Das Feuer hinter dem Berge: Roman

Part 2

Chapter 23,695 wordsPublic domain

Christiane las immer in einer gewissen Distanz, mit scharfem, jungem Denken und mit dem überlegenen Gefühl ihres reinen Germanentums, das dem slawischen Bruder das Leben und die Kultur im Herzensgrunde absprach.

Hardi beteiligte sich an diesen Erörterungen immer nur zeitweilig. Wenn sie wieder an ihren Zustand dachte, sanken ihr die Flügel, und sie saß wie eine Verurteilte.

Ludwig erzählte auf einem der Ritte von seinem Vorfahren, der mit Heinrich von Plauen gezogen war. Darauf begann Christiane von der Frau von Rhane zu sprechen, und er wurde aufmerksam und bat um die Blätter. Hardi hatte nichts davon erzählt.

Christiane wußte: sie war äußerlich keine Rhane, ihr fehlte die blonde, reinblütige Schönheit, wie sie im Grunde auch Hardi fehlte. Nur ihre Hände waren rhanisch. Ihre Hände waren die der Frau von Rhane.

Traumhaft ritt sie durch die maiheißen Straßen, die Mühlen gingen. Ihr Körper bog sich nach dem Rhythmus des Tieres, die Rhaneschen Hände regierten es.

Ihr Blut war das der Frau von Rhane.

Traumhaft sah sie in die maiblaue Ferne. Glühend, wie ein fallender Stern schoß es ihr durch die Seele. Wohin? Wohin? Zu wem?

»Ein Schicksal,« sprach Ludwig neben ihr.

Sie fuhr herum und sah ihn an.

»Unsere Mutter sagt: ›Schmutz‹.«

Er verzog den Mund und sagte: »Wir wollen zu den Mühlen.«

Sie trabten schneller, der Staub war wie lange Fahnen hinter ihnen. Mitten im Geklapper hörten sie Lerchenlaut. Sie trabten. In Christiane war der Rhythmus der Leonorenballade, ihr Blut sauste. Sie sah nichts mehr. Sie jagten.

Am Abend war ein Gast da.

Cöldts lebten sehr zurückgezogen, da Hardi sich gegen jeden Verkehr gesträubt und die gutmütig und neugierig teilnahmsvollen Kollegenfrauen beinahe brüskiert hatte. Sie hatte die Bilder ihrer Heimat um sich und unterhielt sich mit ihnen und schrieb heimwehkranke Briefe an die Mutter.

»Kraneis ist ein guter Kenner der slawischen Literatur,« sagte Ludwig.

Der Doktor war sein Studienfreund und als Assistent an der damals noch herzlich unfertigen Bibliothek tätig. Seine Stellung war auch unfertig. Er erwog immer die Aussichten, die sich ihm in dem sich nun langsam kultivierenden Posen eröffnen konnten, und schrieb zwischendurch Bewerbungsschreiben an alle Orte, in denen man einen Bibliotheksleiter suchte. So war sein Sinn auf jeden Fall zerspalten, und wenn er einmal fanatisch begeistert über die Kultivierung des Ostlandes sprach und nicht genug Opfer an deutschem Blut und deutscher Kraft erwarten konnte, wenn er sich in slawische Verhältnisse nachfühlend hineingrub, die östliche Seele ergründete, Polnisch lernte und Mikiewicz zitierte, so war er ein paar Tage später ganz und gar westlich gesinnt und redete mit Ausdauer und einem wahrhaft deutsch biederen Beamtentum von Elberfeld oder Mainz.

Christiane begann dieser Mensch zu interessieren und zu amüsieren. Sie getraute sich aber Ludwig gegenüber nicht viel darüber zu sagen, weil sie nicht wußte, wie weit dieses Freundschaftsverhältnis in die Tiefe ging.

Eines Tages suchte sie Bücher aus Ludwigs Bibliothek zusammen, weil Kraneis kommen sollte, und brachte neben Mereschkowski einen -- Reiseführer durch Mainz, der ihr zufällig in die Hand geraten war. Ludwig sah ihn betroffen an -- dann begriff er. Sie leise anblickend, sagte er mit einem feinen Lächeln:

»Weißt du auch, Christiane, warum dieser Kraneis jetzt so unheimlich westdeutsch wird? An Mainz knüpfen sich jetzt seine größten Hoffnungen.«

Sie schaute ihn an. »Er will sich dort eine feste Zukunft gründen, denke ich.«

»Und zwar recht fest. Bürgerlich fest. Haus und Herd.«

Jetzt stutzte sie. Dann hatte auch sie begriffen.

Als Kraneis dann erschien, bekam er den Führer durch Mainz nicht zu sehen.

Er sprach aber nur von dieser Stadt. Ein dortiger Freund hatte ihm unter der Hand Nachricht gegeben, daß seine Sache sehr günstig stünde.

Christiane fragte nach diesem Freunde, und seine Miene wurde etwas verlegen.

»Er ist in der Stadtverwaltung. Freilich nichts Besonderes. Hat sich so durchdrücken müssen.« Er zögerte eine Sekunde. »Wir waren Nachbarskinder in Neustadt.«

Christiane sah den jungen Mann an. Handwerkerssohn, dachte sie. Nicht, daß sie ihn deshalb verachtet hätte, aber irgend etwas an ihm störte sie. Vielleicht die Hände, die Bewegungen überhaupt. Oder die Sprache. Wahrscheinlich die Sprache.

In Mainz hatte auch die Frau von Rhane einige Zeit gelebt, nach ihrem Glanz als Witwe. Ihr Mann war bei einem Schlaganfall vom Pferd gestürzt und gestorben. Die Witwe hatte Bittbrief auf Bittbrief um eine Gnadenpension geschrieben. Dann war sie gestorben. Ohne Gnadenpension.

Irgend ein Gedanke zog in Christiane empor und hatte Farbe und Macht aus der kurz verstrichenen Vergangenheit. Sie sah auf einmal wieder das stickige Lehrerinnenzimmer in der Pension, hörte das Herantraben der Beierlein und das nächtliche Schluchzen der Holsteinerin.

Warum nicht in Mainz leben, als Frau Stadtbibliothekar? Reiten kann man doch nicht immer.

Sie war an dem Abend zerstreut. Hardi war ausnahmsweise dabei und wollte, von diesen Dingen gänzlich unberührt, etwas über Mereschkowski wissen. Die Übersetzung der Verse war von einem Kollegen Kraneis', einem Balten besorgt worden.

Kraneis schien auch nicht bei der Sache. Was ging ihn dieser hoffnungslose Russe an, was die fremde Flut, die mit dumpfem Brausen draußen dicht vor den Toren stand und weithin über Steppen und Steppen reichte? Er war weit weg, im goldenen Mainz.

Hardi zitterte. Das Fleckchen, auf dem ihr bißchen Leben verstört hockte, erbebte. Sie begann plötzlich laut zu schluchzen. Kraneis hielt erschrocken inne. Ludwig eilte zu ihr hin. Sie stieß ihn zurück. Aufweinend lief sie aus dem Zimmer.

Christiane ging ihr nach. Hardi wollte ihr Morphium haben. Die Schwester griff schon danach, aber auf einmal sank ihre Hand nieder, wie gedrückt. Wie sollte das werden? Was für Kraft bekam Ludwigs Kind? Was für Willen, was für Blut? Mit Giften wurde sein Organismus getränkt, noch ehe er ganz entwickelt war.

»Du sollst nicht,« sagte sie mit eiserner Energie. »Du darfst nicht. Ich gebe dir's nicht. Ich gebe dir's nicht.«

Sie setzte sich zu Hardi aufs Bett und hielt den Arm unter ihren Kopf, leise redete sie ihr zu. Die junge Frau weinte.

»Ich gebe dir's nicht.«

Hardi schrie, sie bettelte.

»Nein, nein,« sagte Christiane. Sie machte sich frei. »Du sollst Kraft haben! Du mußt!«

Scharf sah sie auf die Schwester hernieder. Hätte sie ihr nur von ihrem Willen abgeben können, von ihrem starken, entschlossenen Blut!

»Du mußt Kraft haben aus dir allein. Du darfst dich nicht einlullen. Durchhalten sollst du.«

Hardi wimmerte.

»Gib. Gib.«

Sie schluchzte.

Da kam Ludwig.

Christiane sagte ihm kurz Bescheid.

Er sah zu seiner Frau hin. Ohne Christiane anzublicken gab er ihr das Morphium. Dann ging er zur Tür hinaus.

* * * * *

Am nächsten Tage sprach Christiane mit dem Arzt.

Der sah sie ernst an.

»Die gnädige Frau ist sehr krank.«

»Krank --«

»Sehr krank,« sagte er mit dem scharfen ›R‹ der altansässigen Deutschen. »Sie fühlt vollkommen das Richtige. Ihr Organismus ist für die Ehe nicht geschaffen, wenigstens war sie viel zu jung. Es wird einen bösen Kampf geben.«

»Weiß mein Schwager -- --«

Der Arzt zuckte die Achseln.

Wie geschlagen blieb Christiane zurück. Die ganze schöne Einrichtung der Wohnung, die Ludwig bezahlt hatte, schien ihr wie die Dekoration eines Totenhauses. Die kleine Hardi hatte ihre Examenscheu und das bißchen Frauenglanz mit dem Schwersten zu bezahlen. Ihr inneres und äußeres Wehren war der wahrhaftige und unbewußte Ausdruck der ahnenden Kreatur.

Sie ging zur Schwester und begriff nicht. Alles in ihr lehnte sich dagegen auf, in einem bißchen Wärme so dahinzuschwinden. Sie dachte wiederum an die Frau von Rhane.

Es blieb ihr wohl übrig, Ludwig vorzubereiten. An dem Tage hatte sie grade versprochen, ihn vom Amt abzuholen.

Das Regierungsgebäude lag mitten in der Altstadt an einem schmutzigen Markt und dicht bei einer riesigen dunklen Kirche. Weiber mit groben Tüchern um den Kopf kamen langsam und geduckt daher, Glocken läuteten. Sie sah durch ein Portal in das flimmernde Dunkel hinein: dort hinten war der Stern, an den sich das dumpf elende Volk hier hielt. Sie sann: konnte das auch über einen kommen? Kam nach aller Jugend oder -- mitten in der Jugend -- eine Stunde, in der man Hilfe brauchte -- solche Hilfe?

Da fiel ihr Hardi ein. Die hatte -- Morphium.

»Wollen wir noch tiefer in die Polackei?« fragte Ludwig, der ihr eben durch die enge Gasse entgegenkam, »oder ins -- Freie?«

»Lieber ins Freie,« sprach sie hastig.

Sie waren auch dort in der Polackei. Rings um die Stadt zogen sich, dicht an die Wälle gedrückt, zahllose polnische Kirchhöfe. Wild war das Gesträuch drinnen gewachsen, wild lagen die Gräber, von den Leichensteinen sahen fremde Worte und Zeichen. Alte Weiblein zogen herum und schienen den Tod zu suchen, Kinder schlichen diebisch um die Blumen, da und dort kam eine ganze Familie an, um ein Grab zu begießen. Der Faulbaum duftete über den Zaun.

Es war keine Gegend, um von dem zu reden, was Christiane zu sagen hatte. Aber -- wo war eine andere? Ihr kam es plötzlich vor, als müsse ganz Posen Ludwig wie ein Grab erscheinen, in dem alles Seine versunken war. Dabei fiel ihr auf, daß er selten mehr eine direkte Frage nach Hardi tat. Man merkte ihm kaum mehr die Besorgnis des Ehemanns an, der seine Frau in solcher Lage weiß. Kaum, daß er auf eine Erkundigung einging. War er schon -- fertig? Was war alles vorgegangen?

Herrgott, dachte Christiane, wie gut könnte das sein. Warum muß gerade hier die Tragödie beginnen?

Er sprach über die augenblickliche politische Lage. Des alten Herrn Stellung war zweifellos erschüttert, selbst wenn dem frechen Blatt der Mund gestopft wurde. Die Zeitung mußte es büßen und die Exzellenz auch. Und dann -- kam der neue Kurs.

»Du bist hier glücklich?« fragte sie, die eben noch gegrübelt hatte.

»So lange ich Arbeit habe, ja.«

Wie sie dir paßt, dachte sie. Mit einem Schablonenwerk bist du nicht zufrieden. Man läßt dir hier anscheinend Raum und wird dir vielleicht noch mehr lassen. Sie war schon längst überzeugt, daß er zu den Junkern gehörte, die noch Führer sein konnten, nicht nur Namensträger und Konnexionennützer. Er stammte aus einer altpreußischen Familie, sein Vater war als Intendanturrat in Danzig gestorben. Sie dachte: das hier wird ihm eine gute Lehrzeit sein. Seine Waffen können sich nicht besser schärfen, als hier im Kriege -- selbst wenn der neue Kurs doch schließlich wieder im Sande verlaufen sollte. Selbst wenn er eine Weile Zickzack mitmachen muß, wird doch sein Gewicht einmal so stark geworden sein, daß er an irgend einer Stelle den Zickzack -- biegt.

Sie erhoffte Großes von ihm.

Beide waren sie von jenem weltfremden alten Blut, das das moderne Protzentum, den Wettbewerb, die brutale Menschenausnützung, den Kapitalismus verachtete. Ihm war es noch undenkbar, anders als vom Staate Geld anzunehmen, jemand anderem als dem Staate überhaupt zu dienen. Er gehörte zu jenem stillen, armen Junkertum, das heute wie ein schmaler, alter, verrosteter Degen im Winkel liegt.

Auf einmal fiel ihr Hardi wieder ein, Hardi, seine Frau, die vielleicht sterben mußte.

Sie stockte mitten im Satz.

»Was ist dir?« fragte er.

Drüben hinter dem blühenden Dorn, der schwer niederhing, stand ein einsamer Mann an einem frischen Grab.

Sie zuckte.

Er folgte ihrem Blick.

»Wie häßlich ist das hier,« sagte sie nervös.

Wie kann ich in ihn eindringen, dachte sie plötzlich. Er muß selber fühlen, was vorgehen wird. Ich kann ja doch gar nicht an ihre Ehe heranreichen.

Sie kam sich in ihrer Absicht unzart vor.

Er wandte die Augen langsam vom Kirchhof weg und nahm das frühere Thema wieder auf.

Warum konnte ich nichts sagen? fragte sich Christiane, als sie abends in ihrer Stube saß. Ein Gedichtband aus Ludwigs Bibliothek war hingelegt. Beim Blättern schlug ein Gedicht von Agnes Miegel auf. Es hieß »Heinrich von Plauen. Lochstedt 1429«. Anfang und Schluß blieben ihr besonders im Gedächtnis.

Grau und schlaff Dehnt sich das Haff. An der Straße von Bischoffshausen Müssen noch Linden in Blüte stehn, Ich spüre den Duft in wanderndem Wehn Und höre heimlich ein Bienenbrausen, Das leise Rauschen der brandenden See. Nie rastendes Weh, Immerwogendes Leid, dessen salzige Fluten Bis zur Seele mir stiegen, Nun lege auch du Wie das Meer da draußen, Dich endlich zur Ruh. Mit diesem Sommer wirst du verbluten, Herz, das nie gelernt zu entsagen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ich will hinab nach dem Hofe sehn. Daß ich so frei darf gehn Ist mir noch immer wie ein Traum. Früher merkte ich's kaum, Wenn ich Stunden und Stunden im Sattel gesessen. Ich glaube, ich habe das Reiten vergessen. Meine Glieder sind steif, die Stiege ist steil. Es dauert eine gute Weil, Eh' die Hand den Riegel zurückgeschoben. -- -- -- Heiß und schwül war es droben. Hier unten ist's kühl und abendstill. Aus den Ställen kommt der Kühe Gebrüll. Wie Gold ist die Luft, Purpurn im Abendduft Über dem flutenden Tief Ragt die Feste. Die immer leise rief, Die See, schläft ein, Der Abend allein ist das Beste.

Sie schauerte und träumte. Ihre Augen spähten in die Nacht über den Wällen. Ihre Sinne suchten die Zukunft zu durchdringen und fanden plötzlich nichts mehr, keine Hoffnung, keine Aussicht, nichts mehr, nichts -- -- Der Abend allein, dachte sie -- -- --

Am nächsten Tage kamen Bücher für sie vom Doktor Kraneis. Nichts Slawisches. Alle diese Bücher waren rein germanisch und kümmerten sich nicht um östliche Konflikte. Kein Sturm schlug hinein, nur hier und da eine zarte Welle Lyrik.

Er hat einen ganz guten Geschmack, überlegte Christiane und bedachte dabei, daß seine Seele durch das ihr entgegenfahrende Glück wohl weicher und konfliktloser gestimmt sei, als sonst. Man merkte, er verlangte nach dem deutschen Herd und deutschen Süßigkeiten. Alle diese Bücher waren eine Liebeserklärung.

Sie sprach zu keinem davon, wurde etwas stiller und ging jetzt mehr für sich. Die Briefe der Mutter beantwortete sie in flach beruhigendem Tone, denn der Arzt wollte sie jetzt durchaus nicht hier haben. Damals hatte sie Hardi durch ihre Art noch aufgeregter gemacht.

Christiane traf Kraneis manchmal auf dem Wilhelmsplatz, in dessen Nähe die Bibliothek lag, sie gingen wohl ein paar Straßen lang miteinander, und sie spähte ihn verhohlen in Schärfe aus, fand nichts, das sie von ihm wegschob, aber auch nichts, das sie zu ihm trieb. Ob Ludwig -- weiß? dachte sie immer. Ob man ihm gesagt hat --?

Hardi wurde immer reizbarer, hinfälliger, hoffnungsloser, und immer mehr nahm sie Morphium. Sie wußte jetzt aber von Kraneis' Absichten, und ihr Blick schlug manchmal wie eine Flamme über die Schwester hin, voll Geringschätzung und voll von verzweifelter Warnung.

Eines Tages fragte Kraneis, ob Christiane ihn nach dem Dom hinaus begleiten wolle. Sie ging mit ihm. Es war in der Zeit der Fronleichnamsprozessionen. Das holprige Pflaster der Straßen war mit geschnittenem Gras überstreut, die schmutzigen Hauswände mit Teppichen und Kränzen verhängt, an jeder Ecke war ein Altar. Am heiligen Nepomuk auf dem Markt flimmerten Kerzen, vom Rathausturm herab bliesen Musikanten, Volk an Volk war in den Gassen, bunt, voll Putz.

Vorsichtig drängten sich die beiden hindurch. Da waren die Bamberkas*) mit den weit starrenden, steifen, kniekurzen Röcken, die sommersprossigen kleinen Polinnen mit den Korallenkettchen um den Hals und den weiten schwarzen Jacken, die stieräugigen, halbbetrunkenen Bauern und Knechte aus der Umgegend. Dazwischen viele Kinder und so manche mit verbundenen Augen oder blauen Brillen, mit geschwollenen, tränenden Lidern. Überall Augenkranke.

*) Polonisierte Bambergerinnen.

Doktor Kraneis erzählte von einem Städtchen in der Umgegend, das er vor wenigen Tagen besucht hatte. Den Hut hatten sie ihm vom Kopf geschlagen, als die Prozession um die Marktecke kam. Und den ›Himmel‹, unter dem der polnische Propst mit dem Allerheiligsten schritt, trugen der Bürgermeister, der Kämmerer, ein Gutsbesitzer und ein junger Doktor. Der war ein Deutscher.

»Nein! Nein,« stieß Kraneis hervor. Und dann sprach er mit heiserer, feierlicher Stimme von dem goldenen Mainz.

Er hatte es.

Sie gingen rasch über die schmale, schmutzige Brücke, unter der das lehmgelbe Warthewasser trieb. Heute zog kein Flößer, kein Schiffer. Der Strom war leer. Aber weiter oben, wo die Ufer dämmerten, würden sie zum Sonnenwendstag eine nächtliche Johannisfeier veranstalten, Schiffe und Kähne würden sich zusammenrudeln, die rotweißen Fähnchen würden wehen, die Buntfeuer lohen und das ›=Jeszcze Polska=‹ über die Wasser klingen.

Ein paar junge Kleriker wanderten ihnen auf der Brücke entgegen, keinen Blick auf sie verwendend. Jetzt wurden die Straßen ganz eng, grabentief die Rinnsteine, hüttengleich die Häuser. Das Glockengeläut des Domes schwoll ihnen entgegen, die zwei kurzen Türme stachen in die Luft, ein paar Bäume grünten. An der Seite lag hinter hoher Mauer das erzbischöfliche Palais, in dem damals noch der kluge Stablewski hauste. Nach ein paar engen Gassen und düsteren Plätzen kam auf einmal freieres Land, ein grüner Wall, ein Tor, Wachsoldaten. Endlich Felder, Gärten, Land.

Christiane blieb stehen. Das war kein deutsches Land. Nicht mit der kühnsten Phantasie konnte man sich vorstellen, daß das deutsches Land sei: diese endlosen Felder. Hinter ihnen stand die finstere Silhouette des Domes, ein ferner Goldschein schwamm am Himmel: fremdes Abendrot. Fremdes Land -- fremdes Abendrot. Vor ihnen, aus dem stahlblauen Osten wälzte es sich ihnen mit lautloser, zäher Wucht entgegen -- die Fremde, die unendliche Ebene, die Steppe.

Man tat gut, wenn man floh.

Sie sagte es Kraneis, und er begann wieder bebend von Mainz.

Den Rhein würde sie nun also sehen. An seinem Ufer, über seine Brücken würde sie mit diesem Manne gehen, Arm in Arm und mit dem Bewußtsein und der Erinnerung enger Gemeinschaft. Sie blickte ihn an. Er sah doch nicht schlecht aus. Die Figur war gut. Sein Dialekt ließ sich abgewöhnen, oder vielleicht sprachen sie dort alle so.

Sie war dabei ›ja‹ zu sagen. Nicht feierlich, auf ein bestimmtes Wort, sondern im Nachgeben, im Eingehen, indem sie zuließ, daß er sie immer fester damit verflocht. Mainz -- da konnte sie das Grab der Frau von Rhane suchen, vielleicht gab es auch noch das Haus, in dem sie gewohnt hatte.

Der neugebackene Bibliothekar streckte die Hand aus.

»Sehen Sie doch, wieviel Zwetschen dort angesetzt haben,« rief er selig, in einen der erbärmlichen Bauerngärten deutend, »so viele --!«

Seine ganze Herkunft klang aus diesem Wort. Man sah auf einmal das pfälzische Kleinbürgerhaus, aus dem er hervorgegangen war. Man fühlte das Milieu, dem er entstiegen war -- es klebte ihm ja an! Wie er an den Zäunen entlangging, mit der Schulterhaltung seiner Ahnen, die Lasten getragen hatten, und immer noch nach den Zwetschen spähte, erkannte sie jäh, wieviel an ihm lose saß, wieviel er im Augenblick nur übergetan hatte, um ihr zu gefallen, wieviel Brücken er zu ihr hinüber gebaut hatte -- die er dann sämtlich abreißen würde, wenn sie drüben bei ihm war -- in Mainz.

Sie erkannte auf einmal, daß er in allem, was er vielleicht noch erreichte, in seinem ganzen Leben doch Kleinbürger bleiben würde, und wußte auf einmal eisern und unumstößlich: nein, nein, nein.

Es waren nicht Hardis zitternde Warnungen -- -- die nicht. Nicht die Ehe scheute sie, sondern die Ehe mit ihm. Sie würden sich nie verstehen.

Er betrachtete in glücklicher Jugenderinnerung noch immer die Pflaumen und sah wahrscheinlich im Geiste selber welche in seinem Gärtchen am Rhein, in dem er abends in der Laube womöglich in Hemdsärmeln saß.

Sie wußte immer sicherer: sie konnte, konnte nicht, und hörte mit kaltem, arglistigem Herzen auf seine Worte.

Endlich schien er ihr verändertes Wesen zu erkennen und zu begreifen, daß er sich etwas verdorben habe. Er fand es aber nicht, sondern suchte im Gegenteil das ganze Bauerndörfchen nach dem Glück im Winkel ab und wurde dabei immer ratloser, bis ihn schließlich der Trotz überkam. Er war doch jetzt der Stadtbibliothekar von Mainz, ein wichtiger Herr, um den man sich reißen würde -- was machte ihm die arme Lehrerin aus, die sich sperrte. Wenn's ihr eben nicht paßte, na, dann nicht, dachte er zweifellos.

Sie las hellsichtig in ihm.

Bald nahmen sie kalten Abschied.

Als Christiane in die Wallstraße kam, traf sie Ludwig schon im Eßzimmer ihrer wartend. Hardi schlief bereits.

Er sah sie in jäher, eigentümlicher Prüfung an.

»Der Abend allein ist das Beste,« sagte er dann langsam.

Sie zuckte zusammen.

Irgend eine Welle schlug von ihm zu ihr, sie spürte sie in jedem Nerv, im Innersten erschüttert. Auf einmal sah sie die verflossene Stunde klarer -- -- Kraneis -- o, Gott!

Ihr Herz schlug.

Sie saßen unter der verschleierten Lampe schweigend bei Tische, und Christianens Blick huschte immer wieder verstohlen zu Ludwigs festen Zügen. Ihre Gedanken wirrten hin und her, höhnten über Kraneis und zitterten zu Ludwig und hingen sich an ihn und wurden zart, weich, vergötternd. Verächtlich glitten sie zu Hardi hin, und alles Mitleid wandte sich zu -- ihm.

Sie trennten sich bald.

Christiane fiel es nachher ein, daß sie Ludwig heute wohl am ehesten hätte vorbereiten können. Aber sie konnte nicht mehr.

Mochte alles -- Schicksal seinen -- Gang gehen.

Sie saß noch lange verstört in ihrem Zimmer, dann ging sie zu Hardi schlafen. Weit rückte sie von der Schwester ab, weit, ganz weit.

Sie hätte in dieser Nacht nicht denken mögen. Aber sie dachte viel.

* * * * *

Ganz unverhofft kam dann Hardis Stunde. Mitten im Juli, als alle Linden blühten. Christiane war bei ihr und schickte zu Ludwig aufs Amt.

Die Wohnung war voll Aufruhr, und dazwischen klang das trostlose Wimmern der Schwester, die keinen wilden Widerstand mehr aufbringen konnte. Sie war in der ganzen Zeit schon hundertfach im voraus gestorben. Nur in den Augen stand das ohnmächtige, haßvolle Widerstreben.

Der Mutter wurde telegraphiert.

Ludwig kam und kam nicht. War er beim Präsidenten? Hatte er irgend eine Konferenz? Sie wartete. Sie schaute aus dem Fenster. Auf jeden Wagen hörte sie. Immer noch kam er nicht.

Die Zeit verstrich. Die Lage wurde immer unheimlicher, und der Abend kam. Das fremde Rot brannte über der Ebene hinter den Wällen.

Da endlich ein Schritt auf der Treppe -- Ludwig. »Ich konnte nicht eher,« murmelte er mit abgewandten Augen auf dem Flur. »Die Exzellenz -- --« Seine Miene war bedeckt. Jetzt schien er sich auf einmal zu besinnen -- er hörte auch. Seine Stirne wurde weiß.

»Hardi,« sagte er, wie in sich suchend, verstört.

Er blickte zu Boden.

In der Sekunde erkannte Christiane, daß er von Hardis verzweifelter Lage schon lange wußte.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Das Kind war tot, aber die junge Frau wurde gerettet.

Ludwig kam zu Christiane, die fiebernd, auf jeden Laut horchend, in ihrem Zimmer saß. Der Sommermorgen dämmerte, der weite, unendliche Sommermorgen des slawischen Landes. Lerchen sangen drüben. Fern drehten sich die Flügel der Mühlen. Weite, gelbe Felder leuchteten.

Ludwig sagte es.

Sie schauten sich an.

Und jetzt, da die Wellen verebbten, die das Haus erfüllt hatten, jetzt, da die Fluten der Unruhe, der ungeheuren Verwirrung und verstörten Erwartung aus ihren Herzen strömten -- jetzt sahen sie erst, was sündig hoffend, sündig begehrend, heimlich darunter gelebt hatte.

Beide sahen es in dieser Morgenstunde.

* * * * *

Zwei Tage später reiste Christiane ab.

Die Mutter war gekommen und wollte einstweilen bleiben. Mutter und Tochter waren sich genug.