Das Feuer hinter dem Berge: Roman

Part 4

Chapter 43,653 wordsPublic domain

Als die Wirtin in der Folgezeit nicht nur das Kaffeepulver, sondern auch sonst allerlei vergaß, als das Mittagessen immer öfter ausblieb oder vollkommen ungenießbar war, als die Wirtin ihre Mieterin immer bedrohlicher anzuborgen begann und Christiane längst ihr Zimmer selbst rein hielt -- sonst hätte sie es nie rein bekommen -- mußte sie sich zum Ausziehen entschließen.

Sie zog mehr zum Hafen hinunter, was schon längst ihr Wunsch gewesen war, und die ›Erzengel‹ hatten ihr die neue Wirtin empfohlen. Sie sollte Witwe sein, es stellte sich aber bald heraus, daß sie nur von ihrem Manne getrennt und in beständiger Furcht lebte, er könnte wiederkommen und ihr einen Schaden zufügen. Deshalb verriegelte sie ihre Wohnung sehr sorgfältig, und man mußte ein ganzes Schlüsselsystem anwenden, um hineinzukommen. Vor dem Schlafengehen machte sie regelmäßig eine Runde durch sämtliche Räume, guckte in die Schränke und leuchtete auch unter Christianens Bett, in der Befürchtung, der geschiedene Mann könnte eines Tages schließlich darunter sein. Sie schneiderte, und man hörte den ganzen Tag das sonderbar ängstliche und ärmliche Geräusch der Nähmaschine.

Aber sonst war das Zimmer ganz nett. Die Terrakottabüsten waren samt ihren Zimmersäulen hinausbefördert worden, ebenso das, was Frau Claß ›Bilder‹ nannte. An der grauen Wand hing einzig die ›eiserne Wehr‹ in ihrer düsteren Wucht. Am Fenster stand Christianens Schreibtisch, und durch die Scheiben sah man hinter beschnittenen Lindenbäumen den grellen Streifen weißen Sandes und dahinter die bald graue, bald blaue See.

In der Schule ging es recht gemütlich zu. Fräulein Gusti war ebenso beliebt, wie die ›Erzengel‹, und wenn der dicke Lehrer bei seinen Gymnasiasten schärfere Saiten aufzog, -- was übrigens zu bezweifeln war -- so wandelte er sich in der Schule von Fräulein Schellenbaum so friedlich um, daß er ganz genau hineinpaßte. Nachmittags um vier gab es immer ein Kaffeestündchen in Fräulein Gustis Zimmer, und wenn der Oberlehrer dabei war, mußte er immer von seinem Jungen erzählen, mit dem ihn seine Gemahlin vor einem halben Jahr beschenkt hatte. Waren die Damen aber unter sich, so holte Fräulein Gusti ihre frauenrechtlerischen Bücher und Hefte heraus, und die ›Erzengel‹ sahen ebenso kritisch darauf wie Christiane und ließen das Fräulein reden. Brachte man das Gespräch aber auf die Vorgängerin, die jetzt Frau Tierarzt war, so wurde Fräulein Gusti spitz.

Die ›Erzengel‹ machten ihrem Namen alle Ehre und standen Christiane in allen Dingen wirklich wie ein paar langgeflügelte Himmelsboten zur Seite. In der freien Zeit machten sie weite Fußmärsche in die Umgegend, die wohl auch weit und flach, aber immer mit Möwen überflogen und mit dem nie weichenden, leise überdunsteten Streifen See im Hintergrunde nie mit jener östlichen zu verwechseln war. Auf den Wiesen weidete das schwarzbunte Vieh, das Getreide stand niedriger, der Wald war dürftig, wie zerblasen. Immer ging der Wind, und immer roch es nach Fischen im Rauch.

Sie segelten und schwammen auch, besuchten die Badeorte der Umgegend und machten in den Ferien gemeinsame größere Reisen nach Dänemark, Schweden und Norwegen, für das die ›Erzengel‹ so schwärmten, obwohl sie aus Osnabrück waren. Sie konnten nicht ohne Wasser sein.

Einmal gerieten sie auf der Rückreise -- sie fuhren über Malmö-Lübeck -- in eine Horde Engländer, die den Kontinent bereiste, alles Lehrer und Lehrerinnen, die eifrig bemüht waren, sich in der fremden Sprache zu üben. Ein großer, sehr rotblonder Dozent aus Nottingham hatte sich von Anfang an Christiane, die seine Tischnachbarin war, zur Partnerin ausersehen, und sie tauschten allerlei Rede und Gegenrede in der pikanten, spähenden, argwöhnisch höflichen Art, wie sie schon damals zwischen Vertretern der beiden Nationen zu herrschen pflegte. Als alles Neue erschöpft war und Christiane merkte, daß sie und der Engländer der Zielpunkt von allerhand Blicken wurden, die namentlich von seinen Landsmänninnen ausgingen, und als sogar die ›Erzengel‹ gutmütige Bemerkungen machten, zog sie sich rasch zurück. Es war möglich, daß Mr. Wyche, wie nachher erzählt wurde, auf dieser Seefahrt ein ganz ernstliches Interesse für die junge Deutsche gefaßt hatte, aber sie konnte es nicht zurückgeben. Von allem anderen abgesehen, hätte sie es undenkbar gefunden, ins Ausland zu gehen und mit einem fremden Volk zu leben, wo das eigene Land so voller Probleme und Arbeitsmöglichkeiten steckte.

Die ›Erzengel‹ begriffen sie nicht, und Christiane gab sich auch nicht die Mühe, sie aufzuklären, wie sie den braven Geschöpfen innerlich auch ganz fern stand.

Spät abends ging sie gewöhnlich allein am Strand spazieren, dort hinaus, wohin die Crivenwalder nicht mehr kamen. Sie sah die zart verdämmernde Opalfarbe der abendlichen See, spürte den fernen Duft der Linden, die hier so sehr spät blühten, und in ihrer Seele stieg es auf wie Wasser -- -- -- -- --

»Du hast es gut,« schrieb die Mutter, »viel besser, als Hardi, die sich in Posen noch immer nicht eingewöhnt hat und sich in Heimweh verzehrt. Du hast keine Sorgen -- -- --«

Nein, sie hatte keine Sorgen. Sie hatte -- alles. -- --

* * * * *

Im Herbst danach kam wieder ein Brief von Ludwig. Christianens Blicke flogen jäh darüber hin und suchten hungrig im voraus den heimlichen Gruß, das heimliche Gedenken, ehe sie alles Tatsächliche erfaßten. Und dann wurde ihr das klar.

Ludwig war in acht Tagen in Berlin, grade zurzeit ihrer Herbstferien. Ob sie ihre Reise zur Mutter nicht über Berlin richten und mit ihm dort zusammentreffen wollte?

Christiane hatte gar nicht zur Mutter fahren wollen, denn die vermißte sie kaum. Deren Sinn stand allein nach Hardi und war durch der Jüngsten Schicksal vollkommen ausgefüllt. Zudem hatte sie jetzt eine kleine Pension gegründet und dadurch eine neue Art Lebensinhalt.

Christiane interessierte sich nicht dafür. Ihr kam es überhaupt vor, als ob sie mit ihren Wünschen, mit ihrem ganzen Wesen längst heimlich weit über die letzten Inseln der Menschen hinausgetrieben sei. Jetzt -- jetzt erkannte sie es -- --

Wann begannen doch die Ferien? Wie lange fuhr man von Crivenwalde nach Berlin? Lehrter Bahnhof -- --? Am Lehrter Bahnhof würden sie sich treffen!

Die ›Erzengel‹ wunderten sich redlich über die Kollegin, die sie in ihrer biederen Herzensharmlosigkeit zu kennen glaubten und die auf einmal so anders war. Am letzten Abend veranstaltete Fräulein Gusti noch ein frauenrechtlerisches Kränzchen, dem ein dicke Hamburgerin beiwohnte, die auf dem Gebiet irgendwelche Bedeutung hatte. Sie begrüßte die drei Damen mit großer Kollegialität und begann gleich mit ihren Ausführungen, dann und wann einen Schluck Tee mit Rum nehmend. Die ›Erzengel‹ guckten ihrem Wesen kritisch zu, und Christiane sagte auch nichts.

Fräulein Gusti ereiferte und ereiferte sich, die Hefte flatterten förmlich unter ihren Händen, sie suchte die Diskussion immer mehr anzufeuern -- ihr Traum war: ein Frauenrechtsverein hier in Crivenwalde, der gewesenen Leiterin und jetzigen Frau Tierarzt erst recht zum Trotz! -- Die ›Erzengel‹ tauten auf. Es war im Grunde nichts, nach dem Unterricht immer nur spazieren zu gehen oder zu baden, in den Schulpausen dem alten Professor zuzusehen oder vom Oberlehrer Müller zu hören, wie sich sein Sprößling weiter entwickelte. Es war am Ende am besten, Frauenrechtlerin zu werden und sich für allerlei fernliegende Dinge zu interessieren, wenngleich irgend etwas in ihrem Herzen entschieden ›Nein‹ sagte und die dicke Hamburgerin deutlich verlachte.

Aber sie sagten ›Ja‹, schon der Vorsteherin zuliebe, und wunderten sich auf dem Nachhausewege über Christiane, die noch immer schwieg.

Die verabschiedete sich eilig, lief in ihre Stube und ging an den Koffer -- war nun schon alles darin? War nichts vergessen? Sie trat ans Fenster und sah mit gläsernem Blick hinaus -- -- draußen stand die See und hatte noch einen Schein wie aus den hohen, grauen Sommernächten, die Christiane im Norden erlebt hatte. Die Sterne flimmerten.

Der Morgen war sonnenhell, alle Wiesen grünten, wie im Frühling, und alle Stoppelfelder leuchteten, als ob das blonde Korn noch auf ihnen stünde. Knick auf Knick schloß sich daran, wie Kranz auf Kranz. Die Wasser der Seen blinkten blau auf und verschwanden wieder, der Buchenwald flimmerte in sommergrüner, unzerstörter Glut. Wald auf Wald, See auf See. Wie schön war diese Gegend doch!

Christiane starrte aus den Coupéfenstern wie im Traum. Sie fühlte immer deutlicher, daß sie über die letzten festen Länder und Inseln der Menschen weit hinausgetrieben wurde.

Station auf Station. Jetzt Schnellzugssausen. Der sonnige reine Morgen und die blauen Seen waren weit. Nauen, Spandau. Straßenbahnen und Soldaten, Glashallen, Vorortbahnhöfe. Endlich die schwarze Höhle der Lehrter Einfahrtshalle. Auf dem Bahnsteig war auf einmal ein Strudel entlassener, mit bunten Bändern behängter Matrosen, die Christiane gar nicht im Zuge gewahrt hatte.

Sie trennte sich instinktiv von der Menge, fühlte sich plötzlich verwirrt und verloren und in eine Fremde gerissen, hinter der Fräulein Gusti, die ›Erzengel‹ und ganz Crivenwalde wie freundliche Schatten standen, und sah dann auf einmal -- Ludwig.

Da war er! Nur einer wie er!

Sie sah ihn an. Sie gaben sich fest die Hände.

Ihr Herz war stark und entschlossen.

Leicht schritt sie neben ihm her, und jetzt war Crivenwalde weit weg. Alles war weit weg. Auch Hardi und die ›eiserne Wehr‹.

»Du fährst zur Mutter?« fragte er.

Sie schrak auf. Ihr Blick flog in den hellen Großstadttag hinaus. Sie sah bunte Farben, Linien, Lichter, Menschen und -- ihn.

»Ja, ja,« sagte sie.

Als sie im Wagen saßen, erzählte er, daß er Konferenzen in seinem Ministerium hätte. Er nannte die Namen der beteiligten Herren -- alles Ostmarkenleute.

»Du gehörst schon ganz und gar zu ihnen,« sprach sie.

Er nahm das gleichgültig hin, denn es war in Wahrheit so.

Sein Gesicht war schärfer und länger geworden, das Junkertum prägte sich härter aus. Ob er noch ritt?

Sie traten in ein Restaurant. Sein Blick flog unwillkürlich nach den Mittagszeitungen, die eben kamen. Sie lachte und ließ sie bringen -- sie kannte ihn. Jeder hatte ein Blatt, und darüberweg tauschten sie kurze erregte Bemerkungen. Ihm schien es gar nicht aufzufallen, wie sehr sie noch mitten darin war. Es war eine Situation, die auf der Spitze stand.

»Du müßtest in den Reichstag,« sagte sie.

Er zuckte die Achseln. In der Stadt Posen war nicht die geringste Aussicht für einen deutschen Kandidaten, und er fühlte sich auch so besser am Platze und das Heft stärker in der Hand.

Eine polnische Gesellschaft betrat den Raum, ein Herr, zwei Damen, diese klein, biegsam, mit wundervoller Eleganz gekleidet, an der aber noch etwas war, was man eben durchaus als polnisch erkannte. Ludwig sah kurz hin, und dann blickte er Christiane an -- ihre Augen tauchten ineinander wie gezogen, eine Maske fiel, ein Vorhang sank, eine ganze Zeit, Jahre und Jahre verschwanden für einen Augenblick.

Er faltete ein Zeitungsblatt eng zusammen, immer kleiner wurde der Streifen. Er sah vor sich hin.

Dann begann er von der kleinen Hanni zu erzählen. Immer noch schaute er vor sich hin. In die Stimme kam neben dem Bewußten und Gewollten eine kleine Erregtheit, und plötzlich mußte sie an den Oberlehrer Müller in Crivenwalde denken, wenn der von seinem Jungen sprach.

Sie redete plötzlich dazwischen, scharf, kurz, fragend, immer mehr verstrickte sie ihn ins Erzählen, alles wollte sie wissen ... jetzt wußte sie. Ihr Gesicht wurde feindlicher, ihre Miene kälter, ihr Herz erstarb -- warum war es nicht mehr wie damals an jenem Morgen? Warum war in ihr einfaches und naturgewaltiges Erkennen jetzt so viel anderes gekommen -- -- --?

Warum hatte er sie überhaupt sehen wollen und grade dieses Wiedersehen herbeigeführt? Er hätte sie ja auch nach Posen einladen können, sie wäre zu ihm und Hardi gekommen und hätte mit der kleinen Hanni gespielt. Geritten wären sie nicht mehr miteinander!

Sie saß in sich verbittert und schrak erst auf, als er Abschied nahm -- er mußte jetzt in die Wilhelmstraße.

Sie gingen die paar Schritte nebeneinander, dann nannte sie ihm das Hotel, in dem er sie abholen konnte. Es war eines der ersten, Geld hatte sie ja. Hier in Berlin wollte sie einmal wieder Herrin sein, nicht die Schulmeisterin. Das sagte sie Ludwig freilich nicht, und es schien ihm auch nicht aufzufallen.

Als er fort war, wanderte sie durch die Straßen, ohne mehr zu sehen als die Menschen und unter den Menschen die Kinder. Die kleinen, die zweijährigen. Sie sah so viel Süßes an ihnen, daß ihr Herz auf einmal weich wurde und anfing zu verstehen. Sollte er das Liebliche nicht schätzen, das er besaß -- wegen des einen, das er nicht besitzen konnte? Er war ein Mann. Eine Frau kann in der Liebe eher leben wie ein Hungerkünstler unter Glas -- der Mann wird niemals hungern. Er sucht sich von allen Seiten zusammen, was ihn satt macht. Und es fällt ihm auch immer zu.

Ludwig war es auch zugefallen. Und wer weiß -- es war ihm vielleicht -- noch mehr -- zugefallen. Was wußte sie denn -- -- --?

Sie ging zitternd und immer verwirrter und eifersüchtiger, und rasend peinigten sie jetzt die einsamen Abende an der See und so manches andere, sogar die Sache mit Kraneis und dem englischen Dozenten. -- -- --

Hochmütig und verbittert saß sie dann im Hotel, und das Rauschen und Sausen der Straße hinter der Glasscheibe quälte sie wie etwas Feindliches, und feindlich war sie selber.

Und Ludwig kam.

Er sah auf einmal jünger und lebendiger aus. Man merkte, daß irgend etwas für ihn erledigt, daß eine Last abgeworfen war. Und jetzt sprach er offen darüber. Neben ihr an dem kleinen Tisch saß er und sprach, und sie wußte, daß er zu keinem Menschen weder im Amt noch zu Hause davon sprechen würde wie zu ihr und daß er danach gehungert hatte, wieder so mit ihr zu sprechen. Daß er sie gerufen hatte, weil er sie brauchte und weil sie ihn verstand.

Die alte Stunde spann sich wieder an, aber es kam nichts Unreines hinein, und ihr Schiff wendete langsam und fuhr an den letzten äußersten Inseln und Bollwerken vorbei wieder auf die Küste der Menschen zu, nach dem Lande, das alle bewohnten und in dem noch ein eisernes Recht galt.

Nachher waren sie noch draußen in Potsdam, eine Stadt für ihn. Christiane sah im Adreßbuch nach und fand, daß einige Rhanes hier wohnten, Abkömmlinge wie sie. Sie schaute den Reitern nach, wie sie dahingaloppierten, und den jüngeren Offizieren in die sonnenverbrannten Gesichter -- war einer von ihrem Blut dabei?

Dabei erzählte sie Ludwig von ihrem Leben in Crivenwalde und wußte dabei schon, daß es hinter ihr lag und daß der heutige Tag, das endliche Sichwiederkreuzen ihrer Leben eine starke Wendung gebracht hatte. Mit dem Nachtschnellzug fuhr sie zur Mutter, um die für ihre Pläne zu gewinnen und im voraus alles glatt zu wissen.

* * * * *

Und nun fing für Christiane Dorreyter eine schwere und sonderbare Zeit an. Die ›Erzengel‹ wunderten sich nicht wenig über sie, die plötzlich so merkwürdige Neigungen zeigte, und Fräulein Gusti streckte noch einmal erwartungsvoll die frauenrechtlerische Hand aus, ohne daß sie ergriffen wurde. Aber es war offenbar, daß Fräulein Dorreyter sich für das Studium vorbereitete und zunächst das Abiturientenexamen abzulegen gedachte.

Dem Oberlehrer Müller war dabei eine ziemlich bedeutende Rolle zugedacht, und er füllte sie auch aus und holte auch andere Kollegen vom Crivenwalder Gymnasium für die Fächer heran, die er nicht beherrschte. Und langsam kam das Lernen in Gang.

Auf den Straßen zeigte man sich Christiane. Die Herren grüßten respektvoll und doch mit einem verborgen prüfenden und etwas mitleidigen Schauen. Die Gattinnen spähten zu ihr hin, wie Kinder, die sich hinter einer Hecke vorm Gewittersturm gedeckt haben, nach nassen Leuten gucken. Von auswärts erhielt Christiane allerhand Briefe, Zirkulare und Agitationspapiere, und sogar die dicke Hamburgerin schrieb ihr -- es war klar, daß man jetzt in ihr die größte Stütze der Frauensache in Crivenwalde erwartete, die noch weit über Fräulein Gusti ging. Sie sollte sogar einen Vortrag halten.

Lächelnd schob Christiane alles beiseite. Warum die Leute nur so taten? Sie erstrebte doch nichts anderes, als eine Tat für sich, die Crivenwalder ging die gar nichts an und die Frauenrechtlerinnen der ganzen Welt auch nichts. Sie suchte doch nichts anderes, als ein Leben, das dem Geliebten gleichwertig war, wollte nicht in der Enge, in der Kleinstadt, im kleinen Lehrerinnendasein verstauben, während er am Werke war -- sie wollte adlig Blut in adligem starkem Tun zeigen, wie er.

Sie wollte Mensch sein, wie er, und -- schaffen.

Kraus war der Weg und oft verkehrt! O, dieses einsame Lernen an den eisern eingezäunten Erziehungsgärten der Männer vorüber. Sie guckte den Crivenwalder Schulbuben neidisch nach und war doch wiederum froh darüber, daß man sie nicht in diesen Zwangsweg des Durchschnittslernens pressen konnte! Sie kam in Freundschaft mit einem Primaner, einem Neffen des Herrn Müller, der sie erst argwöhnisch in der Anstalt Schellenbaum besuchte und dann ein guter Kamerad, ein unverzagter Mitreißer, ein bißchen Freund und ein ganz klein wenig Verehrer wurde.

Fort damit! Er verschwand bald wieder aus ihrem Leben!

Und so kam nach guten zwei Jahren, nach durchwachten Nächten und mancher hoffnungslosen Stunde der Morgen, an dem sie das Crivenwalder Gymnasium zum ›Mündlichen‹ betrat. Am Abend vorher schaute sie zufällig durchs Fenster auf die See, und plötzlich war ihr eingefallen, daß sie schon lange nicht mehr spät abends am Strand unter Lindenduft gewandelt war -- sie hatte es ganz vergessen.

Außer ihr machte noch ein junger Volksschullehrer und ein junger Drogenhändler (Theissen und Wolters in Crivenwalde) das Examen. Sie guckten sich an, wie Tiere, die in denselben Käfig gelassen worden und sich gegenseitig keinen Vorteil zu gönnen gesinnt sind, und auf die schwarzen Examenherren wie auf die Bändiger mit der Peitsche.

Sie schnappten jede Frage, die ihnen hingeworfen wurde, mit einer Gier auf, wie sie die durchs Durchschnittlernen Gegangenen nicht kennen.

Die Herren wurden aber befriedigt.

Alle drei bestanden. Der Drogenhändler und der Volksschullehrer kneipten die Nacht durch, Christiane aber packte um dieselbe Zeit ihre Sachen und verließ beim grauenden Morgen Crivenwalde. Schnee und Eis fiel, es stürmte und graupelte. So häßlich war die Stadt schon lange nicht mehr gewesen. Die ›Erzengel‹ standen mit roten Nasenspitzen auf dem Bahnsteig.

Christiane wußte, daß sie das alles nie mehr wiedersehen würde.

* * * * *

Nun kam Berlin. Christiane wohnte bei einer Majorin am Lützowplatz, die mit Jean Paul verwandt zu sein behauptete und kein Dienstmädchen behalten konnte. Christiane amüsierte sich darüber und suchte mit den Dingen fertig zu werden, wie es eben ging. Nie und nimmer wäre sie in eine Massenpension gezogen und mit einem halben Hundert gleichgültiger Menschen täglich zusammen gewesen. Auch hier in der großen Stadt bewahrte sie ihr aristokratisches Prinzip auf Kosten ihres Menschenstudiums.

Von der Mutter vernahm sie zu dieser Zeit, daß Ludwig nach Danzig versetzt worden sei. Sie weilte eben bei Cöldts, um den Umzug in die Wege zu leiten, Hardi, die arme Frau, war ja so schwach.

Seit jenem Zusammensein war die Verbindung mit Ludwig äußerlich geringer geworden, er schrieb seltener und nie von sich und seinen politischen Ideen. Sie hörte eigentlich nur noch durch die Mutter von ihm.

Jetzt ging sie durch die Berliner Straßen mit dem Gefühl wieder freigewordener Kräfte und Gedanken. Leise kamen die Stimmungen wieder wie an jenen Abenden an der See, sie schaute auch die ›eiserne Wehr‹ wieder an und dachte von neuem an jene Verse. -- Warum war Ludwig versetzt? War Danzig wirklich ein Fortschritt, eine neue Seite seines Werkes? Brauchte man ihn dort, wie man ihn in Posen gebraucht hatte? Die Mutter verriet nichts darüber und wußte es auch wohl nicht. Oder war diese Versetzung eine -- Unterbrechung? Von einer Änderung des Ostmarkenkurses war nichts bekannt.

Sie grübelte und fühlte wieder Leichtsinn, Sehnsucht und Temperament. Und -- Einsamkeit.

Schließlich lernte sie von den wenigen Damen, die zu jener Zeit Vorlesungen hörten, Yse Bernhart genauer kennen.

Eigentlich hatte sich Christiane anfangs an Käthe Arndt angeschlossen, die dasselbe Ziel wie sie verfolgte und die Tochter eines Universitätsprofessors und bekannten Frauenrechtlers war. Er hatte viel zugunsten der kämpfenden Frauen geschrieben, Angriffe zurückgeschlagen und war mit allen bedeutenden Führerinnen freundschaftlich liiert. Seine sechs Töchter hatten sämtlich Examen gemacht und waren im Lehramt. Nur eine einzige war mißraten und hatte geheiratet. Käthes Ziel bestand im Oberlehrerinnenexamen, mit dem sie ihre Schwestern auf der ganzen Linie schlagen konnte, und sie wütete so in die Arbeit hinein, daß sie trotz ihrer Jugend schon Nervenmittel nehmen mußte.

Durch Käthe kam Christiane mit Yse Bernhart zusammen, die mit ihr in der gleichen Pension wohnte. Yse hatte keinerlei Examina hinter sich, und daß sie als Gasthörerin zugelassen worden war, verdankte sie nur der Empfehlung eines bedeutenden Literarhistorikers, der ihre Bücher gelesen hatte. Sie war klein, schmächtig und sehr still.

In ihrem Zimmer hing als einziger Schmuck Thomas ›Sehnsucht‹, der nackte Mensch, der vor dem Abgrund steht und die Arme nach den weit über ihn wegfliegenden Wundervögeln streckt.

Das Bild sagte Christiane viel. Etwas Verwandtes berührte sie.

Yse stammte aus einer kleinen westpreußischen Stadt, in der ihr Vater Pastor war.

Es war kein Dilettantismus in ihr. Nie hatte sie das Leben gesucht, um es zu finden, um etwas zu ›erleben‹, es war zu ihr gekommen, lag von den Vätern her in sonderbarer Mischung in ihr drin, es hatte sie getroffen und damit zum Schaffen fertig gemacht. Keine Spur von Bohème war an ihr, sie rauchte weder Zigaretten, noch trug sie Eigenkleider, noch verriet sie irgend welche Hinneigung zur freien Liebe. Ein paar bedeutende Menschen in Berlin kannten und schätzten sie, luden sie ein und empfanden, wer sie war.

Kam sie aber wieder in den Kreis der heimatlichen Kleinstadt zurück, so ahnte kein Mensch mehr etwas von ihr, und sie brauchte die Leute dort auch nicht. Aber sie schuf.

Ihre Geschichten gaben Bilder aus dem Osten, die große Fläche, die endlosen Getreidebreiten, die Weichsel und Warthe, das Leben in der Stadt Posen, in der Wallischei und auf dem ›Städtchen‹, in der Dominsel, der ganze Nationalkonflikt tauchten auf und waren bis zum letzten beobachtet. Die ganze Wucht des Weltgeschehens stand hinter den Bildern.

Es dauerte eine Weile, ehe es zu einigen Wärmegraden zwischen ihr und Christiane kam, denn in ihr lag die harte Zurückhaltung der Einsamen und das ganze Mißtrauen der Frau gegen die Frau. Dann aber stieg das Thermometer langsam bis zu einem guten Punkt, bis zu jener naturgezogenen Eisgrenze, die ein Geheimnis um jeden Menschen wahrt.

Beide liebten sie die gleiche Heimat und die gleiche Freiheit. Sie verachteten Berlin, trotz allem, was es ihnen gab, als fürchterliche Beengung des Lebens, als offenbare Unkultur. Was als architektonische Schönheit galt, kam ihnen arm und zwangvoll vor, was an Kunst da war, hatte etwas mühsam Eingefangenes. Sie bedauerten die Menschen, die ihr Leben in der Großstadt zubringen mußten und ihre Ansprüche danach zumaßen, die Kinder, die nie ans volle Licht kamen, die Herzen, die nie einen Sommer erlebten.

Sie tasteten an die Welträtsel.