Part 4
Diese Übungen sind bei den verschiedensten Gelegenheiten noch zu erweitern, bis sich die gemischte Aufmerksamkeitsform entwickelt, die alle Vorzüge der beiden andern in sich vereinigt. Über die vieldienliche Anwendung des hier Erkannten in Lehre und Leben ließe sich ein ganzes Buch schreiben. Ich habe in der „Praktischen Gedächtnispflege“ S. 12-23 mehr darüber mitgeteilt.
Die Taktgliederung.
Die Versuchs-Seelenforschung entdeckte, daß die Aufmerksamkeit rhythmisch ist. Wir können uns davon überzeugen, indem wir unsere Taschenuhr so weit von uns entfernt niederlegen, daß wir ihr Ticken gerade noch hören. Da merken wir zu unserem Erstaunen, daß wir ein paar Augenblicke das Ticken vernehmen, dann eine kurze Zeit nicht mehr, es dann abermals hören, darauf wieder nicht usw. An der Uhr liegt es nicht, die tickt in bestimmtem Takt weiter, unsere Aufmerksamkeit aber wechselt, indem sie sich anspannt, dann nachläßt, um wieder angespannt abermals nachzulassen.
Jetzt wird uns auch die Ursache der merkwürdigen Tatsache klar, daß unser Bewußtsein, wie wir bereits auf S. 11-14 ausführten, nur sechs gesonderte Taktschläge, aber 40 Töne, in 5 Takten zu 5 Einheiten zusammengefaßt, umspannen kann: Aufmerksamkeit und Bewußtsein sind rhythmisch veranlagt. Das liegt offenbar an unserer gesamten leiblich-geistigen Einrichtung. Da das Herz in bestimmtem Takt klopft, klopft es in den Schlagadern des ganzen Körpers in gleicher Weise. In Fieberzuständen fühlen wir, wie es überall hämmert, in gesundem Zustand allerdings seltener, mitunter aber deutlich vor dem Einschlafen. Aber schon die Atembewegungen wirken merklich auf uns ein. So kommt es, daß wir jede körperliche und geistige Arbeit am besten, erfolgreichsten und liebsten in einem gewisse Takte ausführen.
Die Aufzeichnungen des Ergographen, an dem der menschliche Finger Gewichte über die Ermüdung hinaus fortgesetzt hebt, bis ein weiteres Heben infolge Ausgabe aller Kräfte nicht mehr möglich ist, zeigen ein Gleichmaß von bewundernswerter Stetigkeit. Awramoff[12] ließ Versuchspersonen Hebungen mit dem Finger an diesem Gerät ausführen. Er stellte ihnen die beiden Aufgaben, ohne und mit Takt zu arbeiten. Da mußte er die merkwürdige Erfahrung machen, daß er niemand fand, der nicht nach 2-5 Hebungen ganz von selbst zu einem bestimmten Rhythmus überging. Ebbinghaus zweifelte überhaupt daran, daß es ihm möglich sein würde, seine Silben gänzlich ohne Takt zu lernen. Darum lernte er alles taktmäßig.
Und gar der Takt des Gehens bildet (nach Wundt) „einen deutlich erkennbaren Hintergrund unseres Bewußtseins“.[13] Dieser Grundzug unseres Wesens gilt sogar für die Denkarbeit. Erwähnt sei Goethes Ausspruch: „Die besten Gedanken kommen mir im Gehen.“ Auch der Naturforscher Helmholtz machte ähnliche Erfahrungen. Er erzählt von sich, daß er bei gleichmäßigem, langsamem Bergsteigen leicht und erfolgreich zu denken vermöge. Vergleiche Praktische Gedächtnispflege S. 15. Von Beethoven sagt man, daß er fast alle Tondichtungen im Gehen geschaffen habe.
Die drei empfanden also die gewaltige Macht des Rhythmus. Sie sind unverdächtige Zeugen; denn sie hatten damals sicher noch keine Ahnung von den tieferen Gesetzmäßigkeiten des Bewußtseins, die uns erst die Versuchsforschung enthüllte.
Tatsächlich hat der Rhythmus zu allen Zeiten und bei allen Völkern eine Rolle gespielt, bei den Tänzen und Liedern sowohl, als auch beim Arbeiten (s. Abb. 14, S. 39). Heute noch beobachten wir die vereinigende und belebende Kraft des Taktes beim Getreidedreschen, beim Straßenpflastern, beim Rudern usw.
Er schafft einen gewissen Anreiz zur Arbeit, so daß der Zuhörer gar nicht untätig bleiben kann. Lebhafte und abwechslungsreiche Takte können erregen, sogar aufregen.
Beim Lernen ist der Takt darum schon seit den ältesten Zeiten eingeführt. Die Griechen bevorzugten stark diese Form für Lebensregeln und Gesetze. Ich persönlich habe noch keine Sprachlehre der alten Sprachen gesehen, die nicht eine Fülle von Regeln in Rhythmus und Reim enthielte. Ja, der Takt ist sogar ein Kennzeichen der Dichtung geworden. Aus welchen Ursachen er es wurde und seine seelischen Wirkungen, habe ich ausführlich dargestellt in „Deine gestaltende Seele und Dein Stil“.
Ebert und Meumann haben denn auch zahlenmäßig die Vorteile festzustellen versucht. Bei einer Versuchsperson waren für 10 Silben, unrhythmisch gelernt, 23 Wiederholungen; für 12 Silben, rhythmisch gelernt, 14 Wiederholungen; bei einer anderen Versuchsperson für 12 Silben, unrhythmisch gelernt, 49 Wiederholungen; für 16 Silben, rhythmisch gelernt, 31 Wiederholungen nötig.
Die Erklärung dieser auffallenden Ergebnisse dürfte darin zu suchen sein, daß sich der Rhythmus unserer Aufmerksamkeit selbsttätig, d. h. unwillkürlich, regelt, so daß die Anspannungen mit den betonten Silben, das Nachlassen der Aufmerksamkeit mit den unbetonten zusammenfällt, die schwach und kurz betonten Eindrücke sich an die kräftiger betonten anschließen und so zusammen eine Einheit bilden. Durch den Wechsel der Tonstärke werden eng zusammenhaltende Gruppen gebildet. Die Aufmerksamkeit selbst wird beherrscht und ihre Verteilung geregelt; denn nicht allein die Aufmerksamkeitskraft, sondern auch ihre sparsame und zweckmäßige Verwendung ist bedeutungsvoll.
In welchem Takte zu lernen ist? Je nach den Verhältnissen! Schnelles rhythmisches Lernen gliedert günstiger als langsames Lernen. Bei sinnarmen Stoffen oder Tätigkeiten (Berufstätigkeiten) wird man also ein schnelles Zeitmaß wählen, da durch schnelles Lesen und Arbeiten die Aufmerksamkeit aufs höchste gespannt wird. Dann aber vermindert sich die Aufmerksamkeit, und schließlich wird die Arbeit von selbst abschnurrend. Aber gerade das selbstwirksame Arbeiten ist ja vielfach das Ziel der Übung, besonders im Berufe, weil durch Selbstbetrieb die meiste geistige Kraft erspart wird.
Allein es ist wohl zu beachten, daß dieses maschinenmäßige Verfahren sich nur für Sinnloses eignet. Für Stoffe, die der Verstand erarbeitet und wo jedes einzelne Glied aufgefaßt werden soll, sollte +langsam+ und +mit Verstand gelernt+ werden. Es ist also die Unterscheidung, ob sinnlos oder sinnvoll, wichtig für den einzuschlagenden Weg zur Einprägung.
Mehr darüber in der „Praktischen Gedächtnispflege“ S. 23-29.
Gruppenbilden, Stelle-Anweisen (Lokalisieren), Gliedern.
Auch beim beobachtenden Merken einer Reihe von Gegenständen ist ohne Zweifel das Gruppenbilden vorteilhaft. Es ist ein Gliedern beim Gesichtssinn. Ein Kaufmann hat Kisten zu zählen. Es bedeutet für ihn eine große Zeit- und Kraftersparnis, wenn er stets drei oder vier Kisten zusammenfaßt.
Dieses Einheitenbilden, das Umfassen mehrerer Personen oder Gegenstände mit einem Blick, sollte oft geübt werden. Gelegenheit dazu bieten spielende Kinder, auf der Straße sich bewegende Personen, vorüberfahrende Eisenbahnzüge, Gartenzäune, Häuserfronten mit ihren zahlreichen Fenstern usw.
Besteht doch auch die Tätigkeit des geübten Lesers nicht mehr in einem mühseligen Aneinanderreihen von Buchstaben, sondern einige wenige Buchstaben werden scharf ins Auge gefaßt, was an Zeichen dazwischen liegt, wird überflogen und in Gruppen zusammengefaßt. Gar nicht anders ist es beim schnellen Klavierspielen oder Stimmenbuchlesen. Diese Hinweise deuten darauf, daß die eben angeregte Übung des Geistes im Zusammenfassen zu Einheiten keine Spielerei ist, sondern den mannigfachsten angewandten Gebieten zugute kommt, nicht zuletzt dem Gedächtnis, dessen wichtige Grundlagen in einer scharfen gründlichen Beobachtung und eben +im Einheitenbilden+ bestehen. Die Vorteile, die Takt und Gruppenbilden dem Gedächtnis gewähren, scheinen zum Teil ihre Ursache in dem „+Stelle-Anweisen+“ zu haben.
Jedes Glied einer übersichtlichen Gruppe hat seinen bestimmten Platz. In ungeordneter Masse ist das unwillkürliche Merken eines bestimmten Platzes sehr erschwert. Da nun Zahlen, sinnlose Silben, verwickelte Formen gewissermaßen glatt sind und dem Gedächtnis kein hervorstechendes Merkmal bieten, fördert tatsächlich Ortsmerken das Gedächtnis.
In Lehre und Leben läßt sich das Stelleanweisen mannigfaltig mit Erfolg verwenden. Mündliche Darbietungen müssen gut gegliedert, klar geordnet sein. Auf alles Neue muß der Hörer durch eine Ankündigung, gewissermaßen Überschrift, vorbereitet werden, damit er weiß, wohin es einzuordnen ist. Schriftliche Darbietungen an der Tafel oder in Unterrichtsbüchern sind übersichtlich zu gruppieren. Gelegenheit zu einem Überblick, zu Rückschau und Zusammenfassung sollte oft geboten werden. Ist etwa die Übersicht über jene vier Begriffe auf S. 21 dem Leser überflüssig erschienen? Oder hat nicht vielmehr jeder deutlich gefühlt, wie dadurch mehr Klarheit geschaffen und Verwechslungen vorgebeugt wurde?
Gefühl und Anteilnahme (Interesse).
Die Bedeutung der Gefühle schon bei einfachen geistigen Vorgängen lernten wir S. 14/15 kennen. Es kommt ihnen aber eine noch weit größere Macht zu. Wie die Zergliederung der Seelenvorgänge lehrt, sind die entscheidenden Antriebe sowohl bei der ursprünglichen Bildung der Vorstellungen wie bei ihrer allmählichen Umwandlung die begleitenden Gefühls- und Willensvorgänge (W. Wundt). Und nach Th. Ziegler kommt uns überhaupt nur zum Bewußtsein, was Gefühlswert hat. Darum stehe +das Gefühl an der engen Pforte des Bewußtseins+ und entscheide über +Aufnahme oder Nichtaufnahme+, über ja oder nein. Daraus geht hervor, daß der Gedächtnisvorgang die allertrefflichste Anregung erfährt, wenn der Lernende eine möglichst hochgespannte Neigung für die Arbeit gewinnt. Dann sind Aufmerksamkeit und Wille ohne weiteres da.
Was du tust, das tue freudig -- und es wird gelingen. So wird jede Arbeit zu einer Quelle der Lebensfreude. Aber wie kommen wir zu einer solchen +frohen, ausgeglichenen Gefühlslage von mittlerem Maß+, wie sie sich auch für die Gedächtnisarbeit als fördernd erwiesen hat?
Man sollte meinen, eine aufgeregte Begeisterung müsse ungemein fördernd wirken. Das ist aber nicht der Fall. Ob dabei zuviel Aufmerksamkeit aufgesaugt wird? Die anzustrebende mittlere frohe Gefühlsstimmung steht nicht mehr unter dem unmittelbaren Eindruck eines lustvollen Erlebnisses, das die Wogen der Freude hochgehen ließ, sondern unter seinen Nachwirkungen, die über den ganzen Tag und seine Gedächtnis- und Arbeitsleistungen einen Schimmer von froher Stimmung verbreiten. Wir können diese Gefühlsnachwirkungen mit den Nachbildern (vgl. Praktische Gedächtnispflege S. 13) vergleichen. Wie es möglich ist, Nachbilder festzuhalten und auszunützen, so auch eine abklingende Gefühlsflut.
Heinrich Seidel[14] schuf in seinem „Leberecht Hühnchen“ das Bild eines wundervollen Alchimisten des Glücks, der aus den unscheinbarsten, vom Durchschnittsmenschen unbeachteten Gedanken und Dingen unglaublich viel goldene Schätze des Gemüts herausschmelzt. Und wenn wir es versuchen, werden auch wir erkennen, daß die Erinnerung an froh verlebte Stunden des Lernens und Schaffens, der Hinblick auf das ferne schöne Ziel oder auf die nahe Belohnung, die man sich selbst nach getaner Lernarbeit gönnt, Neigung, Freude und Willen steigern. Selbst der sprödeste Stoff hat für einen aufnahmefähigen und klugen Kopf reizvolle Seiten. Suchet, ihr werdet bestimmt finden! Meist fehlt es auch nur an einem kraftvollen Anfang. Hat man sich nur erst hineingewagt, dann merkt man Zusammenhänge und findet, daß alles +fesselnd+ und +bedeutsam+ ist +innerhalb seines Zusammenhangs+. Auch im +Kraftgefühl+, daß man trotz verlockender Ablenkungen sich doch nicht von den gestellten Lernaufgaben abbringen läßt, ist leicht ein Grund zur Fröhlichkeit zu finden.
Man schätze diese Anregung ja nicht gering ein! Die Freude vertieft, beschleunigt, gibt unserer Gedankenentwicklung Flügel -- gedrückte, trübe Stimmung verlangsamt. Wenn es nun noch gelingt, in dieser frohen, ausgeglichenen Gefühlslage von mittlerem Maß dem Stoff Entzücken abzugewinnen, dann ist der Lernerfolg gesichert. Aber woran haben wir das meiste Vergnügen?
An dem, was wir erleben, wobei wir im höchsten Grade tätig sind. In einer Arbeit des Leipziger Instituts für experimentelle Pädagogik[15] habe ich nachweisen können, daß fast sämtliche freien und ungebundenen Aussagen der Kinder von 8 Jahren bis zur Geschlechtsreife auf die verschiedensten Reizworte hin +Erinnerungsreste von bestimmten Erlebnissen sind+.[16] Das Kind bietet fast stets eine Geschichte, die ein eigenes oder fremdes Erlebnis darstellt.
Darum kommt jetzt auch der Arbeitsunterricht dem Kinde viel näher. Er bietet dem tätigen Kinde neue, tiefgreifende Erlebnisse, nicht einen rasch vorüberrauschenden Wortschwall. Dem Kinde die Dinge in die Hand! Nachbilden! Daran erleben! Das ist die heutige Losung. Worte sind unlebendig, die nur dann das Kind packen und fesseln, wenn eine Geschichte, also ein fremdes oder eigenes Erlebnis, alle übrigen unterrichtlichen Maßnahmen mit einem gewissen +Erlebnisgefühl+ überstrahlt.
Mit der Geschlechtsreife wird der Gedankenverlauf begrifflich, aber doch verfehlen Erlebnisse auch beim Erwachsenen nie ihre Wirkung, wie wir aus der Spannung schließen müssen, die man Reisebeschreibungen, Novellen, Romanen, Kriegserlebnissen usw. entgegenbringt. Da sind wir gespannt, erregt, unser Geist ist in außerordentlich hohem Maße tätig. Schon der selige Homer kannte diesen Zug der menschlichen Seele. Anstatt trockene Beschreibungen zu bieten, etwa eine Rüstung Stück für Stück zu beschreiben, stellt er uns den Helden dar, wie er sie Teil für Teil anlegt. So wird aus einer trockenen Beschreibung -- eine Geschichte, ein Erlebnis.
Die Anwendung des Grundsatzes, Gedächtnisstoffe erst gründlich zu erleben, bedarf einer ausführlichen Darstellung. Ich gebe sie in „Neue Gedächtnisgesetze. Ihre Anwendung in Lehre und Leben“. Th. Müllers Verlag und Versandbuchhandlung. Leipzig-Eutritzsch.
Lernen im Ganzen oder in Teilen?
Wenn wir einen Schüler beim Lernen von Gedichten beobachten, so machen wir fast stets die Erfahrung, daß er das Ganze in kleinere Abschnitte zerlegt, diese einzeln lernt und dann versucht, sie aneinanderzureihen. Die Gründe dafür sind: Man will die schwierigen Stellen erst für sich lernen. Dann möchte man auch gern einen Fortschritt sehen, denn beim Lernen im Ganzen kommt das Gefühl des Auswendigkönnens erst ganz zuletzt. Auch glauben besonders Kinder leicht, einer umfangreicheren Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Diese Einbildungen, Selbsteinflüsterungen (Autosuggestion) beeinflussen tatsächlich das Gedächtnis manchmal in so ungünstiger Weise, daß unter Umständen das Lernen im Ganzen weniger wirkungsvoll ist (vgl. auch S. 48). Aber wie unsinnig dieses stückweise Lernen ist, zeigt folgende Zeichnung. Die starken Striche zeigen an, wievielmal ein Vers für sich gelernt wurde. Die Bogenlinien zeigen, wie oft das Vers+ende an den Anfang+ gehängt wurde.
Wer so lernt, braucht sich nicht zu wundern, wenn es ihm geht, wie dem Vereinsvorstand, der beim Stiftungsfest mit der üblichen Rede loslegte: „Verehrte Anwesende, es ist so Sitte in unserm Verein, daß wir den Tag seiner Entstehung festlich begehen ....“ Dann ging es munter weiter, bis der Begrüßungsgedanke ausgeführt und die Überleitung zu etwas Neuem nun fällig war. Statt dessen stammelte der Redner: „Ja, jawohl, verehrte Anwesende, es ist so Sitte in unserm Verein, daß wir den Tag seiner Entstehung festlich begehen ....“ Nun war er unrettbar wieder auf den 1. Abschnitt seiner Rede eingestellt und fand sich erst weiter, als er sie ablesen konnte.
Wir wissen sofort, wie er sie einlernte: stückchenweise. Wenn das Ende eines Abschnitts 4-6mal an den Anfang gehängt wird wie in obiger Zeichnung und nur einmal die zum nächsten Abschnitt führende Verbindung geschlagen wird, dann kann’s ja gar nicht anders kommen; denn die +Gefahr+, daß man +an den Anfang zurückgeführt+ wird, ist +immer da vorhanden+, wo +stückchenweise eingeprägt+ wird.
Deshalb empfiehlt sich in jedem Falle das Ganzlernen, dann hängt aneinander, was zueinander gehört.
Überdies zeigen auch zahlreiche seelenkundliche Versuche mit +Sicherheit+, daß das Lernen im Ganzen bedeutend vorteilhafter ist in bezug auf +Zeitersparnis+ und +Behalten+.
Besonders ist das Lernen im Ganzen natürlich bei +sinnvollem+ Stoff zu empfehlen, der sich ja förmlich dagegen wehrt, durch ein Lernen in Teilen zerstückelt zu werden. Hier unterstützt der Denkzusammenhang ganz außerordentlich das Verknüpfen; denn es wird uns der +Sinn fortwährend und weiterlaufend+ zum Bewußtsein gebracht. Die Aufmerksamkeit bleibt dadurch fortwährend besser gefesselt als beim Lernen in Teilen, wo die Versuchung gar zu groß ist, achtlos zu lernen und einen wichtigen Vorteil aus der Hand zu geben: Sinnvolles Lernen hat meist eine etwa zehnfach bessere Wirkung als geistloses Einpauken. Darum wird beim Lernen im Ganzen eher ein gedankenloses Hersagen vermieden, das für das Einprägen fast wirkungslos ist.
Nun gibt es aber doch ganz große Gedichte. +Die+ in einem Zuge einzuprägen, dürfte schon aus dem Grunde nicht ratsam sein, weil die Aufmerksamkeit gar nicht so lange angespannt zu arbeiten vermag. Am +Anfang+ und +gegen das Ende+ hin +spannt sich+ die Aufmerksamkeit an, während +in der Mitte+ deutlich ein +Nachlassen+ nachzuweisen ist.
Und doch ist das Lernen im Ganzen auch hier zu empfehlen, aber mit einer Änderung, die Meumann vorgeschlagen hat. Man teilt ein großes Gedicht, etwa Schillers „Lied von der Glocke“, dem Inhalte nach in mehrere Teile und zieht dort trennende Bleistiftstriche.
Nun wird im Ganzen gelernt, aber bei den Bleistiftstrichen ist zu warten, damit sich die Vorstellbindungen und -verknüpfungen festigen können, die Aufmerksamkeit sich neu sammelt und man dann mit aller Frische und Sammlung nach jedem Striche wieder fortfahren kann.
So bilden sich +die Bindungen nur in einer Richtung+. Und die beim Lernen in Teilen entstehenden, an den Anfang zurückführenden Verbindungen werden vermieden.
Das gilt besonders für +gleichartigen, überall gleich schweren+ Lernstoff. Finden sich mehrere schwere Stellen, wird es ohne Zweifel vorteilhafter sein, sie mit einigen Mehr-Lesungen +gesondert+ einzuprägen während des Ganzlernens.
(Wer da glaubt, mit dem Teil-Lernen bessere Erfolge zu erzielen, der vergesse wenigstens nie, den Teil am Anfang und Ende in natürlichen Zusammenhang zu bringen. Stets wird es sich empfehlen, dem gesonderten Lernen +einige Ganz-Lesungen vorauszuschicken+.)
Verteilung der Wiederholungen auf mehrere Tage.
Es ist nicht zweckmäßig, etwas durch unsinnige Häufung von Wiederholungen in einem Atem einprägen zu wollen. Größere Unterbrechungen und Verteilung auf eine längere Zeitstrecke sind unter allen Umständen vorteilhaft. (Also +zeitig beginnen+!) Ebbinghaus fand zum Beispiel, daß 68 Wiederholungen an einem Tage nicht den Einprägungswert haben, wie insgesamt 38 Wiederholungen, auf drei Tage verteilt. Auch Adolf Jost fand, daß besonders bei den Stoffen, die eine große Zahl von Wiederholungen brauchen, die ausgedehnteste Verteilung am wirksamsten ist. Er stellte ein schnelleres Lernen und besseres Behalten fest.
Schließlich kommt es gar nicht darauf an, daß wir etwas so schnell als möglich lernen. Die Hauptsache ist, daß sich +feine Fäden in alle möglichen Gedankenbereiche spinnen+, damit das Gelernte nicht als toter Ballast, sondern +lebendig in uns wirkt+, +eng mit unsrer Persönlichkeit verknüpft+ wird, damit Schätze des Schönen, etwa Dichterworte, +Einfluß auf unser Leben+ gewinnen, nach allen Richtungen hin mit ihren Strahlen +erwärmend, bereichernd und vergoldend+ wirken. Und das wird durch eine Verteilung der Wiederholungen viel besser erreicht als durch ihre Häufung.
Die Einbildung.
Nichts hindert alle unsre Fähigkeiten so sehr, wie der lähmende Zweifel: „Wirst du es fertig bringen? Vermagst du es noch?“ So wird jeder z. B. beim Hoch- oder Weitspringen die Beobachtung machen, daß er gewiß nicht über die Schnur kommt, wenn er sich die Frage vorlegt: „Wirst du drüber kommen?“ Sagt er sich aber: „Das wäre noch schöner! Das leistest du bestimmt,“ dann kann er sicher sein, daß er die sich selbst zugetraute Leistung vollbringt.
Der +Glaube an sich+ selbst wirkt +Wunder+. Daher ist die +Stärkung des Selbstvertrauens+ eine wichtige Aufgabe der Erziehung. Ganz besonders macht sich das Vertrauen auf eigene Kraft beim Gedächtnis bemerkbar. Wenn ein Schüler mit dem bangen Zweifel aufzusagen beginnt: „Wirst du es auch noch können?“ so bleibt er sicher stecken. Der felsenfeste Glaube aber: „Das bringst du fertig!“ ist unter allen Umständen von größtem Vorteil.
Um diesen Vorteil zu gewinnen, brauchen manche Schüler ein merkwürdiges, aber doch wirkungsvolles Mittel. Sie legen beim Schlafen das Buch unter den Kopf, nachdem sie die Aufgabe sicher gelernt haben. Am frühen Morgen wird alles nochmals durchgelesen und dann später mit gutem Erfolge aufgesagt, weil der lähmende Zweifel infolge der Einbildung (Autosuggestion) ausgeschaltet ist.
Wir wollen nicht auf die herabschauen, die zu absonderlichen Mitteln greifen, um das unbedingt nötige Vertrauen auf ihr Gedächtnis zu gewinnen, wenn es ihnen nicht aus freiem Willensantrieb gelingt. So mancher große Geist hat in sonderbaren Begleitumständen die nötige Anregung zur Arbeit gefunden, wobei ohne Zweifel die Einbildung die größte Rolle gespielt hat. Haydn und Richard Wagner legten z. B. beim Tondichten gewählte Kleidung an. Wagners Vorliebe für Samt und starke Wohlgerüche ist ja allgemein bekannt. Grün und rotgelbe Tapeten galten Goethe als Anregungsmittel, und die Beispiele für ähnliches Verhalten sind zahllos!
Übers Aufhalten des +Vergessens+ handelt ausführlich die „Praktische Gedächtnispflege“ S. 29-35 übers absichtliche Vergessen und über falsche und richtige Psychanalyse, d. h. über Befreiung unserer Seele, „Neue Gedächtnisgesetze. Ihre Anwendung in Lehre und Leben“.
[12] Wundts Philosoph. Studien, Bd. 18, 1903.
[13] Hat doch sogar Trautschold, ein Schüler Wundts, einmal in den „Philosophischen Studien“ den Versuch gewagt, die Assoziationszeit und die Zeit für eine Gehbewegung in Verbindung zu bringen.