Das goldene Tor

Part 15

Chapter 153,843 wordsPublic domain

So weit schon? Da ist ja die Mergelgrube ... Wie die Füße schwer sind ... ein wenig liegen und ruhen. Ah, wie das wohltut ... Da unten, zwischen den hohen, steilen Wänden, blinkt das tiefe Wasser ... War es nicht hier? ... Ja, hier haben sie vor Jahren ein armes Menschenkind herausgezogen, dem des Lebens Bürde zu schwer geworden ... hinterm Zaun liegt's begraben in Brundorf ... Wenn sie morgen wieder einen herausziehen ... niemand würde eine Träne weinen ... niemand ... »Der elende Selbstmörder« würden sie sagen und ein Grab hinterm Zaun graben, wo der Weg drüber hingeht ... Aber was schadet das ... es sind ja Menschen ... wen sie im Leben von sich gestoßen haben, der braucht ja auch nicht im Tode bei ihnen zu liegen. Warum langsam und qualvoll hinsiechen ... wem geschieht damit ein Gefallen ... Vier Schritte weiter gekrochen, ein Sturz, ein kurzer Kampf, und alles ist vorbei ............. Ja es ist das Beste ... »Ich eile von der schönen Erde hinab in dieses dunkle Haus.« Noch einen Blick zurück ... Was ist das für ein heller Stern dort über der Höhe? Ach so, es ist das Licht im Hause des Frommen ... »Ich werde diese Nacht für Sie beten ...« Da unten ist Ruhe ... So, jetzt nur noch ein wenig Übergewicht und ... Was hat der Mann für einen anderen zu beten ... Zu wem betet er denn? ... Gott! ... bist du? So gib mir Antwort! ... Der Nachtvogel schreit -- denn er ist. Das Gras säuselt -- denn es ist, Aber du? -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Wie kommt es denn aber, daß, solange Menschen atmen, Menschen an ihn glauben? Wie kommt es, daß der da auf dem Berge an ihn glaubt? ... Er sagt, Jesus Christus ist der Weg zu Gott. Aber da sind wir gleich wieder mitten in der Ungewißheit. Die einen sagen, der ist ein irrender, schwacher Mensch gewesen und am Kreuze an seinem Gott verzweifelt. Und die anderen sagen, er ist der Sohn Gottes, lebet und regieret in Ewigkeit ... Ja, als wir in den Büchern deiner Jünger von dir lasen, da hob deine Gestalt sich groß und herrlich vor uns. Da wurde uns, als könntest du uns das wahre Leben schenken, wonach wir uns sehnten, und uns helfen, die Welt zu überwinden, mit ihrer Lust und ihrem Leid ... Und Karfreitags haben wir unter deinem Kreuze gestanden ... und haben gesungen: All Sünd hast du getragen, sonst müßten wir verzagen, erbarm dich unser, o Jesu. Ja, das war einmal -- -- -- -- Das war einmal -- -- -- -- -- -- -- -- -- Oder? -- -- -- -- -- Oder? -- -- -- -- -- -- -- --

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Es wurde ihm, als ob die tiefsten Tiefen seines Wesens, Seelentiefen, die er bis auf diese Stunde in sich nicht einmal geahnt hatte, wunderbar durchwärmt würden. Und diese Wärme entband Kräfte, ungekannte, ungeahnte Seelenkräfte des Lebens ... eines Lebens, das fühlte er bei seinen ersten heimlichen Regungen, nach dem er sich lange gesehnt hatte.

Er sprang plötzlich auf seine Füße. Nein, nein, nein, nein! Da unten in dem dunklen Wasser war sein Ziel nicht. Er mußte weiter wandern. Dem goldenen Tore zu ... Durch die grauenvolle Nacht fing es nun wieder an vor seiner Seele zu schimmern.

Und die schon am Ziel waren, seine Toten, die ihm Wegweiser und Wandergenossen geworden, jetzt sahen sie ihn wieder mit lebenden, liebenden Augen an. Es war, als hätten auch sie aus einer geheimnisvollen Quelle des Lebens und der Liebe Leben und Liebe getrunken ...

Und die Menschen ... Er konnte jetzt nicht an die denken, die ihm Böses getan auf seinem Wege. Er mußte derer gedenken, die ihm Liebe erwiesen, und fand ihrer eine ganze Reihe, mehr als er früher je gedacht hätte, von seinen Kindestagen an bis auf die letzten Stunden ... Er war am Hause des Schusters angelangt, in dem das Licht jetzt auch gelöscht war. Da blieb er einen Augenblick nachdenklich stehen, und als er seinen Weg fortsetzte, nickte er still vor sich hin.

Er ging jetzt die Dorfstraße entlang und dachte an die Schwierigkeiten und Wirrnisse, in die er hineingeraten war. Wo waren sie geblieben? Was war einfacher, als morgen in dieses und in jenes Haus zu gehen und zu sagen, daß das Geschehene ihm herzlich leid täte? Und was das andere betraf? Was war leichter, als dem Superintendenten kurz und klar hinzuschreiben, für die Behandlung seiner Schülerin in Sachen des Katechismus nehme er, der Lehrer, die volle Verantwortung auf sich, und er halte es für eine Ungerechtigkeit, jene für etwas büßen zu lassen, was er selbst gefehlt habe, wenn es eine Verfehlung sei.

Zu Hause angekommen, zündete er ein Licht an. In der schwachen Helligkeit, die dieses um sich verbreitete, sah er die Bilder des Harfenspielers und Mignons. Da nahm er das Licht und hielt es nahe heran und las die Verse und nickte dazu, langsam und nachdenklich und froh. Wie einer, der über einem Rätsel, das ihn nicht losließ, lange gesonnen hat und nun sich endlich auf dem Wege sieht, es zu lösen ...

Dann ging er zu Bett. Was er in den letzten Stunden Schreckliches erlebt hatte, lag wie ein halbvergessener grausiger Traum hinter ihm. Und vor ihm leuchtete, lockender und heller und näher denn je: das goldene Tor ...

* * * * *

Von einem Geräusch an der Haustür erwachte er. Einige Kinder standen vor der Schule und begehrten Einlaß. Mit Schrecken sah Peter, daß es gleich sieben Uhr war, und kleidete sich eiligst an.

Als er vor die Tür trat, sah er, daß kaum die Hälfte der Schulkinder versammelt war. Da sagte er ihnen, sie möchten vorläufig nach Hause gehen, um neun Uhr wiederkommen und die noch fehlenden Kinder auch mitbringen. Als die Schulkinder sich zerstreut hatten, ging Peter ins Dorf und geradeswegs nach Westermanns Hofe. Er traf den Bauern auf der Diele vor den Kühen. Dieser starrte ihn verwundert an. Aber Peter ging schnell auf ihn zu und sagte, es täte ihm aufrichtig leid, daß er sich so vergessen hätte, und er bäte ihn um Verzeihung.

Wenn ein Bauersmann etwas Unangenehmes auf dem Herzen hat, was herunter soll, macht er meist erst viele allgemeine Redensarten und kommt dann ganz zuletzt und wie beiläufig mit der Hauptsache heraus. Ähnliches mochte Westermann auch vom Schulmeister erwartet haben, und inzwischen hätte er sich wohl eine Antwort überlegt, die dem Groll, den er gegen den Schulmeister hegte, entsprochen hätte. Aber diese Art Peters, so mit der Tür ins Haus zu fallen, verwirrte ihn und er brachte stockend etwas heraus wie: Das wäre schon gut, und er selbst hätte mit dem großen Jungen ja auch oft seine Not, und Prügel müßten sein; nur zuschanden dürfe man so'n Kind doch nicht schlagen. Na, der Schulmeister wäre noch jung und hitzig, und hätte nun ja wohl eingesehen, wie weit er gehen dürfe, und mit den Jahren kühlte das Blut sich auch mehr ab, und der Mensch würde besinnlicher. Zuletzt fragte er Peter, ob er mit ihm frühstücken wollte. Der nahm das Anerbieten an, und die beiden setzten sich zusammen in die Dönze und aßen Brot und Sülze und tranken einen kleinen Köm dazu. »Dat wi nu jümmer gode Lüe bliewt,« sagte der Bauer, indem sie anstießen.

Auch bei Swiebertsbauer ging's Peter ganz gut. »Ick heww't ja glieks seggt,« meinte dieser trocken, »he schöll Barken nehmen und kene Eken. Eken sünd för so wat nich wussen.«

Peter ging auch zu seinem alten Freunde Mattens und erzählte ihm mit Freuden, nun wäre alles wieder gut. »Würklich?« fragte dieser und kratzte sich im Nacken, »Scholmester, Scholmester, wat heww ick van sin'twegen för Nackensläg krägen düsse Dag'! Oh, wo mi dat freut! Kumm rin, darup möt wi'n lütten Köm nehmen.«

Peter dankte. Er hätte schon bei Westermann einen getrunken.

»Bi Westermann?« fragte Mattens erstaunt. »Deuker ja, wenn ~de~ Mann enen utgiwwt, denn is't würklich alles wedder god. Scholmester, ick freu mi nu doch wedder, dat ick em in de Iserbahn ankaschiert heww.«

Um neun Uhr hatte Peter seine Schule vollzählig beisammen. Die Kinder hatten die Einladung bestellt, er selbst hatte unterwegs eingeladen, was er getroffen hatte, und wie ein Lauffeuer war die Kunde durchs Dorf gesprungen, der Schulmeister wäre wieder vernünftig geworden und hätte mit seinem ergrimmtesten Feinde gefrühstückt.

Als Peter in die Schulstube trat und alle Blicke halb neugierig, halb ängstlich auf sich gerichtet sah, war es ihm nicht möglich, den Unterricht in der üblichen Weise zu beginnen und zu tun, als ob nichts geschehen wäre.

»Meine lieben Kinder,« begann er bewegt.

Die Kinder machten verwunderte Gesichter. Diese Anrede war ihnen fremd, und noch mehr ihr Ton.

»Ihr seid mir vorgestern alle davongelaufen. Aber ich mache euch keinen Vorwurf daraus. Es war meine Schuld ... Des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist. Aber ihr werdet mich, will's Gott, nie wieder so sehen, wie ihr mich gesehen habt ... Wie sagt doch Gott zu dem Brudermörder Kain? ›Die Sünde ruhet vor der Tür. Aber laß du ihr nicht ihren Willen, sondern herrsche über sie.‹ So ist's bei mir, und bei euch, bei uns allen. Gott helfe uns, daß wir über sie herrschen können. Und wenn sie uns einmal überrumpelt, daß wir wieder aufstehen. Und nun laßt uns unseren Morgengesang singen: Aus meines Herzens Grunde, die ersten beiden Verse.«

Die Kinder setzten voll und kräftig ein, und Peter sang das Lied mit einem freudig bewegten Herzen, wie in seinem ganzen Leben nicht. Nur bei den ersten Strophen des zweiten Verses mußte er vor innerer Bewegung schweigen: »Daß du mich hast aus Gnaden in der vergang'nen Nacht vor Gefahr und allem Schaden behütet und bewacht.«

Und dann fing er an, zu unterrichten. Er hatte eigentlich gefürchtet, er würde nach solcher Nacht dafür zu müde sein. Jetzt wunderte er sich, wie ihm die Gedanken zu und die Worte von den Lippen strömten. So hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht unterrichtet, so hatten die Kinder noch nie an seinem Munde gehangen. Was er ihnen heute gab, das stand nicht in den Büchern, die er vor der Schule zur Vorbereitung schnell eingesehen hatte, das nahm er aus seinem Eigensten und Tiefsten. Zwar störten ihn einige Hustenanfälle. Aber wenn er sie überwunden hatte, war er gleich wieder voll Freudigkeit und Kraft, fortzufahren.

Als es Mittag war, entließ er die Kinder. Wie er den sich zur Tür Hinausdrängenden nachsah, fiel ihm plötzlich der Vers von Mignons Bilde ein: »So laßt mich scheinen, bis ich werde.«

Da jauchzte sein Inneres auf. Was er so lange geschienen, das war er heute geworden: ein Schulmeister, ein wirklicher Meister der Schule. All seine bisherige Schulmeisterei erschien ihm plötzlich als Scheinkram, Wortgeplärr, Karrendienst. In diesen drei Stunden erst war er der Herrlichkeit seines Berufes ganz inne geworden. Er hatte nicht nur kleine Finger gesehen, die Buchstaben schreiben lernen wollten, blaue Äuglein, die sie wiederzuerkennen sich mühten. Er, der Gewordene, hatte die Nähe junger Seelen gefühlt, die wachsen und werden wollten ...

Als er vom Mittagessen aus dem Dorf zurückkam, setzte er sich sofort hin, um dem Superintendenten zu schreiben. Er zeigte ihm an, daß er mit den betreffenden Hausvätern Rücksprache genommen habe und die Sache erledigt sei. Was die die Tochter des Schusters betreffende Forderung seines Vorgesetzten anbeträfe, schrieb er diesem ehrerbietig und bestimmt in dem Sinne, wie er sich schon in der Nacht darüber klar geworden war, daß er ihr nicht nachgekommen sei und nicht nachkommen werde. Den Brief schickte er gleich durch einen Jungen an seine Adresse.

Der Superintendent machte beim Lesen dieses Briefes seines jüngsten Schulmeisters verwunderte Augen. Aber seinem Lebensgrundsatz, sich vor aufwallenden, heftigen Gemütsbewegungen aus Pflichtgefühl gegen sich selbst zu hüten, blieb er auch in dieser Sache treu. Er verfolgte sie auch nicht weiter. Beim hohen Konsistorium war für den alten Landeskatechismus nicht mehr viel zu machen. Da hatte der Wind sich in den letzten Jahren auch gedreht. Außerdem verriet ihm der Ton des Briefes, daß er hier nicht einen servilen Kriecher und Jajabruder vor sich hatte, sondern einen aufrechten Menschen, einen, der über Nacht etwas wie ein Charakter geworden war. Dieses war sein erster Eindruck beim Lesen des Briefes. Bald ging ihm freilich ein besseres Licht auf. Der junge, ungefestigte Schulmeister war natürlich auch ein Opfer der Verführungskünste des pietistischen Schusters geworden.

Am Abend dieses Tages, um die Stunde, da gestern der Schuster bei ihm gewesen war, kam Peter auf den Gedanken, den Mann, gegen den er jetzt eine tiefe Dankbarkeit empfand, zu besuchen. Aber als er länger darüber nachdachte, unterließ er es doch. Was sollte er ihm sagen? Ihm saß das Herz nicht so auf der Zunge wie jenem. Er konnte über das, was er in tiefster Seele erlebte, nicht zu anderen Menschen sprechen.

* * * * *

In der nächsten Zeit fühlte Peter, wie seine Kräfte allmählich nachließen. Aber der befreite, von einer neuen Kraft getragene Geist, belebt durch die neugewonnene Freude am Beruf, hielt den hinsiechenden Leib noch längere Zeit aufrecht und gewann ihm, nach Zeiten allzu großer Schwäche, noch manche Stunde freudigen und kraftvollen Wirkens ab. Ein Wort Jesu wurde ihm in dieser Zeit vor anderen lieb und wertvoll: Ich muß wirken, solange es Tag ist. Es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Peter war froh und dankbar für jeden Tag seines dem Ende zueilenden Lebens, den er durch Willenskraft noch für den so spät in seiner Herrlichkeit erkannten Beruf gewinnen konnte.

Bis Mitte November gab er den Unterricht noch einigermaßen vollständig, wenn er auch häufig gezwungen war, die Stunden umzulegen und die Kinder verhältnismäßig viel mit Schreiben und Rechnen zu beschäftigen. Von da an mußte er die Kinder nach zweistündigem Unterricht, den er zuletzt nur noch sitzend erteilte, heimschicken. Seine Kraft war dann völlig erschöpft, und er brachte die übrigen Stunden des Tages, meist fiebernd, im Bett zu.

Die Dorfleute taten, was sie konnten. Jetzt, nachdem sie ihren Schulmeister erzogen und zur Vernunft gebracht hatten, mochten sie ihn recht gern. Da er nicht mehr zu den Mahlzeiten in die Häuser gehen konnte, schickten die Bauernfrauen ihm das Essen ins Haus, und die guten legten nach dem Schlachtfest eine frische Wurst bei, oder schlugen trotz der Eierknappheit ihm eins extra in die Suppe, um ihren guten Schulmeister, wenn's möglich wäre, recht bald wieder auf die Beine zu bringen, oder ihm doch eine Freude zu machen. Die Kinder der Häuslingsfrau, die bei Peter aufwartete, lebten in diesen Wochen herrlich und in Freuden.

Peter hoffte noch immer, bis Weihnachten den zweistündigen Unterricht aushalten zu können. Aber am Montag der Weihnachtswoche mußte er liegenbleiben und den Kindern zurufen, daß sie nach Hause gingen. Er hörte, wie sie sich langsam und still entfernten, wie die Schritte der letzten Nachzügler auf dem Hofe verhallten. Sein Tagewerk war getan.

Der Kranke, der von der Häuslingsfrau nur mangelhaft verpflegt und bedient wurde, hatte auf seinem einsamen Krankenlager manche schwere und trübe Stunde durchzumachen.

Hin und wieder kam einer von den Dorfleuten zu Besuch. Claus Mattens stellte sich gleich am ersten Tage ein. Er erzählte dies und das, aber Peter merkte bald, daß der Mann etwas Besonderes auf seinem Herzen hatte. Das kam denn zuletzt auch herunter. Peter könnte, so meinte der Bauer, ja nicht selbst hingehen und sein fälliges Gehalt holen. Ob er ihm den Weg abnehmen sollte? Und ob er nicht von dem Gelde so viel behalten könnte, daß Peters Sachen, bis auf den Tisch etwa, bezahlt wären? Peter gab seine Zustimmung. Da war der Freund sichtlich erleichtert, machte noch einige nette Scherze und wünschte beim Weggehen gute Besserung.

So kam der Tag vor dem Fest heran. Es war dicke Schneeluft, und der Kranke hatte viel unter Atemnot zu leiden, bis nach Mittag die Luft klarer wurde.

Gegen Abend kam der Schuster. Er entschuldigte sich, daß er nicht schon eher einmal vorgesprochen hätte. Aber zu Weihnachten wollte alle Welt in neuen Stiefeln gehen, und grad' eben hätte er das letzte Paar abgeliefert.

Der Besucher blickte in den Ofen, und fand das Feuer erloschen. Er sah sich im Zimmer um. Es war seit mehreren Tagen nicht gekehrt. »Herr Lehrer,« sagte er, »es wäre besser, wenn Sie nach Hause reisten. Hier kriegen Sie ihr Recht nicht.«

»Nach Hause?« fragte Peter schmerzlich. »Ich kann nicht nach Hause. Meine Mutter ist tot, und die enge Kate ist voll kleiner Kinder. In all der Unruhe halte ich's nicht aus.«

»Aber Sie können hier doch nicht allein liegenbleiben.«

»Ach, es wird wohl nicht lange mehr dauern.«

»Das steht in Gottes Hand ... Herr Lehrer, darf ich mir eine Bitte erlauben?«

»Und?«

»Kommen Sie zu uns!«

»Zu Ihnen?« fragte Peter verwundert.

»Ja, sehen Sie, wir haben selbst viel Schweres durchgemacht und verstehen uns wohl ein wenig auf das Krankenpflegen. Und es ist auch besser für Sie. Da kommen manchmal Stunden, wo einer sich nach dem Wort und Gesicht eines anderen Menschen sehnt. Unser Heiland ist in Gethsemane auch immer wieder aufgestanden und zu seinen Jüngern gegangen.«

Peter sah den Mann einen Augenblick an. Dann streckte er die weiße, abgezehrte Hand aus und ergriff die harte, braune Pechhand des Schusters, die er stumm mit warmem Druck festhielt.

»Dürfen wir Sie holen?« fragte der andere wieder.

Peter nickte. »Gott vergelt's Ihnen, was Sie an mir tun, und ... schon getan haben ...«

Der Mann sah dem Kranken ein paar Sekunden tief in die Augen, als ob er in seiner Seele lesen wollte. Dann ging er.

Nach einer guten Stunde kam er zurück, begleitet von ein paar Männern, in denen Peter Häuslinge des Dorfes erkannte. An der Art, wie der Schuster mit ihnen verkehrte, merkte er, daß sie zu denen gehörten, die jener »Brüder« zu nennen pflegte. Das wunderte Peter; denn sie waren von ganz anderer Art als der Schuster und lebten still für sich hin, ohne irgendwie hervorzutreten.

Die Männer legten ihn mit dem Bett auf eine mitgebrachte Tragbahre, verhüllten ihn sorgfältig gegen die Winterkälte und trugen ihn sorgsam durch das Dorf.

Als endlich die Bahre hingestellt und von den Decken befreit wurde, riß Peter die Augen weit auf. Vor ihm stand ein Christbaum, im Schmuck seiner brennenden Lichter. Und um ihn her standen Lina und der kleine Paul, und noch ein kleines Mädchen, und ein Jüngstes hockte auf dem Arm der Mutter, und die Kinder sahen bald in den hellen Lichterbaum, und bald auf den kranken Gast. »Singt mal, Kinder,« sagte der Vater, und Lina schlug den Arm um Paulbruder, und sie sangen zusammen zweistimmig das Weihnachtslied, das Peter in den letzten Wochen sie gelehrt: »Stille Nacht, heilige Nacht.« Dann setzte der Schuster sich die dicke Hornbrille auf und las das Evangelium von der Geburt des Heilands, und die Kinder, in deren dunklen Augen die Lichter des Tannenbaumes glänzten, hörten andächtig zu, und die Männer standen mit den Mützen in den Händen und schauten ernst und still drein.

Als der Hausvater das Buch geschlossen hatte, sagte er: »So, Kinder, nun drückt die Lichter vorsichtig aus und geht in die andere Stube, daß der Herr Lehrer Ruhe hat. Und du, Mutter, sorgst wohl, daß er noch etwas Warmes zu essen kriegt. Und ji beiden gaht noch mal in dat Scholhus und bringt den Scholmeister sin Kram her, dat wi em dat recht gemütlich maken könnt.«

»Ok de beiden Biller an de Wand,« sagte Peter leise, »und min Vigelin'. Dat dor man nix an passiert!«

»Herr Lehrer, Sie können sich auf meine Freunde verlassen,« beruhigte der Schuster den Kranken.

Als Peter ein wenig genossen hatte, kamen die Männer schon zurück. Der Schuster mußte die Bilder über seinem Bett befestigen, Mignon links, den Harfenspieler rechts. Dazwischen fand die Geige ihren Platz, so, daß der Kranke sie ohne große Anstrengung erreichen konnte. Dies waren ihm die liebsten Besitztümer. Die Anordnung des übrigen überließ er den anderen.

Bald hatten sie ihn verlassen, und im Hause wurde es still. Aber Peter konnte noch lange nicht einschlafen.

Es war ja der erste Weihnachtsabend, den er im Leben gefeiert; in der Stube war noch der Harzduft des ersten Christbaums, in dessen Lichterglanz er geschaut hatte. Wie schade, daß das alles so schnell vorübergegangen war, fast ehe er sich recht hatte besinnen können! Nein, noch nicht einschlafen, noch eine Weile liegen und sich still weiter freuen ...

Bald holte er sich die Genossin seiner Leiden und Freuden heran, seine Geige. Stillfroh spielte er mit den Fingern auf dem einsamen, dunklen Krankenlager die lieben, alten Weihnachtsweisen, die um dieselbe Stunde wohl durch Hunderttausende froher, heller Christenhäuser schallten. So schlummerte er zuletzt ein, die treue Freundin im Arm und stille Weihnachtsfreude im Herzen.

Es folgten schwere Tage und Wochen für den Kranken. Manche Stunde blieb ihm nichts als stillhalten und leiden. Aber im tiefsten Grunde blieb er immer froh und dankbar. Denn er konnte leiden unter treuer Liebe Hut und Pflege.

Was hatte der arme Junge in einem kurzen Leben von Liebe erfahren! Eine dunkle Erinnerung aus den ersten Lebensjahren sagte ihm, daß er einmal warm in Mutterarmen geruht hatte. Dann der kurze Maimond seines Lebens, da sein ganzes Wesen in Liebe aufgeblüht war. Dann noch die Freundlichkeit des Musiklehrers auf dem Seminar. Sonst war er ohne Liebe und einsam seine Straße gezogen. Nun hatte der dunkle, stürmische Tag doch noch seinen stillen, lichten Abend. Über den letzten Wochen seines zur Neige gehenden Lebens lag der warme Glanz treusorgender Liebe.

Wie gut sie alle im Hause sich auf die Behandlung des Kranken verstanden! Wenn es dem Leidenden lästig wurde, Menschen um sich zu haben, brauchte er es gar nicht zu sagen. An irgendwelchen Anzeichen merkten sie das und verließen leise das Zimmer. Und wenn er sich nach Gesellschaft sehnte, so dauerte es auch meist nicht lange, bis jemand kam.

Der Schuster sprach am liebsten über geistliche Dinge, und seine Gesellschaft konnte dem Kranken am ehesten drückend werden. Es blieb eben zwischen den beiden der Gegensatz zwischen rheinischer und niedersächsischer Art. Bei dem lebhaften Rheinländer ging es ganz nach dem Wort: Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Der schwerfällige Niedersachse dagegen mußte sein Bestes und Tiefstes keusch im Busen verschließen. Er mochte und konnte nicht darüber reden. Diese Schweigsamkeit und das Fehlen eines Echos machte den Schuster manchmal bedenklich, ob es mit dem Seelenheil seines Pfleglings schon recht bestellt sei, und er sprach immer wieder über alles, was ihm dazu nötig schien. Peter lag dann meist mit geschlossenen Augen und nickte von Zeit zu Zeit, wenn ein Gedanke darunter war, den er als Baustein seines inneren Werdens, das in diesen Leidenszeiten nicht ruhte, gebrauchen konnte, oder ein Wort, das ihm für die dunklen Nachtstunden Trost versprach. Der gute Schuster brachte aber auch manches zutage, was Peter höchst wunderlich vorkam, ja was ihn wohl geradezu abstieß. Denn ganz konnte der Schriftgelehrte hinter der Schusterkugel die Finger von dem heiklen Gebiet der Theologasterei nicht lassen.

Am liebsten war ihm Linas Gesellschaft. Wenn das Mädchen an seinem Bett saß, das feine Gesichtchen über die Handarbeit gebeugt, wenn sie ihn fragend anblickte, ob er einen Wunsch hätte, wenn sie seinen fiebernden Lippen zu trinken reichte, dann konnte er sein Leiden fast vergessen. Hatte sie ihn so eine Zeitlang durch ihre stille Gegenwart erfreut, fühlte er meistens den Wunsch, ihre liebe Stimme zu hören. Dann bat er sie, ihm etwas vorzulesen, bald ein Stück aus der Heiligen Schrift, bald ein Gedicht, das ihm lieb geworden war, oder wonach er sonst gerade Verlangen trug. Dann lag er meist mit geschlossenen Augen; und wenn er auch oft zu schwach war, um den Inhalt des Gelesenen in sich aufzunehmen, so tat ihm doch der Klang ihrer Stimme schon wohl. Am Abend seines kurzen Tagewerks war es ihm eine stille Freude, daß er fast zwei Jahre an dieser lieblichen Menschenknospe Gärtnerdienste hatte tun dürfen.