Das Gedächtnis

Part 2

Chapter 23,012 wordsPublic domain

Puls +--------+-----------------+ | | verlangsamt beschleunigt +------+-------+ +-----+------+ | | | | | | verstärkt | geschwächt verstärkt | geschwächt | | | | | | durch durch durch durch durch durch Lust Spannung Beruhigung Erregung Lösung Unlust | | +------------+ | | | +--------------------------+ | +----------------------------------------+

Abb. 5. Die Gesetzmäßigkeit zwischen Puls und Gefühlen. (Nach Wundt.)]

In diesen sechs Gefühlsrichtungen liegt eine ungeheure Summe von Gefühlsschattierungen und -verbindungen, die zu jeder Empfindung hinzutreten können.

Empfindungen enthalten Tatsächliches über die Außenwelt, Gefühle dagegen sind persönliche, innerliche Antworten des Geistes auf Reize.

So erblicken wir bei tieferer Betrachtung in unserm Geiste den mächtig schaffenden Grundsatz der Verbindung, weitgehender Verquickung und Durchdringung, aber doch auch wieder Wahrung der Eigenart der geistigen Elemente. Empfindung, Gefühl, Wille treten nicht vereinsamt auf, sondern immer eng verschlungen wie die Fäden eines wundersam verknüpften Flechtwerks.

Jetzt begreifen wir, warum wir überhaupt fähig sind, die einzelnen Hornstöße des Sturmsignals im Zusammenhang nachzusingen. Wenn wir nicht diesen Grundzug des Geistes kennten, getrennte Empfindungselemente mit anderen Empfindungen, mit Gefühls- und Willenswerten zu verknüpfen und zu einem Ganzen, zu einer Einheit, zusammenzuschweißen, würden wir vor einem Rätsel stehen. So aber zieht die Vorstellung vom ersten Hornstoß alles andere ins Bewußtsein nach, weil alles Dazugehörige: Empfindungen mit Klang-, Spannungs-, Lösungs-, Tätigkeits-, Lustgefühlen usw. verbunden wird, wozu noch eine Verknüpfung mit dem Wortgedächtnis getreten ist: „Kartoffelsupp, Kartoffelsupp, den ganzen Tag Kartoffelsupp, Supp, Supp, Supp.“ Dabei fühlt jeder ganz deutlich eine damit verbundene Gefühlsmischung, die sich nicht leicht in Worte fassen läßt: Das Ganze wirkt scharf, rhythmisch, stramm, ulkig usw. Im Gefecht treten dazu noch ganz andere, vorzugsweise Willenswerte von Pflicht, Gehorsam, Begeisterung, Wut usw. Ich erinnere mich noch ziemlich deutlich meiner eigenen Bewußtseinslage beim Hören dieses Rufes im Schlachtgetümmel. An das „Kartoffelsupp“ dachte ich nicht mehr, sondern werbend und mahnend, aufreizend und vorwärtsdrängend stand nur die andere Sinnverbindung im Blickpunkt des Bewußtseins: „Geht schneller vor, geht schneller vor, geht immer, immer schneller vor, vor, vor, vor!“ Und war man auch vom letzten Sprung noch atemlos, dieser Ruf stachelte an und peitschte alle vorwärts, bis nach ungeheuern Anstrengungen und Opfern die Stellung der Russen unser war.

Dieses Verbindungenschlagen der geistigen Elemente untereinander bezeichnet man, wenn es von selbst geschieht, als +Assoziation+ (~socius~ [lat.] = der Genosse, der Gesellschafter).

Es wird Zeit, daß wir auch in der Wissenschaft den fremden Sprachplunder loswerden: Vorstellungsverbindung ist für die Zunge nicht leicht genug. Das lange Wort mehrere hundertmal in einem Buche gebraucht, kostet Zeit, Lohn, Papier usw. Also: +Vorstellbindung+ kann nicht mißverstanden werden.

Diese Bindungen verglich man früher mit einer Kette, bei der die Einzelvorstellungen, den Gliedern einer Kette gleich, aneinander gereiht sind. Jetzt veranschaulicht man das Wesen dieser nicht einseitigen, sondern vielseitigen, fast allseitigen Bindungen besser als ein weitverzweigtes Geflecht, als ein vielseitig brauchbares Netz.

+Arten der niederen geistigen Verbindungen+ (Assoziationen).

1. Wenn wir auf der Orgel einen Ton erzeugen, glauben wir, +einen+ Ton zu vernehmen. Wir sind sehr erstaunt, wenn wir mit Hilfe der Helmholtzschen Schallverstärker erkennen, daß dieser +eine+ Ton sich aus einem Grundton und einer ganzen Menge von Obertönen zusammensetzt, die jenem die Klangfärbung geben. So innig haben sie sich verbunden, daß wir die Obertöne fast nie heraushören. Wenn sich Metalle zu einer Legierung verbinden, verschmelzen sie. Wir reden hier von einer vollkommenen +Verschmelzung+ und erblicken darin eine Art der niederen Bindungen. Die Haupttöne eines Akkordes verschmelzen ziemlich innig, z. B. bilden in dem Vierklang ~c~ ~e~ ~g~ ~c´~ die Klänge ~c~ und ~c´~ eine nahezu vollkommene, ~c~ und ~g~, ~c~ und ~e~ aber unvollkommene Verschmelzungen. Noch unvollkommener verschmelzen ~c~-~es~. Darum ist ein Mehrklang immerhin eine Verschmelzung, aber eine lose.

Fast jeder Geschmack außer den einfachen Empfindungen: süß, sauer, bitter, salzig, ist eine Verschmelzung der Geruchs- und Geschmacksempfindungen. Wenn wir jemand bitten, sich die Nase zuzuhalten, und geben ihm kleine Zwiebelstückchen in Würfelform zu kauen oder streichen ihm die schönste Vanillentunke auf die Zunge, so kann er nicht angeben, was er im Munde hat. Erst wenn er die Hand von der Nase wegnimmt, +riecht+ er, was wir ihm gaben. Er sagt aber sicher: „Jetzt +schmecke+ ich, daß es Zwiebel (Vanille) ist.“

Unsere räumlichen Gesichtsvorstellungen sind Verschmelzungen der Netzhautempfindungen mit jenen äußerst feinen, die Stellung und Bewegungen des Auges begleitenden Muskelempfindungen (vgl. Praktische Gedächtnispflege S. 40-42). Doch nicht nur Empfindungen verschmelzen untereinander, auch Empfindungen mit Gefühlen und Gefühle untereinander. Von den vielen tausend Möglichkeiten wollen wir ein echtes Beispiel herausgreifen, das sog. +Gemeingefühl+. Es ist eine innige Verschmelzung hauptsächlich der sinnlichen Gefühle, die an die Spannungs- und Bewegungsempfindungen der Muskeln und an die Empfindungen der inneren Schleimhäute, besonders des Magens, geknüpft sind. Darauf beruht also unser Gesamtbefinden, die Frische und Lebendigkeit, die uns beseelt, oder die allgemeine Unlust und Mattigkeit, die uns mitunter beherrscht.

2. Eine neue, die Verschmelzung ergänzende Form der Vorstellbindungen lernen wir kennen, wenn wir das folgende Bildchen (Abb. 6) aufmerksam betrachten: Ganz deutlich sehen wir, wie sich das vorderste Kind herumdreht, das dritte Mädchen, mit zwei Zöpfen, nach oben schaut. So meisterhaft hat der Künstler die weißen Fleckchen angebracht, daß die Personen des Bildes stellenweise geradezu körperlich heraustreten.

Diese prächtige Gelegenheit, unsere seelische Tätigkeit bei einer Bildbetrachtung zu zergliedern, wollen wir nicht ungenutzt vorübergehen lassen. Wollen wir zunächst mit schwarzem oder geschwärztem Papier alle weißen Kleckse, die Lampen darstellen, zudecken! Dann nehmen wir ein Stück Papier zur Hand! Damit decken wir zunächst die obere Hälfte des Bildchens zu, so daß der unterste Rand des Papierstreifens in der Richtung der Linie ~a~--~a~ liegt. Wie? diese länglichen weißen Spritzer haben wir als Kinderkörper gedeutet?

Nun decke man die untere Hälfte des Bildes zu, daß der Streifenrand in der Richtung ~b~-~b~ liegt! Mit Ausnahme des zweiten Kindes von links werden wir kaum in jenen Flecken Köpfe vermuten. (Überzeugen!!)

Wie können diese unverständlichen Lichtflecke und -linien von uns zu einem so „sprechenden“ Bilde gedeutet werden? -- +Wir+ sind es, die eine Deutung ins Bild hineintragen, +wir+ geben unglaublich viel alte Vorstellungselemente von Kindern, Laternen usw. an den neuen, an sich gänzlich unvollständigen, feinberechnet unvollständigen Eindruck ab. Der neue, ganz und gar lückenhafte Eindruck wird im Nu ergänzt durch früher erworbene entsprechende Vorstellungen aus dem Gesichtsgedächtnisschatze. +So+ wird der Eindruck „aufgefaßt“, „verstanden“. Wenn der Künstler die weißen Flecke nicht so geschickt angebracht hätte, so wären aus unserem Gedächtnis keine unbewußt ergänzenden Vorstellungselemente hinzugetreten, würde uns das Bildchen „unverständlich“ bleiben -- wir wüßten „nichts mit ihm anzufangen“. Dieses gleichzeitige Zusammenfließen alter und neuer Vorstellungen wird als +Assimilation+, als +umbildende Angleichung+, bezeichnet.

Alle Bild- und Gemäldebetrachtungen sind umbildende Angleichungen. Doch nicht nur sie, auch alle Auffassungen von Dingen, die wir wiederholt sehen. Angenommen, wir sehen einen wirklichen Fackelzug der Kleinen. Wie unendlich lange Zeit würden wir wohl brauchen, um die ungeheure Fülle von Einzelempfindungen, die gewaltige Flut von Gefühlen und ihren Verbindungen, wirklich alle aufzufassen! So greift unsere Aufmerksamkeit aus der Fülle von Eindrücken nur einige wenige Züge heraus (Kinder, Fackeln, Laternen). Wir haben gar nicht die Zeit, alle Einzelheiten aufzufassen. Aus früheren Vorstellungen wird so schnell, daß wir es gar nicht merken, alles Fehlende ergänzt.

Auf diese Weise wird die Auffassung aller Eindrücke wesentlich beschleunigt, weil unser Bewußtsein natürlich mit Erinnerungsvorstellungen viel schneller arbeiten kann, als wenn eine Zergliederung der gesamten Flut von Eindrücken erfolgen müßte. Wir erinnern uns daran, daß unser Bewußtsein nur 6 Einheiten gleichzeitig aufnehmen kann. Wem das als ein Mangel erscheint, der wolle ja bedenken, daß ohne diese wundervolle Angleichung und ohne jene Bewußtseinsenge die Eindrücke unserer Umgebung das Bewußtsein erdrücken oder wir so fassungslos dastehen würden wie ein Blinder, der plötzlich sehend wird.

Genau der gleiche Fall liegt vor beim Übersehen von Druckfehlern. Unser Lesen ist infolge der Übung so geschwind, daß wir nicht mehr Buchstaben an Buchstaben reihen, sondern wir überfliegen ganze Wörter. Kaum ist das Wortbild flüchtig erfaßt, sofort kommt aus dem Erinnerungsschatze das ganze Wort und die richtige Wortbedeutung ins Bewußtsein. Wir +übersehen+ also eigentlich +nicht nur+ den Fehler, wir tun noch viel mehr, +wir setzen+ unbewußt infolge des lebendigen, sofort sprungbereiten Vorstellungsschatzes das +richtige Wort an Stelle des falschen+.

Beim Sprechen, besonders beim schnellen, werden ganze Silben verschluckt, ganze Wörter arg verstümmelt, und doch hören wir sie richtig. Sofort, wenn solche unvollständige Klanggebilde ins Bewußtsein treten, taucht das vollständige Wort aus dem Gedächtnis ergänzend auf, verbindet sich mit dem neuen Klanggebilde, und die Wortbedeutungsvorstellung tritt dann auch noch aus dem Gedächtnis ins Bewußtsein. So verstehen wir. Wie unvollständig unser sprachliches Hören meist ist, merken wir erst, wenn wir uns einmal verhören. Wir glauben ein Wort bestimmt gehört zu haben, während es nachweislich gar nicht gefallen ist. +Aus unserm Gedächtnis+ stammt das Wort mit Wortbedeutung. +So mächtig treten alte Vorstellungen auf, daß sie jene unklare Schallempfindung vollkommen in den Schatten stellen und uns selbst weismachen, es sei der neue Eindruck.+

Diese Umbildungsvorgänge machen uns um eine wichtige Entdeckung reicher. Sie zeigen uns, +wie unglaublich viel Altes, Gedächtnismäßiges wir in unsere Erlebnisse hineintragen+. Alles Erkennen und Wiedererkennen sind Umbildungen, wobei von den betreffenden alten Vorstellungen meist ein gemengter Knäuel von Erinnerungsresten rege wird.

Uns fällt das Sprichwort ein: „Irren ist menschlich!“ Das hat uns die Erfahrung schon oft gezeigt. Wie tief dieses Irren aber schon in den einfachsten Erinnerungsvorgängen begründet ist, hatten wir doch nicht vermutet. Ist doch insofern alle menschliche Auffassung ein Irren!! So erklären sich schon manche Mängel der Zeugenaussage. Vgl. S. 50-55.

Jetzt beginnen wir zu ahnen, von welch gewaltiger Bedeutung die Forderung ist: „Mehr Arbeit der Sinne!“ (S. 50.) Es leuchtet doch ein, daß nur dann eine neu auftretenden Reizen entsprechende Auffassung erfolgen kann, wenn wir früher +peinlich genau ähnliche Dinge aufmerksam zergliedernd auffaßten+ und so einen reichen Schatz möglichst vollständiger und richtiger Vorstellungen erwarben.

3. Es sind aber auch Vorstellbindungen verschiedener Sinnesgebiete möglich. Freilich besteht zwischen den einzelnen Sinnen eine Scheidewand, so daß ein ununterscheidbares Zusammenfließen wie bei der vollkommenen Verschmelzung nicht stattfinden kann. Aber doch knüpfen sich auch hier zarte Bande, die allerdings etwas loser sind als die Verbindungen des gleichen Sinnesgebiets, aber doch noch als feste Bindungen angesprochen werden müssen. Es sind die „+Komplikationen+“ (ich schlage dafür vor „mehrsinnliche Bindungen“). Wenn wir einen Borsdorfer Apfel sehen, und es läuft uns das Wasser im Munde zusammen, so ist das nur möglich, weil die Gesichtsvorstellung vom Borsdorfer Apfel mit der Geschmacksvorstellung früher eine Bindung eingegangen ist, so daß jetzt sofort die Speicheldrüsen abzusondern beginnen. Ein starker Donner weckt in unserm Bewußtsein gleichzeitig vielleicht das Gesichtsbild eines Feldgeschützes oder Mörsers infolge der Gehör-Gesichtsbindung. Beim stillen Lesen können viele an sich beobachten, wie sie leise Sprechbewegungen ausführen. (Siehe später Inaudi! S. 57.) Eine Übersicht würde uns also bieten:

Vorstellbindungen (Assoziationen)

eines Sinnesgebietes, verschiedener Sinnesgebiete / \ | / \ | Verschmelzung Angleichung vielsinnliche Bindung (Assimilation) (Komplikation)

Endlich gibt es auch Bindungen, die nicht in einer für die Beobachtung unteilbaren Tat (simultan) vor sich gehen, sondern wo infolge Verzögerung deutlich zwei Teile nachzuweisen sind. Diese verzögerte (sukzessive) Vereinigung +beruht+ sonst +auf den gleichen allgemeinen Ursachen+ und hat +dieselben Eigenschaften+ zweier gleichzeitiger Bindungen, der umbildenden Angleichung und der mehrsinnlichen Bindung. Sie ist der Beobachtung leicht zugänglich; denn alles, was uns von selbst einfällt, wenn wir uns ganz willenlos dem Spiel der Gedanken hingeben, ist verzögerte Bindung. +Das gesamte Erinnern, sämtliche Gedächtnisvorgänge sind nacheinander ins Bewußtsein tretende Vorstellbindungen.+ Scheinbar von selbst folgt einer Vorstellung dann eine ganze Menge anderer. Wir wissen aber, daß +dieses Folgen nur auf Grund von Verbindungen+ möglich ist. Deshalb verweisen wir andauernd auf frühere oder spätere Stellen, damit jeder beim zweiten Lesen möglichst viele Brücken schlägt.

Wirkt aber bei den geistigen Verbindungen der Wille mit und unterscheiden wir deutlich Gefühle der Spannung, der Tätigkeit dabei, so entstehen nach Wundt Apperzeptionen, die unmittelbar unter der Mitwirkung der Aufmerksamkeit zustande kommen. Denken, Überlegen, Einbildungskraft und Verstandestätigkeit sind (nach Wundt) +solche+ Verbindungen. Durch sie nur sind dann solche weitgespannten Zusammenhänge und Überblicke (Synthesen), solche tiefeindringenden Zergliederungen (Analysen) möglich, wie wir sie bei den Größen des Geistes bewundern.

Für Apperzeption, wie sie Wundt auffaßt, haben wir zahlreiche deutsche Wörter: denken, beziehen, überlegen, zergliedern, verknüpfen, verketten usw. Durch sie entstehen +die höheren, den Menschen vor der Tierwelt auszeichnenden Gedächtnisverknüpfungen+. Von diesen höheren Verbindungen läßt Goethe den Teufel bewundernd sprechen:

„Es ist mit der Gedankenfabrik, Wie mit einem Webermeisterstück, Wo ein Tritt tausend Fäden regt, Die Schifflein herüber, hinüber schießen, Die Fäden ungesehen fließen, Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.“

[4] Wie derartige Reize zustande kommen und wie sie von den Sinnesnerven fortgeleitet werden, um als Empfindungen in unser Bewußtsein zu treten, zeigen die beiden ersten Abbildungen. Unser Finger berührt einen heißen Gegenstand oder verletzt sich an einer Nadel; sofort wird der Finger auch schon zurückgezogen, ohne daß unser Wille daran beteiligt ist. Das geht so zu: Der heftige Reiz (Hitze, Stichverletzung) erregt eine Empfindungs-Nervenzelle, ein Sinneskörperchen, von denen Hunderte und Tausende auf Fingern, Lippen und anderen empfindlichen Stellen verteilt sind (Abb. 1). Jedes dieser Sinneskörperchen, die nur einige Tausendstel-Millimeter messen, ist von einer feinen Nervenfaser umstrickt, die sofort den Reiz bis zum Hinterhorn des Rückenmarks leitet. Dort löst er eine so starke Erregung aus, daß sie nach dem Vorderhorn zu (motorischen) Bewegungs-Nervenzellen überstrahlt und dort auch Erregung verursacht. Sie teilt sich der Bewegungsnervenfaser mit, die den dazugehörigen Muskel zusammenzieht und den Finger von der gefährdeten Stelle entfernt. Der Zuckungsbogen ist geschlossen, wir haben eine unwillkürliche Bewegung, eine Reflexbewegung, gemacht, an der unser Gehirn vorderhand gar keinen Anteil genommen hat.

Wesentlich zusammengesetzter werden die Vorgänge, wenn wir uns im Dunkeln tastend bewegen. Dann genügt nicht die einfache Zuckungsbewegung zum Schutz des bedrohten Gliedes. Dann springt die Erregung nicht sofort vom Hinter- zum Vorderhorn, sondern steigt erst im Hinterhorn aufwärts ins Großhirn. Verschiedene Hirnstellen sind daran beteiligt (Abb. 2). Die an dieser Stelle als Schmerz, Druck, Kälte oder Wärme in unser Bewußtsein tretende Empfindung wird unter Hinzutritt des Willens zu einem Bewegungsantrieb umgearbeitet, der von der Bewegungszone im Gehirn zum Muskel abwärts geleitet wird, das bedrohte Glied mit bewußter Absicht zu bewegen.

[5] Bloße Aufnahme.

[6] Erfassung.

[7] Solcher „Schnellseher“ gibt es mancherlei Arten. Bei den einen fällt eine Platte mit viereckiger Öffnung herab, durch die der Blick Bruchteile von Sekunden lang auf bestimmte Ziele freigegeben wird. Oder es schwingt vor den Augen eine Fläche mit einem Schlitz hin und her, durch den Zeichen oder Gegenstände auf ganz kurze, bestimmbare Zeit betrachtet werden (Abb. 3).

[8] D. h. nach dem Taktmesser (Metronom) von Mälzel gemessen.

[9] Wie sich Puls und Atmung bei jenen drei Gefühlsrichtungen gestalten, ist bei Wundt, Grundzüge der Physiologisch. Psychologie, II. Band, 6. Aufl., S. 304-309, zu ersehen. Es sind ähnliche Puls- und Atemlinien, wie wir eine auf Seite 69 bringen.

IV. Ein kurzer Ausflug in die Werkstatt unseres Geistes.

Es ist natürlich, daß unser Gehirn (Abb. 7 und 8), diese wunderbare Gedankenfabrik, die Forscher besonders anzog, daß es ebenso wie das der Tiere mit allen möglichen Verfahren bis zu seinen Zellen mikroskopisch gründlich durchforscht wurde. Im Jahre 1887 schon erschien ein Verzeichnis von 341 Arbeiten über Nervenfasern und Ganglienzellen.[10] Allein 1895 bis 1908 wurden gegen 1500 Arbeiten nur über die Bauart der Gehirnzellen veröffentlicht.

Ein Schnitt durch das Gehirn zeigt uns, daß die rötlichgraue Oberfläche, die „graue Substanz“, das „Rindengrau“, nur einen dünnen Überzug von wenigen Millimetern Dicke bildet. Was darunter liegt, sieht weiß aus und besteht aus ungezählten Millionen von markhaltigen Fasern, Nervenleitungen, die wir als Mark bezeichnen (Abb. 11).

Wenn wir nach einem Vergleiche suchen, der uns den Zweck dieser Einrichtung verständlich macht, so eignet sich dazu das Bild einer elektrischen Kraftanlage recht gut. Die Dynamomaschine als Kraftwerk versorgt die Leitung, ein weit gespanntes Drahtnetz, mit Kraft und Licht. Das Rindengrau würde als Kraftstelle, die ungeheuren Mengen von Markfasern als das ganz verschlungene Leitungsnetz zu bezeichnen sein; denn mehrere Millionen solcher Nervenleitungen verbinden die einzelnen Teile des Gehirns und ihre Oberflächenzellen untereinander.

Außerdem ziehen ganze Faserzüge von einer Hirnhälfte zur andern. „Der größte Teil des menschlichen Großhirnmarkes besteht also tatsächlich aus nichts anderem als aus Millionen wohlabgedichteter, insgesamt Tausende von Kilometern messender Leitungen, die die Sinneszonen untereinander, die Sinnesbezirke mit den geistigen Bezirken und diese wieder untereinander verknüpfen; -- und nur aus dieser Mechanik ergibt sich die Einheitlichkeit der Großhirnleistungen.“ (Flechsig.)

Das ganze Gehirn ist nun in kleinere oder größere Arbeitsgebiete eingeteilt. Das +Kleinhirn+ ist durch Nervenleitungen mit allen Gelenken, Sehnen, Muskeln, auch mit den drei Bogengängen des Labyrinths im Ohr, verbunden. Darum empfinden wir mit seiner Hilfe fortwährend jede Lageveränderung der beweglichen Körperteile und sind stets über die Lage unseres Körpers genügend unterrichtet.

Um die Bedeutung des +Mittel-+ und +Zwischenhirns+ zu ermitteln, versuchte man, bei Säugetieren das Großhirn zu entfernen, was nach mühevollen Versuchen endlich Goltz, dem Straßburger Anatomen, bei einem Hunde gelang. Das Tier, das also nur noch Kleinhirn und Mittel- und Zwischenhirn besaß, blieb noch 18 Monate am Leben, und man konnte an ihm beobachten, daß auch ein großhirnloses Säugetier nicht ohne seelische Regungen ist. Zwar war der Hund blödsinnig geworden, hatte die Fähigkeit zur richtigen Auslegung des Empfundenen und das Gedächtnis verloren und vermochte die Nahrung nicht selbst zu suchen. Doch konnte er sich ohne Unterstützung aufrichten, stehen und sogar aufrecht gehen. War er auf glattem Boden hingefallen, so richtete er sich von selbst wieder auf. Aus folgendem Versuch schließt der Nichtfachmann vielleicht gar auf erste Anfänge eines Denkens ohne Großhirn. Man ließ ihn zwischen lange Bretter. Er lief bis zum Ende, wo die Zimmerwand ihm den Weg versperrte. Umdrehen konnte er sich in der Enge nicht, so versuchte er lange, sich an der Wand emporzurichten und das Hindernis zu überwinden. Nach vielen fruchtlosen Anstrengungen fing er langsam an, rückwärts zu gehen, und war nach einer Viertelstunde (!) erst wieder aus den Brettern heraus.

Ob man, wie Wundt, auf ein ganz leises Dämmern von Bewußtsein daraus schließen darf? Oder war es nur bei dem Tiere ein etwas unheimliches Gefühl vor dem unüberwindlichen Hindernis, das ein Zurückweichen hervorrief, und dann ein zwangsläufiges Weiterpendeln, nachdem das Rückwärtsgehen einmal eingeleitet war? Selbstverständlich fehlte seinem Gehen Zweck und Ziel. Sinnestätigkeit war beschränkt vorhanden, denn er war nicht blind, nicht taub, nicht stumm, hatte Geschmack und Gefühl.

Aber die Triebe machten sich noch mit starker Wucht und Selbständigkeit geltend. Hatte er kein Futter, so lief er hungrig und sehr lebhaft umher. Nach dem Fressen trat sofort Ruhe ein, und es überfiel ihn ein ruhiger, anscheinend traumloser Schlaf, bis Nahrungsmangel oder starke innere oder äußere Reize sein Bewußtsein von neuem aufstachelten. Die körperlichen Bedürfnisse wirken also sogar noch bei völligem Großhirnmangel treibend (Trieb!) und setzen alle Glieder in Bewegung, die der unmittelbaren Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse dienen.