Part 13
»Na, also!«
»Haben Sie das den Kindern nicht erklärt?« wandte der geistliche Herr sich an den jungen Lehrer.
»Nein, Herr Superintendent ...«
»Dann will ich's euch sagen. Paßt nur hübsch auf! Der Jüngling war schwer krank gewesen und zuletzt vor allzu großer Schwäche in einen Zustand tiefer Bewußtlosigkeit, in einen ganz festen Schlaf gefallen. Da meinte seine Mutter, er wäre tot, und bestellte die Beerdigung. Weil es bei solchen Leuten scheint, als ob sie tot wären, nennt man sie ~schein~tot. Als nun die Träger unterwegs den Sarg hinstellten, gab das schon einen Ruck, und als nun der Meister den Jüngling an der Hand zog und ihn laut anrief, erwachte er aus seinem Scheintode. Dergleichen hat man öfter gehabt.«
Die Kinder waren ganz Ohr. Peter sah auf seine linke Stiefelspitze.
»Nun wollen wir Katechismus nehmen,« sagte der Superintendent. »Frage 165: Wie hat man für seine Gesundheit zu sorgen?«
Alle Kinder der ersten beiden Bänke zeigten auf, bis auf Schusters Lina. Wenn er nur das Unglückskind nicht faßte! Denn Peter hatte dem Mädchen das Nichtlernen des Katechismus stillschweigend so hingehen lassen.
Richtig, da hat er sie schon. »Du, da, die zweite auf der zweiten Bank!«
Lina stand auf, sah vor sich nieder und schwieg.
»Das weißt du nicht? Und alle auf deiner Bank zeigen die Finger. Schäme dich, du großes Mädchen, setz dich!«
Ihre Nachbarin gab die Antwort.
»Durch gesunde Speise und Trank, durch Mäßigkeit in Essen, Trinken und Schlafen; durch Mäßigung aufwallender heftiger Gemütsbewegungen, durch Arbeitsamkeit, Vorsichtigkeit, und durch die, auch zu unserer Empfehlung bei anderen Menschen unentbehrliche Reinlichkeit.«
»Gut. Wie sagt der weise Sirach darüber?«
Ein Junge schrie die Antwort:
»Mein Kind, prüfe, was deinem Leibe gesund ist, und was ihm ungesund ist, das gib ihm nicht.«
»Gut. Nun aber du noch mal, du Faule da, so billig können wir dich nicht laufen lassen. Warum haben wir unseren Gliedmaßen eine gewisse Leichtigkeit und Gewandtheit zu nützlichen Arbeiten zu verschaffen?«
Lina stand wieder auf und sah verlegen vor sich nieder.
Peter wagte die bescheidene Bemerkung, den kleinen Katechismus Luthers könnte das Mädchen sicher und gut.
»Das genügt mir nicht,« sagte der Superintendent kopfschüttelnd. »Gerade auf den Abschnitt unseres Landeskatechismus, der von dem pflichtmäßigen Verhalten gegen uns selbst handelt, lege ich besonderen Wert. Lassen Sie das Kind nachher zurückbleiben und das lernen, was es nicht gewußt hat.«
Ein anderes Mädchen mußte die ausstehende Antwort geben: »Wir erleichtern uns dadurch unsere Berufsgeschäfte, daß sie uns schneller und besser vonstatten gehen, und machen uns bei anderen angenehm.«
»Gut, mein Kind. Einen schönen Vers dazu. Finger weg! Im Chor!«
Die Kinder standen auf und schrien:
Gesunde Glieder, muntre Kräfte, Wieviel sind die, o Gott, nicht wert! Wer taugt zu des Berufs Geschäfte, Wenn Krankheit seinen Leib beschwert? Ist nicht der Erde größtes Gut Gesundheit und ein froher Mut?
So laß mich denn mit Sorgfalt meiden Was meines Körpers Wohlsein stört, Daß nicht, wenn meine Kräfte leiden, Mein Geist den innern Vorwurf hört: Du selbst bist Störer deiner Ruh, Du zogst dir selbst dein Leiden zu!
Darauf prüfte der Superintendent noch kurz im Lesen, Schreiben und Rechnen. Die »Realien« standen noch nicht auf dem Stundenplan einer Dorfschule.
Nachdem er sich zum Schluß einen Choral hatte singen lassen, sagte er freundlich:
»Nun sollt ihr für heute frei haben. Macht, daß ihr nach Hause kommt!« Lina sah fragend ihren Lehrer an, der aber gerade in anderer Richtung blickte. Einen Augenblick zögerte sie, dann ging sie mit den anderen hinaus.
Als das Geklapper der Holzschuhe verhallt war, klopfte der Superintendent dem jungen Schulmeister auf die Schulter und sagte: »Ich bin im ganzen mit Ihren Leistungen zufrieden. Das wird schon werden. Sie müssen nur in der biblischen Geschichte nicht vergessen, den Kindern die Sachen vernünftig zu erklären. Sonst verdunkeln wir damit wieder, was wir in anderen Stunden aufklären. Und im Katechismus müssen Sie alle Kinder gleichmäßig im Auge haben. Das darf nicht vorkommen, daß ein so großes Mädchen gänzlich versagt. Sie nannten vorhin Luthers Katechismus. Nun, ich verkenne natürlich nicht, daß Luther für seine Zeit ein ganz tüchtiger Mann gewesen ist. Aber sein Katechismus ist im Grunde heute doch veraltet. Es ist auch bezeichnend, daß unsere neuesten Pietisten sich gerade auf ihn berufen, um uns in das von ihm nicht überwundene finstere Mittelalter zurückzustoßen. Sehen Sie, wir haben Männer wie Röhr und Wegscheider, und Teller und Gabler, und auch der Verfasser unseres Landeskatechismus gehört zu ihnen, die sein Werk für unsere Zeit fortgesetzt und vollendet haben. Um noch einmal auf Luthers Katechismus zurückzukommen, wo finden Sie da etwas, was dem Abschnitt unseres Landeskatechismus ›Vom pflichtmäßigen Verhalten gegen uns selbst‹ an die Seite zu stellen wäre?«
»Herr Superintendent, wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf, es will mir scheinen, als ob die Dinge, die in diesem Abschnitt abgehandelt werden, zum Teil eigentlich mit der christlichen Religion so ganz viel nicht zu tun hätten.«
»Das verstehen Sie nicht, mein lieber Eggers, weil Sie nicht studiert haben ... Sehen Sie, in der alten Religion grübelte man stets über Dinge nach, die wir nicht wissen und nicht wissen können. Da ist es nun gerade der Vorzug der Religion der Aufklärung, daß sie durchaus praktisch gerichtet ist, daß sie sich um das wirkliche Leben kümmert und dafür allerhand nützliche Lehren gibt. Sie werden bemerkt haben, wie ich mich Sonntag für Sonntag bemühe, den biblischen Texten praktische Seiten abzugewinnen, was wirklich zuweilen gar nicht leicht ist. Wenn Sie sich daran ein Beispiel nehmen wollen, werden Sie Ihren Religionsunterricht immer praktischer und fruchtbringender zu gestalten lernen. Nun aber, wie gesagt, im allgemeinen bin ich wirklich sehr mit Ihren Leistungen zufrieden. Und was nicht ist, das wird schon noch werden ...
Apropos, was machen denn unsere hiesigen Dunkelmänner?«
Peter sagte, er hätte den Schuster erst einmal gesprochen, am ersten Schultage, als er seinen Sohn gebracht habe.
»Hat er auch schon ältere Kinder in der Schule?« fragte der alte Herr interessiert.
»Eins,« sagte Peter kurz.
»Wie machen seine Sprößlinge sich denn?«
»Gut. Es sind tüchtige und fleißige Kinder.«
»Naja, wir wollen hoffen, daß die Schule ihnen die Rückständigkeiten aus dem Kopfe herausbringt, die ihnen zu Hause hineingesetzt werden. Haben Sie auf die Kinder besonders acht! Na, nachher kriege ich sie ja auch noch, im Konfirmandenunterricht ... Haben Sie etwas gemerkt von heimlichen Wühlereien und Winkelversammlungen?«
»Och, Herr Superintendent, es widerstrebt mir, dahinter her zu spionieren. Ich denke immer: Was die Menschen so in ihren Häusern treiben, das geht dich nichts an. Ich möchte auch nicht, wenn einer sich darum kümmerte, was ich zwischen meinen vier Wänden treibe.«
»Es handelt sich aber hier um unerlaubte, heimliche Zusammenrottungen,« sagte der Superintendent mit einem verwunderten Blick auf den jungen Schulmeister.
»Wenn der Schuster sich einige gute Freunde einladen will, um mit ihnen zu singen und zu beten, was ist dagegen zu sagen?«
»Dagegen ist zu sagen, daß zum Singen und Beten die öffentlichen Gottesdienste in der Kirche eingerichtet sind. Ich muß jetzt gehen, damit meine Frau nicht mit dem Essen auf mich zu warten braucht. Vergessen Sie aber nicht, mein Freund, daß Kirche und Schule gemeinsam berufen sind, über dem Wohl und der Gesundheit des Volkslebens zu wachen. Und lassen Sie sich nicht verführen! Bleiben Sie ein geistig freier und aufrechter Mensch!«
Der alte Herr hatte Hut und spanisches Rohr genommen und ging. Peter gab ihm über den Hof bis an die Straße das Geleit. Nachdenklich ging er dann nach seinem Hause zurück. Alle diese Menschen, der Superintendent, der Schuster, Claus Mattens, lebten zusammen in einer kleinen Heidegemeinde, fernab von der großen Welt, aßen dasselbe Brot, tranken dasselbe Wasser, und doch lebte jeder von ihnen in seiner eigenen Welt, ohne den anderen und seine Welt zu kennen. Und alle waren sie bemüht, ihn, den Unfertigen, der sich noch nicht irgendwo festgesetzt hatte, zu sich herüberzuziehen, der eine durch sein Gewicht als Vorgesetzter, der andere durch seine Bauernklugheit, der dritte durch sein Gebet. Eine wunderliche Welt!
Peter schüttelte den Kopf. Wie leicht wurde der alte Herr mit den Dingen fertig, die er selbst für die schwersten hielt! Der sagte einfach: »Ich habe das studiert; ich muß das wissen. Und Sie haben nicht studiert; folglich verstehen Sie nichts davon.« Wenn es mit der Religion nicht mehr auf sich hat, als dieser studierte Herr sich darüber zusammenstudiert hat, dann weg damit, lieber heute als morgen, aus der Schule, und aus dem Leben auch. Aber etwas mehr sitzt doch wohl dahinter ... Oder wenigstens ursprünglich ist's mehr gewesen ... Darüber würde wohl die Bibel am besten Auskunft geben können, die ja damals geschrieben ist. Will mich doch einmal danach umtun, unbekümmert darum, was Kirchenleute und Schuster nachher aus dem Ursprünglichen gemacht haben. Interessant ist und bleibt die Sache nun doch einmal. Wenn unsereiner nur Lesen, Schreiben und Rechnen pauken sollte, es wäre ja, um aus der Haut zu fahren. Hierbei kann man doch einmal warm werden, kann seinen Kindern mal ans Herz kommen ...
Wenn unter eine Spatzenschar ein Spatz kommt, der etwas anders aussieht als die anderen Spatzen, dann hacken diese so lange auf ihm herum, bis er tot ist. Ein Spatz soll eben ein Spatz sein, von der alten guten Spatzenart. Jede Abweichung davon ist ein todwürdiges Verbrechen.
Die Rolle eines solchen unglücklichen Vogels spielten unter der Soltener Schuljugend die Schusterskinder. Warum hatten die dunkle Augen? Warum kamen sie nicht mit Holz- sondern mit Lederschuhen zur Schule? Warum balgten sie sich nicht wie die anderen? Warum kamen sie abends nicht zum Spiel? Warum machten sie sich durch ihre Streberei bei dem Schulmeister so beliebt? Kurz, warum waren sie anders als die anderen? Das konnte die Schuljugend nicht hingehen lassen, und wo sie konnte, wischte sie den Fremden eins aus. Und sie hatte dabei das allerbeste Gewissen von der Welt. Sie war überzeugt, damit die Sache der Heimat gegen das Fremde, ja die der Kirche gegen die Abtrünnigen zu vertreten. Ja, sie war eben auch ein getreues Abbild der großen Welt, die Schule in Solten.
Peter hatte einige Male den Stock gebraucht, als er von diesen Hänseleien und Quälereien etwas gemerkt hatte, aber damit die Sache nur schlimmer gemacht. Nur daß die Bösewichter jetzt vor den Augen des unbegreiflich parteiischen Lehrers sich hüteten, wenn sie ihrer guten und gerechten Sache weiter dienten.
Peter war jetzt fünfviertel Jahr in Solten. Er hatte sich gut eingelebt, und die Leute hatten ihn gern. Er fühlte sich wohl im Dorfe und brachte auch die Ferien dort zu. Nach Hause zu gehen, konnte er nicht mehr über sich gewinnen, seitdem der Vater ihm öffentlich im Wirtshause von Brunsdorf Undankbarkeit für die empfangene Wohltaten vorgeworfen hatte. Von der bei Clas Mattens geliehenen Summe hatte er bereits einen Teil zurückgezahlt.
Am Abend vor dem Wiederbeginn der Schule nach den Sommerferien sah Peter zu seiner Verwunderung den Schuster auf sein Haus zukommen. Er hatte sonst keine Beziehung zu ihm, als daß er sich von ihm seine Schuhe flicken und besohlen ließ. Was mochte der Mann wollen? Wollte er einen Bekehrungsversuch machen? Peter nahm sich die größte Kühle und Zurückhaltung vor.
Er schlug sein dickstes Buch auf und begann irgendwo zu lesen.
Es klopfte. Peter schwieg.
Es klopfte noch einmal. »Herein,« sagte Peter wie aus dem tiefsten Nachdenken heraus.
»Guten Tag, Herr Lehrer.«
»Guten Tag,« sagte Peter tonlos und las seinen Satz zu Ende. Dann wandte er sich langsam herum und fragte kühl: »Was wünschen Sie?«
»Herr Lehrer,« sagte der Schuster, wobei er in großer innerer Erregung die Mütze zwischen den Händen drehte, »meine Kinder müssen von den anderen Kindern im Dorfe viel leiden. Aber ich habe bis jetzt immer dazu still geschwiegen. Denn es steht geschrieben: Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn das Himmelreich ist ihr. Aber, Herr Lehrer, heute darf ich nicht schweigen. Denn wenn Menschen schweigen wollten, müßten die Steine schreien.«
»Was ist denn passiert?« fragte Peter. »Machen Sie doch nicht so viele Worte!«
Der Schuster erzählte nun kurz und sachlich, seine Tochter Lina hätte mit dem kleinen Paul diesen heißen Nachmittag unten in den Wiesen das letzte Heu trocken gemacht, das wegen der Regenzeit nicht eher hätte eingebracht werden können. Und da hätten die beiden wegen der großen Hitze sich in der Aue gebadet. Während sie im Wasser waren, wären ein paar Jungens gekommen, die von ihnen unbemerkt im Gebüsch geangelt hätten, und hätten Linas Kleider versteckt und sich dann von ihrem Gebüsch aus an der Verlegenheit des Mädchens geweidet und ihr häßliche Worte zugerufen. Paul hätte lange suchen müssen, bis er die Kleider wiedergefunden hätte. Und seine Tochter läge nun im Bette, müsse in einem fort krampfartig weinen und wolle sich gar nicht beruhigen lassen.
Peter war aufgefahren und fragte zornblitzenden Auges: »Wer hat das getan?«
»Erkannt haben meine Kinder,« sagte der Schuster, »nur Westermanns Johann. Aber es ist noch ein anderer dabeigewesen.«
»Gut,« sagte Peter, »ich werde die Buben schon herauskriegen und sie dann in einer Weise bestrafen, daß Sie zufrieden sein sollen.«
Der Schuster sagte sanft: »Ach, Herr Lehrer, es ist ja nicht um meinetwillen. Es ist doch nur der armen Jungen wegen, daß die nicht so auf dem Weg des Verderbens weitertaumeln.«
»Meinetwegen können Sie's auch so ansehen,« sagte Peter, unangenehm berührt. »Übrigens, ... es tut mir sehr leid, daß gerade Ihre Lina von einer solchen Bosheit und Schändlichkeit betroffen ist. Ich kann mir denken, wie sie das mitgenommen hat. Sie ist so ein feines, zartfühlendes Kind. Überhaupt eigentlich meine liebste Schülerin.«
»Das freut mich, Herr Lehrer,« sagte der andere, »Lina erzählt uns auch immer viel Schönes vom Herrn Lehrer, aus der biblischen Geschichtsstunde.«
»So? Das freut mich! In diesen Stunden habe ich auch am meisten Freude an ihr. Sie hat so eine feine Art, die biblischen Geschichten zu erzählen, die einem wohltut.«
»Ach ja,« sagte der Schuster und hielt den Kopf ein wenig schief, »sie hat den Herrn Jesum recht lieb, und es freut mich, daß wir einen Lehrer haben, der auch auf das eine, was not ist, hinarbeitet. Die Geschichte, wo der Herr dies zu der Maria und Martha sagt, ist ja die erste gewesen, die der Herr Lehrer sich hier in Solten haben erzählen lassen.«
»Ach ja,« sagte Peter, »das machte sich so zufällig.«
»Ich dachte,« fuhr der andere fort, »der Herr Lehrer hätten uns wohl schon einmal besucht.«
»Ich war auch schon einmal auf dem Wege,« sagte Peter, »aber ich glaubte zu stören.«
»Warum?«
»Sie hatten die ganze Stube voll Menschen und sangen und ...«
»Ach so, dann war das an einem Mittwochabend. Ja, da sind immer einige Brüder und Schwestern bei uns, und wir betrachten Gottes Wort ... Aber wenn der Herr Lehrer uns sonst mal besuchen will, dann stört er nie ... Oder wenn er auch mal an unseren Versammlungen teilnehmen will? ...«
»Ich danke,« sagte Peter kurz und schroff, »ich fürchte, zu Ihren Freunden passe ich nicht.«
»Nichts für ungut, Herr Lehrer! Es war nicht böse gemeint ...«
»Weiß ich, weiß ich. Wir Menschen sind eben verschieden ...«
Der Schuster ging. Peter blieb nachdenklich zurück.
War ihm der Mann sympathisch oder unsympathisch? Seine höfliche Art, das ewige »Herr Lehrer« berührte den an die einfache Anrede »Scholmester« Gewöhnten fremdartig. Mit den vielen biblischen Redewendungen in seiner Sprechweise machte er ihm den Eindruck eines Menschen, der auf Stelzen geht, statt auf den eigenen gesunden Füßen. Aber trotzdem war in seiner Art und auch in seinem Gesicht etwas, was Peter zweifelhaft machte, ob er ihn kurzerhand als einen Frömmling und Pharisäer abtun dürfte. Er fühlte, daß dieser Mann gegen den Strom schwamm, daß er anders war, als die anderen. Solche nannten die Menschen dann gleich Pharisäer, was ja -- so hatte er auf dem Seminar gelernt -- »Abgesonderte« hieß. Auch er selbst hatte diesen Titel auf dem Seminar einmal bekommen, weil er ja auch mehr seine eigenen Wege ging.
Der Schuster hatte die feine, stille Art seines Kindes damit erklärt, daß sie den »Herrn Jesum recht lieb« habe. Das klang ja nun recht pietistisch und hatte Peter sehr fremdartig berührt, und die schiefe Kopfhaltung des Mannes bei diesen Worten erst recht. Aber, indem er jetzt darüber nachdachte, erschien die Sache selbst ihm doch gar nicht mehr so unwahrscheinlich. Warum sollte nicht ein Kindesherz dem Menschensohn, wie sie ihn das letzte Jahr aus seinen Worten und Gleichnissen kennengelernt hatten, etwas wie Liebe entgegenbringen? Und warum sollte dieses freundliche, holde Bild nicht auf eine Kindesseele schließlich einwirken? -- Auch er, der Lehrer selbst, hatte ja gegenüber dieser Gestalt, die in solchen Stunden vor ihnen stand, etwas empfunden. Liebe würde er es gerade nicht nennen. Eher Bewunderung, Ehrfurcht oder so ähnlich ... Aber vielleicht konnte man es auch Liebe nennen. Man mußte dieses Wort dann nur anders verstehen, als es gewöhnlich im Leben gebraucht wurde. Wenn der Schuster davon sprach, klang das etwas süßlich und weichlich. Das mußte heraus. Dann war eigentlich nicht so viel dagegen zu sagen.
Peter dachte plötzlich wieder daran, wie schändlich man diesem Kinde mitgespielt hatte. Da packte ihn ein großer Zorn, und er ging auf den Hof und schnitt sich ein paar tüchtige Eichenstöcke. Swiebertsbauer kam zufällig darauf zu und fragte: »Na, Scholmester, wat will he denn mit de Eken?«
»Tweislan[39] up den Puckel[40] van böse Buben,« sagte Peter grimmig.
»Scholmester, nehm he lewer Barken, de sünd daför wussen.«
»Barken, de dot't düttmal nicht. Dor möt de Eken ran.«
»Wer schall de Släg denn hewn?«
»Wer se verdeent hett.«
»De armen Jungs ...«
* * * * *
Als Peter am nächsten Morgen in die Schulstube trat, suchte sein erster Blick Schusters Lina. Sie fehlte.
»Wo ist deine Schwester?« fragte er den kleinen Paul.
»Im Bett,« sagte der, »is krank.«
Über die Gesichter einiger großer Jungens ging ein verstohlenes Grinsen.
»Johann Westermann, komm eben mal mit in meine Stube!« sagte Peter.
Der Junge kam frech mit seinen Holzschuhen angeklappt.
Als Peter ihn in seinem Zimmer allein hatte, trat er dicht vor ihn hin: »Hast du gestern nachmittag Linas Kleider versteckt?«
Der Junge sah ihn dreist an und sagte stramm: »Nein.«
Peter öffnete die Tür zum Schulzimmer und rief Paul heraus.
Er stellte dem großen Jungen den kleinen gegenüber und fragte diesen: »Ist der hier gestern bei euch in den Wiesen gewesen?«
»Ja,« sagte Paul.
»Weißt du's ganz gewiß? Hast du ihn selbst gesehen?«
»Ja.«
»Dann gehe wieder in die Schulstube.«
Als Paul die Tür hinter sich geschlossen hatte, packte der Lehrer den großen Jungen im Kragen, warf ihn über den Stuhl und schlug ihn, so fest er konnte und solange seine Kraft vorhielt.
Dann riß er ihn wieder in die Höhe und fragte mit heiserer Stimme und außer Atem: »Wer war der andere?«
Der Junge biß sich auf die Lippen und schwieg.
»Was, du willst auch noch trotzen?« schrie Peter in Wut. »Willst du's mir sagen oder nicht?«
»Nee,« sagte der Junge.
Da packte Peter eine namenlose Wut. Er griff dem Jungen an die Kehle, warf ihn auf den Boden und schlug mit dem Eichenstock auf ihn los, gleichgültig, wohin er traf. Dabei kreischte er: »Du sagst es mir, und wenn ich dich totschlagen soll.« Der Junge stieß und schlug und biß um sich, aber gegenüber dem immer rasender werdenden Zorn des Erwachsenen war er machtlos. Endlich gab er den Namen seines Kameraden preis.
Da ließ Peter von ihm ab, stürzte in die Schule, riß Swieberts Georg aus der Bank. Wie der sich sträubte, packte er ihn ins lange Haar, und als er ihn endlich vor den Bänken hatte, schlug er blindlings auf ihn ein.
Endlich mußte er erschöpft innehalten. Da sah er, daß eben die letzten Kinder sich entsetzt zur Tür hinausdrängten. Einige Knaben waren durch das Fenster gegangen und hatten dabei eine Scheibe zertrümmert. Peter ließ sein Opfer los und wankte keuchend an die Tür. »Hierbleiben!« schrie er mit heiserer Stimme, aber kein Kind wandte sich um. Von einer wilden Panik erfaßt, flüchtete die ganze Schar davon.
Peter ging in die Schulstube zurück. Er war allein. Swieberts Georg hatte sich durch das Fenster davongemacht.
Er sank auf einer Schulbank zusammen und preßte die Hände gegen die Schläfen, in denen das Blut hämmerte. So saß er und stierte eine Weile gedankenlos vor sich hin. Dann fühlte er plötzlich ein Würgen in der Brust und im Halse und wurde von einem schrecklichen Hustenanfall gepackt. Es schüttelte ihn, daß ihm das heiße Blut im Gesicht glühte und die Augen aus ihren Höhlen traten.
Als der furchtbare Anfall ein wenig nachließ, wankte er in seine Stube und warf sich auf sein Bett.
Allmählich kehrte ihm die Besinnung wieder. Da griff er sich in die Haare, und in ihm rief es: Was hast du gemacht? Was hast du gemacht? Er fühlte eine tiefe Scham und wühlte den Kopf in die Kissen. So lag er lange.
Ein neuer Hustenanfall riß ihn in die Höhe, noch schrecklicher als vorhin. Er hatte das Gefühl, als könnte jeden Augenblick in seiner Brust etwas zerreißen.
Als er sich endlich ermattet in das Bett zurückfallen ließ, kam es ihm zum Bewußtsein, daß er schwer krank war. Seit jenem kalten Trunk und seit jenem nächtlichen Rennen zum Arzt hatte er sich ganz gesund nicht mehr gefühlt. Seit längerer Zeit hatte er einen quälenden Husten, dessen Anfälle ihn sehr ermatteten. Er dachte an das bedenkliche Gesicht des Amtsphysikus nach der Untersuchung seiner Lungen. Kein Zweifel, es war dieselbe Krankheit, an der seine Mutter so jung gestorben war, die nun auch in ihm ihr langsames Zerstörungswerk verrichtete. Dieser Gedanke war ihm in dem letzten Jahre hier und da wohl schon gekommen, aber er hatte ihn, ausgenommen die Stunden, in denen er besonders innig an seine Tote dachte, immer wieder schnell davongescheucht. Das tat er heute nicht, sondern mit einer Art grausamer Wollust ging er ihm nach. Wenn der Husten ihn packte und schüttelte, wartete er auf einen Blutsturz und war beinahe enttäuscht, daß er ausblieb.
Es wurde Mittag. Er spürte keinen Hunger und hatte schon beschlossen, auf die Mahlzeit zu verzichten. Aber da erwachte sein Trotz. Das konnten sie ihm im Dorf als Schwäche, als Bekenntnis eines Schuldgefühls auslegen. Er biß die Zähne aufeinander, das wollte er nicht. So raffte er sich auf, wusch sich, brachte das Haar in Ordnung, nahm seinen Stock zur Hand und ging erhobenen Hauptes, aufrecht, durch das Dorf nach dem Hofe, der ihn heute zu speisen hatte.
Als er in das Haus trat, kam ein Dienstmädchen und wies ihn in eine kleine Altenteilerstube, die er sonst noch nicht betreten hatte. Hier trug sie ihm schnell und scheu das Essen auf. Sonst hatte er hier, wie in allen Häusern, mit der Familie am Tisch die Mahlzeit eingenommen. Er begann zu essen. Aber er brachte nur mit äußerster Anstrengung ein wenig hinunter. Als er sich eine Zeitlang gequält hatte, nahm er ein Stück Fleisch und einige Kartoffeln, wickelte sie in Papier und steckte sie in die Tasche. Er wollte den Leuten nicht verraten, wie dieser Morgen ihn mitgenommen hatte. Aus demselben Grunde setzte er die Füße hart auf und schlug die Türen kräftig zu, als er das Haus verließ. Auf dem Hofe sah er sich einmal um. Aus den Fenstern blickten ihm feindselige Gesichter nach.