Das Königl. Seminartheater — Altenroda — Grünlein

Part 22

Chapter 223,648 wordsPublic domain

Der Briefträger gab die Rolle mit Grünlein auf dem Postamt ab. Als der Gnom gerade an der Wand seines Hauses ein wenig horchen wollte, was draußen los sei, bekam er einen mächtigen Schlag an den Kopf; denn der Beamte stempelte die Rolle. Grünlein kam von dem Postamte nach einem Bahnhof, von da ein Stückchen weiter wieder auf einen Bahnhof und blieb dort schließlich mit anderen Wurst-, Keks-, Schokolade- und Zigarrenpaketen zusammen wochenlang liegen. Endlich ging die Reise weiter. Einmal hörte er einen Beamten zu einem anderen sagen: »Wir fahren eben über die Rheinbrücke, jetzt werden die Leute bald französisch sprechen.« Das alles fiel aber dem Wichtelchen nicht auf; es meinte, das müsse so sein, wenn man nach Rußland reise. Erst in Brüssel nahm ein Beamter die Rolle in die Hand, schimpfte und sagte: die Pakete, die für Regimenter in Polen bestimmt seien, gehörten nicht nach Belgien. Grünlein wurde mit vielen anderen Irrgängern umsortiert und fuhr in wochenlanger Reise wieder auf Schlesien zu. Unterwegs hatte er ein Abenteuer. Auf einer Zwischenstation wollte ein sogenannter freiwilliger Helfer, der aber in Wirklichkeit ein Paketmarder war, die Rolle ihrer vermeintlichen Wurst berauben, nicht wissend, daß diese Wurst längst in den Magen eines Urwaldviehs verschwunden und die Rolle höchst geheimnisvollen Inhalts war. Wie nun der schlechte Mensch den Deckel öffnete, sprang ihm Grünlein mitten ins Gesicht, zertrampelte ihm mit den Füßen die Nase, hieb ihn mit den Fäusten an die Stirn und spuckte ihm in die Augen. Da schnürte der Dieb das Paket, nachdem Grünlein wieder hineingekrochen war, in großer Überraschung wieder zu.

Sechs Wochen und einen Tag, nachdem Grünlein von Hirschberg abgefahren war, landete er auf dem Bahnhof von Tschenstochau, und vier oder fünf Tage danach war er bei seinem Herrn.

Es stellte sich heraus, daß für den Müller, der hier als der Landwehrmann August Liebert geführt wurde, auf einmal zweiundzwanzig Paketchen einliefen. Dem Müller wurden die Augen feucht vor Dankbarkeit, und er sagte:

»So haben mich meine Leute doch nicht vergessen; es hat sich nur alles ein wenig verspätet.«

Ehe der Müller die Pakete öffnete, las er die eingelaufenen Briefe. Und da schrieb ihm sein Bub mit seinen ungefügen, großen Buchstaben auch: »Grünlein ist weg. Ich und Großmutter denken, er ist dir nach. Vielleicht ist er in ein Paket gekrochen.«

So hatte der Junge alles richtig erraten.

* * * * *

Es war Abend. Der Müller saß abseits am Rande des polnischen Flusses. Seine Kameraden hielten ihn für einen Spintisierer. Aber sie hatten ihn doch gern; denn er war ein guter Kamerad und konnte bei Gelegenheit auch lustig sein.

Nun aber saß er versonnen an dem lehmgelben Wasser und hörte zu, wie der Herbstwind durch die gelben Blätter der Erlen ging. Und wie er einmal seufzte und die Augen aufhob, sah er das Grünlein in den Erlenzweigen sitzen. Da freute er sich und sagte:

»Ach, Grünlein, da bist du ja! Hubert hat mir geschrieben, daß du mir nachgereist bist. Erzähle mir, wie es zu Hause geht.«

Grünlein war so bewegt, daß ihm zunächst nichts anderes zu erzählen einfiel, als daß die Großmutter zwei Zähne verloren und der Wolf leider eine schöne Wurst gefressen habe. Doch dann besann er sich auf Besseres und sagte, die alte Mühle stehe noch, die großen Berge ständen auch noch und der Fuchsientopf sei auch noch da. Da wurden dem Müller die Augen heiß, und er sagte:

»Es ist schön zu Hause!«

Das Grünlein sah sich in der Gegend um. Es wies nach vorn über den Fluß hinüber und fragte:

»Was ist das Schreckliches dort drüben?«

»Das ist ein verbranntes Dorf, liebes Grünlein.«

Das Geistlein schauerte in sich zusammen.

»Es müssen sehr schlechte Menschen sein, die das getan haben!«

»Wir haben es getan!«

»Ihr -- o -- du ...«

Grünleins Augen füllten sich mit Tränen des Entsetzens.

»Ja, liebes Grünlein. Wenn wir es nicht getan hätten, wären die Russen gekommen und hätten unsere Mühle verbrannt, deinen Fuchsientopf zerschlagen und die alte Großmutter getötet.«

»Mich friert!« hauchte das erschrockene Grünlein. »Wir wollen nach Hause gehen.«

»Gehen wir nach Hause,« sagte der Müller mit einem schmalen Lächeln, stieg mit dem Grünlein in einen Graben und kroch mit ihm in ein finsteres Loch.

Dort lagen einige Männer auf Stroh und schliefen.

»Hier, liebes Grünlein, bin ich jetzt zu Hause.«

Das Grünlein weinte. Es sah, wie sich sein Herr lang aufs Stroh legte und bald tief und fest schlief, aber es konnte sich mit allem, was es erlebte, nicht zurechtfinden; denn es ging nicht in seine wohlgeordnete Gedankenwelt hinein, daß der Müller, der ein so angesehener Mann war und keine zweitausend Taler Schulden auf seinem schönen Besitztum hatte, nun eine so schäbige Wohnung haben und wie das der Kaiser für seine treuen Soldaten zugeben könne.

Grünlein lehnte sich an die Bodenwand. Es war nur gut, daß die Großmutter und Hubert nicht wußten, wie der Müller hier hauste. Vielleicht würde es sogar den Hund Wolf erbarmt haben.

Plötzlich fühlte Grünlein, daß ihn etwas von hinten anstieß. Er wandte sich um und sah den Kopf eines Maulwurfs, der aus der Erde schaute.

»Pst, Kleiner,« sagte der Schwarze, »komm herein in meine schöne Wandelhalle; wir wollen uns ein wenig miteinander unterhalten.«

Grünlein kroch dem Maulwurf nach, fand zwar, daß dessen Wandelhalle ein dunkles glitschiges Loch sei, fast noch schäbiger als des Müllers Unterstand, dachte aber: der Herr im Samtrock ist sicher ein Einheimischer und kann dir über mancherlei Auskunft geben.

Das tat der Schwarze auch. Er stieß einen großmächtigen Seufzer aus und klagte in erregten Worten, daß die Deutschen den Maulwürfen gegenüber die Neutralität schmählich verletzt hätten.

»Wir Maulwürfe lebten mit Deutschland in Frieden,« sagte der Schwarze; »wir dachten gar nicht daran, die Deutschen mit Krieg zu überziehen. Wir waren absolut neutral. Was haben aber die Njemski gemacht? Sie haben rücksichtslos unsere Wohnungen, Wandelhallen und andere Kunstbauten zerstört, und durch ihre Granaten sind allein siebzehn Männer, zwanzig Frauen, sechs Greise und fünfunddreißig Maulwurfskinder aus meiner nächsten Verwandschaft getötet worden. Ist das nicht barbarisch?«

»Ihr unterminiert wahrscheinlich manchmal etwas,« wandte das Grünlein schüchtern ein.

»Wir unterminieren nie!« rief der Maulwurf erbost. »Das ist eine der schamlosen Verleumdungen Deutschlands. Aber wir werden siegen, und dann werden wir von Deutschland als Kriegsentschädigung hundert Millionen Morgen Gurkenbeete verlangen.«

»Du gehörst wahrscheinlich zur Entente?« fragte Grünlein.

»Alle echten Maulwürfe gehören zur Entente,« entgegnete der Schwarze stolz.

»So lasse mich -- bitte -- wieder in den Unterstand zurück!« bat das Grünlein, »denn ich bin ein Deutscher.«

»O, nein, mein Guter,« höhnte da der Schwarze, »du bist mein Gefangener. Der Rückweg ist dir längst verlegt.«

Nun sah Grünlein eine Menge anderer Maulwürfe herankriechen, und es ging ihm eiskalt durch die Glieder, daß er nunmehr ein armer Kriegsgefangener sei. Den ersten Tag war Grünlein an der Front, und schon hatten ihn die Feinde am Kragen. Darüber schämte sich der Kleine fast bis zur Verzweiflung. Aber es nutzte nichts, die Feinde schleppten ihn fort, stießen ihn mit ihren Rüsseln und prügelten ihn mit ihren Grabfüßen.

Unterwegs machte der Transport Halt.

»Da schau hinunter,« sagte der erste Maulwurf, der sich unterdes als der Hauptmann der Horde erwiesen hatte. Er wies in eine große Höhle hinein. Da sah Grünlein erschaudernd fünf Totengerippe in russischen Uniformen. Drei der Gerippe lagen auf dem Boden, eines saß zusammengebeugt da, eines lehnte aufrecht an der Wand.

»Durch eine deutsche Granate verschüttet,« knirschte der Schwarze.

Dem Grünlein schlugen die Zähne aufeinander, aber es sagte:

»Wahrscheinlich gibt es auch Höhlen, in denen arme deutsche Soldaten so verschüttet sind.«

»Die gibt es,« erwiderte der Maulwurfshauptmann, »aber das geschieht ihnen recht!«

Weiter ging die Fahrt durch die dichten Maulwurfsstollen. Grünlein, der zu groß war für diese »Wandelhallen«, mußte vielfach auf allen Vieren kriechen.

Da kam wieder etwas Neues. Der Hauptmann hieß Grünlein durch ein Guckloch schauen, und Grünlein sah in einen weiten Gang, in dem Laternen brannten und beschmutzte Männer mit Hacke und Schaufel arbeiteten. Sie trieben den Stollen immer tiefer, und auf großen Karren wurde die ausgeschachtete Erde fortgeschafft.

»Weißt du, was diese Russen machen?« fragte der Maulwurf höhnisch seinen Gefangenen. Grünlein schüttelte den Kopf.

»Sie graben ihre Stollen bis unter den deutschen Schützengraben, aus dem du kommst, und wenn sie am Ziele sind -- das wird sehr bald sein -- füllen sie die Höhlungen mit Pulver, und der Schützengraben fliegt in die Luft.«

»Mein armer Herr,« weinte das Grünlein auf, »er wird verschüttet werden.«

»Verschüttet oder in die Luft fliegen,« grinste der Schwarze. »Die Wahl hat er nicht. Es kommt darauf an, wie die Mine wirkt.«

Halbtot kroch das Grünlein weiter, bis endlich in einer großen Höhle Halt gemacht wurde. Dort wimmelte es von Maulwürfen. Der Hauptmann hielt eine Rede.

»Brüderchen und Schwesterchen,« rief er, »jubelt; denn wir haben gesiegt! Mit nur zweihundert Mann unseres glorreichen Volkes ist es mir gelungen, diesen gefährlichen Deutschen unverwundet in unsere Gewalt zu bekommen. Wenn wir sehen (er wies auf das gefangene Grünlein), welch' enorme Verluste die Deutschen erleiden, so erkennen wir, daß die deutsche Kriegsmacht zerrieben, daß unser und unserer glorreichen Verbündeten Endsieg nahe ist!«

Das ganze Volk keuchte vor Begeisterung, legte sich auf den Rücken und fuchtelte vor Freude mit den Grabfüßen. Das kriegsgefangene Grünlein wurde nun an eine Baumwurzel gebunden, die wie eine Säule in der Höhle stand, der Hauptmann übernahm selbst die Wache, und alles andere Volk zerstreute sich. Grünlein war in jämmerlicher Stimmung. Er verstand wenig oder gar nichts vom Krieg, er kannte die Lüge nicht, und wenn er nun daran dachte, daß in einigen Tagen sein guter Herr zerrissen werden sollte, und daß durch seine Gefangennahme -- wie es doch der Hauptmann gesagte hatte -- das deutsche Vaterland in eine schwere Lage gekommen sei, da wünschte sich der arme Schlucker den Tod.

Plötzlich sauste eine große Ratte in den Raum herein, und ehe der erschreckte Maulwurfshauptmann noch dreimal schnaufen konnte, biß ihn die Ratte tot und fraß ihn zur Hälfte auf. Dann wandte sie sich an Grünlein, der eben ohnmächtig werden wollte.

»Warum bist du gebunden?«

»Ich bin ein Deutscher, ich bin kriegsgefangen.«

»Bist du aus Schlesien?«

»Ja -- aus Schlesien.«

»Das ist gut. Ich will gerade nach Tarnowitz hinüber, wo in einer Schlächterei gut zu leben ist. Komm mit, zeig' mir den Weg.«

Sie zerbiß die Bande, und Grünlein war froh, befreit zu sein, obwohl er keine Ahnung hatte, wo Tarnowitz lag. Das Tier führte Grünlein nun durch lange unterirdische Gänge, wo Ratten- und Mäusenester waren; die Hamster hatten dort ihre Kornkammern, erstarrte Regenwürmer lagen wie leblose Schlangen, und viel Käferlein im Puppenkleid schliefen dem nächsten Frühling entgegen.

»Was für seltsame Nachbarschaft hat doch mein Herr,« dachte das Grünlein. »Dort drüben bahnen finstere Männer den Schacht des Todes, und hier hüten die Hamster ihre Getreidekörner und träumen junge Marienkäferchen von Sonne und Leben.«

Die Ratte stieß jetzt hinauf ins Licht. Da knallte ein Schuß übers Feld, und das Tier lag in seinem Blut. Ein sibirischer Scharfschütze hatte es erschossen. Drüben im deutschen Schützengraben lachte einer:

»Sie haben morgen einen von dem Schock russischer Feiertage; da brauchen sie einen Festbraten. Wohl bekomm' es!«

Das arme Grünlein aber, das von Natur aus kein Held war, steckte nun mitten zwischen zwei Schützengräben in einem Rattenloche und wußte nicht mehr ein noch aus.

* * * * *

Wochenlang, Tag und Nacht, irrte Grünlein auf den Feldern Polens umher. Es fand zu seinem Herrn nicht mehr zurück.

Frierend saß der Kleine unter kahlen Bäumen, schlich durch brausende öde Wälder, fuhr manchmal ein Stückchen auf einem Bagagewagen mit, nächtigte in den Trümmern zerschossener Häuser, hockte zitternd zwischen den armseligen Kleiderballen weinender Flüchtlinge, hörte das zornige Rauschen kalter fremder Ströme.

Grambitteres Heimweh packte das deutsche Hausgeistlein. Wie schön war es, als noch Friede war. Die Müllerstube war so warm, so dicht, daß kein kaltes Lüftlein hineinkonnte, die Menschen, die um den Tisch saßen und ins gelbe Licht der Petroleumlampe träumten, waren so gut, daß nicht einmal ein feindlicher Gedanke ihr Herz befleckte. Dann kam der Krieg. Jetzt mußte der sanftmütige Müller Menschen erschießen und verstümmeln, jetzt zündete der Mühlknecht Häuser an und hatte doch zu Hause einmal dem Hubert eine Ohrfeige gegeben, weil der mit einer leeren Streichholzschachtel gespielt hatte, was der Knecht für feuergefährlich ansah.

Wenn Grünlein durch die Lehmjauche der Schützengräben schlich, die Männer in hohen Stiefeln darin stehen sah, den Anzug beschmutzt, die Hände blaugefroren, die Bärte verklebt und verfilzt und die Augen voll finsterer Entschlossenheit nach Osten gerichtet, dann fürchtete sich das weichmütige Geistlein eine Frage nach seinem Herrn zu tun.

Einmal aber sah es einen sitzen mit einem feinen, stillen Gesicht. Der Mann hatte eine Brille auf und las einen Brief. Unter den blanken Gläsern blitzte es feucht und klar, so wie wenn man durch blankes Eis in eine Quelle schaut. Zu diesem Manne faßte Grünlein Vertrauen und setzte sich ihm aufs Knie. Der Soldat mit der Brille hob die Augen und sagte:

»Eh, du kleiner Mann mit der grünen Kappe, du bist wohl ein deutsches Hausgeistlein?«

»Ich heiße Grünlein und stamme aus einer Mühle im Riesengebirge,« sagte schüchtern der Gnom.

Der Soldat nickte.

»Ja, ich kenne Euch. Ich habe auch so ein Geistlein, es wohnt neben meiner Gelehrtenstube im Zimmer meiner jungen Frau und heißt Rapunzel. Es ist mir auch schon nachgekommen; jetzt aber ist es wieder zu Hause; denn Ihr Hausgeistlein geht ja als Sehnsuchtsboten immer von der Heimat ins Feld, vom Feld in die Heimat immer hin und her. O ja, das deutsche Gemüt!«

»Ich habe meinen Herrn verloren,« klagte das Grünlein, »weil ich so dumm war, einem Maulwurf zu vertrauen. Ich bitte dich, daß du mir den Weg zu meinem Herrn sagst. Er heißt August Liebert.«

Der Soldat lächelte.

»Ja, liebes Grünlein, der Name genügt nicht. Wenn du weißt, bei welchem Armeekorps, bei welcher Division und Brigade, bei welchem Regiment, welcher Kompagnie und Korporalschaft dein Herr ist, kann ich dir wohl den Weg weisen.«

Das Grünlein sagte, wenn es sich solche Dinge merken wollte, würde ihm sein Kopf mitten entzwei platzen. Und so war auch hier nichts zu machen. Doch erlaubte der Soldat mit der Brille dem Grünlein, bei ihm zu bleiben und, wenn er Mut habe, abends mit ihm auf Vorposten zu ziehen.

Das Grünlein sagte ehrlich, daß es von Haus aus eigentlich gar nicht eine Spur von Mut habe, aber da es weder nach Hause noch zu seinem Herrn zurückfinde, sei ihm das Leben gleichgültig geworden. So zog es mit dem Soldaten auf Wache.

Sie lehnten beide an einem Baum, der Soldat bis zum untersten Ast hinauf, das Grünlein bis zur zweiten Runzel im Stamm. Schwarz lag das feindliche Land; der Wind ging müde über leere Felder hin zu den fernen Föhren. Weit im Osten brannte ein Dorf. Da ging der Vollmond auf und lachte herab auf die brennenden Häuser, auf die öden Fluren und auf den Soldaten am Baumstamm mit eben demselben vergnügten Gesicht, wie er zu Hause im Städtlein gelacht hatte, wenn Studenten die Laternen auslöschten. Dem Mond ist es gleichgültig, ob die Menschen Unfug treiben oder Krieg führen. Er ist in seiner schönen Höhe und lacht.

»Grünlein,« sagte der Soldat leise; »ich glaube, morgen wird dein Bruder Rapunzel da sein. Meine Frau wird ihn schicken. Wenn du meine Frau kenntest, würdest du sagen, daß nichts Lieberes ist auf der Welt. Immer lustig gewesen, Grünlein, kleine und große Schmerzen verbissen, nur um freundlich, um fröhlich zu sein. Und immer ein Kind geblieben, Grünlein. Deshalb hat sie auch noch vom Hausgeist Rapunzel gesprochen, als sie schon eine Frau war und unseren kleinen süßen Jungen hatte. Jetzt aber lacht sie nicht mehr.«

Der Mond versteckte sich hinter den Wolken, und das Dorf im Ost brannte heller.

»Grünlein, ich habe ihr heute geschrieben, sie soll nur guten Mutes sein. Wir sind nun schon ganz nahe an Warschau, und wenn wir Warschau haben, ist der Krieg zu Ende. Dann ziehen wir alle heim.«

Ein heißes Freudengefühl zog dem Grünlein durchs Herz, als es diese frohe Botschaft hörte.

»Wirst du mich mit nach Hause nehmen?«

»Ja, Grünlein, und ich werde mit meiner Frau und meinem Jungen in Eure Mühle zu Besuch kommen, und das Rapunzel werde ich auch mitbringen. Ihr könnt dann zusammen sitzen.«

»Ja,« sagte Grünlein selig, »in dem Fuchsienstrauch, dicht hinter dem Rücken der Großmutter. Rapunzel sitzt rechts, und ich sitze links.«

So vergingen die Stunden. Die Beiden träumten vom Glücke nahen Friedens. Ein zweites Dorf im Osten brannte auf; der Mond wanderte über tiefdunkle Himmelsauen, kletterte in lichte Wolkengebirge hinein, verschwand hinter schwarzen Mauern, lugte wieder neugierig um deren Ecke, verschwand abermals und legte sich schließlich breit auf die Himmelswiese, zugedeckt mit einer durchsichtigen Schleierdecke. Es war ganz still, nur zweimal war in weiter Ferne dumpfer Geschützdonner. Der Soldat zog vorsichtig die Uhr.

»Fünf Minuten noch, Grünlein, dann werde ich abgelöst.«

In diesem Augenblick fiel aus nächster Nähe ein Schuß, und der deutsche Mann fiel durchs Herz getroffen am Baumstamm tot zusammen.

Grünlein lag lange ohnmächtig.

Er erwachte, als noch vor Morgengrauen deutsche Soldaten den Gefallenen unter Mühe und Todesgefahr von dannen schleppten.

Unter einem andern Baum, an einem Waldrand, wurde der Soldat mit der Brille begraben. Der Tag brach an. Der klare Osthimmel strahlte in goldenem Glanz. Da sangen die Soldaten mit leisen Stimmen:

»~Morgenrot, Morgenrot, Leuchtest mir zum frühen Tod~ ...«

Nach den zwei Zeilen aber schon brachen sie ab; denn sie konnten nicht weitersingen. Als sie die kleine Grube mit Erde bedeckt hatten, fing noch einmal einer an zu singen, und sie sangen wieder nur zwei Zeilen:

»~Darum still, darum still Füg' ich mich, wie Gott es will~ ...«

Grünlein wohnte dem Begräbnis bei. In herzbrechendem Schmerz dachte er: Was wird mein Brüderlein Rapunzel sagen? Und was wird die liebe Frau sagen? Und was wird der kleine Junge sagen, wenn er überhaupt erst etwas sagen kann?

* * * * *

Am nächsten Tage sah das Grünlein, daß die Soldaten aufbrachen und nicht mehr weiter nach Ost zogen, wo die Sonne aufgeht, sondern nach West, wo die Sonne untergeht. Im Westen aber -- das wußte das Grünlein -- lag die deutsche Heimat. So meinte der Gnom, der Krieg sei nun aus, und sein erschüttertes Herz schöpfte aus dieser Hoffnung neue Kraft.

Wie schwer war die Enttäuschung, als Grünlein aus den Gesprächen der Soldaten erfuhr, daß die Deutschen nicht vermocht hatten, Warschau zu nehmen, und der Krieg nicht zu Ende sei, daß jetzt alle Brücken und Straßen zerstört werden müßten, damit die nachdringenden Russen nicht zu rasch vorwärts kämen, und daß alles daran gesetzt werden müßte, das schöne, reiche Schlesierland zu retten. Ein Ostpreuße erzählte, wie furchtbar es in seiner Heimat aussähe, nachdem die Russen dort gehaust, und Grünlein sah schon die heimische Mühle brennen, die Großmutter erschlagen, den Knaben verstümmelt und Wolf, den Hund, hungernd und heulend um die Trümmer der zerstörten Heimstätte irren. Er sah, daß aus seiner schlesischen Heimat dasselbe werden würde, was aus Ostpreußen geworden war.

Da faßte das Grünlein namenlose Todesangst, und nur eines wollte es noch: heim, um mit den Lieben zu sterben.

Eines aber wunderte das Grünlein: daß die deutschen Soldaten, die zurückgingen, so ganz und gar nicht verzagt waren. Sie mußten ihr Leben, ihre Kanonen, ihr Gepäck, ihre Nahrungsmittel retten, sie hatten unendliche Mühsal zu ertragen, aber sie sagten mit frohen Mienen:

»Kommt nur, Ihr Russen, es wird Euch schlecht ergehen!«

Grünlein, das von Haus aus, wie wohl schon ein- oder siebenmal gesagt wurde, kein Held war, bezweifelte solche Reden aufs stärkste und wollte durchaus heim zur Großmutter, ehe ihr der letzte Zahn ausgeschlagen war und sie sterben mußte.

Der Knirps konnte auf dem eiligen, wenn auch wohlgeordneten Rückzug mit seinen kurzen Beinchen nicht mit und wäre unrettbar in russische Gefangenschaft geraten, wenn er sich nicht als eine Art Schmarotzer überall angehängt hätte. Zuerst kroch er einem Landwehrmann in den Tornister. Der Landwehrmann, der an diesem Tage fünfunddreißig Kilometer zu marschieren hatte, legte den schweren Tornister auf einen Wagen, und der Wagen fiel bis über die Achsen in so tiefen Schlamm, daß ihn vier Pferde nicht flottkriegen konnten. Grünlein kroch nun einem der Kutscher, die die Pferde antrieben, in die Tasche. In dieser Tasche waren neben einer Wurst und einem Stück Kommißbrot, welches die Tagesration bildete, ein Paar schwergetragene Strümpfe, ein Liebesbrief und zwei Liebeszigarren. Grünlein wickelte sich frierend in die Strumpfüberreste, obwohl sie ihm furchtbar erschienen. An einem Straßenstein zog der Soldat bei kurzer Rast das Kommißbrot aus der Tasche, aß es mit bestem Appetit auf, las schmunzelnd den Liebesbrief und rauchte sich mit dem Behagen eines Schlemmers eine der Zigarren an. Die wüst zugerichteten Strümpfe aber warf der Soldat, weil er sagte, »er müsse mal Inventur machen,« kurzerhand in den Straßengraben, und mit ihm, ohne daß er es wußte, das Grünlein. Grünlein beschloß, sich im Bedarfsfall von nun an immer in die Liebesbriefe der Soldaten zu wickeln, weil sie diese viel sorgfältiger aufbewahren als Strümpfe.

Während Grünlein noch in dieser größten Erniedrigung und Armseligkeit seines Lebens im Straßengraben saß, kam eine Militärkapelle des Weges und machte am selben Straßensteine Halt.

Der Kapellmeister hielt eine Rede.

»Kinder,« sagte er »wir konzentrieren uns zwar jetzt rückwärts, weil uns das grade mal Spaß macht, wir gehen sozusagen langsam zurücke wieder auf heem zu -- aber Warschau wird doch genommen! Habt Ihr schon mal gehört, daß ein Königlicher Kapellmeister was umsonst gemacht hat? Nischt macht er umsonst! Na, also! Ich habe einen Warschauer Einzugsmarsch komponiert, Ihr habt ihn eingeübt, und folglich hat Warschau zu fallen, ganz egal, ob wir auch momentan ganz zufällig mal ein bißchen auf dem Rückmarsch sind, -- seht Ihr, Kinder, doch nur, weil wir unseren Lieben zu Hause wieder mal etwas näher sein wollen. Jungens, ich sage Euch, es geht uns famos. Wir sitzen hier gemütlich am Wegrande, ruhen uns aus und frühstücken, während die Russen wie die gehetzten Wölfe ohne Herz und Atem hinter uns herjagen und uns verfolgen müssen. Jeder von uns hat sein gutes Stück Kommißbrot, Wasser gibt's von oben und von unten mehr als wir brauchen, die Gulaschkanonen können auch nicht aus der Welt sein, folglich denke ich, ist es angebracht, wenn wir jetzt mal unseren Warschauer Einzugsmarsch loslassen.«

Die zweihundert Kilometer zurückgejagten Musikanten spielten nun den Warschauer Einzugsmarsch mit heller Begeisterung. Tadellose Musik war es aber nicht. Das empfand auch der Kapellmeister und Komponist des Marsches.