Das Feuer hinter dem Berge: Roman

Part 3

Chapter 33,628 wordsPublic domain

Ludwig brachte Christiane zur Bahn. Es war der Berliner Frühzug, der von Alexandrowo kommt, russischen Staub an den Rädern trägt und voll unruhigen Slawentums steckt. Juden, Polen, Russen, fast alles Geschäftsleute. Dazwischen ein paar Uniformen, Offiziere aus den großen östlichen Garnisonen, und einige Agrarier. Da und dort eine versprengte Familie mit Kindern, hilflos und stumpf in ein neues Leben hineinfahrend.

Das Abteil, in das Christiane stieg, war wie alle anderen schon sehr gefüllt. Ludwig stand draußen. Sie konnten sich ansehen. Dann und wann rannte jemand dazwischen, der verschmutzte Schaffner, ein Kellner, der Zeitungsmensch, Reisende, die noch aufgeregt nach leeren Abteilen spähten. Dann schauten sie sich wieder an.

Immer unruhiger wurden die Menschen, immer schneller liefen sie. Vom Anfang des Zuges her kam ein sonderbares Geräusch immer näher. Schlag auf Schlag. Immer näher. Jetzt kam der Schaffner heran. Schlag auf Schlag.

Nun wurde ihre Türe gefaßt.

An dem Mann vorbei streckten sich ihre Hände einander entgegen. Fest preßten sie sich, eisenfest. Stark sah Auge in Auge, alles bekennend, rückhaltslos.

Der Schaffner war weitergegangen. Jetzt kam der Ruf, der Pfiff.

Ludwig faßte die Tür und drückte sie mit leiser Hand zu.

Dann verschwand der Bahnhof.

Christiane sah in die weiten Felder hinaus, in die ungeheure gelbe Ebene, und ein wildes Verlangen faßte sie: hierbleiben, an seiner Seite um dieses fremde Land, diese riesigen Weiten ringen, kämpfen; kämpfen -- mit ihm! Sie hätte jeden Zoll des rasend wegfliegenden Bodens festhalten mögen -- diesen fremden, starken, feindlichen, geliebten Boden!

Bleiben, bleiben wollte sie! Über diese Ebene mit ihm sausen, Pferd an Pferd, an diesen roten Abenden bei ihm sitzen, bleiben, bleiben wollte sie -- -- --!

Dann sank sie zusammen. Über ihr im Netz zitterte ihr Lehrerinnenkoffer. Dicht an sie heran drängte sich kleinbürgerliches, verschwitztes Volk -- ach, zu dem gehörte sie ja! Vorbei der Junkertraum, fort die schmalen Zügel, die sie in der Faust gehalten hatte, fort das urheimlich traute Beisammensein!

Gelbe Felder, grüne Felder. Dann und wann eine kleine Station. Dann wieder die unendliche Weite, die der Zug noch immer nicht durchmessen hatte und die doch schon eine andere war. Weite an Weite, immer verschwindend und sich von neuem aufschließend, Land an Land, Osten, noch immer Osten.

Die Frauen im Abteil hatten es sich bequem gemacht. Die junge Polin in der Ecke hatte den Hut abgenommen, den Kragen geöffnet und nestelte eben am Korsett. Die verängstigte Mutter mit den vier kleinen schwarzen Russen holte Kissen und Decken aus dem Netz und breitete sie über die Polster. Die Kinder kauerten, schliefen, tranken Milch, rannten, trieben es wie zu Hause. Eine furchtbare Luft war in dem engen Raum.

Christiane bog sich vor: daß sie es nur nicht vergaß -- jetzt mußte sie umsteigen. Ludwig hatte es ihr auf der Fahrt zum Bahnhof auseinandergesetzt; die Verbindung war nicht gut. Sie fuhr nach Dresden.

Ein Ruck, ein sirrendes Verschwirren der Luft -- Christiane stieg aus, und wie Fächeln streifte sie der reine Felderatem. Sie kam in einen anderen Zug, und nun war es allmählich nicht mehr Osten. Sie fuhren durch einen Zipfel märkischen Landes mit kleinen Fabrikstädten, kamen durchs Wendische und dann nach Dobrilugk. Wieder mußte sie umsteigen, und der neue Zug verschwand mit schnurrenden Rädern in der Ferne. Christiane aber fuhr in einem anderen, in dem es nur noch die deutsche Sprache und ein begrenztes Provinzlertum gab, nach Dresden hinein.

Sie war ruhiger geworden. Wie ein dumpfer Schleier lag es über ihr. Der Osten verwischte sich, wurde zum Märchen, zu einem fremden Lied. Ihre Existenz wurde ihr haarscharf deutlich.

Christiane mußte sich nun so bald als möglich eine neue Stelle suchen. Da ihre Papiere von der Schweizer Pension her mit einer mißbilligenden Note behaftet waren, würde es nicht ganz leicht sein.

Sie fuhr nach dem Lehrerinnenheim, einem alten Bau in enger Stadtgasse. Erst wurde sie vom Portier, dann von der Oberin gemustert. Sie stand vor ihr und sah dabei traumhaft fern eine weiße Landstraße und darüber hin zwei sausende Pferde, hörte etwas von großer Überfüllung und wurde dann in ein winziges Erdgeschoßzimmerchen geführt, es war billig, wie alles dort. Aber wenigstens war sie allein darin. Ein hartes, uraltes Bett, ein Liegestuhl, ein kleiner Tisch, ein Schrank. An der Wand die Hausordnung. Es roch nach Fremde.

Dann ertönte eine Glocke. Sie fing unten im Erdgeschoß zu leben an und stieg gleichsam die Treppen empor, jeden Winkel mit Klingen ausfüllend. Auf einmal war nichts mehr als Glockenläuten im ganzen Haus, Türengehen und Schreiten. Christiane ging nach oben. Auf den Gängen waren Türen und an jeder ein Name. Hinter jeder wohnte der zitternde Rest eines Lebens. Manchmal stach ein besonders schön gestickter Klingelzug hervor oder ein zärtlich bemaltes Täschchen für die Besuchstafel.

Da waren die emeritierten Lehrerinnen. Etwas Eiliges war an ihnen, eine große Spannung beherrschte sie. Flure und Treppen waren jetzt voll gebeugter Frauen. Es gab gute Gesichter darunter, liebe Frauengesichter, die fein zu Großmüttern gepaßt hätten, und scharfe, spitze, denen man ein glückloses Altjungferntum ansah, gleichgültige Gesichter, die man schon tausendmal gesehen hatte, und einige voll Rasse und geprägtem Adelszug.

Der leise Strom glitt an Christiane vorbei wie das Leben selber. Nicht das Leben, das im Tragischen oder Lichten vollkommen ausgleicht und Farbe auf Farbe gewissenhaft setzt wie ein guter, braver Maler, sondern wie der große Künstler, der im Überreichtum seines Schaffens seine Werke nicht alle beenden kann, der oft nur Fragmente schafft, Proben, Übergänge und dabei allerlei wegwirft, das eines Besseren wert gewesen wäre.

Sie waren alle den Bächlein gleich, die durch das Land rinnen, still, schmal, da einen grünen Streif finden, dort eine Weile unter hängenden Blüten treiben, aber spurlos im Größeren aufgehen ohne ein Mühlrad gejagt oder ein Schifflein getragen zu haben.

Mit Spannung schauten sie auf ihren Platz und grüßten einander, die Köpfe mit den schwarzen Spitzenhäubchen höflich neigend und nach der Oberin schauend, vor der die Suppenschüssel stand. Die eine oder die andere hatte aus Gesundheitsrücksichten ein Gläschen Wein neben ihrem Gedeck, ein Tellerchen war daraufgelegt, damit der Duft nicht verflog.

Erst sprach die Oberin das Gebet, dann gingen die Teller ringsum, die Köpfe neigten sich darüber, das Essen begann, nur da und dort von mildem Gespräch unterbrochen.

Christiane horchte und verstand nicht viel. Da war eine von einer früheren, längst verheirateten Schülerin besucht worden, dort hatte eine einen Brief bekommen, dort huschte auch wohl ein kleiner Streit mit geduckten Flügeln.

An Christianens Tisch ging es lebhafter zu. Sie saß auf der Jugendseite, unter den Lehrerinnen, die sich gleich ihr nur vorübergehend im Heim aufhielten, meist Ferienvolk. Viele Sprachen wirbelten über den Tisch. Die Ungarin schwatzte von der Operette, die beiden Norwegerinnen redeten vom grünen Gewölbe, die Engländerin fragte ihre Nachbarin mit zähen Blicken nach allen Sehenswürdigkeiten aus. Eintrittskarten gingen von Hand zu Hand, Pläne wurden gemacht, da hatte eine einen Kniff heraus, wie eine Sache billiger zu bekommen war, und rief's triumphierend über den Tisch. Eine unendliche Vergnügungsgier beherrschte die meisten. Das ganze Jahr hatten sie für ihre Ferien gespart!

Christiane bemerkte dann noch andere darunter, die stiller waren und mehr vor sich hinguckten, das waren solche, die keine Stelle hatten. Schöne, stolze, frische Gesichter darunter, noch mit allen Jugendillusionen, mit romantischen Erwartungen und heißer Fernsehnsucht, mürbe, schwache, ausgemergelte Erscheinungen und solche mit großer Vortrefflichkeit im ganzen Wesen, glattgescheitelten Haaren und dem Klemmer -- die richtigen Lehrerinnen.

Christiane machte sich mit keiner bekannt.

Nach Tisch ging sie durch die Stadt. Die Straßen glühten, und doch waren sie nicht schläfrig; man sah viel Fremde. Christiane entdeckte manches Schöne, manche Rasseerscheinung, aber auch viel Talmi, viel lächerliches Provinzlertum in Warenhäusern aufgeputzt, und die braven Dresdner selber, diesen Typen nicht ungleich. Sie sah die Talmikultur in den Läden und an den Bauten und begriff nicht, wie man die schöne Linie so mißhandeln, zerbrechen, vergewaltigen konnte. Wieder schweiften ihre Gedanken nach dem Osten zurück: dort war noch ein Boden, auf dem zu schaffen war, eine königliche Fläche, die tragen und leuchten konnte.

Sie kam an die Elbufer. Die fernen Hügel schwammen in blauem Duft. Der Strom strich sommerlich schwach, die Wagen und Bahnen polterten über die weißen Brücken.

Christiane stieg in einen Dampfer und fuhr nach Pillnitz.

Das Boot war voll. Auch hier Fremde, einige rassig, elegant, voll hochmütig überlegener Kultur, still sich zurückhaltend, daneben die Familienrudel mit den unruhigen Kindern. Da und dort ein Künstlerkopf, ein Künstlerschauen, aber überragend die Masse, der ewig plappernde Durchschnitt. Der Dampfer fuhr unter den weißen Brücken mit den gelben und roten Bahnen hindurch, und nun sah man die Villenvororte, die weißen Häuschen an den Bergen, die Schlösser der großen Herren und der Künstler, die Protzenbauten der Reichgewordenen und die Massenrestaurants. An den Badeanstalten flatterten die Wimpel.

Hügel um Hügel glitt vorbei. Der Strom bekam ein wenig Weite und Einsamkeit. Dann leuchtete das grüne Dach des Schlosses zu Pillnitz. Christiane ging an ihm vorüber durch den Park in den Wald. Der Weg wurde einsam. Sie ging lange, bis sie an eine Mühle kam, die jetzt Wirtschaft war. Dort rastete sie. Es war still, ganz still.

Als sie wieder aus dem Walde an den Strom kam, sah sie, daß der Himmel sich umzogen hatte. Von den fernen Bergzügen merkte man nichts mehr, ein grauer Dunst kroch bergauf. Auf dem Dampfer sammelten sich schon die Leute. Das Wasser war grau.

Im Abenddämmer tauchte die Silhouette Dresdens wieder auf. In dem Fenster einer Kunsthandlung in der Prager Straße gewahrte Christiane plötzlich die ›eiserne Wehr‹ von Angelo Jank. Sie starrte das Bild an. Dann ging sie in den Laden und kaufte es.

So kam sie wieder in ihr Heim, wo sie es zusammengerollt in ihren Koffer legte. Draußen dröhnte schon wieder die Glocke, wieder zogen sie draußen nach dem Eßsaal. Der Abendtisch war leerer, nur die Alten und die Stellesuchenden waren da, die Ausflüglerinnen fehlten.

Christiane ging nachher wieder in ihr Zimmer. Sie holte die ›eiserne Wehr‹ aus dem Koffer und besah das dunkle Bild von neuem. Draußen trommelte der Regen, die schmale Gasse war überspült. Tapp, tapp, tapp -- die Leute rannten. Es wurde finster. Das Bild verschwamm, das Zimmer verschwamm.

Der Abend allein -- -- dachte Christiane.

Sie warf sich plötzlich auf ihr Bett nieder und schluchzte.

Nach einer Weile wurde sie ruhiger und hob den Kopf.

Sie war wohl nicht die einzige hier im Hause, die so weinte.

* * * * *

Nach ein paar Tagen hatte sie eine Stelle bei einem Forstmeister dahinten in Sachsen. Christiane war es lieber, in die Familie zu kommen, statt in eine Pension, und sie erhoffte bei diesen Leuten etwas Kultur und auch ein wenig Leben für sich allein.

So fuhr sie nach Silberfähre.

Der Tag war verregnet. Das Bergland senkte sich nach Westen zu in so eigentümlicher Weise, daß es ihr vorkam, als ob der schwarze Zug mit seiner Menschenladung waghalsig am Rande der Erde dahinführe. Dünner und feiner wurde der Regen, noch ein Wirbel, ein flatterndes Ausfliegen der Tropfen, dann sank der Schleier, und darüber zog ein roter Himmel glühend auf, nahe, ganz nahe, nur eine lose, blaue Wolkenwand schwamm von unten herauf schwer vor ihm, wie die dampfende Sehnsucht der Menschen.

Neben Christiane schob sich eine Hand vor: »Entschuldigen Sie, das Fenster zittert echal so -- darf ich mal --«

Und die Scheibe wurde gerückt.

»So,« klang die Stimme weiter, »fahren Sie auch bis Chemnitz?«

»Ich fahre noch weiter.«

»I gor, i gor -- --«

-- -- Das Feuer stand noch drüben. Wie hundert goldene Fackeln lohte es vor dem armen Land. Wie ein rosenrotes sicheres Geheimnis stand es am anderen Ufer, von den dunklen bebenden Wünschen der Menschen zitternd umdünstet. Wie ein offenes Tor stand es da und hundert und hundert Schritte waren nur noch bis zu ihm.

Der Zug aber sprang jetzt wie ein Tier, das die Peitsche fühlt. Ein Klirren ging durch ihn, ein Ruck traf Rad um Rad -- und Rad um Rad wandte sich gehorsam.

-- -- Das Feuer war nicht mehr da.

Nur ein schmaler verblichener Schein stand fern, wie von einer Tür, die zugeschlagen wird.

Berg um Berg war da, blau umhüllt, von Nebeln umgangen, die sich ihre Nachtplätze suchten, Tal um Tal war da, von Schatten gefüllt, von Häusern, aus denen die Wünsche wie Rauch aufstiegen, Wünsche, die keinen Weg mehr hatten.

Das Feuer war nicht mehr da. -- --

Der Hauch des fremden Gebirges umfing Christiane beim Aussteigen. Ein Wasser rauschte. Die Gassen liefen bald rechts, bald links, immer wieder vom Berg abgefangen. Gradeaus aber erhob sich auf einem Kegel die alte böhmische Burg Silberfähre. Mitleidslos hoch stieg der Weg zu ihr hinan, die kleinen Häuser verschwanden, das Wasser entlief weit unten, die Weite war nahe, der Himmel bog sich heran.

Nun war Christiane in einem Schloß.

Die Frau Forstmeister aber trug eine Küchenschürze, und drinnen über dem Feuer schmorten die Quarkkeilchen. Die Tochter kam aus dem Garten, ein schlacksiges, dreizehnjähriges Ding, von dem man noch nicht wußte, ob es hübsch oder häßlich werden würde. Es waren noch zwei ältere Töchter da, die sich nach der einen und der anderen Richtung längst entschieden hatten. Anna war schön, mit fuchsigem Haar und dem lebendigen, dunkel spiegelnden Blick des Waldtieres, Hella ein Kind des Schattens, klein, mit einem Zwergengesicht und einer Wichtelstimme. Anna war verlobt, Hella war schon über dreißig Jahre.

Die Lehrerin wurde nicht sehr angestrengt. Viele Vorgängerinnen hatten in Nora ein so queres und sonderbares Wissen angehäuft, daß es Jahre und Jahre gebraucht hätte, um es zu entwirren. Nora sollte aber in ein oder zwei Jahren schon in eine Pension.

Christiane wanderte viel in den einsamen Wäldern des Erzgebirges. Manchmal traf sie unterwegs den Forstmeister, einen kleinen, blonden, stumpfnäsigen Herrn, der sich noch immer darüber wunderte, daß man ihn im Münchner Hofbräuhause, ohne daß er noch ein Wort gesprochen, als Sachsen erkannt hatte! Manchmal mußte sie auch der Frau Forstmeister bei den Quarkkeilchen oder den grünen Klößen helfen und hatte dabei Gelegenheit, über nord- und mitteldeutsche Lebensführung Beobachtungen anzustellen.

Fremde Menschen sah sie fast gar nicht. Einmal tauchte Annas Verlobter, ein Gerichtsassessor aus Bautzen, auf. Ein jähes Feuer schoß aus seinen Augen zu Christiane hin, sie spürte seine heimliche Jagdlust und wich ihm aus. Bald danach hatte das Paar Hochzeit und verschwand vom Schauplatz.

Der ältesten Tochter kam Christiane nicht nahe. Die Zwergin saß bei gutem Wetter im Schloßgarten und bei schlechtem im Zimmer und klöppelte. Manchmal besuchte sie die armen Spitzenklöpplerinnen im Dorf. Sonst sprach sie fast gar nicht.

Die Frau Forstmeister empfing jeden vierten Mittwoch ein Kaffeekränzchen auf dem Schlosse. Dann mußte Christiane den dicken Fabrikantenfrauen die Mantillen abnehmen und ihnen den Kuchen präsentieren. Sie musterten die Erzieherin voll Neugier und Herablassung und hatten keine Ahnung, wie stark sie beobachtet wurden.

Bei solchen Gelegenheiten schossen Christianens Gedanken immer nach Posen hin, obwohl sie viel ruhiger geworden war.

Sie konnte wieder objektiver an Hardi denken. In ihrem Herzen war eine Spur Mitleid mit der blutjungen Frau, die kinderzart und ahnungslos, von einer heißen Hand in die allertiefsten Geheimnisse verstrickt worden war. Immer wieder sah sie das junge Gesicht mit dem eigentümlich pikant sentimentalen, hilflosen Ausdruck.

Jetzt mußte Hardi reifer geworden sein und das tiefe Glück ihres Lebens erkannt haben.

Sie schrieb Christiane nicht. Ludwig sandte manchmal ein paar knappe Zeilen, die sie unterzeichnete.

Christiane brauchte nichts von ihm zu wissen -- sie las von ihm. Seine Name tauchte immer öfter in den Zeitungsspalten auf, er hatte ein Buch über die Ostmark geschrieben, das sowohl von der einen, wie von der anderen Seite Angriffe erfuhr, obwohl von keinem übersehen wurde, daß da ein kommender Mann sprach. Der Nationalitätenkampf war längst aufgebraust, die Deutschen erwacht. Jetzt tafelte kein hoher Regierungsbeamter mehr mit den Polen.

Christiane lebte in diesem Kampf: sie verlor nicht einen Moment davon. Mitten in den sächsischen Wäldern und Bergschluchten, wo die Forellenwasser rauschten, dachte sie an die Völkertragödie des Ostens und an Ludwig von Cöldt.

Es ist schön, wenn der Liebste ein großes Werk hat, schön, wenn man seinen Namen in den Blättern lesen kann. Man weiß immer von ihm. Er ist immer nahe. Er lebt.

An einem glühenden Herbstnachmittag des zweiten Jahres fuhr Christiane nach Johann-Georgenstadt an die böhmische Grenze, hörte wieder scharfe, fremde Laute statt des braven Sächsisch und warf einen Blick in eine Welt, die eine Spur Ähnlichkeit mit der besaß, die sie im Osten verlassen hatte.

An den abendblauen Bergen, den glühenden Vogelbeerstraßen und den klirrenden Emaillierwerken vorbei fuhr sie zurück und fand zu Hause einen Brief der Mutter, in dem gesagt war, daß Christiane Tante geworden sei. Hardi hatte ein Kind.

* * * * *

Zu Ostern zog die Forstmeisterstochter in eine Pension -- Christiane hatte wenigstens erreicht, daß es kein ›Erziehungskasten‹ war -- und sie selbst ging als Lehrerin in eine Privattöchterschule von Fräulein Gusti Schellenbaum zu Crivenwalde in Mecklenburg. Fräulein Gusti war bucklig. Sie hakte Christiane schon am Bahnhof ein und erklärte, daß sie vom Rhein stammte, nicht etwa von hier aus dem steifen Norden. Übrigens sagte sie ›s--teif‹ und teilte der Lehrerin mit, daß sie auch so s--prechen müßte, sonst hätten die Kinder keinen Res--pekt vor ihr. Man müßte das lernen.

Sie kamen an der Schule vorbei, die den unteren Teil eines hübschen Hauses einnahm. Oben wohnte Professor Thiele, das erfuhr Christiane auch. Das Fräulein nickte zu ihm empor. Sie gingen über den Spielhof, der von großen Linden umstanden war und ein paar dürftige Recks und Stangen und eine vergessene Puppe zeigte, und dann durch eine Hintertür ins Haus. Alle mußten durch die Hintertür, das Portal vorn war verschlossen. Warum wußte Fräulein Gusti auch nicht. Sie hatte es so von ihrer Vorgängerin übernommen. Die lebte noch am Orte und zwar als die Gemahlin des Tierarztes. Mit fünfundvierzig Jahren hatte sie sich den Tierarzt gekapert -- zufällig, weil ihr Kanarienvogel krank geworden war -- und zusammen waren sie über hundert Jahre alt. Es war eine junge Ehe.

In Crivenwalde sah man dem Paar nach, wenn es auf der Straße erschien. Man sah überhaupt den Leuten nach.

Fräulein Guste s--prach eine Weile darüber, dann brachte sie ihrer neuen Lehrerin Kaffee. Sie hatte übrigens keinen Kanarienvogel, sondern nur Lachtauben. Und die waren gesund. Und wenn sie etwa krank würden, so würde sie doch keinen Tierarzt in Anspruch nehmen. Fräulein Gusti zog die Nase kraus. Sie schien an dem krankgewordenen Kanarienvogel ihrer Vorgängerin etwas zu finden.

Nun kam sie auf den Professor Thiele zu sprechen. Das Haus gehörte ihm, und er hatte es der Schule gestiftet. Sonst müßten sie noch in der kleinen Bude drinnen am Neumarkt hausen. Schrecklich soll es dort gewesen sein! Ja, also der Professor hatte sein Testament zugunsten der Schule gemacht, und die genoß schon bei seinen Lebzeiten davon. Er hatte sich ausbedungen, daß er in dem Hause wohnen bleiben und manchmal mit den Kindern sprechen durfte. In der Pause kam er immer herunter und verteilte Äpfel oder Bananen oder Schokolade. Die ganz kleinen Mädchen hielten ihn für den lieben Gott. Er war neunzig Jahre.

An der Schule waren noch zwei Lehrerinnen tätig, die Schwestern Dittmer. Nachher wollten sie die neue Kollegin begrüßen. Fräulein Dorreyter solle bei ihrem Anblick nicht erschrecken -- sie seien ein bißchen lang. Die Kinder nannten sie die ›Erzengel‹.

Übrigens herrschte ein recht gemütliches Leben an der Schule.

Ob Fräulein Dorreyter -- Frauenrechtlerin sei?

Christiane sah kritisch auf die Bücher und Broschüren, die das Fräulein sofort heranschleppte. Sie mußte sie mitnehmen. Die Vorsteherin tat es nicht anders. Und morgen fing die Schule an.

Christiane ging ins Hotel ›Friedrich Franz‹, dort wußte man schon von ihrem Eintreffen. Der Geschäftsführer hatte ihr bereits ein recht freundliches ruhiges Zimmer reserviert -- die Damen von der Schule wären ja immer recht nervös. Er stellte sich als Berliner vor. Vorn nach der Straße wohnten die Reisenden. Crivenwalde betrieb einen Handel mit Bratheringen und Sprotten. Sie merkte es bald, denn die Stube war gleich voll von dem Duft einer nahen Räucherei.

Christiane spähte über einen Garten mit Tischen und Stühlen hinweg und sah hinter allerhand Bürgerhäusern, Schuppen und Speichern einen schmalen, grauen Streifen.

Sie erschrak etwas.

Die See.

Bald nachher kamen die Schwestern Dittmer. Sie traten unter die Tür wie Grenadiere des alten Fritz. Übrigens waren sie keine Mecklenburgerinnen, wie sie gleich erzählten, sondern stammten aus Osnabrück. Es schien das Eigentümlichste der Crivenwalder zu sein, daß sich keiner als Eingeborener bekennen wollte.

Die Fräulein wiederholten in Geschwindigkeit die Verhältnisse der Schule nicht anders, als die Leiterin sie schon geschildert hatte, und glitten dann auf die Stadt Crivenwalde über, die sie mit allen ihren Bewohnern genau zu kennen schienen, denn sie waren schon über fünfzehn Jahre am Orte. Übrigens s--prachen sie auch. Sie waren zusammen hergekommen und waren Zwillingsschwestern; man konnte sie kaum von einander unterscheiden. Allerdings hatte die eine eine etwas schiefe Backe.

Am nächsten Tage wurde Christiane im Beisein der beiden Erzengel, des alten Professors, den die Kleinen für den lieben Gott hielten, und eines dicken Lehrers vom Gymnasium, der auch Stunden an der Töchterschule gab, von Fräulein Gusti in ihr Amt eingeführt. Der dicke Lehrer stellte sich hernach als Hannoveraner vor.

Nachmittags ging sie dann auf die Wohnungssuche und fand ein kleines Zimmer bei einer Apothekersfrau, die zwei Kinder hatte, von denen das eine in Fräulein Gustis Schule ging und vom Herrn Professor immer die allergrößten Bananen bekam. Das liebliche, stille Kind nahm Christiane für die Wohnung ein.

Sie bezog das Zimmer. Übrigens war die Frau Apotheker eine Husumerin, und ihr Mann hatte gar keine Apotheke, sondern eine Drogenhandlung, und mit der war er grade im Bankerott. Es herrschte ein sonderbar verwirrtes Wesen im Hause, das einesteils von dem gescheiterten Mann, andererseits aber von der Frau auszugehen schien, die allen Dingen hilflos gegenüber stand, wie vom Himmel gefallen.

Als Christiane am ersten Morgen in die Schule gehen wollte, stürzte ihr Frau Thomsen mit verstörter Miene nach: »Ach, verzeihen Sie, Fräulein -- in der Eile hab ich ganz und gar auf den Kaffee vergessen ...«

»Kaffee haben Sie mir gebracht --« sagte Christiane, auf die Tasse deutend, die noch ziemlich gefüllt auf dem Tische stand.

»Ja, ja. Ich hab ihn ja gekocht, aber dabei ... den Kaffee hineinzutun vergessen ... Sehen Sie ... hier ...« Sie deutete dabei auf ein braunes Pulver in einer Untertasse.

»Jetzt trinken Sie ihn nur, Frau Thomsen,« sagte Christiane und ging.