Das Feuer hinter dem Berge: Roman

Part 6

Chapter 63,729 wordsPublic domain

Bald kam der Weg, den Christiane besonders liebte. Als eine schmale, leicht steigende Allee zog er sich, von starken Tannen eingefaßt, dahin, und hinter ihm stand der Wald mit Eichen und Buchen. Der Boden war mit roten, vorjährigen Blättern überstreut. Das Laub war noch voll und unversehrt, aber schon über manche Sommerglut hinaus.

Christiane blieb stehen. Ein Rollen zog durch die Wipfel -- das war Donner. Das frühe Dämmern eines Waldgewitters senkte sich, die Schwüle verstärkte sich -- dicht über den Wipfeln schien es zu stehen! Da zuckte es -- wieder ein Zucken, wieder ein Donner -- es war da!

Christianens Herz jauchzte auf. Traumhaft starrte sie in das schöne Waldabenteuer, das ihr allein gehörte. Kein Mensch, keine Stimme, kein Knistern. Kein Vogel rührte sich. Und doch war das Leben nie stärker, leidenschaftlicher und jauchzender, als wenn es so flammte und schlug! Wie die Feuer zogen und zuckten, da um den Wipfel einer Riesenbuche tanzten, dort an den Stämmen hinabliefen, da einen fernen Grund bläulich erhellten -- wie sie sich unerbittlich kreuzten wie Degen und fauchend über dem Wald zusammenschlugen -- das war schön! Irgend etwas in Christianens Seele war dabei, tat mit.

Ein paar große Tropfen sprangen durch die Äste und verrollten im Staub. Es donnerte wieder, aber schon ferner, es lohte von neuem, aber schon schwächer. Es wurde still. Die Vögel rührten sich wieder, huschten durch das Unterholz, rannten über den Weg. Irgend ein Gelächter scholl durch den Wald. An den Blättern blitzten die Tropfen, darüber kam die Sonne heraus.

Als Christiane aus dem Walde trat, lag schon sanfte Abendruhe über den Feldern. Ein Bahnzug fuhr sacht dahin, die Streckenlichter blinkten. Das Sonnenrot verging.

Sie fand die Villenkolonie und Ludwigs Haus.

Ein kleiner Garten mit vielen dichten Büschen zog sich rings herum, man mußte in ihn hinein und kam von rückwärts ins Haus. Christiane wurde in ein großes Zimmer geführt und erkannte den Salon aus Posen wieder. Nichts war daran verändert.

Jetzt kam Ludwig schon.

»Hardi -- --?« fragte sie.

»Sie läßt noch um einen Augenblick Geduld bitten,« erwiderte er, »bis jetzt hat sie gelegen. Jedes Gewitter quält sie furchtbar. -- Bitte, hier.«

Er führte sie in sein Zimmer.

Sie sah mit jäher Aufmerksamkeit umher, entdeckte ein schönes Stück Kopenhagner, einen Liebermann an der Wand, gewahrte die Papiere und Akten auf dem Schreibtisch und dann Bücher -- ja -- Bücher!

Rasch trat sie vor die Eichenschränke und sah die Reihen auf und ab. Er stand hinter ihr. Plötzlich gewahrte sie das alte Bändchen Mereschkowski und spähte aus, ob ihr nicht da und dort wieder sein eigener Name entgegenspringen würde. Aber sie sah ihn nicht. Ihr Blick glitt schließlich unruhig ab.

Er hatte die Tür zum Gang geöffnet.

»Hanni!«

Jetzt kam sein Kind und knickste scheu.

Christiane merkte, daß es in ihr weniger die Verwandte, als die Erzieherin sah. Hanni war weder dem Vater noch der Mutter ähnlich, sondern mußte ihren Typ wohl von irgend welchen längst verschollenen Vorfahren geliehen haben. Es war kein angenehmer Typ. Das spröde, blonde Haar hing strähnig um das schmale, feste, unkindlich herbe Gesicht, der Blick der Augen war eng und kalt, und ebenso eng und kalt fielen die spärlichen Antworten; der Widerstand der kleinen Schultern, auf die Christiane ihre Hand gelegt hatte, war unmerklich eisenstark.

Christiane sah betroffen auf und gewahrte, daß Ludwig sich abwandte. Er sah nach seinen Büchern hin.

Jetzt pochte das Mädchen und meldete, daß die gnädige Frau zu sprechen sei.

Ludwig führte Christiane die Treppe hinab zu Hardi. Dieses Zimmer kannte sie noch nicht. Die Möbel waren weich und hell und mit Rücksicht auf viel Liegen und viel Bequemlichkeit aufgestellt. Ein Rollstuhl fehlte nicht. Alles war wie im Krankenzimmer. Keine Blume, kein Buch.

Hardi lag in einem dünnen, lilafarbenen Gewand auf dem Ruhebett und hob sich nur schwach, mit zwinkernden Lidern.

»Du -- --« sagte sie.

Ihr kleines Gesicht zeigte noch immer die merkwürdige Mischung von Pikantem und Sentimentalem. Sie sah gut aus, großäugig, fast schmachtend, und doch war etwas von leisem Welken an ihr, vom frühen Vergehen der blassen, gelblichen Resedablüten, wenn sie geschnitten sind. Sie maß die Schwester eine Weile und ließ dann davon ab. Ihre Augen irrten zu Ludwig hin, senkten sich aber gleich wieder.

»Daß du dich hergewagt hast,« sagte sie halblaut, wie erstaunt.

»Weshalb --?«

»Weil doch ein Gewitter war.«

»Ich war dabei im Walde.«

Hardi zuckte und warf wieder einen Blick auf ihren Mann. Scheu zog sie ihn wieder weg, lachte kurz auf und sagte: »Na .. ja -- du ... Wenn ich wie du wäre, könnt ich's vielleicht auch .... Aber ich bin's nicht! -- -- Christiane, weißt du noch, wie wir früher drüben am Krähenteich die Angler ärgerten? Ja, das waren schöne Zeiten. Dann kam ich zur Schmöckler --«

Ihr Gesicht bekam einen finsteren Ausdruck. Die Nähe ihres Mannes schien sie zu bedrücken.

Er stand schweigend auf und ging.

Sie horchte ihm eine Weile nach. Dann legte sie den Kopf auf die Kissen. Ihre Haltung wurde allmählich entspannter, gelöster. Nur im Gesicht zuckte noch die Unruhe.

»Ja, das waren schöne Zeiten ... Auch bei der Schmöckler noch ... anfangs. Und dann, als die Mutter mich so verwöhnte. Wie gut hab ich's da gehabt. Und da -- da mußte ich das tun --« sie richtete sich wieder auf und sah nach Christiane hin. »Was weißt du davon,« sagte sie verächtlich, »was ich gelitten habe!«

»Gelitten,« sagte Christiane leise.

»Ja, ja! -- -- Und dann erst. Dann -- als ich -- allein war.«

Sie sah Christiane finster an.

»Als ich allein war!«

Christiane schwieg.

Es war eine Pause.

Hardi atmete rasch. Qualvoll vernahm Christiane diesen raschelnden, schlürfenden Atem.

Sie ist doch wirklich krank, dachte sie.

»Als du abgereist warst,« begann die junge Frau langsam wieder, »vorher hatte ich ihn nicht haben wollen -- jetzt hatte ich ihn nicht mehr. Und zurück konnte ich doch nicht. Ich hab daran gedacht. Ich hab mir den Kopf zergrübelt. Brief auf Briefe hab ich der Mutter geschrieben -- die hat sie dann alle verbrennen müssen. Aber zurück konnte ich doch nicht. Ich war doch einmal bei ihm. Er hatte doch nun einmal meine Jugend bekommen. Und da -- --« ihre Stimme wurde ganz heiser, »da -- gab ich ihm das Kind. Ja, das tat ich aus freiem Willen. Ich gab es ihm. Und damit habe ich ihm den Rest meines Lebens gegeben -- seitdem wird es nichts mehr mit mir. Kuren über Kuren habe ich gebraucht, bei so viel Ärzten sind wir gewesen -- es hat alles nichts mehr genützt. Zuletzt mußte er sich von Posen weg versetzen lassen. Aber auch in Danzig konnte ich die Luft nicht vertragen, es ging und ging nicht -- da mußte ich hierher. Zur Mutter. Hier geht es wenigstens ...«

Christiane schaute sie an.

»Und -- er --?«

»Wer?«

»Ludwig.«

Hardi lachte kurz auf.

»Was denn --? Es geht ihm hier ganz gut. Es gibt genug andere, die sich in der häßlichen Polakei die Zähne ausbeißen können. Und auf etwas anderes kommt es doch nicht heraus. -- 's ist doch kein Ziel dabei. Die Polen verteidigen nur ihr Recht und ihre Heimat. Das tut jeder Mensch, ich auch. Höre Christiane ... störe mich nicht darin -- -- rege mich nicht auf ... du weißt ... du weißt doch genug ...«

Sie brach in Schluchzen aus.

»Laß mich doch nur. Ich will Ruhe haben ... bloß Ruhe haben, nichts weiter. Was verstehst du denn davon ... Ich bin ganz verbraucht.«

Das Mädchen trat ein und gab ihr wieder Morphium.

Hardi weinte noch eine Weile, dann wurde sie stiller. Zuletzt sah sie versöhnt zu Christiane auf.

»Es war das Gewitter,« sagte sie.

Das Mädchen brachte sie zu Bett, Hardi schlief ganz allein.

Christiane nahm kurzen hastigen Abschied von Ludwig.

Als sie durch den Garten ging, hörte sie das stuckernde, ungelenke Klavierspiel des Kindes.

* * * * *

Heute waren die Damen der Sophie-Reutterschule fast alle eine Viertelstunde eher gekommen.

Eben trat die Oberlehrerin, Fräulein Haberkorn, in das Lehrerinnenzimmer, und die Unterhaltung verstummte im Augenblick.

Das Fräulein war das gewohnt. Es kannte seine Kolleginnen, wie die es kannten.

Sie konnte sie alle nicht leiden, aber am wenigsten die, die gut aussahen. Halb toll konnte es sie innerlich machen, wenn eine eine besonders schöne Bluse oder hübsche Schleife angesteckt hatte. Dann suchte und suchte sie unbewußt, bis sie eine Gelegenheit gefunden hatte, um sie zu ärgern. Sie hatte schon junge Damen aus der Schule herausgebracht, weil sie ihre Erscheinung nicht vertrug. Beim alten Direktor war sie neben Professor Diermann allmächtig gewesen.

Die klugen jungen Lehrerinnen verfehlten daher nicht, sie auch in bezug auf Toilettesachen um ihren Rat zu fragen. Dann wurde sie am ehesten mit einem neuen Kleide versöhnt.

Fräulein Haberkorn war mutterlos aufgewachsen, vom Vater früh ins Seminar gesteckt worden und hatte dann das Wanderleben gehabt, das viele Lehrerinnen durchmachen. Aber niemals war ihr etwas Freundliches begegnet. Kein bißchen Liebe war über sie hingegangen, keiner hatte sie gestreichelt, keiner geküßt, keinem Menschen war sie zum Leben nötig gewesen. Sie war in der Welt übrig.

Ihr ganzer Ehrgeiz hatte sich auf ihre Laufbahn gerichtet, und sie war schließlich, ohne besondere Examina, so weit nach oben gekommen, wie sie es in der kleinen Stadt konnte. Und nun übte sie einen ständigen Druck auf die aus, die nach ihrer Meinung mehr hatten, als sie.

Es gab welche, die sich nichts aus ihrer Ungnade machten.

Da war die blonde Mai Friedlein.

Sie kam erst nach der Oberlehrerin mit einem leisen Rauschen und der ganzen köstlichen Frische ihrer rosenroten Schönheit herein. Es hieß, sie sei schon dreißig Jahre, aber genau konnte man es nicht nachrechnen.

Ihr hatte man es nicht an der Wiege gesungen, daß sie Schulmeisterin werden würde. Es kam erst mit dem Krach. Ihr Vater war Direktor einer großen schlesischen Aktiengesellschaft gewesen -- jetzt lag er schwerkrank in einem kleinen Nest in der Nähe und hatte eine Agentur. Mai war damals verlobt gewesen. Ihr Bräutigam war aber mit dem Krach verstrickt und ging nach Amerika. Von dort schickte er noch ein paar Gedichte. Sonst nichts mehr.

Mai hoffte noch immer auf eine gute Partie.

Die Lehrerin Dorette Jong war ihre vertraute Freundin und Beschützerin und eine zähe Gegnerin der Haberkorn. Sie war dünn und ein bißchen verbräunt, so daß man den Eindruck hatte, als ob sie an einem langen und sehr heißen Sommertag draußen vergessen worden sei. Indessen wirkte sie nicht unangenehm. Um ihre dunklen Finkenaugen hockten Lachfältchen.

Ihre Nachbarin Fräulein Seifert war sehr dick und groß, aber von einer unangenehmen, klebrigen Art. Sie war sehr musterhaft und vortrefflich, und ihre besondere Eigenheit war, daß sie niemals fror oder schwitzte. Diese physiologische Merkwürdigkeit pflegte sie den jungen Anfängerinnen und den Schülerinnen fortwährend zur Nachahmung zu empfehlen.

Jetzt huschten ihre schlauen Blicke ihrer Freundin Haberkorn entgegen, gespannt, was die als Morgengruß sagen würde. Die Laune der Oberlehrerin war immer zunächst davon abhängig, wie sie in der Nacht geschlafen hatte, heute aber fegte wohl noch etwas anderes darein, denn es war der erste Amtstag des Fräulein Doktors.

Sie wußte genau, weshalb alle sie so anguckten, und lächelte süß.

Huldreich nickte sie zwei kleinen Praktikantinnen entgegen, die sich bescheiden in der Ecke hielten, aber doch aufmerksam und heimlich quietschvergnügt beobachteten. Sie hießen ›die Kanarienvögel‹.

»Wie frisch Sie aussehen! -- -- Ja, ja -- die Jugend --!«

Die beiden Vögel hatten alte Waschblusen an.

Das war nun bei Mai Friedlein nicht der Fall.

Das Rauschen hatte die Haberkorn schon lange gepeinigt. Jetzt drehte sie sich zu ihr um und sagte mit einem Lächeln:

»Ach, ich dachte wirklich, es käme ein Engel vom Himmel herabgeschwebt.«

»Es ist vielleicht auch einer,« meinte die Jong trocken.

Mai warf ihr einen Blick voll ergebener Selbstironie zu, der ihr sehr gut stand, und sagte nichts. Ihr war keine Schlagfertigkeit gegeben, wenigstens Damen gegenüber nicht. Da stand die Jong immer mit gesträubten Federn vor ihr.

Die Haberkorn lachte glucksend.

»Ganz recht! Ganz recht! Wie der sich nur bloß in unser dunkles Reutterschloß verirren konnte!«

»Er hat vielleicht nur keinen Ausweg gefunden,« sagte die Jong.

Fräulein Haberkorn lachte von neuem, von den Kanarienvögeln scheu beobachtet.

»Hahaha -- das kann ich ja nicht wissen. Aber wenn es so sein sollte -- suchen Sie nur tüchtig, Fräulein Mai -- -- ich würde Ihnen herzlich gern dabei helfen -- --!«

»Danke, das tu ich schon,« sprach die Jong.

»Wie aufopferungsvoll.«

»Sie haben uns doch gestern alle Lehrerinnentugenden so schön vorgehalten,« meinte die Jong.

Alle wußten, daß die Haberkorn keine Reden halten konnte. Es war ihre schwache Seite. Sie mußte vorher immer ein Brausepulver nehmen.

Die Oberlehrerin begann nervös zu werden.

»Was haben die Herren denn dazu gesagt?« fragte sie.

»Die waren alle begeistert,« antwortete eine aufrichtige Stimme aus der Ecke.

Das war Mielchen Mehlmann. Ein etwa fünfzigjähriges Fräulein mit einem Apfelgesicht, das sich offenkundig bemühte, sehr damenhaft auszusehen. Heute trug sie einen mächtigen schwarzen Spitzenkragen über einem neuen Kleide.

Das gewahrten die anderen plötzlich.

»Sie haben sich ja so fein gemacht, Mehlmännchen?« sagte die Jong gutmütig.

Mai lächelte ein wenig. Das gute Fräulein ließ doch bei der Beckern im Probsteigäßchen arbeiten, und die machte doch alle Taillen schief! Mai Friedlein sah am schärfsten Toiletten und Männer.

Über die anderen Gesichter flackerte es beunruhigt. Wenn es auch nur die Mehlmann, die Gesang- und Handarbeitslehrerin war -- besser als die anderen durfte sie sich nicht tragen!

Sie wurde noch einmal beguckt.

»Warum denn nur?« sagte die Haberkorn in merkwürdig schwingendem Tone. Ihre Blicke schillerten wie die der Katzen.

Die gute, ehrliche Mehlmann konnte nicht lügen.

»Nu, wo unser Fräulein Doktor so fein geht,« sagte sie.

Jetzt hatte sie es in doppelter Weise verdorben. Die Seifert sagte mit ihrer ganzen Vortrefflichkeit:

»Liebes Fräulein Mehlmann, auch außer dem Unterricht müssen wir uns einer guten Aussprache befleißigen!«

Die Haberkorn nickte geringschätzig: »Ja, ja, die Provinzialismen.«

Fräulein Mehlmann stammte aus dem benachbarten Neukirch. Sie war so gut wie vom Lande.

»Nu, ich meine --« sie verbesserte sich jetzt rasch. »Ich dachte, wenn unser Fräulein Doktor so fein aussieht, müssen wir auch was übriges tun. Ich mochte ihr in der alten braunen Bluse nicht mehr begegnen.«

»Hm,« machte die Seifert.

Ein Schweigen ging durch die Runde. Die beiden kleinen Vögel wagten kaum zu atmen.

Da sprang die Türe auf. Es war aber der Professor Diermann, der immer zwei Minuten vor Anfang kam. Neugierig lugten seine Augen voraus, dann kam er näher.

»Morjen, morjen.« Er griente die Damen an.

Zwischen ihm und den Kolleginnen galt unsichtbar auch der Satz aus der Bibel: ›Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe --‹, wie er in allen Berufen herrscht, in denen es auf eine ernstliche Konkurrenz hinausgeht.

Professor Diermann verachtete die Kolleginnen, zunächst weil er ein geborener Markburger war, die alle arbeitenden Frauen geringschätzten, dann als Akademiker gegenüber geringwertiger Frauenbildung, dann wegen noch anderer Dinge. Er machte aus seiner Richtung nicht immer ein Hehl, in seinem Alter glaubte er Ritterlichkeit nicht mehr nötig zu haben und -- die Damen brauchten ja nicht in die Schule zu kommen, wenn sie Ritterlichkeit beanspruchten.

Er hatte vier Töchter, die eifrig Tennis spielten und sich dadurch noch Männer zu erobern hofften. Wenn nun nicht so viel Damen an der Schule gewesen wären, so wären eben Männer hingekommen, und damit auch wohl der eine oder der andere Heiratskandidat. Denn der einzige Unverheiratete im Reutterschloß, der behäbige Oberlehrer Dreher, war wohl nicht mehr zu rechnen. --

In der Beziehung hatte Diermann Sorgen. Wie schwer fiel es ihm nicht, die Kleider für die vier herbeizuschaffen! Er mußte auf seine alten Tage noch Pensionäre halten, und wenn sie ihn zur Ruhe setzten -- was dann? Er hörte von Tag zu Tag schwerer. Ja, das knappe Gehalt für einen Familienvater! Und hier diese sogenannten Kolleginnen bezogen für sich allein so viel Geld! Wozu brauchten sie es denn? Doch nur für Putz!

Er richtete einen bösen Blick auf Mai.

Sie übte keine Wirkung auf ihn aus, lächelte aber so freundlich, wie sie gewohnt war, Männer anzulächeln. Einmal fiel es doch hoffentlich auf den richtigen Boden, wenn es auch auf keinen Fall der Professor Diermann sein sollte!

»Gut geschlafen?« fragte er bissig die Oberlehrerin. »Ja, in unseren Jahren -- --«

Er freute sich, daß er ihr einen Stich versetzt hatte. Sie gab ihn rasch zurück, indem sie ganz leise antwortete: »Haben Sie unser Fräulein Doktor schon gesehen?«

Ihr wichtiges Gesicht machte ihn unruhig -- was hatte sie gesagt? Er hatte nichts verstanden, obwohl er ihr das beste Ohr hingehalten hatte. Rasch schaute er ringsum.

Da rief ihm die Haberkorn laut entgegen: »Das -- Fräulein Doktor --!«

Hastig fuhr er zurück und starrte zur Tür -- da stand aber nur Mehlmännchen, die in ihre Klasse wollte.

»Hm,« sagte er nur. Sein Blick wurde eine Sekunde höhnisch. Nach einigem Irren traf er sich mit dem der Oberlehrerin.

Jetzt läutete es.

Die Glocke, ein rostiges Werk, hing unten im Erdgeschoß, durchgellte aber alle Räume wie ein Feuersignal.

Sie eilten alle hinaus. Der Professor warf dabei noch einen unzufriedenen Blick auf Mai. Keine von seinen Töchtern war so hübsch!

Ei -- da stand ja das Fräulein Doktor!

Der Alte hatte es noch nie so eilig gehabt. Er riß sich in allen Knochen zusammen und bedachte nicht, daß er es vor einem männlichen Chef wahrscheinlich ebenso getan hätte, so lange ihm noch an seinem Amt gelegen war.

Aber Christiane sah doch, wie es um ihn stand. Ein ganzes Schulmeisterleben zog an ihr vorüber: ein bißchen zahme Jugend, dann Schaffen, Sorgen, Schaffen. Gleichmaß. Schritt auf Schritt. Und auf einmal die Senkung des Weges, das hilflose Verfallen ins Alter hinein. Die Pensionierung.

Ja, geschah es einem anderen anders? Geschah es ihr einmal anders? Ihre Wimpern zuckten scheu. An alles Anfangen schloß sich ein Aufhören. An jeden Sieg, wie er auch aussah, wie heiß er war, wie mühsam errungen, schloß sich die Stunde, in der die Waffen abgegeben werden mußten. Alle Waffen und aller Schmuck.

Sie wandte sich.

Da stand jemand.

»Sie wünschen mich zu sprechen?«

Da erkannte sie erst die kleine Wehrendorf.

Ein Schreck lief ihr durchs Herz.

»Du --« sagte sie.

Es war noch immer das alte Pechkind, über das die jungen Damen im Erziehungskasten so gelacht hatten. Es mußten noch manche andere über das Mädchen gelacht haben, so arm stand es da, so scheu, so still. Das Gesicht, das nie hübsch gewesen war, war jetzt alt, sehr, sehr alt, verblichen und geschrumpft.

Schweigsam folgte sie Christiane in das Arbeitszimmer, matt sah sie zur ›eisernen Wehr‹ auf, hastig drehten ihre Finger den Briefumschlag, den sie mitgebracht hatte. Sie wagte sich kaum zu setzen.

»Du möchtest hier am Reutterschloß unterrichten?«

»Die Damen haben mir den Rat gegeben,« flüsterte die Wehrendorf, »ich sollte ... ich weiß ja nicht ...«

Christiane griff nach den Papieren.

»Zuletzt erzogst du meine kleine Nichte -- --?«

»Ein Jahr,« antwortete die Wehrendorf. Sie vermied jede direkte Ansprache, denn sie wußte nicht, ob sie das Fräulein Doktor noch so anreden durfte, wie die sie. »Ich habe schon viele Stellungen gehabt.«

»Wo warst du überall?«

»Damals aus der Schweiz ging ich nach der Lüneburger Heide. Dann --« Ada suchte in ihrem Gedächtnis. »Dann ging ich nach dem Rhein. Nach Mainz.«

»Nach Mainz,« sagte Christiane.

»Da hab ich es sehr gut gehabt. Ich wär so gern geblieben, die Leute haben mich auch gemocht. Und die Kinder erst -- Schön war's --! Aber da wurde ich krank.« Ihre Blicke flirrten.

»Was fehlte dir?«

»Die Nerven,« murmelte Ada, »und ein bißchen an der Lunge. Erschöpfung. Danach wurde ich Erzieherin in einer Anstalt für verwahrloste Mädchen.« Sie schauderte ein wenig. »Das war schwer. Sehr schwer. Da ging ich --« sie ließ plötzlich die Hände sinken, »ach, ich weiß es nicht mehr auswendig, es war so viel. Ich hab kein Glück gehabt. Ich hab kein Glück gehabt.«

In ihren Augen brannte eine verzehrende Angst.

»Und ich habe doch immer so gern gearbeitet,« sagte sie. Christiane schlug die Papiere auseinander. Vor allem suchte sie das Zeugnis heraus, das Ludwig geschrieben hatte. Es sagte gar nichts. Er hat ihr nicht den Weg verlegen wollen, dachte sie und durchblätterte die anderen Bogen -- so hatten die übrigen auch gedacht! Doch -- da auf dem einen stand: ›Körperlich sehr wenig geeignet.‹

Sie sah das schmächtige Mädchen wieder an.

»Hast du niemals an einen anderen Beruf gedacht?«

»Umsatteln?« fragte die Wehrendorf erschrocken, »das kann ich ja gar nicht! Wie denn? Was denn? Ich mag doch nichts anderes -- ich passe zu nichts anderem -- die Kinder immer um mich zu haben -- o, das ist schön! Ich mag die Kinder so gern! Es war mir so schrecklich, daß ich immer wieder aussetzen mußte!«

Sie senkte das Gesicht.

Christiane überlegte. An der Schule war noch die Stelle des Akademikers unbesetzt, der abgegangen war, als ihre Ernennung bekannt wurde. An Herren waren außer dem Professor nur der kleine Oberlehrer Doktor Korn, der Junggeselle Dreher und der blonde Zeichenlehrer da, von dem es hieß, daß er ein verunglückter Künstler sei. Alle Kräfte waren sehr überlastet. Man konnte die Wehrendorf vielleicht versuchsweise eintreten lassen. Aber Christiane wußte zugleich, daß sie damit eine Verantwortung übernahm.

Sie legte die Papiere zusammen. »Ich kann dir jetzt noch keinen Bescheid geben. Morgen sollst du wissen, ob du Aussichten hast.«

Die Wehrendorf stand auf.

»Wo wohnst du?«

»Im christlichen Hospiz.«

Das Mädchen verneigte sich. Christiane drückte ihr die Hand. Ada ging zur Tür.

Da sah Christiane etwas Merkwürdiges. Es war nur eine Schulterneigung, eine einzige, geringe Haltungsveränderung. Aber sie sagte: bis morgen ertrage ich es nicht mehr. Es kommt auch nichts. Es wird auch nichts. -- -- -- Es soll zu Ende sein.

Sie eilte ihr nach.

Es rief in ihr: hilf ihr! Hilf einer Schiffbrüchigen, einer der ärmsten unter den Frauen, einer, der nach Schaffen hungert und der es nicht gegeben wird. Gib ihr einen sanften Platz, einen Anfang -- dann wird sie sich schon hineinfinden. Sie bringt alle Liebe mit. Nimm es auf dich, auch einmal gegen deine Pflicht zu handeln.

»Da,« sagte sie zu Ada, »bring deine Papiere dem Patronat. Dem Präsidenten. Ich will heute noch selber mit ihm sprechen. Dann wird es. Hörst du? Es wird.«

Die Wehrendorf sagte gar nichts. Sie sah sie nur mit erloschenen Augen an.

»Und geh zu meiner Mutter. Am Stieglitzberg 2. Du wirst schon finden. Sage, ich schickte dich. Nimm deine Sachen mit, sie wird dir einstweilen ein Unterkommen geben. Ja, ja, ich meine es im Ernst. Es wird schon werden, fasse nur wieder Mut. Wir werden dir schon helfen. Du kannst vielleicht immer da wohnen bleiben, das heißt, wenn es dir späterhin gefällt --«

»Es wird mir -- schon gefallen,« sprach die Wehrendorf.

Sie faßte nach Christianens Hand.

Es war der dumpfe Blick eines geretteten Tieres.

Sie ging -- -- --

Nachher winkte Christiane sich das Fräulein Jong heran, in dessen Abteilung die kleine Hanni Cöldt heute eingetreten war, und befragte sie wegen ihrer Nichte.

Die Finkenaugen des Fräuleins kniffen sich ein bißchen.

Sie zauderte eine Sekunde.

Dann sprach sie offen: »Es scheint ein sonderbares Kind zu sein. Sehr hart, sehr einsam. Und sehr zurück und sehr gleichgültig im Lernen. Na, wir wollen abwarten.«