

In der Nacht wurde es still. Hinter einem dichten Wald begruben die Russen ihre vielen Toten. Am Tage war um diesen Wald auf schmalen Wegen, zwischen verwachsenen Hecken und tiefen Grabenrändern auf Tod und Leben gestritten worden.

Ein Pope hob das doppelbalkige Kreuz über die Gräber; eine schwermütige Slawenweise summte um die Totenstätten.

Abseits wurde den Deutschen die Grube gescharrt. Wilde Gesellen vom Ural und von den Eisküsten des Stillen Ozeans trugen Söhne des lieblichen Thüringens, Schlesier und Rheinländer zu Grabe.

Am Waldrande lag der Müller. Der schaute mit der letzten Kraft seiner Augen diesem Ende entgegen. Ein paar wüste Kerle näherten sich ihm mit eiligen Totengräberschritten. Schon tastete einer nach dem leblos liegenden Müller, da sprang ihm ein graues Tier an die Gurgel. Mit einem Schrei liefen die Kerle davon. Sie gehörten zu einem abergläubischen Stamm, der den Wolf als etwas Göttliches verehrt.

Wolf, der Mühlhund, aber beleckte leise winselnd seinen Herrn, und das Grünlein küßte ihm die Augen und war außer sich vor Schmerz und Freude.

Die Russen löschten Feuer und Lichter. Lautlos lag die Waldwiese; nur manchmal kroch irgendwo eine dunkle Gestalt.

In gelbem, zornigem Licht schillerten die Augen des Wolfes, der bei seinem Herrn Wache hielt. Da gab im Morgengrauen ein Soldat einen Schuß auf diese Lichter ab; das Tier brach stöhnend zusammen. Grünlein weinte, als es sah, daß nun auch Wolf verwundet war. So saß er zwischen dem Herrn und dem Hunde und horchte an der Brust des Müllers und horchte am Fell des Tieres, ob die treuen Herzen noch schlügen.

Gegen Sonnenaufgang stürmte deutsche Infanterie durch den Wald; die Russen wichen nach kurzem Kampf zurück. Der Müller und der Hund wurden gefunden, das Grünlein aber sah niemand.

Als der Müller auf eine Tragbahre gebettet worden war, sah einer nach dem Hunde und sagte: »Das rechte Hinterbein ist ihm zerschmettert; am besten ist's, er bekommt den Gnadenschuß.«

»Wolf, spring auf! Wolf, lauf fort!« rief das Grünlein in höchster Angst.

Da erhob sich Wolf, humpelte auf drei Beinen nach der Bahre hin und leckte seinem Herrn die herabhängende Hand zum Abschied für immer.

Der Müller schlug die Augen auf, sah den Hund und sprach:

»Wolf, lieber Wolf, du hast mich gerettet.«

Und zu den anderen sagte er:

»Es ist mein eigener Hund aus der Heimat.«

Da nahm ein starker Soldat Wolf auf den Arm und trug ihn hinter dem Müller her zum Verbandsplatz. Grünlein saß mit auf der Bahre und gab acht, daß es den beiden Verwundeten gut ergehe. Auf dem Verbandsplatz war ein Tierarzt anwesend, der sich des vierbeinigen Patienten annahm, und durch den Befehl eines gütigen Vorgesetzten und andere günstige Umstände geschah es, daß der Hund mit dem Müller in ein Lazarett kam, wo er eine Abteilung für sich bildete, da andere Tiere in diesem Lazarett nicht gepflegt wurden.

Daß Grünlein mit in das Lazarett zog, versteht sich von selbst. Er schlief immer abwechselnd eine Nacht bei dem Müller im Bett und eine Nacht bei Wolf im Hundekorbe.

* * * * *

Weihnachten kam.

In diesem Jahre, sagte der Tod, sollen meine Kinder eine ordentliche Bescherung haben. Im wilden Karpathengebirge stellte er Millionen Weihnachtsbäume auf und legte hunderttausend Soldaten darunter: Österreicher, Deutsche, Ungarn, Polen und Russen ohne Zahl. Mit diesen bunten Soldaten spielten die Kinder des Todes und packten sie in große Schachteln.

Um diese Zeit war der Müller im Lazarett. Großmutter und Hubert schrieben jammernde Briefe, daß der Müller am heiligen Fest so weit weg von ihnen im Hause der Schmerzen sein müsse; aber der Müller antwortete: »Klagt nicht, Gott hat uns reich beschenkt; er hat mir das Leben beschert. Und ich bin nicht allein; Wolf und das Grünlein sind bei mir.«

Da hatte die Großmutter geantwortet, sie sei schon zufrieden, da er doch gerettet sei. Einmal habe sie ein Jucken im Munde gehabt, da habe Hubert behauptet, jetzt wüchsen ihr ein paar neue Zähne, daß sie noch ein bißchen zu leben habe, wenn jetzt die bessere Zeit käme.

* * * * *

Im Februar stiegen der Müller, der Hund und das Grünlein auf der Endstation der Riesengebirgsbahn aus dem Zug. Sie hatten Heimatsurlaub.

Grünlein war immer leicht zum Weinen geneigt; denn er war ein weichmütiges Kerlchen; aber so heftig hatte er doch noch nie geschluchzt wie jetzt, da er aus dem Kriege kam und die heimatlichen Berge wiedersah.

Hoch ragte die weiße Riesenkoppe auf; der diamantene Gebirgskamm zog viele Meilen weit in den blauen Himmel hinein, die Wälder standen im Silberkleid.

Ein Rößlein klingelte mit dem kleinen Schlitten den Bergweg hinauf. Der Kutscher auf dem Bock sprach die traute Sprache der Heimat. Auf dem Hintersitz saß links der Müller, rechts auf dem Ehrenplatz der Wolf und zwischen beiden das Grünlein, das ein bißchen fror vor Kälte und Erregung. Abgeholt waren sie nicht worden; denn sie hatten sich nicht angemeldet.

Friedlich läutete das Rößlein, die Häuser lagen hingeduckt in den Schnee, blauer Rauch stieg aus den Schornsteinen, tiefe Stille war im hohen Wald.

Wer hätte hier ahnen sollen, daß in der Welt Krieg sei? Als sie ins Heimatsdorf kamen, ging die Fahrt langsam vonstatten. Fast vor jedem Haus mußte der Schlitten halten, weil Leute herausgestürzt kamen, die dem Müller die Hand schütteln und ein paar Worte mit ihm sprechen wollten.

Ach, was wird nur die Großmutter sagen, was wird nur der kleine Hubert sagen?

Sie sagten nicht viel. Als der Schlitten vor der Mühle hielt, sahen zwei junge und zwei alte Augen in seligem Erschrecken zum Fenster heraus, und als sie herauskamen, warf sich der Junge in den Schnee und schlug in leidenschaftlicher Freude mit Armen und Beinen; die Großmutter aber faltete die welken Hände über der Brust und fing an zu beten.

Der Müller legte die Hand über die Augen. Der Kutscher nahm die Mütze ab.

* * * * *

Dann faßte der Müller seinen Jungen an der Hand und sagte:

»Hubert, es ist schwer draußen; aber die Heimat ist so schön, und was drin lebt, ist so lieb, daß es sich lohnt, zu leiden und zu sterben.«

Darauf gingen sie in die große warme Stube. Sie saßen um den Tisch und hielten sich an den Händen. Die Heimatsberge schauten zum Fenster herein; Wolf schmiegte den Kopf an den Rock der Großmutter; Grünlein aber war in den Fuchsienstrauch geklettert und schüttelte ihn, daß alle seine roten Glocken läuteten.

Fußnoten:

[1] Kleines Bukett.

[2] Zobtenberg, ein in einem großen Teile der Provinz sichtbarer, weil aus der Ebene steil emporsteigender Bergkegel zwischen Breslau und dem Eulengebirge, der als Wahrzeichen Schlesiens gilt.

[3] Ungefähr »alte Gans«.

[4] Pfeffermännchen; die Schneekoppe ist 1600, der Zobtenberg 700 +m+ hoch.

[5] Salzbrunner.

[6] Pack.

[7] Hohes Rad, Riesengebirge.

[8] Große und kleine Sturmhaube, Riesengebirge.

[9] Hügel in der Nähe des Zobtens.

[10] Haufen.

[11] ordinären.

[12] Rausch.

[13] Frauenzimmer.

[14] Tölpel.

[15] Ochsen- oder Sünderbank.

[16] Glatzer Nazchen.

[17] Vorn bist du preußisch, hinten böhmisch.

[18] Veilchenstein, Kuppe des Riesengebirgskammes.

[19] Waldenburger Berge.

[20] totschießen.

[21] In Schlesien.

[22] Burschen und Mädchen.

[23] schlafen.