Part 3
Nach Goltz und Flechsig gleicht nun das +neugeborene Kind+ -- besonders aber eine Frühgeburt, da sie mit einem fast ganz unreifen, des Nervenmarks fast völlig entbehrenden Großhirn zur Welt kommt -- einem großhirnlosen Wesen. Schon vom ersten Atemzuge an wirken die Triebe mächtig. Schreiend fordert das junge Leben die Befriedigung seiner Bedürfnisse. Sind sie befriedigt, schwinden die Zeichen von Bewußtsein, es schläft. Noch lange zeigt sich die Herrschaft der Triebe, nach deren Befriedigung fast ausschließlich die Sinne verlangen. Idioten, deren Großhirn sich nicht ausbildete, bleiben auf dieser Entwicklungsstufe stehen. Wir ersehen daraus, daß +ein gesundes, voll entwickeltes Großhirn nötig ist, um die Triebe zu beherrschen und überhaupt zu höheren geistigen Leistungen zu gelangen+.
Wir wenden uns nun den größeren und kleineren Arbeitsgebieten der Großhirnrinde zu, wie sie auf unserem farbigen Umschlagsbild,[11] das nach Pfeiffer hergestellt wurde, und auf der Abbildung 12 zu sehen sind. Über die Abgrenzung der +Sinneszonen+ sind die Forscher einig. Von den Sinnesorganen lassen sich die Nervenleitungen sowohl anatomisch als auch entwicklungsgeschichtlich bis zur Rinde verfolgen.
Der Hinterhauptslappen enthält den Sehbezirk. Wir „sehen“ mit dem Hinterhauptsteil des Großhirns. Der Schläfenteil enthält die Hörzone. In Teilen der untern Großhirnfläche (in der Seepferdchenwindung, ~gyrus hippocampi~) liegen Geruch und Geschmack (s. Abb. 12). Aber ganz einig ist man sich noch nicht. Entwicklungsgeschichtliche Betrachtungen verlegen beide Sinne mehr an den Balken und über ihn. Wenn auch bei Tast- und Körpergefühlsempfindungen die niedern nervösen Organe (Rückenmark, verlängertes Mark, Kleinhirn, Mittel- und Zwischenhirn) eine große Bedeutung haben, spielt dabei doch auch die hintere Zentralwindung eine ganz +bedeutende Rolle+.
Bewegungen sind das Ergebnis einer gemeinsamen Betätigung mehrerer Bezirke des gesamten Gehirns und Rückenmarks. Die vordere Zentralwindung des Großhirns gilt aber als engere Bewegungszone, weil sie eine Menge Punkte enthält, die nach Öffnung des Schädels und Reizung mit elektrischem Strom Arbeiten bestimmter Muskeln auslösen.
Nun bleibt aber noch ein großer Teil der Hirnrinde (nach Flechsig reichlich zwei Drittel) frei, wohin keine Nervenfasern von den Sinnesorganen verlaufen, und von wo sich auch keine Verbindung zu Muskeln nachweisen läßt.
Es liegt nahe, dorthin die Vorstellungs- und Gedankenverknüpfung (die Assoziations- und Apperzeptionstätigkeit) zu verlegen. So unterscheidet Flechsig auf Grund entwicklungsgeschichtlicher und reicher praktischer Erfahrung als Irrenarzt drei große Assoziationszonen, die aber noch nicht allgemein als solche anerkannt werden, gegen die sich sogar schärfster Widerspruch erhebt.
Die Mehrzahl der Forscher neigt nämlich zu der Annahme, daß die verbindende und verknüpfende Fähigkeit unseres Geistes nicht von genau zu umgrenzenden Zonen (Assoziationsherden) abhängt, sondern daß bei solchen Vorgängen größere oder geringere Teile der gesamten Hirnrinde mitarbeiten. Dieser Meinung ist z. B. Wundt.
Aber auch Flechsig behauptet nicht, daß die von ihm angegebenen Stellen des Gehirns unabhängig von andern arbeiten können. Er meint auch, daß wir Vorstellungen in tausend-, hunderttausend- und millionenzellige mit Rücksicht auf die dabei in Tätigkeit tretenden nervösen Elemente einteilen können. Wenn wir etwa das Wort Honig +schreiben+, so wird dem +Schreib+bezirk eine gewisse Führerschaft zukommen, aber es muß doch erst in einer andern Zone ein +Vorstellen+ des Wortes Honig stattfinden. Da wir häufig während des Schreibens leise Sprechbewegungen vollziehen, die, durch Hebelvorrichtungen aufgezeichnet, sich nachweisen lassen, also auch deutlich oder undeutlich der Klang des Wortes im Bewußtsein anklingt, müssen jedenfalls auch die Sprech- und Hörzone mitarbeiten, ebenso die Sehzone; denn jedes Wort wird ja auch gesehen, meist sogar noch prüfend überflogen. Außerdem schreiben wir das Wort nicht geistlos hin, wir sind uns über seine Bedeutung klar. Dann arbeitet die Wortbedeutungszone mit. Dazu denken wir vielleicht an die gelbe Farbe des Honigs, die Vorstellung vom süßen Geschmack läßt uns das Wasser im Munde zusammenlaufen (Geschmacksbezirk). Denken wir nun noch an seinen Urheber, an die summende Biene (Gehör-Gesicht), an seinen Ursprung, den Blütenkelch, usw., so ist als sicher anzunehmen, daß bei diesem doch immerhin einfachen seelischen Erlebnis beinahe die ganze Gehirnrinde mitarbeitet.
In der Schläfengegend liegt die sogenannte Insel. Tiefe Erkrankungen der +linken+ Insel führen bei +Rechts+händern meist zu starken Sprachstörungen. Nach Flechsig ist sie schon durch ihre Lage und ihre Nervenverbindungen dazu berufen, besonders in der linken Gehirnhälfte die zerstreuten Bezirke der Sprache einheitlich zusammenzufassen. Aber schon gegen die Abgrenzung der Wortseh- (Lesen), Worthör-, Sprech- und Schreibbezirke hat sich starker Widerspruch bemerkbar gemacht. Daran ist allerdings nicht zu zweifeln, daß es diese 4 Bezirke gibt, daß die 4 verschiedenen Äußerungen der Sprache: Lesen, Worthören, Sprechen und Schreiben nicht einheitlich an +einem+ Orte untergebracht sind. Das zeigen die Störungen bei Sprachlähmungen (Aphasie). Nur ob diese Bezirke einen +besonderen+ Platz +neben+ den Sinneszonen haben oder ob sie nicht vielmehr in den linken Sinneszonen mit +drinstecken+, das ist die Streitfrage.
1911 ist Nießl von Mayendorf in seiner großen Sonderarbeit „Die aphasischen Symptome und ihre kortikale (auf der Hirnrinde) Lokalisation“ auf Grund vieler Tatsachen zu der Überzeugung gelangt, daß die bisherige Abgrenzung der Sprachzonen nicht haltbar ist. Sie seien +in die Sinnes+zonen zu verlegen.
Auf unserer Titelblattabbildung ist noch der von Dejerine vermutete Lesebezirk angegeben. Allein es gibt eine ganze Reihe Fälle, wo die graue Rinde (und nur in der grauen Rinde können Erinnerungen haften, nur sie hat Nervenzellen, die weißen Markfasern darunter sind nur Leitungsbahnen für die Erregungen der Rinde oder der Sinneswerkzeuge) dieser Gegend zerstört war durch Erweichungen oder gelähmt durch Blutergüsse -- und die Kranken fröhlich weiterlasen. Nur wenn die linken Leitungsbahnen zur Stelle schärfsten Sehens, oder dieser linke Hirnbezirk schärfsten Sehens selbst zerstört war, dann war Leseblindheit +immer+ vorhanden.
Nießl von Mayendorf hat weiter gezeigt, daß die Brocasche Sprechstörung von Erkrankungen der unteren linken vorderen Zentralwindung verursacht wird. Von dort gehen auch die sonstigen Bewegungsantriebe zu Zunge, Lippen, Schlund, Kehlkopf aus. Wiederum liegt die Sprechzone +im Sinnesgebiet+ (und nicht außerhalb, nicht in der linken dritten Stirnwindung).
Für das Worthören (Wernicke) sollen auch nur die beiden Schläfenquerwindungen in Betracht kommen.
Die zweite große Hirnzone für geistiges Verknüpfen ist nach Flechsig das Stirnhirn, das sich beim Menschen durch eine besonders starke Entwicklung auszeichnet, wie auch bei den Tieren die geistige Entwicklung mit der Ausbildung des Vorderhirns gleichen Schritt hält. Kleinere anatomische Eingriffe oder Verletzungen bleiben in den höheren Teilen meist ohne nachweisbare Schädigung, d. h. es stellt sich keine Lähmung von Gliedmaßen ein, auch die Sinne arbeiten wie sonst. Es erfolgt auch keine merkliche Störung des Geisteslebens, vielleicht deshalb, weil gerade dort die große Vielseitigkeit der Faserverbindungen den angrenzenden Hirnteilen ermöglicht, stellvertretend für die verletzte Stelle zu wirken. Größere Verletzungen allerdings haben eine Abnahme des Gedächtnisses zur Folge, auch geringere, in gewissen Fällen sogar gänzliche Willenlosigkeit.
Neben Wundt und Flechsig nehmen auch andere Forscher an, daß das Stirnhirn eine große Bedeutung für die Aufmerksamkeits- und Lernvorgänge und den Willen hat. Und da alle Willenshandlungen von Gefühlen begleitet sind -- Wundt bezeichnet ja sogar die Willenshandlung als einen zusammengesetzten Gefühlsprozeß --, wird das Stirnhirn wohl bedeutungsvoll für Gefühle sein.
Infolge reicher, ja verschwenderischer Ausstattung mit Leitungsfasern bis in die entlegensten Teile der Hirnrinde sei der Anteil des Stirnlappens an der Ausbildung des +Bewußtseins+ sehr groß. Hier können Erregungen sämtlicher Sinnes-, Bewegungs- und Vorstellungszonen zusammentreffen. Bei Störungen in diesem Teil finden sich denn auch Beeinträchtigungen des Bewußtseins, die sich beim Affen auch durch wissenschaftliche Versuche nachweisen lassen. Da außerdem Erkrankungen des Stirnlappens zu Veränderungen des Bewußtseins, zur Entstehung von Größenwahn oder Selbstvernichtungswahn führen können, soll dieser Teil des Hirns wichtig sein für den Begriff der eigenen Persönlichkeit, für die Vorstellung vom Ich.
Demgegenüber macht Nießl von Mayendorf geltend, daß fast jede Verletzung des Gehirns die Menschen zu Neurasthenikern macht, daß also Abnahme von Aufmerksamkeit und Gedächtnis eintritt. Das sei kein Grund, Aufmerksamkeit, Bewußtsein, Gefühl und Willen gerade dorthin verlegen zu wollen.
Eine dritte große Verknüpfungszone, gegen die sich allerdings viel Widerspruch erhebt, nimmt Flechsig im hintern Scheitelhirn an (s. Umschlagbild und Abb. 12). Was er sich als deren Aufgabe denkt, wird uns in folgenden zwei Beispielen klar werden. Newton sah einen Apfel vom Baume fallen. Dieser einfache Vorgang gab ihm den Anstoß, das Gesetz der Schwere zu entwickeln. Galileis Pendelgesetze haben ihre erste Ursache in einer vom Winde hin und her bewegten Kirchenampel. Von wieviel Millionen Menschen sind schon fallende Äpfel oder vom Winde bewegte Gegenstände gesehen worden -- und ihnen fiel dabei gar nichts ein! Diese Fähigkeit, daß bei gewöhnlichen Dingen ungewohnte, außerordentliche Gedanken auftauchen, die sich im Kopfe des Schöpfergeistes zu einem ganzen Gebäude der prächtigsten Gedankenverbindungen auswachsen, verlegt Flechsig in das hintere Scheitelhirn. Tatsächlich zeigen solche Schöpfer der großen geistigen Zusammenhänge, eine starke Entwicklung ihres Schädels in der Scheitelgegend, so der Mathematiker Gauß, die Tonmeister Bach, Beethoven, Richard Wagner, der Philosoph Kant und Naturwissenschafter, wie Darwin und Liebig.
Andere Forscher sind vorsichtiger. So möchte Nießl von Mayendorf über die übrige Hirnrinde außer den Sinneszonen nur so viel sagen, daß sie wahrscheinlich nichts mit Wahrnehmungen, Erinnerungen, Gedächtnis zu tun haben, sondern daß die Ernährungszustände der Hirnrinde als Gefühle das einzige sind, was von den dort sich abspielenden Vorgängen zu Bewußtsein kommt.
Wir müssen abwarten, wie die Verarbeitung der Kriegshirnverletzungen die Ansichten klären wird.
Die leitenden Markfasern entwickeln sich größtenteils erst nach der Geburt und gehen wohl erst um die Zeit der Geschlechtsreife der vollen Reife entgegen. Außerdem ist anzunehmen, daß der Mensch, solange sich noch neue Markfasern, also Nervenleitungsbahnen, im Gehirn bilden, neuer geistiger Erwerbungen fähig ist. Denn weil alle körperlichen Glieder durch Übung stärker werden, besonders eine Zunahme ihrer Muskelmasse eintritt, liegt die Vermutung nahe, daß geistige Arbeit auch neue Leitungsbahnen schafft und vorhandene Bahnen verstärkt; das würde bis zum 40. Lebensjahr und darüber der Fall sein. Dann wird sich wohl der Faserreichtum und die damit verbundene geistige Leistungsfähigkeit längere Zeit auf gleicher Höhe halten, mit zunehmendem Alter aber abnehmen. In den Vergrößerungsuntersuchungen von Kaes findet sich eine Stütze für diese Vermutung.
Die Rinde setzt sich aus mehreren Schichten verschiedener Zellenlagen zusammen. Nicht überall ist die gleiche Anzahl von Schichten, auch ihre Stärke ist nicht überall die gleiche. Die Assoziationszonen haben den Meynertschen Fünfschichtentypus, während in anderen Gegenden Schichten mit Unterschichten auftreten. Vordere und hintere Zentralwindung (für Gliedmaßenbewegung und -empfindung) unterscheiden sich dadurch, daß in der hinteren Zentralwindung eine sogenannte Körnerschicht vorhanden ist, an deren Stelle in der vorderen Zentralwindung mächtige Pyramidenzellen treten. Diese Pyramiden sind die Ursprungsstätte sämtlicher Bewegungsnerven und eines großen Teils der Assoziationsfasern (Bechterew). Sie sind beim Menschen 30-40 µ (µ = ¹⁄₁₀₀₀ mm) groß. Wie die einzelnen Zellen miteinander in Berührung stehen, sehen wir an einer Vergrößerung aus der Sehrinde (Abb. 13).
Zwei Arten von Ausläufern hat die Zelle: Verästelte Protoplasmafortsätze aus dem Zellinnern, die Reize empfangen (Dendriten), und einen wenig verzweigten Ausläufer, der Reize fortsendet (Neurit). Dieser wird gleich zum Achsenzylinder einer Nervenfaser -- die aus Hülle, Mark und Achsenzylinder besteht --, wenn die Zelle beim Übergang des Rindengraus zum Rindenweiß liegt.
[10] Ein Ganglion ist ein Nervenknoten, aus dem Nervenfasern zu den Sinneswerkzeugen oder Muskeln oder andern Ganglien gehen (Abb. 9). Aus lauter Ganglien setzt sich die Hirnrinde zusammen (Abb. 10).
[11] Um auf dem Umschlagsbild die Insel sichtbar zu machen, wurde der sie bedeckende Schläfenlappen entlang der Sylvischen Spalte nach unten gedrückt. Jedem Bewegungsherd in der vorderen Zentralwindung entspricht ein in der gleichen Höhe gelegener Empfindungsherd in der hinteren Zentralwindung; doch wurden diese letzten Zonen zur größeren Übersicht als „Zentren für die Körperempfindlichkeit“ zusammengefaßt. (Aus Pfeiffer, Das menschliche Gehirn.)
V. Regeln für jede Gedächtnisarbeit.
Aufmerksamkeit.
Wir würdigten schon die hervorragende Bedeutung der Aufmerksamkeit bei den Bewußtseinsvorgängen. Sie ist eine grundlegende Bedingung alles Denkens und bewußter Verknüpfung. Wir ahnen schon ihre Bedeutung für das Gedächtnis und wollen deshalb den Vorgang der Aufmerksamkeit noch besonders beobachten. Bei Schnell-Leseversuchen in Bruchteilen einer Sekunde zeigten sich persönliche Unterschiede in den Leistungen. So wurde nach mehrmaligem kurzen Zeigen (am Schnellseher, s. Fußnote S. 12) gelesen: Vom
+------------------+-----------------------+------------------------+ | I. stetigen | II. unsteten | III. mischenden Typus | +------------------+-----------------------+------------------------+ |statt: bedauernsw.| Weihnachts- | Papierschneidemaschine | | | ausstellungen | Papierschneidemaschine | +------------------+-----------------------+------------------------+ |1. b........ | 1. Buchausstrebungen | 1. Polizei......... | |2. ...er..... | 2. Weihnachtsabgaben | 2. ....maschine | |3. bedauer.... | 3. Weihnachtsbaum | 3. Papierschneide- | |4. .....werter | 4. Weihnachts- | maschine | | | ausstellungen | | |5. be.au...r | | | |6. .....wer.. | | | |7. bedauernsw.. | | | |8. bedauernswerter| | | +------------------+-----------------------+------------------------+
Der erste Leser setzt sich langsam, aber sicher und ohne Fehler, das Wort zusammen. Er verschließt sich der umbildenden Angleichung (S. 18-20) und macht auf sachliche Treue Anspruch. Der zweite glaubt gleich alles gesehen zu haben, er springt förmlich mit den Augen über das Wort hin, hat aber kaum einen Buchstaben richtig gesehen. Die äußeren Reize veranlassen ein reges Auftauchen von Erinnerungen. Kennzeichnend für ihn sind Einbildungszutaten, bis er mit der vierten Lesung das Wort richtig erfaßt hat. Der dritte mischt beide Arten. Bei der ersten Lesung ist sein Blick über das Wort hingehuscht, ein Einfall hat das richtig gesehene P unrichtig zu Polizei ergänzt. Bei der zweiten Lesung hat er durch genaues Sehen den hinteren Teil des Wortes richtig erfaßt und bei der dritten das ganze Wort.
Infolge der ganz kurzen Lesezeit enthüllen sich uns hier die drei Grundformen der Aufmerksamkeit:
1. die festhaltende (fixierende), stetige, 2. die hin und her schwankende (fluktuierende), unstete, 3. die mischende Art.
Diese drei Grundformen des Aufmerkens führen uns zu scharf unterscheidbaren Arten des Arbeitens überhaupt:
1. Der Stetige vermag sich nur langsam einer Aufgabe anzupassen. Es vergeht erst einige Zeit, ehe er seine volle Anpassung an den zu lernenden Stoff erreicht. Aber allmählich sammelt sich sein Geist immer mehr, beharrt nun zäh und treu bei der Arbeit und läßt sich nicht ablenken. Das Gedächtnis dieser Grundform des Aufmerkens nimmt langsam auf, aber behält sehr treu. Der Geist beharrt in der einmal eingeschlagenen Richtung wie ein Fernrohr, das, auf eine bestimmte Entfernung eingestellt, die nähere oder fernere Umgebung unscharf oder gar nicht abbildet. Der Forscher bezeichnet diese Erscheinung als „Einstellung“. Kommt dazu noch eine überragende Begabung, dann ist der Gelehrte fertig.
2. Das Gegenteil in allen Punkten ist die unstete, die hin und her schwankende Aufmerksamkeitsform. Überraschend schnell paßt sich ihr Vertreter einer umfangreichen Aufgabe an. Seine Aufmerksamkeit ist schnell auf den zu lernenden Stoff gerichtet, hat sehr bald den persönlichen Höhepunkt der Zuspitzung und Verdichtung erreicht. Aber die innere Sammlung ist nicht so tiefgehend wie bei der ersten Art, darum läßt sich seine Aufmerksamkeit leicht ablenken und einem neuen Gebiet zuwenden. Irrtümer sind bei ihm an der Tagesordnung. Seine Einstellung ist nicht so bestimmt gerichtet wie bei der ersten Form, er gleicht einem Fernrohr mit fortwährendem Linsenwechsel. Seine Leistungen sind nicht tiefgründig. Sein Gedächtnis nimmt überraschend schnell auf, verliert aber auch rasch wieder das Gelernte, was ohne Zweifel Nachteile sind.
Jedoch befähigt gerade diese Form des Aufmerkens zu ganz bestimmten Berufen, ist sogar die grundlegende Eigenschaft mancher Begabung. Die umfangreiche, sich schnell hingebende, aber auch schnell wieder neuen Gebieten zuwendende Aufmerksamkeit zeichnet den geborenen Zeitungsmann, Künstler, Staatsmann und jeden Geschäftsmenschen aus, begünstigt das Aus-den-Ärmeln-Schütteln und die Schlagfertigkeit der Rede.
3. Die dritte Art ist meiner Meinung nach die vollkommenste. Wer ihr angehört, vermag seine Aufmerksamkeit zu verteilen, vielen Dingen gleichzeitig, allerdings mehr oberflächlich zuzuwenden, aber sie auch kräftig und tiefgehend auf die einzelnen Reize zu richten. Diese Aufmerksamkeit ist ein Vorzug des geborenen Offiziers. Einen Nützlichkeitserfolg dieser Form sehen wir an obigen Leseversuchen. Das Wort wird schon beim dritten Versuch getroffen.
Deshalb habe ich die beiden ersten Grundformen der Aufmerksamkeit ausführlicher dargestellt, damit der Leser prüfen kann, welcher Form er angehört. Die Art seines Aufmerkens erklärt sicherlich etwaige ungünstige Gedächtniserfolge.
Dann gilt es bei der ersten Art, fleißig zu üben, um die Langsamkeit zu überwinden und eine schnellere Anpassung der Aufmerksamkeit zu erreichen. Nach den Feststellungen Meumanns vermag zähe, jahrelang fortgesetzte Übung beinahe alle angeborenen Unterschiede im Gedächtnisbereiche auszugleichen. Er weist das an einem langsam Lernenden nach, der das erstemal zu 12 Silben 56 Wiederholungen brauchte. Nach mehrmonatiger Übung waren nur noch 19 nötig.
Die zweite Form des Aufmerkens muß sich bemühen, gründlicher zu sein, Einbildungszutaten unter allen Umständen zu unterdrücken. Dadurch wird ja die Treue des Gedächtnisses außerordentlich beeinflußt. Für solche Personen ist +das genaue Zeichnen+ eine gute Schulung des Geistes, und es gilt für sie besonders das, was über die Ausbildung der Sinne gesagt ist (vgl. S. 50-57).
Die zähe Übung ist also der Zauberstab, der grundlegende Schwächen des Gedächtnisses beseitigt. Und ein zäher Wille erreicht stets mehr, als die glänzendste Begabung eines haltlosen Menschen, bei dem nicht +Not, Ehrgeiz oder Begeisterung den starken Willen zur Arbeit entwickeln halfen+.
Man glaube ja nicht, dem Schöpfergeiste falle alles in den Schoß. Auch der Gipfelmensch muß rastlos arbeiten, üben, wenn er die Vollendung sehen will. Da hat z. B. ein Dichter eine „Leichenphantasie“ auf den frühen Tod eines Jünglings gedichtet, und darin wird vom Vater des Verstorbenen gesagt:
Zitternd an der Krücke, Wer mit düsterm, rückgesunknem Blicke, Ausgegossen in ein heulend Ach, Schwer geneckt vom eisernen Geschicke, Schwankt dem stummgetragnen Sarge nach? Floß es „Vater“ von des Jünglings Lippe? (des Gestorbenen!) Nasse Schauer schauern fürchterlich Durch sein gramgeschmolzenes Gerippe, Seine Silberhaare bäumen sich. --
Vollständig verrückt! Nicht? Nun, der das dichtete, war der junge Schiller. Daraus kann man die Größe der Arbeit und Übung ahnen, die ihn zu unserem Dichterfürsten gemacht hat. Und von Fritz von Uhde wird erzählt, daß sein Lehrer ihm den guten Rat gab, Pinsel und Palette wegzulegen: „Aus Ihnen wird doch nichts!“ Aber der Grundsatz: „~Nulla dies sine linea~“, kein Tag ohne Linie oder Pinselstrich, hat ihn auf die Höhen seiner Kunst geführt.
Von einer andern Seite her wollen wir die Aufmerksamkeitserziehung als eine Erziehung grundlegender Geisteseigenschaften betrachten. Unsre Ärzte heilen manche Nervenkranke neuerdings dadurch, daß sie diese ernsthaft arbeiten lassen. Im ärztlichen Schrifttum wird geradezu einstimmig auf die ganz erstaunliche Bedeutung der Arbeit für die Persönlichkeitsbildung, für den Willen, ja, für die geistige Gesundung des Menschen hingewiesen. Aber, diese wohltätige Wirkung findet sich nur bei streng geordneter, stetiger, pflichtgemäßer Arbeit, nie bei spielerischer Scheinarbeit.
„Manche schwere Neurasthenien des späteren Lebens, die sich in sog. Platzangst, nervösen Lähmungen usw. äußern, sind nur vergrößerte Formen jener mangelnden Unterordnung des Körpers und des Nervensystems unter den Willen, die sich im Schulleben in fortgesetzter Nachlässigkeit, Flüchtigkeit und Zerfahrenheit in der Arbeitsleistung zeigt. Starke Übung in der geistigen Bezwingung nervöser Unstetigkeit im Arbeiten kann sehr wohl eine starke vorbeugende und heilende Wirkung auf dem Gebiet der Nervenleiden haben.“ (Förster, Schule und Charakter, S. 239.)
Unser Buch soll keine bloße Belehrung sein, es soll zur Tat anregen. Der rechte Mann verlangt Beweise und forscht selbst nach. So wäre eine reizvolle Aufgabe, die eigene Aufmerksamkeitsform festzustellen und mit dieser kleinen Aufgabe den segensreichen Grundsatz: „Erkenne dich selbst“ zu üben. Ein beliebiger Lesestoff, ganz kurze Zeit von einer zweiten Person gezeigt, genügt dazu schon. Wir hätten aufzuschreiben, was wir gesehen haben, und zu vergleichen. Haben wir einzelne Wörter oder Buchstaben richtig erfaßt, so gehören wir zur ersten, müssen wir uns viel Flüchtigkeitsfehler, Einbildungszutaten bei der Nachprüfung eingestehen, zur zweiten Art.
Jene mögen sich im schnellen Erfassen der Buchstaben und Wörter, bei Spaziergängen im schnellen Erfassen der Fensterzahl, einer Häuserreihe mit einem Blick, der einzelnen Latten an einem Zaun usw. üben.
Die andern möchten ihrem Blick bestimmte Richtung geben, ihn nicht oberflächlich dahinschweifen lassen: Andauernd mehr ins einzelne schauen, mehr nach Unterschieden beim Betrachten des Lattenzaunes oder der Fenster einer Häuserreihe suchen usw.