Das Feuer hinter dem Berge: Roman

Part 8

Chapter 83,766 wordsPublic domain

»Ich meine, daß sich zwischen Ihnen, den fortschrittlich gesinnten Frauen, und diesen jungen Mädchen, die der Fortschritt gepackt hat, vielleicht eine Brücke schlagen ließe. Es wird so manche hier sein, der das einsame Geldverdienen noch schwer fällt, so manche aus gutem Haus, die in der fremden Luft und in den fremden Gefahren zittert und einen guten Anhalt ersehnt. Ich glaube, da sind viele, die zwar in ihrer Arbeit froh sind, aber sich in den Freistunden vor Einsamkeit verzehren, weil sie von ihrer Familie versprengt und im Herzen wählerisch sind, denen könnten die modernen Markburger Damen ein wenig helfen --«

Frau Colbs befremdeter Blick schoß nach links und nach rechts zu ihren Freundinnen. Eine kleine Stille trat ein. Sogar der Assessor hörte zu. Hardi sah Christiane merkwürdig spöttisch an.

»Ich sehe da ein schönes Arbeitsgebiet für Ihren Verein,« sprach Christiane, »allerdings keine -- Wohltätigkeit.«

»Aber diese jungen Mädchen gehören doch nicht zu uns,« sagte Frau Colb.

»Sie _arbeiten_,« antwortete Christiane, indem sie die Dame fest anblickte.

»Ja eben deshalb ... solche Elemente ...« Frau Colb biß sich auf die Lippen, denn ihr fiel ein, daß die Sprecherin ja auch dazu gehörte, wenngleich sie die Schwägerin des Herrn von Cöldt war.

Ratlos sah sie sich um.

»Unter meinen Lehrerinnen sind einige, die, wie ich genau weiß, sehr einsam sind,« fuhr Christiane ruhig fort, »denn der Verkehr untereinander ist auf die Dauer doch recht einseitig.«

»Es steht ja nichts im Wege, daß die Damen sich an unserem Wirken beteiligen.«

»Verzeihen Sie, gnädige Frau -- ich glaube nicht, daß es sie nach ihrem strengen Schaffen noch nach -- Wöchnerinnenpflege zieht,« entgegnete Christiane ironisch, »aber eine Heimat brauchten sie, Anschluß, etwas Geselligkeit und Freude -- Erholung --! Grade da müßten sich Ihre Interessen über alle herkömmliche Wohltätigkeit hinweg berühren,« fuhr sie fort, »die Mütterlichkeit der modernen lebenserfahrenen Frau gegenüber den einsamen Schwestern, von denen ein volles Werk verlangt wird.«

Frau Justizrat räusperte sich und schickte ein unsicheres Lächeln voll Hochmut ringsum.

»Man merkt, daß Sie hier doch recht ... fremd geworden sind, Fräulein Doktor,« sprach sie, und diesmal kam der Titel scharf heraus, fast zugespitzt und verächtlich hingetan, »wir Damen der Gesellschaft haben da so vielerlei Rücksichten zu nehmen, dergleichen geht nicht so leicht, nicht wahr, meine liebe Frau von Cöldt? Auch würde uns die Zeit dazu wirklich fehlen ...«

Sie wandte sich rasch dem Assessor zu und begann ihn von neuem wegen der Reichsverfassung zu bearbeiten.

* * * * *

Als Christiane an dem Abend in Mantel und Tuch ziemlich als die Letzte aus dem Cöldtschen Hause trat, kam ihr Ludwig nach.

»Verzeih,« sagte er, »der Präsident hielt mich eben noch fest --«

»Du willst mich begleiten?« Ihre Augen kniffen sich lustig, »Ludwig, glaubst du nicht, daß ich unter ähnlichen Umständen schon oft allein gegangen bin?«

Er sagte nichts.

»Genau so, wie die jungen Mädchen, die die Markburger modernen Frauen verachten.« Sie lachte.

Er entgegnete noch immer nichts. Sein Blick fuhr am Hause empor. Eben erhellte sich Hardis Schlafzimmer.

Sie gingen an den dunklen Gärten der Villenstraße entlang. Man roch den Rasen, die Sträucher, die Erde und, ach, von drüben her den Wald. Man sah ihn nicht. Aber man fühlte die Stämme mit ihren ungeheuren Massen von luftgierigen Blättern oder Nadeln, die Eichen, die Tannen, die Buchen und versprengten Linden und fühlte ihren tiefen Herbst.

Christiane dachte jetzt nicht an die törichte Süßigkeit des Vergangenen. Ihr Sinn wühlte sich in die andere Seite ihres Lebens zurück, in das Schaffen, Grübeln und einsame Leisten, in Gedanken an die vielen, die ebenso wirkend ihren Weg gekreuzt hatten, an so manches Mädchen, so manche Frau aus der Höhe, gleichfalls getrieben vom Muß oder vom Entschluß. Sie sah die Zeiten voll eiserner Aufsichgestelltheit, voll Konzentration, voll hoch emporflackernder Zweifel, voll geistiger Belebtheit, die durchlesenen oder durchlernten Nächte, ganz nahe am starken Wissen der Menschheit, die Stunden in der Schule, in denen immer und immer Energie da sein mußte, in denen stets die Kritik neben dem Schaffen stand und kein Nachlassen sehen durfte, und verglich damit die Existenzen dieser kleinstädtisch gehegten und gepflegten, in ihren Sippenerlebnissen aufgehenden Frauen, an die ganz von fern ein neuer Wind gestrichen war und die die fremde Sache in gänzlichem Unverständnis zu einer Art Kränzchensport und sanftem Zeitvertreib machten -- ach, da gab es keinen Vergleich -- --!

Sie ging rasch und federnd. Alles in ihr war Frische und Bejahen des Lebens, so wie es für sie war!

Er schritt müde, gebeugt.

An nichts rühren, dachte sie. Leise, leise gehen -- wir wandern aneinander vorbei.

Ich will es auch. Ich brauche ihn nicht mehr. Etwas in mir klingt nicht mehr. Es mußte alles so sein. Aber -- ich brauche ihn nicht mehr.

Jetzt waren sie am Gartengitter des Reutterschlosses und schauten beide an dem Hause empor, dessen feste, schöne Linien sich abzeichneten, vom Waldduft umweht.

»Wie wundervoll, daß ich hier wenigstens _das_ habe,« sagte sie lebhaft, »eine Welt abseits aller Spießer! Ludwig, wie stolz bin ich auf mein Heim, auf alles selber Erworbene -- immer wieder schaue und staune ich -- es ist so schön!«

»Ja, das ist dein Reich,« sagte er langsam.

Er küßte ihr die Hand und ging.

Die Hausmannsfrau leuchtete Christiane in ihre Wohnung hinauf. Das Licht fiel grade auf die ›eiserne Wehr‹.

Ein leiser Schauer überrann sie. Aber sie lächelte noch immer. --

Cöldt ging durch die Allee wieder zurück. Er atmete den Wald.

Weiter oben am Bahnübergang sah er noch einmal nach dem Reutterschloß zurück.

Auch von dort glühten ihm zwei helle Fenster entgegen, wie vorhin von Hardis Zimmer.

Ein schweres Begehren schwoll in ihm auf, das Mannesbegehren überhaupt und das Begehren nach Christiane.

In den Wochen nach ihrer damaligen Abreise, als nur die spröde, jüngferlich feindliche Frau um ihn war, hatte er sich entschlossen sich freizumachen, trotz allem, was daran hing. Von Tag zu Tag wurde sein Wille fester. Und dann wollte er mit Hardi davon sprechen.

Es war Abend, rot stand es über den Wällen, im Zimmer brannte noch kein Licht. Da fing er an zu reden. Er ging dabei auf und ab -- sie richtete sich empor und sah nach ihm. Sie kam zu ihm. Er merkte, daß sie ihn gar nicht verstand. Sie schluchzte. Sie legte die Arme um ihn. So hatte sie es nie getan. So -- nicht.

Sie war seine Frau.

Und dann kamen wieder die Stunden, in denen sie mit ihrem furchtbaren Leiden kämpfte. Und die Wochen, in denen es nicht besser werden wollte und Arzt auf Arzt ins Haus kam und die Krankenluft durch alle Zimmer drang. Aber er war getrost: er hatte ja das Kind.

In der Zeit war Christiane für ihn verschwunden.

Geduldig ließ er Hardi von Bad zu Bad reisen, begleitete sie zu verschiedenen Kuren, geduldig nahm er es hin, daß sie immer und immer schonungsbedürftig blieb -- es war ja noch Licht da, eine rührende Kostbarkeit, ihr Liebesopfer.

Bis ihm allmählich der Charakter des Kindes klar wurde, bis die Züge sich unerbittlich zusammenfügten, bis das Erkennen überhaupt über ihn kam und er alles -- begriff. Das Kind gehörte ihm im Herzen nicht, so wenig wie die Mutter im Herzen aufrichtig sein gewesen war; es verriet in seiner Art allen inneren Widerstand, alle Starrheit, alles feindliche Muß; es liebte keinen.

Und nun ging das Leben weiter. Wie ein Gewicht hing sich Hardi an ihn, nahm ihm sein liebstes Werk, und die Leute fanden es ehemännisch korrekt, daß er es gab. Er kehrte in die Stadt zurück, in der keine besondere Leistung ihn erwartete, aber die kranke Frau hatte hier einen harmlosen Zeitvertreib in ihrem Verein, ein flaches Sichbeschäftigen mit dem Kind und den Haushaltsdingen und fühlte sich im Grunde ganz behaglich.

Sie verlangte nichts weiter, als Rücksicht, Rücksicht.

Und er?

Er war in der ganzen Zeit nie vom Wege abgewichen.

Jetzt kam er an sein Haus zurück und sah, daß Hardis Zimmer schon dunkel war.

Im Eßzimmer räumten noch die Mädchen und das Fräulein. Sonst war alles still.

Er ging in sein Zimmer und machte Licht. Er wollte noch ein Buch holen und griff einen bekannten Band.

Der Abend -- allein -- dachte er bitter.

* * * * *

Gesenkten Kopfes und sehr hurtig ging die kleine Wehrendorf nach dem Reutterschloß. Ein wenig stolz war sie schon, aber das Bangen ließ sie nicht los.

Ihre Gesundheit war so sehr schwach. Der Husten blieb und blieb und störte nachts die Jong, obwohl die es nicht wahr haben wollte.

Das kam von den vielen heimatlosen Jahren. Nach den verschiedenen Stellungen gab es immer nur ein angstvolles Intermezzo in irgend einem Heim oder Hospiz, ein unruhiges Zählen des Geldes -- wie lange reichte es noch? Ihre Aussichten wurden immer ungünstiger. Sie wußte, wenn sie diesmal nicht festwurzelte, anderswo kam sie nicht mehr an, dann war sie zu alt. Und neuen Kampf, neues Sicheinrichten hielt ihr Körper auch nicht mehr aus.

Christiane hatte ihr eine junge und kleine Klasse gegeben. Nein, da war es nicht schwer. Diese achtjährigen Dinger waren so sanft und niedlich, das Herz wurde ihr immer wärmer bei ihnen -- irgend etwas stieg aus ihrer Seele herauf, das klammerte sich gierig an sie. Abends konnte sie schweigsam sitzen und an die eine oder die andere denken, jedes Lächeln, jedes reine Wort, jeden lieblichen Kinderblick vergegenwärtigte sie sich dann -- von oben bis unten war sie in Wärme gehüllt.

Sie schaute auf. Da kam Fräulein Friedlein. Wie leicht die ging, und wie schön sie aussah. Da kam ja auch ein Herr, der sie grüßte, ein großer, schwarzer -- häßlich war er -- aber sie schienen sich doch wohl ganz gut leiden zu können --?

Er blieb sogar stehen und sah ihr nach.

Ach, nun nahte die Schlimmste -- die Haberkorn. Tausend verquälte Lebensstunden erschienen vor Ada, wenn sie die Oberlehrerin sah. Die gibt es vielmals auf der Welt, dachte sie.

Aber die Haberkorn guckte jetzt nur nach der Friedlein, ihr Gesicht war scharf.

Wahrscheinlich hatte sie den überaus höflichen Gruß des Herrn auch gesehen.

Ada war dergleichen sehr gleichgültig, sie hatte keinen Sinn für Liebesgeschichten. Nie war ihr der unerhörte Gedanke gekommen, daß sich jemand für sie interessieren, daß einer sie hätte heiraten können! Ihre Wünsche und kühnsten Träume hatten sich nie so weit verstiegen.

Ihr ganzes Lebensideal war -- die Arbeit, die Kinder, ein gutes, sicheres Schaffen! Und dann noch etwas -- ein eigenes Zimmer zu besitzen. Einmal im eigenen Raume ungestört zu sein, Tag und Nacht, eigene Sachen um sich zu haben. Sie dachte an das Wohnen im Glaserker, im Badezimmer -- in ihrem Erzieherinnenleben hatte sie noch manches andere Derartige kennen gelernt -- oder sie hatte bei den Zöglingen schlafen müssen, wie in der Villa Cöldt.

Wenn sie angestellt würde! An der Schule bleiben könnte -- dann vielleicht! Jetzt betrug ihr Gehalt als Hilfslehrerin nur sechzig Mark, mehr hatte das Patronat für sie nicht bewilligen wollen, und dann war in der Pension auch kein anderes Zimmer frei.

Scheu bewundernd sah sie am Reutterschloß empor -- wie schön war es, hier zu wohnen -- so zu sein, wie Christiane. Fräulein Doktor -- sie sagte es lautlos vor sich hin, es schien ihr unerhört und sehr groß, daß eine Frau so weit kommen konnte!

Im Schulhaus senkte sie den Kopf wieder. Wie die Großen nur guckten. Jetzt lachten sie -- sicher über sie -- über ihre verschossene Bluse. Ach ja, darüber hatte schon manche gelacht.

Als sie in die Klasse trat, wurde ihr wieder tröstlich zumute. All die braunen und blauen Augen, die sich auf sie richteten, all die Locken und Zöpfchen, die jetzt mit in Bewegung kamen -- die ganze Schar drängte auf sie zu und gab ihr die Pfötchen.

Eben wollte sie mit ihnen beten, ein Kindergebet, das sie so gläubig sprechen konnte, als ob sie selbst ein Kind sei -- da ging die Türe auf. Die Vorsteherin, und hinter ihr -- erbarm sich der Himmel -- die kleine Cöldt! Sie sah schon die grünschillernden, kalten, höhnischen Augen -- ja, das war sie.

»Hier ist deine ehemalige Schülerin,« sagte Christiane, »sie soll jetzt hier sein, denn für die höhere Klasse ist sie noch nicht reif genug.« Ein jäher Zweifelblick brach aus ihren Augen. Dann fügte sie aber hinzu: »Das Pensum hier wird sie sicher schaffen.«

Ada konnte nichts weiter sagen.

Die Leiterin ging.

Ada setzte Hanni Cöldt weit nach hinten. Sie mochte sie nicht so nahe haben. Dabei kam ihr aber wieder Besorgnis -- dort war sie ja kaum zu beobachten! Und Hanni -- Hanni Cöldt! Ein Schauder überlief sie, wenn sie an das vergangene Jahr dachte -- davon hatte niemand etwas gewußt, und es war auch ganz lautlos geschehen -- dieses hartherzige, erbarmungslose Quälen. So konnte nur die kleine Cöldt quälen! Ada sah die grünlichen, engen, klaren Augen vor sich -- die hatte kein Herz. Kein Fünkchen Liebe. Überhaupt keine Seele. Die war hart in sich.

Sie begann ihren Unterricht. Die Augen der kleinen Mädchen taten sich groß auf -- so schön hatten sie die Geschichte noch nie gehört! Ada wunderte sich selbst, wie leicht es ging, wie die Worte ihr so glatt und farbig kamen -- wenn sie es immer so machte, auch wenn der Schulrat kam, dann wurde sie angestellt. Ihr Herz wurde leicht.

Da -- auf einmal -- ein Kichern. Es verflog. Sie sprach weiter, wollte es nicht gehört haben, es gab so leicht Unannehmlichkeiten -- da, schon wieder. Sie guckte. Die eiskalten Augen der kleinen Cöldt begegneten ihr.

»Hanni,« sagte sie.

Nach einer Weile ertönte wieder das Lachen. Jetzt merkte sie, daß alle Kinder unruhig waren, sie hörten kaum auf ihre Erzählung. Irgend etwas war ihnen zugeflüstert worden und machte die Runde -- ein Wort über sie.

Ada starrte in die verwandelten Gesichter, sie fragte -- keine Antwort. Die Cöldt sah sie mit spöttischer Ruhe an.

In der Pause überlegte die Wehrendorf verstört: sollte sie es Christiane sagen? Sie bitten: nimm das Kind wieder fort? Aber das war ein Eingeständnis ihrer Machtlosigkeit. Und sie wußte auch, daß Christiane ihr das Kind auch nicht wieder gebracht haben würde, wenn ein anderer Ausweg möglich gewesen wäre.

Hoffentlich würde sie sich selbst darum kümmern. --

Die Haberkorn flüsterte mit der Seifert. Frau Geheimrat Meckebier habe neulich eine Andeutung über das Fräulein Doktor gemacht -- keine sehr wohlwollende --! Zwar hatte sie sich nicht näher geäußert, aber es war doch zu verstehen: die Dorreyter mußte bei den Patronatsdamen irgendwo angestoßen haben! Na, wenn man sie auch schon sah -- dieser Hochmut! Dieses steile, kühle Wesen! Die guckte ja über alle hinweg!

Die Herren, der Junggeselle Dreher und Doktor Korn, kümmerten sich nicht weiter um solche Dinge, nachdem sie erkannt hatten, daß das Fräulein Doktor ihnen durchaus in vornehmer Weise Freiheit ließ. Korn erzählte manchmal ein paar listige Beobachtungen der Kolleginnen seiner Frau zu Hause. Sie waren sehr glückliche Leute, die lange aufeinander gewartet hatten, und waren mit ihrem Los zufrieden.

Der Zeichenlehrer aber war von Christiane ganz entzückt.

Mit großer Zartheit war er von ihr auf einen neuen Weg geleitet worden, auf dem er etwas aus seiner melancholischen Kleinstadtlethargie aufwachte.

Jetzt merkte er auf einmal, daß sich hier im verachteten Amt auch etwas wie eine feine Kunst bot, neben der seine bisherigen eigenen, gänzlich erfolglosen künstlerischen Versuche kläglich verblichen.

Oberlehrer Dreher beobachtete Christiane von seinem phlegmatischen Junggesellenstandpunkt aus.

Dieses viel beredete und beguckte Fräulein Doktor Dorreyter -- eigentlich eine ganz interessante Erscheinung! Er sah ihr manchmal sinnend nach, schattenhaft stieg ein ungewohnter Begriff vor ihm auf: große Dame.

Die paßte kaum hierher.

Seine Kollegen vom Stammtisch im ›Deutschen Kaiser‹ begannen ihn zu necken -- er suchte ja eine Frau! Wenigstens war er schon seit langem weder mit seiner Wirtin, noch mit seinem Essen zufrieden. Ob er denn da nicht vielleicht den Versuch machen wollte -- es böte sich ihm doch die beste Gelegenheit -- Brr -- er erschrak förmlich, wenn er's hörte!

Die Friedlein dagegen, die blonde Mai -- eben huschte sie wieder in seiner Nähe vorbei -- schön war sie, und mehr als einmal hatte er sich schon in sie verliebt. Aber entschließen konnte er sich nicht -- ihre Toiletten kosteten sichtlich recht viel Geld und -- sie war ihm eigentlich zu schön. --

Christiane traf Professor Diermann auf dem Korridor. Sein Hut glitt lässig vom Kopfe, seine Augen blickten sie gehässig an -- sie hielt ihn fest und sprach mit ihm.

Er verbarg seine Aufregung -- er hatte nichts verstanden! Diese dunkle Stimme war so schwer zu vernehmen. Er hatte auf ihre Lippen geguckt, aber es war ihm keine Klarheit geworden.

Nun ging er zu seinen Schülerinnen. Für heute hätte ich eigentlich schon genug, dachte er.

Es war sehr heiß. Die Sonne brannte sommertagswarm über den Oktoberfeldern. Er fühlte sich sehr schlecht. Als er in den Physiksaal trat, empfand er wieder: ich kann heute nicht. Er winkte dem jungen Mädchen ab, das ihm bei den Apparaten behilflich sein wollte, und stellte sich ans offene Fenster. Hier war Schattenseite. Aus dem Garten stieg ein herbstlicher Würzduft herauf. Ah -- was war das nur, das ihm die Lungen so zusammenschnürte -- was war das -- --?

Hinter ihm hatten die Mädchen sacht zu zischeln begonnen, jetzt schwatzten sie ungeniert. Sie redeten über seinen Kopf weg -- er verstand ja doch nichts!

Er hörte auch nichts. Der Schweiß kroch auf seine Stirn -- was war denn das -- -- --

Er bog sich vor, um noch mehr von der frischen Luft zu spüren, aber von draußen aus dem blauen Tag schien eine sonderbare Dunkelheit zu ihm zu kommen -- was -- was -- -- ah -- jetzt war es wieder weg!

Er wandte sich -- da sah er das Fräulein Doktor mitten im Saal. Sie redete mit den jungen Mädchen.

»Ich hatte Sie eigentlich sprechen wollen, Herr Professor,« sagte sie nun, auf ihn zutretend, »Sie wissen --«

Nein, er wußte nichts. Er hatte ja nichts verstanden. Der Ärger durchlohte ihn.

»Sie scheinen krank, Herr Professor,« sagte sie nun, »ich bin gern bereit, Sie zu vertreten -- --«

Er starrte sie an -- ihm schien Klarheit zu kommen.

Er sah auch die betroffenen Gesichter der Mädchen.

»Nein, nein, danke,« murmelte er, »sehr liebenswürdig -- mir ist wohl. Ganz wohl.«

Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, sein Herz raste. Jäh huschte sein Blick zum Fenster.

»Mir ist ganz wohl.«

Krank sein kann man wohl, wenn man jung ist. Wenn nichts in Gefahr ist. Aber jetzt -- jetzt -- zwei Jahre mußte es noch gehen -- die letzte Gehaltszulage mußte er noch haben! Zwei Jahre noch!

In seinen Augen stand die Angst. Seine Hände zitterten, als er nach den Apparaten griff. Er hatte keine Ahnung, was heute eigentlich durchgenommen werden sollte ... jetzt winkte er Betty von Kramer und befragte sie leise -- nun wußte er's.

Er griff nach dem Reagenzglase, das ihm Betty reichte. Ganz deutlich sah er eine bräunliche Lösung darin und wollte es nehmen, aber dicht vor seinen Fingern fiel es zu Boden und zerschellte.

»Herr Professor, ich bitte Sie herzlich -- ruhen Sie sich heute lieber aus.«

Er fuhr herum.

Da stand sie ja noch.

Sein Fuß trat in die Splitter.

Wahnsinnige Verwirrung erfüllte ihn. Was war das denn? Was wollte sie? Warum ließ sie ihn nicht in Ruhe? Die sollte fort -- fort -- --

Die -- die -- -- --

Er stotterte etwas. Oder schrie er etwas?

Die Schar der Mädchen fuhr mit einem entsetzten Rauschen auf. Das hörte er noch. Zugleich verlosch der blaue Tag für ihn. Die Dunkelheit, die heimlich draußen gelauert hatte, brach herein und riß ihn zu Boden.

Man brachte ihn besinnungslos nach Hause.

* * * * *

Christiane schrieb an Käthe Arndt und fragte, ob sie nicht Lust hätte, zu ihr zu kommen. Es sei Platz an der Reutterschule.

Der Arzt hatte Christiane verraten, daß der Professor nicht mehr in sein Amt zurückkehren würde.

Warum denke ich an die Arndt? fragte sich Christiane.

Brauche ich jemand von -- früher?

Langsam stiegen die alten Zeiten vor ihr auf, in denen sie doch Kameradinnen um sich gehabt hatte.

Jetzt -- -- wie das von allen Seiten an sie stieß. Viel Feind, viel Ehr -- ja, ja! Viel Widerstand, viel Sieg! -- -- Aber es zehrte an den Nerven.

Der Vorgang mit dem Professor war in der ganzen Stadt aufgebauscht und verzerrt worden. Einer hatte immer mehr gewußt als der andere, sogar die jungen Mädchen, die den Vorgang überhaupt nicht recht begriffen hatten, zischelten. Für alle Unbeteiligten stand es fest, daß der alte Herr nur infolge irgend einer aufregenden Auseinandersetzung mit Christiane krank geworden war. Sogar die Frau und die Töchter waren zu ihr gekommen und hatten erkunden wollen, was eigentlich vorgefallen sei.

Christiane hatte dem Patronat berichtet und auch mit dem Präsidenten gesprochen, sie mußten ihr natürlich glauben, aber ein Rest blieb doch -- wie war das mit dem alten, verdienten Herrn nur so schnell gekommen! Nun waren ihre Pläne erst recht hintenan gestellt.

Unter den Mitarbeitern war eine gewisse Scheu entstanden. So gut es ging, wichen sie Christiane aus. Nur die Jong, Doktor Korn und der junge Zeichenlehrer nicht, und allenfalls die Friedlein, die ganz andere Gedanken hatte.

Ja, was kümmerte sich Christiane um dergleichen? War das nicht die Kleinstadt, die schon abfärbte?

Was gingen sie die guten Leute an, die auf der Straße hinter ihr her zischelten und die Köpfe wendeten ... die Spießbürger! -- --

Jetzt läutete es draußen.

Sie ging selbst hinaus, denn sie wußte, es war Hanni Cöldt, die sie sich zum Nachmittag eingeladen hatte. Das Fräulein brachte sie und ging gleich wieder.

Das kleine Mädchen kam sicher herein und besah Christianens Zimmer. Die Bücher, die Möbel, die Bilder. Alles etwas von weitem, ohne das ernsthafte Interesse näher zu treten, alles mit dem gleichen kühlen und verborgen spöttischen Blick.

Erst mußte sie mit der Tante Kaffee trinken. Dann -- was tat man mit diesem Kind? Christiane hatte sich Bücher herausgesucht, mit dem unwillkürlichen Trieb des Kulturmenschen strebte sie danach, des Kindes Verhältnis zum Gedruckten festzustellen. Hanni sah über Blätter und Bilder, über Geschichten und Märchen.

»Märchen --!« Ein geringschätziges Lächeln flog über ihr klares, kaltes Gesicht.

»Die magst du nicht? Hat dir keiner welche erzählt?«

»O, ja, die verschiedenen Fräuleins. Wenn ich nicht still war, bekam ich immer ein Märchen zu hören.«

»Und das gefiel dir nicht?«

»Nein. Sie sind ja doch nicht wahr.«

»Woraus schließt du das?«

»Weil ich nichts davon sehe. Nirgends. Nirgends. Und dann hat sie mir jeder anders erzählt. Und doch waren es immer dieselben.«

»Ich würde sie dir auch wieder anders erzählen,« sagte Christiane, »und siehst du, grade deshalb sind die Märchen wahr.«

»Weil jeder sie anders sagt?« Hanni verzog den schmalen Mund.

»Wenn du mit deinen Gefährtinnen im Wald spazieren gehst, dann sieht jede von euch dort etwas anderes. Die vielleicht die dicken Pilze zwischen dem welken Laub, die andere die Kröte am Weg, die dritte den Holunderbusch, die vierte vielleicht ein rotes Reh. Und wenn sie nachher vom Wald erzählen, dann denkst du an die Pilze, die andere an den Holunderbusch und die letzte an das rote Reh. Sieh, so ist das auch mit den Märchen. Gesehen hat sie jeder schon einmal, aber er hat nicht alles davon behalten, und so erzählt er immer nur weiter, was er daran am liebsten hat, denn das ist in seinem Herzen -- -- und dann ist es auch wahr --«

Hanni schien nicht ganz davon überzeugt.

»Sie sind doch erlogen,« sagte sie.

»Du, wir wollen einmal in den Garten.«

»In den Schulgarten?«

»Nein, in meinen. In den Schloßgarten.«

Das Kind horchte auf.