Das Feuer hinter dem Berge: Roman
Part 9
Sie gingen die Treppe hinunter und durch die Hintertür hinaus. Jetzt schloß Christiane eine eiserne Pforte auf, an der schon manches Kind in den Jahren sehnsüchtig und neugierig gestanden hatte. Dahinter rauschte es. Da waren grüne Wipfel.
Christiane dachte flüchtig daran, daß sie als junges Ding auch einmal vor der verschlossenen Pforte gestanden hatte.
Nun war ihr das, was dahinter war, längst vertraut. Schöne, alte Bäume, die mit ihren Ästen am Boden schleiften, Rasenflächen, hinten ein Tempelchen aus Birkenstämmen -- uralt. An der Seite störten ein paar Obstbäume, die der vorige Direktor gepflanzt hatte, längs der Wand hatte er Bienenstöcke gehabt und daneben Kohl gepflanzt. Jetzt waren diese Spuren, so gut es ging, vertilgt. Hoch und grau standen die Mauern um das Parkstückchen.
Mein Klostergarten, dachte Christiane.
Sie führte das Kind zum Tempelchen. An die Innenwand war mit ziemlich grellen und anscheinend unvergänglichen Farben das blaue Griechenmeer gemalt, auf dem Odysseus segelte.
Hanni guckte.
»Ist das auch ein Märchen?« fragte sie.
Christiane erzählte. Sie dachte, vielleicht wirkt das Starke besser auf das Kind. Seine Phantasie muß vielleicht kräftiger geschüttelt werden.
Sie erzählte das Abenteuer mit Polyphem.
Als sie sich wandte, merkte sie, daß Hanni ein Bündelchen Handarbeit hervorgezogen hatte.
»Ich will was tun,« sagte sie.
Christiane erinnerte sich. Ja, Fräulein Mehlmann hatte ihre Nichte sehr gelobt. Von allen Lehrkräften, die sich um den dürftigen Geist bemüht hatten, war einzig Fräulein Mehlmann zufriedengestellt.
Und Hanni saß auch jetzt vor dem blauen Griechenmeer, von Vögeln umzwitschert, von Bäumen umrauscht, von einer Sehnsucht umworben, die ihr Herz suchte, und häkelte mit kühler Aufmerksamkeit Stäbchen um Stäbchen.
* * * * *
Mai Friedlein ging in den Stadtpark. Es war in der Mittagsstunde, als die Bürger zu Tisch waren. Auch in der Pension Dorreyter saßen sie jetzt beim Essen, aber die Jong war eingeweiht und entschuldigte Mai. Sie wußte von der Sache, hatte auch tüchtig gewarnt.
Mais Herz klopfte. Sie wußte selber, um was es ging.
Ein Rendezvous -- nein, das überließ sie den Ladenmädchen und Kontorfräulein. Sie ging nur eben am Krähenteich entlang, weil -- der Assessor von Wratislawski um dieselbe Zeit dort gehen wollte.
Er hatte sie auf der Straße gesehen. Dann war im Theater einmal die Gelegenheit zu einer Gefälligkeit gewesen. Er hatte sie aber nicht begleiten dürfen. Von da an kreuzte er fast täglich ihren Schulweg, kein Tag verging ohne seinen respektvollen Gruß, Woche für Woche strich so hin, Winter und Frühjahr und Sommer, und nun war es Herbst.
Jetzt mußte die Entscheidung kommen, das hatte Mai gefühlt. Ihr ganzes Herz hatte sich an die unerhörte Aussicht gehängt -- wenn es doch würde -- der Triumph -- das Glück!
Er hatte ihr also ein Briefchen gesandt und darin ehrerbietig um eine Zusammenkunft gebeten, zugleich beklagend, daß ihm kein anderer Weg zu einer Aussprache mit ihr bliebe.
Ach ja, das war es.
Mai war überzeugt, daß sie bei ihrer Schönheit längst verheiratet sein würde, wenn nur ein korrekter Anknüpfungspunkt dagewesen wäre, eine Gelegenheit, bei der sie mit Herren hätte sprechen können. Aber so hatte jede ihrer Herzensgeschichten etwas vom Wagnis.
Sie pflegte aber als gute Tochter ihrer Mutter sofort Nachricht zu geben, wenn sich wieder etwas angebandelt hatte, und die kam dann sogleich mit dem nächsten Zuge an, um den Schwiegersohn zu besehen und die Angelegenheit ins Korrekte zu bringen. Leider war das bis jetzt noch nie geglückt.
Einmal da, einmal dort ein Aufblinken, eine Hoffnung und immer wieder -- nichts.
Und jetzt -- dies. Mai wußte, der Assessor war reich. Der konnte sich den Luxus leisten, das schönste Mädchen von Markburg zu seiner Frau zu machen. Und wenn er sich versetzen ließ -- nach dem Westen oder nach Kiel -- dann wußte dort kein Mensch, daß sie Lehrerin gewesen war. Und keiner, der die junge Frau von Wratislawski sah, würde von selber auf den Gedanken kommen.
Mais feines Marquisengesicht rötete sich ein wenig -- sie sah ihn schon dort am Teich. Er hatte es eilig. Seine große Dogge, die ihm so ungeheuer ähnlich sah, war mit.
Unbefangen kam er auf sie zu. »Ich bin außerordentlich glücklich, mein gnädiges Fräulein -- --«
Sah sie an.
Sie gingen auf und ab. Immer an der Seite des Teiches, an der die Büsche die Aussicht nach beiden Seiten sperrten. Durch das Gezweig der Hängeweiden hörten sie nur das Geraschel und Geplätscher der Wasservögel, das Gequarr der bunten Enten. Rauschend flog mal da, mal dort ein Tier auf.
Auf dem Wege lagen Kastanienhüllen und Blätter. Wie rote Hände schwebten da und dort Blätter heran. Der Himmel war hoch und blau.
Herr von Wratislawski wußte das sehr hübsch auszudrücken. Und Mai war dafür empfänglich, denn sie war sehr poetisch. Alle ihre verflossenen Verehrer hatten ihr ein künstlerisches Andenken hinterlassen dürfen, ihre Stube war voll von solchen zart elegischen Erinnerungen.
Jetzt war sie lebendig. Herren gegenüber kam sie gut aus sich heraus.
Ja, der blaue Himmel, die roten Blätter, der ferne Wald -- sogar die leeren Kastanienschalen waren poetisch. Raschelnd fuhr ihr Fuß durch die Blätter.
Goldspuren zögen hinter ihr her, behauptete Herr von Wratislawski.
Seine Augen waren ganz rund. Seine Hand im prallen Glacé streifte die ihre. Er kam näher an sie heran.
Sie standen nun vor der offenen Fläche des Teiches. Der Himmel spiegelte sich im Wasser wie in Glas. Die Bäume umrahmten das blaue Bild. Das Wassergevögel hatte sich jetzt ziemlich auf die Schwaneninsel in der Mitte zurückgezogen, nur ein paar Entchen schwammen noch wie grüne Klümpchen in glitzernden Streifen da und dort.
Es war ganz und gar einsam.
Er kam noch näher an sie heran.
Lieblicher sei ihm noch kein Mai vorgekommen, als der an diesem Herbsttage, behauptete er. Wenn sie nur wüßte, wie er auf diese zarte Stunde geharrt hätte! Aber es sei ja so unendlich schwer gewesen -- -- und sie so kühl -- --
»Ja, ja,« sagte sie elegisch. Sie hielt es für angebracht, auch einmal wieder streng zu sein.
Aber er hörte nicht darauf.
Jetzt sei ja das Eis gebrochen.
Und deshalb müßte sie heute Rosen haben, drüben in der Stadtgärtnerei am anderen Ufer müßte es noch welche geben. Ob sie mitkommen wolle? Der Weg sei nur kurz und sehr schön -- --
Sie ging mit ihm, unbefangen, sehr damenhaft. Der Hund raschelte hinter ihnen her. Sie dachte, daß wohl die Stellung der behüteten Haustöchter angenehmer, aber doch weniger poetisch sei, als die eines einsamen, sich selbst das Brot verdienenden Mädchens, dem endlich das Glück lächele. Sie sah ja, wie verliebt er war.
Und nun waren sie an der Gärtnerei. Sie wartete draußen. Nach ein paar Minuten kam er wieder, einen Strauß Rosen in der Hand, wie sie ihn schon lange nicht mehr beisammen gesehen hatte, rote, purpurrote, weiße und zartgelbe.
»Der letzte Sommer,« sagte er, »dem ewigen Lenz.«
Es war sehr poetisch.
Sie drückte das Gesicht in die Blumen, schon, weil sie wußte, wie gut es ihr stand. Mehrfach war sie so photographiert worden.
Es war still. Die Hecke deckte sie wieder. Da flüsterte er: »Mai, liebliche Mai -- nun kommen wir nicht mehr auseinander, nicht wahr --?«
Sie hielt das Gesicht noch immer in den Rosen.
»Mai --« bettelte er.
Sie murmelte zag: »So kann ich Sie nicht mehr treffen,« und horchte scharf auf das, was er sagen würde.
»Nein,« sprach er, »so -- nicht.«
Er schien nachzusinnen.
»Aber es gäbe doch noch vielleicht einen Weg für uns beide --«
Ihr Herz schlug hart auf. Blitzschnell durchmaß ihr Hirn noch einmal alle Hindernisse ihrer Verlobungen -- hier war keiner vorhanden! Der Assessor war ganz unabhängig.
Er machte ein paar Schritte und sah sie nicht an.
»Fräulein Mai,« sagte er in resigniertem Tone, »man weiß ja, wie die guten Markburger sind. Deshalb erlaube ich mir vorzuschlagen -- -- jetzt kommt der Winter, und ich bin oft in der Provinzialhauptstadt in der Oper -- Musiknarr, der ich nun einmal bin -- da möchte ich also gehorsamst vorschlagen -- begegnen wir uns -- dort. Bitte, bitte, denken Sie einmal darüber nach. Da fiele so manches fort, das uns hier beengen würde. Zusammen können wir da so viel Poesie genießen, wie wir wollen -- -- auch der Winter und die Großstadt sind poetisch ...« Er bückte sich plötzlich und faßte mit seinem Handschuh ein Zweiglein harter, weißer Beeren. »Wie zart das ist, nicht wahr?« fragte er fast flötend, »so entzückend zart -- liebes Fräulein Mai -- Herzkönigin --«
Er stockte.
Sie warf ihm die Rosen vor die Füße. Rote, purpurrote, weiße, gelbe Rosen.
»Nein, danke sehr, Herr von Wratislawski.«
Sie wandte sich um und ging.
Ging sehr rasch und sehr anmutig und sehr stolz. Sie wußte, daß man das alles merkte, wußte, daß er ihr verdutzt nachstarrte, und noch ging ihr Blut in gewaltiger Erwartung: kam er jetzt nicht doch --? Stürzte er ihr nicht voller Reue nach -- --?
Sie ging und ging. Die Blätter raschelten rechts und raschelten links. Es waren lauter Goldstreifen.
Aber er kam nicht. Er holte sie nicht ein. --
Wütend trat sie aus dem Park heraus.
Es war ja nicht das erste Mal. Schlingen um Schlingen waren ihr in den Jahren um die Füße geworfen worden -- sie hatte sich in keiner verfangen.
Nur weil sie arbeitete und ihr Brot selber verdiente, glaubte man in dieser Stadt, wo die Töchter ihr Leben nur mit Tennisspielen und ›Kränzchen‹ ausfüllten, sie müßte zu haben sein!
Der Schuft!
Zitternd kam sie die Stiege herauf und horchte vor der Korridortür -- kamen sie nicht etwa eben aus dem Eßzimmer?
Nein, es war still. Sie ging an der Wäschemangel und den Fahrrädern vorbei und öffnete leise die Tür zu ihrem Zimmer -- ach herrje, da war ja die Mutter mit den beiden Schwestern. Sie hatte im Augenblick vergessen, daß sie ihr gleich von der neuen Aussicht geschrieben hatte, nun war die wieder gleich gekommen. Und Paula und Eva waren mit.
Paula war Wochenpflegerin und hatte wohl grade einen freien Tag, und Eva suchte eben wieder eine Stellung als Hausdame. Beide hatten sie die gleichen zartrosa Marquisengesichter, das helle, schöne, wie gepuderte Haar -- nur ihre Gestalten waren nicht so prächtig entwickelt, nicht so germanienhaft, wie die Mais, und nicht so elegant. Frau Friedlein sah man an, daß sie die -- Mutter dieser köstlichen Mädchen war -- sie hätte gar nicht anders aussehen können. Und fein hatte sie sich gemacht, ein seidenes Kleid aus dem Schrank genommen -- es war noch nicht bezahlt. Aber sie hatte sich vor dem reichen Schwiegersohn doch ins rechte Licht setzen wollen.
Unterwegs hatten sie schon hin und her überlegt: wenn Mai jetzt so eine gute Partie machte, konnte eine der beiden anderen immer abwechselnd zu ihr auf Besuch kommen, und dadurch war es sehr leicht möglich, daß sich auch vornehme Partieen für die fanden, so daß die Familie allmählich in ihr altes Milieu zurückdrang.
Die Mutter fragte Mai gleich: »_Wie_ heißt er?« denn sie hatte den Namen vergessen.
Die Schwestern spitzten die Ohren, doch Paula, die Wochenpflegerin, die etwas psychologische Beobachtungsgabe und ziemlich viel Pessimismus besaß, merkte gleich, daß etwas nicht in Ordnung war.
Und nun fuhr es Mai auch gleich heraus: »Es ist nichts, ich habe mich in ihm getäuscht, er hat nur -- nur -- anbändeln wollen -- --«
Die Mutter klappte den schönen Mund zu. Eva sagte: »Na ja,« denn sie hatte auch ihre Erfahrungen.
Paula meinte gleichmütig: »Mai muß doch noch mehr Verehrer haben,« aber die Mutter sprach eifrig: »Erzähle nur -- vielleicht läßt sich noch etwas machen --«
»Da läßt sich nichts machen,« seufzte Mai, fuhr sich über die Stirn und begann zu berichten: »Der Schuft -- der Schuft -- so hat er's angefangen --«
»Du warst allerdings sehr unvorsichtig,« sagte Frau Friedlein vorwurfsvoll, »wenn dich jemand mit ihm am Teich gesehen hat, ist die Sache sehr schlimm --«
»Aber was sollte ich anders tun,« rief Mai, »an welche Weise kann ich sonst einen Mann kennen lernen. Ach, und an dem Teich war es so wunder -- wunderschön. Das blaue Wasser und der blaue Himmel und das rote Laub. Und selbst die zerplatzten Kastanien hat er schön gefunden. Ach,« sie weinte plötzlich auf, »wir haben uns doch so gut verstanden --!«
Die Mutter nahm sie in den Arm an ihre volle Brust und tröstete sie.
»Mein armes Kind, ja, ich glaub's, es ist schwer für dich. Für deine Schwestern auch. Für uns alle. Eva hat ihre Stelle in Stettin doch auch verloren, der Amtsrichter hat sich wieder verheiratet, und sie glaubte doch -- Wie oft kommt das vor. Und Paula hat jetzt eine Frau bis zu Tode gepflegt. Nachher ließ sie sich überreden, bei dem Kind zu bleiben. Es war so verlassen. Sie hatte es gern. Es war ein so hübsches Kind, nicht wahr, Paula? Und um des Kindes willen hätte sie auch den Vater in Kauf genommen. Aber da ist er vorgestern über alle Berge. Über alle Berge, sage ich. Mit der ganzen Kasse des Chefs. Nur das Kind hat er zurückgelassen. Das hat Paula nun in Gemeindepflege geben müssen. Sie hat sehr geweint.«
Mai sah die Schwester an, und die nickte ihr zu. Auch Eva nickte. Ja, sie wußten Bescheid.
Draußen klirrte es. Was war denn --? Ach -- Kaffeekränzchen bei der Mehlmann! Da gab es kein Ausschlagen.
»Ihr müßt auch dabei sein,« sagte Mai zu der Mutter, und die wehrte sich nicht weiter, denn nach der Fahrt und der Aufregung hatte sie Durst bekommen.
Gleich darauf klopfte auch die Handarbeitslehrerin, begrüßte die Damen Friedlein zierlich und bat, sie möchten doch an ihrem Kränzchen teilnehmen. Es sei alles reichlich da.
Das war es. Der runde Tisch sah noch einmal so wichtig aus mit der weißen Decke, den vielen Tassen, Untertassen und Tellerchen, den Sahnennäpfchen, Zuckerdosen, den Marmeladenbüchsen, den Kuchenbergen, Waffelhäufchen und der großen Weinbeertorte in der Mitte. Die war vom Konditor, ebenso die Schlagsahne. Alles andere dagegen hatte Fräulein Mehlmann selbst verfertigt.
Frau Friedlein bog sich in kluger Liebenswürdigkeit vor und bewunderte die glasklaren Früchte und die Marmelade -- ja, die war gut geraten! Eben war die Einmachezeit vorbei. Frühmorgens, ehe sie in die Schule ging, hatte Fräulein Mehlmann auf dem Markte eingekauft, und wer nachmittags etwa zu ihr kam, erhielt unversehens ein Messer in die eine Hand gedrückt und in die andere eine Gurke -- jetzt hieß es helfen! Da nahm das Fräulein keine Rücksicht!
Frau Friedlein mußte auf dem Sofa Platz nehmen. Neben ihr saß Fräulein Seifert, ein Platz war noch frei, denn die Oberlehrerin hatte der kleinen Meckebier Stunde zu geben und kam erst später. Frau Dorreyter hatte sich mit einem Ecksitz begnügt, sie mußte auch oft hin und her laufen, denn das kleine Dienstmädchen war so stutzig. Trotzdem fühlte sie sich sehr behaglich und sah mit Blicken voll Genugtuung auf ihre Damen. Der Kater wußte schon Bescheid, er bettelte bald bei der, bald bei jener und bekam überall etwas.
Die Jong hatte Mais Miene erkannt. An der Weinbeertorte vorbei flüsterte sie ihr zu: »Und stürzt der Himmel ein, kommt doch eine Lerche davon!« was die schöne Mai zu einem Dankesblick veranlaßte, obwohl sie das Zitat im Augenblick nicht unterzubringen wußte, so poetisch sie sonst war.
Die kleine Wehrendorf saß still dabei.
Es war ein schweres Leben für sie. Wenn nur der Husten besser und das erste Jahr vorbei wäre. Dann -- dann -- wieder kam Ada der ungeheure Traum von der eigenen Stube.
Wie sollte die aussehen? Ein weiches Liegesofa, ein Arbeitstisch, ein paar Stühle, ein Schrank und ein richtiges Bett. Ihrer Eltern Sachen waren damals alle verkauft worden.
Sie schrak zusammen -- ach, nun hatte sie übersehen, daß Fräulein Seifert die Sahne gereicht haben wollte. Nie fand sie im Verkehr das Richtige. Das war, weil sie schon so weit ab vom Leben gewesen war, wochenlang hatte sie einer an der Hand gehabt -- sie wußte über die Höflichkeit bei Kaffeekränzchen nur noch geringen Bescheid.
Die Damen aßen und tranken, immer wieder wurde eingeschenkt, immer wieder herumgereicht, der Sahnenberg senkte sich, die Kuchenteller leerten sich, die Torte wurde ganz schmal -- es schmeckte allen sehr gut.
Nun waren sie satt.
Die Mehlmann fragte noch ein-, zweimal herum. Sie hielt Fräulein Seifert die Tortenplatte noch einmal hin -- die dankte. Sie bot sie Frau Friedlein an -- die dankte auch. Sie fragte noch einmal vorsichtshalber ringsum -- alle dankten.
Da räumte sie mit Hausfrauenzärtlichkeit ab. Sie sperrte ihren Schrank auf -- man sah noch allerhand gute Sachen darinnen stehen -- und packte alles sorgfältig hinein -- für Fräulein Haberkorn wurde etwas besonders aufgehoben. Sie schloß wieder zu, nahm den Tischbesen und die kleine Schaufel und kehrte Krümelchen um Krümelchen vom Tisch. Jetzt sah man die Decke -- ein schönes Muster -- und darüber gelegt den feinen Läufer -- die Damen besahen ihn sich genau. Die Seifert fragte, wo man die Vorlage bekommen könnte, aus Markburg sei die doch nicht.
Sie sprachen über Handarbeiten, danach über Kleider, jede schilderte die Art und Weise ihrer Schneiderin.
Mai starrte mit melancholischen Blicken gradeaus: nun mußte sie sich doch zum Winter das gelbe Kleid machen lassen, das ihr gar nicht stand. Den Stoff hatte sie von einer Tante bekommen. Sie hatte gedacht, als Braut -- ach, wo waren die Träume wieder hin!
Fräulein Mehlmann kam heran und trug Gläschen auf Gläschen. Feierlich stellte sie sie vor eine jede hin, und jede guckte darauf. Sie wußten, was nun kam: die Likörchen. Plötzlich stutzte das Fräulein und zählte verdutzt, guckte in ihren Schrank und zählte von neuem -- ja, die Gläser reichten nicht!
»Ich hole Ihnen gleich welche,« rief Frau Dorreyter, »aber ich habe nur Weingläser.«
»O, Weingläser,« entsetzten sich die Damen lachend.
»Meine Likörchen sind nicht gefährlich,« beteuerte Fräulein Mehlmann eifrig, »aber wir können ja auch Eierbecher nehmen --« Sie griff in den Schrank.
Die Seifert machte eine kritische Miene -- nein, Frau Dorreyter sprang schon nach den Wirtschaftsräumen.
Jetzt kam sie und zählte mit den Augen: hatte sie sich noch vergriffen? Nein, es reichte.
Es waren gewöhnliche, schlecht geschliffene Gläser aus dem Warenhause, nur ein einziges war dabei, das war anders. Es stammte noch aus dem knappen Brautschatz der Freiin von Rhane.
Die merkte es gar nicht. Ahnungslos stellte sie es hin. Es kam grade zu der kleinen Wehrendorf.
Fräulein Mehlmann ging mit der klebrigen Flasche ringsum und schenkte ein. Die Weingläser goß sie auch voll, so sehr die betreffenden Damen sich auch dagegen sträubten.
»Aber ich bitte Sie, ein Likörchen --«
Dann stießen alle an.
»Worauf?« rief die Jong. Ihre Finkenaugen lachten gemütlich.
»Worauf?« fragte die Seifert säuerlich.
Sie wußten es gar nicht. Aber die Gläser klangen.
Das der kleinen Wehrendorf tönte sonderbar auf. Sie horchte verwundert. Sie stieß mit Paula Friedlein an, da klang es wieder. Wieder und wieder klang es ganz zart, ganz silbern. Die anderen merkten es nicht. Aber Ada saß ganz erschrocken vor dem Wunder.
In ihr zerschlagenes Herz kam ein kleiner Traum.
Es war der einzige ihres Lebens.
Der kam von dem feinen, singenden Kristall.
Frau Friedlein schrak plötzlich auf. »Wo hast du denn die ... Rosen gelassen?« flüsterte sie der Tochter zu.
Die fuhr herum, ihre Augen glänzten schon wieder. Die Mutter sah sie an und wünschte heiß, jetzt möchte einer die Tochter sehen, ein ganz Reicher, einer ohne Schulden, ein solider Mann.
»Die ... Rosen ... ich hab sie ihm ja doch hingeworfen -- du weißt doch,« murmelte sie, nur der Mutter verständlich.
»Dann müssen sie noch dort liegen --«
»Was muß dort liegen?« flüsterte Paula von der anderen Seite.
Die Mutter erklärte ihr's verstohlen.
»Die sind längst fort. Die haben andere genommen,« meinte Mai, die in dem Gesicht ihrer Schwester und dem der Mutter schon etwas aufsteigen sah.
»_Wo_ liegen sie?« flüsterte Frau Friedlein.
»Ich hab dir's ja gesagt. An dem kleinen Heckenweg hinter der Gärtnerei.«
»Da kommen selten Leute hin. Das ist ein ganz einsamer Platz. Die Rosen liegen sicher noch da -- --« Sie flüsterte mit den Töchtern.
Nach einer Weile stand Paula auf und verschwand unauffällig.
Frau Friedlein erhob sich auch und setzte sich ans Klavier. Es war ein altes Stück, Fräulein Mehlmann hatte es geerbt. Aber sie spielte gut. Perlend flogen die Töne auf -- alle horchten -- das klang schön --! Es war aus dem ›Zigeunerbaron‹: »Wer hat uns getraut --« Jetzt sangen alle mit: »Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht --«
Auf einmal war Paula wieder da. Sie schlich in die heitere Gruppe und hatte die Hände voll Rosen: rote, purpurrote, weiße, gelbe Rosen. Sie waren noch ganz frisch.
Die Kanarienvögel schrieen verwundert auf: »Im Oktober so schöne Rosen? Woher kommen die --?«
Paula blinzelte Mai zu, die eine regungslose Miene machte. Dann begann sie zu verteilen, der einen eine weiße, der anderen eine rote Rose und so fort. Alle bekamen eine, sogar die Wehrendorf, und für Fräulein Haberkorn wurde eine aufgehoben und in ein Gläschen gestellt.
Fräulein Mehlmann goß noch einmal ein, und nun sangen alle wieder, von Rosen umduftet: »Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht -- --«
Auch Mai sang mit.
Jetzt ging die Tür auf. Es war ungefähr so wie im Märchen, wo sich die verregnete, vergnügte Musikantengesellschaft unter den großen Pilz gestellt hat und wo unverhofft die böse Besitzerin, die große Kröte, erscheint.
Es kam Fräulein Haberkorn.
Alle überboten sich in Liebenswürdigkeit, die Wehrendorf raffte sich sogar auf und rückte ihr einen Stuhl zurecht, es war nur leider verkehrt. Die Oberlehrerin nahm stirnrunzelnd auf dem Sofa Platz, bekam ihren Kaffee frischgewärmt, ihre Torte, ihre Knusperchen, ihre Sahne und ihre Rose. Darüberweg besah sie sich die Kleider der Anwesenden. Die Kanarienvögel bekamen gleich ein paar versteckte Lehren, weil sie augenscheinlich zu munter geworden waren.
Fräulein Haberkorn mußte die Luft dieses vergnügten Kränzchens erst eine Weile einatmen, um eingewöhnt zu werden; sie hatte auch noch nicht genug Kaffee getrunken. Vom Likör gar nicht zu reden.
Fräulein Mehlmann erzählte eifrig mit lauter Stimme von ihren letzten Einmachetagen. Sie hatte sich mit Tomaten beschäftigt. Es war das erste Mal.
Im nächsten Jahr wollte sie sich einen Einkochapparat anschaffen, dann konnte sie noch mehr fertig bringen!
Endlich merkte sie, durch das Schweigen der anderen aufmerksam gemacht, daß Fräulein Haberkorn von Meckebiers erzählen wollte.
»Frau Geheimrat war _sehr_ liebenswürdig,« begann sie nun, ihren Kuchen in den Kaffee tunkend, »die kleine Lydia ist aber auch so begabt. Ich habe heute gesagt, sie brauchte eigentlich gar keine Privatstunde, da meinte die Frau Geheimrat, ›ja, das ist wohl möglich. Aber wir, mein Mann und ich, ziehen es doch vor, eine so bewährte Lehrkraft noch weiter um unser Kind zu haben.‹ Das war doch nett, nicht wahr?«
»Sehr nett,« bestätigten alle ringsum.
Fräulein Haberkorn tunkte den Kuchen wieder ein. Jetzt sah sie auf. Ihre Blicke flogen funkelnd über alle. Frau Dorreyter war hinausgegangen.
»Ja, und was ich noch weiß,« sagte sie.
»Was wissen Sie?!«
Alle waren hochgespannt.
Fräulein Haberkorn wählte sich noch ein Stück Torte.
»Sehr schön ist die,« lobte sie, »haben Sie die auch selber gebacken, liebe Mehlmann?«
»Nein,« erwiderte die verlegen.
Fräulein Haberkorn wußte es auch so.
Fräulein Mehlmann brachte, um ihre Ehre wieder herzustellen, jetzt ihr Likörchen an und goß ein.
Die anderen warteten atemlos. Was war das für eine Neuigkeit? Von Meckebiers brachte die Haberkorn oft wichtige Schulneuigkeiten, die sie dort erlistet hatte.
Die Oberlehrerin trank prüfend. Fräulein Mehlmanns Blick hing an dem ihren. Sie nickte ihr gönnerhaft zu. »Ganz gut, wirklich.«
»Ja, also, ich habe nun erfahren, wer unserm lieben verstorbenen Kollegen Diermann im Amt nachfolgen wird,« begann sie endlich.
»Ach!« Die Neugier flackerte noch höher.