Das Feuer hinter dem Berge: Roman

Part 5

Chapter 53,667 wordsPublic domain

Alle Naturwissenschaft hatte Christiane schon von früh an gefesselt, und förmlich gierig horchte sie jetzt auf, wenn da und dort ein neuer Vers vom Weltenlied entdeckt schien. Sie grübelte selbständig daran herum und suchte nach neuen Gesetzen und fand doch immer nur die alten, weil sie in ihrer Zeit befangen war wie alle und das gleiche eiserne Netz auch über sie gespannt war. Dabei fühlte sie, daß im Ganzen für sie immer nur ein Stück Handwerk herauskam, ein bedingtes und begrenztes Frauenschauen, und daß sie nach dem allen nicht so unruhig und verwirrt und durstig geforscht hätte, wenn ihr Leben in eine andere Bahn hätte einlenken können. Sie suchte dort die Harmonie, die in ihr nicht war, eine Lösung, die sie einbezog und ihr Leben gültig machte, und fand sie nie und nirgends. Sie stand außer den Dingen. Dem ewigen, immer wieder ausholenden Kreise der Schöpfung war sie entrückt, sie war weder klein, noch groß, sie war übrig.

Yse kannte nur ein Gesetz für Mann und Frau und wollte es nicht gelten lassen, daß die Frau innerlich verwuchs und verdarb, wenn sie nicht gleich anderen Halmen in die Erntekammer kam. Sie kannte und sah in allem und jedem Entwickeln und Reifen und fand überall einen Sinn. Trotzdem sie die Dinge unverhüllt schaute, fühlte sie doch Harmonie im Weltgeschehen und das Dasein als ein Glück. Was an Rätseln ringsum starrte, was vor Not schrie, was verdarb, was Torso war, Übergang, Abriß, Sinnlosigkeit, Brutalität -- alles das zog sie in ihre Kunst hinein, und da paßte es, rundete es sich und leuchtete fackelgleich und purpurn in die Weltfinsternisse.

Als Christiane eines Tages zu ihr kam, stand sie vor einem Papier am Tisch. Darinnen lagen Bücher -- es waren sämtlich die gleichen, die gleiche Farbe, derselbe Schnitt, derselbe Band. Es war Yses neues Buch.

Sie hob es hoch und sagte ernst und doch voll seltsamen Zaubers, mit einem Verrat, der über die Eisgrenze glühend hinwegschoß: »Gott ist das Werk --!«

Christiane fuhr zurück.

Jetzt wußte sie es.

Zwischen ihnen war ein großer, nie zu überbrückender Unterschied.

Beide liebten sie das gleiche Land, aber Christiane liebte dort einen Mann, und Yse liebte dort ihr Werk.

Yses Leben wäre unter allem, was sie getroffen oder getragen hätte, immer wieder auf die eine gleiche Lösung, hinausgekommen, aber das ihre hatte sich erst eine suchen müssen.

Für Yse war alles Erleben die Saat zum Schaffen, und für Christiane gab es nur das nackte Erleben allein, und sie war darauf angewiesen.

Zum ersten Mal merkte sie, wie erlösend Kunst sein kann. Bisher hatte sie kaum darüber nachgedacht, ja, sie hatte sie in ihren exakten Studien fast ein wenig verachtet. Ihr schien es, als ob die Menschheit seit Jahrtausenden darin im gleichen Trott liefe und aus dem Haufen immer die gleichen Lieder kämen.

Aber die Kunst kam dem Weltschaffen am nächsten, und auch eine Frau konnte darin seliger werden als im reinsten Madonnenglück. Das Höchste und Primitivste war in seiner Wirkung gleich.

Was aber für die Frau dazwischen lag, war dürres Land, ein Weg mit verstreuten Halmen, die nicht zur Ernte kommen. Christiane mußte an eine kleine bucklige Studentin denken, die neulich mit ihrer krächzenden Stimme gesagt hatte, der große Überschuß an Weiblichkeit sei etwas Naturgewolltes, der Vorbote großer, sonderbarer Umwälzungen in der Menschheitsentwicklung und vor allen Dingen für die Gegenwart ein ungeheurer Auftrieb, der die Frauen mit einem Schlage aus den Niederungen der Jahrtausende stieße, ob sie wollten oder nicht.

Christiane dachte: Ja, so mag es sein. Denn wenn ich könnte, wie ich wollte, ich legte die Bücher hin. Ich stiege aufs Pferd und ritte mit meinem Liebsten und würde dann alles wissen -- -- -- -- -- --

Sie starrte in ihrer Stube um sich, sah nach der ›eisernen Wehr‹ und biß die Zähne zusammen.

Aber es nützte nichts. Sie weinte wie sie, damals im Lehrerinnenheim unter dem Glockengeklingel und den schleichenden Schritten der Alten geweint hatte.

* * * * *

Es kamen noch andere Zeiten für Christiane Dorreyter, wo ihre Arbeit sie schärfer nahm und ihr keine Minute mehr zum Grübeln ließ. Wo sie froh war, wenn sie überhaupt ein paar Stunden zum Ausschlafen fand, und ihr Ehrgeiz ihr wieder zuflüsterte: ›Den andern voran!‹ Es ist notwendig für ein Gelingen, daß andere dabei sind, die das gleiche Ziel verfolgen, nie kommt man schneller weiter, als wenn ein Sichmessen dabei ist, ein Sieg im Siege!

Das Rhanesche Kapital, das die Mutter seufzend geopfert hatte, ging zu Ende. Christiane mußte Stunden geben und durch allerhand Aufsätze und Artikel etwas dazu verdienen. Langsam kam ein stärkeres Interesse für fachpädagogische Dinge über sie, und sie fand auch schließlich eine Meinung. Und dann ein Wissen und schließlich die Überlegenheit. Man wurde schon auf sie aufmerksam, als sie noch auf der Universität war, und sie bekam noch vor dem Examen allerhand Anerbietungen, denn man riß sich damals in den Städten um die ersten jungen Oberlehrerinnen. Sie konnte wählen und suchte einen großen Platz, eine berühmt schöne Stadt mit alter Kultur, in der sie Gelegenheit zur Weiterbildung fand und auch ein wenig Raum, um etwas zu sagen.

In den Jahren schrieb sie ein paar Bücher über Mädchenerziehung, die viel beachtet wurden und auch bei der langsam einsetzenden preußischen Schulreform nicht ganz ohne Einfluß blieben. Sie besuchte Kongresse und Versammlungen und war gewohnt, auf das Podium zu treten und zu einer respektvoll harrenden, meist weiblich pädagogischen Versammlung zu sprechen. Den führenden Persönlichkeiten der Frauenbewegung trat sie näher und beobachtete mancherlei.

Viele Menschen gingen an ihr vorüber, wenige waren farblos und Dutzendware, und wenigen gegenüber blieb ihr Wesen stumm. Aber ihr Blut regte sich nicht, und wenn einer mehr begehrte, als nur Geistiges, so wandte sie sich von ihm ab. Sie schuf sich eine eigene feine Kultur und war darin glücklich.

Langsam sah sie alle Dinge ruhiger und reifer an und dachte kaum mehr an Ludwig von Cöldt. Was ging ein Mann sie an, der ihrer Schwester Ehegatte war und nicht mehr nach ihr fragte. Und von dem man nichts mehr -- hörte.

Seit einiger Zeit war Ludwig auf seinen Wunsch nach Markburg, wo die Mutter noch immer lebte, zurückversetzt worden und damit von seinem Ostmarkenwerk, vielleicht auch von allem anderen größeren Werk für immer geschieden. Damit schien seine Karriere abgeschnitten. Sein Name war aus der Polenpolitik gelöscht.

Von Yse hörte Christiane noch dann und wann etwas. Sie war mit der Zeit berühmt geworden, schrieb aber nicht gern Briefe.

Die Mutter war jetzt stolz auf Christiane und verriet immer mehr Sehnsucht nach ihr. Jahr um Jahr hatte es ihr keine Unruhe gemacht, die Tochter draußen zu wissen, jetzt wo Christiane einen Namen hatte, wo Bücher von ihr in den Schaufenstern lagen, empfand sie immer größeres Verlangen nach ihr. Und eines Tages machte sie den Vorschlag, daß Christiane sich doch um die Direktorstelle an der Sophie-Reutterschule daheim in Markburg bewerben solle, die vor kurzem erledigt war und nach allem Hörensagen von dem Patronat mit einer weiblichen Kraft besetzt werden sollte.

Diese Schule hatte Christiane selbst ein paar Jahre hindurch besucht. Sie war etwas vor der Stadt in einem alten Herrschaftshause untergebracht, das im Volksmund das ›Reutterschloß‹ hieß. Die einstige Besitzerin, ein vereinsamtes Weib, hatte sich aufgehängt, und in ihrem Testament stiftete sie die Anstalt, die immer nur von den Töchtern der besten Familien besucht wurde und in ihrem Gepräge etwas hatte, das viel mehr an sehr alte Zeiten als an moderne Mädchenerziehung mahnte. Die Reutterschülerinnen wurden zu sehr vornehmen Haustöchtern und verwöhnten Damen erzogen, für den Sturm war keine gehärtet, und an Konflikte wurde überhaupt nicht gedacht, was für Markburg vielleicht auch nicht nötig war.

Damals. Jetzt -- --? Christiane fand sich dabei, wie sie auf einmal nachgrübelte und im ›Reutterschloß‹ Ordnung machte und ein neues Wesen schuf. Sie -- als Reformatorin in ihrer Heimatstadt, unter allem Bekannten, dicht vor Ludwigs Augen --! Sie als Schulmeisterin vor Ludwigs Augen!

Alles in ihr sträubte sich. Es war ihr, als müßte sie mit dem, was sie sich in der ganzen schweren Zeit erworben hatte, vor ihm verlieren, als müßte sie vor ihm immer noch als die scheinen, neben der er damals geritten war.

Ach, die Ostmark war für ihn und sie vorbei, und beider Wege waren aus den Dickichten herausgebogen, ins Bürgerliche und Normale hinein. Als Mitglied der Regierung hatte er sogar ein wenig Einfluß auf die Reutterschule, was die Mutter in ihrem Vorschlag bereits in Betracht gezogen hatte, ja, sie baute darauf, daß Christiane die Stelle unbedingt sicher sei!

Aber Christiane bewarb sich nicht. Sie brachte nicht all ihr Erlittenes vor seine Augen und richtete sich vor ihm und Hardi in einem schmalen Leben ein! Unverzüglich schrieb sie der Mutter ab.

Deren Briefe hielten aber die Bitte immer noch aufrecht, Tag um Tag und Woche um Woche.

Und es war doch wie ein Stein in Christianens Leben gefallen, in dem die Wellen nun unruhig zogen und zitterten. Sie sah ihre Existenz an und fand plötzlich nicht, daß sie immer so bleiben konnte. Ja, sie merkte, daß sie unbewußt doch immer auf ein Später hin gelebt hatte, auf etwas, das noch kommen _mußte_. Und vielleicht fand sich nie wieder so etwas wie diese freie Stelle, an der sie herrschen und alles wahrmachen konnte, wovon sie in ihren Büchern geschrieben hatte. Sie konnte fort. Und vielleicht wollte sie auch fort. Nichts hielt sie. Ihr Leben glich einem Zelt, das wieder abgebrochen werden konnte, trotz all der Bäume und Blumen, die darum gewachsen waren. Sie konnte fort.

Es kam hinzu, daß die Stelle an der Reutterschule andauernd unbesetzt blieb, weil sich die Meinungen in der Stadt gespalten hatten und sogar das Kollegium und zwar sowohl der männliche, wie der weibliche Teil heftig gegen die geplante weibliche Oberleitung aufbegehrt hatte. Die Zeitungen beschäftigten sich bereits mit der Angelegenheit.

Da lag der Kampf. Das war kein Dutzendwerk, keine schnurrende Spule, das war ein Leben voll Überraschungen, voll Tat, voller Widerstände und voller Schaffen. Das war ein Schaffen, das sich lohnte.

Es kam noch mehr hinzu, Kleines, Kleinliches, Unbehaglichkeiten in Christianens jetziger Stellung, die ihr nur darum so unerträglich schienen, weil sie jetzt das Bessere dicht daneben sah.

Und in einer Stunde und Stimmung, die sie später kaum begriff, in der ein unerklärlicher treibender Zwang war, schrieb sie an das Patronat der Reutterschule und bewarb sich, hinter sich die ganze Unterstützung ihrer Schulreformbücher.

So kam sie eines Tages als neuernannte Leiterin der Sophie-Reutterschule nach Markburg zurück und wunderte sich dort selbst über ihren Sieg.

Vielleicht war es mit maßgebend gewesen, daß man die Dienstwohnung verkleinern und ihr weniger Gehalt zu zahlen brauchte, als einem männlichen Leiter.

* * * * *

Der Vorsitzende des Patronats, der Regierungspräsident, hatte die Begrüßungsrede für Doktor Christiane Dorreyter beendet.

Jetzt kam sie aus der Schar, die sie schwarz und feierlich umringt hatte, auf die Rednerbühne der Aula und begann langsam und mit klarer Stimme zu sprechen, rechts vor sich die unbeweglichen Gesichter der Kollegen und Kolleginnen, links die Schar der Gäste aus der Stadt und die Patronatsmitglieder. Ludwig von Cöldt war auch gekommen.

Sie sprach in diesen ungewissen Wall hinein, in dem sie keine Wirkung erkannte und nur die ungeheure Spannung ahnte, mit der auf ihre erste Äußerung gewartet worden war. Sie gab im ganzen und großlinig ein Programm, aus dem deutlich zu entnehmen war, daß neuer Wind hindurchgefegt war und nichts Verstaubtes geduldet werden sollte. Dann wandte sie sich an das Kollegium, das sie an Pflicht, Treue und Können scharf zu sich heranriß, und fühlte, daß es in ihrer kühlen Rede angefangen hatte zu glühen, wie ein Draht zu glühen anfängt, und empfand dieses schnelle, rote Hellwerden herrinnenhaft bis zum knappen, festen Schluß in sich, worauf sie mit einer leichten Verneigung abtrat.

Der Vorsitzende schüttelte ihr die Hand.

Nun löste sich aus dem noch immer regungslosen Kreis der Kollegenschaft ein Fräulein und ging ruckweis mit gesenktem Kopf auf den Rednerplatz zu. Sie war rund, ohne stark zu sein, klein, aber ohne Zierlichkeit, es war, als ob die Natur etwas Nettes aus ihr hätte schaffen wollen und es dann beim plumpen Rohwerk hatte bewenden lassen. Sie war rothaarig, klein und häßlich, aber die Natur hatte ihr eine scharfe Weiberwaffe gegeben, die sich in den gallig schrägen Linien um den geschwätzig aufgebogenen Mund auch äußerlich kundtat. Fräulein Haberkorn warf alle Schulgemeinplätze mit autoritativer Lehrerinnensicherheit hin, rührte Frömmeleien und spitze Süßigkeiten hinein und gedachte mit viel Sentimentalität des verstorbenen Herrn Direktors, worauf sie die neue Leiterin im Namen des Lehrerinnenkollegiums begrüßte.

Die Köpfe hoben sich, die Gesichter wurden klarer. Man war wieder auf festem Boden und verstand.

Jetzt trat Professor Diermann vor. Er war alt, etwas vernachlässigt, und hatte einen Begasbart und scheue Augen. Er versprach sich mehrmals, stotterte und eilte dann mit Energie seinem Ziele, dem Hoch auf den Landesherrn, zu.

Danach sang der Schülerinnenchor der Anstalt sechsstimmig einen Choral. Die Mädchenstimmen waren übermäßig hoch, aber sehr rein.

Christiane Dorreyter hatte in ihrem Leben schon viele Choräle bei ähnlicher Veranlassung gehört, und sicherlich hatte sie auch dabei gesessen, wie die meisten hier: korrekt, zerstreut und gleichgültig. Jetzt aber stieg aus dem heimlichen Aufruhr ihrer Seele ein Brausen; Erinnerungen erhoben sich wie schwergeflügelte, dunkle Vögel. Alle Einsamkeiten und alle Not zitterten wieder in ihrer Seele, alles Mühselige und Götterlose ihres Lebens hob sein Haupt. Jahre und Jahre waren schwer wieder da. ›Der dich auf Adlersflügeln sicher geleitet --‹

Sie fühlte auf einmal Adlergewalt in ihrem Leben.

Die Feier löste sich auf. Christiane mußte die Gäste auf einem Rundgang durch das alte Haus begleiten. Es war äußerlich von sehr reiner, strenger Form, innerlich aber herrschten manchmal Schatten und Dunkelheit. Das Haus hatte sich noch nicht ganz seinem Zweck gemäß geformt, überall sah das Ursprüngliche heraus, die Herrschaftlichkeit. Es paßt zu mir, dachte Christiane.

Die Damen der Patronatsmitglieder, Frau Geheimrat Meckebier, Frau Landesrat Colb und Frau Kommerzienrat Reimann trappten mit rauschenden Kleidern eifrig voraus, um die Spuren der Neuen aufzufinden, denn sie kannten das Haus von vielen Kränzchentagen bei der Gattin des früheren Direktors.

Ganz oben im Zeichensaal waren Blätter ausgelegt, und hier tat die Oberlehrerin, Fräulein Haberkorn, sich groß: »Alles seit Ostern gemacht, im letzten Vierteljahr!« Denn so lange war die Direktorstelle unbesetzt geblieben. Der Kommerzienrat Reimann fragte Christiane mit schlecht verdecktem Mißtrauen, ob sie sich diese Methode auch zu beherrschen getraue, und sie sagte ihm kühl, klar und nicht gerade behutsam, daß man ›draußen‹ schon eine Weile anders arbeite, worauf er schnell von ihrer Seite verschwand.

Neugierig spähten die kleinstädtischen Frauen zu ihr hin. So eine Toilette trug keine der hiesigen Damen. Wie kam die dazu? Wollte die das immer so machen? Als sie das Rednerpult bestieg, war das Rauschen durch den ganzen Saal gegangen, und alle hatten sie angeblickt.

Gott, wer war sie denn! Man kannte doch die Verhältnisse und hatte von den Männern her ihre Papiere in der Hand gehabt. Es gab kein anderes Fräulein Doktor in der Stadt, aber man legte weiter kein Gewicht darauf.

Im Amtszimmer standen mehr Bücher, als beim guten alten Herrn. Auf dem Schreibtisch lagen Stöße von Plänen, Heften und Entwürfen, mit denen sich die Neue wohl wichtig machen wollte! Fräulein Haberkorn, die der Tochter der Frau Meckebier Privatstunde gab, hatte schon davon erzählt. Der Buchhändler in der Rädelgasse hatte die Bücher des Fräulein Doktor besorgt und ausgestellt. Natürlich kaufte sie kein Mensch.

Die Frau Landesrat und die Kommerzienrätin flüsterten. Sie schoben sich würdevoll vor und sprachen für die arme Wehrendorf. Ja, sie hatten doch einen modernen Frauenverein, und die gute Frau von Cöldt hatte sie gebeten, ein Wort für die Wehrendorf einzulegen, die endlich eine feste Stelle haben mußte. Sie war so sehr darauf angewiesen, und deshalb war es ja Menschenpflicht -- --

Menschenpflicht, dachte Christiane Dorreyter.

Sie wußte genau, daß diese Damen, die einen modernen Frauenverein hatten, sie im Herzensgrunde verachteten. Sie und die arme Wehrendorf.

Sie antwortete mit leichter Ironie. Die Patronatsdamen wanderten weiter und ließen nicht einen Winkel undurchspäht.

Dann wurde es endlich stiller. Türen dröhnten, die Stimme der Haberkorn scholl noch einmal echokräftig heraus. Die Damen verabschiedeten sich, nachdem sie die kleine Wehrendorf dem Fräulein Doktor noch einmal dringend ans Herz gelegt hatten.

Es war still.

Da kam Ludwig von Cöldt. Christiane hörte seinen Schritt schon von weitem.

Sie sahen sich an.

Er gab ihr die Hand, dann schaute er lange auf die ›eiserne Wehr‹ über dem Arbeitstisch. Sein Blick glitt in ihr Gesicht. Sie hob die Augen, und eine Sekunde standen sie und verstanden sich wieder im Geringsten, ohne Wort.

»Du gibst mir Relief,« sagte sie dann mit leichter Ironie. »Wenn die Vorstandsdamen gnädig zu mir gewesen sind, so verdanke ich das der Tatsache, daß ich einen Schwager hier habe. Ich bin höchstens dreimal auf meinen Doktor, mindestens dreißigmal aber auf den Regierungsrat von Cöldt angeredet worden.«

Seine Wimpern zuckten. Er sah eine Sekunde vor sich hin.

»Du wirst dir deinen Platz schon schaffen,« sprach er dann.

»O ja,« sagte sie, »das werde ich.«

Sein Gesicht behielt den gleichen geschlossenen, etwas resignierten Ernst. Sie sah, daß er sich sehr verändert hatte.

Sekundenlang durchrann sie eine furchtbare Machtlosigkeit, sekundenlang brauste ihr Wille wieder räuberisch zum Stehlen und Genießen hin.

Tief unten war sie in aller ihrer Würde.

Ihre Hände zitterten. Ihre Blicke streiften das Bild. Sie biß die Zähne zusammen. Eiserne Wehr, dachte sie, eiserne -- Wehr -- -- --

Er sah auf die Bücher, die sie in strengen Reihen umgaben. Durch sein Gehirn liefen blitzartig die Vorstellungen von den Lebenserkenntnissen, die sie sich errungen hatte.

»Du bist Naturwissenschaftlerin,« sagte er.

Ihre düsteren grauen Augen wurden langsam heller.

»Meiner innersten Meinung nach, ja,« sprach sie. »Ich kann dir aber noch einige andere Dinge vorzeigen,« setzte sie ironisch hinzu.

Er zuckte nur die Achseln. Wieder fuhr sein Blick durch den Raum. Halb unbewußt suchte er darin nach Zeichen aus den zehn fremden Jahren.

Seine Ruhe fing an ihre Flügel zu lockern.

Er begann nach diesem und jenem zu fragen. Ihm gegenübersitzend, etwas in sich versonnen, wich sie aus. »Das läßt sich so schnell nicht hersagen, Ludwig. Es war alles sehr kraus. Ich war immer -- Outsider.«

Sein Blick brannte, ohne daß er's wußte, eifersüchtig auf.

»Outsider,« murmelte er.

Er sann vor sich hin.

Zehn Jahre.

Christiane blickte nach der ›eisernen Wehr‹. Es zitterte leise in ihr.

Plötzlich bog er sich ihr zu.

»Ich möchte dir mein Mädel bringen, Christiane.«

Sie fuhr zurück.

»Mein Mädel,« sagte er mit etwas flimmernden Augen, »unsere kleine Hanni -- --«

Ihre Lippen zwangen sich. »Wie alt ist sie doch --?«

»Neun Jahre.«

Sein Auge hing an ihr.

»Du sahst sie noch niemals?«

»Noch niemals,« sagte sie. Sie dachte wieder: Als ich fort war -- -- -- --

Jetzt fühlte sie die -- zehn Jahre.

»Sie ist groß,« sagte er, langsam vor sich hin erzählend, während die Veränderung seines Gesichtes blieb, »und sehr kräftig. Nur geistig schreitet sie nicht recht fort. Aber das Fräulein hat nichts getaugt, ihm ist gekündigt.«

Christiane fragte: »Wie heißt sie?«

»Das Fräulein? Die kleine Wehrendorf.«

Sie nickte.

Dabei wurde es freier in ihr. Sie richtete sich auf.

»Das Fräulein werde ich mir mal angucken, Ludwig.«

»Wie du willst,« sagte er gleichgültig, »es ist aber nicht viel an ihr dran. Ein Weibtorso. Nirgends beschenkt.«

Sie kannte Ludwig. Ein feines Lächeln verzog ihren Mund.

Das reizte ihn.

»Wann kommst du zu uns? Wir erwarteten dich schon gestern.«

»Vorgestern kam ich an. Da war ich in Frankfurt eben fertig. Ich komme aus einer Arbeit in die andere, Ludwig.«

»Ja, ja. Aber wir --«

Sie sah ihn an.

In seinen Augen wurde ein verschollenes Geflimmer wach. Er wurde wieder jünger.

»Aber -- ich --« sagte er.

»Ich komme, Ludwig. Vielleicht heute abend noch. Wie geht es Hardi? Sie schrieb so selten.«

»Dir schrieb sie selten,« sagte er.

Sie schaute ihn mit großen Augen an.

Dabei schlich wieder eine heiße, heimliche Welle von einem zum anderen. Sie wurden still.

Über ihnen hing in strenger Wacht die ›eiserne Wehr‹.

»Ich komme heute abend zu euch,« sagte sie.

Sie gaben sich die Hand und empfanden wieder den uralten Einklang ihres Blutes und die geistige Zusammengehörigkeit.

»Ich komme, Ludwig.«

* * * * *

Als Christiane allein war, warf sie den Kopf zurück. War sie unwissentlich an einen alten Strudel geraten? War es _das_ gewesen, was sie heimlich zurückgeleitet hatte, nichts als -- das --? Waren noch unerhörte Möglichkeiten, unerhörtes Begehren in ihr, wollte sie noch immer ein -- Abenteuer --?

Sie sah wieder die gelben Felder der maiheißen Straßen, die Mühlen, hörte das Traben der Pferde und ritt wieder neben ihm wie einst.

Nein, das war vorbei. -- -- --

Am späten Nachmittag ging sie fort. Vor dem Hause warf sie noch einen Blick zurück. Wie gut es aussah, gar nicht schulmäßig!

Dann kam sie in die Stadt. Seit hundert und mehr Jahren war kein bedeutender Künstler in ihr gewesen, was an guten Bauwerken da war, hatte ein graues Alter und war teilweis im Abbruch. Was neu war, war handwerkerlich, was eben wurde, war es noch mehr. Ziemlich im ältesten Teil der Stadt lag das ehemalige Cistercienserkloster, das nun Regierungsgebäude und mit der Geschichte der Stadt und der Provinz eng verknüpft war. Viele preußische Könige hatten darin geweilt, von Friedrich dem Großen erzählte man sich ganze Legenden, und Blücher sollte sich an seinen Steinstufen den Säbel gewetzt haben. Vor hundert Jahren war der Klostergraben mit Gefallenen bis zum Rand gefüllt gewesen.

Bald hinter dem Kloster begannen die Anlagen, die in den Stadtpark ausliefen. Hier waren die Kindermädchen mit den Babies, hier passierten die Damen, wenn sie von ihren Kränzchen kamen, hier trieben die Backfische und Jünglinge ihren grünen Flirt. Es gab auch abgelegenere Gegenden darin, Winkel, in denen geküßt wurde. Ein paar Sportplätze begrenzten den Park, der gute Baumbestände und die Schönheit solcher kleinstädtischer Anlagen hatte.

Christiane eilte rasch hindurch. Schon als Kind hatte sie ihn nicht gemocht, wie alles, was Massenfreude war.

Draußen hinter dem Krähenteich, an dem sich die Pensionäre der Stadt mit Angeln zu unterhalten pflegten, begann der Wald.

Die Markburger machten sich nichts aus ihm. Sie hatten ihre Vereine und Kaffeekränzchen. Nur ein paar schulmeisterliche Naturheilapostel oder ein paar Brunnentrinker kannten seine Wege. Übrigens war er nicht mehr städtisches Gebiet, sondern gehörte den -- Rhanes. Weiter oben, hinter dem Forsthaus, konnte man das Schloß bei klarem Wetter wie ein blasses Schattenbild am Himmel sehen.

Christiane schaute auf die Stadt zurück. Eine rechte Heimat war sie ihr nicht, denn als Soldatentochter war sie kreuz und quer durch Deutschland gezogen und hatte überall ein Stücklein Kindererinnerung gelassen.