Das Feuer hinter dem Berge: Roman
Part 7
Nachmittags ging Christiane zum Präsidenten. Der empfing sie sofort. Er trug einen uralten Namen, der an Landsknechtslieder und verbrannte Städte erinnerte, und irgend etwas war an ihm, das ihr nicht unsympathisch war. Überhaupt hatte sie in ihrer ganzen bisherigen Laufbahn selten einen Widerstand auf männlicher Seite gefunden, ihre bittersten Gegner waren immer nur die Frauen gewesen.
»Ich hoffe, daß gnädiges Fräulein -- pardon, Fräulein Doktor, sich in Markburg eingewöhnen werden. Wir reiten Schnitzeljagden, haben einen Kunstverein und einen Regierungsball --«
»Die Markburger Kunst werde ich mir ansehen,« antwortete sie, »die Schnitzeljagden sind für mich vorbei.«
Rasch kam sie auf ihr Thema.
Der Präsident erhob keinen Widerstand.
Er war ein Fünfziger. Seine Frau, eine Wandlenburg, war eine Zeitlang Christianens Schulkameradin gewesen und vor einigen Jahren verstorben. Die Söhne besuchten die Ritterakademie.
Seine schwarzen Augen maßen sie aufmerksam.
Sie sprachen von mancherlei und kamen wieder auf die Reutterschule zurück. »Der gute Diermann wird schon recht alt,« sagte der Präsident.
»Ich fürchte, es wird nicht mehr lange mit ihm gehen,« erwiderte Christiane, »sein Gehör ist nur noch sehr schwach.«
»Hm,« machte der Präsident. »Wir müssen nun allerdings bedenken, daß wir erst kürzlich einen sehr tüchtigen Mitarbeiter an der Anstalt verloren haben -- deshalb bleibt uns nichts anderes übrig, als das noch Vorhandene so gut wie möglich festzuhalten.«
Sie begann lebhaft von ihrem Plan, der Ausgestaltung der Reutterschule, aber er streckte die schmale weiße Hand ein wenig aus: »Zunächst wollen wir Sie noch gar nicht mit solchen Dingen behelligen, Fräulein Doktor,« sagte er liebenswürdig.
Zum ersten Mal spürte sie an diesem verbindlichen Weltmann eine Spur Mißtrauen. Wir haben dir ja den Willen getan, aber -- aber -- -- --
Sie lächelte in sich hinein. Was dachte er? Woher kam das auf einmal? War das die Kleinstadt? Sie lächelte wieder.
Wißt ihr denn nicht, daß meine Hände eisenstark sind und eisenstark sein müssen? Denn was hätte ich sonst, wenn ich mein Werk losließe --?
Ich will schaffen!
* * * * *
Sie ging nach dem Stieglitzberg. Die Straße lag am Stadtpark und hatte die Aussicht ins Grüne. Grade gegenüber dem Hause Nummer zwei war die große Fontäne, der Stolz der Stadt. Sie sprang, wenn es viel Wasser gab. Das Haus war einer der in Markburg üblichen stuckreichen Maurermeisterbauten und nicht mehr ganz neu.
Im ersten Stock war das Türschild: ›Verw. Frau Hauptmann Dorreyter, geb. Freiin von Rhane.‹
Die Mutter hatte es in den ersten Zeiten anfertigen lassen, als die Pension noch nicht so gut ging. Um einen Anziehungspunkt zu haben, nicht, um etwas Besonderes vorzustellen. Denn sie war nie etwas Besonderes gewesen, auch in ihrer Jugend nicht. Es hatte nicht in ihr gelegen, so schön sie auch gewesen war. Das große Feuer des Blutes, das wilde Begehren ans Leben, jedes Wagen hatte ihr gefehlt. Das sich zum Glück selber Berufenkönnen. Wie es Hardi fehlte. Darum waren alle goldenen Äpfel, die das Schicksal ihr etwa hätte reichen können, an ihr vorbei in den Staub gerollt. Darum war sie Frau Dorreyter geworden und hatte alle Not gekostet. Jetzt ging die Pension recht gut. Die Tischwäsche mit der Krone aber war längst verschlissen und durch solche aus dem Warenhause ersetzt. Aus der ›weißen Woche‹.
Christiane hatte manchmal gedacht: wie gut ist es, daß ich niemals ein Kind haben werde. Ich könnte es nicht ertragen, wenn es anders würde als ich. Wenn es -- zurücktauchte.
Jetzt aber hatte sie an Hanni Cöldt gesehen, daß es noch viel wunderlichere und sonderbarere Dinge gibt als ein einfaches Zurückgleiten der Generationen.
Die Mutter öffnete selbst. Sie hatte ein Staubtuch in der Hand. In einem der Zimmer, dessen Inhaberin grade nicht da war, wurde Reinmachen abgehalten. Frau Dorreyter hatte Christiane vor vier Tagen bei der Ankunft begrüßt und ihr dann ein wenig beim Einzug ins Reutterschloß geholfen, hierauf war sie gleich wieder in ihre Pension zurückgeeilt, denn die gab zu tun.
»Warst du bei Hardi?« fragte sie gleich eifrig. »Wie fandst du sie?«
»Nervös, wie immer.«
»Sie ist sehr krank. Hättest du sie nur gesehen, wie ich sie gesehen habe! Die ganze Heirat war eine Torheit. Wäre sie nur bei mir! Nur die allergrößte Schonung kann ihr Leben erhalten --!«
Christiane zuckte die Achseln.
Frau Dorreyter öffnete die Tür zu ihrem Wohnzimmer, das zugleich allgemeines Eßzimmer war. Sie schlief auch darin. Abends wurde das Sofa für sie zurechtgemacht, und sie lag darauf besser, als in irgend einem Bett. Sie war es gewohnt. Früh, ganz zeitig, stand sie auf.
Jetzt war alles tadellos aufgeräumt. Auf dem Büfett lagen die aneinandergereihten Serviettenröllchen der Damen neben einem blanken Nickelkaffeegeschirr.
Auf dem Tisch stand noch eine Kanne mit dem Wärmer.
»Das ist für die Friedlein und die Kanarienvögel. Die sind ausgegangen. Ich glaube --« ihr Gesicht wurde besorgt, »die Friedlein hat wieder eine ... Aussicht.«
Christiane lächelte. »Gönn's ihr doch!«
»Aber sie hat es doch so gut! Das schöne Gehalt -- keine Sorgen -- wenn ich es nur so gehabt hätte!«
»Dann will sie es eben -- schlechter haben,« sagte Christiane.
»Du lachst! Ich habe es der Mai neulich ernstlich vorgestellt. Etwas Besseres als ihre Freiheit hat sie doch nicht. Sie hat es sich angehört und ist dann gegangen und hat sich einen neuen Hut gekauft!«
Christiane zog die Mutter auf das Sofa. »Hör zu: Du bekommst heute einen Gast! Schreib ihn auf meine Rechnung, denn nehmen mußt du ihn!«
»Um Gottes willen -- wen denn?«
»Die Wehrendorf.«
»Ach herrje, ich kann sie doch nicht in die Speisekammer stecken. Es ist wirklich kein Raum mehr frei.«
»Es geht doch,« beharrte Christiane, »sie braucht jemand wie dich --«
Frau Dorreyters herbes Gesicht erhellte sich. In der Arbeit in der Pension hatte sie endlich die Befriedigung ihres Lebens gefunden. Soweit Hardi ihr Interesse nicht in Anspruch nahm, gehörte es den Berufsdamen.
»Wie lange ist sie doch von Cöldts fort?« fragte Christiane.
»Vor den Ferien war es. Also seit fünf Wochen.«
»Und seitdem hat sie im Hospiz gelebt. Vermutlich hat sie kaum noch Geld.«
»So sah sie aus. Ich hab sie manchmal drüben im Stadtpark gesehen und dachte immerzu: die geht noch in den Teich. Darum hab ich Hardi gebeten, daß sie noch irgendwie für sie sorgt.«
»Die Vereinsdamen sprachen mir von ihr.«
»Ja, ja. Unter den Mitgliedern mag vielleicht noch die eine oder andere sein, die ihre Eltern gekannt hat. -- Weißt du, ich will sie bei der Jong einquartieren und aufs Sofa betten. Die erlaubt das gern. Wir wollen mal zu ihr gehen, was meinst du?«
»Wer wohnt denn alles bei dir?« fragte Christiane.
»Außer dem Fräulein Seifert alle Damen vom Reutterschloß. Ich komme mit ihnen aus.«
Auf dem Flur, auf dem die Mangel und ein paar Fahrräder standen, flüsterte die Mutter plötzlich: »Du, wir klopfen besser erst bei der Haberkorn. Denn wenn du zur Jong gehst und nicht erst zu ihr, so nimmt sie das übel.«
»Wie furchtbar.« Christiane lachte.
Aber in dem Augenblick geschah es doch anders.
Fräulein Mehlmann öffnete ihre Tür, noch den roten Schein eines ausgedehnten Nachmittagsschläfchens auf den Wangen und erstrahlte in Seligkeit und Respekt, als sie Christiane gewahrte.
»Ach, Fräulein Doktor, ne -- ne« -- sie unterbrach sich hastig -- »ich wollte nur sagen, das freut mich aber -- jetzt müssen Sie doch bei mir eintreten, nur auf ein Augenblickchen, ein einziges Augenblickchen --!«
Sie kam hinter den beiden in das große Zimmer zurück und zuckte erschrocken: »Wirst du wohl! Verzeihen Sie nur -- da ist wieder das dumme Tier, der Kater, hereingekommen --«
Auf dem gepolsterten grünbezogenen Ohrenstuhl richtete sich ein riesiges schwarzes Katzentier auf und sprang mit einem Satz auf den Blumenteppich.
»Marsch -- marsch -- fort --.« Fräulein Mehlmann jagte ihn aufgeregt aus der Tür.
»Sie haben hier Ihre eigenen Sachen?« fragte Christiane, die sich umgesehen hatte.
»Ja, ja, die von zu Hause. Ich habe nur die leeren Stuben gemietet. Ich könnte ja auch allein wohnen, aber dann ist mir zu bange. Hier hat man doch immer eine Ansprache, wenn man sie haben will ...« Sie blickte Christiane glücklich an.
»Vor zwanzig Jahren sind Sie noch meine Schülerin gewesen ... wissen Sie noch ...?«
»Ich weiß es noch,« lächelte Christiane.
»Ne, daß es nu so gekommen ist ...! Aber gestickt haben Sie immer fein. Immer die besten Kanten!«
»Ich kann's nicht mehr,« sagte Christiane.
Das Fräulein riß die Augen auf. »Gar nicht? Ach, Sie scherzen, Fräulein Doktor ...«
»Durchaus nicht, Fräulein Mehlmann.«
Die Handarbeitslehrerin wußte nicht, was sie sagen sollte. Sie schnüffelte ängstlich. »Ach, ich weiß nicht ... riecht es hier nicht ein bißchen nach Katzen? Es ist ein Schabernack mit dem Tier. Es kommt immer über den Balkon zu mir.«
»Wem gehört es denn?«
»Dem Fräulein Jong,« sagte die Mutter. »Aber eigentlich wird er von allen Damen gleich verwöhnt. Nur Mai gibt ihm manchmal einen Schub.«
Fräulein Mehlmann stand verlegen auf. »Ach, ich weiß schon, was das schwarze Vieh bei mir so anzieht ...«
Wichtig öffnete sie einen gelben Kirschbaumschrank, in dem man Kleider vermutete.
Darinnen lagen aber auf sauber gezacktem Papier Schinken und Würste, Kuchen und Plätzchen, Tütchen und Schachteln, Obst- und Marmeladebüchsen.
Fräulein Mehlmann griff hastig etwas heraus, roch daran, zog die Nase kraus und murmelte: »Das muß bald gegessen werden ...«
Dann wandte sie sich an Christiane:
»Sie sehen, das ist meine Speisekammer. Ich muß das haben und hab' mir deshalb auch den großen Ofen setzen lassen. Wenn ich aus der Schule komme, probiere ich mal das, mal dies -- ich will ja der ausgezeichneten Küche der Frau Hauptmann durchaus nicht zunahe treten, aber am besten schmeckt halt, was man sich selber gekocht hat ... Ich kann nicht anders: Ich muß wenigstens dann und wann wirtschaften! Möchten Sie nicht meine selbstgebackenen Knusperchen probieren, Fräulein Doktor --?«
»Und hier« -- mit einem Ruck griff sie ganz tief in den Schrank -- »hier ist noch etwas Besseres ... ein Likörchen! Selbstgemacht, ja, natürlich! Noch nach dem Rezept von zu Hause! Ein Schlückchen ... ja ...? Was, Sie danken, Fräulein Doktor? Gar nichts wollen Sie annehmen? Ein Schlückchen doch wenigstens ... die anderen Damen nehmen es so gern -- Wenn Sie nur hören könnten, wie die es immer loben ... Na, denn ein andermal ... andermal, gewiß, nicht wahr -- --?«
Christiane beruhigte sie und stand auf.
Wie war das hier so warm und familienhaft!
»Wirklich kein Likörchen?« bettelte das Fräulein noch einmal.
Sie mußte zusehen, daß die Damen ohne Stärkung gingen.
Draußen flüsterte die Mutter: »Nun schnell zur Haberkorn -- die hat doch schon sicher was gemerkt.«
Als die Tür aufging, fiel Christianens Blick sofort wieder auf den Kater. Er stand mit fröhlich gehobenem Schwanz inmitten eines blanken, kahlen Fußbodens und leckte sich die Lippen.
Die Oberlehrerin schien doch etwas zusammenzufahren.
»Ach,« sagte sie ärgerlich, »verzeihen Sie nur, das Tier hat sich hierher verirrt -- ich pflege es sonst nicht. Mir bleibt keine Zeit dazu.« Sie deutete auf ihren Schreibtisch. »Gegenwärtig bin ich mit einer Geschichte der Sophie-Reutterschule beschäftigt ... fürs Jubiläum im nächsten Jahr.« Sie ging an die Tür und jagte den Kater hinaus.
»Marsch, marsch -- --«
Das Tier quietschte leise auf.
»Ja, also das fünfzigjährige Jubiläum,« sprach sie zurückkehrend, während sie Christiane ins Gesicht sah und jeden Zug in ihm und jede Falte ihres Kleides studierte, »wir werden doch eine große Feier veranstalten müssen. Mit Herrn Professor Diermann habe ich neulich schon über das Programm gesprochen. -- Ich meine -- -- vor den Ferien,« setzte sie rasch hinzu.
Christiane sagte nicht viel.
Sie las in den Augen das wehrhafte Unterlegensein, die echte Frauenfeindschaft.
Der Raum war der beste der ganzen Etage, denn die Fenster gingen nach dem Springbrunnen hinaus, und der grüne Rasen schien herein. Christiane erkannte die wertvollsten Sachen ihrer Mutter, die noch Rhaneschen Stempel trugen, aber sie waren nüchtern gestellt und hatten durch viele Nippsachen, Bilder und scharfgelbe Gardinen einen kleinbürgerlichen Anstrich erhalten.
Keine Phantasie, dachte Christiane, kulturlos, ganz kulturlos.
Gleich nebenan war das Zimmer des Fräulein Dorette Jong, das letzte auf dieser Seite der Etage. Ein bescheidener Raum mit geringeren, verbrauchteren Möbeln, aber mit einer Unmenge von Blumen und Büchern. Nicht nur das Handwerkszeug, sondern eigene Bücher, gelesen, gekannt, zärtlich gestellt, Reihe an Reihe. Rechts ein Bord, links ein Bord und über dem Sofa noch ein vollgepacktes Brettchen, an ganz dünnen Drahtfäden hängend. Es sah ängstlich aus.
Die Lehrerin hatte den Kater im Arm.
»Er ist bange,« sagte sie nach unbefangener Begrüßung, »was hat er denn erlebt? Wie seine Augen ausschauen, wie seltsam der unbekümmerte Raubtierausdruck mit einem Schrecken, ich möchte fast sagen, mit einer seelischen Enttäuschung kämpft --«
Frau Dorreyter lachte. »Verwöhnen Sie das Tier nur nicht gar zu sehr! Was haben Sie davon!«
»Es ist uns gleich,« sprach Fräulein Jong ruhig.
Sie hob es ein wenig hoch. Es war fast wie eine zärtliche kundige Mutterbewegung, aber es glänzte auch etwas Selbstironie in den Finkenaugen.
»Ich bin halt nicht so modern,« sagte sie.
»Vielleicht sind wir das alle nicht,« sprach Christiane.
»Aber es gibt solche, die schon als alte Jungfern auf die Welt kommen,« erwiderte die Jong. »Ich gehör dazu. Als kleines Mädel hab ich mich immer nur gewundert, daß ich jung bin. Als ich dann unversehens ins dreißigste Jahr rückte, dacht ich: nun hast du's ja. Nun kannst du dir ruhig deine Katze anschaffen und die Blumen ...« Sie deutete zum Fenster. »Frau Hauptmann schilt wohl immer über den vielen Kram beim Reinemachen, aber ich bringe sie doch nicht weg.«
Christiane sagte ruhig: »Es ist doch nicht Ihr Einziges.«
Die Jong guckte jäh.
»Ach, die Bücher,« sprach sie langsam, »ja, deswegen bin ich mein ganzes Leben gefoppt worden. Aber sie sind doch nun mal meine Leidenschaft, und ich muß immer welche haben, und morgens in der Schule denk ich schon immer daran, was für ein Glück mich zu Hause wieder erwartet.« Sie sah vor sich hin.
»Wenn die anderen Sie nicht mit ihren vielen Wünschen stören,« sagte Frau Dorreyter, »die Mai oder Ihre anderen Schützlinge.«
»Das gehört dazu,« erwiderte die Jong.
Frau Dorreyter hielt es jetzt für an der Zeit, mit ihrer Bitte herauszurücken, und das Fräulein war gleich dabei.
»Gewiß behalt ich sie. Das stört mich gar nicht. Hier auf dem Sofa kann sie schlafen. Nur die Bücher muß ich vom Bord nehmen, sonst fallen sie ihr schließlich noch auf den Kopf.« Sie lachte.
Da klingelte es an der Korridortür.
»Das wird sie sein,« sprach Frau Dorreyter.
Klein und ängstlich trat die Wehrendorf ein. Die Kartons, die ihre Habe enthielten, hatte sie draußen auf dem Flur gelassen.
Sie war sehr verlegen.
»Immer Courage,« sagte die Jong, »vor mir brauchen Sie sich nicht zu genieren, wir sind ja Kolleginnen, da hilft doch mal eine der anderen. Und später rücken Sie hier ganz in unseren hohen Kreis ein -- in den der Damen vom Reutterschloß!«
»Wenn es nur würde,« sprach die Wehrendorf.
»Es wird schon. Nur immer Mut. Es stört Sie doch nicht, daß Sie noch keine eigene Stube haben?«
Ada hob nur die Schultern. Leise sagte sie: »Ich hätte dort im Hospiz morgen ... nicht mehr wohnen können.«
»Sie armes Tier. Na, das ist keine Beleidigung, mir sind die Tiere so gut wie die Menschen. Kommen Sie, wir wollen auspacken!«
Frau Dorreyter eilte hinaus, um Kaffee zu holen, und Christiane folgte ihr.
Auf dem Gang begegneten ihr Mai Friedlein und die Kanarienvögel, die eben heimkamen. Die prangende Schönheit Mais bestürzte sie wieder wie beim ersten Anblick -- die gehörte nicht vor Schulbänke, sondern in seidene Kleider und in heiße Hände, zu Liebe und Verlangen! Das war die Eva aller Zeiten.
Während des Gesprächs wurde ihr Urteil kühler -- viel Temperament und Intelligenz schien nicht vorhanden. Flüchtig sah sie in Mais Zimmer, einen überputzten, hellen Mädchenraum mit dem Geruch von Parfüm und gebrannten Haaren.
Die Kanarienvögel hausten dagegen in einem engen Hofkämmerchen, dessen einziger Schmuck ein großes Plakat über den Betten war: ›Mensch, ärgere dich nicht!‹ Auf dem Tisch stand eine Schachtel Schokolade.
Als Christiane nachher heimging, hatte sie neben dem Eindruck ihres seltsam verwandelten und belebten Jugendheims das Gefühl, ihre Mitarbeiterinnen an dem Nachmittag ganz gut kennen gelernt zu haben.
* * * * *
Es war nach einem Abendessen beim Regierungsrat von Cöldt.
Der Kreis war nur klein, denn große Gesellschaften gaben Cöldts nicht, nur das Allernotwendigste, denn die Hausfrau war zu leidend.
Übrigens sah sie an dem Abend sehr gut aus, oder sah sie abends immer besser aus? Es war viel Reiz an ihr, etwas gradezu sentimental Schmachtendes. Und doch wußte man in der Stadt, daß sie nicht schmachtete, oben und unten wußte man's; oben durch ihre Frauenvereinsdamen, unten durch die Dienstboten. Schon manches hübsche Mädel, das im Hause gewesen war, hatte dem schlanken Hausherrn mitleidig und verlangend nachgeguckt.
Er hatte jetzt eine merkwürdig stille, verschlossene Art, und grade die widerstrebte Christiane plötzlich an ihm. Absichtlich, um ihn aufzuscheuchen, um zu forschen, brachte sie die Rede auf die Ostmark.
Sie saßen im Salon. Herren und Damen waren nach Tische nicht getrennt worden, aber es hatte sich in dem großen Raume von selbst eine gewisse Schiebung vollzogen: links mehr das männliche, rechts fast nur das weibliche Element. Christiane saß bei den Herren.
Der Präsident war auch anwesend.
Sonst fiel ihr nur der Assessor Wratislaw von Wratislawski auf, trotz seines Namens ein Deutscher, von großer Rassenhäßlichkeit. Er hatte einen Doggenkopf, der durch die Korpsstudentenspuren und das Lebemannsdasein fast gefährlich ausdrucksvoll geworden war. Seine Sprechweise störte; er redete so zart meckernd, daß man unwillkürlich glaubte, er hätte noch eine andere in der Tasche, wie etwa ein zweites Paar Handschuhe. Seine Blicke waren heimlich über Christiane hingeschossen, aber sie war nicht nach seinem Geschmack. Er sollte allerhand Verhältnisse in Bürgerkreisen haben.
Der Assessor, der auch im Posenschen bekannt war, horchte bei Christianens Worten auf und meinte, die Sache ginge jetzt ja gut voran. Er sei vor einiger Zeit mal wieder durch Posen gekommen und hätte nur immer gestaunt, wie sich alles verwandelt habe. Überall neue Häuser und Großstadtstraßen! Alles ganz preußisch!
Ludwig sah auf.
»Ein paar gute Bauten mögen hinzugekommen sein, aber in der Hauptsache sind es doch Mietskasernen. Wälle und Bäume sind fort, dafür steht ein kleiner Ring Deutschtum mitten im Polnischen.«
Sie schaute ihn an.
»Es ist also noch nichts gewonnen?«
»Nichts,« sagte er.
Sie sann und sah wieder die Wälle und Bäume, die wilden Kirchhöfe. Sie sah das Sonnengold hinter dem Dom stehen und sah die unendliche Ebene.
Die Bäume und Wälle hatte man entfernt. Aber die polnische Ebene war geblieben.
Sie blickte Ludwig wieder an und wartete auf eine Äußerung, die ihr verriet, daß er mit der Sache noch immer nicht ganz fertig war, sondern daß seine Gedanken noch immer darum spielten, daß seine Hände heimlich nach dem alten Werk griffen.
Aber er sagte nichts mehr.
Sein Blick glitt zerstreut durch den Raum, um sich sofort voll verbindlicher Aufmerksamkeit auf den Präsidenten zu richten.
Auch die übrigen sprachen längst von etwas Anderem.
Christiane merkte, daß sie nicht mehr in diesen Kreis paßte.
Sie sprach nur flüchtig mit, aber ihre Blicke glitten umher, und alles in ihr spannte sich in hellsichtiger Menschenbeobachtung.
Sie erkannte wieder, wie gering die Schicht Bildung auch bei den Menschen ist, die sich doch zu den Oberen zählen. Mit welch eng begrenztem geistigem Weidegebiet sich die meisten begnügen, wie unendlich bescheiden in dieser Richtung die sonst so Unbescheidenen sind.
Sie empfand wieder, daß geistige Kultur in der Gegenwart etwas ganz Seltenes ist, die nur eine mäßige Zahl besitzt, während Tausende in dumpfem Jammer vergeblich danach tasten und die große Mehrheit ganz gut ohne sie fertig wird.
Ironisch horchte sie auf Flugergebnisse, die eben berichtet wurden, und dachte: ja, das ist etwas, das auch vom engsten Weideplatz aus begriffen wird. Aber daß es noch anderes gibt, immer gegeben hat, daß unendliche Massen geistigen Schaffens längst vorhanden sind, das wissen und brauchen die Vielen weder für ihr Leben noch für ihren Tod.
Daß grade Ludwig trotz seiner Erziehung in seinem Denken nicht einseitig war, sondern alle Dinge und Gedanken des Lebens suchend und blitzend umfaßte, daß man bei ihm nie an die sperrende Hürde kam, hatte sie früher, wenn auch anfangs mehr unbewußt, am meisten gepackt. Er war ein Aristokrat der Kultur.
Jetzt konnte er nicht anders geworden sein und war es auch nicht. Aber nach außen war es verkapselt, auch ihr gegenüber, so daß sie wieder und wieder ins Irren kam -- -- Nach dem Schaffen hin war er verkapselt, stummer regloser, gleichgültiger, und nach der Kleinstadt hin hatte er sich geöffnet -- --
Er war glatt geworden, sehr glatt.
Die Unterhaltung mit dem Chef plätscherte -- Jagd oder wovon redeten sie sonst? Sie mußten ausgezeichnet harmonieren. Christiane erschien der Herr mit dem uralten Namen plötzlich als ein rechter Spießer.
Der Assessor von Wratislawski stand leise auf und pirschte sich sacht nach der weiblichen Seite hinüber, wo die Unterhaltung kürzeren Wellenschlag hatte. Die Frau Geheimrat Meckebier hörte man aus allem heraus.
Christianens Gedanken strömten unwillkürlich zu ihrer Arbeit hin, was ihr sonst in geistvollem Kreise selten geschah. Im Gegenteil konnte sie sie oft kräftig vergessen.
»Ach, Fräulein Doktor, wie macht sich meine Jüngste?« Frau Colb rauschte zu ihr heran, der Titel wollte nicht so recht über ihre Zunge; sie quetschte ihn. »Es freut uns sehr, daß Sie hier sind, wir rechnen ganz besonders auf gute Mitarbeiterschaft.« Sie setzte sich neben sie. »Das war Ihnen doch wohl eine kleine Überraschung, daß in der Heimat inzwischen auch moderne Frauen entstanden waren --? Ich nehme an, daß Sie von unserem Verein gehört haben. Meine Nichte, die jetzt zu Besuch ist, war von unseren Arbeiten ganz entzückt.«
»Kann ich erfahren, was Sie schon erreicht haben, gnädige Frau?«
»Nun -- das warme Frühstück für die Schulkinder, dann eine Flickstube. Und jetzt sind wir dabei, dafür zu sorgen, daß alle bedürftigen Wöchnerinnen wenigstens acht Tage lang eine warme Suppe bekommen. Wir lassen auch Vorträge halten, und ich bin eben dabei, unsern Herrn von Wratislawski zu gewinnen -- er soll uns über die Reichsverfassung belehren.«
Christiane hob den Kopf. »Sie nennen sich moderne Frauen?«
»Allerdings. Unser Verein bekennt sich zu fortschrittlichen Grundsätzen. Wir wollen die Leistungsfähigkeit der Frau auf allen Gebieten heben. Mit dem alten Kram räumen wir auf. Alle unsere Mitglieder sind tapfer dabei. Unsere gute Frau von Cöldt opfert sich förmlich, trotz ihrer schwachen Gesundheit.«
Christiane sah nach der Schwester, die in eifriger Unterhaltung mit der Kommerzienrätin saß, wobei ihre Lider wie immer in süß unbewußtem Schmachten niedergeschlagen waren.
So, tat sie das?
»Ich könnte Ihrem Verein ein sehr dankbares Werk weisen, gnädige Frau,« sagte Christiane langsam, »haben Sie wohl einmal der Frauen in der Stadt gedacht, die da -- arbeiten? Die also praktische oder -- ich will lieber sagen -- unbewußte Frauenrechtlerinnen sind --?«
»Wie meinen Sie, Fräulein ... Doktor?«
»Nicht die Unterschicht, sondern die gebildeten Mädchen, die hier ihr Brot verdienen.«
»Ja, aber ... ich verstehe noch nicht ...«