Das goldene Tor

Part 16

Chapter 161,596 wordsPublic domain

Eines Nachmittags in der Dämmerung, als sie an seinem Bett saß und ihm lange vorgelesen hatte, ergriff er ihre Hand und hielt sie lange fest. »Die dritte,« kam es zuletzt leise über seine Lippen.

»Wie, Herr Lehrer?« fragte das Kind.

»Ach, Lina, ich dachte an etwas. Habe ich etwas gesagt?«

»Ja, Sie sagten: Die Dritte.«

»Ach so, ja; ja, ich dachte an etwas ...«

Er hatte daran gedacht, daß das Kind, dessen Hand er in der seinen fühlte, die dritte gewesen war in der Reihe der Frauengestalten, die ihm den Weg gezeigt hatten. Das letzte und, wie er empfand, tiefste und innerste Werden, das er erlebt hatte, konnte er sich ohne die Arbeit und Vertiefung, wozu ihn dieses Kindes Wesen gezwungen, gar nicht denken.

Die Frau des Schusters hielt es nicht, wie ihr Mann, mit vielen Worten. Dafür aber war sie die verständnis- und liebevollste Pflegerin. Wenn sie ihm das Bett machte, wenn sie ihm das Essen brachte und dem Appetitlosen freundlich zusprach, oder wenn sie ihn bei zu großer Schwachheit fütterte wie ein kleines Kind, immer hatte der Kranke das Gefühl, von Mutterhänden gepflegt zu sein. Ganz so, dachte er, würde seine eigene Mutter es auch machen, wenn sie noch lebte.

Peter sann in einsamen Stunden viel über sein Leben nach. Und da fiel es ihm auf das Gewissen, daß er einst mit einem so pietätlosen Wort von seinem Vater gegangen war. Er bat den Schuster, diesem von seiner Krankheit zu schreiben und ihn zu bitten, daß er seinen kranken Sohn einmal besuchte. Nach drei Tagen kam Harm Eggers an. Peter hatte sich vorgenommen, wegen jener häßlichen Abschiedsszene ihn um Verzeihung zu bitten. Aber er kam nicht dazu. Denn kaum hatte der Vater das abgezehrte Gesicht des Sohnes gesehen, so brach er in wildes, krampfartiges Schluchzen aus. Peter war tief ergriffen, daß dem Vater sein Leiden so zu Herzen ging, und fühlte auch, daß die kindliche Liebe trotz allem in seinem Herzen noch nicht erstorben war. Als aber der Vater sich gar nicht fassen konnte, sah er ihm scharf in die Augen und merkte, daß der Alkohol an diesem Gefühlsausbruch nicht unschuldig war. »Vader!« sagte er tieftraurig. Da fing dieser an, ihm zu versichern, daß er an seiner Krankheit keine Schuld habe. Die hätte er ganz allein von seiner Mutter geerbt. Aber er würde wohl bald wieder besser werden, denn er, der Vater, wäre so gesund, und die ganze Familie, und Trina, und die Geschwister wären alle so gesund, und Peters Urgroßvater wäre beinahe neunzig Jahre alt geworden und hätte alle Zähne mit in den Sarg gekriegt. Peter hatte sich gequält zur Wand umgedreht, und als der Vater im Weggehen ihn einlud, die Osterferien zu Hause zu verleben, antwortete er nicht. Die nächsten Stunden waren sehr schwer für den Kranken. Er mußte noch einmal seine verlorene, elende Jugendzeit in der Erinnerung durchleben und konnte den ganzen Tag keine Menschen um sich haben. Und auch in den nächsten Tagen kam immer wieder ein bitteres Gefühl über ihn, daß er so von dem Menschen, der ihm das Leben gegeben, hatte Abschied nehmen müssen.

Und dann, Anfang März, kam der Tag der letzten Kämpfe.

Als der Schuster an diesem Morgen an sein Bett trat, sagte der Kranke, matt zu Mignons Bilde deutend:

»Ich eile von der schönen Erde hinab in jenes feste Haus.«

»Herr Lehrer, diese Erde schön?« fragte der andere erschreckt. »Ein rechtes Jammertal ist sie.«

»Ja ... ja ... ein Jammertal ... und doch wunderschön ...«

Über die bleichen Zügen ging wie ein stilles Leuchten die Erinnerung glücklicher Tage.

»Und doch ... schön,« sagte er noch einmal.

»Herr Lehrer,« sagte der Schuster dringlich und voll Angst, »Sie stehen vor den Toren der Ewigkeit. Ich bitte Sie um Ihrer Seelen Seligkeit willen, denken Sie an das eine, was not tut, denken Sie an Gott und unsern Heiland!«

»Ich danke ihm ... daß die Erde ... so schön war ...«

»Nein, nein, nicht rückwärts schauen, sondern vorwärts. ... Der Apostel Paulus schreibt ...«

Der Kranke schüttelte abwehrend den Kopf und sagte leise: »Ich weiß, an wen ich glaube ...«

Da ließ der Mann von ihm ab und beschränkte sich darauf, für seine Seele still zu beten.

Als die Sonne untergehen wollte, warf sie einen letzten Schein auf die Fenster der stillen Krankenstube, daß sie tief goldig erglänzten.

Da öffnete der Sterbende, der schon lange bewußtlos gelegen hatte, die Augen und flüsterte leise: »Marie!«

Der Schuster erschrak und wandte sich zu seiner Frau: »Immer noch diese weltlichen Gedanken! Daß so ein junges Blut gar nicht von der Welt loskommen kann ... Herr, zeige ihm dein Heil!«

Wieder machte der Sterbende langsam und weit die Augen auf und wandte sie dem Lichte zu. Sie schienen in unendliche Fernen zu schauen. Und diese blassen Lippen öffneten sich und hauchten: »Das ... goldene ... Tor ...«

»Er ist doch auf dem rechten Wege,« flüsterte der Schuster, und über sein Gesicht ging eine stille Freude, »... er sieht schon die Tore Jerusalems, der hochgebauten Stadt, von ferne leuchten ...«

»Und nun ist er angekommen,« sagte er nach einer Weile.

* * * * *

Zu der Beerdigung kamen der Vater, die Stiefmutter und die ältesten Geschwister auf einem geliehenen Wagen angefahren. Aus Solten sandte jedes Haus zwei zum Trauergefolge. Auch die ganze Schuljugend folgte; jedes Kind trug einen Tannenkranz.

Der alte Superintendent hatte seit Weihnachten einen Adjunkten und war froh, diesem das Begräbnis übertragen zu können. Als die Gemeinde vom Grabe sich in die Kirche begeben hatte, verlas der junge Pastor nach der Sitte zunächst den von einem Lehrer der Nachbarschaft verfaßten Lebenslauf, der die äußeren Lebensdaten des Verstorbenen in stereotyper Form aufzählte. Dann legte er das Blatt zur Seite und fuhr fort: »Was wir eben gehört haben, andächtige Trauerversammlung, ist von dem Leben unseres Entschlafenen das, was vor aller Augen liegt. Sein wirkliches Leben, das Leben, das sich in dem Tiefsten und Eigensten abspielt, das kennt wohl kein Mensch, die nächsten Angehörigen nicht ausgenommen. Ich habe den Entschlafenen auf seinem letzten Lager einige Male besucht und hätte gern einen Blick in sein inneres Leben, seine Entwicklung, sein Werden und Wachsen getan. Aber er hat mir diesen Blick nicht verstattet. Er durfte es wohl nicht, weil die Zartheit und Keuschheit seiner Seele es ihm verbot. Ich habe aber den Eindruck gewonnen, daß er in der Stille viel Leid erfahren und schwere Kämpfe hat durchmachen müssen, und daß er gesiegt hat in der Kraft dessen, durch den wir Christen die Welt überwinden wollen. In dem Lebensalter, in dem er von uns gegangen ist, sind die meisten von uns noch gar nichts. Aber ich glaube, er ist hingegangen nicht als ein Unreifer, sondern als ein Reifer, der ganz in der Stille durch beides, Liebes und Leides, was der Lenker seines Lebens ihm geschickt, etwas geworden ist zu seines Gottes Ehre. Vielleicht sind solche Menschen, die nichts aus sich machen, unerkannt und manchmal auch wohl verkannt ihren Weg gehen, still suchen und sich sehnen, still lieben und leiden, still glauben und hoffen, wachsen und werden, kämpfen und siegen, gerade die besten unseres Geschlechts und Gottes liebste Kinder ...«

* * * * *

Nach Beendigung der Feier kehrten die Verwandten in das Sterbehaus zurück. Sie wollten der Einfachheit halber Peters Hinterlassenschaft gleich auf dem Wagen mitnehmen. Als sie diese zusammensuchten, verteilte die Stiefmutter gleich die einzelnen Kleidungs- und Wäschestücke an ihre anwesenden größeren Kinder. »Düsse Mütz,« sagte sie, »kannst du man updrägen, Vader.« Und Harm Eggers paßte sie gehorsam auf. Die Schulbücher sollten die Jüngsten in der Schule verreißen; wo man mit den gelehrteren bleiben wollte, mußte sich später finden. »Wat fangt wi mit de Vigelin' an?« fragte Trina. Der Schuster bat, sie zum Andenken an den Toten behalten zu dürfen. »Wat will he utgewen?« Zwanzig Silbergroschen bot der Mann. »Nee, ünner'n Daler geiht dat Ding nich weg,« erklärte Trina bestimmt. Der Schuster legte schweigend den Taler auf den Tisch. Die Bilder an der Wand blieben ihm ohne Entgelt, da sie nicht als zur Erbmasse gehörig erkannt wurden. Reich mit Beute beladen fuhr die trauernde Familie davon. Trina berechnete gerade den Gesamtwert des Erbes, da hielt der Wagen an. Clas Mattens war ihm mit seinem Schein in den Weg getreten und erhob Anspruch auf den Tisch. Es gab eine häßliche Szene, aber der Schein und des Bauern Hartnäckigkeit behielten den Sieg. Mit geschmälertem Erbe zog die Familie trauernd weiter.

Die Schustersleute ließen die Zimmerwand, an der Peter seinen letzten Kampf gekämpft, wie sie war. In der Mitte hing seine treue, nun auch verstummte Geige. Links schaute Mignon sehnsuchtsvoll träumerisch in die Ferne:

So laßt mich scheinen, bis ich werde, Zieht mir das weiße Kleid nicht aus! Ich eile von der schönen Erde Hinab in jenes feste Haus.

Rechts saß der Alte über der Harfe gebückt und raunte zu ihren müden Klängen:

Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!

Über den dreien aber hing ein Stück gelblichen, starken Papiers, das mit schlichten schwarzen Buchstaben bedruckt war. Diese schlichten schwarzen Buchstaben waren der Jubelruf und Triumphgesang eines Mannes, der auch ein Lebensbezwinger und Weltüberwinder war:

Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unseren Herrn Jesum Christum!

Fußnoten:

[1] Warte nur.

[2] Erde.

[3] Husten.

[4] Brust.

[5] Qualen.

[6] leer.

[7] gieße.

[8] gekostet.

[9] Art.

[10] ziehen

[11] in Ordnung

[12] kocht

[13] Aufwartung

[14] vermieten

[15] unterkriechen

[16] Brüder und Schwestern

[17] damit ist sie sehr zufrieden

[18] getroffen.

[19] schlägt.

[20] sofort.

[21] sonst.

[22] leihen

[23] betrunken

[24] schwermütig

[25] Worte

[26] Wurst

[27] warte nur

[28] verdrossen

[29] durchgehauen

[30] draußen

[31] rate

[32] gilt

[33] oberste

[34] Häuslinge

[35] gebräuchlich

[36] Himmel

[37] hoffen

[38] dazu lernen

[39] Entzweischlagen

[40] Rücken