Part 14
Auf der Dorfstraße sah er in der Ferne Clas Mattens daher kommen. Er freute sich, diesen zu treffen und ihm gegenüber sein Verhalten rechtfertigen zu können. Dieser konnte vielleicht dann auch die anderen wieder zur Vernunft bringen. Aber kurz bevor sie einander begegnen mußten, bog der Bauer auf ein Gehöft ab. Und als Peter vorbei war und sich umblickte, sah er, daß jener das nur getan hatte, um eine Begegnung zu vermeiden. Jetzt ging er schon seines Weges auf der Dorfstraße weiter.
Den ganzen Nachmittag wurde er von widerstreitenden Gedanken hin- und hergeworfen. Bald lobte er sich, daß er den Bubenstreich so gründlich geahndet hatte. Bald wieder machte er sich schreckliche Vorwürfe, weil er sich so vergessen hatte. Bald glaubte er, in einem heiligen, gerechten Mannesstolz aufgelodert zu sein. Und dann wieder schämte er sich tief vor sich selbst. Bald hob er den Kopf, als ob er Kraft in sich fühlte, der ganzen Welt zu trotzen, um darauf wieder den Tod herbeizuwünschen, der ihn aus dem Kampf entrücken sollte. Ein wie trotziges, und denn doch wieder bis zum Äußersten verzagtes Ding das Menschenherz ist, das erfuhr er in diesen Stunden gründlich.
Am Abend kam der Knecht des Gemeindevorstehers und brachte ihm einen Brief. Dieser enthielt die kurze Aufforderung des Superintendenten, am nächsten Morgen um acht Uhr vor ihm zu erscheinen.
Peter schlief die Nacht über leidlich, fühlte sich am andern Morgen erquickt und war geneigt, seine Sache als eine Kleinigkeit anzusehen. Auch die Wanderung durch die frische Morgenluft tat ihm wohl, und als er bei der Wohnung seines Vorgesetzten anlangte, fand er beinahe Freude daran, sich vor diesem zu verantworten.
Als er in seine Studierstube trat und ihm wie gewöhnlich die Hand zur Begrüßung reichen wollte, wurde er durch eine Handbewegung und durch ein kurzes »Setzen Sie sich« auf einen Stuhl verwiesen.
»Ich habe Sie in einer sehr unangenehmen Sache herzitieren müssen,« begann der Superintendent, nachdem er seine Pfeife in die Ecke gestellt hatte. »Es waren einige Hausväter Ihres Dorfes bei mir, um im Namen der ganzen Schulgemeinde Beschwerde über Sie zu führen. Sie wissen wohl warum.«
»Jawohl,« sagte Peter klar und bestimmt, »weil ich ihren sauberen Jungens die Prügel gegeben habe, die sie doppelt und dreifach verdient hatten. Haben meine Verkläger das auch gesagt?«
»Ich habe natürlich den Ursachen der Züchtigung nachgeforscht, und da sind sie damit herausgekommen. Die Männer geben selbst zu, daß es eine Dummheit von den Kindern war.«
»Eine Dummheit? ~Ich~ meine, eine Bosheit.«
»Nun ja, ich gebe Ihnen gerne zu, es war kein schönes Stück, und eine mäßige Züchtigung war da wohl am Platze. Immerhin muß man bedenken, es handelt sich um Kinder. Bei ruhigem Blute besehen, war's schließlich doch wohl nur ein unschuldiger Kinderstreich.«
»Herr Superintendent, ich muß Ihnen in aller Ehrerbietung widersprechen. Ich kenne meine Missetäter ganz genau. Von ›kindlicher Unschuld‹ kann bei denen wohl nicht gut die Rede sein. Ich bin auf dem Lande, nur vier Stunden von hier, groß geworden. Und wenn ich auch von jeher meine eigenen Wege gegangen bin, so weiß ich doch sehr gut, was bei unseren vierzehnjährigen Jungens von dem, was Sie ›kindliche Unschuld‹ nennen, zu halten ist. Aber ich würde nicht viel daraus gemacht haben, wenn nicht durch diesen Streich gerade ein Kind betroffen wäre, das in meiner Schule und im Dorfe schon seit langem einen schweren Stand hat, weil es begabter, zarter, empfindlicher ist, als die ganze andere Gesellschaft. Andere Mädchen meiner Schule hätten in solchem Falle vielleicht halbverschämt gekichert. Aber Lina Döhler ist darüber krank geworden. Darum, was anderen gegenüber vielleicht nur ein dummer Jungensstreich gewesen wäre, das war bei diesem Kinde einfach eine Gemeinheit.«
»Es will mir scheinen, mein Lieber, daß die Bauern auch in dem anderen Beschwerdepunkt nicht ganz unrecht haben, daß Sie parteiisch wären und nicht alle Kinder mit dem gleichen Maß mäßen. Was bewegt Sie, die Tochter des Schusters vorzuziehen?«
»Vorziehen? Ich bin mir nicht bewußt, sie vorgezogen zu haben. Ich versuche nur, jedes Kind nach seiner Eigenart zu behandeln. Das muß ich freilich sagen, ich bin froh und dankbar, daß ich diese Schülerin in meiner Schule habe. Ein solches Kind ist für den Lehrer nicht nur eine Freude, sondern geradezu ein Segen. Es zwingt ihn, sich zusammenzureißen und sein Bestes zu geben. Es bewahrt ihn davor, ein seichter Schwätzer zu werden ...«
»Also Ihr Pflichtgefühl ist nicht stark genug, um Sie davor zu bewahren? Dazu brauchen Sie eine kleine niedliche Larve mit dunkelbraunen Augen?«
»... Herr Superintendent!«
»Wir schweifen zu weit ab. Ich habe Ihnen einige Fragen vorzulegen, die Sie mir kurz beantworten wollen. Warum schenken Sie diesem Kinde das Lernen des Katechismus?«
Peter sah seinen Vorgesetzten betroffen an und schwieg.
»Als ich im letzten Herbst Ihre Schule revidierte, ertappte ich dieses Mädchen darauf, daß sie zwei wichtige Fragen des Katechismus nicht konnte. Ich gab Ihnen auf, das Kind nachsitzen zu lassen. Man sagt mir, Sie wären dieser dienstlichen Weisung nicht nachgekommen. Wie steht's damit?«
»Die Leute haben Ihnen recht berichtet.«
»Haben Sie denn im Hause das Kind das Versäumte nachholen lassen?«
»Nein,« sagte Peter kurz.
»Warum nicht?« fragte der Superintendent scharf.
Peter schwieg.
»Na, dann will ich's Ihnen sagen. Außer einem anderen Grunde, der heimlich mitgespielt haben mag: weil Sie den Schuster mehr fürchten als mich, Ihren Vorgesetzten.«
»Nein, Herr Superintendent,« sagte Peter, indem er sich aufrichtete, »sondern, weil ein Mädchen wie Lina Döhler es nicht nötig hat, die Pflichten gegen sich selbst aus dem Katechismusgeschwätz auswendig zu lernen.«
Der Superintendent schlug mit der Hand auf den Tisch und rief: »Unerhört! Sie aufgeblasener Schulmeister Sie, der seine ganze Weisheit in einem Winter auf dem Seminar aufgesammelt hat, Sie wagen, unseren altehrwürdigen, bewährten Katechismus zu beschimpfen? Unerhört! Ja, wenn Sie ihn selbst nur besser kennten und beherzigten! Gerade in den Sätzen, um die es sich bei Ihrer geliebten Schülerin damals handelte, war, soweit ich mich erinnere, die Rede von ›Mäßigung aufwallender, heftiger Gemütsbewegungen‹. Hätten Sie sich diese Worte hinter die Ohren geschrieben, statt in ihrem schulmeisterlichen Dünkel darüber zu Gericht zu sitzen, dann hätten Sie sich nicht soweit vergessen können, in blinder Wut mit einem Eichenknüppel um sich zu schlagen und zu schreien: Ich schlage dich tot. Sie können Gott danken, daß es nicht wirklich zu einem Totschlag gekommen ist. ~Ihr~ Verdienst war das jedenfalls nicht! Schämen Sie sich! Sie haben alle Ursache, die großen Worte, die Sie hier geführt haben, zu lassen und sich einmal gründlich zu demütigen. Na, nun husten Sie man nicht auf einmal so!«
Peter hatte während der letzten Sätze seines Vorgesetzten einen Hustenanfall bekommen, der fast eine halbe Minute anhielt. Als er wieder Ruhe hatte, sagte er gequält: »Herr Superintendent, verzeihen Sie, ich bin schwer krank. Ich glaube, meine Krankheit ist auch mit schuld daran, daß ich mich so vergessen habe.«
»Ach was! ~Sie~ krank? Sie haben sich in Solten tüchtig herausgemacht und sehen geradezu blühend aus. Solche faulen Entschuldigungen kann ich nicht gelten lassen. Wegen Ihrer Jugend und Unerfahrenheit will ich jedoch von weiteren Schritten absehen, erteile Ihnen aber wegen gröblicher Ueberschreitung des Züchtigungsrechtes und wegen Ungehorsams gegen einen Befehl Ihres Vorgesetzten hiermit eine scharfe Rüge. Außerdem lege ich Ihnen auf, mir binnen drei Tagen zu berichten: erstens, daß Sie die Väter der von Ihnen mißhandelten Kinder um Verzeihung gebeten haben, und zweitens, daß die Tochter des Schusters die Katechismusstücke, um die es sich bei der Revision handelte, inzwischen gelernt hat. Innerhalb sechs Wochen haben Sie weiter zu berichten, daß sie alles nachgeholt hat, was sie dank Ihrem freundlichen Entgegenkommen bisher hat versäumen dürfen. Endlich möchte ich Sie noch ersuchen, im dienstlichen Verkehr mit mir sich eines angemesseneren Tones zu befleißigen. Sie hätten heute öfter als einmal verdient, an die Luft gesetzt zu werden. Sie können jetzt gehen.«
Der Rückweg nach Solten wurde Peter sauer. Er mußte sich mehrere Male an einen Baum lehnen.
Zum Mittagessen ging er nicht in das Dorf. Der Reihetisch hätte ihn heute zu Westermann geführt, und dem wollte er lieber doch nicht unter die Augen treten. Er blieb auf seinem Zimmer und aß ein wenig von dem Brot, das die Häuslingsfrau, die ihm die Morgenmilch besorgte und sein Zimmer aufräumte, für ihn mitzubacken pflegte.
Und dann kamen wieder die unendlich langen Nachmittagsstunden. Eine Arbeit, die ihm über sie hinweggeholfen hätte, vorzunehmen, war er nicht imstande. Er lag auf seinem Bett und mußte grübeln und grübeln. Grübeln über das Geschehene, wie gestern. Und grübeln, was nun werden sollte. Und dabei wurde er auch von den widerstreitendsten Gedanken hin und her geworfen. Bald war er entschlossen, dem Vorgesetzten zu trotzen, was auch daraus werden mochte. Dann wieder erwog er dessen Forderungen, und überlegte, wie er sie erfüllen könnte. Zu einem festen und dauernden Entschluß kam er nicht.
Als er lange so einsam sich gequält hatte, kam ihm der Gedanke: Wenn du doch nur ~einen~ Menschen hättest, mit dem du dich beraten könntest. Aber mit wem?
Mit Clas Mattens? Ja, es war gut mit ihm zu reden und zu beraten, solange man im Dorfe lieb' Kind war. Es war interessant und lehrreich, ihm zuzuhören, wenn er in seiner sachlichen und humorvollen Weise von den Dingen des bäuerlichen Lebens sprach. Aber für das, worum es sich jetzt handelte, fehlte ihm jedes Verständnis. Da war er einfach der Bauer, der mit den Bauern durch dick und dünn ging. Und diese alle hielten fest zusammen. Peter fühlte, daß er die Dorfgemeinde geschlossen gegen sich hatte. Und er empfand auch, dieser Gemeingeist war so stark, daß er selbst von den wohlwollendsten Männern unter diesen Umständen keine gerecht abwägende Beurteilung seiner Sache erwarten dürfte.
Da dachte er an den Schuster. Wie seine Kinder in der Schule, so nahm er selbst in der Dorfgemeinde eine Ausnahmestellung ein. Ob er sich einmal mit ihm beraten sollte? Der Mann hatte ja auch die Menschen gegen sich gehabt und Kämpfe durchgemacht. Und um seinet- und seiner Familie willen war er, Peter, ja auch in diese böse Lage hineingekommen. Ohne Lina und Paul hätte er alle seine Lebtage in Solten so friedlich Schule halten können, wie der alte Wencke in Wehlingen. Sollte er versuchen, sich bei ihm Rat zu suchen? Nein, der Mann war doch zu wunderlich. Der redete dann wieder seine Sprache Kanaans und wollte alle Schwierigkeiten mit schönen Bibelsprüchen lösen.
Aber je länger Peter grübelte und sich quälte, desto größer wurde sein Verlangen, einen Menschen, ein Menschenantlitz zu sehen und ein Menschenwort zu hören. Und endlich schrieb er ein paar Zeilen an den Schuster, in denen er ihn dringend bat, ihn noch heute abend zu besuchen. Diese übergab er dem Kinde seiner Aufwärterin, nebst einem Paar Stiefel, die besohlt werden mußten.
Der Weg bis zur Wohnung des Mannes nahm zehn Minuten in Anspruch. So glaubte er, ihn in einer halben Stunde erwarten zu können ...
Eine ganze Stunde war schon vergangen, und noch immer wartete er vergebens. Da nahm er, um die Zeit hinzubringen, seine Geige, stimmte sie sehr sorgfältig und begann zu spielen. Aber die gute Freundin war diesen Abend kalt und teilnahmlos. Sie machte wohl ihre Töne, aber es war keine Seele darin.
Fast hart warf er das Instrument auf den Tisch. Nach einem Menschen sehnte er sich, nach einem Menschenauge und Menschenwort.
Endlich -- es war inzwischen völlig dunkel geworden -- wurden draußen Fußtritte laut, und nach umständlichem Fußreinigen vor der Haustür trat der Erwartete ein. »'Abend, Herr Lehrer haben mich herbestellt,« sagte er förmlich und steif. »Was wünschen der Herr Lehrer von mir?«
»Ach bitte, nehmen Sie doch Platz,« sagte Peter, »und lassen Sie mich erst Licht anzünden.«
Als die Lampe brannte, fing er an, unruhig und gesenkten Hauptes in der Stube hin und her zu gehen.
»Der Herr Lehrer sieht sehr angegriffen aus,« sagte der Besucher.
»Kein Wunder, ich habe auch schreckliche Stunden hinter mir, die ich meinem schlimmsten Feinde nicht gönnen möchte,« sagte Peter, vor dem Manne stehenbleibend.
»Ja,« sagte der Schuster und nickte still vor sich hin, »des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist.«
Der erste Bibelspruch! dachte Peter.
Er fuhr fort, die Stube zu durchmessen. Plötzlich blieb er wieder vor seinem Gaste stehen: »Was soll ich machen? Raten Sie mir!«
»Sie müssen sich demütigen,« sagte der andere einfach.
»Ach, gedemütigt bin ich heute genug. Ich war beim Superintendenten.«
»Das nützt nichts. Sie müssen sich selbst demütigen ... vor Gott und Menschen ...«
»Vor Gott?«
»Ja, das ist die Hauptsache.«
»Ja, mein Lieber, Sie reden immer so viel und schön von Gott, als ob Sie mit in seinem Rate säßen. Nun hören Sie mal zu, aber erschrecken Sie nicht zu sehr. Wir wollen mal ganz ehrlich sein. Was hilft es, sich und anderen Menschen was vorzumachen? An Ihren ›lieben Gott‹ glaube ich gar nicht. Ich habe auch wohl mal geglaubt, aber eine schreckliche Nacht meines Lebens hat mir meinen Glauben hingemordet.«
»Soo? ... Das ist vielleicht gut.«
»Das ist gut?«
»Ja.«
»Warum?«
»Was Sie da verloren haben, war der wirkliche Gott gar nicht. Das war nur ein Götze, den Sie sich selbst in ihrem kindlichen Unverstand zurechtgemacht hatten, und meinten dann, dieser arme Götze könnte und müßte Ihnen nun alle irdischen und sündlichen Wünsche erfüllen. Und als er das nicht tat, warfen Sie ihn über Bord ... Wer den lebendigen Gott einmal gefunden hat, der kann ihn nicht wieder verlieren.«
»Wer ist denn dieser lebendige Gott?«
»Der Vater unseres Herrn Jesu Christi.«
»Das habe ich tausendmal gehört, und bin damit nichts klüger als vorher.«
»Lieber Herr Lehrer, ich weiß von meiner Lina, daß Sie unseren Herrn nicht verachten, daß Sie ihn auch liebhaben. Nun, der hat gesagt: Philippe, wer mich siehet, der siehet den Vater.«
»Aber wie macht man's denn, daß man in ihm den Vater sieht?«
»Das muß Gott uns blinden Menschen offenbaren. Niemand kennet den Vater denn nur der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren. Und niemand kennet den Sohn denn nur der Vater, und wem es der Vater will offenbaren.«
»Ja, so jagt ihr uns ewig im Kreise herum, ihr klugen Schriftgelehrten ...«
»Wissen Sie was, Herr Lehrer? Ich freue mich herzlich, daß Sie in diese Not hineingekommen sind.«
»Darüber freuen Sie sich?«
»Sie sagten vorhin, Sie hätten in einer schrecklichen Nacht Gott verloren. Und ich sage Ihnen, in einer noch schrecklicheren Nacht der Seele werden Sie den lebendigen Gott wiederfinden. Wenn der Wellen Macht in der trüben Nacht will des Herzens Schifflein decken, da wird er seine Hand nach Ihnen ausstrecken.«
»Verstehen Sie sich auch aufs Prophezeien?«
»Nein, aber ich weiß, Sie werden die Last, die Sie sich selbst aufgeladen haben, nicht eher los werden, als bis Sie sie auf Gott geworfen haben.«
»Soo? Das meinen Sie ...«
»Sie gehören überhaupt zu den Menschen, die nicht ohne Gott sein können. Sie haben auch schon in Ihren Kinderjahren Stunden gehabt, wo Sie ihm nicht ferne waren.«
»Woher wissen Sie das?«
»Das weiß ich nicht. Das fühle ich. Was ich aber wirklich fühle, das ist mir viel gewisser, als was ich mit dem Kopfe weiß. Sehen Sie, Herr Lehrer, bei welchen Menschen muß ich an das Wort des Apostels Paulus denken: Der Glaube ist nicht jedermanns Ding. Und bei welchen an das Wort des Kirchenvaters Augustin: Du hast uns zu dir geschaffen, und unser Herz ist unruhig, bis es ruhet in dir. Das unruhige Herz haben Sie schon. Schon lange haben Sie das Herz, das da dürstet nach dem lebendigen Gott wie ein dürres Land. Und seine Ruhe wird es noch finden ...«
»Ja, wenn sie's mit Erde zudecken ...«
»Nein ... schon früher ... vielleicht schon gar bald ...«
»... Na ja ... aber ich habe Sie nicht hergebeten, um mit ihnen über theologische Spitzfindigkeiten zu streiten und mir Ihre Ahnungen erzählen zu lassen. Ich wollte Sie in meiner schwierigen Lage um Rat fragen.«
»Darüber sprechen wir ja auch nur.«
»Na ja, aber nun etwas anderes! Ich war heute vor den Superintendenten geladen. Dieser, Ihr besonderer Freund, verlangt von mir, daß ich hingehen und die Eltern der bösen Buben um Verzeihung bitten soll.«
»Da hat der Herr recht. Ich sagte ja auch vorhin schon, Sie müßten sich demütigen, auch vor den Menschen.«
»Aber wo bleibt da meine Achtung im Dorf? Wie kann ich mich dann noch als Schulmeister sehen lassen?«
»Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöhet werden.«
»Ach ja, Ihre Bibelsprüche kenne ich auch.«
»Aber Sie verstehen Sie noch nicht recht ... Ihre Stellung als Lehrer haben Sie durch Ihre Raserei selbst zunichte gemacht. Die können Sie nur wieder gewinnen, wenn Sie es ehrlich aussprechen, daß Ihnen das, was geschehen ist, ehrlich leid tut.«
»Das ist aber nicht so leicht ...«
»Nein, für den alten Adam nicht.«
»... Und was der Superintendent dann noch verlangt, geht Sie besonders an. Ich soll Ihre Lina zwingen, den Katechismus zu lernen.«
»Das dulde ich nicht, daß dieses Buch in mein Haus kommt.«
»Wenn ich nun aber Ihre Tochter tagtäglich nachsitzen lasse und auf diese Weise zwinge?«
»Das ist Ihre Sache, die Sie mit Ihrem Gewissen abmachen müssen. Ich könnte es ja nicht hindern. Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen. Aber ich sage meinen Kindern auch immer, daß sie in der Welt vieles sehen, hören und lernen müssen, was dem Herrn nicht zur Ehre ist. Das müßten Sie sehen, als sähen sie es nicht, hören, als hörten sie es nicht. Was in den Kopf hineingeht, das verunreinigt den Menschen nicht. Wenn's nur nicht ins Herz eingeht! Und davor bin ich bei meiner Lina nicht bange.«
»Warum sprechen Sie eigentlich immer in biblischen Ausdrücken?«
»Soo? Tue ich das? Dann muß das wohl davon kommen, daß ich viel in der Bibel lese.«
»Deshalb halten viele Menschen Sie für einen Heuchler.«
»Das mögen Sie tun. Der Mensch sieht, was vor Augen ist, aber Gott siehet das Herz an ...«
»Ach, was sitzt so ein armer Schulmeister dazwischen ...!«
»Nicht bloß die Schulmeister, wir alle sitzen arg dazwischen in dieser bösen Welt ...«
Sie schwiegen. Draußen schlug der Hofhund an und riß wütend an der Kette.
Der Schuster horchte auf. »Ist da jemand vor dem Fenster?« fragte er leise.
»Och, wer sollte da sein ...« sagte Peter gleichgültig. Aber in demselben Augenblick zuckten sie beide zusammen. Mit scharfem Geklirr und Gekrach war ein faustdicker Stein durch das Fenster dicht an Peters Kopf vorbeigeflogen, und an der Wand, ein Stück Kalkbewurf mit sich reißend, zur Erde gefallen. Draußen entfernten sich eilige Schritte.
Peter ging hin, nahm den Stein auf und sagte bitter, ihn in der Hand wägend: »Wenn dieser eine halbe Elle mehr nach rechts geflogen wäre, dann wäre alle Not auf einmal zu Ende.«
»Herr Lehrer!« rief der Schuster erschrocken, »so dürfen Sie nicht reden.«
»So hassen sie mich,« sagte Peter und drückte den Stein verzweifelnd vor die Stirn.
»Das hat ein böser Bube getan,« sagte der andere, »deshalb dürfen Sie nicht an den Menschen verzweifeln!«
»So und so ähnlich habe ich die Menschen immer gekannt ...«
»Herr Lehrer, ich weiß wohl, wie tief das sündliche Verderben ist, das seit Adams Fall in der menschlichen Natur steckt. Aber wirklich, so schlecht sind die Menschen nicht.«
»Die gegen mich anders waren, kann ich an den Fingern abzählen, und behalte noch einige Finger übrig ...«
»Herr Lehrer, Sie lästern Gott, wenn Sie so sprechen.«
»Kann ich dafür, wenn er die Menschen nicht besser geschaffen hat? Wenn er seiner Schöpfung keine bessere Krone hat aufsetzen können?«
»Herr Lehrer, Sie wissen nicht, was Sie reden.«
»Bitte, gehen Sie!«
»Es wird mir schwer, Sie in diesem Zustande allein zu lassen ...«
»Aber ich will und kann von der ganzen Bande, die sich Krone der Schöpfung nennt, keinen mehr vor Augen sehen. Hören Sie, ~keinen~!«
»... Dann muß ich ja gehen ... Aber ich werde diese Nacht daheim für Sie beten.«
»Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Was Sie in Ihrem Hause machen, geht mich nichts an.«
»Gott ... befohlen,« sagte der Schuster bewegt und streckte Peter die Hand hin. Dieser zögerte erst, dann berührte er sie flüchtig mit seiner Linken.
Der Mann sah ihm in die irren, glühenden Augen und bat sanft: »Lieber Herr Lehrer, bitte, gehen Sie gleich ins Bett. Nicht wahr, das versprechen Sie mir?«
»Wenn Sie nur erst hinaus sind!« sagte Peter, erregt mit dem Fuße aufstampfend.
Da ging der Mann. Draußen hallten seine Schritte, und der Hund schlug an. Dann verhallten die Schritte und der Hund kroch wieder in seine Hütte, die hohl schnurrende Kette nachschleifend.
Nun atmete Peter auf und ließ sich schwer auf seinen Stuhl fallen. Da horchte er auf. Was war das wieder für ein Geräusch? ... Jetzt war's still. Plötzlich fiel ihm ein, das ganze Dorf ringsum steckte voll von Menschen, Menschen. Hinweg! Da draußen, in der Heide, da sind keine Menschen. Er nahm hastig Mütze und Stock und taumelte hinaus.
Aah, wie das wohltut, so ein kühler Nachtwind, nach der dumpfen Stubenluft ... Wenn mir nur keiner begegnet. Ach nein, die schlafen alle. Die Art hat es gut. Des Tags über arbeiten sie sich müde, und des Abends kriechen sie in ihre Butzen, zu zweien oder zu mehreren. Jeder hat welche, die zu ihm gehören. Und das ganze Dorf gehört zusammen. Da versteht einer den anderen, und jeder findet am anderen Rückhalt. »Wi sünd alltohopen gode Lüe,« sagt Clas Mattens. Ha! ... Da brennt ein Licht! ... Ach ja, da wohnt der Schuster. Der gute Narr ... er will diese Nacht für mich beten. Wie damals: Herr, bringe auch unseren lieben Schulmeister aus der Finsternis zum Licht, ha! ... Wie das gleich anstrengt, wenn der Weg ein wenig bergan steigt. Das Herz rast, wohl hundertzwanzig Schläge in der Minute ... Ach, der schreckliche Husten ... So, nun geht es wieder ... Hier hören die Äcker auf, die Heide fängt an. Wie das duftet ... Ach ja, es ist August, die Heide blüht ... Und da oben glühen die Sterne ... Mutter, was waren das für glückliche Zeiten, als du da oben noch an den goldenen Himmelsfenstern saßest! Mutter, wo bist du? Kannst du deinem verlorenen Kinde nicht nahe sein in diesen schrecklichen Stunden? Hier geht es, in dunkler Nacht, durch die öde Heide, den Tod in der Brust, von den Menschen gehaßt, und muß sich selbst verachten. Und du hast so kalte, tote Augen ... Zum goldenen Tore? ... Ha! ... Einst leuchtete es vor uns, und das Herz war all seines Suchens und Sehnens so froh, nun ist's verschlungen in Nacht und Grauen ... Das war alles, alles Lüge ... Das Grab ist tief und stille, und schauerlich sein Rand, es deckt mit dunkler Hülle ein unbekanntes Land ... Vielleicht auch einen Ort der Qual, voll Heulen und Zähneklappen ...? Ach einen Ort mit mehr Qual als diese »schöne Erde« kann's ja gar nicht geben. Hier stoßen sie einen mit Füßen, werfen einen mit Steinen ... machen fromme Redensarten, und es steckt nichts dahinter ... Aber nein, mach' dir selbst nichts vor! Du selbst bist Störer deiner Ruh, du zogst dir selbst dein Leiden zu ... Ja, so ist's ... Und das ist das Schlimmste ... Das Allerschlimmste ... Das bringt einen so herunter ... Das jagt einen in die Nacht hinaus ...